Sherlock Holmes und die Gabe der Beobachtung
Wer die Romane von Conan Doyle über Sherlock Holmes gelesen hat, bewundert nicht nur den glänzenden Stil und die Intelligenz von Doyle, sondern vor allem den Scharfsinn von Holmes. Dieser ist im Stande, aus nur rudimentären, nur in Spuren vorhandenen Indizien messerscharfe Ableitungen zu vollführen. Es kommt einem unweigerlich der Gedanke, man selber könne so etwas nicht leisten. Wir haben weder die geschärften Sinne, noch das Wissen, die Kombinationsfähigkeit oder die Intuition, die Holmes scheinbar so locker von der Hand geht.
Dabei übersehen wir allerdings, dass auch Holmes, wenn es ihn gegeben hätte, bzw. eben Doyle, sehr lange und sehr hart an diesen Fähigkeiten gearbeitet hat. Umberto Eco, einer der besten bekannten Schriftsteller unserer Zeit, schreibt in seiner Nachschrift zum „Namen der Rose“ wie lange er für sein Werk recherchieren mußte, wie lange er daran geschrieben hat und wie viel Mühe es ihm gemacht hat. Das Genie, dass solcherlei Taten locker aus dem Ärmel schüttet, ist eher selten, falls es so jemanden überhaupt gibt.
Die vier genannten Fähigkeiten, die in Holmes kulminierten – Wissen, Kombination und Logik, Intuition und seine Sinnesschärfe – kommen in der einen oder andern Form in fast jedem Menschen vor. Eine oder zwei dieser Eigenschaften könnte jeder von uns, vielleicht nicht so stark ausgeprägt besitzen. Doch es bringt natürlich nichts, scharfe Sinne ohne einen scharfen Verstand, ein großes Wissen ohne eine Verbindung zur Außenwelt zu haben.
Wer seine Fähigkeiten trainiert, kann viel erreichen. Zwar scheint es, als ob die Vorraussetzungen für bestimmte Fähigkeiten vererbt werden, doch dies gilt vermutlich nur für eine Disposition, die mir bestimmte Aufgaben besonders einfach machen, die aber von mir unentdeckt bleiben kann. Nehmen wir an, ich wüchse in einem palästinensischen Lager auf, ich könnte Klavier spielen oder sei eine Mathe-Genie. Da es in meiner Umgebung weder ein Klavier noch eine weiterführende Schule gibt, werde ich beide Fähigkeiten nicht erschließen können.
Schon Henry George und später auch Malcolm X stellten fest, dass es im Grunde das Ghetto und die Umgebung sei, welche sich auf die Entwicklung der Menschen auswirke.
Deswegen kann man jedem Menschen zu einem gewissen Maß zu einem Spezialisten machen. Wenn Intelligenz vererbt würde, stellte sich doch einmal die Frage, wo eigentlich die sprunghaft steigende Zahl von Ingenieuren und anderen Wissenschaftlern herkamen.
Sie brauchen ein Beispiel? Es gibt offenbar Leute, die erkennen können, dass andere Leute lügen und zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit. Diese Leute sind in der Lage, minimale Veränderungen der Mimik zu erkennen, die offenbar ausreichend sind. Diese Leute sind allerdings selten. Doch geschulte Beobachter dürften ähnlich erfolgreich sein. Dabei kommt es z. B. An, die Hände, den Atem und die Bewegungen sowie die Stimme der Sprecher zu achten. Sichere Anzeichen für Lügen sind Nervosität, Fahrigkeit,
Warum nicht arbeiten? - Philosophische Betrachtungen des Müßiggangs
- die eigentliche Quelle für seine Intelligenz liegt in seiner Fähigkeit, Distanz zu einem Gegenstand zu bewahren, den er gerade untersucht. So nett unsere Persönlichkeit uns manchmal scheinen mag, so steht sie uns doch in der Regel im Wege, wenn wir eigentlich nüchtern Entscheidungen treffen müßten. Ein Wissenschaftler tut ja im Grunde nichts anderes als Holmes, doch leider sind viele Wissenschaftler gar nicht in der Lage, ihren Gegenstand mit der gebotenen Distanz zu betrachten. Die Empiriker beispielsweise vertreten eine bestimmte Meinung, die sich in ihren Untersuchungen niederschlägt. Fragestellungen können suggestiv sein, Statistiken können manipuliert werden, das Experiment kann so ausgerichtet sein, daß das Ergebnis bereits im Vorhinein feststeht. Die Wissenschaft gilt nur als objektiv, weil sei sich erfolgreich dieses Image verschafft hat. In Wirklichkeit gibt in der Wissenschaft, wie anderswo auch, viel Arroganz, Gehässigkeit und Ignoranz.
