Entscheidungshilfe: Wann ist ein barrierefreies PDF sinnvoll?

PDF-LogoPDF hat sich als Standardformat für gestaltete Informationen im Web und für die Verbreitung via E-Mail und anderer Dienste etabliert. Doch schaut man auf den Aufwand, der in PDFs im Allgemeinen und in barrierefreien PDFs im Besonderen steckt, macht das Format heute nicht mehr so viel Sinn. Dieser Entscheidungsbaum soll Ihnen helfen zu entscheiden, ob und wann ein PDF sinnvoll ist.
Bedenken Sie generell:

  1. Ist ein PDF erst mal in der Welt, kann dessen Verbreitung nicht mehr kontrolliert werden. Niemand weiß, wie viele veraltete Informationen in PDFs im Internet und auf Festplatten lagern und wie viele heruntergeladen und immer weiter verteilt werden. Aber es dürften allein in Deutschland einige Millionen sein.
  2. Während die Erstellung eines PDFs immer mit einem größeren Aufwand verbunden ist, kann Inhalt praktisch ohne Aufwand online gestellt und wieder offline genommen werden. Im Grunde würden PDFs, die im Internet stehen ein permanentes Monitoring erfordern, was aber in der Praxis selten gemacht wird. Ist ein PDF nicht verlinkt, kann es dennoch von Suchmaschinen gefunden werden. Es kann sein und ist häufig wahrscheinlich, dass ältere PDF-Dokumente leichter gefunden werden als aktualisierte PDF-Dokumente oder Webseiten.
  3. Während sauber erstellte HTML-Inhalte problemlos in ein neues Layout oder Corporate Design überführt werden können, muss ein PDF im Prinzip komplett neu gelayoutet werden. Im Grunde erfordert jede größere Änderung, dass vielleicht eine Seite, oft aber das ganze Dokument neu gesetzt werden muss.

Bestimmte Hilfstechniken wie das Anpassen der Schriftart funktionieren in PDF nur eingeschränkt und erfordern häufig spezielle Reader-Programme. Während fast jeder weiß, wie er im Browser Texte zoomt, ist der Umfliessen-Modus im Adobe Reader unter vielen unbekannt, die davon profitieren könnten. PDF ist damit das am wenigsten komfortable Mainstreamformat.
Als Alternative zu PDF gehen wir hier von normalen Webseiten aus. Möglich wären auch ePub oder typische Office-Formate, diese sind aber aus verschiedenen Gründen unüblich und es wirkt zumindest bei Office-Formaten auch schnell unprofessionell. Zudem gelten vor allem die Formate von Microsoft als Sicherheitsrirsiko, werden also potentiell geblockt oder in den Spam geschoben. ePub ist auf mobilen Geräten problemlos darstellbar, aber nicht unbedingt auf Desktop-PCs. Bei PDFs ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass der Nutzer ein Programm zu deren Darstellung auf dem System hat.
Tatsächlich wird PDF in vielen Fällen nicht eingesetzt, weil es das beste Format für den jeweiligen Zweck wäre. Vielmehr wird es verwendet, weil es quasi als Abfallprodukt einer Druckvorlage angefallen ist.

Entscheidungsbaum: PDF ja, , vielleicht oder nein

Unter “ja” finden Sie Argumente, die klar für ein PDF sprechen.

Unter “vielleicht” finden wir Anforderungen, die mit PDF, aber auch mit HTML erfüllbar sind.
Unter “nein” finden wir Anforderungen, die von Webseiten besser erfüllt werden können als von PDFs.

Ja

Die Informationen bleiben lange Zeit aktuell, mindestens 1 Jahr.
Die Ressourcen Zeit, Geld und Personal für die Erstellung eines barrierefreien PDFs sind vorhanden.
Die Informationen sind umfangreich – mindestens 6.000 Zeichen – und werden wahrscheinlich nicht in einem Rutsch gelesen.
Die Informationen müssten, wenn sie online stünden, auf mehrere Webseiten verteilt werden.
Barrierefreie PDFs können im eigenen Hause erstellt werden.

Vielleicht

Die Informationen werden vom Leser später vermutlich noch einmal benötigt.
Die Informationen werden wahrscheinlich ausgedruckt
Die Informationen werden per Mail verteilt.
Die Informationen sollen visuell anspruchsvoll gestaltet sein.
Die Informationen sollen nur an einen beschränkten Nutzerkreis gehen.
Die Informationen sollen dem Nutzer auch zugänglich sein, wenn er keinen Internetzugang hat.
Ein erfahrener Dienstleister ist vorhanden und hat die Ressourcen.

Nein

Die Informationen müssen regelmäßig aktualisiert werden.
Die Informationen werden nur einmal oder nicht regelmäßig gebraucht.
Die Ressourcen Personal, Geld und Zeit für ein barrierefreies PDF sind nicht vorhanden.
Die Informationen haben nur kurze Zeit Gültigkeit.
Die Informationen werden wahrscheinlich auf einem Smartphone/kleinen Display gelesen.
Die Informationen sollen etwa über ein Formular in eine Datenbank eingespeist werden.
Das Dokument enthält eingebundene oder interaktive Elemente wie Multimedia.
Es ist kein erfahrener dienstleister vorhanden oder bekannt.
Die Informationen müssen schnell veröffentlicht/verteilt werden.

