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Was die Wissenschaft aus Behinderungen lernen kann

mikroskopIn diesem leicht überarbeiteten Beitrag aus meinem Buch „Was ist Blindheit“ möchte ich zeigen, welchen Beitrag Behinderung bei der medizinischen und kognitiven Forschung leistet.
Da ich mich nur mit Blindheit ausreichend auskenne, werde ich nicht auf andere Erkrankungen eingehen. Allerdings dürften auch für Gehörlosigkeit, Bewegungs-Unfähigkeit oder psychische Erkrankungen ähnliche Annahmen gelten. Wer es im Detail von Fachleuten wissen will, dem seien die Bücher von Oliver Sacks und V.S. Ramachandran empfohlen.

Blindheit als Studienobjekt

Blindheit wird schon seit langem wissenschaftlich untersucht. Es geht vielfach darum, die Ursachen von Augenerkrankungen herauszufinden und eine Erblindung zu verhindern. Es soll aber auch untersucht werden, wie sich Gehirn und Verhalten ändern, wenn ein Mensch nicht sehen kann. Orientierungsweisen von Blinden sind zum Beispiel für das Militär interessant. Soldaten im Einsatz müssen sich gelegentlich durch unbekanntes Gelände bewegen. Die Sichtweiten können dabei sehr gering sein. Ein Vorbild für die Brailleschrift war die von einem Militär entwickelte Nachtschrift.
Sehen ist der für den Menschen wichtigste Sinn. Ein Großteil der Gehirnkapazität ist darauf ausgelegt, visuelle Eindrücke zu verarbeiten. Das Sehen ist nicht nur für die Orientierung oder für alltägliche Aufgaben wichtig. Es spielt auch eine große Rolle in der sozialen Interaktion und Kommunikation. An den Unterschieden zwischen Geburts-Blinden und Sehenden lässt sich hervorragend studieren, welcher Teil der Körpersprache erlernt oder angeboren ist.
Neuronale und soziale Aspekte werden vor allem von Kognitionspsychologen erforscht, deren Ergebnisse wollen wir uns hier näher anschauen.

Gehirn und Sinne

Das Gehirn ist außerordentlich anpassungsfähig. Viele Blinde erbringen große Leistungen, wenn es um die Interpretation von Hör-, Geruchs- und Tastsignalen geht.
Es fällt Geburts-Blinden Kindern wesentlich leichter, sich auf die blinde Welt einzustellen. Je älter ein Mensch bei seiner Erblindung ist, umso schwerer wird es ihm fallen, sich an die Blindheit anzupassen. Das hängt damit zusammen, dass Kinder sich generell schneller anpassen können, für sie ist das Leben an sich ein stetiger Lernprozess. Geburts-blinde Kinder müssen sich gar nicht umstellen, aber auch ältere Kinder können sich schnell anpassen.
Neben der kognitiven Flexibilität, also der Anpassung von Gehirn- und Sinnesleistungen gibt es weitere Herausforderungen für ältere Menschen. Der richtige Umgang mit dem Blindenstock erfordert ein gewisses Maß an Feinmotorik, für die Blindenschrift braucht man ein Mindestmaß an Feinfühligkeit in den Fingern. Älteren Menschen fällt es wesentlich schwerer, diese Techniken zu erlernen, weil sie die physiologischen Voraussetzungen oft gar nicht mehr mitbringen.
Es kommt aber noch ein individueller Faktor dazu: Je aktiver ein Mensch ist, desto anpassungsfähiger ist er auch. Leider neigen viele ältere Blinde dazu, vor allem zuhause zu bleiben oder nur in Begleitung Ausflüge zu machen. Muskeln, die nicht trainiert werden bauen ab. Gleiches gilt für Sinnesreize, die nicht ausreichend stimuliert werden.
Es gibt keinen speziellen Platz im Gehirn, in dem Sinnesinformationen verarbeitet werden. Stattdessen zerlegt das Gehirn die eingehenden Signale, um sie in unterschiedlichen Arealen weiterzuverarbeiten. Nehmen wir an, ein roter Ball rollt auf uns zu: Dann werden die Informationen rot, rund und Rollen von unterschiedlichen Teilen des Gehirns verarbeitet. Vor allem beim Sehen ist das auch nicht weiter erstaunlich. Wir verwenden unser Sehvermögen, um uns zu orientieren, Fußball zu spielen oder zu lesen. Diese zahlreichen Aufgaben können nur bewältigt werden, wenn unterschiedliche Teile des Gehirns ins Spiel kommen. Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass das Gehirn Blinder nicht wesentlich anders funktioniert als das Sehender. Unterschiede gibt es natürlich: Der Schwerpunkt Sehender liegt eben auf der Verarbeitung visueller Informationen, während Blinde diese Ressourcen zur Verarbeitung der Informationen anderer Sinne verwenden, vor allem Haptik und Akustik.
Anscheinend wird das visuelle Zentrum nicht nur genutzt, um Sehreize zu verarbeiten. Es kommt auch bei der Erzeugung visueller Vorstellungen und in Träumen zum Einsatz, also in Fällen, in denen man eigentlich nichts aktiv sieht. Dieser Gedanke liegt zumindest nahe, wenn man sich die verschiedenen Erfahrungen Blinder anschaut. John Hull berichtet, dass er einige Zeit nach seiner Erblindung alle visuellen Vorstellungen einbüßte. Er vergaß sogar, dass Gegenstände so etwas wie eine visuelle Erscheinungsform haben mussten. Andere berichten hingegen von gutem Vorstellungsvermögen. Der blinde Psychologe Zoltán Törey konnte vor seinem inneren Auge eine visuelle Repräsentation erzeugen, die es ihm zum Beispiel ermöglichte, sein Dach neu zu decken. Viele blinde Frauen haben eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Frisur, welche Kleidung oder welches Make-up ihnen steht. Liegt es daran, dass sie gut beraten werden oder gibt es da doch doch mehr?
Eine weitere spannende Frage ist, ob Blinde sich den Aufbau komplexer Objekte ähnlich gut einprägen können wie Sehende. Wir wissen, dass Sehende ein hervorragendes Gedächtnis für Gesichter haben. Das geht so weit, dass man Menschen wieder erkennt, die man nur kurz gesehen hat und die man vielleicht nach Jahren wieder trifft, wobei sich Statur, Frisur oder Kleidung geändert haben können.
Blinde dürften eine Art taktiles Gedächtnis haben, dass es ihnen erlaubt, sich komplexe Formen besser zu merken als Sehende. So konnte der blinde Biologe Geerat Vermeij neue Molluskenarten anhand winziger Abweichungen identifizieren. Blinde setzen stark auf taktile Orientierungspunkte, um sich besser zurechtzufinden. Dazu gehören auch geringe Unterschiede im Asphalt, Veränderungen der Bodenbeschaffenheit oder Kanten mit unterschiedlichen Höhen. Blinde können sich auch ausgezeichnet die Position von Gegenständen zum Beispiel auf dem Frühstückstisch merken. So können sie zielsicher nach der Kaffeetasse greifen oder sie auf die Untertasse zurückstellen.
Das erscheint zunächst nicht besonders bemerkenswert, allerdings werden viele dieser Unterschiede nur indirekt wahrgenommen, zum Beispiel durch die Schuhe oder über den Blindenstock.
Eine weniger erfreuliche Erkenntnis der Neuro-Psychologen ist, dass die multisensorische Wahrnehmung besser funktioniert als die Wahrnehmung über einen einzelnen Sinn. Das heißt zum Beispiel, dass wir einen Menschen besser verstehen, wenn wir seine Worte hören und seine Lippenbewegungen sehen. Tatsächlich können geübte Lippenleser bis zu 30 Prozent von den Lippen ablesen. Bei Sehenden ohne diese Fähigkeit ist es natürlich deutlich weniger, dennoch trägt das Lippenlesen passiv zum Verstehen bei. Die Bemerkung «Sprich bitte lauter, es ist dunkel» ist also gar nicht so abstrus. Das Lippenlesen trägt dazu bei, dass man Menschen auch in lauten Umgebungen wie in Diskotheken verstehen kann. Abgesehen davon, dass man an solchen Orten wohl keine tiefschürfenden Diskussionen führen wird.
Es zeigt aber auch, wie komplex die Verarbeitung von Sinnesinformationen ist. Das Gehirn führt nicht nur die Sinnesreize zusammen, sondern reichert sie mit Erinnerungen und Emotionen an. Das Spannende an diesen Erkenntnissen ist, dass das Gehirn eben nicht wie ein Computer funktioniert. Wir können uns das Gehirn als ein Netzwerk verschiedener Einheiten vorstellen. Einheiten, die häufiger verwendet werden verbinden sich stärker, während wenig genutzte Verbindungen schwächer werden.
Allen Spät-Erblindeten fällt es mehr oder weniger schwer, sich an die neue Situation anzupassen. Die Botschaft für sie – und alle anderen, die vor ähnlichen Problemen stehen – Üben, Üben, Üben. Das Schlimmste, was sie tun können ist, zu versuchen, der Herausforderung aus dem Weg zu gehen.

