Braille für Sehende – warum auch du die Blindenschrift lernen kannst

Braille ist ja nicht nur was für Blinde. Warum das so ist, möchte ich in diesem Artikel anlässlich des Braille-Tags 2017 am 4.1. zeigen.
Viele Sehende können sich nicht vorstellen, mit den Fingern zu lesen. Und um die Wahrheit zu sagen: Es ist auch ziemlich schwierig. Das Problem ist, die nötige Sensibilität in den Fingern zu entwickeln. Die Zeichen an sich sind relativ schnell gelernt.
Ein Kuriosum am Rande ist, dass man im Prinzip mit jedem Finger neu lesen lernen muss. Ich persönlich lese mit dem linken Zeigefinger. Gerade fange ich an, auch mit dem rechten Zeigefinger zu lesen und was soll ich sagen? Ich weiß jetzt, wie es einem ABC-Schützen zumute sein muss.
Ein Sehender kann aber mit den Augen lesen. Er muss die Finger nicht trainieren, so dass es für ihn sogar einfacher ist als für die meisten Blinden, Braille zu lernen.

Texte in Braille umwandeln

Es gibt für Sehende viele Möglichkeiten, Braille zu schreiben. Die einfachste Möglichkeit ist der Braille-Konverter. Gebt doch einfach mal euren Namen ein und schaut euch an, wie er in Braille aussieht.
Habt ihr einen kompletten Text, der in Braille übersetzt werden soll? Dann müsst ihr euch nur eine entsprechende Schriftart herunterladen und installieren. Die Schrift kann mit einem Doppelklick installiert oder einfach in den Schriftarten-Ordner eures Betriebssystems kopiert werden.
Ihr schreibt dann euren Text in einer Textverarbeitung in Word. Anschließend markiert ihr den Text und wählt als Schriftart die Braille-Schrift aus, die ihr gerade installiert habt.

Braille als Sehender lernen

Es gibt ein paar Kurse, in denen Sehende Braille lernen können. Aber dazu hat wohl kaum einer die Zeit. Mittlerweile findet man aber auch viele Möglichkeiten, Braille ohne teuren Kurs zu lernen. Es gibt zum Beispiel diverse Bücher im normalen Buchhandel.
Aber es geht noch einfacher. Fakoo.de ist eine wahre Fundgrube für Leute, die sich für Braille interessieren. Dort gibt es auch die Möglichkeit, Braille online zu lernen.

Braille an Blinde schreiben

Schon und gut, wirst du sagen. Aber das ist doch alles Sehendenkram. Was ist, wenn ich einem Blinden einen Liebesbrief in Braille schreiben will?
Wie sollte es anders sein, auch dafür gibt es einen Service, der sogar kostenlos ist. Über die Website Braillepost könnt ihr kostenlos einen Brief schreiben, der dem Blinden dann als Braille zugestellt wird.

Der menschliche Faktor in der Barrierefreiheit

Nachdem ich mich in den letzten Blogbeiträgen etwas mehr mit meiner Blindheit beschäftigt habe, möchte ich mich wieder verstärkt dem Thema Barrierefreiheit widmen.
Wenn es um Barrierefreiheit geht, lassen sich drei ausschlaggebende Faktoren unterscheiden.

  • Die objektiv überprüfbare Barrierefreiheit
  • die individuellen Fähigkeiten und Möglickeiten des einzelnen Behinderten
  • Der menschliche Faktor

Faktor 1: Die objektiv prüfbare Barrierefreiheit

Heute gibt es für viele Bereiche Normen, Standards und Richtlinien zur Barrierefreiheit, zum Beispiel fürs Internet, für Gebäude, für PDF-Dokumente und so weiter.
In weiteren Bereichen gibt es Maßnahmen-Kataloge, die jeweils auf ein Projekt zugeschnitten werden müssen. Ob ein Kurs in der Erwachsenenbildung oder eine Kunstausstellung barrierefrei sind, lässt sich anhand dieser Maßnahmen und ihrer Umsetzung beurteilen.
Das Problem bei diesem Faktor ist, dass er einen Grad an Absolutheit vortäuscht, der in der Realität nicht möglich ist. Auch wenn wir WCAG 2.0 AAA erfüllen, wird es immer noch Leute geben, die mit der Website nicht zurecht kommen. Der Standard PDF UA kümmert sich nicht um die Bedürfnisse lernbehinderter Personen. In den meisten barrierefreien Zimmern wird man mit einem Liegerollstuhl Probleme haben. Das heißt, Barrierefreiheit nach Checklisten schließt auch immer Personen aus, aber man spricht dennoch von Barrierefreiheit, wenn diese Standards erfüllt wurden.

Faktor 2: Die Fähigkeiten des Einzelnen

Es ist kein Geheimnis, dass die Fähigkeiten der Behinderten auch innerhalb der einzelnen Behinderungsgruppen extrem unterschiedlich sind. Der eine Blinde pflügt schneller als jeder Sehende durchs Netz, der Nächste braucht fünf Minuten, um eine Bahnverbindung herauszufinden. Der Eine tourt durch das gebirgige Tibet, der Nächste verirrt sich in der eigenen Wohnung.
Für diese Fähigkeiten spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine wichtige Rolle:

  • Es gibt die kognitiven oder physiologischen Grenzen, die der Körper selbst setzt. Und natürlich sind auch die Behinderungen selbst sehr unterschiedlich ausgeprägt.
  • Dann ist die Frage, wie lange jemand behindert ist. Geburtsbehinderte sind in der Regel wesentlich angepasster an ihre Behinderung als Spät-Behindderte.
  • Die Persönlichkeit ist wichtig. Ängstliche Personen probieren ungern Neues aus. Andere können es gar nicht abwarten, die Grenzen auszutesten und zu überschreiten.
  • Ein weiterer limitierender Faktor sind die Hilfsmittel. Wer veraltete oder halbdefekte Technik einsetzt wird wahrscheinlich nicht mit jemandem mithalten können, der auf dem neuesten Stand ist.
  • Dann reicht es nicht aus, die neueste Technik zu besitzen. Man muss auch in der Lage sein, sie zu bedienen. Das ist ein Faktor, der häufig übersehen wird.

Zu den sinnvollen Fähigkeiten eines Behinderten gehört im übrigen auch, sich Hilfe zu holen, wenn man sie benötigt. Oft genug erlebe ich, dass die Leute die Hände in den Schoß legen, wenn sie etwas nicht hinbekommen. Oder sie unternehmen erst gar nichts, wenn es mit Schwierigkeiten verbunden sein könnte. Womit wir zum letzten Faktor kommen.