Webseiten und Apps mit Android TalkBack auf Barrierefreiheit testen

Bild eines Android-Handys mit den AppsHeute möchte ich euch zeigen, wie ihr Webseiten und Apps mit dem Screenreader TalkBack auf Barrierefreiheit für Blinde überprüfen könnt. Diese Anleitung richtet sich nicht an blinde Nutzer, diese werden hier fündig. Eine analoge Anleitung für VoiceOver auf iOS findet ihr hier.
Nur um ein Missverständnis zu vermeiden: Eine App, die für Blinde funktioniert ist deshalb für andere Gruppen von behinderten nicht barrierefrei.
TalkBack ist seit Android 4.0 im Android-System fest integriert. Ihr müsst es also nicht installieren. Sollte es doch nicht auf eurem Gerät sein, könnt ihr es über den PlayStore wie eine beliebige andere App installieren.
TalkBack wird anders als Apples VoiceOver unabhängig vom Betriebssystem aktualisiert. Es reicht also prinzipiell auch ein Smartphone mit einer älteren Android-Version. Die Kernfunktionen sind die Gleichen. Allerdings stehen natürlich nicht die Features zur Verfügung, wenn dafür auf die Kernfunktionen neuerer Android-Versionen zuggegriffen werden muss.
Disclaimer: Diese Anleitung soll Entwicklern helfen, die ihre App entwickungsbegleitend prüfen wollen oder die nicht die Möglichkeit haben, die Anwendung durch einen Blinden testen zu lassen. Der Test durch einen blinden Nutzer ist in jedem Fall vorzuziehen, da er mit der Steuerung und dem Output eines Screenreaders vertraut ist. Und auch wenn eure Anwendung für euch fehlerfrei funktioniert heißt das nicht, dass sie auch für einen Blinden funktioniert. Ein Blinder kann nicht einfach auf den Screen schauen, wenn er mit TalkBack nicht weiterkommt. Könnt ihr die App nicht durch behinderte Nutzer testen, solltet ihr zumindest die Nutzer zum Feedback auch zur Barrierefreiheit einladen und dieses Feedback auch dafür nutzen, die App zu verbessern.
Tipp: Es sollte nicht das billigste und älteste Gerät sein. Die Empfindlichkeit des Touchscreens ist für Sehende nicht so wichtig, für Blinde aber schon. Außerdem leidet natürlich die Performanz, wenn TalkBack als zusätzliche Anwendung mitläuft.
Hinweis: TalkBack unterstützt auch Braillezeilen. Allerdings muss dafür die App BrailleBack installiert werden. Also nicht wundern, dass ihr keine Einstellungen für Braille findet.
Und noch ein Hinweis: TalkBack richtet sich speziell an blinde Nutzer. Für lesebehinderte oder sehbehinderte Personen gibt es eigene Bedienungshilfen, die aber anders funktionieren. TalkBack ist also für diese Gruppen eher nicht gedacht, auch wenn es für sie leicht erlernbar wäre. In den Bedienungshilfen findet ihr alle Hilfen, die es für behinderte Nutzer unter Android gibt.

TalkBack einschalten

Screenshot der BedienungshilfenUm TalkBack einzuschalten, geht ihr auf Einstellungen, dort auf Bedienungshilfen, dort auf TalkBack und wählt dort den Button An.

TalkBack und die Bedienung

TalkBack verändert die Bedienung des Smartphones. Beim Berühren des Displays wird angesagt, was Du gerade unterm Finger hast. Mit einem Doppeltipp werden die ausgewählten Elemente aktiviert. Ein Rechteck umrahmt das Element, dass TalkBack gerade fokussiert hat.
Daneben gibt es noch drei grundlegende Gesten bei TalkBack:

  • Das Wischen von links nach rechts bzw. von rechts nach links bewegt den Fokus des Screenreaders. Es ist das Äquivalent zum tab auf der Hardware-Tastatur. Blinde wechseln so von Element. Da sie nicht das gesamte Display sehen könnenn, würde wildes Rumwischen sie nicht zum Ziel führen.
  • Das Wischen von oben nach unten und umgekehrt legt fest, was vorgelesen wird. Wir können zum Beispiel Standard-Elemente, Überschriften oder Formular-Elemente auswählen, diese werden dann direkt mit der gerade erwähnten Links-Rechts-Wischgeste fokussiert.
  • Um zu scrollen werden zwei Finger auf das Display gelegt und in die Richtung bewegt, in welche ihr scrollen wollt. Das geht also sowohl horizontal als auch vertikal

Noch eine Besonderheit ist zu erwähnen: Slider werden nicht mit dem Finger, sondern mit dem Lautstärke-Regler bedient.

Globales Kontextmenü

Für Sehende praktisch ist das globale Kontextmenü. Dort findet ihr viele wichtige Einstellungen.
Das globale Kontextmenü wird aufgerufen, indem du in einer Bewegung von oben links nach unten und dann rechts wischt. Es sieht aus, als würde man ein L auf dem Bildschirm malen. Hier die wichtigsten Optionen im Globalen Kontextmenü

  • Von oben an lesen: Der gesamte Bildschirm-Inhalt wird vorgelesen.
  • Vom nächsten Element an lesen: TalkBack liest alles, was auf das aktuell fokussierte element folgt.
  • TalkBack-Einstellungen: Hier könnt ihr schnell auf die TalkBack-Einstellungen zurückgreifen oder es auch abschalten.

Text-Eingabe

Für die Eingabe von Text kann die Standard-Tastatur von Android verwendet werden. Tippt also in ein Feld, in welches ihr Text eingeben wollt. Fahrt nun mit dem Finger über den Buchstaben, den ihr tippen wollt.
Wichtig ist, dass Android bei aktiviertem TalkBack den Buchstaben schreibt, wenn ihr den Finger hebt. Der Buchstabe muss also nicht wie bei iOS VoiceOver erst fokussiert und dann getippt werden.

Apps und Webseiten prüfen

Da die Bedienung von nativen Apps und Webseiten generell recht ähnlich ist, unterscheide ich hier nicht weiter zwischen diesen Systemen.

