Die Zugänglichkeit vieler großer Websites hat sich trotz diverser Negativ-Beispiele wie Facebook oder eBay drastisch verbessert. Das zeigt sich vielleicht daran am deutlichsten, dass der BIENE-Wettbewerb seine Teilnahme-Kriterien verschärft hat. Es werden nicht mehr nur Websites, sondern User-Maschinen-Interaktionen bewertet, deren Zugänglichkeit eine größere Herausforderung sein kann.
Viele große Redaktionssysteme wie WordPress oder Drupal sind bei Standard-Themes im Frontend ohnehin barrierefrei. Viele Websites wie die der Aktion Mensch, Yahoo, Google und andere setzen auf WAI ARIA, obwohl das noch kein offener Standard ist.
Leider sind die Backends vieler Redaktionssysteme dem Trend nicht gefolgt. Die im wesentlichen textbasierten Systeme von WordPress und Drupal sind leicht zu bedienen, wenn man als Blinder genügend Erfahrung hat. Allerdings könnte zum Beispiel WordPress stark verbessert werden. Seitdem die Menüs horizontal und nicht mehr vertikal angeordnet sind, etwa seit WP 2.7, nimmt der Texteditor zu wenig Platz ein. Bei stärkerer Vergrößerung schieben sich die Menüs in das Texteditorfeld, so dass der rechte Teil des geschriebenen Textes verdeckt wird. Die Anordnung der Widgets geschieht über Drag and Drop, was für Blinde schlicht nicht möglich ist.
Wie ich gehört habe, soll Joomla allerdings wesentlich schlimmer sein, weil das Backend wesentlich graphischer orientiert ist.
Der wahre Horror sind von Agenturen gebastelte Systeme. Hier gilt das Motto: Hauptsache, es funktioniert – irgendwie. Es mag sein, dass die meisten Unternehen kaum Sehbehinderte oder Blinde beschäftigen, aber auch unter körperlich gesunden Menschen soll es Leute geben, die liber mit der Tastatur als mit der Maus arbeiten. In den Agenturen scheinen jedoch nur Mausnutzer zu sitzen, die zudem ein Faible für komplexe Bedienung haben. Einige Firmen schicken ihre Mitarbeiter zu tagelangen Schulungen, damit sie den Umgang mit dem Redaktionssystem lernen. Erfahrungsgemäß ist es damit nicht getan, es entstehen immer noch Nachfragen. Unfälle mit versehentlichen Klicks auf die falsche Schaltfläche, unsaubere Textformatierungen und waschechte Fälle von Frustration, weil die Dinge nicht so laufen, wie man das möchte, sind an der Tagesordnung. Wenn wir einer Agentur fünfstellige Beträge hinlegen und das unser Ergebnis ist, haben wir an der falschen Stelle gespart.
Auch viele Tools, die für Webmaster interessant sind, lassen sich nicht oder nur teilweise barrierefrei bedienen. Die von der Firma Parallels vertriebenen Produkte zur Serververwaltung Confixx und Plesk sind an Desktop-Look angeleht. Plesk arbeitet sehr stark mit JavaScript/AJAX und friert zum Beispiel die Oberfläche ein. Der Blinde bekommt nicht mit, was da passiert, weil der Live-Indikator für Screenreader nicht zugänglich ist. Bei Confixx kann man nur die linke Spalte mit dem Menü erreichen, der Inhaltsbereich rechts bleibt überwiegend unsichtbar. Da bietet jede Shell mehr Benutzerfreundlichkeit für Tastaturnutzer.
Daran sieht man im übrigen, dass Open-Source-Produkte überwiegend besser abschneiden als kommerzielle Lösungen und die Eigenprogrammierungen der Agenturen. Dahinter steht vermutlich die verwegene Vorstellung, Menschen mit Behinderung würden sowieso nie mit diesen Produkten arbeiten.
Dazu muss aber noch selbstkritisch angemerkt werden, dass viele der Kunden – das sind wir ja in diesem Fall – sich nicht darüber beschweren. Kommt man in eine Firma, steht das Redaktionssystem halt da, wurde teuer eingekauft und ob da jemand noch mal nachbessern möchte, ist eher zweifelhaft.
Deswegen brauchen diese Firmen zum Einen mehr Know-How im Bereich Barrierefreiheit/Benutzerfreundlichkeit und zum Anderen müssen wir mehr bei diesen Unternehmen meckern. Die Richtlinien der BIT-V oder WCAG gelten genauso für das internet wie für andere Softwareprodukte. Ich bin ernsthaft der Überzeugung, dass das wirklich allen Nutzern dieser Systeme zugute kommen wird.