Holmes Stärke lag also darin, daß er persönlich eine Distanz zu seinem Gegenstand bewahren konnte, die vielen normalen Menschen abgeht. ER vereinte dies mit einer Intelligenz und Kombinationsgabe, die es ermöglichte, auch abwegigst Zusammenhänge zu erkenne. Intelligenz und Wissen ist nicht dasselbe. Menschen können ganze Tabellen im Fußball oder Bahn-Fahrpläne auswendig lernen, ohne das jemand ernsthaft behaupten würde, diese Leute seien intelligent. Intelligenz besteht darin, Zusammenhänge zwischen Unterschiedliche Formen von Wissen herzustellen und über die Schwelle des eigenen Wissen hinaus deduzieren zu können, die meisten Können dies aber nur in beschränktem Maße. Viele Menschen sind Spezialisten auf ihrem Spezialgebiet, sie wissen etwa alles über die Anatomie von Würmern, aber nichts über Sozialverhalten.
Die modernen Privatdetektive in Roman und Fernsehen sind Kopien von Holme, obwohl sie i. aller Regel keine Wissenschaftler mehr sind, sondern Leute mit einer Form von Bauernschläue, oder wie man es sonst nennen will. Sie sind clever, aber nicht intelligent. Doch von ihrem Auftreten, ihrem Image sind sie ähnlich wie Holmes: Distanziert, kühl, Unnahbar.
Watson erfüllt die Funktion, für den Leser die brennenden Fragen zu stellen: Wie kann es sein, woher wußten sie, warum er, sie es dies oder jenes getan oder nicht getan.
Doch die wahren Helden sehen heute, ich muss sagen leider, anders aus. James Bond ist die aalglatte Variante eines Helden, die heute leider zum Standard avanciert ist. Man würde ihn jederzeit zum Schwiegersohn haben wollen. Nehmt ihm sein Aussehen und den technischen Schnick-Schnack, und es bleibt nicht viel von ihm übrig.
Wie werde ich also zu einem Genie=
Das ist natürlich Unsinn, Genies gibt es wenige und deren Leben ist nicht unbedingt angenehm. Doch es gibt einige Dinge, die man sich antrainieren kann und ich bin sicher, daß jeder Mensch in der Lage ist, auf mittlerem Niveau Holmes Fähigkeiten zu erlernen.
Wie schätze ich Menschen ein=
Hier kommt es in erster Linie auf drei Eigenschaften an: Menschenkenntnis, Beobachtungsgabe und Intuition. Wer diese Eigenschaften besitzt und anwendet, kann m. e. viele Informationen über sein Gegenüber erhalten, ohne lange mit ihm geredet zu haben.
1. Das Äußere: Aussehen, Geruch, Kleidung, Schmuck, Körperhaltung Mimik, Gestik, Bewegungsart,, Atem, Zustand der Haut, Haare, Schminke usw.
2. Im Gespräch: Stimme, Intonation, Höhe, Geschwindigkeit, natürlich auch Inhalt, Sprechweise, gleichzeitig auch Mimik, Gestik, Körperhaltung, Position im Gespräch, dominant, passiv, reaktiv,
Ohne Klischees verbreiten zu wollen, kann man sagen, das Kleidung und Haltung Ausdruck von Lebensauffassung, Identität und Lebensstil sind. Fast jeder ist in der Lage, jene Identität zum Ausdruck zu bringen, die er zu haben meint. Die Blondine, die mit Stöckelschuhen und stark geschminkt durch die Weltgeschichte läuft, trifft ebenso eine aussage wie der Öko und ungewaschenen Haaren und legererer Kleidung. Die Blondine sagt, Aussehen ist wichtig, der Öko sagt, scheiß auf mein unwertes. Dies mag sehr einfach erscheinen, doch wie gesagt, in unserem Land bringt man mit seinem Äußeren absichtsvoll eine Denkweise zum Ausdruck.
Körperhaltung und Sprachtempo können vor allem die Stimmung zum Ausdruck bringen. Menschen, die langsam reden und eher gebeugt gehen, sind häufig Melancholiker oder psychisch labil. Menschen die schnell reden und viel Gestik verwenden, dominieren gerne in Gesprächen, sind also selbstbewußt und tendenziell Autorität. Diese Einschätzung ist aber auch problematisch, denn diese Leute können auch einfach manisch-depressiv sein. Aus diesem Grund ist Menschenkenntnis und Intuition wichtig, um so etwas einschätzen zu können.
Es gibt Leute, die mit voller Sicherheit sagen können, daß jemand lügt. Sie können winzige und sehr kurze Veränderungen in der Mimik erkennen, die die sie die Lüge erkenne lassen. Bei schlechteren Lügnern mag dies aber auch so gehen: Wenn man jemand lange genug kennt, müßte dies etwa über Veränderungen der Stimmlage, der Stimmhöhe, des Sprachtempos usw. gehen. Zittern, Stocken, Unruhe. Es gibt allerdings auch Leute, die sich selbst belügen können. Bei diesen Leuten kann man nicht wissen, daß sie lügen, weil sie es selber nicht wissen.
Es ist aslo nicht wirklich schwierig oder kompliziert, es ist eben eine Frage der Übung.