  • Textelemente wie Überschriften, Zitate, Listen und so weiter sollten korrekt benannt und von TalkBack ausgegeben werden.
  • TalkBack sollte automatisch die richtige Sprache sprechen, also bei deutschen Apps Deutsch, bei englischen Englisch und so weiter. Klingt etwas auf einmal Chinesisch oder Koreanisch, stimmt etwas nicht. Das hatte ich durchaus schon.
  • Bilder sollten eine Beschreibung für Blinde ausgeben, wenn sie nicht dekorativ sind.
  • Alle Bedienelemente sollten ihre Aufgabe, ihre Funktion und ggf. den Status ausgeben. Eine Checkbox etwa wird als Checkbox vorgelesen. Natürlich sollte klar sein, was mit der Checkbox aus- oder abgewählt werden kann. Und es sollte ausgegeben werden, ob sie aktiviert, deaktiviert oder teilweise aktiviert ist. Für die gängigsten Bedienelemente wie Buttons, Radio-Buttons, einzeilige und mehrzeilige Eingabefelder sollten ebenfalls diese Informationen ausgegeben werden.
  • Bei Schibereglern gilt eine Besonderheit. Sie werden mit den physischen Lautstärkeregler des Geräts gesteuert. Der Regler muss zunächst fokussiert werden, was man am Rechteck erkennt. Mit lauter erhöht man den Wert, mit leiser verringert man ihn.
    dekorative Elementte wie Hintergrund-Bilder, Farbverläufe und andere funktionslose Elemente sollten nicht vorgelesen werden und nicht mit TalkBack fokussierbar sein. Sie können und sollten also bei der Links-Rechts-Wisch-Geste übersprungen werden.

Weiterführendes

Newsletter: Neuigkeiten zur digitalen Barrierefreiheit im September 2018

Kalenderblatt SeptemberIn diesem Beitrag möchte ich Euch berichten, was im September 2018 Interessantes zur digitalen Barrierefreiheit passiert ist. Das werde ich ab jetzt monatlich tun, bis ich keine Lust mehr habe.

Hintergrund dieses Newsletters

Kurz zum Hintergrund: Es passiert aktuell relativ viel im Bereich digitale Barrierefreiheit. Es gibt zwar einige Webseiten, die gelegentlich über Neuerungen berichten, aber eine guten Gesamtüberblick zum Beispiel für einen Monat gibt es nicht.
Dieser Beitrag ist nicht als umfassender Überblick zu verstehen. Trotz Twitter et al mag es Dinge geben, die ich verpasst habe. Deshalb ist jeder eingeladen, seine Links in den Kommentaren zu veröffentlichen.
Ursprünglich hatte ich vor, das Ganze als E-Mail-Newsletter zu veröffentlichen. Doch fehlt mir die Zeit und Lust, mich in die entsprechenden Tools einzuarbeiten. Erst recht habe ich keine Lust, mich mit den Details der Datenschutz-Grundverordnung zu beschäftigen, Wer informiert werden möchte, wenn es was Neues gibt, , muss deshalb den Blog abonnieren, zum Beispiel per RSS. Wer das nicht möchte, sollte am Anfang des Monats in den Blog schauen. Wer das alles nicht möchte, hat Pech gehabt.
Die Zielgruppe sind vor allem Menschen, die sich nicht hauptsächlich mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigen. Die wären ohnehin gut informiert. Vielmehr möchte ich Leute mit Grundkenntnissen und interessierte Laien erreichen.
Der Fokus liegt auf interessanten Artikeln, neuen Tools, neuen Entwicklungen sowie Veranstaltungen.

Was so passiert ist

Highlight des Jahres ist sicherlich das Inkrafttreten der EU-Richtlinie 2016/2102 für barrierefreie Webseiten und mobile Anwendungen am 23.9.2018. Sie verpflichtet alle öffentlichen Einrichtungen der EU, ihre Webseiten und Apps barrierefrei zu machen. Grundlage ist dabei die WCAG 2.1. Die Richtlinie sorgt also für einen einheitlichen EU-weiten Standard.
Ebenfalls ist im September die WCAG 2.1. in die Europäische Norm 301 549 aufgenommen worden. Diese Nummer könnt ihr sofort wieder vergessen, sie ist die Grundlage für die o.g. EU-Richtlinie.

Veranstaltungen

Hervorragende Veranstaltung im September war der Webkongress Erlangen 2018 mit mehreren Vorträgen zur Barrierefreiheit im Internet. Die Beiträge stehen schon online, Respekt dafür an die Veranstalter.
Das M-Enabling-Forum am 27. September war ebenfalls interessant. Dazu habe ich einen kleinen Rückblick geschrieben.
Highlight im Oktober wird sicherlich das Online-Event Inclusive Design 24 werden. Am 11. Oktober wird es 24 Stunden lang Vorträge rund um inklusive Gestaltung geben. Wer nicht an Schlaflosigkeit oder Kaffee-Sucht leidet, die Beiträge kann man auf YouTube auch später noch nachschauen.
Ich unterhalte eine Liste von weiteren interessanten Events zur digitalen Barrierefreiheit.

Interessante Artikel im September

Der A11y Styleguide ist ein Projekt, das Designer an die barrierefreie Gestaltung heranführt.
Eine kleine Artikelserie auf Knowbility informiert über die Neuerungen in der WCAG 2.1 gegenüber der WCAG 2.0.

Neue Tools

Das Free PDF Validator Plugin scheint neu zu sein, war mir zumindest nicht bekannt.
Leider muss man es beim anbieter CommonLook anfordern, so “free” ist es also nicht. Auch habe ich nicht herausgefunden, wo das Plugin eigentlich eingesteckt werden soll, ich tippe mal auf Acrobat Pro. Aber die Beschreibung klingt zumindest vielversprechend.

Mein Rückblick auf das m-Enabling-Forum 2018

Menschen schauen sich eine Präsentation auf dem M-Enabling-Forum an.Am 27.9.2018 fand das M-Enabling-Forum 2018 in Düsseldorf parallel zur Rehacare statt. Es war ein reichhaltiger Tag. Heute gibts einen kleinen Rückblick. Leider weiß ich nicht, ob und wie die Teilnehmer ihre Inhalte online stellen. Wenn das passiert, werde ich das hier verlinken.

