Die Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens
In der Vergangenheit hatten sich verschiedene Probleme ergeben, welche die Frage aufwarfen, wann etwas als wissenschaftlich zu gelten habe und wann nicht.
Für viele Menschen spielten und spielen Gott bzw. Götter eine große Rolle und es hat einige Versuche gegeben, die Existenz Gottes wissenschaftlich zu beweisen.
Diese ? hauptsächlich philosophischen ? ?Beweise? sind von Bertrand Russell sämtlich widerlegt worden, dies ist eine empfehlenswerte Lektüre für alle:
Die Essay-Sammlung "Warum ich kein Christ bin",
">hier ein Auszug daraus.
Die Religion ist per se antiwissenschaftlich, denn sie verlangt vom Menschen, an etwas zu glauben, dass er nicht sehen kann. Sie interpretiert alles so,
dass es Gottes Wille sei. Gott ist für alles verantwortlich. Und: DIE EXISTENZ GOTTES muß NICHT BEWIESEN WERDEN. Da diese religiösen Menschen heute wieder
auf dem Vormarsch sind und gute Chancen haben, starken Einfluß zu gewinnen, lohnt es sich stets, die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit einmal mehr aufzuführen
und aufrecht zu erhalten.
Die Wissenschaft setzt, wie an anderer Stelle schon gesagt, auf nüchterne Analyse und Argumente. Sie appelliert nicht an die Leidenschaft der Menschen,
Sie verlangt nicht den Glauben an eine Autorität , sondern will überzeugen. Mit einigen - bemerkenswerten ? Ausnahmen, sind Wissenschaftler nüchtern,
auch wenn ihre Thesen scharf angegriffen werden. Sie unterscheiden sich diesbezüglich von den Fanatikern, die ihre Thesen mit flammender Leidenschaft verteidigen.
Die Naturwissenschaften setzen auf Experimente. Experimente müssen genau beschrieben und dokumentiert werden. Sie müssen unabhängig von Zeit und Ort wiederholbar
sein. Dies hilft z. B. esoterische Scharlatane zu enttarnen, da diese ihre Kunsstücke nur unter bestimmten Bedingungen vorführen können. Meines Wissens
nach war noch keiner dieser ?Zauberer? in der Lage, seine Kunststücke unter experimentellen Bedingungen vorzuführen.
Natürlich kann es auch hier zu Manipulationen kommen. Wie aber einige große Skandale der Vergangenheit zeigen, bleiben diese Manipulationen selten unentdeckt.
Jüngstes Beispiel ist der Skandal um den südkoreanischen Klonforscher, der behauptet hatte, er habe menschliche Stammzellen geklont.
Experimente, Naturbeobachtungen und Kausalitäten bilden also die Basis der Naturwissenschaften.
Bei den Geisteswissenschaften sieht die Sache hingegen komplizierter aus. Für diese steht vor allem die Analyse von Quellen im Vordergrund, die ich an anderer
Stelle schon beschrieben habe. Diese Textanalyse wird als Hermeneutik bezeichnet. Auch hier steht selbstredend die logische Darlegung im Vordergrund. Die
W-Fragen werden bearbeitet: Wer, was , wiewarum?
Heute setzt sich auch immer mehr die Datenanalyse durch, die Auswertung von Statistiken und anderen Datenmaterialen. Vor allem in der Soziologie werden
Untersuchungen wie Befragungen, Interviews und Fragebögen durchgeführt. Die ?Klassiker?, also die Lektüre der alten Meister wie Max Weber oder Machiavelli
spielt hingegen außerhalb der Philosophie eine immer geringere Rolle ob das gut oder schlecht ist, mag dahin gestellt bleiben.
Ein weiteres Kriterium der Wissenschaft ist die Beweisbarkeit oder Verifizierung von Sachverhalten. In den NW erfolgt dies durch Experimente, in den GW
durch Belege. Der Kritische Rationalismus nach Karl Popper stellt hingegen die Falsifizierbarkeit von Theorien in den Vordergrund, dass heißt, Theorien
gelten solange als wahr, bis sie widerlegt sind. Dies kann jedoch nicht als einziger Faktor gelten, denn es gibt Theorien, die sich niemals widerlegen
lassen. Beispiel hierfür sind die Kreationisten, die Gott als intelligenten Designer an die Stelle der Evolution setzen wollen. Sie behaupten, es handele
sich dabei um eine Theorie, die Anspruch darauf habe, gleichberechtigt neben der Evolution gestellt zu werden. Die Evolution sei nämlich ebenfalls unbewiesen.
Es ist aber nicht möglich zu beweisen, dass Gott nicht an der Schöpfung beteiligt war. Einer der schärfsten und bekanntesten Kritiker der Kreationisten
ist übrigens der Evolutionsforscher Richard Dawkins, der auch mehrrere populärwissenschaftliche Bücher verfaßt hat.
In allen Wissenschaften ist die Debatte ein bewährtes Instrument. Diese Debatte findet meistens in Zeitschriften und Kongressen statt, aber auch auf Podien,
die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Hierbei werden Argumente ausgetauscht, es werden Schwächen in der Argumentation und Irrtümer aufgezeigt und die
Wissenschaftler haben hier die Gelegenheit, ihre Thesen einem größeren Publikum darzulegen. Den Scharlatan kann man durch gezieltes Fragen enttarnen, wobei
man selbst etwas von dem Gegenstand verstehen sollte, um die Qualität der Antworten beurteilen zu können. Es wird sehr selten vorkommen, dass ein Wissenschaftler
von der Falschheit seiner Thesen überzeugt werden wird, doch die Zuschauer haben hier die Gelegenheit, alle Argumente vor sich liegen zu haben und sich
für die eine oder andere oder keine dieser Ansichten zu entscheiden.
