Wie Blinde Webseiten erschließen

Auch wenn jeder Blinde sein ganz individuelles System aus Betriebssystem, Screenreader und Konfiguration hat, gibt es doch generell drei Strategien zur Erschließung von Webseiten.

  1. Unstrukturiert
  2. Strukturiert
  3. Zielgerichtet

Quick and Dirty – Tab und Cursor-Tasten

Die Quick-and-Dirty-Strategie ist optimal für fremde Websites, die man vermutlich nie wieder aufsuchen wird sowie für schlecht strukturierte Seiten. Dazu gehören übrigens auch die meisten für mobile Endgeräte optimierten Seiten.

Für diese Strategie benötigt man lediglich die Tab-, Cursor-Rauf- und Runter- Sowie die Bild-Auf und Ab-Tasten. Auf Touch-Screens fährt man lediglich mit dem Finger über das Display, bis man die interessante Stelle gefunden hat.

Barrierefreiheits-Probleme dokumentieren

Wir kennen das, ein Problem bei der Barrierefreiheit zu beschreiben ist verbal recht schwierig. Mit den technischen Beschreibungen kann das Gegenüber meistens nichts anfangen und der Programmierer – sofern man überhaupt mit ihm in Kontakt kommt – ist ebenfalls überfordert.

Hier ein schönes Beispiel von den Stadtwerken Bonn. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass ich die Stadtwerke darauf hingewiesen habe, sie aber eine Reaktion bislang nicht für nötig gehalten haben. Hier passiert folgendes: Wenn ich einen Start eingebe und zum Ziel springe, verändert sich ohne mein Zutun der Inhalt des Start-Eingabefeldes, ohne dass ich das merke. Natürlich kommt beim fahrplan nur Murks heraus, wenn das Teil aus dem Start “Bonn” “Paderborn” macht, auch wenn Bonn und Paderborn total ähnlich sind.
Ein einfaches Tool zur Dokumentation solcher Probleme sind Programme zur Aufnahme des Bildschirm-Inhalts, auch als Screen Capturing bezeichnet. Solche Programme werden gerne für Tutorials verwendet, für andere Zwecke sind sie aber ebenso geeignet.
Der Platzhirsch für Windows heißt Camtasia, für unsere Zwecke reicht das kostenlose CamStudio, es ist in Grenzen auch für Blinde bedienbar.
Wir laden uns also das aktuelle Programm herunter und installieren es wie geahbt. Die Menüs sind komplett über Tastatur bedienbar. Unter “Region” können wir einstellen, welcher Teil des Bildschirms aufgenommen werden soll. Ist es ein normales Desktop-Programm, ist Full Screen die richtige Wahl. Ansonsten reicht “Window”, um etwa den Inhalt des Browser-Fensters aufzunehmen. Blinde sollten darauf achten, dass nichtsPrivates auf der Aufnahme zu sehen ist, eure Nacktbilder und peinlichen Lesezeichen solltet ihr also ausblenden, es sei denn, ihr habt eine Person eures Vertrauens, die vor der Veröffentlichung noch mal auf das Video guckt.
Zur Aufnahme von Audio gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Ihr könnt den Screenreader mitaufzeichnen lassen oder per Mikrofon Kommentare einsprechen. Letzteres erscheint mir sinnvoller, da jeder Screenreader für ungeübte Ohren ungewohnt und unverständlich klingt. In der Regel werden Sehende ohnehin nicht verstehen, was ihr da macht. Die Audioquelle kann unter “Options” ausgewählt werden. Oder ihr gebt einfach wie ich an dieser Stelle eine verbale Beschreibung mit.
Man könnte auch den Sprachbetrachter von NVDA verwenden, der legt sich aber leider über den für Sehende spannenden Teil des Bildschirms und mir ist keine Möglichkeit für Blinde bekannt, dieses Fenster zu verschieben.
Sehende haben außrdem die Möglihckeit, Kommentare in das fertige Video einzubetten, das geht über “Tools”.
Die Aufnahme ist kinderleicht. Am besten startet ihr zuerst das Programm oder den Browser, den ihr dokumentieren wollt, anschließend CamStudio. Unter “File” findet ihr den Punkt “Record”, die ihr aktivieren müsst und schon startet die Aufnahme. Wechselt jetzt schnell zum aufzuzeichnenden Projekt und führt das durch, was ihr dokumentieren möchtet. Wenn ihr fertig seid, wechselt zurück zu CamStudio und wählt auf “File” “Stop”. Anschließend wählt ihr einen Speicherort – das wars. Leider gibt es keine Shortcuts für das Programm, das wäre echt praktisch.
Das fertige Video kann man je nach Geschmack auf YouTube hochladen – euer Kunde wird sich sicher freuen – per Dropbox oder einen ähnlichen Dienst bereit stellen oder klassisch per USB-Stick verchicken.
Diese Methode ist nicht für alle Zwecke geeignet, dürfte aber in einigen Fällen hilfreich sein.

Braille-Tag 2015 – überall und nirgendwo

BraillezeileHeute am 4. Januar ist mal wieder der Welt-Braille-Tag, Zeit, ein wenig zurück und in die Zukunft zu schauen.

Man kann ohne Weiteres sagen, dass Braille mittlerweile im Alltag angekommen ist. Dank Medikamentenverpackungen und Visitenkarten mit Braille-Aufdruck dürfte mittlerweile jeder ein wenig Braille im Haus haben.

Auf der anderen Seite scheint das Interesse Blinder an der Brailleschrift nachgelassen zu haben. Kostenlose Sprachausgaben wie VoiceOver, Talkback, NVDA und der schnarchige MS Narrator sind mittlerweile massenhaft und kostenlos verfügbar.