Frauenfeindlicher Macho und häßliche Verbrecher
Ein sehr häufiger Charakterzug von Detektiven ist eine machohafte Arroganz gegenüber Frauen. Die Frauenbilder in solchen Geschichten sind häufig mehr als dürftig, doch zumindest bei Holmes dürfte dies ein Ergebnis des Zeitgeistes gewesen sein. Holmes hat nie geheiratet, hat nie eine Liebschaft gehabt oder eine Affinität zum anderen Geschlecht gezeigt. Die auftretenden Frauen waren häufig banale Charakter, sie besaßen nie die Intelligenz, die zur Begehung komplexer Verbrechen notwendig sind. Kurz , sie waren mehr Objekte als Subjekte. Doch wer sich die üblichen Detektivserien aus den USA der 80er Jahre ansieht, wird feststellen, daß den Frauen dort in der Regel noch weniger Charakter zugemessen wird als bei Holmes. Frauen agieren nicht, sondern sind häufig nur Objekte, die beschützt, gerettet oder betrachet werden sollen, sie spielen selten etwas anderes als Hausfrauen, Models, Schauspilerinnen.
Zuletzt ist noch das Bild des typischen Verbrechers bei Holmes zu betrachten. Es dir aufgefallen, daß Verbrecher häufig wie Verbrecher aussehen= Auf der Ebene des Kleinkriminellen, des Mordes und der Affekt-Verbrechen herrschen Leute vor, die aus dem unteren Gesellschaftsschichten stammen und auch entsprechend aussehen. Ihr Charakter ist zutiefst schlecht, was sich auch an ihren Gesichtszügen erkennen läßt, die Leute sehen verschlagen aus.
Auch heute noch werden die Charaktere von Menschen über ihr Äußeres bestimmt. Ich muss beschämt eingestehen, daß mir solche Einschätzungen auch unterlaufen können. Es ist eben angenehmer, mit Leuten zu reden, die gut Aussehen, mein Gott, wie banal wir sind.
Charaktere einschätzen
Verallgemeinerungen sind immer gefährlich. Einer der größten Fehler, die man machen kann, ist, von Äußerlichkeiten auf Charaktereigenschaften zu schließen. Solche Einschätzungen sind von recht geringem Wert, weil sie auf Vorurteilen beruhen, Vorurteile aber stehen im Wege, wenn man sich der Wahrheit nähern möchte.
Weiterhin ist zu beachten, daß es in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Verhaltenscodes gibt, die man kennen sollte, bevor man jemanden beurteilen möchte. Hierzu ein Beispiel: Wenn in Deutschland ein Mann einen Mann umarmt oder ihm sonst körperlich zunahe kommt, gibt es ein gewisses Unbehagen. In anderen Gesellschaften ist das aber Normal: Langes Händeschütteln, lange Umarmungen und andere Dinge, die man hier als schwul empfinden würde. Den Deutschen mangelt es an Gastfreundlichkeit, man hat immer den Eindruck zu stören und der Gastgeber scheint sich zu wünschen, daß man sich bald entferne. In Kneipen, Seminarräumen und überall sonst ist es üblich, sich möglichst weit weg von jemandem zu setzen, der sich bereits im Raum befindet, zumindest aber einen Platz Abstand zu halten. Am besten setzt man sich so, daß man die Person nicht ansehen muß. Blickkontakt sollte auf alle Fälle vermieden werden. Es mag unterschiedliche Gebräuche in unterschiedlichen Regionen geben, doch dies sind meine Erfahrungen.
Eine offensichtliche Charaktereigenschaft ist Extro- bzw. Introvertiertheit. Extrovertierte Personen versuchen, das Gespräch zu dominieren. Sie sprechen laut und meistens deutlich, sie gehen auf dich zu, sie sind offen. Introvertierte sprechen leise, halten Abstand, zeigen wenig Initiative, sie sind geschlossen.
Es gibt Leute, die ruhig sind und Leute, die von Natur aus nervös sind. Letztere kann man daran erkennen, wie sie sich generell verhalten. Wer z. B. auf- und abgeht, auf seine Uhr schaut, auf dem Tisch herumklopft, ist entweder nervös oder gelangweilt.
Der extreme Einsatz von Schminke, Parfüms und ähnlichem deutet bei beiden Geschlechtern auf ein fehlendes Selbstbewußtsein hin. Ich meine dies allen Ernstes: Es mag eine gewisse Konvention geben, die solche Maßnahmen aufdrängt, niemand möchte von Schweiß und anderen Gerüchen belästigt werden. So etwas kann man aber mit einem billigen Deo und Creme retuschieren. Wer hingegen dem Markenfetisch huldigt und sich mit dem ganzen Zeug einnebelt, möchte damit zum Ausdruck bringen, daß er sich selbst nicht attraktiv genug findet, um ohne dieses Zeug auszukommen. Oder er besitzt nicht den nötigen Durchblick, um unsinnige, überflüssige und teure Konventionen zu durchschauen. Oder er ist ein Konformist, der gut und richtig findet, was die Masse gut findet.
