Barrierefreies PDF auf mobilen Plattformen

Barrierefreies PDF hätte gute Chancen, sich im Zuge des Mobile-First-Booms durchzusetzen. Zur Erinnerung: PDF hat vor allem das Ziel, auf allen Plattformen gleich auszusehen. Das ist toll, wenn alle Bildschirme die gleiche Größe haben, aber blöd, wenn es wie jetzt eine Vielzahl von Displays gibt. Das fängt an beim 4 Zoll großen Smartphone und reicht bis zum 40-Zoll-Fernseher, den viele als externen Monitor verwenden.
Man kann es drehen, wie man möchte, ein PDF-Dokument, das auf die typische Broschüren-Größe zugeschnitten ist, ist schlecht lesbar, wenn es nicht erfolgt. Und Tagged PDF tun genau das, weil Sehbehinderte dieses Problem schon immer hatten. Tags garantieren eine saubere Vergrößerung, einen korrekten Lesefluss und einen störungsfreien Textumbruch.

Touchscreens für Blinde und Sehbehinderte unter Windows

Dass Blinde Touchscreens auf Tablets und Smartphones benutzen, ist fast schon ein alter Hut. Ein Bereich, wo sie sich bisher nicht durchgesetzt haben sind Desktop-Computer und Notebooks. Touchscreens sind die letzte nennenswerte Innovation bei Notebooks. Serienmäßig werden sie allerdings nur für Windows angeboten. Win 8 war damit angetreten, das erste OS zu sein, dass sich gleichermaßen per Touch, Maus und Tastatur bedienen lässt.
So schnell, wie die ersten Touch-Notebooks auftauchten, sind sie auch wieder verschwunden. Bis auf die Convertibles gibt es vor allem im unteren Preissegment kaum noch Touchbooks. Das ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Ein Tablet hat man in der Hand oder vor sich liegen, ein Notebook ist typischerweise eine Armlänge entfernt. Bevor einem der ausgestreckte Arm abfällt, greif man eher zur Maus.
Ein weiterer Nachteil von Touchbooks besteht darin, dass sie beim Bildschirm-Tipp leicht wackeln, Tablets machen das nicht. Dadurch ist die Erkennung der Gesten ungenauer.

Barrieren schaffen Begegnung

Als Behinderte träumen wir oft von einer Welt ohne Barrieren. Wir könnten einfach ins Fitness-Studio gehen und lostrainieren, in der Uni hätten wir keine Probleme in Vorlesungen, wir könnten uns unseren Arbeitsplatz aussuchen, ohne langwierige Anträge auf Hilfsmittel zu stellen. So schön eine solche Welt wäre, es würde doch etwas verloren gehen: Begegnungen. Das ist ein Beitrag zur aktuellen Blogparade der Aktion Mensch.
Für Blinde ist es extrem schwierig, spontane Bekanntschaften zu machen. Der Schlüssel zu solchen Bekanntschaften ist nämlich der Blickkontakt. Der Blickkontakt kann vieles bedeuten: Er kann ein zwangloses Gespräch anbahnen, einen Flirt einleiten oder auch Ablehnung ausdrücken. aber der Blinde ist nicht in der Lage, Blickkontakt aufzubauen oder zu erwidern.
Da gilt es, aus der Not eine Tugend zu machen. Denn da wir bei vielen dingen Hilfe brauchen, bietet uns das die ideale Gelegenheit, andere Leute anzusprechen. Ihr wollt zum Beispiel sicher nicht sehen, wie ich mich an einem Buffet bedienen würde.Also frage ich einfach die nächst beste Person, ob sie mir hilft und habe im Idealfall einen Gesprächspartner fürs Mittagessen gefunden.
Neulich wollte ich ins Kölner Schokoladenmuseum und der Taxifahrer ließ mich prompt an einer falschen Stelle raus. Das Smartphone konnte mich nicht vor die Tür des Museums führen, also fragte ich einen Passanten nach dem Weg. Er brachte mich kurzerhand hin und wir unterhielten uns ein bis zwei Minuten über Köln und Schokolade. Hätte mich mein Smartphone zu meinem Ziel geführt, hätte diese kurze Unterhaltung nicht stattgefunden.
Schon heute sind Begegnungen zwischen Blinden und Sehenden selten, doch eine absolut barrierefreie Welt würde solche Bekanntschaften noch sehr viel unwahrscheinlicher machen. Aber da es eine solche Welt ohnehin nie geben wird, wird es noch reichlich Gelegenheiten zur Begegnung geben.