Der dritte Faktor: Menschliche Hilfe

Last not least gibt es Probleme, die man als Behinderter partout nicht ohne die Hilfe Dritter lösen kann. Ein blinder Redakteur wie ich zum Beispiel kann keine Bilder recherchieren und nur in Grenzen bearbeiten. Ich kann meine Präsentationen nur begrenzt selbst erstellen und visuell überprüfen. Ich kann meine Unterrichtsarbeit nicht ohne Assistenz durchführen.
Allgemein gilt die Barrierefreiheit als erreicht, wenn etwas grundsätzlich ohne fremde Hilfe möglich ist. Es gibt aber einige Bereiche, in denen zumindest die meisten Blinden nie ohne fremde Hilfe auskommen werden. Daran ist im übrigen nichts verwerfliches. Menschliche Hilfe ist nichts Negatives und es ist kein Wert an sich, vollkommen ohne sie auskommen zu wollen. Alle Menschen sind gelegentlich auf die Unterstützung durch andere Personen angewiesen. Ich nenne das den sozialen Faktor in der Barrierefreiheit.

Warum thematisiere ich das nun?

Da ich mich in letzter Zeit mit nicht-digitaler Barrierefreiheit beschäftigt habe, stoße ich gelegentlich auch auf die Grenzen der Technik.
Dabei gibt es sehr unterschiedliche Grenzen. Eine Großstadt kann theoretisch zu einem sehr hohem Grad blindengerecht gemacht werden. Aber mal im Ernst: Die Milliarden, die dafür notwendig sind wird keine Stadt aufbringen wollen. Und selbst wenn das passiert, wird es immer noch viele Blinde geben, die Probleme haben werden. Es ist also egal, wie viel Geld wir investieren, wir Blinde werden immer zu einem gewissen Grad auf fremde Hilfe angewiesen sein.
In der erwachsenen-Bildung wird von den Dozenten gefordert, dass er auf jeden Teilnehmer individuell eingehen soll. Hier stoßen wir auf zwei Grenzzen:

  1. Die Resource Zeit ist knapp
  2. Die Ressource Geduld ist knapp

Einerseits hat natürlich jeder Teilnehmer Aufmerksamkeit verdient, andererseits muss jeder Dozent ein gewisses Maß an Mindest-Bildungsleistung für alle Teilnehmer erbringen. Als Dozent verspreche ich ein bestimmtes Lernziel und wenn ich das nicht erbringe, fällt das nicht auf den Teilnehmer, sondern auf mich zurück.
Der behinderte Teilnehmer muss in gewissem Maße bereit sein, eine Eigenleistung zu erbringen. Ganz ohne geht es nicht. Ich kann ihn dabei so weit wie möglich unterstützen. Ich kann aber nicht ihm zu Liebe die gesamte Gruppe vernachlässigen.
In vielen Fällen ist es am sinnvollsten, wenn sich der Behinderte eine Assistenz organisiert. SSie kann ihn bei den Aufgaben unterstützen, die von mir als Dienstleister nicht oder nicht ausreichend erbracht werden können.
Wie ich unter Punkt 1 schon ausgeführt habe, ist eine absolute Barrierefreiheit nicht möglich. Eine Behinderung ist – Punkt 2 – in gewissen Grenzen kompensierbar. Wir stoßen aber an Grenzen, wenn es etwa um neu erworbene Behinderung, Mehrfachbehinderung oder weitere Einschränkungen geht.
Natürlich sollte größtmögliche Barrierefreiheit hergestellt werden. Wenn ich eine Software nicht bedienen kann, die ich benötige, dann kann ich meinen Job nicht machen.
Auf der anderen Seite sollte der menschliche Faktor nicht vernachlässigt werden. Die Menschen brauchen menschliche Unterstützung, falls unsere Roboter nicht bald lernen, soziale Empathie zu entwickeln und auch komplexere Aufgaben zu übernehmen.
Ein wichtiger Faktor ist auch eine vernünftige Bezahlung der Assistenten. Je nach dem, welche Hilfestellung sie erbringen, müssen sie teils hohe Ansprüche erfüllen. Gleichzeitig werden gerade im sozialen Sektor – da, wo es um Menschen geht – die Betroffenen am schlechtesten bezahlt. Kellnern oder Putzen gehen wäre kaum weniger anstrengend, aber besser entlohnt. Vielleicht sollten wir , statt 700 Euro für ein iPhone auszugeben uns einmal darum bemühen, dass unsere Unterstütze vernünftig bezahlt werden. Die Technik ist eben nicht alles.

Neue Ansätze für Screenreader

Heute gibts wieder mal einen etwas technischeren Beitrag. Ich möchte mit euch ein paar Gedanken dazu austauschen, was Screenreader heute noch leisten und welche Ansätze es braucht, um sie zu verbessern.
Die ersten Screenreader griffen Informationen über die Grafikkarte ab. Deshalb brachte Jaws lange Zeit einen Treiber für Grafikkarten mit, der so manche Windows-Installlation zerschossen hat. Möglicherweise gibt es den immer noch.
Heutige Screenreader greifen auf Informationen der Accessibility API zurück. Das ist eine Schnittstelle. Der Programmierer hinterlegt Informationen nach einem bestimmten Schema, die vom Screenreader ausgelesen werden.
Nun haben wir zwei gegenläufige Tendenzen: Screenreader stehen immer mehr Leuten teils kostenlos zur Verfügung. Der Narrator ist fürs einfache Surfen geeignet. NVDA und VoiceOver auf dem Mac sind leistungsfähige Alternativen zum überteuerten Jaws.
Auf der anderen Seite werden immer mehr Anwendungen ins Web ausgelagert. Oder sie sind nicht barrierefrei programmiert. Für Blinde zum Beispiel stehen ganze Berufsfelder nicht zur Verfügung, weil sie mit den nötigen Tools nicht arbeiten können.
Nun ist es einfach, Barrierefreiheit einzufordern und für einem Multi-Milliarden-Konzern wie Microsoft ist die Umsetzung kein Problem. Für den Software-Mittelständler mit einer Handvoll Entwicklern ist das schwierig. Ein nicht barrierefreies Programm barrierefrei zu machen kostet sie im Verhältnis mehr Geld, mehr Zeit und mehr Woman-Power als Apple oder Microsoft. Dass sie es von Anfang an hätten barrierefrei programmieren können, steht auf einem anderen Blatt.
Das zweite Problem ist, dass Screenreader – so mein Eindruck – generell Probleme mit
dynamischen Anwendungen haben. Auch wenn es funktioniert ist es mehr als hakelig. In Word kann ich zum Beispiel einfach die Alt-Taste nutzen, um das Menü aufrzurufen. In Google Docs bekomme ich das kaum hin.
Außerdem wäre es manchmal sinnvoll, das Gleiche zu sehen wie Sehende. Blinde wissen nicht, welche Position ein Element auf dem Bildschirm hat und ein Sehender kann ihnen ohne Screenreader-Kenntnisse nicht sagen, wie sie an eine bestimmte Stelle kommen. Manchmal höre ich Dinge, die der sehende Kollege nicht sehen kann. Sie sind zwar da, aber nicht visuell sichtbar.
Wie dem auch sei, hier meine Wunschliste ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Vielleicht fasst sich ja jemand ein Herz und entwickelt bis morgen die passende Anwendung dazu.