Für die Kleidung gilt im übrigen dasselbe. Wer genug Geld dafür hat, möchte mit seiner Bekleidung eine bestimmte Haltung – ein Image zum Ausdruck bringen. Es gibt auch hier die Markenfetischisten, die sich nur mit Kleidung der Marke XY ausstaffieren. Vielen Leuten ist wichtig, daß die Kleidung farblich und modisch aufeinander abgestimmt ist, ich kenne mich da leider nicht aus, um da weiteres zu sagen. Im Allgemeinen läßt sich an der Kleidung die Stellung eines Menschen ablesen. Bei einem Besserverdienenden wirst du so gut wie nie abgewetzte Schuhe, verwaschene Kleidung oder sonstige Makel alter Kleidung feststellen können. Dies könnte nämlich bei anderen den Eindruck erwecken, er oder sie lege keinen Wert auf ihr Äußeres. Dies ist zu leger, um es in bestimmten Gesellschaftskreisen zu dulden.
Ein eher geeignetes Mittel, um die Stellung einer Person auszumachen, ist ihr Sprachstil. Wir mögen es zwar nicht gerne hören, aber die Sprache ist in aller Regel Ausdruck von Schichtzugehörigkeit. Ein Arbeiter wird Worte wie Provenienz oder ubiquitär nicht aussprechen. Akademiker und höhere Angestellte haben in der Regel keinen oder einen sehr schwachen Dialekt. Da ihr Wortschatz größer ist, verwenden sie auch mehr Ausdrücke, drücken sich gewählter aus und sind in ihren Aussagen klarer.
Weitere Indikatoren sind Körperhaltung, Gestik und Mimik. Eine gerade Körperhaltung mit hochgehaltenem Kopf, ausdruckstarke Mimik und weitausholende Gesten deuten auf einen sehr selbstbewußten Menschen hin. Umgekehrt deutet das gegenteilige Verhalten schwaches Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl an. Frauen, die andauernd kichern, sind eher unsicher als charmant.
Wir haben somit die Zutaten, um ein vorläufiges, nicht nur oberflächliches Gesamtbild einer Person zu erstellen. dabei kommt es darauf an, möglichst viele Details zu erfassen, OHNE daß dies der beobachteten Person auffällt. Es liegt auf der Hand, das die Sache nicht so einfach ist und es neben der Beobachtungsgabe auch viel Gespür bedarf, um voreilige Schlüsse zu vermeiden. Wie bei allen anderen Aktivitäten auch, ist hierbei das mentale Training von enormer Bedeutung. Wer nicht bereit ist, daran zu arbeiten, sollte es lieber gleich lassen, denn ansonsten hält er seine eigenen Vorurteile für die objektive Wahrheit.
Die Schattenseiten von Sherlock Holmes
Sherlock Holmes gehört zu den Leuten, die nur glücklich sind, wenn sie arbeiten. In seinen Ruhephasen langweilt er sich, nimmt Koks oder musiziert. Er verfällt einer Depression, aus der ihn nur ein neuer Fall reißen kann. Dies sind die wenigen Momente der Schwäche, in denen er erkennen muß, wie langweilig ein normales Leben ist.
Ich hänge der These an, daß Moriati und Holmes die beiden Teile einer Figur sind. Moriati ist das absolute Böse, während Holmes das absolute Gute repräsentiert. In antiken Dramen kam es häufig vor, daß unterschiedliche Personen Eigenschaften ein und der selben Person repräsentieren. Indem Holmes Moriati jagt, den absoluten Verbrecher – eine der wenigen Personen, die ihm intellektuell nicht unterlegen ist, jagt er im Grunde der eigenen Angst vor den dunkeln Seiten seiner Person her. Indem er seine Charakterschwächen auf einen anderen projiziert, begeht er einen Akt der Selbstbefreiung. Er befreit sich von der eigenen Angst vor dem Bösen, daß in jedem von uns schläft. Holmes selbst wäre ein genialer Verbrecher und er würde auch Verbrechen begehen, wenn er in der Langeweile einer bürgerlichen Existenz oder dem Nichtstun gefangen wäre. Indem er sich für die Bekämpfung des Verbrechens entschied, konnte er verhindern, selbst zum Verbrecher zu werden. Ich glaube nicht, daß er sich dieser Sache bewußt war. Auch die intelligentesten Leute sind ja in der Lage, sich selbst über ihre Motive zu täuschen. Wir möchten gerne glauben, daß der Wille Gutes zu tun, ein Teil des Menschen ist, doch es ist gefährlich zu übersehen, daß auch das Schlechte zu tun ein Teil von uns ist. Nicht weil wir von Natur aus böse wären, sondern weil das Schlechte für uns eine Anziehungskraft hat, der wir uns oft nur schwer entziehen können. Das Gute zu tun, ist häufig schwer und selten lustig. Das Schlechte zu tun ist meistens einfach und kann sogar Spaß machen. Und wenn wir unseren Geist nicht in irgendeiner Form herausgefordert sehen, werden wir entweder aus Langeweile total abstumpfen, uns in aberwitzige Abenteuer stürzen oder eben aus Langeweile etwas Schlechtes tun. Holmes kompensiert über seine Verbrechensaufklärung die dröhnende Langeweile, die in ihm steckt und die zum Ausbruch käme, wenn er sich langweilen würde.
