Richtig Suchen im Netz

9. März 2010

Wer die klassischen Suchmaschinen intensiver nutzt, gerät schnell an deren Grenzen. Google macht den Eindruck, als ob seine Technik in den letzten zehn Jahren nicht entscheidend weiter entwickelt worden wäre. Googles Schwäche lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Semantik.
Ich wollte einmal recherchieren, ob Google seine beiden Betriebssysteme ChromeOS und Android für blinde Nutzer anpasst. Ebenso gut hätte ich eine Studie über die Verwendung des Wortes “blind” anlegen können. “Blind” wird im deutschen und scheinbar auch im englischen Sprachraum gerne auch verwendet, um Dummheit, Ingoranz und ähnlich negative Sachverhalte auszudrücken. Wer das Wort entsprechend einsetzt, ist selber nicht besonders helle.
Google kennt keine Semantik, deshalb versteht sein Algorithmus nicht den Unterschied zwischen: Blindheit = Sehschwäche und Blindheit = Nicht-Verstehen.
Nebenbei habe ich mich dafür interessiert, ob es Leitfäden für das richtige Suchen gibt. Die kurze Antwort lautet: Nein.
Die lange Antwort lautet: Wer nach Büchern für Suchmaschinen, deren Funktionsweisen und besserer Anwendung sucht, stößt auf ein unbeackertes Feld. Der Internet-Buchhändler spuckt Dutzende von Büchern für Suchmaschinen-Optimierung oder Search Engine Marketing aus, aber nur ein Buch über Suchmaschinen an sich. Es ist der bekannte Klassiker von Stefan Karzauninkat, die Suchfibel, die auch online zugänglich ist. Die Buchausgabe ist doch recht betagt, die Online-Version wird nach einiger Zeit wieder aktualisiert.
Das Regionale Rechenzentrum Niedersachsen (RRZN) in Hannover gibt für Angehörige von deutschen Hochschulen EDV-Leitfäden heraus, unter anderem einen Leitfaden für Suchmaschinen. Dazu stellt der Herausgeber resigniert fest:

Wir stellen fest, dass unsere Studierenden wohl nur noch Google zur Kenntnis nehmen und völlig ignorieren, dass durch (eventuell zusätzlichen) Einsatz anderer
Suchhilfen Suchergebnisse deutlich verbessert werden können. Deshalb ist der Absatz dieses Handbuches »Suchen & Finden« drastisch zurückgegangen und folglich
werden wir dieses Buch nicht neu auflegen.

Quelle
Wer dennoch ein wenig tiefer recherchieren muss oder möchte, ist mit der ebenfalls vom RRZN betriebenen Suchmaschine Metager gut bedient. Der typische Google-Nutzer dürfte von den Auswahlmöglichkeiten erschlagen werden, die sich eröffnen, wenn man auf der Seite ein wenig runter scrollt. Wer aber höhere Ansprüche an seine Suchergebnisse stellt, kommt nicht daran vorbei, sich intensiver mit Boolschen Operatoren und ähnlichem zu beschäftigen oder eben nach Alternativen zu Google und Co. zu suchen. Metager zeigt, welche Möglichkeiten und Alternativen es gibt.
Hier ein Text, der sehr schön die Schwierigkeiten des Suchens in unstrukturierten Daten darstellt und die mögliche Lösung in der Bayes-Statistik sieht.

Steigt das Silicon Valley in die Umwelttechnik ein?

8. März 2010

Nicht alles, was einen grünen Anstrich hat, ist auch umweltfreundlich oder sinnvoll. Ob Biokraftstoffe, die Brennzellentechnik, Photovoltaik in Deutschland, die Interessen sind in allen Bereichen von der Wirtschaft und nicht vom Umweltgedanken geprägt.
Dabei ist die Wirtschaft nicht unbedingt schlecht, man sollte nur vorsichtig sein, wenn man Statements dieser Industrie hört: Längst haben sich in Deutschland große Lobbys rund um Solar- und Windenergie organisiert, die vor allem von Erneuerbare-Energien-Gesetz profitiert haben. In diesem Sinne sind die Diskussionen rund um die Subventionierung der Erneuerbaren zu sehen. Es geht um einen Wirtschaftszweig, der seine Subventionen erhalten möchte und dabei von einem grünen Image profitieren möchte.
Oft sind die Amerikaner nicht die Ersten, die eine große Erfindung machen. Die Amerikaner beherrschen aber das Marketing und die Herstellung marktreifer Produkte noch immer besser als die Europäer.
Ein lesenswerter Artikel in der FAZ zeigt, dass die IT-Branche im sagenumwogenen Silicon Valley stagniert. Neue Chancen könnten ausgerechnet in der grünen Ökonomie liegen:

Hancock sieht allgemein die größte Hoffnung der Region nicht mehr so sehr wie früher in den Bereichen Informationstechnologie und Internet, wo es nach seiner
Auffassung Sättigungserscheinungen gibt. Aussichtsreicher seien vielmehr grüne Technologien, die mit alternativer Energiegewinnung und anderen umweltorientierten
Bereichen zu tun haben. Das Silicon Valley habe schon heute eine starke Position in der Solarindustrie oder bei alternativen Fahrzeugantrieben wie Elektroautos.

