Barrierefreiheit mit WordPress

Screenshot von meinem BlogWordPress ist sicherlich das beliebteste Blogging-System überhaupt. Ganz nebenbei hat es sich auch für viele Website-Anbieter zum bevorzugten Redaktionssystem entwickelt. In diesem Artikel erkläre ich, wie man mit WordPress barrierefreier werden kann.

Die Wahl des Themes

WordPress lässt sich als Framework betrachten, das sich an unterschiedliche Ansprüche anpassen lässt. Das gilt insbesondere für das Layout. Die Wenigsten werden sich mit den Standard-Themes von WordPress begnügen. Sie sind allerdings relativ barrierefrei. Bei Pressengers findet ihr eine Auswahl barrierefreier Themes.
Bei Themes von Dritt-Anbietern müsst ihr selbst prüfen, ob sie barrierefrei sind. Ist euch eine Website bekannt, die das Theme bereits einsetzt, könnt ihr diese automatisch mit einem Tool wie WAVE oder manuell mit einem Prüfverfahren wie dem BITV-Test prüfen. Fragt ruhig auch bei dem Entwickler nach, ob das Theme barrierefrei ist. Vor allem, wenn das Theme kostenpflichtig ist, sollte der Entwickler solche Anforderungen berücksichtigen. Außerdem schafft ihr so ein Bewusstsein dafür, dass eine Nachfrage nach barrierefreien Themes besteht.
Entwickelt ihr selber ein Theme, bietet WordPress selbst Infos zur Barrierefreiheit. Den Link findet ihr am Ende des Artikels.

Texte

Der WordPress-Texteditor TinyMCE bringt leider nicht alle nötigen Funktionen zur barrierefreien Texterstellung mit. Es fehlen zum Beispiel Befehle für Zwischenüberschriften oder Abkürzungen. Die Auszeichnung von Zwischenüberschriften, Listen und weiteren Elementen erleichtert es Blinden zu erkennen, welche Aufgabe das Element hat. Ihr seht einen fett gedruckten und abgesetzten Text und wisst, dass das eine Zwischenüberschrift ist. Blinde nehmen das nicht wahr. Für ihre Hilfssoftware wird die Information, welche Aufgabe ein Stück Text hat, über HTML-Auszeichnungen vermittelt. Außer Zwischenüberschriften können auch Listen, Zitate sowie Abkürzungen ausgezeichnet werden.
Um diese Auszeichnungen mit einem grafischen Editor zu erstellen, benötigt ihr das Plugin TinyMCE Advanced.
Wenn ihr ein wenig HTML beherrscht, benötigt ihr keinen weiteren Editor. Schaltet den Texteditor auf HTML um und gebt die entsprechenden Auszeichnungen händisch ein. Die wenigen Auszeichnungsbefehle sind schnell erlernt.

Bilder

WordPress bietet gute Möglichkeiten, Bilder mit alternativen Beschreibungen zu versehen. Das ist wichtig für Blinde oder Sehbehinderte, die das Bild nicht sehen oder nicht erkennen können.
Die Optionen zur Bildbeschreibung werden in der Mediathek in der rechten Spalte angezeigt. Ist das Bild ausgewählt, könnt ihr Alternativtext oder Titel festlegen.
Der Alternativtext wird Blinden vorgelesen. Der Titel wird angezeigt, wenn ihr mit dem Mauscursor über das Bild fahrt. Er richtet sich also eher an Sehbehinderte. Alternativtext und Titel dürfen identisch sein, da die Hilfssoftware von Blinden jeweils nur eines von beidem vorliest. Allerdings schlagen Plugins wie Access Monitor an, wenn die beiden Texte gleich sind. Das Tool geht in solchen Fällen davon aus, dass die Felder automatisch befüllt wurden.
Als Faustregel gilt: Blinde können das Bild nicht sehen und benötigen grundlegende Infos: Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen. Zum Beispiel „Das Diagramm zeigt die Geschäftsentwicklung 2015“. Die Werte dazu sollten natürlich in einer Tabelle oder im Fließtext stehen. Sehbehinderte haben eventuell Probleme, den Bild-Inhalt zu erkennen, ihnen hilft daher eine allgemeinere Beschreibung des Bildaufbaus. Zum Beispiel: „Das Säulendiagramm zeigt die Geschäftsentwicklung des Jahres 2015, die einzelnen Säulen bilden die Monate ab“. .

Plugins

Zuletzt möchte ich noch auf ein paar Plugins hinweisen, die eventuell hilfreich sind. Wer diese Plugins installiert, ist sicher nicht barrierefrei, umgekehrt muss man diese Plugins nicht installieren, um barrierefrei zu werden. Ich zeige lediglich, welche Möglichkeiten es gibt.Von allen genannten Plugins gibt es kostenlose Varianten.
ReadSpeaker integriert eine Vorlesefunktion für eure Webseite. Die Sprachmelodie ist eher gewöhnungsbedürftig, es mag aber für manch Lese- oder Sehbehinderten hilfreich sein. Es gibt eine kostenlose und eine kostenpflichtige Variante. Die kostenlose Variante ist beschränkt, was die Zahl der vorgelesenen Artikel angeht. Außerdem stehen weniger Optionen zur Verfügung. Der IT-Nachrichtendienst Heise Online bietet eine ähnliche Vorlesefunktion, ihr könnt sie dort ausprobieren.
Hurraki ist ein Wörterbuch, das Alltagsbegriffe in einfacher Sprache erläutert. Das Plugin hurrakify ermöglicht es, sich zu einzelnen Begriffen aus einem Text Erläuterungen aus Hurraki anzeigen zu lassen. ,
Der Access Monitor prüft eure WordPress-Inhalte auf Barrierefreiheit. Wie alle automatischen Testtools benötigt man Erfahrung mit digitaler Barrierefreiheit oder viel Zeit, um die einzelnen Fehlermeldungen nachvollziehen zu können. Das Tool kann euch auch nicht sagen, ob Bilder einen sinnvollen Alternativtext haben, das müsst ihr selbst entscheiden. Auch hier handelt es sich um ein Freemium-Modell. Es gibt eine kostenlose sowie eine kostenpflichtige Variante.
WP Accessibility rüstet eine Textvergrößerungsfunktion sowie eine Kontrastansicht für WordPress nach. Solche Funktionen waren früher der letzte Schrei in Barrierefreiheits-Kreisen, gelten aber seit einigen Jahren als unerwünscht. Es wird argumentiert, dass die Betriebssysteme, die Browser und die Hilfstechnik diese Aufgaben besser lösen als die fehleranfälligen Webseiten-Funktionen. Das ist sicherlich korrekt, aber es gibt tatsächlich noch Menschen, die nicht wissen, wie sie Text vergrößern oder eine kontrastreiche Ansicht aktivieren und sie sind dankbar für diese kleinen Hilfen. Und die Anderen nehmen auch keinen Schaden, solange die Regeln der Barrierefreiheit bei der Themegestaltung berücksichtigt wurden.