Du wirst nun vielleicht denken, dies sei ziemlicher Unsinn. Aber es gibt tatsächlich nur sehr wenige Menschen, die mit längerer Inaktivität auskommen können. Was meinstdu, warum sind Fernsehen, Computerspiele und Abenteuerliche Sportarten so erfolgreich= Worauf basiert die gewaltige Unterhaltungsindustrie= Ihr Zweck dient allein dazu, die unglaubliche geistige Leere zu füllen, die jeder von uns in sich trägt. Ihre Absicht besteht darin, jegliches Nachdenken über uns selbst, unsere Situation und unsere Welt zu vermeiden. Wir haben die Fähigkeit verloren – sofern wir sie jemals hatten – uns mit uns selbst zu befassen, Vielleicht haben wir nur Angst davor, daß es uns nicht gefallen wird, was wir da finden. Ich kann also sagen, die Furcht vor der Langeweile ist die eigentliche Triebfeder unseres Verhaltens. Langeweile und ein wenig Hybris haben mich dazu gebracht, diesen Text zu schreiben. Meine geistige Unruhe treibt mich dazu, immer mehr zu sagen, als ich zu sagen habe.
Was sagt uns das alles?
Die Sherlock-Holmes-Romane sind spannend zu lesen, sie sind fesselnd und interessant, ohne banal zu sein.Wir müssen uns zugleich bewußt sein, daß diese Romane Dimensionen enthalten, die wir nicht ohne weiteres schlucken sollten. Ich meine nicht, daß man Bücher nicht lesen solle, weil sie Elemente von Frauenfeindlichkeit oder Rassismus enthalten. Im Gegenteil, wenn man gegen Mißstände ist, ist dies ein Grund mehr sich mit einem Gegenstand zu beschäftigen. Kenne deine Gegner. Außerdem kann man aus „schlechten“ Büchern auch etwas lernen, z. B. wie man es nicht machen sollte
-die eigentliche Quelle für seine Intelligenz liegt in seiner Fähigkeit, Distanz zu einem Gegenstand zu bewahren, den er gerade untersucht. So nett unsere Persönlichkeit uns manchmal scheinen mag, so steht sie uns doch in der Regel im Wege, wenn wir eigentlich nüchtern Entscheidungen treffen müßten. Ein Wissenschaftler tut ja im Grunde nichts anderes als Holmes, doch leider sind viele Wissenschaftler gar nicht in der Lage, ihren Gegenstand mit der gebotenen Distanz zu betrachten. Die Empiriker beispielsweise vertreten eine bestimmte Meinung, die sich in ihren Untersuchungen niederschlägt. Fragestellungen können suggestiv sein, Statistiken können manipuliert werden, das Experiment kann so ausgerichtet sein, daß das Ergebnis bereits im Vorhinein feststeht. Die Wissenschaft gilt nur als objektiv, weil sei sich erfolgreich dieses Image verschafft hat. In Wirklichkeit gibt in der Wissenschaft, wie anderswo auch, viel Arroganz, Gehässigkeit und Ignoranz.
Holmes Stärke lag also darin, daß er persönlich eine Distanz zu seinem Gegenstand bewahren konnte, die vielen normalen Menschen abgeht. ER vereinte dies mit einer Intelligenz und Kombinationsgabe, die es ermöglichte, auch abwegigst Zusammenhänge zu erkenne. Intelligenz und Wissen ist nicht dasselbe. Menschen können ganze Tabellen im Fußball oder Bahn-Fahrpläne auswendig lernen, ohne das jemand ernsthaft behaupten würde, diese Leute seien intelligent. Intelligenz besteht darin, Zusammenhänge zwischen Unterschiedliche Formen von Wissen herzustellen und über die Schwelle des eigenen Wissen hinaus deduzieren zu können, die meisten Können dies aber nur in beschränktem Maße. Viele Menschen sind Spezialisten auf ihrem Spezialgebiet, sie wissen etwa alles über die Anatomie von Würmern, aber nichts über Sozialverhalten.
Die modernen Privatdetektive in Roman und Fernsehen sind Kopien von Holme, obwohl sie i. aller Regel keine Wissenschaftler mehr sind, sondern Leute mit einer Form von Bauernschläue, oder wie man es sonst nennen will. Sie sind clever, aber nicht intelligent. Doch von ihrem Auftreten, ihrem Image sind sie ähnlich wie Holmes: Distanziert, kühl, Unnahbar.
Watson erfüllt die Funktion, für den Leser die brennenden Fragen zu stellen: Wie kann es sein, woher wußten sie, warum er, sie es dies oder jenes getan oder nicht getan.
Doch die wahren Helden sehen heute, ich muss sagen leider, anders aus. James Bond ist die aalglatte Variante eines Helden, die heute leider zum Standard avanciert ist. Man würde ihn jederzeit zum Schwiegersohn haben wollen. Nehmt ihm sein Aussehen und den technischen Schnick-Schnack, und es bleibt nicht viel von ihm übrig.
Wie werde ich also zu einem Genie=
Das ist natürlich Unsinn, Genies gibt es wenige und deren Leben ist nicht unbedingt angenehm. Doch es gibt einige Dinge, die man sich antrainieren kann und ich bin sicher, daß jeder Mensch in der Lage ist, auf mittlerem Niveau Holmes Fähigkeiten zu erlernen.