Mustererkennung

Der Screenreader muss den Bildschirm-Inhalt analysieren. Anhand bestimmter Muster wie der Anordnung von Links oder ihrem Aussehen kann er erkennen, dass es sich um ein Textfeld, ein Menü, einen Scrollbalken oder etwas anderes handelt. Diese Muster muss er erkennen und die passende Information an den Nutzer weitergeben. Außerdem muss er die passende Interaktion wie anklicken, scrollen Auswählen und so weiter ausführen können.

Erkennen und Rückmelden von Veränderungen

Nun habe ich eine Checkbox ausgewählt, einen Text geschrieben, oder einen Befehl in einem Menü aufgerufen. Der Screenreader müsste mir diese Veränderung zurück melden, so wie er es bei einer barrierefreien Anwendung auch tun würde. Soweit ich erkennen kann, ist das ein Kernproblem heutiger dynamischer Anwendungen wie Google Docs.

Verschieben und fallen lassen

Drag and Drop gehört zu den wichtigen Aufgaben etwa in Redaktionssystemen mit dynamisch angelegten Oberflächen. Hier muss es eine adequate Lösung geben, die nichts mit Mausschubserei zu tun hat.

Beschreibung komplexer Oberflächen

Die komplexeste Aufgabe ist die Beschreibung von Web-Oberflächen. Hintergrund ist folgender: Wenn ich eine Anwendung das erste Mal aufrufe, weiß ich ja nicht, welche Optionen zur Verfügung stehen. Ich sehe nur das, was ich gerade fokussiert habe. Ich brauche also eine kurze Zusammenfassung des visuellen Interfaces. Das machen übrigens auch barrierefreie Anwendungen derzeit nicht. Nur im Internet gibt es beim Aurruf einer Webseite Schlüsselinfos wie „Seite hat 20 Überschriften und 120 Links“. Das ist nicht immer informativ, aber ein erster Ansatz. Wünschenswert wäre eine Zusammenfassung von Bedien-Segmenten wie Menüs, Symbolleisten und so weiter. Im nächsten Schritt müsste man in das jeweilige Segment absteigen und sich einzelne Elemente ansagen lassen können.
Mit der Mustererkennung ist das Erkennen solcher Segmente kein großes Problem. Schwierig ist vor allem eine Beschreibung, die vom Nutzer verstanden werden kann.

Tracking von Veränderungen

Dynamische Anwendungen können sich ohne Zutun des Users ändern, siehe etwa Twitter.

Fazit

Wünschenswert wäre ein Mix beider Funktionalitäten. Das heißt, es werden Informationen aus der Accessibility Api bzw. aus dem Quelltext ausgelesen und Informationen werden direkt vom Bildschirm abgenommen. Die Frage bleibt dann, wie das dem Nutzer am besten weitergegeben wird.

Ist das technisch überhaupt möglich?

Gute Frage, nächste Frage. Ich nehme an, die Mustererkennung kann man über eine künstliche Intelligenz lösen. Die Zahl sinnvoller Gestaltungsmuster für Webanwendungen ist zwar groß, aber nicht unbegrenzt. Weicht man zu oft von der üblichen Designsprache ab, ist es ja auch für Sehende schwer zu erkennen, was man da vor sich hat.
Hat man dieses Problem gelöst, ist der Rest ein Klacks.
Das ist also – so hoffe ich – keine absolute Zukunftsmusik.
Ein Kernproblem heutiger Screenreader besteht übrigens darin, dass sie zu kompliziert sind. Spät-Erblindete mögen noch in der Lage sein, sich eine Seite vorlesen zu lassen. Doch die Nutzungsmuster von Blinden und Sehenden bei Web-Anwendungen divergieren so stark, dass Blinde und Sehende sich nicht gegenseitig helfen können. Wenn ich zum Beispiel mit eTracker arbeite, verwende ich die Tastatur, lasse mir eine Liste der Links anzeigen und springe zu dem gewünschten Link, in dem ich dessen Anfangsbuchstaben eingebe. Die Menüs, die ich dabei verwende sind für den Sehenden gar nicht sichtbar, was ich aber nicht weiß, ich nehme sie ja war. So kann ich ihm nicht helfen und er kann mir nicht helfen.
Der Sehende kann mir – außer bei Touchscreens – nicht sagen, wie ich an eine bestimmte Position des Bildschirms komme. Die Arbeitsweise des Screenreaders ist für ihn und den Neu-Erblindeten nicht intuitiv.
Mit anderen Worten: Es wäre wünschenswert, die Arbeitsweise von Blinden und Sehenden näher zusammenzurücken. Das hieße nichts anderes als die Arbeitsweise heutiger Screenreader über den Haufen zu werfen. Aber vielleicht ist das ab und zu mal nötig, ein paar Schritte zurückzutreten und einen geweiteten Blick auf möglicherweise nicht mehr geeignete Möglichkeiten zu werfen. Ich sehe voraus, dass die Zahl der Geburtsblinden in Deutschland bald sehr gering sein wird, während die Zahl der im Alter Erblindeten weiter zunimmt. Für sie sind die heutigen Konzepte der Screenreader zu kompliziert.

Mobbing an Blindenschulen – warum Förderschulen kein Paradies für Behinderte sind