Zum Weiterlesen

Tipp für Screenreader-Nutzer: Ungestört am Arbeitsplatz

Die Blinden kennen das sicherlich, da versucht man, im Büro oder im Zug zu arbeiten und pausenlos quatscht jemand im Hintergrund herum. Ich kann relativ gut Alltagsgeräusche wie normalen Verkehrslärm oder das undifferenzierte Grundrauschen eines Mittagstisches ausblenden, solange ich nicht direkt daneben sitze. Aber sobald jemand etwas sagt, was ich verstehen kann, bin ich automatisch abgelenkt.
Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert: Schallisolierende Ohrhörer waren nicht ausreichend. Schallisolierende Übers-Ohr-Kopfhörer waren mir zu teuer. Ohropax sind ungeeignet, da sie den Screenreader zu stark dämpfen. Dann gibt es noch die Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung. Die scheinen aber eher für gleichmäßige Geräusche geeignet. Allerdings war mir der Preis zu hoch, um sie einfach mal auszuprobieren. Um nur mit der Braillezeile zu arbeiten, bin ich zu langsam.
Letztlich bin ich bei einem einfachen Gehörschutz gelandet. Er kostet im Baumarkt etwa 20 Euro.
Der Gehörschutz sieht aus wie ein großer Kopfhörer ohne Kabel. Der Bügel bewirkt, dass die Muscheln sehr stark auf das Ohr gedrückt werden. Wenn man ihn richtig aufsetzt, ist das kein Problem. Wenn man es falsch macht, tut es tierisch weh.
Die Hauptfunktion besteht darin, dass er das Ohr isoliert, so dass der Schall das Ohr nicht erreicht. Es ist nicht so, dass man nichts mehr hört, es sei denn, man befindet sich ohnehin in einer sehr leisen Umgebung. Man hört lautere Geräusche gedämpft. Man hört zum Beispiel, dass jemand redet, versteht aber nicht, was er sagt. Professioneller Ohrenschutz dämpft wahrscheinlich stärker, da ich mein Büro aber nicht neben dem Preßlufthammer betreibe, reicht mir der günstige Gehörschutz.
Ganz unproblematisch ist das aber auch nicht. Man kriegt eventuell nicht mit, wenn man angesprochen wird. Man hat zwar Ruhe vor dem üblichen Lärm einer Zugfahrt im Regionalzug am Wochenende, kriegt aber auch die Durchsagen im Zug nicht mit.
Ein weiteres Problem könnte sein, dass man keine Kopfhörer mit dem Gehörschutz verwenden kann. Liegt der Gehörschutz nicht direkt auf dem Ohr, ist er relativ wirkungslos. Man muss also Ohrhörer verwenden.
Ansonsten ist das aber eine gute Lösung. Man muss den Gehörschutz auch nicht immer tragen, sondern nur dann, wenn es tatsächlich laut ist.

Warum private Anbieter zur Barrierefreiheit verpflichtet werden sollten

Besenbinder, Physiotherapeut, Arbeitsloser oder Frührentner – das sind leider bis heute die wesentlichen Bereiche, auf die sich die Erwerbstätigkeit – oder Nicht-Erwerbstätigkeit – blinder Menschen beschränkt. Dennoch hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Die Vorleser

Blinde Juristen sind in Deutschland schon seit Jahrzehnten keine Seltenheit. Dabei ist es mir immer ein Rätsel geblieben, wie sie es im Prä-Computer-Zeitalter geschafft haben, die gewaltigen Mengen an Literatur zu bewältigen. Studieren in einer Geisteswissenschaft besteht im Wesentlichen aus drei Dingen: Lesen, lesen, lesen.
Natürlich gab es die Vorlesekräfte, die bis heute einen unverzichtbaren Job machen. Aber es ist dennoch eine ganz andere Sache, sich selbst in die Bibliothek zu stürzen. Es ist ein großes Talent an Organisation erforderlich, um alle nötige Literatur auflesen zu lassen. Was oft auch vergessen wird: Ein Sehender kann einen Text wesentlich schneller lesen als ihn vorzulesen. Ein geübter Leser kann mindestens vier Mal schneller lesen als vorlesen. Es geht also jede Menge Zeit verloren.
Durch die Technik ist das alles heute einfacher. Zwar haben Sehende immer noch ein für Blinde unerklärliches Faible für bedrucktes Papier. Dennoch kann heute im Business-Bereich fast alles digital erledigt werden. Im Behördenverkehr ist das leider noch nicht so, aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Keine Hilfstechnik – kein Job
Mehr noch: Keine Gruppe hat von der Digitalisierung derart stark profitiert wie die Blinden. Viele kaufmännische Berufe ließen sich ohne Hilfstechnik nicht bewältigen. Der unterste Sachbearbeiter muss seine Tabellen mit Excel und nicht mit Tinte und Bleistift erledigen. Durch die Digitalisierung sind also berufliche Wege möglich geworden, die für die Meisten von uns früher schwierig oder gar nicht zu bewältigen wären.
Ich selbst könnte meinen Job als Online-Redakteur ohne Digitalisierung und Hilfstechnik gar nicht erledigen. Das Kaufmännische liegt mir nicht, das Handwerkliche sowieso nicht und kein Arzt wäre so verrückt, mich auf seine physiotherapiebedürftigen Patienten loszulassen. Als Frührentner wäre ich mit 40 ein übergewichtiges, nikotingeschwängertes Frack.