Geburts- und Spät-Erblindete

Auch der Unterschied zwischen Geburts- und Spät-Erblindeten beschäftigt die Forschung. Die meisten Forscher suchen gezielt nach Geburts-Blinden, weil bei ihnen die Unterschiede zu Sehenden am stärksten hervortreten bzw. am einfachsten festzustellen sind. Das Gehirn Geburts-Blinder hat nie gelernt, visuelle Reize zu verarbeiten. Das macht es mithilfe bildgebender Verfahren einfacher, zu untersuchen, welche Teile des Gehirns für das Sehen tatsächlich wichtig sind. Man sollte eigentlich annehmen, dass es sagen wir nach ein paar Jahren, gar keinen Unterschied bei der kognitiven Informationsverarbeitung zwischen Geburts- und Spät-Erblindeten mehr gibt. Das ist aber nicht der Fall.
Viele Fragen sind noch nicht eindeutig geklärt. Wie gut ist das Gehirn Spät-Erblindeter zum Beispiel in der Lage, den visuellen Cortex für andere Aufgaben zu verwenden? Können Spät-Erblindete ähnlich gute räumliche Vorstellungen entwickeln wie Geburts-Blinde? Wenn wir bedenken, dass Erblindungen vor allem im reifen Alter auftreten, werden solche Fragen immer wichtiger.
Das Gehirn Geburts-Blinder verarbeitet taktile Informationen anders als das Spät-Erblindeter. Geburts-Blinde können den visuellen Cortex, der die Seh-Informationen verarbeitet für die taktile Wahrnehmung nutzen. Bei Spät-Erblindeten wird zwar der Bereich vergrößert, der für die Verarbeitung taktiler Reize zuständig ist, allerdings verarbeiten sie diese Reize anders als Geburts-Blinde. Wissenschaftler können heute die Sehrinde teilweise abschalten. Bei einem solchen Versuch waren Geburts-Blinde nicht mehr in der Lage, Braille zu lesen, während Spät-Erblindete weniger Probleme hatten.
Die spannende Frage ist, ob Spät-Erblindete bei genügend Übung ebenso fit beim Orientieren oder Braille-Lesen werden können wie Geburts-Blinde. Die nächste Frage wäre, welche Faktoren dafür entscheidend sind, dass Spät-Erblindete solche Leistungen erreichen: Hängt es nur von Training und Erfahrung ab oder gibt es weitere Faktoren, die bei der Erlangung und Verbesserung dieser Fähigkeiten hilfreich sein können?

