Langsamer bitte – warum behinderte sich für Entschleunigung einsetzen sollten

Ein meditierender MönchMit diesem Beitrag verabschiedet sich der Blog in die Weihnachtsferien. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine angenehme Zeit. Der Beitrag passt ganz zufällig zur Vorweihnachtszeit, er lag schon länger auf meinem To-Do-Stapel.
Je älter man wird, desto schneller scheint die Welt abzulaufen. Und tatsächlich ist das nicht rein subjektiv. Man vergleiche einfach mal eine Serie der 80er Jahre mit einem aktuellen Krimi: Sowohl die Schnitte als auch die Dialoge sind schneller geworden. Wer einen beliebigen Artikel aus einem der dicken Wälzer bestellt hat (RIP Otto-Katalog) , musste mehrere Wochen darauf warten, heute kann man in einigen Ballungsräumen bestimmte Produkte innerhalb von Stunden erhalten.

Die neue Ungeduld

Ein Großteil der Unfälle, insbesondere im Straßenverkehr ist auf zu hohe Geschwindigkeiten zurückzuführen. Eine banale Erkenntnis, die aber zu keinerlei Konsequenzen führt. Wer als Politiker ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen fordert, kann praktisch einpacken. Dabei haben wohl die wenigsten Autofahrer die Gelegenheit, mehr als 120 Stundenkilometer zu fahren.
Heute lese ich beim Deutschlandfunk, dass die Hälfte der Todesfälle bei Verkehrsunfällen Senioren sind. Was sagt unser Verkehrsminister, was sagen die Autofahrer dazu? Leider nichts.
Als Umweltfritze begrüße ich, dass immer mehr menschen mit Fahrrad unterwegs sind. Als Blinder ärgere ich mich jede Minute, die ich unterwegs bin über die Rücksichtslosigkeit praktisch aller Fahrradfahrer. Und hat jemand schon mal einen aggressiveren Menschenschlag als den Autofahrer gesehen? Ich kenne wirklich kein Völkchen, das so auf langsamere Verkehrsteilnehmer reagiert. Dabei geht es da häufig nur um ein paar Stundenkilometer oder ein paar Minuten mehr Fahrzeit. Was mag mit denen los sein? Sollte man in der Fahrschule vielleicht noch ein Training in Gelassenheit und ein paar Beutel Beruhigungstee mitgeben? Leider ist die Idiotenquote unter den Fußgängern nicht wesentlich geringer, nur hat deren Verhalten selten so negative Folgen, da sie qua Masse und möglicher Höchstgeschwindigkeit nicht so viel Schaden anrichten können. Heutzutage halte ich aber leider Fahrradfahrer und eBikes für die gefährlichsten Verkehrsteilnehmer für uns Bürgersteignutzer.

Alter und Behinderung

Wir entdecken gewisse Parallelen zwischen behinderten und älteren Menschen. Beide haben mit Einschränkungen zu kämpfen. Der Blinde mag deutlich weniger sehen als ein Senior mit grauem Star. Doch mag der Blinde besser damit umgehen können als der Senior, für den diese Situation neu ist. Bei letzterem mögen zudem noch weitere Einschränkungen vorliegen, die sich zusätzlich auf seine Fähigkeiten auswirken.
Beide Gruppen brauchen mehr Zeit. Der Senior benötigt mehr Zeit, um in den Bus einzusteigen, weil er nicht mehr so beweglich ist. Der Blinde muss den Eingang finden, der Rolstuhlfahrer muss die Rampe verwenden und seine Position im Bus finden.
Ähnliches finden wir im Internet: Blinde können deutlich mehr Zeit für eine Aktion auf einer fremden Webseite benötigen. Ältere mögen mehr Zeit benötigen, um sich zu orientieren, den Text zu lesen und zu verarbeiten oder um die Informationsarchitektur zu verstehen.
Bei beiden Gruppen ist zudem die Reaktionszeit verlangsamt: Entweder weil ein Sinn, die kognitiven Fähigkeiten oder schlicht die körperliche Reaktionsfähigkeit eingeschränkt sind. Wir haben also allen Grund, uns mit den Senioren zu solidarisieren und eine Entschleunigung zu fordern.
Der Grund, warum viele Rollstuhl-Rampen an Straßenbahnen nicht ausgefahren oder ausgeklappt werden ist zumeist der hohe Zeitdruck und die Verspätungen. Viele Blinde bekommen keine Hilfe von Passanten, weil denen beim Vorüberhasten nicht auffällt, dass die Blinden Hilfe brauchen könnten. Viele Hilfegesuche werden abgelehnt, weil die Leute subjektiv glauben, dafür keine Zeit zu haben.

Was tun?

Als Individuen können wir uns dafür entscheiden, den Druck rauszunehmen. Man muss nicht als Erster an der neu eröffneten Kasse sein, über den Bürgersteig rasen oder den Postboten zur Sau machen, weil das Paket einen Tag später gekommen ist.
Allerdings muss das gesamte System entschleunigt werden. Das heißt auch, dass wir als Blinde oder Rollstuhlfahrer uns nicht darüber aufregen sollten, wenn ein Zug zu spät kommt. Immerhin kann es sein, dass es an einem von uns lag.
Ich glaube, das Harrtmut Rosa – den ich ansonsten sehr schätze – sich irrt, wenn er sich gegen eine Entschleunigung ausspricht. Auch icht will nicht zurück zu 3G und ich weiß es zu schätzen, wenn ein Artikel innerhalb von zwei Tagen ankommt.
Doch hat uns die Beschleunigung tatsächlich so viel Lebensqualität gebracht? Was bringt die Beschleunigung etwa im Bahnverkehr, wenn man die gesparte Zeit damit verbringt, auf den Anschlusszug zu warten? Gibt es ein Recht darauf, ein Paket innerhalb eines Tages zu bekommen und was genau hat man damit gewonnen außer ausgebrannten Paketboten? Was bringt es, über die Autobahn zu rasen, wenn man anschließend im City-Verkehr feststeckt? Niemand will die Uhr vollständig zurückdrehen, doch ehrlicherweise hat die Beschleunigung nicht immer und vor allem nicht für alle den Gewinn an Lebensqualität gebracht, den uns unsere kapitalistischen Freunde versprochen haben.

Ein Gedanke zu „Langsamer bitte – warum behinderte sich für Entschleunigung einsetzen sollten“

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