ReCap: Barrierefreie IT 2015

Heute war ich auf der Veranstaltung “Barrierefreie IT 2015″ des Unternehmens T-Systems. Wie immer kann ich euch meinen ganz persönlichen Rückblick nicht ersparen.
Da ja mittlerweile fast alle Veranstaltungen zum barrierefreien Internet eingeschlafen sind, muss man die Wenigen, die noch stattfinden um so stärker loben. Es ist auch zu begrüßen, dass der Veranstalter nicht einer der üblichen Verdächtigen – irgendwelche obskuren Ministerien – ist, sondern ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit vor allem privatwirtschaftlicher Kundschaft. Die nächste Welle der Barrierefreiheit – wie auch immer sie konkret aussehen mag – wird durch oder über die Wirtschaft rollen.
Die Mischung der Themen war für mich ein wenig überraschend. Die Vorträge drehten sich um Smartphones, künftige und gegenwärtige Innovationen oder eLearning, mir wurde der rote Faden nicht so deutlich.
Immerhin: die Veranstaltung war gut besucht, was bei so einem eher trockenen Thema und dem guten Wetter nicht unbedingt zu erwarten war. Bei den Vortragenden gab es wenig Überraschungen, aber die Teilnehmerschaft war soweit ich mitbekommen habe eher aus der Wirtschaft als aus den Ministerien. Die sind ja bekanntermaßen seit der BITV 2.0 fertig, was die Barrierefreiheit angeht. Daher ist es nur vernünftig, sich um andere drängende Themen zu kümmern.
Die Veranstaltung hat sich eher an Einsteiger gerichtet. So war doch überraschend für mich, das ich mir einen ganzen Vortrag über Apples Bedienungshilfen anhören musste. Das ist aber natürlich meine Innensicht, für die Menschen, die dort gesessen haben, war das sicherlich wirklich neu und überraschend.
Gleiches gilt für den Vortrag von Prof. Frank Schönefeld. Innovationen wie 3D-Druck, Echtzeit-Übersetzung oder KI sind uns Computernarren schon lange bekannt und locken uns nur ein müdes Lächeln hervor. Interessanter wäre gewesen zu zeigen, wie diese Innovationen auch Behinderten helfen könnten. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass die Herstellung komplexer Prothesen dank 3D-Druck wesentlich billiger werden könnte. Aber wie gesagt, das ist die Innensicht von Domingos. Vielleicht bin ich zu streng, was solche Dinge angeht.
Interessant ist, dass die T-Systems ein ganzes Heer von Usability- und Accessibility-Spezialisten beschäftigt, die mehrere hundert Anwendungen pro Jahr testen.
Herr Meixner, der Leiter dieser Abteilung, bemerkte nebenbei, dass Unternehmen verppflichtet seien, ihren Mitarbeitern barrierefreie Software zur Verfügung zu stellen. Mir ist eine solche Vorschrift nicht bekannt, eventuell hat er das aus der Bildschirmplatz-Arbeitsverordnung oder aus Vorschriften zur Software-Ergonomie abgeleitet.
Eine Bemerkung von Herrn Meixner ist allerdings meines Wissens nach falsch. Er verwies darauf, dass der Screenreader die Informationen im Wesentlichen über den Grafik-Treiber abgreift. Soweit ich weiß, haben das die Screenreader vor langer Zeit getan, alle aktuellen Screenreader ziehen die Informationen über die jeweilige Accessibility-API.
Ein wenig gewundert habe ich mich über die Location, das Schokoladenmuseum ist nicht der Ort, wo ich eine solche Veranstaltung erwarten würde, aber immerhin schön zentral und süß.
Da es – wie ich anfangs sagte – so wenige Veranstaltungen zu barrierefreier IT gibt, weise ich zum Abschluß auf zwei Veranstaltungen hin, die aber eher Fach-Charakter haben.