Viele blinde und sehbehinderte Schüler berichten über Mobbing an inklusiven und integrativen Schulen. Doch auch an Förderschulen findet Mobbing statt. In diesem Zusammenhang möchte ich meine Erfahrungen an der Blindenstudienanstalt Marburg schildern, die ich zwischen 1996 bis 1999 besucht habe. Die Situation dürfte sich seitdem aber kaum verändert haben.
An einer gemischten Schule mit blinden und sehbehinderten Schülern gibt es im Wesentlichen vier Gruppen: Die Sehbehinderten, die fitten und die unfitten Blinden. Als vierte Gruppe können Personen mit weiteren Behinderungen hinzukommen. So gab es an der Blista Menschen mit psychischen, motorischen oder kommunikativen Problemen.
Die Sehbehinderten sehen teils so gut, dass ich mich häufig gefragt habe, was sie wohl an einen Ort getrieben hat, der blindenstudienanstalt heißt. Die Sehbehinderten blieben im Wesentlichen unter sich.
Die fitten Blinden sind Blinde, die im Wesentlichen unauffällig sind. Sie haben keine Blindismen, also Bewegungs- oder andere Ticks, welche sie in jeder Gesellschaft auffallen lassen. Die fitten Blinden können sich unauffällig in eine Gruppe Nicht-Blinder integrieren.
Die unfitten Blinden hatten Ticks oder andere teils psychische Auffälligkeiten. Sie hatten Blindismen wie das ständige Wppen mit dem Oberkörper. Die Mädels konnten sich nicht angemessen schminken oder liefen in unpassender Kleidung herum. Manche fanden es sinnvoll, in billigem Parfum zu baden.
Die Mehrfachbehinderten schließlich waren selbst unter den unfitten Blinden kaum willkommen.
Jeder dieser Gruppen hat im Wesentlichen untereinander verkehrt. Sehbehinderte hatten wenig mit Vollblinden verkehr, die fitten Blinden hatten wenige Berührungspunkte zu den Sehbehinderten und den Unfitten. Die Unfitten waren in den beiden anderen Gruppen nicht willkommen.
Komplett ausgegrenzt waren Personen mit psychischen und kommunikativen Einschränkungen. Ihr kennt die Schmuddelkinder, mit denen keiner spielen will und die, wenn es um die Wahl der Mitspieler geht als letztes ausgewählt werden. Das waren bei uns die Mehrfachbehinderten.
Während die Sehbehinderten und die Blinden sich gegenseitig im Wesentlichen in Ruhe ließen, waren die unfitten Blinden und die Mehrfachbehinderten häufig Schikanen ausgesetzt. Die Blista ist nicht nur eine Schule, sondern auch ein Heim. Das Heim basiert auf sogenannten Wohngruppen.
Die unfitten Blinden wurden meines Wissens auch von Seiten der Blista nicht unterstützt. Natürlich kann man fast erwachsenen Menschen nicht mehr alle Manirismen abtrainieren. Doch kann man dazu beitragen, dass sie die auffälligsten Blindismen ablegen. Bestimmte Dinge wie ein altersgemäßer Kleidungsstil, ein vernünftiges Verhalten in der Öffentlichkeit und so weiter können auch erwachsenen Personen noch beigebracht werden. Und auch gegen Schikanierung, Beleidigungen und so weiter lässt sich etwas unternehmen.
Denn die gehörten an der Blista zum Alltag. Die unfitten Blinden wurden beleidigt, ausgegrenzt und nicht an gemeinsamen Aktivitäten beteiligt. Zumindest habe ich in meiner Zeit nie von Gewalt gegen diese Gruppen gehört. Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich damals wohl nicht darum gekümmert hätte.
Nun sind Schulhöfe kein Kindergarten und es ging an der Blista sicher nie so heftig zur Sache wie an Schulen mit mehreren hundert Schülern. Dennoch zeigt es, dass auch an Förderschulen Ausgrenzung und Mobbing zur Tagesordnung gehören. Sie sind nicht das Paradies für behinderte Kinder, als das sie gern verkauft werden. Im Gegenteil: An einer normalen Schule kann man nachmittags nach Hause gehen und hat dort hoffentlich Ruhe. An der Blista kann es im schlimmsten Fall passieren, dass der Mobber dein Mitbewohner ist. Er kann dich dann den ganzen Tag stalken.
Mobbing ist für den Betroffenen immer eine schlimme Sache. Es sollte deshalb nicht so getan werden, als ob Förderschulen das Paradies für Behinderte wären. Gerade Mehrfach- und stark Behinderte sind an Förderschulen betroffen.

Mein Rückblick auf die Konferenz „Mit allen Sinnen“ im Historischen Museum Frankfurt

Am 12. und 13.12.2016 durfte ich als Referent an der Konferenz „Mit allen Sinnen“ des Historischen Museums Frankfurt teilnehmen. Hier lest ihr einen kleinen persönlichen Rückblick.
Viele Menschen wissen nicht, dass die Museen in gewisser Weise Vorreiter sind, was Inklusion und Barrierefreiheit angeht. Viele Einrichtungen kümmern sich schon seit Jahren um das Thema und haben so einen Vorsprung vor anderen Einrichtungen.
Auf der anderen Seite kämpfen Museen wie alle Institutionen mit knappen Mitteln.
Aus dieser Perspektive ist es spannend zu beobachten, wie viel die Museen heute schon leisten. Aus allen Beiträgen war der Wille und das Engagement spürbar, Museen inklusiver und zugänglicher zu machen.
Wie meine Leser wissen, bin ich ja eigentlich kein kultivierter Mensch. Zwar habe ich mich als Vorbereitung mit den zahlreichen Leitfäden zu barrierefreien Museen beschäftigt. Aber wie wir wissen ist alle Theorie grau.
Ich bin eher Generalist als Spezialist. Da ich mit dem Thema Kulturvermittlung nicht wirklich vertraut war, war ich in gewisser Weise ein Exot auf der Konferenz. Aber es schadet sicher nicht, auch mal den Blick von außen auf bestimmte Themen zu bekommen.
Meine Herangehensweise an Barrierefreiheit besteht immer in der Aussage, dass von Barrierefreiheit jeder Mensch profitieren kann. Es geht primär um behinderte Menschen. Aber zum Beispiel kann eine Online-Ausstellung nicht nur von Menschen mit Einschränkungen besucht werden. Auch Personen, die ansonsten kein Museum besuchen würden, haben online eine niedrige Einstiegshürde.

Persönliche Einsichten

Ich selber durfte am zweiten Tag den Einführungsvortrag halten sowie am Nachmittag zwei Mal einen Workshop zum Thema digitale Barrierefreiheit durchführen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich selbst in den Workshops am meisten lerne. Heute saßen zum Beispiel zwei Gehörlose in meinem Workshop Da die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Blinden nicht immer ganz einfach ist, habe ich bisher wenig Bezugspunkte zu Gehörlosen gehabt. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es nicht so sehr um das 1:1-Übersetzen geht, sondern die Informationen auch an die Struktur der Gebärdensprache angepasst werden müssen.

Mein Fazit

Alles in allem war es eine sehr gelungene Veranstaltung. Solche Events sind nicht nur wegen der Inhalte interessant. Es geht auch darum, alte Bekannte wieder zu treffen und neue Menschen kennen zu lernen. Als Blinder ist es vor allem spannend, Leute wieder zu treffen, an die man sich selbst nicht mehr erinnert. „Wir kennen uns doch von…“ war einer der häufigsten Sätze, die ich gehört habe.
Den reichhaltigen Input muss ich erst einmal verarbeiten. Auf jeden Fall habe ich viele neue Ideen mitgenommen, die ich im nächsten Jahr ausrollen werde.
Meinen herzlichen Dank an das Historische Museum Frankfurt dafür, dass ich dabei sein durfte.