ReCap – Zukunftskongress der Inklusion

ZukunfskongressWer am 2. und 3. Dezember auf Twitter war und sich für Barrierefreiheit interessiert, hat sicher etwas vom Zukunftskongress Inklusion 2025 mitbekommen. Die Diskussionen waren recht vielfältig, so dass ich hier nur ein paar Gedankenfetzen auffangen möchte, mit denen wir als Accessibility-Experten und Interessierte uns schon heute beschäftigen werden müssen. Wenn die Videos im Internet stehen, werde ich hier darauf hinweisen.

Verschärft die Inklusion die Exklusion?

Wie so oft stellt sich auch bei der Barrierefreiheit die Frage, ob die Inklusion der Einen die Exklusion der Anderen verschärft.

Die drei Todsünden in wissenschaftlichen Hörbüchern

Zwei übereinander liegende CDsIch bin ein großer Fan von Hörbüchern. Wenn ich nicht gerade arbeite, läuft bei mir von morgens bis abends ein Hörbuch. Um so bedauerlicher ist es, dass Hörbücher für die wissenschaftliche arbeit leider nicht geeignet sind.

Todsünde 1: Zwischenschieberitis

Ein Sehender liest ein Buch nicht Wort für Wort. Wer ein wenig Lese-Erfahrung hat, überspringt kleine Satzteile, die redundant sind. Ein Beispiel dafür ist das “sagte” in Romanen. Man kann seitenlange Dialoge mit “sagte er, sagte sie, sagte er, sagte er, sagte sie” abhandeln, ohne dass es jemandem aufstoßen würde, das ist auch kein schlechter Stil. Schlechter Stil ist dagegen “schrie er, weinte sie, grunzte er, schmachtete sie”.

Inklusion von unten – wir sind die Zukunft

In einem älteren Beitrag habe ich gezeigt, wie jeder zur Barrierefreiheit beitragen kann. Heute wiederhole ich das gleiche Spiel für die Inklusion, das gleichberechtigte Zusammenleben von Behinderten und Nicht-Behinderten – das ist ein Beitrag zur aktuellen Blog-Parade der Aktion Mensch Inklusion 2025. Ein Resümee gibt es hier.

Inklusion Top-Down

Die diversen Regierungen und NGOs tun recht viel für die Inklusion. Nicht nur, dass sie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert haben – ein schönes Wort. Sie machen auch Aktionspläne, erstellen regelmäßige Berichte und Schatten-Berichte – äh ja.

Game Over mit verbundenen Augen

Wie schon berichtet habe ich als Experte für digitale Barrierefreiheit am Montag an einer Veranstaltung zu Audio-Games in Hannover teilgenommen. Mit 40 bis 50 Besuchern war das Interesse doch recht groß.

Die Besucher hatten die Gelegenheit, mehrere Spiele auszuprobieren. Ein wirklich fieses Spiel ist Game Over, es ist so gestaltet, dass man nicht gewinnen kann. Barrieren gehören hier zum Konzept. Vielleicht sollten wir mal was Analoges fürs Internet basteln, obwohl, da gibt es ja schon genug real existierende und ernst gemeinte Anschauungsobjekte.

Barrierefreie Computerspiele – neue Wege für Blinde und Sehbehinderte

Am Montag, 10.11. bin ich als Gast auf einer Veranstaltung zu blindengerechten Computerspielen eingeladen. Vielleicht hat ja jemand von euch Zeit und Lust, vorbeizuschauen. Eine Review könnt ihr hier nachlesen.

Die heutigen Audio-Games und Touch-Display-geeigneten Spiele sind zwar unterhaltsam, aber in ihrer Spielmechanik begrenzt. Casual Games a la Audio-Tetris lassen sich relativ leicht umsetzen, vermögen aber Power-Gamer nicht wirklich glücklich zu machen.

Behinderte und die Inklusion in die Berufswelt

Heute habe ich eine Veranstaltung der Telekom und der BITKOM zur Inklusion von behinderten ITlern besucht. Damit sich das gelohnt hat, erzähle ich euch davon.

Ich bin behindert, gib mir einen Job

Eine der großen Hemmnisse bei der Einstellung Behinderter sind Vorurteile bezüglich der Leistungsfähigkeit und des Betreuungsaufwandes. Nüchtern und betriebswirtschaftlich gedacht lohnt es sich oft nicht, einen Schwerbehinderten einzustellen. Er erfordert in der Regel zusätzlichen Aufwand, braucht eventuell mehr Platz, hat fünf Tage Sonder-Urlaub und gilt als unkündbar. Das mit der Unkündbarkeit ist ein Mythos, aber es wiegt die Nachteile nicht auf.

Out of Space – Tastausstellung für Blinde

RaketeHalbverbrannte Unterwäsche, lebensgroße Außerirdische und Teile einer echten Rakete, das sind nur einige der Highlights der Ausstellung “Out of Space” in der Bundeskunsthalle Bonn. Ich habe gestern die Tastausstellung speziell für Blinde besucht und damit sich der Eintrittspreis auch rechnet, schreibe ich noch diesen Blogbeitrag dazu.

Zum Thema Weltraum kann ich gar nicht so viel sagen: Mein Wissen bezieht sich vor allem aus Star Trek und Babylon 5. Die 90er waren die Hoch-Zeit der Raumschiff-Serien in Deutschland, das Interesse am Weltraum oder zumindest an diesen Serien scheint deutlich nachgelassen zu haben.