Organisation

Für meinen Geschmack organisatorisch nicht ganz geschickt: Konferenzen sollten frühestens um 10 Uhr beginnen. Und 9 Stunden waren dann zu viel des Guten.
Ein offenes W-Lan fürs Twittern wäre auch nett gewesen. Hier hat man Potential für die Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Im Saal selbst gab es gar keinen Mobil-Empfang, auch ein wenig seltsam für eine Messe Düsseldorf.
Auch hätte man mehr Interaktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Publikum ermöglichen sollen. So glich es eher einer Produkt-Schau

Das Programm

Wenn man ein paar dieser Konferenzen besucht hat und im Thema ist, erfahrt man irgendwann nichts mehr Neues. Im Vordergrund steht vor allem der Austausch unter den Besuchern.
Interessant und für mich neu waren die Bemühungen, Barrierefreiheit zu zertifizieren. Ich selbst bin kein Fan solcher Programme. Sie riechen immer ein wenig nach Stempel drauf und für die nächsten zehn Jahre erledigt. Doch mag es in einigen Fällen sinnvoll sein.

Apple nervt

Nervtötend war das Statement von apple. Ich nutze gerne die Geräte von Apple. Was mich allerdings ärgert ist, wenn ein Konzern, der fast 1 BillionenDollar wert ist so tut, als ob Barrierefreiheit für ihn kein Geschäftsfaktor wäre. – Die Eyes-Free-Technologien zum Beispiel kommen auch Autofahrern zugute. Es gibt reichlich Blinde, welche gleich mehrere Produkte von Apple besitzen. Da kann man nicht ernsthaft so tun, als ob Barrierefreiheit reine Wohltätigkeit wäre. Wohlgemerkt, es stört mich nicht, dass Apple damit Geld verdient, sondern dass sie so tun, als ob das nicht so wäre. So ist Apple kein Vorbild für andere Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst zu nehmen. Denn es kommt bei apple so rüber, als ob sie für die Barrierefreiheit drauf zahlen müssten. Es wäre dann ein Verlust-Geschäft, so gewinnt man in der Privat-Wirtschaft keine Freunde für die Barrierefreiheit, sondern schadet ihr indirekt.
Absurd wird es dann, wenn Apple Pseudo-Entwicklungen für sich reklamiert. Armbänder zur Sturzmeldung und tragbare Notruf-Systeme gab es schon lange. Wenn man Apple so hört könnte man meinen, sie hätten es für die Apple Watch erfunden. Und die App Kurzbefehle ist sicherlich nett, früher nannten wir das Makros und brauchen es vor allem, weil Siri so miserabel ist. Hier stellt sich eher die Frage, warum es das nicht schon in iOS 6 gab.

Fazit: Rausgehen oder reinholen

Und hier noch meine drei nicht ganz neuen Erkentnisse aus der Konferenz:
Erstens: Es ist zwar immer nett in der Barrierefreiheits-Szene. Diese ist aber klein und scheint mir in der Zeit, in der ich dabei war kaum gewachsen zu sein.
Entweder geht man aus der Szene raus, zum Beispiel auf andere Messen oder Kongresse. Oder man holt diese Leute gezielt rein.
Meine zweite Erkenntnis: Es fehlt eine zentrale Instanz, die Informationen und Nachrichten zur Barrierefreiheit bündelt. Es gibt viele Projekte, die einfach nicht bekannt sind. Die Szene ist nicht nur in Deutschland sehr atomisiert. Es bräuchte ein neues Einfach für alle.
Meine dritte Erkenntnis ist, dass zu wenig über existierende Bedienungshilfen aufgeklärt wird. Von den drei großen Software-Anbietern Apple, Google und Microsoft macht es letzteres am besten: Bei Microsoft bekommt man die Bedienungshilfen schon bei der Erst-Installation und im Anmeldebildschirm angeboten. Bei Apple und Google muss man – zumindest in den mobilen Betriebssystemen – danach suchen. Das heißt, man muss im Prinzip schon wissen, dass es Hilfen gibt. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Ich habe gerade erst ein Android-Phone eingerichtet und ihr würdet gar nicht glauben, wie viel Platz auf dem ersten Screen ist, auf jeden Fall genug, um den Start von Bedienungshilfen anzubieten. Wenn ihr das lest, ihr Großen Drei, bitte mehr Geld in Aufklärung und weniger in PR-Maßnahmen stecken.

Amazon Echo – warum barrierefreie Webseiten sinnvoller werden als je zuvor

Stilisierter LautsprecherAmazon hat mal wieder eine ganze Reihe von neuen Produkten vorgestellt. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum der smarte Lautsprecher Echo mit der Spracheingabe auch barrierefreien Webseiten einen Schub geben könnte.

Alles über Semantik

Ein Schlüsselfaktor für barrierefreie Webseiten ist semantisches und seinen Zwecken entsprechend eingesetztes HTML.
Leider muss man sagen, dass in erster Linie bisher vor allem Blinde davon profitieren. Natürlich bringen Labels Vorteile für motorisch Behinderte und Sehbehinderte können eigene Stylesheets definieren, um sich Inhalte besser zugänglich zu machen. Aber ob das tatsächlich jemand in dem Maße nutzt, bleibt offen.

Vorlesen leicht gemacht

Doch in dem Maße, in dem Geräte ohne eigenes Display auf den Markt drängen, wird es wieder interessant. Wie bringe ich zum Beispiel dem Echo bei, wo der Inhalt einer Webseite beginnt, schließlich will ich nicht die Navigation und anderen Schmus vorgelesen haben, der am Anfang einer Webseite steht. Wie bringe ich ihn dazu, von Absatz zu Absatz, zur nächsten Überschrift, zu einem bestimmten Bereich der Webseite zu kommen? Für einen Sehenden erscheint dieses Problem eigentlich unlösbar. Doch wer arbeitet schon seit Jahr und Tag ohne Display? Exakt, blinde Menschen und das in der Regel ohne große Probleme.
Und hier kommt eine sinnvolle Semantik ins Spiel. Gibt es zum Beispiel nur eine Hauptüberschrift auf der Unterseite, die H1, hat auch eine Maschine keine Probleme, den Anfang des Artikels zu finden. Werden die neuen elemente aus HTML5 wie Navigation, Article, Footer und so weiter korrekt eingesezt, wird die Sache zusätzlich erleichtert. Selbst die Alternativtexte könnten somit einer wesentlich größeren Gruppe nützlich sein.
Auch komplexe Interaktionen mit der Website wie das Aufrufen von Punkten aus der Navigation, das Suchen innerhalb einer Unterseite, das verwenden der Suchfunktion der Website und so weiter sind durchaus möglich. In der Regel wird das länger dauern als mit einem Display, doch muss man es ja auch nicht übertreiben, wenn das visuelle Interface Smartphone nur einen Handgriff entfernt ist.