So war er für mich – der Hakathon neue Nähe

Hacker, sind das nicht schlecht frisierte Typen, die in kryptischen Begriffen über Dinge reden, die kein Außenstehender versteht? Und überhaupt, was soll ein Typ wie ich, der gerade mal HTML kann auf einem Hackathon? Würde ich überhaupt irgend etwas verstehen oder die ganze Zeit nutzlos in der Ecke hocken? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich gefragt wurde, ob ich am Hackathon neue Nähe von Aktion Mensch und Microsoft teilnehmen möchte. Er fand am wochenende 25.11.-27.11. in der Berliner Zentrale von Microsoft statt.
Nun, ich wurde überrascht und doch wurden meine Erwartungen enttäuscht. Technisch waren vor allem die Lightning Talks. Bei denen bin ich nach ca. zehn Sekunden geistig abgehängt worden. Enttäuscht wurde meine Erwartung, dass Hacker vor allem Hackanesisch sprechen würde. Ein paar Worte habe ich sogaar verstanden.

Zeigt her eure Probleme

Es gab viele interessante Gespräche. Behinderte Menschen haben viele Probleme. Zumindest kann ich das von mir behaupten. Und Hacker sind die geborenen Problemlöser. Du erzählst ihnen etwas und du siehst ihnen zu, wie sie schon während des Gesprächs nach Möglichkeiten suchen, wie sich das Problem lösen lässt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele interessierte Fragen zum Thema Blindheit beantwortet zu haben. Auch wenn das manchmal anstrengend ist, hat es aber auch Spaß gemacht.
Besonders beeindruckt hat mich Gregor Bisswanger. Sein Bruder Werner hat nach einer Hirnhautentzündung im jungen Alter starke motorische und kommunikative Einschränkungen. Gregor hat eine Möglichkeit entwickelt, dank der Werner selbständig kommunizieren kann. Und diese Lösung steht allen Menschen zur Verfügung, die ähnliche Probleme wie Werner haben.

Ich persönlich habe eine Anwendung zur Indoor-Navigation für Blinde unterstützt. Es ging darum, dass Blinde Menschen zum Beispiel ein bestimmtes Café finden, über dieses Café spezifische Informationen abrufen und sich dort autonom orientieren können.
Eine weitere geniale Idee besteht darin, akustische Informationen für Gehörlose in bestimmte Vibrationsmuster umzusetzen. Wenn es zum Beispiel an der Tür klingelt, soll das Armband, dass der Gehörlose trägt ihn durch ein bestimmtes Vibrieren darauf aufmerksam machen.
Nun will ich nicht alle Ideen vorstellen, die dort bearbeitet wurden. Ich möchte nur sagen: Liebe Hacker, Hut ab vor eurem Engagement. Nächtelang unentgeltlich an Lösungen zu arbeiten – das ist gelebtes Engagement. Es war mir eine Ehre, dabei gewesen zu sein und zumindest ein kleines Mosaiksteinchen auf dem Weg zu guten Lösungen gewesen zu sein.

Mangelware Behinderte

Wie immer bei mir gehts nicht ohne Seitenhieb auf die Behinderten-Szene: Ein wenig schade fand ich, dass sich kaum behinderte Programmierer haben blicken lassen. Berlin dürfte voller solcher Personen sein. Sie hatten aber anscheinend Besseres zu tun als dabei zu helfen, ihre eigenen Probleme zu lösen. Ich habe es kräftig in meinem Netzwerk gestreut und lauter Ausreden bekommen, warum es nicht geht.
Das muss natürlich jeder selbst entscheiden. Aber auch beim Thema digitale Barrierefreiheit habe ich den Eindruck, dass behinderte Menschen vor allem gut darin sind, Forderungen an Andere zu stellen. Wenn es darum geht, die Probleme im Detail zu beschreiben – wir sprechen gar nicht von Lösungsstrategien – dann hört man auf einmal nichts mehr. Das entspricht leider nicht meinem Verständnis von Inklusion. Inklusion heißt auch Geben und nicht nur Nehmen. Offenbar hat man sich zu sehr daran gewöhnt, dass Andere die eigenen Probleme lösen.

Wie schnell können Blinde Braille lesen?

Aus verschiedenen Gründen beschäftige ich mich gerade mit Fragen zum Thema lesen. Dabei geht es besonders um das Lesen von Braille. Leider muss ich ein wenig weiter ausholen und hoffe, dass ihr mir bis zum Ende folgt.

150 Wörter pro Minute

Forscher gehen davon aus, dass man mindestens 150 Wörter pro Minute lesen können muss, um von einer ausreichenden Lesegeschwindigkeit zum Lese-Verstehen sprechen zu können. Das klingt viel, aber tatsächlich dürften die meisten von euch deutlich schneller lesen. 150 Wörter pro Minute sollten Schüler bereits nach der vierten Klasse lesen können.
Diese 150 Wörter scheinen der durchschnittlichen Sprechgeschwindigkeit zu entsprechen. 150 Wörter entspricht also der Geschwindigkeit, in der unser Gehirn gesprochene Sprache gut verarbeiten kann.

Lesen ist nicht gleich Verstehen

Dabei muss man zwei Vorgänge unterscheiden:

  • Das Lesen ist an sich ein rein physischer Vorgang. Ich könnte auch einen italienischen Text problemlos lesen – eine Sprache, die ich nicht einmal im Ansatz beherrsche. Ebenso würde es mir aber auch mit einem Fachbeitrag aus der Mathematik ergehen. Ich kann zwar die Worte entziffern, grammatikalische Strukturen erkennen und vielleicht sogar erraten, worum es geht. Aber verstehen ist das nicht.
  • Der zweite Vorgang ist das eigentliche Verstehen des Gelesenen. Ich spreche deshalb von Lese-Verstehen.

Interessant daran ist, dass sowohl zu schnelles als auch zu langsames Lesen das Verstehen verhindern kann. Nehmen wir das oben genannte Beispiel eines Mathe-Textes. Klar kann ich die Zeichen schnell entziffern. Doch ob etwas hängen bleibt, ist fraglich.
Lese ich andererseits zu langsam – zum Beispiel Zeichen für Zeichen – werde ich den Text auf Wortebene erfassen, aber schon bei etwas komplexeren Sätzen werde ich schon den einzelnen Satz nicht mehr verstehen. Und das gilt im Prinzip für jeden Text, der über dem Niveau der zweiten Klasse liegt.
Um Vergnügen am Lesen zu haben, muss der physiologische Vorgang des Erfassens von Zeichen vollständig in den Hintergrund treten. Das heißt, ich muss mühelos lesen können, um mich komplett mit der Verarbeitung des Gelesenen beschäftigen zu können. Ist das nicht der Fall, werde ich nie etwas freiwillig lesen. Das heißt aber umgekehrt: Je weniger ich lese, desto weniger Routine kann ich entwickeln.

