Wissenschaftliches Schreiben - Der Anfang
Was ist gutes Schreiben?
Wie bei den meisten Fragen, lässt sich auch hier trefflich streiten. Ich finde beispielsweise die meisten Zeitungstexte unsäglich schlecht. Unter den schlechten Texten ragen die Wochenmagazine noch einmal negativ heraus, hier unterscheiden sich Spiegel und Focus kaum vom Niveau. Der Spiegel hat die Marotte, immer szenisch anzufangen, für Menschen, die an der reinen Information interessiert sind, eine sehr nervige Sache. Guter Stil ist mit Sicherheit Geschmacksache, aber schlechter Stil ist es auch. Stilistisch sollte man sich die Zeitungen und Magazine also auf gar keinen Fall zum Vorbild nehmen.
Viel lesen
Zunächst ist nicht wichtig, was du liest, vor allem in einer Zeit, in der Lesen nicht gerade angesagt ist. Lesen verbessert die Rechtschreibung und Grammatik, den Wortschatz und möglicherweise auch den Stil. Ich unterscheide zwischen Sachbüchern und Belletristik, wobei man noch zwischen populärer und anspruchsvoller Literatur unterscheiden kann. Ich für meinen Teil habe mit trivialer Literatur begonnen, um mich dann in populärwissenschaftliche und anspruchsvollere Literatur hochzuarbeiten. Da meine Interessengebiete allumfassend sind, hatte ich damit kaum Probleme: Geschichte, Politik, Gesellschaft und auf niedrigem Niveau auch Naturwissenschaft gehört zu meinem Lesepensum. Ich muss zu meiner Beschämung zugeben, dass nicht viel von dem, was ich gelesen habe, bei mir hängen bleibt, aber doch genug. Ich kann so behaupten, dass ich eine breite Allgemeinbildung habe, zumindest eher als die meisten meiner Zeitgenossen. Sofern man dem eine Bedeutung zumisst, muss man auch entsprechend viel Zeit aufwenden. Ich würde dir raten, nicht bei der Trivialliteratur stehen zu bleiben. Vom Niveau her unterscheiden sich Clancy, King oder Grisham nicht, dass Muster ist immer gleich, die Handlungen und Charaktere sind so simpel, dass es einem irgendwann auf den Keks geht. Auch wenn man nicht auf Goethe oder Schiller schwört, kann man auf Hesse oder Swift zurückgreifen. Wenn man sich darauf einlässt, kann man sich davon gefangen nehmen lassen. Wenn du studierst, könntest du dich auch mit populärer Literatur anderer Fachbereiche einlassen, soweit diese nicht allzu weit von deinem Interessensgebietweg liegen.
Üben
Die beste Übung ist viel schreiben. Nimm dir ein Thema vor, welches dich interessiert und von dem du etwas verstehst. Mach ein Brainstorming mit Stichpunkten. Versuche die Stichpunkte zu gliedern und dann forme einen Text daraus. Lies den Text, achte auf Unschärfen, überflüssige Ausdrücke, überflüssige Wiederholungen, führe jenen Punkt genauer aus und kürze den anderen ab. Falls du etwas nicht weißt, schlag es nach.
Eine gute Schreibübung stellen auch Foren oder Blogs im Internet dar. Im Forum von Telepolis oder anderen Onlineforen kann man die Artikel nach einer Anmeldung direkt kommentieren oder ergänzen. Die meisten Kommentare sind leider grottig, sie sehen aus wie die Produkte einer SMS-geschädigten Gesellschaft. Im allgemeinen werden Leute für dumm gehalten, wenn sie keinen anständigen Satz zustande bringen, für SMS oder E-Mail gilt das leider nicht.
Wenn du feststellen willst, ob du etwas gelerntes verstanden hast, gibt es zwei Wege:
1. Du erklärst deinen Stoff jemandem, gegebenenfalls dir selbst, einem Laien oder sogar einem Experten, ohne deine Materialien zu verwenden. Wenn dein Gegenüber schlau ist, wird er dir Fragen stellen und dich auf Lücken in deiner Argumentation hinweisen.