Barriereunfreie Software = kein Job

Das merkt man vor allem, wenn man immer wieder auf Business-Lösungen trifft, die nicht barrierefrei programmiert wurden. CRM, ERP, DMS – ein Haufen Abkürzungen für teils sehr komplexe Programme. Faktisch wird es schwierig, wenn man in einer Firma arbeiten möchte, deren Anwendungen nicht barrierefrei programmiert wurden. In meinen Augen ist das eine klare Diskriminierung blinder Menschen am Arbeitsplatz. Im Business-Bereich sollten alle Programme von Anfang barrierefrei gestaltet sein. Da das mit der Freiwilligkeit nicht so richtig funktioniert hat, sollte das gesetzlich verpflichtend sein. Nur so können wir sicher stellen, dass zukünftige Arbeitsplätze für Blinde zugänglich sein werden.
Es ist kaum absehbar, wie sich die Arbeitswelt längerfristig entwickelt. Sicher ist, dass die Software eher wichtiger als unwichtiger wird. Sogar Google und Microsoft, die das Thema großteils verschlafen haben, geben sich jetzt mehr Mühe. Von den deutschen Software-Schmieden und Verbänden wie der IHK und der BITKOM hört man hingegen erschreckend wenig.
Viel wäre schon geholfen, wenn die öffentlichen Einrichtungen ihre Software-Richtlinien bei der Beschaffung entsprechend anpassen würden. Zählt man alle Behörden zusammen, hat man ein gewaltiges Volumen an Software-Nachfrage. Wenn all diese Software barrierefrei programmiert werden würde, würde der Markt gewaltig ins Rutschen geraten. Es gäbe mehr in Barrierefreiheit geschulte Software-Entwickler und nebenbei ein neues Betätigungsfeld für blinde Anwendungsentwickler. Ich stelle immer wieder erstaunt fest, wie schlecht barrierefrei Software sein kann, wenn kein behinderter Mensch an der Entwicklung beteiligt war. Manche Entwickler scheinen ernsthaft zu glauben, sie könnten einen anständigen Screenreader-Test durchführen, obwohl sie keine Ahnung haben, wie Blinde mit Software umgehen.
In diesem Zusammenhang darf eine Kritik an den Hilfsmittel-Anbieter nicht fehlen. Die Update-Politik von Freedom Scientific ist eine reine Unverschämtheit, weshalb mir Jaws nicht ins Haus kommt. Trotz des stolzen Preises bittet die Firma für Major-Updates ordentlich zur Kasse. Mitschuld daran sind die Blinden, die diese absonderliche Politik unterstützen, schließlich muss ja wer Anderes die Rechnung bezahlen. Da die Kostenträger nur rund alle fünf Jahre Neuanschaffungen finanzieren, kann es passieren, dass man einige Jahre mit veralteter Software allein gelassen wird. Im Business-Bereich kommen in fünf Jahren rund zwei neue Software-Versionen heraus. Jaws erweist sich somit als zusätzlicher Hemmschuh für den Fortschritt.

Fazit

In meinen Augen liegt deshalb der Schlüssel zur Verpflichtung privater Anbieter zumindest im Software-Bereich im Bereich Arbeit. Wer eine barrierefreie Arbeitswelt möchte, muss für barrierefreie Software sorgen.

Die Kostenlos-Mentalität unter Blinden

Neulich saß ich mit einer Freundin in einem Marburger Café und wir unterhielten uns über Bahnfahrten. Ich erzählte ihr, dass ich im Zug das Ticket für Hin- und Rückfahrt gekauft hätte – es ging um einen Fernzug. Darauf meinte sie, sie würde das Ticket erst bei der jeweiligen Fahrt kaufen. Drei Mal dürft ihr raten, welchen Grund sie angab: Sie hoffte, durch die Ticketkontrolle durchzuschlüpfen.
Zur Erklärung für meine Sehenden Leser: Inhaber eines Schwerbehindertenausweises dürfen ihre Tickets im Fernzügen – für den Nahverkehr brauchen sie keins – zuschlagsfrei im Zug kaufen. Scheiß drauf, dass der Spaß den Schaffner gut fünf Minuten kosten, die er vielleicht gern anders verbringen wollen würde.
Nun, das konnte ich in gewisser Weise noch nachvollziehen, das Mädel ist arbeitslos und deshalb verzieh ich ihr auch die Peinlichkeit, dass sie weder im Café noch in der Pizzaria Trinkgeld gegeben hat. Das erinnerte mich allerdings an eine andere Freundin, die gut verdient und es ebenso macht – also das mit den Tickets.
Nun mag man sagen, dass ich mich mit den falschen Leuten umgeben habe, doch die Geschichte ist nicht zu Ende. In unserer Facebook-Gruppe fragte ein Blinder, ob man als Blinder kostenlos in Nachtclubs kommen könnte. Der Tenor war, versuch es, mehr als ablehnen können sie nicht.
Nun will ich mich nicht im Detail mit solchen Angelegenheiten beschäftigen, aber es zeigt fatal, welche Mentalität viele Blinde in Deutschland haben. Man findet es also in Ordnung, wenn alle anderen Clubbesucher inklusive sehender Freunde – so man sie denn hat – für einen mitbezahlen. Ich habe dann frech gefragt, ob er auch im Restaurant umsonst essen und im Supermarkt umsonst einkaufen möchte. Ich glaube, aus der Gruppe bin ich jetzt rausgeflogen.
Dahinter steht wohl die Einstellung, dass einem die Gesellschaft etwas schulde, weil man blind ist. Frei nach dem Motto „Ich bin blind, deshalb ist das okay, wenn ich mich durchschnorre“.
Man findet es auch in Ordnung, schwarz zu fahren – nichts anderes ist das Fahren ohne gültigen Fahrschein – und es ist also kein Problem, dass alle anderen Mitfahrer für einen mitbezahlen. Das sind übrigens die gleichen Personen, die sich jedes Jahr das neueste iPhone zulegen, warum sie das nicht umsonst haben wollen, habe ich noch nicht herausgefunden. Obwohl – es gibt auch regelmäßig die Frage, ob die Krankenkasse ein iPhone bezahlt.
Manchmal glaube ich, dass es den Blinden in Deutschland zu gut geht. Gehörlose und andere Behinderte bekommen nichts Vergleichbares zum Blindengeld. Würden die Sehenden wissen, wie viel Geld ein Blinder vom Staat erhält, ich bezweifle, ob die Sehenden noch so nett zu uns wären.
Und wie wird das eigentlich, wenn wir die Inklusion haben: Werden wir dann mit dem Schwerbehindertenausweis winken und für jeden Furz einen Rabatt fordern? Mit der Folge, dass die Anderen inklusive der Leute ohne Geld für uns mitbezahlen? Ist das die Solidarität, die wir einfordern? Das möchte ich zumindest nicht hoffen. Manchmal glaube ich, es würde den Blinden ganz gut tun, wenn sie eine Weile lang auf ihre Privilegien verzichten würden, wir sind zu verwöhnt von den Nachteilsausgleichen.
PS: Mir ist bewusst, dass mich Viele jetzt als Nestbeschmutzer abtun werden, aber die Zeit, wo Behinderte wegen ihrer Behinderung Welpenschutz genießen, ist vorbei. Nur mit Selbstkritik lässt sich eine Verbesserung herbei führen.