Android für Blinde – die ersten Wochen mit dem Moto G 2

Apple ist mit seinem Platzhirschen iPhone und iPad der Renner unter den Blinden, während Android und Windows Phone weit abgeschlagen sind. Leider zurecht, wie ich in den ersten Wochen mit meinem Motorola Moto G 2 feststellen musste.
Man merkt an allen Ecken und Enden, dass die Bedienungshilfen von Android eine Baustelle sind, an der ständig gearbeitet wird. Während Apples System wie aus einem Guss wirkt, schleichen sich bei Android immer wieder einmal Fehler ein oder man merkt, dass die Entwickler nicht mitgedacht haben. Mein Motorola war bei Lieferung auf Englisch eingestellt und Talkback startete auf Englisch. Ich habe dann die erste Einrichtung vorgenommen und Android auf Deutsch umgestellt, auch Taalkback sprach brav Deutsch mit mir. Ich führte anschließend das Update auf Android 5 durch. Beim Neustart war die Oberfläche weiterhin Deutsch, aber die Oberfläche wurde mit englischer Betonung vorgelesen. Ohne sehende Hilfe konnte ich es nicht mehr umstellen. Die entsprechende Einstellung findet man übrigens in den Bedienungshilfen unter Google Text in Sprache.
Ein ähnlich dämlicher Fehler schlich sich bei der Eingabe des PINs ein. Statt die Zahlen vorzulesen, sagte Talkback nur “Punkt”, womit es für Blinde natürlich nicht möglich ist, den PIN alleine einzugeben. Auch die Erkennung der Gesten funktioniert nicht so sauber, wie man es seit dem iPhone 3 Gs gewohnt ist. Die Infos aus der Statusleiste wie Ladezustand, neue Nachrichten etc. lassen sich nicht sauber auslesen. Man kann sich nicht einzelne Informationen vorlesen lassen, sondern muss sich die ganze Statusleiste vorlesen lassen, wenn man etwa wissen will, wie voll der Akku ist. Die Kamera-App von Motorola funktioniert nicht mit Talkback.
Ein weiterer Knackpunkt ist, dass das Einschalten von Talkback nicht einheitlich gelöst wurde. Bei neueren Androids reicht es, beim Start des Gerätes zwei Finger auf das Display zu legen und zu warten, bis Talkback startet. Zuvor musste man ein Rechteck auf das Display zeichnen, etwas, was nicht nur Touch-Unerfahrenen selten auf Anhieb gelingt. Wirklich ärgerlich ist es aber, dass es anscheinend nicht möglich ist, Talkback bei einem laufenden Android-System einzuschalten, dafür benötigt man die Hilfe Sehender, die in die Untiefen des Menüs eintauchen. Sogar Microsoft hat das bei Windows besser gelöst.
Ich muss allerdings einschränkend sagen, dass ich gerade neu eingestiegen bin und mehr durch Ausprobieren als systematische Einarbeitung unterwegs bin.
Einige Sachen hat Google allerdings besser gelöst als Apple. Ich kann mit der Standard-Tastatur deutlich schneller tippen als beim iPhone. Das iPhone verlangt, dass man zunächst das korrekte Zeichen findet und dann doppelklickt. Bei Android wird das Zeichen automatisch getippt, nachdem man den Finger vom Display hebt. Aber auch hier ist die Bedienphilosophie von Android nicht einheitlich. Bei Buchstaben reicht Berühren und Finger aufheben für einen Tipp, Symbole müssen aber immer noch doppelt getippt werden, um sie zu aktivieren. Schön ist, dass es Feedback in Form von Sound und Vibration gibt. Wenn man über ein anklickbares Element streicht, gibt es einen Sound und eine Vibration, man kann eines von beidem oder beides abstellen. Mir persönlich gefällt die Vibration besser.
Auch der Standard-Browser Chrome ist nicht ganz barrierefrei. So werden Elemente wie Überschriften nicht angesagt, der Firefox-Browser kann das.
Meiner Erfahrung nach werden Objekte leichter gefunden, wenn man den Finger auf dem Display belässt und damit herum wischt. Ich habe beim iPhone typischerweise mit der Wischgeste gearbeitet, um mich von Element zu Element zu bewegen, was dort auch gut funktioniert hat. Beim Motorola scheint es besser zu funktionieren, wenn man den Finger nicht vom Display nimmt, sondern quasi darauf herummalt, bis das Feedback in Form von Sound oder Vibration erfolgt und man also ein anklickbares Element gefunden hat.
Als erstes Zwischenfazit: Ich kann beim jetzigen Status keine Empfehlung für Android aussprechen. Für Blinde, insbesondere für solche, die neu in die Welt der Touch-Bedienung einsteigen sind die Gesten zu kompliziert und. Das System funktioniert an vielen Ecken und Enden nicht, wie es sollte. Da leistet jedes iPhone 3 Gs bessere Dienste.
Auch für das Motorola kann ich leider keine Empfehlung abgeben. Besonders ärgerlich ist das Fehlen von Hardware-Tasten. Das Patschen auf den Zurück-Button und die anderen Symbole, die ständig im unteren Teil des Bildschirms eingeblendet werden funktioniert leider nicht immer sauber. Für Blinde sind die Hardware-Tasten eindeutig besser. Wenn schon das relativ nackte Android des Moto G 2 sich so verhält, kann ich für die Geräte anderer Firmen noch weniger eine Empfehlung aussprechen. Leider sind die Nexus-Geräte noch so teuer, dass sich die Investition kaum lohnt.
An dieser Stelle muss ich auch einen ausdrücklichen Tadel an die Firma Google aussprechen. Sie haben das Geld, sie haben das Know-How und sie haben genügend Einfluss, um Android barrierefrei zu machen. Mir scheint aber, dass sie seit Android 2.2 nicht viel dazu gelernt haben und dass sie das Thema nicht wirklich ernsthaft angegangen sind. Vieles ist besser geworden, aber von gut kann man absolut nicht sprechen. Im Gegenteil, einerseits weiß Google, wie wichtig das Thema ist, sonst wären sie es nicht angegangen. Andererseits wirkt Vieles wie Flickschusterei.