Das Scheitern am Verstehen

Ein Großteil der funktionalen Analphabeten kann tatsächlich auf Wortebene lesen, scheitert aber an komplexeren Strukturen wie Sätzen, Absätzen und Abschnitten. Versteht man diese nicht, versteht man den ganzen Text nicht. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob die Betroffenen die gleichen Inhalte verstehen würden, wenn sie ihnen vorgelesen werden. Dazu habe ich leider keine Infos.
Wie ich schon mal erzählt habe, habe ich fast 20 Jahre lang kein Braille mehr gelesen. Vor ein paar Jahren habe ich wieder damit angefangen. Obwohl ich sowohl Braille als auch die Schwarzschrift im Grundsatz beherrsche, bin ich am Anfang meines Braille-Abenteuers zuerst auf Wort- und dann auf Satzebene gescheitert. Ich konnte die einzelnen Wörter lesen, aber ich hatte Probleme, den Satz zu einem Ganzen zusammen zu setzen. Ich kenne also das Problem aus eigener Erfahrung.
Für uns relevant ist, dass Sehbehinderte und Blinde aus ähnlichen Gründen vor dem gleichen Problem stehen. Fangen wir mit den Blinden an.

Lesen auf Zeichenebene

Blinde lesen bekanntlich mit dem Finger. Sehende erfassen Zeichengruppen, Worte und ganze Phrasen mit einer einzigen Augenbewegung. Nur deshalb sind hohe Lesegeschwindigkeiten möglich. Blinde hingegen sind nicht in der Lage, über den aktuellen Fokus ihres Fingers hinauszusehen. Die einzige Möglichkeit, die mir einfallen würde wäre, mit mehreren Lesefingern zu arbeiten. Bei mir zumindest hat das nicht funktioniert.
Vor allem für Braille-Lese-Anfänger ist die Schwelle sehr hoch. Sie müssen zum einen die Zeichen lernen. Parallel müssen sie die nötige Sensibilität in den Fingern ausbilden. Und sie müssen möglichst früh erste Erfolgserlebnisse haben, da sie sonst schnell frustriert sind.
Sind erst einmal alle Zeichen gelernt, müssen sie regelmäßig lesen, um eine halbwegs annehmbare Lesegeschwindigkeit zu erreichen.
Dennoch schaffen Blinde nur rund 60 bis 80 Wörter pro Minute. Geübte Braille-Leser schaffen zwischen 100 und 150 Wörter pro Minute. Sie erreichen also gerade einmal die Mindestschwelle dessen, was in der 4. Klasse als wünschenswert gilt. Die Studie entstand zu einer Zeit, wo Braille an den Schulen noch eine wesentlich größere Rolle gespielt hat als heute. Das heißt, die getesteten Personen dürften wesentlich mehr Leseerfahrung haben als heutige Schüler oder erwachsene Blinde.
Das Fatale an der Sache ist, dass Blinde wiederum mehr Zeit brauchen als Sehende. Ich habe als Schüler noch mit meinem kläglichen Sehrest und Schwarzschrift gearbeitet. Meine Lesegeschwindigkeit war nie besonders gut. Doch musste ich mich zumindest nicht mit meterhohen Papierstapeln abschleppen wie meine blinden Mitschüler. Unser Geschichtslehrer hatte ein großes Vergnügen daran, enorme Textmengen zu verteilen.
Die blinden Mitschüler mussten also viel mehr Zeit für das Lesen dieser Dokumente aufwenden als ihre sehbehinderten oder gar die sehenden Mitschüler. Im Studium oder Arbeitsleben schaut es nicht besser aus.
Sehbehinderte stehen aus anderen Gründen vor ähnlichen Problemen. Bei starker Vergrößerung oder bei einem kleinen Gesichtsfeld können sie oft nur kurze Worte oder Wortbestandteile auf einen Blick erfassen. Mit ein wenig Leseerfahrung können sie Wörter erraten oder andere Tricks anwenden. Aber schnelles oder angenehmes Lesen ist so kaum möglich.

Das Problem ist mit Braille nicht lösbar

Nun wissen wir, dass Lesen heute essentieller Teil fast jeder Jobbeschreibung ist. Jenseits von Höchstleistungen besonders effizienter Leser ist es aber schon physiologisch nicht möglich, als normaler Blinder Geschwindigkeiten wie ein Sehender zu erreichen.
Eine Möglichkeit ist theoretisch, die Brailleschrift weiter zu komprimieren. Wir haben ja schon die Kurzschrift, bei der geläufige Wörter und Texteile in einzelnen Zeichen zusammengefasst werden. Dadurch können bis zu 30 Prozent an Platz eingespart werden. Für geübte Leser erhöht das auch die Lesegeschwindigkeit. Daneben gibt es ein Braille-Steno, das wohl früher von blinden Schreibkräften verwendet wurde.
Das Problem dabei ist, dass natürlich der Lernaufwand noch einmal steigt. Im Prinzip muss eine neue Schrift gelernt und eingeprägt werden. Da es kaum Texte in Braille-Steno gibt, könnten die Leser auch nur auf elektronische Texte zurückgreifen, die von einem Programm automatisch in Braille-Steno übersetzt werden. Ob uns das die Lesegeschwindigkeit eines Sehenden bringt, weiß ich leider nicht.
Es bleibt uns also kaum etwas übrig, als die Sprachausgabe zu bevorzugen. Sie hat ihre eigenen Nachteile, die ich vielleicht ein anderes Mal behandeln werde. Sie ist aber tatsächlich die beste Möglichkeit, eine adäquate und alltagstaugliche Lesegeschwindigkeit zu erreichen. 300 Wörter pro Minute sind mit der Sprachausgabe mühelos erreichbar.

Die psychische Belastung blinder Menschen

Jeder kennt es, kaum jemand spricht darüber: die psychische Belastung, die eine Behinderung mit sich bringt. Heute möchte ich über diese Belastungen schreiben. Dabei geht es mir nicht direkt um die Behinderung. Es geht um die Frage, welche Belastungen indirekt durch die Blindheit oder Sehbehinderung entstehen.
Es ist klar, dass heute fast jeder Mensch solchen Belastungen ausgesetzt ist. Das hat nicht nur mit der individuellen Situation zu tun. Es hängt natürlich auch viel von der Persönlichkeit ab. Der Eine mag sich wunderbar mit einem vollgestopften Alltag arrangieren, während für jemand Anderes das Nichtstun eine Belastung ist. Deswegen gehe ich hier nur auf behindertenspezifische Fragen ein.
Die von mir genannten Faktoren können eine psychische Erkrankung begünstigen, müssen aber nicht. Solche Erkrankungen sind von vielen weiteren Faktoren wie dem Umfeld und der individuellen Situation abhängig.