Termine, Termine

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, alle zwei Wochen einen Blogbeitrag zu schreiben. Das ist leider in letzter Zeit schwierig geworden, da ich erfreulicherweise beruflich mehr zu tun habe.
Am 10.6.2016 werde ich meinen ersten eigenen Workshop zur Barrierefreiheit im Internet abhalten. Zielgruppe sind Online-Redakteure und Internet-Verantwortliche. Webdesigner und -Entwickler werden keine Freude daran haben. Es sind übrigens noch reichlich Plätze frei. Falls ihr also teilnehmen wollt oder jemanden kennt, der jemanden kennt…
Am 17.6.2016 halte ich einen Vortrag über digitale Barrierefreiheit bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Das Programm gibt es zum Download. Auch hier könnt ihr euch natürlich anmelden.
Am 23. Juni werde ich eine interne Schulung durchführen. Eine Behörde möchte von mir lernen, wie man Anwendungen mit Screenreader – ganz konkret NVDA – testet.
Vom 1. bis 3. Juli 2016 bin ich auf dem Louis Braille Festival in Marburg. Da habe ich keinen aktiven Part, werde aber vielleicht dem einen oder anderen auf die Füße treten – wörtlich gesprochen.
Am 18. Mai fahre ich auf die SightCity in Frankfurt. Ich will mir unbedingt mal einen vernünftigen Blindenstock zu legen, da ich mit den bisherigen Modellen nicht zufrieden war. So ein Stock sollte doch mal ordentlich Lärm machen können und das geben meine bisherigen Stöcke nicht her.
Da die Vorträge und Schulungen vorbereitet sein wollen, wird es bis auf Weiteres keine Blogbeiträge geben. Ich hoffe auf euer Verständnis.

Mein Rückblick auf das BarCamp Bonn 2016

Gestern fand das zweite Bonner BarCamp statt, an dieser Stelle noch mal ein Dank an das großartige Organisations-Team für den tadellosen Ablauf. Man kriegt ja als Außenstehender nicht so mit, wie viel Arbeit dahintersteckt, aber es dürfte nicht wenig gewesen sein.
Ich bin tatsächlich mit einem speziellen Motiv auf das BarCamp gegangen: Ich hatte in diesem Blog und schon anderswo gesagt: Es ist ganz schön, eigene Barrierefreiheits-Veranstaltungen abzuhalten. Die interessieren aber einen relativ illustren Kreis von Leuten. Normalerweise steigert man sich dort relativ schnell in einen Fach-Diskurs, der für Außenstehende so verständlich wie Mandarin ist. Deshalb ist es eine gute Idee, den Berg zum Propheten zu bringen, da der Prophet nicht zum Berg kommt. Hier noch meine Präsentation als PowerPoint-Datei.

Gesagt getan: Ich habe ja schon einige Vorträge zum Thema digitale Barrierefreiheit gehalten. Bei all diesen Veranstaltungen konnte ich von einem interessierten Publikum ausgehen – wie beim Open Transfer Camp. Oder das Publikum konnte nicht weglaufen wie bei internen Veranstaltungen oder Firmen-Workshops. Es ist also ein Wagnis, sich an Leute zu wenden, die tendenziell nur wenig über das Thema wissen und sich vielleicht gar nicht dafür interessieren. Bei einem BarCamp ist es ja so, dass das Publikum selbst entscheidet, ob eine Session stattfindet oder nicht. Wenn sich keiner dafür interessiert, dann findet auch keine Session statt.
Es waren dann doch Einige, die sich dafür interessiert haben. Ein Gradmesser für die Qualität einer Veranstaltung ist die Zahl an Feedbacks aus dem Publikum. Wenn da nix kommt ist die Gefahr relativ groß, dass sie sich geistig in andere Sphären verabschiedet haben und der Referent sie eingeschläfert hat. Es kamen dann doch einige Rückfragen, so dass ich nicht zu viel Blödsinn erzählt haben dürfte.