Mit den Ohren Sehen

Es gibt Menschen, die Gerüche oder Musik als Farben erleben oder umgekehrt. Diese Wahrnehmung nennt man Synästhesie. Auch Blinde Menschen können Synästhetiker sein. Forscher überlegen seit längerem, wie sinnliche Erfahrungen durch einen anderen Sinn ersetzt werden können, man nennt das Sinnes-Substitution.
Die Hebrew University of Jerusalem erforscht zum Beispiel, wie sich visuelle Eindrücke in Töne übersetzen lassen. Das Ziel ist es, über verschiedene Klänge und Klangkonstellationen quasi visuelle Eindrücke zu vermitteln.
Ein Beispiel: Blinde nehmen nur den Teil des Raumes wahr, den sie mit ihrem Körper oder dem Blindenstock erreichen können. Über Geräusche, Luftzug oder Echo können sie vielleicht noch sagen, wie groß ein Raum ist oder wo das nächste Hindernis ist. Aber sie haben kein dreidimensionales Abbild der Umgebung, wie es ein Sehender problemlos erzeugen kann. Das soll sich mit Sinnesersatzgeräten ändern. Da sie einen Sinn, in diesem Fall das Hören verwenden, um einen anderen Sinn – das Sehen – zu ersetzen, nennt man solche Geräte Sinnes-Ersatz-Geräte, Englisch Sensual substitute Device. Statt einem Blinden zu erklären, wie eine Landschaft aussieht oder was Farben sind werden ihm akustische Analogien in Form von Klängen oder Klanglandschaften offeriert.
Untersuchungen der Hebbrew University zeigen, dass Blinde mit ein wenig Training schnell lernen, ein mentales Abbild der Umgebung oder von Objekten zu entwickeln. Die Forscher haben zum Beispiel eine Klangfolge generiert, die die blinde Versuchsperson als Gesicht identifizieren konnte. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der Teil des Gehirns für diese Aufgabe eingesetzt wird, der eigentlich für die Verarbeitung visueller Eindrücke zuständig ist.
Man mag fragen, ob eine verbale Beschreibung in diesem Fall nicht sinnvoller wäre. Das ist sie nicht. Stell dir vor, du würdest einen Film mit einer Audiobeschreibung für Blinde schauen. Schalte das Bild weg und höre dir nur die Audiodeskription an. Du wirst schnell feststellen, dass zwar wesentliche Aspekte des Films beschrieben werden, die Audiodeskription aber viele visuelle Eindrücke gar nicht vermittelt. Auch wenn die Audiodeskription zeitlich beliebig ausbaubar wäre, könnte sie dennoch keinen adäquaten Ersatz für die visuelle Darstellung bieten. Ebenso wäre es bei textlichen Beschreibungen. Dies liegt einfach daran, dass eine sinnliche Erfahrung am besten durch eine andere sinnliche Erfahrung ersetzt werden kann.

Neuigkeiten zur Barrierefreiheit im Februar 2019

Ein SäulendiagrammGleich 3 Statistiken gab es im Monat Februar zum Thema Barrierefreiheit. Die US-amerikanische Organisation WebAIM untersuchte die Startseiten der 1.000.000 am meisten genutzten Websites. Heraus kamen große Probleme bei der Barrierefreiheit: Dazu gehören fehlende Alternativtexte, fehlende Labels von Formularen und schlechte Text-Kontraste.
Laut der Firma Siteimprove verfehlen 89 Prozent der ParlamentsWebsites der EU-Mitgliedsstaaten die Anforderungen zur Barrierefreiheit. Am schlechtesten schneidet dabei das EU-Parlament selbst ab.
Die Technologie-Stiftung hat einen Data Dive in Sachen offene Daten zur Barrierefreiheit in Berlin durchgeführt. Dabei wurde erhoben, welche Daten in offener – also maschinenlesbarer – Form zur Barrierefreiheit vorliegen. Wie leider zu erwarten war: Nicht besonders viele und diese werfen ein schlechtes Bild auf die Barrierefreiheit unserer Hauptstadt. Aber das Projekt an sich ist super und ich wünsche mir mehr davon. Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, können offene Daten zur Barrierefreiheit beitragen.

Events

Highlight des Monats war die Zero Conference in Wien, ein Event, das mir glatt durch meinen Filter gerutscht ist. Die jährlich stattfindende Konferenz sammelt Best Practice Beispiele zum Thema Technologie und Behinderung. In diesem Zusammenhang erschien auch der Zero Project Report, in dem Beispiele zum Thema politische Beteiligung und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung gesammelt werden.
Weitere Events zur Barrierefreiheit.

Interessante Artikel

Weiter gehts mit interessanten Artikeln. Sie sind leider alle auf Englisch.
“Autism at Work Playbook,” aimed at providing programmatic guidance for organizations looking to start their inclusive hiring journey. #A11y #Autism
Wussten Sie eigentlich, dass Animationen und Bewegungen Migräne-Anfälle begünstigen können? Ein Artikel auf A List Apart beschäftigt sich damit.
Je einfacher ein Text ist, desto einfacher kann er auch übersetzt werden – egal ob durch Menschen oder durch Software. Ein Artikel auf Digital Gov beschäftigt sich mit der Frage, welche Aspekte einen Text besonders gut übersetzbar machen. Das ist schließlich auch für Übertragungen in Leichte Sprache oder Gebärdensprache interessant.
Die neuen Emojis zu Behinderung sind durchaus umstritten. In diesem Zusammenhang fehlt uns tatsächlich noch ein Symbol für Barrierefreiheit, der Rollstuhl ist es genauso wenig wie der Blindenstock. Aber hier werden wir uns wohl in der Szene nie einig werden.
The WITH List soll Designer dazu bewegen, neu und anders über Behinderung zu denken.
Eher für die Spezialisten interessant: Der Blog 247AccessibleDocuments.com beschäftigt sich mit der Frage, wie Screenreader auf Smartphones mit barrierefreien PDFs umgehen.
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Erfahrungen mit dem Orbit Reader 20 – der ersten günstigen Braillezeile