Der Alltag frisst die Zeit auf

Schon die kleinen Dinge des Alltags kosten viel Zeit. Ob Körperpflege, Einkaufen oder der Gang zum Arzt: für viele Dinge des Alltags müssen wir mehr Zeit einplanen als Sehende. Wir reden hier nicht von Minuten. Ihr könnt die Zeit nehmen, die ihr normalerweise braucht und mit dem Faktor drei oder vier multiplizieren, das sollte ungefähr hinkommen. Es kann aber auch noch wesentlich mehr sein. Der Blick in den Spiegel reicht uns nicht, um zu wissen, dass wir gut gepflegt sind. Dann kippt irgendwas um und muss aufgewischt werden. Oder die frisch angezogenen Klamotten werden mit Kaffee vollgekleckert. Für Blinde ist das Alltag.
Eine der allgemeinen Ungerechtigkeiten: Je mehr Hilfe wir brauchen, desto mehr Papierkram haben wir. Egal ob Grundsicherung, Wertmarke, Assistenz. Alle Leistungen erfordern Papierkram. Überweisungen wollen getätigt, Unterlagen eingescannt und abgeheftet, Anträge gestellt und Anfragen beantwortet werden. Mein Leben steht in Form von 7 gefüllten Leitz-Ordnern auf meinem Regal und jedes Jahr kommt einer dazu. Ich sehe das nicht wie viele andere Behinderte als Schikane der Ämter. Es gibt halt nichts umsonst. Und dennoch kann ich keine Liebe zu Papierkram entwickeln. Auch dafür gilt, nehmt die Zeit, die ihr braucht mal 4, dann wisst ihr, wie viel Zeit das kostet.

Familien-Idylle

Wenn ein blindes Paar eine Familie gründet, steigt der Stresspegel noch weiter. Schon Sehende sind gezwungen, ihr Leben um das Kind herum zu organisieren. Für blinde Menschen sind die Herausforderungen ungleich größer. Wickeln und füttern geht auch, wenn man blind ist. Aber spätestens, wenn das Kind zu krabbeln anfängt, geht es los. Wir müssen aufpassen, wo wir hintreten, schließlich könnte es gerade vor uns sein. Wir müssen alles Gefährliche aus dem Weg räumen, an dem es sich verletzen oder das es runterschlucken könnte. Nur zur Erinnerung: Ein Sehender erfasst einen Raum auf einen Blick. Ein Blinder Fuß praktisch jeden Zentimeter abtasten und wird trotzdem Vieles übersehen.
Wenn das Baby weint, müssen wir herausfinden, ob es sich weh getan hat. Und wenn es krank ist – nun, ihr wisst, worauf ich hinaus möchte.
Wenn es dann schließlich anfängt zu laufen müssen wir natürlich mit ihm raus. Wir müssen dann nicht nur uns selbst orientieren. Wir müssen aufpassen, dass uns das Kind nicht davon oder auf die Straße läuft. Außerdem sind diese Kinder verdammt schlau. Sie finden schnell heraus, wie man Türen öffnet. Und sie haben ein tierisches Vergnügen daran, an den Reglern des Herds zu drehen oder Handys, Schlüssel und Fernbedienungen zu verstecken.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Häufig steht man als Blinder unter verstärkter Beobachtung. Kümmert er sich richtig um das Kind? Das betrifft nicht nur Fremde, sondern auch die eigene Familie. Hat sich das Kind also verletzt, ist das Gesicht verschmutzt, sind die Klamotten vollgekleckert – kein Wunder, der ist ja blind und kann sich nicht richtig um das Kind kümmern.

Nichts als Arbeit

Der berufliche Alltag ist Stress pur. Es ist wirklich frustrierend, wenn man für eine Aufgabe mehrere Minuten braucht, die ein Sehender in 5 Sekunden erledigt hätte. Egal, wie viel Training und Routine wir haben, das Problem ist nicht lösbar.
Dabei geht es mir nicht um die Zeit, die ich mehr brauche. Es ärgert mich, dass ein Sehender das wesentlich schneller machen könnte. Ein Blinder kann sich nicht entscheiden, heute mal das Auto oder Fahrrad zu nehmen. Die Bahn streikt, der Bus hält einfach mal 10 Meter weiter hinten, die Straße ist total vereist? Pech gehabt, dann dauert der Arbeitsweg halt drei Mal so lang wie der eines Sehenden.
Es gibt Tage, an denen die Technik Streiche spielt. Da ist der Internetzugang so langsam, dass man nicht produktiv arbeiten kann. Da ist irgend ein Tool oder eine Web-Anwendung, die partout nicht mit dem Screenreader zusammenarbeiten will. Da ist schon wieder eine Software angeschafft worden, die offensichtlich nicht barrierefrei war.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Ich empfinde es schon als Belastung, die Arbeitskollegen weder in der Firma noch auf der Straße zu erkennen. Die Leute sind oft beleidigt, auch wenn sie es nicht zugeben. Der Transfer von „der sieht nicht gut“ bis „der kann mich nicht erkennen und ist nicht unfreundlich“ scheint nicht stattzufinden. Irgendwann ist es mir zu blöd, es den Leuten zu erklären.
Natürlich ist es eine gute Sache, Arbeitsassistenz zu haben. Doch auch hier gilt, sie nimmt einem nicht die Arbeit ab, sie macht zusätzliche Arbeit. Aufgaben müssen abgestimmt, die Pflichten eines Arbeitgebers erfüllt und – wie kann es anders sein – jede Menge Papierkram muss erledigt werden.
Ich habe oft gedacht, wie viel einfacher das Leben wäre, wenn man sich auf Arbeitslosengeld oder Erwerbsminderungsrente und Blindengeld zurückzieht. Da hat man immerhin 1000 Euro pro Monat zur Verfügung und keine anderen Verpflichtungen. Aber ich glaube, das Leben kann auch zu bequem sein.

Wie mit der Belastung umgehen?

Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, wie man mit dieser Belastung umgehen kann. Wir können uns nicht entscheiden, diese Dinge nicht zu tun. Sie müssen getan werden und es gibt niemanden, der sie uns abnehmen könnte.
Jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit diesen Belastungen umzugehen. Dazu gehört vielleicht eine bewusste Entschleunigung. Soziale Kontakte sind ebenfalls wichtig.
Manchen Leuten hilft es, Entspannungstrainings zu machen. Es ist egal, ob Yoga, Meditation oder MBSR, es läuft alles aufs Gleiche hinaus: Phasen suchen, in denen man nichts tut außer sich zu entspannen.
Der einzige Rat, den ich euch geben kann: Hört auf euren Geist und Körper. Warnsignale wie Schlaflosigkeit, Herzrasen oder Abhängigkeit von Suchtmitteln sollte rechtzeitig erkannt werden. Holt euch professionelle Hilfe, bevor es zu spät ist. Ich kenne genügend Leute, die wegen eines Burnouts monatelang ausgefallen sind. Das wollt ihr nicht erleben.