Weitere Sessions

Damit der Text nicht so kurz wird, wollte ich noch eine kurze Runde über die Sessions anderer Teilnehmer drehen, die ich besucht habe.
Mit Johanna Schäfer @joscchh sind wir an einem kalten, aber sonnigen Wintermorgen am Posttower durch die Rheinaue gelaufen, wobei sie über ihre Bachelor-Arbeit berichtet hat. Im Kern ging es darum, wie Bonn grüner werden kann.
Kristine Honig @KristineHonig hat darüber berichtet, wie das dezentral organisierte Touristik-Unternehmen tourismuszukunft die Zusammenarbeit gestaltet. Bei solchen Unternehmen, wo der eine in Köln und der nächste auf Mallorca sitzen kann ist natürlich vor allem die soziale Komponente wichtig. Ihr Fazit: Ein dezentrales Unternehmen kann sehr gut funktionieren, wenn die richtigen Leute die richtigen Tools verwenden sowie Kommunikation und Arbeitsabläufe mit den entsprechenden Tools optimiert sind. Es werden zum Beispiel auch gezielt Kontakte zwischen Personen gefördert, die sich in einem konventionellen Unternehmen vielleicht nicht unterhalten würden.
Zwei Jungs vom OK LAB Bonn hatten ihre Idee eines Maker Spaces Bonn vorgestellt. In einem Maker Space geht es darum, dass man Technik-Analphabeten wie mir beibringt, Geräte zu reparieren, deren technischen Aufbau zu erläutern oder eigene Geräte zu bauen. Der Verein ist in Gründung und die Macher suchen gerade eine passende Location sowie erste Geldgeber. Das Publikum hat in dieser Session so viele Tipps geliefert, dass es eigentlich für drei Maker Spaces reichen müsste. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weiter geht.
In der nächsten Session stellte Ralph Grundmann @rgrundmann das Co-Working Bonn vor. Beim Co-Working geht es anders als man vielleicht denkt nicht darum, einen billigen Schreibtisch zu bekommen. Vielmehr ist es quasi Unternehmensatmosphäre für Menschen, die klassischerweise Einzelkämpfer sind. Austausch und das Soziale stehen im Vordergrund. So wurde der Space in Poppelsdorf tatsächlich von den Co-Workern völlig neu und passend zu ihren Anforderungen neu gestaltet.
Die letzte Session von Holger @welovepubs drehte sich um Bonner Bier und Craft Beer. Craft Beer ist ein Teil der Maker-Bewegung, es geht darum, dass Bier lokal gebraut wird, um eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Die großen Bier-Marken haben ja nach und nach alle lokalen Biersorten verdrängt und eine lebhafte Bierkultur verschwinden lassen, die durch Craft Beer wieder auflebt. Der Referent hat verschiedene Biersorten aus Bonn vorgestellt. Ich glaube dass das Thema Potential hat in einer Zeit, wo Lokal Produziertes an Bedeutung gewinnt.

Fazit

Für mich hat sich der Besuch des BarCamp auf jeden Fall gelohnt und nicht nur deshalb, weil ich meine Session abhalten konnte. Als Blinder ist man ja immer dankbar für die obligatorische Vorstellungsrunde am Anfang, dann hat man zumindest mal die Stimme der meisten Leute gehört und bekommt dadurch eine ganz gute Vorstellung davon, was sich da für Leute rumtreiben. Was ich mir fürs nächste Mal wünschen würde: Eine etwas barrierefreiere Location für die Veranstaltung. Das Forum Internationale Wissenschaft Bonn scheint mir zumindest für den Eingang, den wir benutzt haben nicht für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer geeignet. Die Türen für die Herrentoiletten waren so schmal, dass ich mit den Schultern an die Türrahmen gestreift bin, also auch nicht rollstuhlgeeignet. Dem Forum stände es auch gut an, Hörschleifen für Schwerhörige bereit zu halten, ich habe allerdings nicht mitbekommen, ob sie so was haben und ob es zur Verfügung gestanden hätte.
Ansonsten war es aber eine runde Veranstaltung und ich bin schon gespannt darauf, ob es nächstes Jahr wieder ein Barcamp in Bonn geben wird.

Soziale Barrierefreiheit – wir schaffen das!

