Quellen - Analyse und Bewertung

Zu den wichtigsten Methoden der geisteswissenschaftlichen Arbeit gehört die Arbeit mit Quellen. Quellen werden im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft vollkommen offen verstanden. Im Grunde kann alles eine Quelle sein. Es gibt mit Sicherheit irgendwo jemanden, der seine Arbeit über Graffiti geschrieben hat. Die Handzettel, die in der Mensa auf dem Tisch liegen können ebenso eine Quelle sein wie die Reden des Cicero oder die Schriften von Cäsar. Mal abgesehen davon, dass diese Quellen selbstredend unterschiedliche Stellenwerte genießen.

Im Grunde haben wir schon andeutet, wie man Quellen beurteilen kann. Es gibt Dinge, die jeder weiß und die banal wirken, die man aber dennoch aufschreiben sollte, wenn auch letzen Endes nur, um deren Vorhandensein bewusst zu machen.

Kritische Quellenanalyse

Die kritische Quellenanalyse ist eine Methode der Geschichtsforschung. Es geht darum, einen Text auf seinen Inhalt hin zu untersuchen. Dabei werden allerdings auch bestimmte andere Aspekte in Betracht gezogen, die beim normalen Lesen außer Acht gelassen würden:

Der Hintergrund ist ganz einfach, wenn Autor X in Regierung Y gesessen hat und über Z schreibt, ist es wahrscheinlich, dass er einen anderen Standpunkt zu Z einnimmt, als wenn er nicht in der Regierung säße.
Es handelt sich dabei also um eine Form komplexerer Analyse, die im Zweifelsfall interessant sein kann.

Die Aussagen Interessierter Dritter sollten nie als Tatsachen dargestellt werden. Sie sind nur gut, wenn es darum geht, Tatsachen zu belegen, etwa: Wie sogar X gesagt hat, der eigentlich ein Gegner von Y ist... oder so.
Dies gilt im Übrigen auch für Studien, die im wissenschaftlichen Gewand daher kommen. Es gibt viele Think Tanks mit eindeutiger politischer Ausrichtung.

Wenn ihr keine Historiker seid, reicht es aus, folgende Fragen zu stellen:

  1. Wer ist der Autor, wo und was hat er studiert, wo und was lehrt er und wann hat er das Buch/den Beitrag geschrieben?
  2. Welche Absicht verfolgt er mit seinem Beitrag, also was könnte er warum sagen wollen.

Ein aktuelles Beispiel ist die Krisenliteratur, die stets die Bestsellerlisten eines bekannten Nachrichtenmagazins, dem LEGEIPS; anfüllen. Ich möchte die Titel nicht nennen, weil das ja auch eine Art von Werbung ist, ich unterstelle dieser Literatur aber eine bestimmte Absicht, sie wollen als selbsterfüllende Prophezeiungen fungieren. Wenn du also eine bestimmte Entwicklung behaupten willst und wissenschaftlich sein möchtest, solltest du auch auf andere Indikatoren verweisen können und nicht irgendwelche Autoren zitieren, die in einer messianischen Absicht unterwegs sind.

Die Qualität von Quellen

Was eine Quelle ist, hängt in erster Linie von dem Gegenstand ab, mit dem du dich befasst. Die besten Quellen sind Bücher, Enzyklopädien, universitäre Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften und Verlagen, wobei man auch hier böse reinfallen kann. Veröffentlichungen der Regierung können im allgemeinen als sicher gelten, hier sind vor allem die statistischen Jahrbücher interessant. Es kommt selbstredend darauf an, die Statistiken auch richtig lesen zu können.

Wie beurteile ich aber die Qualität einer Quelle? Ich bin an anderer Stelle schon auf die kritische Quellenanalyse eingegangen. Hier gibt es ein paar weitergehende Ratschläge: Konventionell gilt, dass je mehr Quellen eine Aussage bestätigen, desto eher die Aussage als zutreffend gelten kann. Ich brauche nicht zu beweisen, dass der Zweite Weltkrieg von den USA und der Sowjetunion gewonnen wurde. Unkonventionell, wenn eine Aussage der gängigen Auffassung entgegensteht

Welche Anforderungen sollen Quellen erfüllen?

Was tun bei unsicheren Quellen, etwa der Wikipedia, Zeitungen oder normalen Internetseiten? Die renommierten Tageszeitungen haben bei einer Falschmeldung einen Ruf zu verlieren, weshalb sie im seltensten Falle falsche Aussagen machen werden bzw. selbige korrigieren werden. Bei den randständigen Zeitungen sollte man auf Quellen wie dpa oder afp achten, und gegebenenfalls diese überprüfen. Google-News bietet dazu auch weitere Möglichkeiten. Wikipedia sollte nicht als Quelle benutzt werden, weil die Artikel keiner wissenschaftlichen Überprüfung unterliegen. Das bedeutet nicht, dass die Artikel schlecht wären, aber sie sind von jedem User veränderbar und selbst geübte Schreiber können es oftmals nicht unterlassen, ihre persönliche Meinung in den Vordergrund zu stellen. Abgesehen davon sprechen zwei sehr wichtige Gründe gegen WP:

  1. Ich erwarte von einem Studenten etwa der >Politikwissenschaft, dass er mehr über seinen Gegenstand weiß als in der WP zu dieser Sache steht. Wenn er aber mehr weiß, braucht die WP nicht zu zitieren oder auf sie zu verweisen.
  2. Unter anderem deswegen reagieren viele, wenn nicht fast alle Wissenschaftler allergisch auch Zitate oder Verweise aus der WP, unabhängig von der Qualität des Artikels. Aus dem gleichen Grund sollte man auch nicht aus dem Brockhaus oder ähnlichen allgemeinen Lexika zitieren.

Ausnahme ist dann und nur dann gegeben, wenn man die Wikipedia nicht als Informations- sondern als Tendenzquelle verwendet. Ich meine damit, dass man auf eine bestimmte Entwicklung verweist, indem man etwa Aspekte eines WP-Artikels verwendet oder die Diskussionen zu deren Artikeln analysiert. Als Quelle, dem selbst analysiert werden kann, ist prinzipiell alles geeignet.
Bei fremden Internet-Links würde ich allerdings als Quelle verzichten. Bekanntermaßen ist das Internet ein Tummelplatz für Verschwörungen und seltsame Zeitgenossen. Als Quelle für Infos sind Internetseiten durchaus geeignet, nicht aber als Quellen für Literaturangaben.

Statistiken und Studien

Wie im Abschnitt über Quellenanalyse gesagt, empfiehlt sich ein kritischer Umgang mit Statistiken und Studien.
Wer sich unimäßig mit Statistiken und Studien befasst, lernt sozusagen nebenbei auch, wie man diese Dinge manipulieren kann. Es gibt da eine ganze Reihe von Variationen und damit lässt sich viel Unfug treiben. Ich kann hier nur einige Hinweise geben, es gibt eine Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern über das Thema (z. B. von Walter Krämer).
Eine einfache Form der Manipulation ist eine manipulierte Fragestellung. Wenn ich etwa frage, ob sie gegen oder für die Todesstrafe sind, könnte ich folgende Fragestellung verwenden:
1. Studien haben gezeigt, dass in den USA viele Menschen zu Unrecht zum Tode verurteilt werden. Auch Jugendliche und Geisteskranke werden dort zum Tode verurteilt.
Sind sie der Ansicht, die Todesstrafe sollte in Europa eingeführt werden?
oder
2. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Vergewaltigungen, des Kindesmissbrauches und der Gewalttaten gehäuft. Viele dieser Taten werden von ehemaligen Häftlingen begangen, die gerade erst entlassen worden sind.
Sind sie der Ansicht, die Todesstrafe sollte in Europa eingeführt werden?
Wer den Trick kennt, wird natürlich die richtige Antwort ankreuzen. Doch es gibt eine große Zahl von Leuten, die bei der ersten Frage gegen und beide zweiten für die Todesstrafe plädieren würden, dass ist nur eine Frage der subtilen Beeinflussung.
Weitere Probleme hier kurz angerissen:
1. Selektive Auswahl von Versuchspersonen oder das Fehlen einer Kontrollgruppe.
2. Eine selektive Auswahl statistischer Werte, ohne Erläuterung der Fragestellung: So etwas wie 80 % aller Studierenden seien für Studiengebühren, was völliger Quatsch ist, denn dass hieße, dass sie freiwillig mehr Geld bezahlen würden. Doch möglicherweise sind sie unter bestimmten Bedingungen für Studiengebühren, etwa wenn arme Studenten keine bezahlen müssen, wenn das Geld der Uni zugute kommt, wenn sie erst nachträglich gezahlt werden müssen usw. Oder im Fragebogen fehlt einfach die Möglichkeit, Studiengebühren abzulehnen.
3. Die Verwendung von Mittelwerten, es gibt in der Statistik mehrere Mittelwerte, die extrem voneinander abweichen: Bekannt ist der Durchschnitt: alle Werte addiert dividiert durch die Zahl der Werte. Dieser wird aber nicht immer verwendet, er ist vor allem ungünstig, wenn es ?Ausreißer? gibt, eine kleine Zahl extrem niedriger oder hoher Werte, die den Durchschnitt drücken oder eben nicht.
Walter Krämer hat hierzu ein populärwissenschaftliches Buch geschrieben, welches durchaus lesenswert ist, zumal es in jeder Bibliothek steht: "So lügt man mit Statistik".