Bill Gross ist bereits aus der New Economy bekannt und investiert breit in kostengünstige Anlagen für Solarthermie, nachzulesen in einem Artikel der Technology Review.
Interessanterweise sieht er kaum Chancen in der Photovoltaik, die in Deutschland dominant ist. Auch wenn die Leistung der Solarzellen ständig verbessert wird stellt sich die Frage, ob Solarstrom in sonnenreicheren Gebieten nicht besser produziert werden kann.
Generell ist nichts gegen Subventionen oder Anschubfinanzierung durch den Staat einzuwenden. Ohne dies hätte es kaum jemals Atomkraftwerke gegeben. Dabei muss man allerdings darüber nachdenken, ob diese Technik tatsächlich eine Chance hat, eine echte Alternative zu werden. Die Amerikaner haben den Vorteil, dass sie sehr viel Geld in die Hand nehmen, um günstige Produkte in Masse auf den Markt zu bringen. Von solchen günstigen Alternativen zu Großanlagen könnten auch die sonnenreicheren, aber ärmeren Länder in Asien und Afrika profitieren.

Lost in Space – Navigation für Blinde

2. März 2010

Vor ungefähr zehn Jahren trat das GPS seinen Siegeszug auf den Konsumermarkt an. Mittlerweile dürfte fast jeder einen GPS-Sender dabei haben, in Navis, Handys und tragbaren Computern. Wer sich in eine fremde Ortschaft begibt, verlässt sich auf sein GPS. Manche verlernen dabei vollständig, sich in der neuen Gegend unabhängig zu orientieren und finden sich nur noch via GPS zurecht. Manchmal führen Navis dank TMC zu Staus, die sie ja eigentlich verhindern sollten. Wer seine Mitmenschen in die Irre führen – oder nicht gefunden werden – möchte, der verwendet einen Störsender, denn sogar Seeleute verlieren ohne GPS die Orientierung.
Unter Blinden sind Navis aus den bekannten Gründen kaum verbreitet. Mittlerweile gibt es ein System, dass auch für Sehgeschädigte interessant werden könnte: der KapTen. Das Gerät kommt ohne Display und dürfte daher weit länger mit einer Akkuladung auskommen als herkömmliche Navis. Da es für unter 300 Euro in Deutschland vergleichsweise billig ist, könnte das Gerät tatsächlich interessant werden.
Es scheint allerdings noch einige Kinderkrankheiten zu geben: es gibt im deutschsprachigen Raum kaum Erfahrungsberichte von Blinden. Auf dieser englischsprachigen Seite wird sehr ausführlich über Stärken und Schwächen des Gerätes berichtet. Das ernüchternde Fazit zumindest damals: das Gerät kann nur der Anfang sein und taugt nicht zum praktischen Einsatz. Es gibt keinen Rund-Um-Blick, die Steuerung ist hakelig, der aktuelle Standort wird nicht angesagt.
Das ist schade, dennoch bleibt zu hoffen, dass die Kritik bei den Entwicklern angekommen ist und das Gerät entsprechend weiter entwickelt wird.
Update: Nach der Übernahme von Wayfinder Systems durch Vodafone scheint sich letzterer entschlossen zu haben, die Anwendung Wayfinder Access nicht mehr weiter zu entwickeln. Die blindengerechte Navigationssoftware lässt sich auf Mobiltelefone installieren. Wer dagegen protestieren möchte, kann hier eine Online-Petitionunterschreiben.

Serendipity – finden, was man nicht gesucht hat

28. Februar 2010

Serendipity ist der Name eines bekannten freien Blogsystems. Pity – das wissen wir noch aus der Mittelstufe – heißt Pech. Der etwas sperrige Begriff ist noch schlimmer, wenn man versucht, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Das “Serendipitätsprinzip” bezeichnet den Umstand, dass man etwas Interessantes findet, ohne gezielt danach gesucht zu haben.
Menschen, die wie ich selten kreativ arbeiten müssen, suchen manchmal stundenlang nach der besten Formulierung, einer genialen Idee oder der besten Lösung. Dabei konzentriert man sich so auf seine Aufgabe, dass Einem nun wirklich nichts Brauchbares einfällt.
Zumindest habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit freiem Schweifen der Gedanken oft mehr erreicht. Die besten Ideen kommen oft, wenn man sich von der ursprünglichen Sache ein wenig wegbewegt und sich aktiv mit anderen Dingen beschäftigt.
Gelegentlich bin ich morgens aufgewacht und habe gedacht: “Das ist es!”. Auf der Fahrt in der Bahn kommt ein Gedanke wie ein Blitz und man sucht verzweifelt nach etwas zum Schreiben. Ich habe immer einen Block in meinem Rucksack, wo ich schnell mal etwas notieren kann. Kleiner Tipp nebenbei, das Gedächtnis scheint kurz nach dem Aufwachen nicht so recht zu funktionieren. Man weiß zum Beispiel ganz sicher, dass man etwas geträumt hat und sogar, dass man wusste, was man geträumt hat. Doch schon Minuten später hat man den eigentlichen Traum und auch Vieles, was kurz nach dem Aufwachen passiert ist vergessen. Deshalb sollte man etwas zum Schreiben neben dem Bett liegen haben, wo man sich kurze Notizen machen kann. Natürlich nur, wenn man das unbedingt wissen möchte.
Die Psychologie spricht von “frei schwebender Aufmerksamkeit”, beschrieben in einem Interview mit Peter Kruse ist oft wesentlich zielführender als das angestrengte Suchen. Vielleicht löst die Konzentration auf Dauer Stress aus, der die Aufmerksamkeit verschlechtert. Es ist recht schwierig, sich lange Zeit auf einen bestimmten Punkt zu konzentrieren.