Warum wir Braille brauchen

Vor kurzem las ich folgende Info in einer Blinden-Mailingliste: Eine Blindeneinrichtung beschloss vor einigen Wochen, dass sie ihre Blindenbücherei nicht mehr benötigte. Die Schüler hatten zwei Wochen Zeit, sich noch Bücher zu sichern. Der Rest ist auf den Müll gewandert. Insgesamt ist dem Vernehmen nach das Braille-Wesen auf dem absteigenden Ast. Es werden immer weniger Braillebücher ausgeliehen. Das lässt zwei Interpretationen zu:

  • Blinde sind gut mit Braillezeilen ausgestattet und ziehen das elektronische Lesen vor. Immerhin ist die Zahl der eBooks sprunghaft gestiegen.
  • Blinde lesen gar kein Braille mehr, sondern ziehen Hörbücher und vom Screenreader vorgelesene Bücher vor.

Ich fürchte leider, dass Letzteres zutrifft.

Erinnerungen in sechs Punkten

Ich selbst habe Braille in der Kindheit gelernt – kurioserweise an einer Sehbehindertenschule. Ich habe es dann fast 20 Jahre nicht mehr eingesetzt. Vor ein paar Jahren habe ich dann beschlossen, mich wieder intensiv damit zu beschäftigen. Vieles ist am Computer mit Braille einfacher zu erledigen: Korrektur lesen, Code lesen und die Schreibweise unbekannter Wörter erkennen zum Beispiel. Ich kaufte mir also eine gebrauchte Braillezeile und fing an zu lesen. Es war ziemlich mühsam. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr anfangt, Texte in einer fremden Sprache zu lesen. Ich war so langsam, dass ich nur mechanisch gelesen und kaum kognitiv verarbeitet habe. Die Kurzschrift-Zeichen waren mir großteils entfallen. Außerdem habe ich mir nicht die nötige Zeit genommen. Zwei-drei Stunden am Wochenende waren nicht genug.
Dann entdeckte ich auf der Pinwand jemanden, der alte Braillebücher verschenkt hat. Kurzerhand ließ ich mir die Bücher liefern: 9 Bände in drei großen Kartons.
Mein Vorhaben war, die Bücher unterwegs zu lesen. Ich bin ja viel mit Bus und Bahn unterwegs und habe da reichlich Zeit, was Sinnvolleres als Handygepatsche zu machen. Heute kann ich sagen – nach gut drei Jahren – dass ich relativ flüssig lesen kann. Das heißt, ich kann den Sinn erfassen und nicht nur die Zeichen. Im Vergleich mit einem geübten Leser könnte ich nicht ansatzweise mithalten, aber darum geht es mir nicht. Was ich begriffen habe: Man braucht reichlich Routine, um flüssig lesen zu können.

Braille wird wichtiger

Ich hatte auf Facebook eine kleine Diskussion darüber angezettelt, ob man als Vollblinder ohne Braille überhaupt vernünftig schreiben kann. Ich weiß zum Beispiel bei vielen neumodischen Wörtern nicht, wie sie geschrieben werden. Sie werden ja von der Sprachausgabe vorgelesen. Die Kommasetzung in der neuen Rechtschreibung ist mir ein Rätsel, weil ich seit der Reform kaum noch Schwarzschrift-Texte gelesen habe.
In der besagten Diskussion erhielt ich überwiegend Zustimmung, aber auch ein paar ablehnende Stimmen. Viele meinen, dass sie auch ohne Braille gut schreiben könnten. Ich bleibe aber bei meiner Aussage. Trotz der Digitalisierung – oder gerade deswegen – ist Braille wichtig. Es reicht nicht aus, die Zeichen zu kennen, man muss flüssig lesen können. Und das funktioniert nur, wenn man regelmäßig liest. Außerdem denke ich nach wie vor, dass man zu selbst gelesenen Texten ein anderes Verhältnis hat als zu Hörbüchern oder vom Screenreader gelesenen Büchern. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass jemand, der mit 50 erblindet ist kein guter Braille-Leser werden wird und es gar nicht lernen möchte. Für die jung Erblindeten gilt das aber nicht. Es gibt kaum noch einen Beruf, in dem man nicht gut lesen und schreiben können muss. Es mag sein, dass man 90 Prozent seiner Aufgaben mit der Sprachausgabe erledigen kann. Aber manchmal kommt es genau auf die restlichen 10 Prozent an.

Die zehn Regeln für einfache Sprache

Nach meinem letzten Artikel zur einfachen Sprache wurde ich gebeten, dass Ganze mal auf meine Top-Ten-Regeln einzudampfen. Was ich hiermit gerne tue.
1. Orientieren Sie sich immer an der Sprache Ihrer Leser.
Überlegen Sie, welche Sprache Ihre Leser verstehen. Das ist Ihr Maßstab. Sie müssen nicht die Sprache Ihrer Leser sprechen oder schreiben. Sie müssen so schreiben, dass Ihre Leser Sie verstehen. Das ist ein großer Unterschied.
2. Vermeiden Sie wenig bekannte Wörter oder erklären Sie diese.
Manchmal können Sie es nicht vermeiden, ein unbekanntes Wort zu verwenden. Erklären Sie es in diesem Fall, wenn Sie es das erste Mal verwenden. Auf einer Website oder in einer Broschüre können Sie ein Glossar mit solchen Worten und den passenden Erklärungen anbieten.
3. Strukturieren Sie den Text logisch und nachvollziehbar.
Sie müssen dabei bedenken, dass sich die Logik immer aus der Sicht des Lesers ergibt.
4. Strukturieren Sie den Text visuell.
Verwenden Sie Zwischenüberschriften als kleine Zusammenfassungen. Verwenden Sie Auflistungen oder Tabellen, um den Text visuell aufzulockern und die Infos zugänglicher zu machen.
5. Ziehen Sie Verben vor. Vermeiden Sie Substantivierungen und Adjektive
Wenn ein Satz viele substantivierte Verben und Adjektive enthält, ist das ein schlechtes Zeichen.
6. Verwenden Sie höchstens zwei Satzzeichen pro Satz.
Wenn Sie mehr als zwei Zeichen verwenden müssen, ist der Satz zu kompliziert. Teilen Sie längere Sätze auf mehrere Sätze auf.
7. Machen Sie nur eine Aussage pro Satz und einen Gedankengang pro Absatz.
8. Schreiben Sie aktiv.
Sprechen Sie den Leser konkret an und teilen Sie ihm mit, was von ihm erwartet wird. Wenn Sie den Leser konkret anspechen, vermeiden Sie damit komplexe Umschreibungen.
9. Halten Sie die Sätze einfach.
Vermeiden Sie Zwischensätze, Nebensätze, Konjunktive und Verneinungen.
10. Bleiben Sie konsistent.
Verwenden Sie den gleichen Begriff für die gleiche Sache und vermeiden Sie Synonyme und Metaphern. Versuchen Sie, auch in anderen Texten eine ähnliche Struktur und die gleichen Begriffe zu verwenden. Es fällt dem Leser dadurch leichter, andere Texte von Ihnen zu verstehen.
11. Setzen Sie kein Wissen voraus, dass der Leser nicht hat.
12. Schreiben Sie nicht zehn, wenn Sie zwölf meinen.