Was zu wünschen wäre
Zur Wissenschaftlichkeit gehört auch, eine als falsch erkannte Ansicht abzulegen. Leider kommt dies relativ selten vor, so dass wir an dieser Stelle fragen
müssen, wie dogmatisch ein Wissenschaftler sein darf. Die Wissenschaft wird zur Religion, wenn es dem Wissenschaftler wichtiger ist, seine eigene Ansicht
aufrechtzuerhalten, statt ein Gegenargument als richtig anzuerkennen. Es geschieht allzu oft, dass Menschen an ihren Ansichten festhalten, die oftmals
schädlich sind. So war es bis vor einigen Jahren noch üblich, nicht über die gescheiterte Integration von Ausländern in Deutschland zu reden. Ein weiteres
Problem ist die Kaschierung von Verantwortlichkeiten, wenn etwa immer die Gesellschaft für Probleme verantwortlich gemacht wird, was eine sehr vereinfachende
und oftmals falsche darstellung ist. Diese falsche Rücksichtnahme ist weder den Emmigranten noch jemand anderem zugute gekommen, denn heute ist die gegenteilige
Ansicht über die Unfähigkeit des Einwanderers zur Integration verbreitet.
Ebenfalls zu kritisieren ist die ?Fachidiotie?, die Unfähigkeit von Wissenschaftlern, Erkenntnisse aus anderen Wissensgebieten zu rezipieren. Klassisch
ist der Kampf? zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, wobei die NW den GW abspricht, eine Wissenschaft zu sein. Im angelsächsischen Sprachraum spricht
man von ?science?, wenn NW gemeint ist und von ?human science?, wenn die GW gemeint sind. Das Spezialistentum ist im allgemeinen problematisch. Es gibt
nur sehr wenige Universalgenies.
Doch auch die einzelnen Wissenschaften spalten sich immer weiter auf. Es gibt Zellbiologen, Humanbilogen, Genetiker, Verhaltensforscher, Solche Aufspaltungen
mögen im Mikrobereich Sinnmachen, doch ein Verständnis für die Welt läßt sich hierdurch nicht gewinnen. Die Welt ist zu kompliziert, um sie durch Fachwissen
in so eng begrenzten Bereichen zu verstehen. Tatsächlich spricht vieles für eine breite Allgemeinbildung, denn dies erleichtert oftmals das Verständnis.für
speziellere Problembereiche.
Wie man keine wissenschaftliche Abhandlung schreibt
Wer sich die Bestseller-Listen für Sachbücher etwa im Spiegel anschaut, wird feststellen, dass sich dort erstaunlich unsachliche Bücher finden. Neben Biographien
und Autobiographien von unwichtigen oder sehr unwichtigen personen sind persönliche Kommentare die Regel: Schluß mit Lustig, Warum Männer vom Mars kommen,
und ähnliches. Sachbücher mit wissenschaftlichem Inhalt, die man dort eigentlich erwarten würde, sind eher Mangelware. Ein Musterbeispiel für schlechte
Sachbücher stellt Stefan Austs ?Der Baader-Meinhof-Komplex dar. Es ist eine historische Darstellung der RAF, von ihren Anfängen bis zum Selbstmord von
Baader, Meinhof, Raspe und Ensslin. Aust war einer der ersten, vielleicht der erste, der eine Gesamtdarstellung geschrieben hat. Doch Aust war nicht nur
Chronist, sondern auch Teilnehmer, er hat etwa persönlichen Kontakt zu Ulrike Meinhof gepflegt und kommt in seinem Buch selbst als Handelnder vor. Doch
das ist nicht das Problem.
Das Problem ist, dass Aust sich nicht entscheiden konnte, ob er ein Sachbuch oder einen Tatsachen-Roman schreiben wollte. So ist im Endeffekt eine überlange
Spiegel-Geschichte entstanden ? das Buch ist als Spiegelbuch erschienen und Aust ist heute Chef-Redakteur dieses Magazins. Dies führt dazu, dass Aust zu
keinem Zeitpunkt seine Quellen offenlegt. Es gibt kein Literaturverzeichnis, keine Nennung von Dokumenten, kaum Benennung von Zeugen. An einigen Stellen
ist klar, dass Aust seine Quellen geheim halten möchte. Das Problem besteht jedoch darin, dass er an vielen Stellen Umstände beschreibt, die er gar nicht
wissen kann ? Handlungsabläufe, Gedanken, die Kleidung von Personen. Es gibt keine saubere Trennung von Tatsachen-Beschreibung, Interpretationen, Spekulationen
und persönlichen Kommentaren. Selbst die Zitate aus Gerichtsdokumenten werden nicht sauber belegt. Aust ist zur Standardliteratur für Raf-Studien geworden,
weil es zu diesem Zeitpunkt so gut wie nichts an Literatur gab. Dies ist heute anders, dennoch hat es bisher keine dezidierte Kritik an Austs Buch gegeben.
Darum rate ich entschieden davon ab, den Stil eines Spiegels zu kopieren oder entsprechender populärwissenschaftlicher Literatur.