Formulare per Sprache ausfüllen

Doch war es das noch lange nicht. Heute sind Webseiten interaktiv und interaktiv heißt fast immer Formulare. Sind die Formulare sinnvoll semantisch ausgezeichnet, also so, dass eine Maschine die Aufgabe eines Inputfeldes, den Status und so weiter erkennen kann, dann dürfte es auch kein Problem mehr sein, solche Formulare komplett per Sprache auszufüllen. Natürlich wird man das für komplexere Formulare derzeit nicht machen. Aber auch das könnte nur eine Frage der Gewöhnung sein.

Macht eure Website barrierefrei

Je stärker die Spracheingabe in den Alltag einkehrt, desto mehr werden die Nutzer auch erwarten, damit im Prinzip alles erledigen zu können. Ich prophezeie einmal, dass diese Entwicklung sich stark auf die Gestaltung von visuellen Benutzeroberflächen auswirken wird, ähnlich wie es das Smartphone getan hat. Man wird zum Beispiel gezwungen sein, die Zahl der Links oder die Komplexität von Formularen zu reduzieren und eine an der Spracheingabe optimierte Benutzerführung zu etablieren.
Vor allem ältere Blinde, die mit dem Screenreader nicht so vertraut sind, könnten von dieser Entwicklung profitieren. Aber auch funktionale Analphabeten und ältere Menschen, die teils von der Technik überfordert sind, könnten dank einer Spracheingabe die Möglichkeiten des Internets wesentlich leichter nutzen. Nebenbei könnte es Amazon gelingen, die Haus-Automatisierung massentauglich zu machen, daran sind selbst Apple und google bisher gescheitert.

Was ändert sich durch die RICHTLINIE EU 2016/2102 für barrierefreie Webseiten?

Flagge der EUDie RICHTLINIE (EU) 2016/2102 hat dem Vernehmen nach noch niemandem schlaflose Nächste bereitet. Was sie konkret für Veränderungen für barrierefreie Webseiten bringt, erfahrt ihr hier.
Die Eu-Richtlinie 2016/2102 tritt am 23. September in Kraft. Webseiten, die ab diesem Tag online gehen, sollen barrierefrei sein. Für bestehende Web-Angebote gibt es Übergangsfristen.

EU-weite Harmonisierung

Eines der Probleme barrierefreier Webseiten war, dass viele Körperschaften ihre eigenen Regeln erlassen konnten oder mussten. Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz und die BITV 2.0 gelten für die Bundesebene, nicht aber für die Länder. Diese hätten im Prinzip ihre eigene Bitv 2.0 erlassen müssen. Defacto dürften sich aber die meisten Bundesländer an der BITV 2.0 orientiert haben. Die Kommunen sind dem gefolgt oder haben einfach gar nichts gemacht.
In diesem Punkt schafft die Richtlinie Klarheit. Vom letzten Dorf bis zur EU-Ebene werden einheitliche Regeln gelten, nämlich die EN 301 549, die wiederum auf der WCAG basieren. Tritt eine aktuellere WCAG in Kraft, wird sie relativ schnell in die En aufgenommen, zumindest war das bei der WcAG 2.1 der Fall. Entsprechende nationale Richtlinien müssen bis zum 23.9.2018 angepasst werden.
Auch mobile Anwendungen, womit native und nicht-native Apps gemeint sind, sollen barrierefrei werden. Hier dürfte der Aufwand überschaubar sein: Ich kenne so gut wie keine Apps öffentlicher Anbieter.

Wer ist verpflichtet?

Wie gehabt sind öffentliche Einrichtungen verpflichtet, ihre Webseiten barrierefrei zu machen.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ausdrücklich ausgenommen. Für ihn sollen eigene Regeln erlassen werden.
Zur Barrierefreiheit verpflichtet sind laut der EU-Richtlinie 2016/2102 allerdings auch Einrichtungen mit Bezug zum Thema Behinderung. Hier ist die Formulierung unklar. Betroffen seindürften zumindest große träger der Behindertenhilfe wie die Carittas oder die Diakonie. Auch hier müssen wir allerdings abwarten, was im deutschen Gesetz final stehen wird.

Erklärung zur Barrierefreiheit

Die Verpflichteten sollen auch eine Erklärung dazu abgeben, wie barrierefrei ihre Website ist. Dazu gehört auch eine Begründung, ob bestimmte Bereiche nicht barrierefrei sind und warum das so ist.

Prüfung und Berichtswesen

Die Regierung wird durch die EU-Richtlinie 2016/2102 dazu verpflichtet, die Einhaltung der Richtlinie regelmäßig zu prüfen. Sie soll an die EU berichten, wie die Barrierefreiheit fortschreitet.
Auch hier wird spannend sein zu sehen, wie die Verantwortlichen prüfen und berichten werden. Es läuft wahrscheinlich auf ein halb automatisiertes, halb manuelles Testverfahren hinaus.

Feedback-Mechanismus mit Antwortpflicht

Die Anbieter sollen einen Feedback-Mechanismus zur Barrierefreiheit anbieten. Zudem sollen die Anbieter in angemessener Zeit antworten. Das dürfte interessant werden, da zumindest kleinere Kommunen kaum Kompetenz in diesem Bereich haben. Sie werden also nicht in der Lage sein, sinnvoll auf entsprechende Anfragen zu antworten.

Verpflichtung zur Qualifizierung

Ebenfalls verpflichtet die neue EU-Richtlinie die öffentlichen Träger dazu, Mitarbeiter in Sachen digitaler Barrierefreiheit weiterzubilden. Ob das tatsächlich passiert, müssen wir einmal abwarten.