Orbit ReaderSeit kurzem bin ich Besitzer des Orbit Reader 20, der ersten halbwegs günstigen Braillezeile. Meine Erfahrungen möchte ich hier zusammenfassen. Das Gerät ist beim BVHD für 650 € erhältlich. Wem die 20 Zeichen des Orbit Reader zu wenig sind, der Canute mit 360 darstellbaren Zeichen soll dieses Jahr erscheinen und ebenfalls zu einem für uns leistbaren Preis erhältlich sein.
Für meine sehenden Mitleser, dieser Artikel dürfte für euch nicht so spannend sein. Ein wenig Hintergrund möchte ich aber mitgeben: Günstige Braillezeilen sind der heilige Gral der Blinden-Hilfstechnik. Die Geräte kosten rund 100 € pro darstellbarem Zeichen, für eine Zeile mit 80 darstellbaren Zeichen sind schon mal 10.000 € fällig. Dass Hilfsmittel teuer sind, sind behinderte Menschen gewohnt, aber gerade bei einer Braillezeile fallen Preis und Leistung nicht wirklich zusammen. Es gibt wohl keine Industrie, die so konsequent an den Interessen ihrer Kunden vorbei arbeitet und es sich auch noch leisten kann wie die Hilfsmittel-Industrie. Aber darüber haben ich und andere schon viel gemeckert.
Zwar wird schon seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten an günstigen Alternativen gearbeitet, aber der Orbit Reader ist tatsächlich das erste Projekt mit einem marktfähigen Produkt. Wir wünschen uns noch mehr davon.
Und weiter gehts mit dem Test-Bericht.

Das Äußere

Außen besteht der Orbit Reader komplett aus einem Kunststoff. Die Verarbeitung wirkt gut. Er ist mir am ersten Tag gleich runtergefallen und hat dabei keinen Schaden genommen.
Die Größe des Gerätes entspricht etwa einem kleinen, dickeren Paperback. Das Gewicht würde ich auf etwas zwischen 300 und 400 Gramm schätzen. Den meisten dürfte es also zu schwer für die Jackentasche sein. Das könnte aber für eine robuste Verarbeitung sprechen, für Grobmotoriker wie mich sehr wichtig.
Man kann eine spezielle Tragetasche erwerben – die mir zu teuer war. Außerdem gibt es Ösen, in denen ein Schlüsselring oder Band durchgezogen werden könnte.
Um Bücher zu lesen und Texte zu schreiben bzw. abzuspeichern benötigt man eine SD-Karte, eine Karte war beigelegt. Hinten befindet sich ein Anschluss für Micro-USB zum Aufladen und Verbinden an den PC, der Einschalter sowie der Einschub für die SD-Karte.
Der Akku kann über eine Klappe auf der Unterseite getauscht werden. Ein Kritikpunkt an vielen kommerziellen Braillezeilen ist, dass der Akku nur mit Expertise getauscht werden kann. Einige Zeilen funktionieren auch mit externer Stromversorgung nicht mehr, wenn der Akku defekt oder tiefenentladen ist. Wie schon gesagt, die Hilfsmittel-Industie und ihre Kundenfreundlichkeit.
Kommen wir zu den Bedienelementen, sie befinden sich alle auf der Oberseite. Ganz oben ist die Tastatur zur Eingabe von Braille. Darunter sind vier Cursortasten sowie eine mittlere Taste zum Bestätigen. Darunter sind drei Tasten, die Mittlere ist die Leertaste, bei den anderen habe ich die Funktion noch nicht herausgefunden.
Unten befinden sich dann die 20 Braillemodule in einer Reihe. Links und rechts davon befinden sich zwei Kippschalter, die zum Weiterschalten der Zeile gedacht sind. Cursor-Routing-Tasten gibt es nicht.

Die Braille-Darstellung

Kommen wir zu dem, was die Meisten blinden Leser interessieren dürfte: Das Gerät kann 20 Zeichen in 8-Punkte-Braille darstellen. Die Module sind hervorragend fühlbar, ich und mein Mittester würden sagen besser als bei meiner Humanware, die das Zehnfache gekostet hat. Die Reaktionszeit ist gut, auch hier sehe ich keinen Unterschied zur Humanware.
Das Ein- und Ausfahren der Module ist deutlich lauter als bei anderen aktuellen Zeilen. Das mag den Einen oder Anderen stören, dürfte aber nur in ruhigen Umgebungen deutlich auffallen.

Lesen

Es können nur Textdateien und spezielle Brailleformate verarbeitet werden, also kein Word, Richt-Text, HTML oder ePub. Für solche Formate bräuchte man also ein externes Gerät und würde den Orbit als Braillezeile verwenden. Das Gerät kann keine Konvertierung von Braille durchführen, es gibt also keine Kurzschrift oder Computer-Braille, wenn sie nicht im Ursprungsformat bereits vorhanden ist. Das dürfte aber bei Geräten dieser Art ohne großes Betriebssystem üblich sein.
Das Erstellen von Notizen habe ich noch nicht ausführlich getestet. Ich liefere das bei Gelegenheit aber gerne nach.

Der Orbit Reader als externe Braillezeile

Der Orbit Reader ist als Stand-Alone-Gerät angelegt. Er kann aber auch als externe Braillezeile verwendet werden. Das muss in den Einstellungen aktiviert werden.
Dazu ist nicht viel zu sagen, die Koppelung mit iPhone und NVDA hat problemlos und auf Anhieb funktioniert, auch hier besser als bei der Humanware. Da ich Braille am PC und Smartphone generell wenig nutze, kann ich nicht viel mehr dazu sagen.

Die Praxis

Ich wollte ein Gerät haben, mit dem ich Wartezeiten sinnvoll totschlagen kann und trotzdem die Ohren frei habe. Gedrucktes Braille ist oft nicht praktikabel: Die Bücher sind zu groß oder gehören den Blindenbibliotheken und würden meinen Rucksack nicht unbeschadet überleben. Außerdem ist das Angebot an Texten, die mich interessieren in diesem Bereich zu gering. Ein Braille-Drucker ist für eine Privatperson ebenfalls nicht sinnvoll.
Meine 40er-Zeile war mir zu unhandlich, das Koppeln mit einem externen Gerät macht in der Praxis immer mal Probleme und ich konnte mich damit nicht anfreunden, für die Aufgabe des Lesens immer zwei Geräte betreiben zu müssen.
Zwar gibt es kleine Braillezeilen schon seit einiger Zeit. Sie waren mir aber für das,, was sie leisten zu teuer und zehn oder zwölf darstellbare Zeichen wäre mir auch zu wenig. Selbst in der Kurzschrift gibt es im Deutschen viele Wörter, die mehr als 12 Zeichen benötigen.
Für meine Zwecke ist der Orbit Reader in jedem Fall ausreichend. Reine Textdateien reichen mir für meine Lektüre erst mal aus. Allerdings ist die Vollschrift wirklich nervtötend, vor allem auf so kleinen Displays.
Längere Zeit im Stehen mit dem Gerät zu lesen wird wahrscheinlich nicht klappen. Es ist einen Ticken zu groß und zu schwer, um es längere Zeit entspannt in einer Hand halten zu können. Notizen im Stehen machen sollte aber mit ein bisschen Übung möglich sein, zumindest solange man keine Romane schreiben will. Mit mittelgroßen Händen kann man das Gerät halten und mit den Daumen tippen. Angenehm ist anders, aber für kleinere Notizen sollte s reichen.
Bisher glaube ich, dass sich der Kauf gelohnt hat. Das wird sich aber erst mittelfristig zeigen.
Wenn ihr Fragen habt, gerne in die Kommentare schreiben.