Quellen und Internet

Es geht hier nicht um die Frage, wie man Quellen sucht, sondern wie man sie in ihrer Qualität einschätzen kann. Eine Quelle ist zunächst so gut wie das Renommee ihres Autors, das heißt, einem Prof. bzw. Dr. ... ist mehr Vertrauen zu schenken als einer Diplomarbeit. Dem Qualitätsjournalisten ist mehr Vertrauen zu schenken als der Boulevardpresse. Offizielle Regierungsstellen sind vertrauenswürdiger als Indymedia, die Suchmaschine ELGOOG oder der Wikipedia. Und Organisationen ist mehr Vertrauen zu schenken, wenn viel über sie geschrieben wird, also wenn sich im positiven auf sie bezogen wird. Das Problem von Wikipedia usw. ist, dass ihre Artikel nicht wirklich auf Richtigkeit überprüft werden können. Plagiate sind keine Seltenheit. Diese Artikel sind gut, wenn sie eine Übersicht bieten, man sollte sich aber weder auf die Informationen verlassen, die man dort findet, noch Zitate unüberprüft kopieren.
Auch Verlage und Universitäten sind interessant. An bestimmten Unis haben sich bestimmte Schulen etabliert, die mehr oder weniger eine bestimmte Denkrichtung vertreten. Von noch größerer Bedeutung ist der Verlag, als links gelten z. B. Suhrkamp, VSA und Kiepenheuer und Witsch, als weniger links die Verlage um Springer und Bertelsmann, wie der Westdeutsche Verlag, sowie Leske + Budrich, DTB usw. In diesen Verlagen sitzen häufig Professoren als Gutachter und treffen die Entscheidung, welche Bücher verlegt werden. Wir wissen relativ wenig darüber, wie das tatsächlich funktioniert, aber diesen Verlagen werden so viele Bücher vorgelegt, dass eine Auswahl getroffen werden muss. Sie werden also nicht ausgerechnet jene Bücher verlegen, die gegen die eigenen Ansichten verstoßen, warum sollten sie auch?
Wenn du Seiten aus dem Internet verwendest, solltest du immer eine Kopie auf deiner Festplatte speichern. Lege dir am besten ein kleines Archiv mit deinen Texten an.

Lost in Translation - Übersetzungen und korrekte Ausdrücke

Es ist ganz interessant, die Sprache eines Textes zu analysieren. Der Autor und Übersetzer Tom Appleton meint, dass man aus der dem Text eigenen Melodie erkennen kann, von was für einem Menschen er geschrieben bzw. übersetzt worden ist. Übersetzungen können nicht richtig oder falsch sein, Übersetzungen sind eben nicht eine detailgenaue Übertragung eines Textes einer Sprache in eine andere. Schaue dir z. B. das Tao te King und die verschiedenen Übersetzungen dieses Klassikers im Internet an. Man mag nun richtig einwenden, dass dies ein alter Text mit sehr komplexen Zeichen sei. Doch auch bei der Übersetzung vom Englischen ins Deutsche treten Probleme auf. Dies sind zwei relativ eng verwandte Sprachen. Schauen sie sich mal zwei unterschiedliche Übersetzungen von Morus "Utopia" an, indem dort an bestimmten Stellen zwei unterschiedliche Worte für die Übersetzung gewählt wurden, erhalten die Aussagen eine völlig neue Bedeutung. Übersetzung solcher Werke ist also auch Interpretation derselben. Deswegen ist es auch wichtig, die Originale zu lesen, auch wenn einem das schwer fällt. Wir sollten immer daran denken, dass diese Übersetzungen nicht von Robotern gemacht werden, sondern häufig von Uni-Dozenten, die vielleicht über den betreffenden Autoren geforscht haben und also bereits die eigene Interpretation im Kopf haben.
Dies leitet auch zu einem anderen Thema über, der korrekten Verwendung von Ausdrücken. Ein Ausdruck kann neutral oder wertend sein, wenn ein Ausdruck wertend ist, musst du auch begründen, warum dies so ist. Terroristen, Rebellen, Freiheitskämpfer und Untergrund-Kämpfer, Guerilla oder Bande; in allen diesen Begriffen schwingt eine jeweils eigene Konnotation mit, die entweder positiv oder negativ sein kann. Befreiung, Besatzung, Freiheit und Gleichheit sind ethisch besetzte Begriffe, die wohlüberlegt verwendet werden sollten. Wenn ich etwa die Contras in Nicaragua als Befreiungskämpfer bezeichne, dann ist dies eine Wertung, weil ich sie auch als Terror-Organisation bezeichnen könnte. Ich könnte also sagen:
Die Contras wollten Nicaragua von den Sandinistas befreien.
Dies ist zwar richtig, aber es erweckt den Eindruck, als ob die Contras uneigennützig und großherzig etwas ?befreien? wollten. Die treffende Formulierung hieße also:
Die Contras wollten die Herrschaft der Sandinistas beenden.
Denn die Sandinistas hatten Nicaragua beherrscht und die Contras wollten dies beenden. Dies ist also eine halbwegs neutrale Formulierung, weil sie den Kern der Sache trifft, ohne eine Bewertung abzugeben.
Natürlich musst du unabhängig davon, wie die Qualität deiner Quelle einschätzt, immer, immer, immer einen Quellennachweis setzen, wenn du diese Materie verwendet oder zitiert hast.