Fazit: Vieles bleibt noch unklar

Wir werden wohl den Stichtag 23.9.2018 und dann die konkrete Umsetzung abwarten müssen, bis die Umsetzungsvorschriften und das konkrete Vorgehen endgültig bekannt sind.
Wirklich große Änderungen sind nicht zu erwarten. Die Bundes- und LandesEinrichtungen erfüllen die Anforderungen wahrscheinlich schon im Wesentlichen, da sie sich an der BITV 2.0 orientiert haben. Die reicheren Kommunen werden bald nachziehen, die Ärmeren werden wahrscheinlich gar nichts tun. Da keine Sanktionsmechanismen vorgesehen sind, besteht aus deren Sicht wohl auch kein akuter Handlungsbedarf. Den Trägern der Behindertenhilfe, zumindest ihren lokalen Ablegern, dürfte vielfach gar nicht bekannt sein, dass sie verpflichtet wären, also sind auch hier keine Änderungen zu erwarten.

Zum Weiterlesen

Sind Google Produkte barrierefrei?

Google SucheGoogle macht wie viele große Software-Konzerne viel Wind um die Barrierefreiheit seiner Produkte. Doch was ist eigentlich dran an den vollmündigen Versprechungen? Leider wenig: Bei Google ist vor allem viel PR und wenig barrierefrei.

Das Bild ist gemischt

während sich bei Android und Chrome sowie Chrome OS einiges getan hat, sieht es bei anderen Produkten durchmischt aus. Tatsächlich hat sich die Barrierefreiheit einiger Produkte in letzter Zeit sogar verschlechtert.
Zu nennen wären hier Google Analytics, die Search Console und Gmail. Pikant daran ist, dass die ersten beiden Produkte häufig am Arbeitsplatz verwendet werden. Google Amerika dürfte damit gegen den Americans-with-Disabilities Act verstoßen.

Google Analytics – für Blinde und Tastaturnutzer praktisch nicht nutzbar

Den größten Murks hat Google mit seinem Dienst Google Analytics angerichtet. Er ist für Blinde und Tastaturnutzer gar icht benutzbar. Man scheitert schon daran, zwischen unterschiedlichen Nutzerkonten und Profilen umzuschalten.
Und leider geht es im gesamten Dienst weiter: Es ist schwierig, einzelne Punkte aus der Unternavigation aufzurufen, in den Inhaltsbereich zu wechseln, sich bestimmte Informationen rauszusuchen… Es ist nicht möglich, den Datumsbereich einzugrenzen, ganz zu schweigen von komplexeren Interaktionen.
Um es klar zu sagen: Das ist eine Diskriminierung blinder Menschen. Google sperrt blinde Internet- und Social-Media-Redakteure von ihrer Arbeit aus.

Search Console und GMail

Das Gleiche gilt auch für die neuen Designs der Search Console und GMail. Offensichtlich werden die gleichen Design-Komponenten für die grafische Oberfläche verwendet. Vermutlich zielt Google auf eine Vereinheitlichung der Benutzeroberfläche ab. Womit aber alle Dienste durch die Bank sich bei der Barrierefreiheit verschlechtern.
Gmail hatte vorher noch den Vorteil, dass man auf eine HTML-Ansicht umschalten konnte. Die war benutzbar, wenn auch ziemlich unkomfortabel. Man war sich offensichtlich selbst bewusst, wie schlecht zugänglich die andere Ansicht für Blinde war. Die HTML-Ansicht ist entweder abgeschafft worden oder für Blinde nicht auffindbar.

Es fehlt an Qualitätssicherung

Das zeigt, dass selbst ein Milliarden-Konzern, der das Know-How zur Barrierefreiheit im eigenen Haus hat, vieles falsch machen kann. Offensichtlich sind die Produkte nicht von Blinden auf Barrierefreiheit getestet worden.Das Feedback der Community wird ignoriert.
Peinlich ist auch, dass Google auf Hinweise, die unter anderem von mir kamen, nicht reagiert hat. Das zeigt, dass Barrierefreiheit für Google kein wichtiges Thema ist.
Meine Konsequenz ist, mich so weit wie möglich von Google Produkten zu verabschieden.

Barrierefreie PDFs – Microsoft Office und LibreOffice im Vergleich

Barrierefreie Dokumente können sowohl mit Microsoft Office als auch mit LibreOffice erstellt werden. Beide Office-Pakete können auch barrierefreie, also getaggte PDFs speichern. In diesem Beitrag möchte ich die einzelnen Funktionen vergleichen.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf eigenen Erfahrungen sowie auf den offiziellen Anleitungen der Anbieter. Es kann durchaus sein, dass es Funktionen gibt, die mir nicht bekannt sind. Ich gehe hier in erster Linie auf Word und Writer ein.
Im ersten Abschnitt geht es um Funktionen, die beide Programme anbieten. Im zweiten Teil geht es um Besonderheiten der Programme.

formatvorlagen

Ganz grundlegend für barrierefreie Dokumente sind die Formatvorlagen. Diese finden wir sowohl in LibreOffice als auch in Microsoft Office. Mit ihnen werden Struktur-Informationen wie Überschriften, Listen oder Absätze hinterlegt.

Bildbeschreibungen

Ebenfalls in beiden Paketen finden wir die Möglichkeit, Bildbeschreibungen für Blinde zu erstellen. MS Office bietet seit 2016 automatische Bildbeschreibungen und Bilder lassen sich als dekorativ für Blinde unsichtbar machen.

Sprache und Metadaten

In beiden Paketen können metadaten wie Autor und Titel hinterlegt werden. Ebenfalls kann die Sprache des Textes sowie von Textpassagen festgelegt werden, damit sie Blinden in der korrekten Sprache vorgelesen werden.

Umfliessen

Generell funktioniert der Umfliessen-Modus in exportierten PDFs bei beiden Office-Paketen. Allerdings hat MS Office spätestens seit der Version 2013 einen Bug: Auf Seiten, in die eine Grafik eingefügt wurde funktioniert der Umfliessen-Modus nicht.