Als Blinder einen Vortrag halten und präsentieren

Stilisierte Figur zeigt etwas auf einem ScreenNoch gibt es relativ wenige Blinde und Sehbehinderte, die als Vortragende auftreten. Eine kleine Liste blinder Experten gibts allerdings schon. Viele Blinde scheinen Hemmungen bei öffentlichen Auftritten zu haben. Ich möchte hier ein paar Tipps geben, die euch dazu ermutigen sollen, mehr Vorträge zu halten.
Tipps zum inhaltlichen Aufbau oder zur Rhetorik eines Vortrags – gebe ich hier nicht. Da gibt es bei Blindheit keine Besonderheiten. Außerdem bietet jede Volkshochschule entsprechende Kurse an.

Warum Blinde sich oft nicht trauen

Es hängt an mehreren Faktoren:

  • Für Blinde und hochgradig Sehbehinderte ist es nicht möglich, visuelles Feedback vom Publikum zu bekommen. Ob die Leute aufmerksam zuhören, einnicken oder ob überhaupt jemand da ist – als Blinder weiß man das nicht. Das hat allerdings auch einen Vorteil, man ist weniger schnell durch visuelle Reize irritiert. Wenn jemand gähnt, in der Nase purpelt oder ein Nickerchen macht, ist das für den sehenden Vortragenden irritierend, aber wir kriegen das nicht mit, manchmal ist die Blindheit doch ein Segen.
  • Akustische Ablenkungen lassen sich schwer interpretieren. Wenn sich die Leute unterhalten oder in ihren Taschen wühlen, soll ich darauf reagieren oder nicht? Liest er gerade gelangweilt seine Mails oder twittert er fleißig über meinen Vortrag? Das kann man allerdings auch als Sehender kaum wissen und zählt bei einem digital-affinen Publikum heute nicht mehr als schlechtes Benehmen.
  • Fragen und Feedback lassen sich schwerer einholen. Die meisten Leute zögern, den Sprecher zu unterbrechen. Aber als Blinder hat man ansonsten wenig Möglichkeiten zu erkennen, dass es Fragen oder Diskussionsbedarf gibt.
  • Der Umgang mit Redenotizen, Overhead-Folien und PowerPoint ist für Blinde und Sehbehinderte nicht ganz trivial.

Kommen wir also zu den Tipps.

Sehende Assistenz nutzen

Ein Sehender, der das Publikum im Blick hat ist ganz praktisch. Zur Not ernennt man einfach eine Person aus dem Publikum oder den gastgeber dazu.
Zur Not können sich Sehende via Blickkontakt und Gestik auch gegenseitig koordinieren. Das geht aber nur, wenn sie sich gegenseitig im Blick haben, also nicht bei Theaterbestuhlung, wo alle nach vorne schauen.
Einfacher ist es, regelmäßig Pausen für Zwischenfragen zu lassen und auch dazu aufzufordern, fragen zu stellen. Auch hier gilt: Ohne Sehende Assistenz müssen sich die Fragesteller untereinander koordinieren. Das sollte man ihnen klar machen.
Bei einer kleineren Runde mit U-Bestuhlung solltet ihr zulassen, dass die teilnehmer den Redner für Fragen auch ins Wort fallen dürfen. Ihr müsst das ausdrücklich erlauben, da das in Sehendenkreisen als unhöflich gilt. Dort würde man das über Gesten oder Blickkontakt regeln, was aber bei uns wie geschrieben nicht möglich ist.
Im Übrigen: In der Regel vergisst das Publikum relativ schnell, dass ihr blind seid und das selbst, wenn eure Behinderung nicht zu übersehen ist. Das heißt, auch wenn ihr Unterbrechungen erlaubt, solltet ihr Gelegenheiten zu Zwischenfragen geben.

Notizen/Merkhilfen

Es gibt schon verschiedene Tipps dazu, wie Blinde PowerPoint als Kommunikationsunterstützung verwenden können.
Notizen können z.B. in Braille auf kleine Karten geschrieben werden. Ich empfehle hierbei, so kurz wie möglich zu bleiben. Ein bis zwei Schlagworte pro Karte sollten reichen. Braillezeile geht natürlich auch.
Andere Geräte wie Smartphones, Tablets oder Notebooks können ebenfalls für die Notizen verwendet werden. Bei Geräten mit Tastatur hat man den Vorteil, dass man durch den Cursor immer eine eindeutige Position im Text hat. Und natürlich kann man auch bei Touchscreen-Devices externe Tastaturen verwenden. Die Sprachausgabe kann so laut eingestellt werden, dass sie für den Vortragenden hörbar ist. Generell empfiehlt sich, die Vortragsnotizen so kurz wie möglich zu halten.
Ich persönlich verwende meistens meine Präsentation als Redemanuskript. Mir reicht es, wenn ich den Titel der jeweiligen Folie höre, um zu wissen, was ich erzählen will.
Auch das Smartphone kann entsprechend verwendet werden. Lät man seine Präsentation in eine App wie Keynote und startet den Präsentationsmodus, kann man die einzelnen Folien mit der Drei-Finger-Wisch-Geste durchglättern. Das funktioniert auch bei Google Präsentationen, hier tippt man zum Weiterblättern zwei Mal auf das Display.