mein Vortrag auf dem OpenTransferCamp Inklusion

Heute gibt es die Folien zu meinem Vortrag “Barrierefreiheit im Internet – Tipps und Tools”. Die Präsentation habe ich im Rahmen des OpenTransferCamp Inklusion in Dortmund am 21. März 2015 gehalten.
Die Präsentation steht auf SlideShare und kann hier als PowerPoint-Präsentation heruntergeladen werden.

Ich stelle sie unter eine MDWIW-Lizenz = Macht damit, was ihr wollt, bearbeiten, ergänzen in den Papierkorb verschieben…

Wie Blinde Webseiten erschließen

Auch wenn jeder Blinde sein ganz individuelles System aus Betriebssystem, Screenreader und Konfiguration hat, gibt es doch generell drei Strategien zur Erschließung von Webseiten.

  1. Unstrukturiert
  2. Strukturiert
  3. Zielgerichtet

Quick and Dirty – Tab und Cursor-Tasten

Die Quick-and-Dirty-Strategie ist optimal für fremde Websites, die man vermutlich nie wieder aufsuchen wird sowie für schlecht strukturierte Seiten. Dazu gehören übrigens auch die meisten für mobile Endgeräte optimierten Seiten.

Für diese Strategie benötigt man lediglich die Tab-, Cursor-Rauf- und Runter- Sowie die Bild-Auf und Ab-Tasten. Auf Touch-Screens fährt man lediglich mit dem Finger über das Display, bis man die interessante Stelle gefunden hat.

Braille-Tag 2015 – überall und nirgendwo

BraillezeileHeute am 4. Januar ist mal wieder der Welt-Braille-Tag, Zeit, ein wenig zurück und in die Zukunft zu schauen.

Man kann ohne Weiteres sagen, dass Braille mittlerweile im Alltag angekommen ist. Dank Medikamentenverpackungen und Visitenkarten mit Braille-Aufdruck dürfte mittlerweile jeder ein wenig Braille im Haus haben.

Auf der anderen Seite scheint das Interesse Blinder an der Brailleschrift nachgelassen zu haben. Kostenlose Sprachausgaben wie VoiceOver, Talkback, NVDA und der schnarchige MS Narrator sind mittlerweile massenhaft und kostenlos verfügbar.

ReCap – Zukunftskongress der Inklusion

ZukunfskongressWer am 2. und 3. Dezember auf Twitter war und sich für Barrierefreiheit interessiert, hat sicher etwas vom Zukunftskongress Inklusion 2025 mitbekommen. Die Diskussionen waren recht vielfältig, so dass ich hier nur ein paar Gedankenfetzen auffangen möchte, mit denen wir als Accessibility-Experten und Interessierte uns schon heute beschäftigen werden müssen. Wenn die Videos im Internet stehen, werde ich hier darauf hinweisen.

Verschärft die Inklusion die Exklusion?

Wie so oft stellt sich auch bei der Barrierefreiheit die Frage, ob die Inklusion der Einen die Exklusion der Anderen verschärft.

Die drei Todsünden in wissenschaftlichen Hörbüchern

Zwei übereinander liegende CDsIch bin ein großer Fan von Hörbüchern. Wenn ich nicht gerade arbeite, läuft bei mir von morgens bis abends ein Hörbuch. Um so bedauerlicher ist es, dass Hörbücher für die wissenschaftliche arbeit leider nicht geeignet sind.

Todsünde 1: Zwischenschieberitis

Ein Sehender liest ein Buch nicht Wort für Wort. Wer ein wenig Lese-Erfahrung hat, überspringt kleine Satzteile, die redundant sind. Ein Beispiel dafür ist das “sagte” in Romanen. Man kann seitenlange Dialoge mit “sagte er, sagte sie, sagte er, sagte er, sagte sie” abhandeln, ohne dass es jemandem aufstoßen würde, das ist auch kein schlechter Stil. Schlechter Stil ist dagegen “schrie er, weinte sie, grunzte er, schmachtete sie”.