Wie schätze ich Menschen ein=
Hier kommt es in erster Linie auf drei Eigenschaften an: Menschenkenntnis, Beobachtungsgabe und Intuition. Wer diese Eigenschaften besitzt und anwendet, kann m. e. viele Informationen über sein Gegenüber erhalten, ohne lange mit ihm geredet zu haben.
1. Das Äußere: Aussehen, Geruch, Kleidung, Schmuck, Körperhaltung Mimik, Gestik, Bewegungsart,, Atem, Zustand der Haut, Haare, Schminke usw.
2. Im Gespräch: Stimme, Intonation, Höhe, Geschwindigkeit, natürlich auch Inhalt, Sprechweise, gleichzeitig auch Mimik, Gestik, Körperhaltung, Position im Gespräch, dominant, passiv, reaktiv,
Ohne Klischees verbreiten zu wollen, kann man sagen, das Kleidung und Haltung Ausdruck von Lebensauffassung, Identität und Lebensstil sind. Fast jeder ist in der Lage, jene Identität zum Ausdruck zu bringen, die er zu haben meint. Die Blondine, die mit Stöckelschuhen und stark geschminkt durch die Weltgeschichte läuft, trifft ebenso eine aussage wie der Öko und ungewaschenen Haaren und legererer Kleidung. Die Blondine sagt, Aussehen ist wichtig, der Öko sagt, scheiß auf mein unwertes. Dies mag sehr einfach erscheinen, doch wie gesagt, in unserem Land bringt man mit seinem Äußeren absichtsvoll eine Denkweise zum Ausdruck.
Körperhaltung und Sprachtempo können vor allem die Stimmung zum Ausdruck bringen. Menschen, die langsam reden und eher gebeugt gehen, sind häufig Melancholiker oder psychisch labil. Menschen die schnell reden und viel Gestik verwenden, dominieren gerne in Gesprächen, sind also selbstbewußt und tendenziell Autorität. Diese Einschätzung ist aber auch problematisch, denn diese Leute können auch einfach manisch-depressiv sein. Aus diesem Grund ist Menschenkenntnis und Intuition wichtig, um so etwas einschätzen zu können.
Es gibt Leute, die mit voller Sicherheit sagen können, daß jemand lügt. Sie können winzige und sehr kurze Veränderungen in der Mimik erkennen, die die sie die Lüge erkenne lassen. Bei schlechteren Lügnern mag dies aber auch so gehen: Wenn man jemand lange genug kennt, müßte dies etwa über Veränderungen der Stimmlage, der Stimmhöhe, des Sprachtempos usw. gehen. Zittern, Stocken, Unruhe. Es gibt allerdings auch Leute, die sich selbst belügen können. Bei diesen Leuten kann man nicht wissen, daß sie lügen, weil sie es selber nicht wissen.
Es ist aslo nicht wirklich schwierig oder kompliziert, es ist eben eine Frage der Übung.
Frauenfeindlicher Macho und häßliche Verbrecher
Ein sehr häufiger Charakterzug von Detektiven ist eine machohafte Arroganz gegenüber Frauen. Die Frauenbilder in solchen Geschichten sind häufig mehr als dürftig, doch zumindest bei Holmes dürfte dies ein Ergebnis des Zeitgeistes gewesen sein. Holmes hat nie geheiratet, hat nie eine Liebschaft gehabt oder eine Affinität zum anderen Geschlecht gezeigt. Die auftretenden Frauen waren häufig banale Charakter, sie besaßen nie die Intelligenz, die zur Begehung komplexer Verbrechen notwendig sind. Kurz , sie waren mehr Objekte als Subjekte. Doch wer sich die üblichen Detektivserien aus den USA der 80er Jahre ansieht, wird feststellen, daß den Frauen dort in der Regel noch weniger Charakter zugemessen wird als bei Holmes. Frauen agieren nicht, sondern sind häufig nur Objekte, die beschützt, gerettet oder betrachet werden sollen, sie spielen selten etwas anderes als Hausfrauen, Models, Schauspilerinnen.
Zuletzt ist noch das Bild des typischen Verbrechers bei Holmes zu betrachten. Es dir aufgefallen, daß Verbrecher häufig wie Verbrecher aussehen= Auf der Ebene des Kleinkriminellen, des Mordes und der Affekt-Verbrechen herrschen Leute vor, die aus dem unteren Gesellschaftsschichten stammen und auch entsprechend aussehen. Ihr Charakter ist zutiefst schlecht, was sich auch an ihren Gesichtszügen erkennen läßt, die Leute sehen verschlagen aus.
Auch heute noch werden die Charaktere von Menschen über ihr Äußeres bestimmt. Ich muss beschämt eingestehen, daß mir solche Einschätzungen auch unterlaufen können. Es ist eben angenehmer, mit Leuten zu reden, die gut Aussehen, mein Gott, wie banal wir sind.