2. Du gehst in Online-Diskussionsforen. Es gibt zu jedem Thema Foren im Internet, wo teilweise auch intelligente Leute dabei sind. Wenn du argumentativ mit ihnen mithalten kannst, kannst du sicher sein, dein Gebiet zu beherrschen. Wenn nicht, dann lernst du auch dort noch etwas.
Eine Lernempfehlung, die ich unterstützen kann, gibt der Hirnforscher Gerhard Roth:
"Und jetzt, zum Schluß optimales Studieren eines Textes. Es gibt ein Rezept, das Sie beherrschen müssen, und da meist ganz sträflich verletzt wird. Man meint nämlich, man müsse einen Text einmal durchlesen, zweimal durchlesen, kräftig unterstreichen, dann abkopieren, das ist besonders wichtig, und weglegen. Das Abkopieren ist dabei das Wichtigste. Da hat man den Inhalt ja. Was Sie machen müssen, gilt altbacken, weil es keinen Computer erfordert, aber Computer sind sehr schlecht bei dem, ganz schlecht. Nehmen Sie Karteikarten. Die kann man auch besser in die Tasche stecken. Das Rezept lautet: Sie lesen erst einmal flüchtig den Text, um zu sehen, worum es überhaupt geht. Außerordentlich wichtig. Einmal runterlesen, ohne Anspruch auf tieferes Verständnis. Wenn Sie anfangen, das tiefere Verständnis gleich im ersten Kapitel zu suchen, dann kommen sie nicht zum letzten. Sie müssen überhaupt wissen, wo geht das hin, und dann werden Sie schon sehen, zwei Drittel können Sie sich schenken. Lesen Sie den Eingang, und lesen Sie das Abstract, und lesen Sie den Schluß, und dann haben Sie es meist. Jedenfalls bei den Naturwissenschaften ist das häufig so. Aber, wenn es ein anspruchsvoller Text ist, dann machen Sie das, und dann fangen Sie an, sorgfältig das zu studieren, und Sie formulieren Fragen, am besten auf der Vorderseite von Karteikarten, von altbackenen Karteikarten. Die haben eine Vorderseite, und eine Rückseite. Und damit Sie die Fragen formulieren können, müssen Sie den Text verstanden haben. Und jetzt, um ihn noch besser verstanden zu haben, müssen Sie die korrekten Antworten auch formulieren, am besten auf der Rückseite von Karteikarten. Dann haben Sie das hoffentlich verstanden. Fragen zu beantworten heißt, dass ich das meist verstanden habe. Und dann fangen Sie an, die richtigen Antworten, die einem schnell einfallen, zu sortieren, und Sie reduzieren das auf einen harten Kern von Fragen, die man dann systematisch lernen muß. Es bleiben dann zehn, fünfzehn Prozent, und die muß man sich richtig reinhauen. Und dann packen Sie das weg, und nach einer Woche nehmen Sie den ganzen Stapel wieder und machen das alles noch einmal. Wenn Sie das dreimal gemacht haben, können Sie jedes Lehrbuch damit erschlagen. Ich habe das gemacht vor meinen beiden Rigorosumsprüfungen und das dauerte nicht an, hält dann noch zwei, drei Wochen an, aber damit können Sie drei, vier Lehrbücher reinziehen, wie es so schön heißt, und Sie können Ihre Prüfer verblüffen, was Sie alles wissen. Das funktioniert absolut hundertprozentig, es ist nicht ein Ersatz für die Praxis, das heißt, für das vielfache praktische Anwenden, damit das wirklich in das Langzeitgedächtnis geht. Das ist für Prüfungen sehr gut." (Gerhard Roth. Wie funktioniert mein Gedächtnis und wie kann ich es verbessern? Rede anläßlich der Immatrikulationsfeier an der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2002/03)Beachtenswert ist nebenbei, dass Roth seine Begrüßungsrede mit praktischen und interessanten Inhalten füttert, statt die üblichen Plattitüden von sich zu geben, wie sie bei solchen Anläßen leider üblich sind.