Der Körper im Vortrag

Die Körpersprache sollte immer zur Person passen, heißt, wenn ihr eher langsam sprecht, solltet ihr keine übertrieben aufgeregte Gestik einsetzen und umgekehrt. Bis auf ein paar Ausnahmen, dazu gehört etwa die Schauspielerei, macht es für Blinde meines Erachtens keinen Sinn, eine bestimmte Gestik anzutrainieren oder einzustudieren. Das gilt umso mehr für die Mimik. Die Gesichtsausdrücke sollten immer natürlich sein.
In der regel macht es keinen guten Eindruck, die Hände die ganze Zeit in den Hosentaschen oder hinter dem Rücken zu haben. Man daf die Hände uhig bewegen oder auf das Pult legen.
Gehört ihr zu den Gehern, also könnt ihr nicht still stehen, solltet ihr euch ein relativ kleines Areal suchen, auf dem ihr gefahrlos entlanggehen könnt. Achtet auf Stolperkanten, Kabel, Tische, Stuhlbeine und so weiter.
Positioniert alle Dinge, die ihr während des Vortrages benötigt strategisch sinnvoll und nehmt alles andere aus eurem Einzugsbereich. Dazu gehören insbesondere Flaschen, Gläser oder Tassen. Ich rate zu Plastikflaschen, hier macht es nichts, wenn sie umkippen oder gar auf den Boden fallen. Ein Getränk sollte aber auf jeden Fall immer griffbereit sein.

Blickkontakt

Natürlich kann man als Blinder, in der Regel auch nicht als Sehrestler, einen Blickkontakt herstellen. Dennoch sollte man als Blinder versuchen,den Blick über das Publikum schweifen zu lassen. Es ist für den Sehenden einfach unangenehm, wenn er nicht das Gefühl hat, dass er vom Redner wahrgenommen wird. Wenn jemand eine Frage stellt, sollte man in dessen Richtung schauen. Während man Gestik tatsächlich nicht trainieren kann, kann man das Schweifen des Blickes sowie den Blickkontakt mit Gesprächspartnern durchaus trainieren und sollte es auch tun, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Es macht auch nichts, wenn man in die falsche Richtung guckt oder den Blick über den Zuschauerkreis hinaus schweifen lässt. Trägt jemand eine Sonnenbrille, kann man ohnehin nicht genau sehen, wo er hinschaut.

Stehen oder Sitzen

In der Regel ist es sinnvoll, in einer Redesituation zu stehen, wenn das aus praktischen und physischen Gründen möglich ist. Durch einen aufrechten Stand ist der gesamte Oberkörper beweeglicher. Es besteht weniger die Gefahr, dass man wie ein Waschlappen auf dem Stuhl hängt, das Zwerchfell zusammengequetscht wird und man dadurch an Atemvolumen und Stimmkraft verliert. Und es hat natürlich eine gewisse symbolische Bedeutung, wenn die Sitzenden zu einem hochschauen müssen. Klingt albern, ist es sicherlich auch, stimmt aber.
Sitzen schränkt automatisch die beweglichkeit ein. Während ich beim stehen ein wenig hin und her laufe kann, wirkt Herumgewackel beim sitzen schnell unruhig und unsicher. Zudem kann bei Gesten schnell mal etwas vom Tisch gefegt werden.
Last not least gibt es eine Theorie in der Kommunikationsforschung, wonach sich unsere Emotionen auf unsere Körperhaltung auswirken. Umgekehrt soll sich auch die Körperhaltung auf die Emotionen auswirken können. Schauspieler bestätigen, dass sie sich besser in eine Rolle hineinversetzen können, wenn sie sie auch körperlich nachempfinden. Also, Schultern zurück, Kopf aufrecht, gerade Körperhaltung, wenn ihr nicht wie ein Trauerkloß rüberkommen wollt.

Ein Vortrag muss nicht rhetorisch perfekt sein

Es ist den wenigsten Menschen vergönnt, druckreif zu sprechen. Das fällt einem häufig erst auf, wenn man gezielt darauf achtet oder sich die Aufnahme oder Transkription eines aufgenommenen Gesprächs anhört. Sätze werden grammatikalisch falsch gebildet, es gibt die ganzen Ähs und Ähms, Das ist aber vollkommen egal, weil der Zuhörer das in der konkreten Situation nicht merkt. Er bewundert den Redner eher dafür, dass er sich traut, sich da vorne hinzustellen. Wir setzen natürlich immer voraus, dass der Zuhörer sich für den Inhalt interessiert, ansonsten sollte man ihn einfach eine Runde schlafen lassen.
Situationen, in denen man sich gefahrlos ausprobieren kann sind etwa Barcamps und ähnliche Treffen. Wichtig ist dabei nur, dass man irgendwas zu sagen hat, was irgendjemand hören will. Wenn man ein paar von diesen Vorträgen gehalten hat, macht es dann auch keinen Unterschied mehr, ob man vor 3 oder 200 Menschen redet.
Es gibt einen Zustand, den ich Tiefenentspannung ennen möchte. Wenn man ein paar Mal auf Podien gesessen oder vor einem Publikum gestanden hat, stellt sich dieser Zustand automatisch ein. Irgendwann macht es dir einfach nichts mehr aus, dass dir 300 Leute beim Nichtstun zuschauen, jede deiner Bewegungen und vielleicht sogar den Staub auf deiner Hose sehen können. Und hier hat es tatsächlich auch Vorteile, dass man die Zuschauer nicht sehen kann, man bemerkt zum beispiel mißbilligende Blicke, gelangweilte Gesichter und böse Mienen nicht.

