Lernen - aber wie?

Viele Leute, die sich an unseren Unis tummeln, lernen vor allem für Prüfungen, sie haben häufig keine Zeit und keine Lust, Dinge zu verstehen. Zwischen Auswendiglernen und Verstehen besteht ein großer Unterschied. Ich kann beispielsweise eine Folge von Lauten auswendig lernen, die für mich keinen Sinn ergibt, wenn ich diese aber nicht ständig wiederhole, werde ich sie bald vergessen haben. Habe ich hingegen etwas verstanden, ein Prinzip erkannt, dann kann ich dies durchaus vergessen, in aller Regel kann ich es jedoch, wenn ich es wieder einmal benötigen sollte, ableiten .

Nehmen wir das Beispiel einer Körperzelle: Diese besteht aus bestimmten Komponenten, dem Kern, den Mitochondrien, DNA, RNA usw. Ich kann diese Komponenten und ihre Funktionen nun alle auswendig lernen, inklusive Meiose und Mitose. Ich kann damit dann die Klausur bestehen. Wenn dies mein Ziel war, spielt es am Ende ja auch keine Rolle mehr, eine Woche nach der Klausur habe ich alles vergessen. Stelle ich mir jedoch die Zelle als eine Art Maschine vor, zu deren Funktion bestimmte Komponenten notwendig sind, die in einer bestimmten Weise zusammenspielen, dann werde ich das Prinzip Zelle verstanden haben. Damit ist das Prinzip Verstehen erklärt. Wer eine Sache vollständig durchdringen will, muß zwar sehr viel darüber lesen, er muß aber nicht alles notwendige auswendig lernen, er würde dafür sogar wertvolle Ressourcen verschwenden. Stattdessen muß er versuchen, das Prinzip, die Linie zu verstehen, nachzuvollziehen und die entscheidenden Funktionen zu begreifen. 

Die entscheidenden Fragen heißen was, wie, warum? Was ist der Gegenstand, wie funktioniert er und warum ist er hier und nicht dort? Es geht also darum, möglichst viel über deinen Gegenstand zu lesen und die entscheidenden Fakten, Zusammenhänge und gegebenenfalls Widersprüche zu suchen. Ist dir eine wichtige Sache aufgefallen, solltest du sie aufschreiben. Stell dir vor, du müßtest ein Referat über deinen Gegenstand halten, wie würdest du ihn gliedern? Es ist nicht so wichtig, wie die Gliederung aussieht, sondern das sie nachvollziehbar und logisch ist. Wer sich unsystematisch mit den Dingen befaßt, wird oberflächlich Wissen erwerben können, in den Gegenstand eindringen kann er hingegen nicht. Du kannst nicht nebenbei Schach lernen, indem du etwa die Regeln auswendig lernst. Du mußt die Regeln in Dutzenden von Spielen internalisiert haben.

 Lernfähigkeit 

Nach wie vor hält sich der Mythos von der Unwandelbarkeit des Gehirns. Demnach werden im erwachsenen Alter keine neuen Nervenbahnen mehr gebildet, so dass es den Menschen immer schwerer fällt, in reiferen Jahren noch dazu zu lernen. Dies ist jedoch falsch. Tatsächlich ist das Kindesalter die beste Zeit zum Lernen, doch wird tagtäglich bewiesen, dass man auch im höheren Alter noch lernen kann. Ein weiterer Mythos besteht in der Annahme, dass nicht-zivilisierte und domestizierte Menschen dumm sein. Dies bezieht sich tatsächlich auf Menschen, die in Städten leben, Zeitung lesen, fernsehen und mit dem Computer spielen. Der Wilde hingegen hängt nur im Wald herum und muß daher sein Gehirn nicht anstrengen. Dies stimmt jedoch nicht. Wenn wir Intelligenz abstrakter betrachten als Wissen und Berechnungsleistung, muß auch dem Wilden Intelligenz eingeräumt werden. Der Wilde muß das Wetter einschätzen, die Spuren von Tieren unterscheiden können, Fährten untersuchen, unterschiedliche Pflanzen nach Eßbarkeit unterscheiden, er muß erkennen, wo er sich gerade befindet, um zu seinem Lager zurückzufinden. Er muß verschiedene Werkzeuge herstellen können, wissen, wo es sauberes Wasser gibt, die Rituale seines Stammes, die oralen Überlieferungen kennenusw. Ein Stadtmensch muß vollkommen andere Leistungen vollbringen, und dennoch dürfte seine kognitive Leistung im Durchschnitt nicht so stark von der des Wilden abweichen. Der wilde Stadtmensch ist im übrigen nocht nicht soziologisch erfasst worden.  