Und wieder geht ein langer Tag mit einem Open Transfer Camp Inklusion zu Ende. Es lohnt sich immer wieder, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an das Orga-Team der Stiftung Bürgermut, das wie immer einen tollen Job gemacht hat.
Meine Session war wie immer fantastisch besucht – aber Scherz beiseite, ich hoffe, ich habe ein paar Leute zur digitalen Barrierefreiheit bekehrt.
Mein Ausflug nach München hat mich wieder mal an die Wichtigkeit sozialer Barrierefreiheit erinnert. Natürlich ist es wichtig, digitale Barrierefreiheit sicherzustellen. Es ist aber vielleicht noch wichtiger, soziale Barrierefreiheit zuschaffen. Was meine ich damit?
Wenn ich in einer fremden Stadt unterwegs bin, nutze ich normalerweise Taxis – die Kosten kann ich zumeist meinem Auftraggeber aufs Auge drücken. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist für einen Blinden sehr stressig. Zunächst muss er überhaupt erst Mal den Haltepunkt finden, also den Busbahnhof oder die S-Bahn-Haltestelle. Dann muss er herausfinden, ob es die richtige Richtung ist. Eingestiegen ist es manchmal schwierig, die Durchsagen zu verstehen, ich behelfe mir dabei, vorher die Zahl der Haltestellen herauszufinden, die zwischen Abfahrt und Ziel liegen und ggf. nachzufragen.
In München habe ich das anders gemacht. Ich habe ein Jahr dort gelebt und es erschien mir absurd, dort ein Taxi zu nehmen. Andererseits ist das schon wieder acht Jahre her und die Gegend, zu der es ging, habe ich nie bewusst betreten.
Obwohl ich mich rudimentär auskannte, musste ich mich durchfragen: Durchfragen zur Straßenbahn-Haltestelle, durchfragen zum Hotel, Durchfragen zum Veranstaltungsort. Lustigerweise kannte ich am Ende als Blinder den Weg zum Veranstaltungsort besser als meine sehenden Kollegen.
Nun muss man wissen, dass es für Blinde oft schwierig ist, nach Hilfe zu fragen. Erstmal müssen sie überhaupt einen Menschen erwischen, was in einer belebten Straße gar nicht einfach ist. Dann gibt es Leute, die keine Lust zu helfen haben.
Nun gibt es Leute, die niemandem helfen würden und Leute, die keine Lust haben, Blinden zu helfen. Ich glaube aber, dass die Mehrheit der Leute durchaus bereit ist, anderen Menschen zu helfen. Sie würden gerne helfen, wissen aber nicht, was sie tun können bzw. wo die Person Probleme hat.
Soziale Barrierefreiheit heißt, bei Nicht-Behinderten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wo es konkrete Barrieren gibt und was man tun kann, um sie zu beseitigen. Das gilt nicht nur für Nicht-Behinderte. Bei vielen Körperbehinderten herrscht Ahnungslosigkeit über die Bedürfnisse Sinnes- oder Lernbehinderter. Das mag auch umgekehrt so sein, das kann ich nicht einschätzen.
Die Sensiblisierung für Barrieren ist ein wichtiges Thema, was auch in allen Sessions angeklungen ist, die ich besucht habe. Es gibt keinen Zauberweg für diese Aufgabe. Vor allem müssen Behinderte stärker in die Mitte der Gesellschaft und ein Stück Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache leisten.
Wichtig ist außerdem, dass mehr Öffentlichkeitsarbeit dazu stattfindet. Ich habe mir einen Google Alert zum Thema Leichte Sprache gesetzt. Es gibt fast täglich Berichte in Lokalzeitunngen über Projekte oder Broschüren in Leichter Sprache. Im Fernsehen wird hingegen in Sendungen ohne expliziten Behinderungsbezug selten etwas über Behinderte berichtet, was über die übliche Opfer-Schematik hinausgeht. Auch die Öffentlich-Rechtlichen machen da keine gute Figur.
Last not least muss man aus den Spezialveranstaltungen heraus und auf Veranstaltungen mit anderen Schwerpunkten gehen. Es gibt ja mittlerweile recht wenige Veranstaltungen mit dem Thema digitale Barrierefreiheit, von dem her haben die Experten mehr Zeit, auf Konferenzen ohne expliziten Behinderungsbezug zu gehen. es gibt z.B. unheimlich viele Konferenzen mit dem Thema Online-Marketing. Warum nicht einmal dort hingehen und den Personen mitteilen, wie schlecht zugänglich ihr Marketing für Sinnesbehinderte ist? Die Barrierefreiheits-Community könnte unheimlich viel zum Thema Usability oder Mensch-Maschine-Interaktion beitragen. Wir haben Sprachausgaben, Spracheingaben oder Eye-Tracking benutzt, lange bevor das iPhone das Licht der Welt erblickte.
Ich will aber nicht verschweigen, dass es schon viele gute Ansätze gibt. OpenStreetMap versucht, barrierefreie Orte zu markieren, es gibt viele Behinderte, die in Schulen gehen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Oftmals kommt es nur darauf an, gute Aktionen weiter zu verbreiten und mehr Leute zu gewinnen, die dabei mitmachen.
Last not least müssen wir bei allen Menschen das Bewusstsein dafür stärken, dass wir alle einmal auf Hilfe angewiesen sind – und das nichts Schlimmes daran ist, nach Hilfe zu fragen oder sie anzunehmen. Ich höre immer wieder, wie Blinde Hilfeangebote relativ schroff abgewiesen haben oder das ein Hilfeangebot als tödliche Beleidigung aufgefasst wurde. Das ist in gewisser Weise verständlich, aber auch schizophren. Man beschwert sich, wenn man ungefragt Hilfe bekommt , dann beschwert man sich, wenn mankeine Hilfe angeboten bekommt. Blinde müssen lernen, Hilfe richtig zu erbitten und auch richtig abzulehnen. Es kommt darauf an, konkrete Fragen zu stellen, freundlich zu sein und nicht die Hilflosigkeit in Person zu spielen, denn zu komplexe Anforderungen überfordern die Leute oftmals. Und man sollte nicht beleidigt sein, wenn die Hilfe nicht oder nicht in der Form kommt, wie man sie gerne hätte. Die Leute sind nicht dazu da, uns von A nach B zu bringen, damit müssen wir leben lernen.

Web 2.0 Rückschritt oder Fortschritt für die Barrierefreiheit im Internet?

Social Media ist fast schon ein alter Hut, entweder ist man dabei oder man lässt es bleiben. Aber hat es der Barrierefreiheit im Internet eigentlich geholfen oder eher geschadet? Das ist ein Beitrag zur Blogparade zum Open Transfer Camp Digitale Barrierefreiheit und Sozialraum.

Die Plattform ist alles

Auch wenn die Barrierefreiheit von Facebook, Twitter, Google+ oder YouTube doch sehr zu wünschen übrig lässt, haben sie doch einen entscheidenden Vorteil: Sie bieten jeweils eine einheitliche technische Plattform. Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.
Es gibt eine unbegrenzt große Zahl an Möglichkeiten, eine Website optisch und technisch zu gestalten. Die Navigation kann horizontal oder vertikal sein, der Content kann links oder rechts stehen, Bilder können an belibiger Stelle stehen, es kann ein Farbschema geben oder auch nicht. Obwohl einige Redaktionssysteme wie WordPress oder Joomla den Markt dominieren und bestimmte Patterns vorherrschen, sind die Gestaltungsmöglichkeiten doch unbegrenzt.
Die Aufgabe, eine bestimmte Info auf einer Website zu finden ist für Menschen mit bestimmten Behinderungen enorm:

  • Blinde suchen sich einen Krampf, wenn sie keine erfahrenen Webnutzer sind.
  • Menschen mit Sprachproblemen haben Schwierigkeiten beim verstehen von Navigation und Content.
  • Menschen mit Lernbehinderung sind oftmals komplett überfordert – und nicht nur sie.

Dagegen stellen die genannten Social-Media-Plattformen ein einheitliches Userinterface zur Verfügung. Die Navi, die Suchfunktion, die Einstellungen und so weiter befinden sich immer an der gleichen Stelle. Wie meine fleißigen Mitleser wissen, ist diese einheitliche Informationsarchitektur einer der Schlüssel der Barrierefreiheit. Deswegen sind Mailinglisten auch so beliebt bei Blinden.