Lautstärke des Vortrages

Man kann zwar trainieren, lauter zu sprechen, aber bei einer größeren Zuhörerschaft ist ein Mikrofon vorzuziehen. Dabei sind Mikrofone vorzuziehen, die am Kopf befestigt werden. Handmikrofone schränken zumindest einen Arm von der Bewegung her ein, sollten im richtigen Abstand gehalten werden und können natürlich auch einfach runterfallen, wenn man sie nicht richtig festhält. Fest montierte Tischmikrofone sind ein bisschen besser, aber auch hier muss man auf den richtigen Abstand achten.
Im Allgemeinen ist es besser, das Handheld-Mikro möglichst nah am Mund zu halten, stellt euch ein Waffeleis vor, in das ihr gleich reinbeißen werdet, und dann weniger laut zu sprechen statt umgekehrt, also das Mikro weiter weg zu halten und dafür lauter zu sprechen. Ich spreche auch mit Mikro ein wenig lauter als in einer normalen Sprechsituation. Generell solltet ihr darauf achten, dass ihr euch nicht überanstrengt, um laut oder mit einer tieferen Stimme zu sprechen, das kann auf lange Sicht den Sprechorganen schaden, zumindest macht es aber heiser. Im Zweifelsfall ist es immer besser, langsamer und deutlicher zu sprechen.
Da wir die Größe eines Raumes schwer einschätzen können, ist es manchmal schwierig, die sinnvolle Stimmlautstärke richtig einzuschätzen. Eine bestimmte Grundlautstärke ist auch in einer kleinen Runde sinnvoll, damit auch die Zuschauer in den hinteren Reihen entspannt zuhören können. Bei einer größeren Runde sollte man um Feedback aus den hinteren Reihen bitten, ob man noch gut zu hören ist.
Ein gutes Training ist es, vor Kindern vorzutragen bzw. ihnen vorzulesen. Sie sind das kritischste, aber auch interessierteste Publikum. Und ab einer bestimmten Zahl von Kindern ist es niemals still. Wir lernen also mit Kindern, entspannt zu bleiben und Nebengeräusche zu ignorieren.

Präsentationen

Ich finde es immer gut, etwas zum Sehen oder Anfassen zu haben. Es gibt brillante Redner wie Gregor Gysi, die rein mit ihrer Redekunst beeindrucken können. In diesen rehtorischen Olymp werden aber die Wenigsten von uns aufsteigen.
Ob man mit PowerPoint oder einem ähnlichen Tool arbeitet, ist erst mal Geschmackssache. Als Blinder kennt man die PowerPoint-Ästhetik in der Regel nicht. Zwar kann man die Texte schreiben und die Folien aufbereiten. Am Ende muss aber immer ein Sehender drauf gucken, weil PowerPoint unberechenbar ist. Da sind Bilder an einer ganz falschen Stelle oder völlig verzerrt, da sind Fußzeilen, wo keine sein sollten und der Text ist zu groß, zu klein oder rutscht aus dem sichtbaren Bereich. Keine PowerPoint ist also besser als eine schlechte, weil das schnell unprofessionell wirkt.
Doch gibt es natürlich andere Möglichkeiten, die vom konkreten Thema abhängen: Man kann Gegenstände mitbringen, die man hochhält oder durch das Publikum gehen lässt. Man kann ein paar Tanzschritte vorführen oder einen Kopfstand. Wichtig ist natürlich, dass es zum Thema und zum Publikum passt. Was immer gut ankommt sind passende Geschichten oder Anekdoten.
Für kurze Vorträge von bis zu 20 Ninuten benötigt man in jedem Fall keine Präsentation. Bei längeren Vorträgen kann das Publikum schnell unkonzentriert werden, weil Sehende an visuelle Reize gewöhnt ist. Wenn ihr also Ideen habt, wie ihr das Publikum ansonsten ablenken könnt, dann soltet ihr das tun.

Auf Fragen zur Blindheit vorbereitet sein

Es spielt keine Rolle, zu welchem Thema man vorträgt, man sollte immer darauf vorbereitet sein, dass man Fragen zur Blindheit bekommt, die teils auch persönlich werden können. Hier bleibt es jedem selbst überlassen, ob man diese beantworten möchte oder nicht. Im Zweifelsfall bietet man dem Fragesteller ein persönliches Gespräch nach dem Vortrag an. Das ist sinnvoll, wenn Blindheit im Grunde nichts mit dem eigentlichen Vortrag zu tun hat.

Neuigkeiten zur Barrierefreiheit im Januar 2019

Belegte PizzaAufreger des Monats in der anglo-amerikanischen Szene war das Thema Pizza. Dominos Pizza – nicht mit mir verwandt – wurde nach dem Americans with Disabilities Act verurteilt, weil ihre App nicht barrierefrei war. Ziemlich peinlich, aber da gäbe es noch größere Fische, die man deswegen verurteilen könnte.
Interessante neue Tools sind mir im Januar nicht aufgefallen. Es gibt im Februar auch keine wichtigen Veranstaltungen zur Barrierefreiheit, diese beiden Rubriken entfallen deshalb in dieser Ausgabe des Newsletters.

Lesenswerte Artikel

Intressant fand ich einen Artikel der Technology Review. Es ging darum, dass Algorithmen, die von autonomen Fahrzeugen eingesetzt werden nicht in der Lage sind, behinderte Menschen eindeutig zu erkennen. Das ist deshalb schwierig, weil sie von Verkehr besonders gefährdet sind: Sie können weniger schnell ausweichen, reagieren langsamer und verhalten sich eventuell nicht erwartungskonform. Wenn dem so ist, ist das natürlich ein Armutszeugnis für die Konzerne. Denn gerade im Straßenverkehr sind Abweichungen vom Durchschnittsmenschen Alltag: Kleine Kinder, Hunde, ältere Menschen mit Rollator oder Gehstock. Von Konzernen, die so viel von Barrierefreiheit und diversity reden, sollte man mehr erwarten können. Wie Dominos Pizza zeigt auch dieser Fall, dass auch bei den Amerikanern – sie entwickeln die meisten dieser Algorithmen – trotz des Americans with Disabilities Act noch viel Luft nach oben ist.
In Sachen Leichte Sprache gab es eine kritische Studie der Uni Leipzig. Im Ergebnis geht es darum, dass die Regeln zur Leichten Sprache flexibler ausgelegt werden sollten. Die Ergebnisse sind im der Broschüre „Kein Regelbuch“ zusammengefasst worden. Die Broschüre kann als PDF heruntergeladen werden.
adesso mobile so­lutions hat die größten Barrieren in Apps für Blinde und Sehbehinderte ermittelt. Überraschungen gibt es nicht: Die größten Probleme sind fehlende Beschriftungen und schlechte Anpassbarkeit für Sehbehinderte. Die Studie gibt es zum Download als PDF. Leider spricht auch Adesso des Öfteren von Barrierefreiheit, obwohl es nur um Blinde und Sehbehinderte geht.
Weiter gehts mit englischsprachigen Artikeln: Die Fast Company erklärt inklusives Design in drei einfachen Schritten.
Kalev Leetaru fragt sich in Forbes, warum viel über künstliche Intelligenz und Diversity diskutiert wird, aber niemand über die mangelnde Barrierefreiheit von Webseiten spricht. Er kommt zu dem Schluss, dass die Konzerne zu wenig Druck bekommen, ihre Angebote barrierefrei zu gestalten. Außerdem seien die Verantwortlichen der Meinung, dass sich ein multimediales Web-Erlebnis, welches sich die Mehrheit der Nutzer wünsche nicht mit Barrierefreiheit vereinbaren ließe.