Tagged PDFs

Beide Office-Pakete können die genannten Struktur-Informationen ins PDF übernehmen.

LibreOffice

In diesem Abschnitt geht es um Besonderheiten von LibreOffice.

Lesezeichen

LibreOffice kann Lesezeichen exportieren. Das kann MS Office nach wie vor nicht. Die Lesezeichen werden etwa im Acrobat Reader auf der Linken Seite als immer sichtbares und komfortables Inhaltsverzeichnis angezeigt. Bei langen Dokumenten ist das praktisch.

Vor- und Nachteile von LibreOffice

Der Vorteil von LibreOffice besteht darin, dass sich die Funktionen immer am gleichen Ort finden und nicht so oft umbenannt oder verschoben werden wie in MS Office.
Leider scheint man aber seit der Version 3 von OpenOffice auch nichts mehr großartig an der Funktion geändert zu haben. Damals war das eine großartige Sache. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass man ein paar neue Features hinzufügt. Symptomatisch ist, dass die offizielle Anleitung der Document Foundation seit der Version 5.2. nicht aktualisiert wurde.

MS Office

Im Folgenden geht es um Besonderheiten von MS Office.

Tabellen

In Word kann eine nur für Blinde sichtbare Beschreibung zu Tabellen hinzugefügt werden. Außerdem kann die erste Zeile als Überschriftenzeile gekennzeichnet werden.

Prüffunktion

Ein Vorteil von Microsoft Office ist die seit Office 2010 integrierte Prüffunktion. Sie kann Probleme mit der Barrierefreiheit in den Dokumenten aufzeigen. Das ist natürlich super für Probleme, die sich automatisiert aufspüren lassen.

Vor- und Nachteile von MS Office

Microsoft hat die Funktionen seit Office 2007 stetig weiter entwickelt. Mittlerweile gibt es automatisch generierte Bildbeschreibungen oder die Möglichkeit, Bilder als dekorativ auszuzeichnen. Es gibt außerdem ausführliche Anleitungen zu barriefereien Dokumenten im Internet.
Der Nachteil ist aber ebenso offensichtlich: Für meinen Geschmack sind die Tools zu verstreut und sehr kompliziert zu finden. Immerhin braucht man drei Klicks , um einen Alternativtext hinzuzufügen.
Hinzu kommt, dass sie oftmals von Version zu Version verschoben oder umbenannt werden. Dass die Ribbons immer weiter mit Funktionen aufgeblasen werden, die 99 Prozent der Nutzer nie brauchen werden, macht Office selbst nicht wirklich zugänglich.
Ein weiterer Nachteil des Version-Chaos ist, dass es manche Funktionen in manchen Versionen gar nicht gibt. So funktionierte bei einer Kollegin auf dem Mac der Export als Tagged PDF nicht. Er sollte über die Cloud möglich sein, obwohl es sich um ein Desktop-Office handelt. Meine Assistenz hat eine andere Version von MS Office offenbar speziell für Studierende, wo gleich alle speziellen Barrierefreiheits-Optionen fehlten. Es bleibt das Geheimnis von Microsoft, was man sich bei dieser Produktpolitik denkt.

Fazit: Es gibt keinen Sieger

Wägt man die Vor- und Nachteile der beiden Office-Pakete ab, gibt es keinen eindeutigen Sieger. Microsoft nervt mit den hohen Preisen und der eigenwilligen Produktpolitik. LibreOffice schleppt die Funktion seit der Abspaltung von OpenOffice einfach mit. Natürlich sind die Ressourcen solcher OpenSource-Produkte begrenzt. Doch gerade für die Wissenschaft, aber auch für andere Bereiche wäre eine leistungsfähige Alternative zu MS Office und dem zu komplizierten Adobe Acrobat wünschenswert.
Für Blinde indes ist die Entscheidung leider recht einfach. Während Writer noch teilweise zugänglich ist, lässt sich das von Impress nicht behaupten. Hier kann NVDA zum Beispiel nicht erkennen, ob eine Folie bereits Inhalte enthält. Wenn wir also barrierefreie Dokumente mit Office-Anwendungen erstellen wollen, führt leider kein Weg an Microsoft vorbei. An dieser Stelle muss ich ausnahmsweise auch NV Access, die Macher von NVDA kritisieren. Zwar kommt an den meisten Arbeitsplätzen MS Office zum Einsatz. Doch hättte man sich als OpenSource-Projekt vielleicht doch stärker auf die Zusammenarbeit mit anderen OpenSource-Projekten konzentrieren sollen. Was für Screenreader gilt, gilt natürlich auch für Office-Pakete – nicht jeder hat das Geld, sie sich zu leisten.

Weiterführendes

Ist XING barrierefrei?

XING hat auf meine vielfachen Hinweise auf deren mangelnde Barrierefreiheit leider überhaupt nicht reagiert. Deshalb hielt ich es für notwendig, die Probleme öffentlich zu machen. Ich hätte das lieber bilateral geklärt.

Als Quasi-Monopolist bei Karriere-Netzwerken in Deutschland sollte XING hier meiner Ansicht nach mehr tun. Ansonsten bleiben behinderten Menschen Möglichkeiten der Vernetzung verschlossen. LinkedIn spielt in Deutschland noch nicht die zentrale Rolle und hat seine Hausaufgaben im Übrigen auch besser gemacht. Ja, es handelt sich um ein Privat-Unternehmen. Aber das ist heute kein Argument mehr, die Barrierefreiheit vollständig zu ignorieren.
Ich habe mir auch die XING-App fürs iPhone angeschaut. Die ist leider nicht zugänglicher als die Website.
Insgesamt ist das Portal natürlich sehr umfangreich. Ich gehe deshalb nur auf die Bereiche ein, die ich persönlich kenne. Auch beziehen sich alle Aussagen nur auf blinde Nutzer.

Nachrichten

Das Erstellen und beantworten von Nachrichten ist mit XING für Blinde leider nicht möglich. Die Eingabefelder sowie die diversen Optionen sind nicht sinnvoll oder gar nicht benannt.