Charaktere einschätzen
Verallgemeinerungen sind immer gefährlich. Einer der größten Fehler, die man machen kann, ist, von Äußerlichkeiten auf Charaktereigenschaften zu schließen. Solche Einschätzungen sind von recht geringem Wert, weil sie auf Vorurteilen beruhen, Vorurteile aber stehen im Wege, wenn man sich der Wahrheit nähern möchte.
Weiterhin ist zu beachten, daß es in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Verhaltenscodes gibt, die man kennen sollte, bevor man jemanden beurteilen möchte. Hierzu ein Beispiel: Wenn in Deutschland ein Mann einen Mann umarmt oder ihm sonst körperlich zunahe kommt, gibt es ein gewisses Unbehagen. In anderen Gesellschaften ist das aber Normal: Langes Händeschütteln, lange Umarmungen und andere Dinge, die man hier als schwul empfinden würde. Den Deutschen mangelt es an Gastfreundlichkeit, man hat immer den Eindruck zu stören und der Gastgeber scheint sich zu wünschen, daß man sich bald entferne. In Kneipen, Seminarräumen und überall sonst ist es üblich, sich möglichst weit weg von jemandem zu setzen, der sich bereits im Raum befindet, zumindest aber einen Platz Abstand zu halten. Am besten setzt man sich so, daß man die Person nicht ansehen muß. Blickkontakt sollte auf alle Fälle vermieden werden. Es mag unterschiedliche Gebräuche in unterschiedlichen Regionen geben, doch dies sind meine Erfahrungen.
Eine offensichtliche Charaktereigenschaft ist Extro- bzw. Introvertiertheit. Extrovertierte Personen versuchen, das Gespräch zu dominieren. Sie sprechen laut und meistens deutlich, sie gehen auf dich zu, sie sind offen. Introvertierte sprechen leise, halten Abstand, zeigen wenig Initiative, sie sind geschlossen.
Es gibt Leute, die ruhig sind und Leute, die von Natur aus nervös sind. Letztere kann man daran erkennen, wie sie sich generell verhalten. Wer z. B. auf- und abgeht, auf seine Uhr schaut, auf dem Tisch herumklopft, ist entweder nervös oder gelangweilt.
Der extreme Einsatz von Schminke, Parfüms und ähnlichem deutet bei beiden Geschlechtern auf ein fehlendes Selbstbewußtsein hin. Ich meine dies allen Ernstes: Es mag eine gewisse Konvention geben, die solche Maßnahmen aufdrängt, niemand möchte von Schweiß und anderen Gerüchen belästigt werden. So etwas kann man aber mit einem billigen Deo und Creme retuschieren. Wer hingegen dem Markenfetisch huldigt und sich mit dem ganzen Zeug einnebelt, möchte damit zum Ausdruck bringen, daß er sich selbst nicht attraktiv genug findet, um ohne dieses Zeug auszukommen. Oder er besitzt nicht den nötigen Durchblick, um unsinnige, überflüssige und teure Konventionen zu durchschauen. Oder er ist ein Konformist, der gut und richtig findet, was die Masse gut findet.
Für die Kleidung gilt im übrigen dasselbe. Wer genug Geld dafür hat, möchte mit seiner Bekleidung eine bestimmte Haltung – ein Image zum Ausdruck bringen. Es gibt auch hier die Markenfetischisten, die sich nur mit Kleidung der Marke XY ausstaffieren. Vielen Leuten ist wichtig, daß die Kleidung farblich und modisch aufeinander abgestimmt ist, ich kenne mich da leider nicht aus, um da weiteres zu sagen. Im Allgemeinen läßt sich an der Kleidung die Stellung eines Menschen ablesen. Bei einem Besserverdienenden wirst du so gut wie nie abgewetzte Schuhe, verwaschene Kleidung oder sonstige Makel alter Kleidung feststellen können. Dies könnte nämlich bei anderen den Eindruck erwecken, er oder sie lege keinen Wert auf ihr Äußeres. Dies ist zu leger, um es in bestimmten Gesellschaftskreisen zu dulden.
Ein eher geeignetes Mittel, um die Stellung einer Person auszumachen, ist ihr Sprachstil. Wir mögen es zwar nicht gerne hören, aber die Sprache ist in aller Regel Ausdruck von Schichtzugehörigkeit. Ein Arbeiter wird Worte wie Provenienz oder ubiquitär nicht aussprechen. Akademiker und höhere Angestellte haben in der Regel keinen oder einen sehr schwachen Dialekt. Da ihr Wortschatz größer ist, verwenden sie auch mehr Ausdrücke, drücken sich gewählter aus und sind in ihren Aussagen klarer.
Weitere Indikatoren sind Körperhaltung, Gestik und Mimik. Eine gerade Körperhaltung mit hochgehaltenem Kopf, ausdruckstarke Mimik und weitausholende Gesten deuten auf einen sehr selbstbewußten Menschen hin. Umgekehrt deutet das gegenteilige Verhalten schwaches Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl an. Frauen, die andauernd kichern, sind eher unsicher als charmant.