Abschied vom barriereunfreien Web

Das begünstigt die Abwanderung der Selbsthilfe aus dem offenen Web nach Facebook. Am Beispiel der Blindenhilfe kann man das recht gut verfolgen: Vor ein paar Jahren gab es noch zwei bis drei recht gut frequentierte Blinden-Foren im Web. Heute sind fast alle Foren verwaist, in einer guten Woche kommen vielleicht ein bis zwei Beiträge. Auf Facebook gibt es hingegen zwei Blindengruppen mit jeweils deutlich über 1000 Mitgliedernund täglich mehreren Beiträgen.
Behindertenübergreifend gibt es zwei Gruppen für Austausch und Selbsthilfe, die Gruppe „Hilfsmittel und interessante Tipps für Behinderte“ hat über 8000 Mitglieder, die Gruppe „Schwerbehindertenausweis“ über 18000. Daneben gibt es unzählige Gruppen zu einzelnen Behinderungen oder Erkrankunge. Es würde mich sehr wundern, wenn klassische Foren wie MyHandicap oder Rehakids diesen Wandel nicht zu spüren bekommen.
Ein wichtiger, wenn auch nicht entscheidender Faktor für die Abwanderung ist auch die mangelnde Barrierefreiheit dieser Plattformen. Die Forensoftware von MyHandicap ist für Blinde schwierig zu nutzen, in diesem Blindenforum soll man als unangemeldeter Nutzer ein CAPTCHA lösen, das ist vom Forenbetreiber so festgelegt, die Person, die das Forum anbietet, kann nichts dafür. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um eine unüberwindbare Barriere handelt, der Rest der Website ist ebenso wenig barrierefrei.
Der entscheidende Faktor für die Abwanderung ist wie so oft der Netzwerkeffekt: Eine große Plattform zieht immer mehr Leute an. Mehr Leute ziehen mehr Leute nach sich und so weiter. Und wenn man sowieso dort ist und alles so schön einfach ist, warum nicht einfach alles dort erledigen?

Wer zu spät kommt…

Diese Entwicklung dürfte vor allem lokale Einrichtungen wie etwa Beratungsstellen treffen. Oft haben sie das Problem, dass sie von Hilfebedürftigen überrant werden. Das ist für sie aber besser als wenn gar keiner zu ihnen kommt, denn dann wird die Beratungsstelle sehr schnell geschlossen.
Diese Organisationen hatten sich bereits mit der ersten digitalen Umwälzung schwer getan: Der Entwicklung des World Wide Web. Sie haben unglaublich lange gebraucht, um eine Website aufzubauen. Das erkennt man unter anderem daran, dass viele dieser Einrichtungen bis heute eine Free-Mail-Adresse oder eine Adresse von T-Online statt eine generische verwenden. Würdet ihr eine Einrichtung ernst nehmen, die caritasburscheid@gmx.de statt info@caritas-burscheid.de verwendet?
Auch der dritte Trend wurde von vielen Organisationen verschlafen: Das mobile Web. So ist nach einer kleinen – nicht repräsentativen – Stichprobe von mir kaum eine der lokalen Einrichtungen mobile friendly. Kurioserweise sind auch die Organisationen auf Landes- und Bundesebene nicht für Smartphones geeignet. Ihre Barrierefreiheit ist nebenbei bemerkt ebenfalls nicht state of the art. Sie scheinen vielfach in der Mitte der Nullerjahre stehen geblieben zu sein. Auf allen Ebenen fehlen durchgängig Infos in Leichter Sprache und Gebärdensprache.
Nach meiner rein subjektiven Einschätzung – Zahlen gibt es leider nicht nutzen Behinderte überdurchschnittlich stark mobile Endgeräte. Das liegt daran, dass der Zugang zur Technik und zum Internet dadurch wesentlich erleichtert ist, zu schweigen davon, dass mobiles Internet schon relativ günstig zu haben ist.
Bedenkt man last not least, dass Google plant – oder vielleicht schon umgesetzt hat – für mobile Sucher bevorzugt mobil-freundliche Inhalte anzuzeigen begreift man schnell, in welcher Problemlage sich die Einrichtungen befinden: Sie werden von mobilen Usern bald gar nicht mehr gefunden.

Fazit

Mein Fazit fällt gemischt aus. Die großen Social-Media-Plattformen sind nur teilweise barrierefrei, werden aber fleißig von Behinderten genutzt. Die Websites vieler Organisationen sind weder barrierefrei noch für mobile Endgeräte geeignet, werden aber oftmals links liegen gelassen. Es lässt sich kaum argumentieren, warum eine Website, die kaum genutzt wird noch modernisiert werden sollte. Vielfach scheint es auch einfach am technischen Sachverstand in den Organisationen zu mangeln.
Hinzu kommt natürlich, dass Ressourcen immer knapp sind. So wie man eine Website heute nicht mehr vom Neffen in der Mittagspause zusammenfrickeln lässt, kann auch ein Social-Media-Auftritt nicht nebenbei zusammengestückelt werden. Man braucht eine Strategie, Personal und Content und das wollen Viele nicht bereit stellen. So verschwindet man also auf beiden Plattformen – im offenen Web und im Web 2.0.
Last not least: Wenn keiner mehr die Websites besucht, beschwert sich auch kein Oliveira mehr über sinnfreie Captchas, alternativtextlose Bilder und hakelige Flyout-Navigationen. Der Druck, barrierefrei zu werden verringert sich – die Besucherzahlen auch, aber was solls, Besucher nerven eh nur.
Das Web 2.0 hat also zwei gegenläufige Tendenzen ausgelöst: Einerseits ist der Druck von den Einrichtungen genommen, sich um Barrierefreiheit zu kümmern. Anderseits drohen sie, im Web – und damit auch in der Wirklichkeit – unsichtbar zu werden. Wie sie mit dieser Entwicklung umgehen, bleibt eine spannende Frage.