Die roten Felder korrigieren

Wer zum Beispiel ein Event im Event-Markt anlegt, erhält gelegentlich die Fehlermeldung, er solle die roten Felder korrigieren. Ein toller Service, warum wird in der Fehlermeldung nicht direkt auf die Fehlerquelle verwiesen? Das würde auch die Usability deutlich verbessern.
Insgesamt sind leider alle Formulare teilweise nicht zugänglich. Bei einigen Feldern ist die Zuordnung zwischen Beschriftung und Eintrag nicht eindeutig.

Keine Alternativtexte für Grafiken

Zwar können Grafiken hochgeladen werden. Doch gibt es nicht die Möglichkeit, alternative Beschreibungen für Blinde zu hinterlegen.
Das ist auch deshalb dumm, weil dass sowohl Google als auch die XING-eigene Suchmaschine daran hindert, den Inhalt der Bilder zu indexieren.

Light-Boxen

Der exzessive Einsatz von Lightboxen ist eine der größten Barrieren auf XING. Für Tastaturnutzer und Screenreader-Nutzer poppen sie einfach irgendwo innerhalb der Seite auf, etwa dann, wenn ein Kontakt bestätigt oder eine Anzeige erstellt wird.
Das ist auch deshalb witzlos, da diese Popups keinerlei Mehwert bieten: Wer will, wenn er einen Kontakt hinzufügt eigentlich den in diesem Zusammenhang völlig belanglosen Hintergrund der Webseite sehen?

Gruppen-Administration

Leider sind auch die Funktionen zur Gruppen-Administration für Blinde absolut unzugänglich. Die Funktionen etwa zum Löschen oder Melden von Beiträgen werden blinden Nutzern gar nicht angezeigt.

Welchen Screenreader benutzen Blinde?

Da ich häufiger gefragt werde, welcher Screenreader unter Blinden am verbreitesten ist, gehe ich hier gerne kurz darauf ein.
Offizielle Statistiken gibt es tatsächlich keine. Die einzige mir bekannte Erhebung ist jene von WebAIM. Sie ist aber nicht repräsentativ, weil sie vor allem den anglo-amerikanischen Sprachraum erreicht. Außerdem werden die Nutzer eines bestimmten Screenreaders von dessen Anbieter gezielt aufgefordert, an der Umfrage teilzunehmen. Bei ein paar tausend Antworten verzerrt das die Ergebnisse deutlich.
In Deutschland gibt es aktuell fünf große Systeme unter Windows: Jaws, NVDA, Window Eyes, Cobra und den Narrator, der aber erst seit Windows 10 mehr als rudimentär ist.
Daneben gibt es VoiceOver auf dem Mac, der unter Blinden wie es scheint ähnlich verbreitet ist wie unter Sehenden. Der Marktanteil liegt bei Blinden bei ca. 10 Prozent.
Unter Linux gibt es verschiedene Hilfstechnologien. Orca ist sicherlich der wichtigste, aber nicht der einzige Screenreader. Auch hier ist der Anteil der blinden Nutzern ähnlich wie unter Sehenden, also praktisch kaum vorhanden.
Übersichtlicher ist die Situation unter mobilen Betriebssystemen. Auf iOS gibt es nur VoiceOver. Auf Android gibt es TalkBack, Voiceview auf Amazon-Geräten sowie den Samsung-Screenreader auf Samsung-Geräten. TalkBack ist hier das einzige System, was konsequent weiter entwickelt wird umd am meisten genutzt wird. Deutsche Blinde sind fast ausschließlich iOS-Nutzer. Die Zahl Blinder, die TalkBack parallel mit iOS oder als einziges System verwenden, würde ich auf ein paar Hundert schätzen.
Auf dem Desktop hat es in den letzten Jahren fünf größere Umwälzungen gegeben:

  • Der Eintritt des Open-Source-Screenreaders NVDA auf der Windows-Plattform.
  • Das Aufkommen des Screenreaders VoiceOver auf dem Mac.
  • Das Kostenlos-Werden und anschließende Verschwinden von Window Eyes.
  • Die Pleite der Firma Baum und das damit verbundene vermutliche Ende von Cobra. Cobra hat einen recht erheblichen Marktanteil in Deutschland.
  • Das Aufkommen und die stetige Weiterentwicklung des Narrator unter Windows 10.

Das Ende von Window Eyes und Cobra hat dem ansonsten schwächelden Jaws vor allem im Bereich Arbeit wieder erhebliche Marktanteile gebracht. Da NVDA in Deutschland keinen kommerziellen Support anbietet, ist Jaws heute praktisch der einzige Screenreader im beruflichen Bereich in Deutschland.
Im privaten Bereich dürfte die Sache differenzierter aussehen: Jaws durch die Krankenkasse finanziert zu bekommen ist nach wie vor schwierig. Deshalb spielt NVDA hier eine größere Rolle.
Ich kenne bisher keinen Blinden, der Narrator als ersten oder einzigen Screenreader unter Windows 10 verwendet.
In absoluten Zahlen und system-unabhängig betrachtet ist VoiceOver der eindeutige Marktführer unter den Screenreadern. Für viele Blinde ist er das first und oft auch only device, wenn es um Technik- und Internetnutzung geht.
Auf dem Desktop dürften sich Jaws und NVDA ungefähr die Waage halten. Der Mac hat einen gewissen Marktanteil, spielt aber meines Erachtens keine Schlüsselrolle. Der Narrator könnte wichtiger werden, aber dafür braucht er noch einige größere Updates.
Wer also mit Screenreadern testen will, sollte VoiceOver auf iOS und NVDA unter Windows verwenden. Eine Jaws-Lizenz für Testzwecke zu kaufen halte ich für sinnfrei. Allerdings gibt es auch eine Jaws-Demo, die jeweils 30 Minuten lauffähig ist.
Generell nehmen die Unterschiede zwischen den einzelnen Screenreadern ab. Durch die neue Browser-Vielfalt wird es jedoch schwieriger, da es häufig auf die Kombination Browser und Screenreader ankommt.

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