Wir haben somit die Zutaten, um ein vorläufiges, nicht nur oberflächliches Gesamtbild einer Person zu erstellen. dabei kommt es darauf an, möglichst viele Details zu erfassen, OHNE daß dies der beobachteten Person auffällt. Es liegt auf der Hand, das die Sache nicht so einfach ist und es neben der Beobachtungsgabe auch viel Gespür bedarf, um voreilige Schlüsse zu vermeiden. Wie bei allen anderen Aktivitäten auch, ist hierbei das mentale Training von enormer Bedeutung. Wer nicht bereit ist, daran zu arbeiten, sollte es lieber gleich lassen, denn ansonsten hält er seine eigenen Vorurteile für die objektive Wahrheit.
Die Schattenseiten von Sherlock Holmes
Sherlock Holmes gehört zu den Leuten, die nur glücklich sind, wenn sie arbeiten. In seinen Ruhephasen langweilt er sich, nimmt Koks oder musiziert. Er verfällt einer Depression, aus der ihn nur ein neuer Fall reißen kann. Dies sind die wenigen Momente der Schwäche, in denen er erkennen muß, wie langweilig ein normales Leben ist.
Ich hänge der These an, daß Moriati und Holmes die beiden Teile einer Figur sind. Moriati ist das absolute Böse, während Holmes das absolute Gute repräsentiert. In antiken Dramen kam es häufig vor, daß unterschiedliche Personen Eigenschaften ein und der selben Person repräsentieren. Indem Holmes Moriati jagt, den absoluten Verbrecher – eine der wenigen Personen, die ihm intellektuell nicht unterlegen ist, jagt er im Grunde der eigenen Angst vor den dunkeln Seiten seiner Person her. Indem er seine Charakterschwächen auf einen anderen projiziert, begeht er einen Akt der Selbstbefreiung. Er befreit sich von der eigenen Angst vor dem Bösen, daß in jedem von uns schläft. Holmes selbst wäre ein genialer Verbrecher und er würde auch Verbrechen begehen, wenn er in der Langeweile einer bürgerlichen Existenz oder dem Nichtstun gefangen wäre. Indem er sich für die Bekämpfung des Verbrechens entschied, konnte er verhindern, selbst zum Verbrecher zu werden. Ich glaube nicht, daß er sich dieser Sache bewußt war. Auch die intelligentesten Leute sind ja in der Lage, sich selbst über ihre Motive zu täuschen. Wir möchten gerne glauben, daß der Wille Gutes zu tun, ein Teil des Menschen ist, doch es ist gefährlich zu übersehen, daß auch das Schlechte zu tun ein Teil von uns ist. Nicht weil wir von Natur aus böse wären, sondern weil das Schlechte für uns eine Anziehungskraft hat, der wir uns oft nur schwer entziehen können. Das Gute zu tun, ist häufig schwer und selten lustig. Das Schlechte zu tun ist meistens einfach und kann sogar Spaß machen. Und wenn wir unseren Geist nicht in irgendeiner Form herausgefordert sehen, werden wir entweder aus Langeweile total abstumpfen, uns in aberwitzige Abenteuer stürzen oder eben aus Langeweile etwas Schlechtes tun. Holmes kompensiert über seine Verbrechensaufklärung die dröhnende Langeweile, die in ihm steckt und die zum Ausbruch käme, wenn er sich langweilen würde.
Du wirst nun vielleicht denken, dies sei ziemlicher Unsinn. Aber es gibt tatsächlich nur sehr wenige Menschen, die mit längerer Inaktivität auskommen können. Was meinstdu, warum sind Fernsehen, Computerspiele und Abenteuerliche Sportarten so erfolgreich= Worauf basiert die gewaltige Unterhaltungsindustrie= Ihr Zweck dient allein dazu, die unglaubliche geistige Leere zu füllen, die jeder von uns in sich trägt. Ihre Absicht besteht darin, jegliches Nachdenken über uns selbst, unsere Situation und unsere Welt zu vermeiden. Wir haben die Fähigkeit verloren – sofern wir sie jemals hatten – uns mit uns selbst zu befassen, Vielleicht haben wir nur Angst davor, daß es uns nicht gefallen wird, was wir da finden. Ich kann also sagen, die Furcht vor der Langeweile ist die eigentliche Triebfeder unseres Verhaltens. Langeweile und ein wenig Hybris haben mich dazu gebracht, diesen Text zu schreiben. Meine geistige Unruhe treibt mich dazu, immer mehr zu sagen, als ich zu sagen habe.
Was sagt uns das alles?
Die Sherlock-Holmes-Romane sind spannend zu lesen, sie sind fesselnd und interessant, ohne banal zu sein.Wir müssen uns zugleich bewußt sein, daß diese Romane Dimensionen enthalten, die wir nicht ohne weiteres schlucken sollten. Ich meine nicht, daß man Bücher nicht lesen solle, weil sie Elemente von Frauenfeindlichkeit oder Rassismus enthalten. Im Gegenteil, wenn man gegen Mißstände ist, ist dies ein Grund mehr sich mit einem Gegenstand zu beschäftigen. Kenne deine Gegner. Außerdem kann man aus „schlechten“ Büchern auch etwas lernen, z. B. wie man es nicht machen sollte