Der Niedergang Roms – wieso, weshalb, warum?

27. Februar 2010

Guido Westerwelle hat wohl die Oppositionsrolle noch nicht so ganz abgelegt. Wie auch immer, im Augenblick schlägt er sich mit römischer Geschichte herum. Die spätrömische Dekadenz habe den Niedergang Roms herbeigeführt, und Deutschland sei mit seinen Sozialausgaben diesem Stadium Roms vergleichbar.
Als Jurist kennt Westerwelle vermutlich das römische Recht, welches prägend ist für die Gesetzgebung vieler westlicher Staaten und Vorbild für viele andere Rechtssysteme. Die Hochzeit juristischer Fernsehserien scheint seit den Richtershows vorbei zu sein: Barbara Salesch hat Matlock gekillt. Wer jenseits von John Grisham sich für die Wurzeln modernen Rechts interessiert, kann sich auch die Cicero-Biographien “Titan” und “Imperium” von Robert Harris zu Gemüte führen.
Der Niedergang von Weltreichen ist einer der spannsten Gebiete der Geschichtsforschung. Mit den Büchern zum Niedergang Roms kann man eine ganze Bibliothek füllen. Die Niedergangsliteratur an sich füllt ganze Bibliotheken und hat Historiker aller Epochen beschäftigt: Edward Gibbon, Jakob Burkhardt, Oswald Spengler, Arnold J. Toynbee und viele mehr. Man kann von einem eigenen Genre der Niedergangsliteratur sprechen.
Ich selbst habe meine Diplomarbeit über das Thema “Niedergang der USA” geschrieben, den sperrigen Titel erspare ich den Lesern. Wenn ich die Arbeit mal wieder finde, stelle ich sie online.
Das Fazit ist, dass eine ganze Reihe von Faktoren zum Niedergang eines Imperiums führen. Dabei spielen wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und militärische Faktoren eine Rolle. Die meisten Autoren neigen dazu, bestimmte Faktoren in den Vordergrund zu stellen. Dabei ist nicht überraschend, dass sie immer den Faktor betonen, der zufällig ihr Fachgebiet ist und wo sie sich besonders gut auskennen. Moderne Hobby-Historiker wie Westerwelle hingegen betonen vor allem den Faktor, der ihnen selbst wichtig ist, da reichen auch oberflächliche Geschichtskenntnisse.
Dabei ist es praktisch undmöglich, Ursache und Wirkung getrennt zu analysieren. So kann Dekadenz ebenso eine Wirkung von zu großer Macht wie eine Ursache für militärische Abenteuer sein. Experten und Laien pflegen immer noch das klassiche Schema, wonach eine Ursache genau eine Wirkung hat. Die Ermordung des Thronfolgers hat zum Ersten Weltkrieg geführt, mehr muss man nicht wissen, mehr kann man sich ohnehin nicht merken.
Jedenfalls ist es nie ein einzelner Faktor, der einen Niedergang herbeiführt. Vor allem Wirtschaftsliberale sollten vorsichtig mit ihren Aussagen sein, denn das Wirtschaftssystem, das seit 20 Jahren konkurrenzlos dasteht, ist gerade zerplatzt wie eine Seifenblase. Sicher gibt es genügend Theorien über das liberale Wirtschaftssystem, dass zum Niedergang Roms geführt hat.
Wer sich dafür interessiert, sollte das Standardwerk des deutschen Historikers Alexander Demandt lesen: “Der Fall Roms” fasst auf fast 700 Seiten die Theorien zum Niedergang des Imperiums zusammen. Wem das zuviel ist, der lese das Inhaltsverzeichnis, das gibt schon einigen Aufschluss über die Uneinigkeit der Historiker über den Fall Rom und die Vielschichtigkeit des Themas. Peter Bender vergleicht das amerikanische Weltreich mit dem römischen Imperium in seinem Buch “Weltmacht Amerika – das neue Rom?”.