Für das Lernen gilt das More-More- oder Matthäus-Prinzip, wer hat, dem wird gegeben. Wer z. B. eine Reihe von Sprachen lernt, wird weniger Probleme haben, weitere Sprachen zu lernen. Die romanischen Sprachen etwa: französisch, italienisch, spanisch und portugiesisch sind einander so ähnlich, dass man sie ohne größere Probleme alle lernen kann. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, am Lernen kommt man nicht vorbei, es ist nur einfacher. Bei Sprachen ist die Erklärung relativ einfach. Sprachen haben eine bestimmte logische Struktur. Wer spät damit anfängt, eine Sprache zu lernen und die Grundbegriffe der Grammatik nicht kennt, wird erhebliche Probleme haben. Das eigentlich schwierige an Sprachen ist nicht das Lernen von Vokabeln, sondern die Grammatik, die zudem noch bei außereuropäischen Sprachen eine vollkommen andere Struktur haben kann.

Betrachten wir die Computersprachen: Es gibt kompliziertre Sprachen und einfachere, es gibt Dialekte und Abwandlungen, es gibt große und kleine Sprachen. Im Endeffekt aber gilt, wer eine große Sprache wie Java gelernt hat, hat erst einmal das prinzip einer Sprache verstanden und wird wesentlich weniger Probleme haben, eine kompliziertere Sprache wie C++ zu lernen. Und er wird überhaupt keine Probleme haben, eine Skriptsprache wie PHP zu lernen. 

Es gibt Leute, die genetisch im Vorteil sind, etwa weil sie mit einem guten Gedächtnis geboren werden. Es geht jedoch darum, dass nicht Intelligenz, sondern die Qualität kognitiver Fähigkeiten vererbt werden. Das heißt, ein Mensch mit großartigen Anlagen hat es einfacher, ein Genie zu werden, aber auch nur, wenn er seine Anlagen ausnutzt. Ein Mensch mit weniger guten Anlagen kann diese , wenn er sie optimal ausnutzt, besser dran sein als jemand, der gute Anlagen besitzt, aber nicht weiß, wie er sie ausnutzt. Niemand wird mit einem IQ von 100 geboren. Die Freunde der vererbten Intelligenz behaupten gerne, dass die soziale Umgebung keinen oder einen sehr geringen Einfluß auf die Intelligenz hat. Dies ist jedoch definitiv falsch bzw. eine grobe Vereinfachung, was aber auf das selbe hinausläuft. Dahinter steht die Message, dass dummgeborene sich gar nicht anzustrengen brauchen. Professoren und andere Intellektuelle nutzen das More-More-Prinzip. Neben der harten Basis, dem Grundwissen, über die Strukturen werden immer weitere Bausteine eingebaut. Das eigentlich interessante ist, dass Profs auf ihrem jeweiligen Gebit spitze sind, in anderen Bereichen aber oftmals schwach. Ein Prof war etwa nicht in der Lage, sich die Namen seiner Studenten zu merken, auch wenn sie viele Seminare bei ihm gemacht haben. 

Die Bausteine des Wissens müssen also in ein Gebäude mit einem festen Fundament eingebaut werden. Wer ungefiltert und unwissend sich mit Informationen berieseln läßt, wird Probleme haben, sich überhaupt etwas zu merken. Probiere einmal aus, wie viele Informationen aus der Tagesschau nach 5, 10, 30 Minuten bei dir hängen bleiben.