Zum Welt-Braille-Tag 2016 – Braille schafft Begegnung

Digitale BraillezeileAls Kind war es für mich ein Graus, die Brailleschrift zu lernen. Erst heute weiß ich sie zu schätzen, nicht zuletzt, weil ich durch die Blindenschrift oft neue Leute kennen lerne.
Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich die Brailleschrift lernte. Damals besuchte ich eine Sehbehindertenschule. Vielleicht rührte meine Abneigung gegen die Blindenschrift daher, dass ich zu den wenigen Schülern gehörte, die sie lernen mussten. Als Kind fürchtet man ja nichts so sehr wie das Anderssein. Vielleicht spürte ich aber auch damals schon, dass mir das Schicksal der Erblindung drohte.
Ich erinnere mich noch heute vor allem an die alte Blista-Punktschriftmaschine und ihr lautes Hämmern mit dem sie die Zeichen ins Papier stanzte. Es gibt wohl kein besseres Krafttraining für die Finger, eine mechanische Schreibmaschine ist dagegen leichtgängig.
Als der Kurs zu Ende war, hatte ich nichts Besseres zu tun, als alle meine Punktschrift-Blätter ins Altpapier zu geben. Ich lernte sehr bald Sprachausgaben und Hörbücher kennen und ging davon aus, Braille nie wieder nutzen zu müssen.
Doch irgendwann, ich war vielleicht 30, habe ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Ein Blinder, der kein Braille liest ist wie Weihnachten ohne Schnee. Ich begann also, mich mühsam wieder an Braille heranzutasten. Leider habe ich bis heute kein komfortables Lesetempo erreicht, aber ich bin stolz darauf, fast jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.
Obwohl ich ein Fan digitaler Braillezeilen bin, habe ich mir ein gedrucktes Buch besorgt. Der Vorteil ist, dass ich auch bequem zwischendurch lesen kann, ohne Computer und Braille-Display auszupacken. Braille lenkt den Leser nicht so stark von Durchsagen ab wie Hörbücher, Sprachausgaben und Musik. Man hat die Ohren frei und ist trotzdem beschäftigt.
Ein unerwarteter Nebeneffekt war, dass ich über die Brailleschrift zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen habe. Viele Leute scheuen sich davor, einen Blinden auf der Straße oder in der Bahn anzusprechen. Entweder ist er mit seinem Blindenstock oder mit seinem Smartphone beschäftigt. Auch wenn er nur da sitzt, wirkt das auf Sehende eher abschreckend, vielleicht meditiert er ja. Aber ein Braillebuch scheint den Bann zu brechen. So wie sich Raucher oder Hundebesitzer automatisch solidarisieren, scheint die Brailleschrift die Scheu vor dem Erstkontakt zu nehmen.
So unterhielt ich mich mit einer älteren Frau fast eine ganze Bahnfahrt lang über Bücher. Ein jüngerer Student war so fasziniert von dem Typen, der mit dem Finger liest, dass er unbedingt ein Foto machen wollte. Hoffentlich hat er nichts Verrücktes mit dem Bild angestellt. Ein Kind quetschte mich eine halbe Stunde lang über Blindheit aus. Ohne Braille wäre das nicht passiert.
Die große Liebe habe ich über Braille nicht gefunden – noch nicht – aber Braille kann als Eisbrecher gute Dienste leisten.

Barrierefrei bloggen

barrierefrei bloggen Blogs sind nicht mehr der letzte Schrei, haben sich aber als Medium etabliert. In diesem Beitrag bekommt ihr einige Tipps, wenn ihr barrierefrei bloggen möchtet.
Barrierefrei bloggen lässt sich in einem doppelten Sinne verstehen: Es gibt zum einen behinderte, die bloggen möchten, zum anderen kann man Content für Behinderte optimieren. Um dem plakativen Titel gerecht zu werden, gehe ich auf beide Themen ein.
Als Behinderter bloggen
Wer sich nicht mit der Technik herumschlagen möchte, findet generell zwei große frei gehostete Lösungen im Internet: Blogger.com im Eigentum von Google sowie wordpress.com betrieben von den Entwicklern von WordPress. Generell scheinen beide Lösungen für Behinderte zu funktionieren, wobei WordPress vor allem für Blinde besser geeignet zu sein scheint.
Wordpress kann außerdem selbst gehostet werden, bei der Funktionalität unterscheiden sich beide Versionen nicht großartig.
Wordpress ist in den Grundzügen für Blinde und Tastaturnutzer gut bedienbar: Das heißt schreiben, editieren und verwalten von Beiträgen. Dabei ist es von Vorteil, wenn man HTML oder eine andere Auszeichnungssprache beherrscht, damit man die Beiträge korrekt formatieren kann. Der Texteditor TinyMCE ist zwar prinzipiell bedienbar und per Shortcuts verwendbar, aber doch ein wenig hakelig. Außerdem bietet er nicht von Haus aus alle Editier-Funktionen, die man braucht, es fehlt zum Beispiel ein Befehl für Zwischenüberschriften.
Größere Schwierigkeiten kann es beim Thema Design sowie der Mediathek geben. Die Organisation der Menüstruktur sowie das Ziehen der Widgets ist im Wesentlichen für Mausnutzer optimiert. Bei der Mediathek kann es ähnliche Probleme geben. Hier ist zu überlegen, ob man sich als Blinder die Hilfe von Sehenden holt.

Content für Behinderte optimieren

WordPress bietet von Haus aus einige nützliche Funktionen, um Inhalte für Behinderte zu optimieren.
Zunächst solltet ihr die Erweiterung TinyMCE Advanced installieren, sie bietet wesentlich mehr Editierfunktionen als der Standardeditor. Verzichtet bitte auf das Fetten oder Kursivstellen von hervorgehobenen Text. Mit TinyMCE Advanced könnt ihr Zwischenüberschriften erstellen, Abkürzungen und Akronyme auszeichnen sowie Listen korrekt formatieren. Zu vermeiden sind unterschiedliche Schriftgrößen und Schriftfarben im Fließtext, das ist nicht nur nicht barrierefrei, sondern sieht auch unprofessionell aus.
Wenn ihr Bilder in die Mediathek hochladet, könnt ihr bereits an dieser Stelle einen Alternativtext einfügen und speichern. Der Alt-Text ist dann hinterlegt und wird bei der nächsten Verwendung des Bildes automatisch eingefügt.

Nützliche Plugins

Mit der Erweiterung WP Accessibility könnt ihr ein paar kleine Funktionen für WordPress nachrüsten. So gibt es eine Funktion zur Schriftvergrößerung sowie eine einschaltbare Kontrastansicht. Eigentlich gelten solche Erweiterungen als unerwünscht, weil weil sie nicht immer einwandfrei funktionieren. Aber großen Schaden richten sie auch nicht an.
Der WordPress Access Monitor hilft dabei, den WordPress-Blog auf Barrierefreiheit zu überprüfen.
Mit Hurraki View werden Begriffe aus den eigenen Texten mit dem Wörterbuch von Hurraki verlinkt. Hurraki ist ein Wörterbuch, das schwierige Begriffe in einfacher Sprache erläutert.
Weitere Tipps werde ich bei Bedarf ergänzen.