Wie sinnvoll ist ein BITV-Test?

Stift auf einem Notizblock mit einer ChecklisteHäufig werde ich gefragt, ob ich einen BITV-Test durchführen könnte. Meine Antwort: Ich teste gerne, halte den BITV-Test aber nicht für zeitgemäß und führe ihn daher nicht mehr durch.
Der BITV-Test ist heute kein sinnvolles Instrument, um Barrierefreiheit zu messen und als Qualitätssiegel völlig nutzlos. Warum das so ist, erkläre ich in diesem Beitrag.

Enger Fokus auf Blindheit und Sehbehinderung

Die ganze Barrierefreiheits-Szene dreht sich vor allem um das Thema Blindheit und Sehbehinderung. Deren Anforderungen sind plastisch und im Wesentlichen auch leicht umsetzbar. Ob es dann tatsächlich gemacht wird, ist eine andere Frage.
Doch was ist mit motorisch Behinderten, Autisten, geistig Behinderten und so weiter? Deren Anforderungen werden mit dem BITV-Test kaum erfasst.

Technische Barrierefreiheit ist nicht alles

Der BITV-Test prüft im Wesentlichen den technischen Unterbau einer Website. Auch das ist in Grenzen sinnvoll. Doch auch hier werden die Bedürfnisse anderer Behinderungen nicht erfasst. Sie verwenden nicht den Quellcode, sondern die visuelle Web-Oberfläche. Und ist diese nicht auf den Nutzer optimiert, ist das eine größere Barriere – im Übrigen auch für Blinde und Sehbehinderte. Insgesamt lässt der BITV-Test Fragen der Usability und Informationsarchitektur komplett außen vor.

Seiten-basierte Test-Verfahren sind nicht zeitgemäß

Ein Testverfahren, das einzelne Seiten isoliert betrachtet, ist in Zeiten nicht mehr sinnvoll, in welchen ganze Anwendungen im Browser laufen. Natürlich sollte man sich Schlüsseltemplates ansehen, doch wichtiger ist das Kernanliegen des Nutzers oder der Schlüsselprozess der Website: Sei es das Kontaktformular, ein Bestellprozess oder eine Kommentarfunktion. Wichtig ist alles, wo der Nutzer mit der Website interagieren muss. Ja, man sollte sich die wichtigsten Templates der Website anschauen, aber auch die wichtigsten Prozesse einmal durchspielen.

BITV-Test lädt Entwickler zum Schummeln ein

Ein fauler, aber schlauer Entwickler optimiert die Website einfach so, dass sie 100 Punkte beim BITV-Test erhält. Das ist ziemlich einfach, da das Verfahren ja offen dokumentiert ist.

Ist der BITV-Test also sinnfrei

Der BITV-Test ist sogar äußerst sinnvoll – in bestimmten Situationen.

  1. Er ist entwicklungsbegleitend sinnvoll, denn die Entwickler können damit Qualitätssicherung betreiben und schwerwiegende Fehler finden.
  2. Er ist als Selbsttest sinnvoll: So können Sie den Status Ihrer Website prüfen oder auch, ob die Web-Agentur generell sauber gearbeitet hat.
  3. Und er ist eine Möglichkeit, sich systematisch mit den BITV-Richtlinien zu beschäftigen. Sie sind zum Runterlesen nicht wirklich geeignet

Alternativen zum BITV-Test

Neben der Möglichkeit, den BITV-Test selbst durchzuführen, sehe ich noch zwei weitere Alternativen:

  • Eine Möglichkeit ist ein Expertentest: Er kann von einem Experten in Sachen digitale Barrierefreiheit durchgeführt werden. Wir werden hier in der Regel auf eine Mischung aus Standard-Testverfahren und heuristischer Analyse zurückgreifen. Es kommt keine so schöne Zahl wie beim BITV-Test heraus. Doch sind die Ergebnisse für die praktische Barrierefreiheit wesentlich relevanter.
  • Die zweite Möglichkeit sind Nutzer-Tests. Dies kann mit Ihren eigenen Mitarbeitern erfolgen oder im Laufenden Betrieb. Im letzteren Fall laden Sie alle Nutzer ein, Ihnen Barrieren und Probleme auf der Website mitzuteilen. Sie müssen dann Ressourcen vorhalten, um diese Meldungen zu bearbeiten sowie eventuelle Verbesserungen durchzuführen.

Websites sind häufig so komplex, dass Nutzertests der erkenntnisreichste, wenn auch aufwändigste Prozess sind.

Alternativen zur AudioDeskription

Kind schaut auf einen FernseherIch muss zugeben, so richtig überzeugt hat mich die AudioDeskription (AD) – die Filmbeschreibung für Blinde aus dem Off – bisher nicht. Für mich ist es, als ob jemand einen Witz erzählt und mir im gleichen Atemzug die Pointe erklärt. Durch eine kleine Diskussion auf Facebook bin ich zu diesem Beitrag angeregt worden.
Für mich ist das Fernsehen das Medium der 90er. Seit meiner Mittelstufe habe ich immer weniger ferngesehen, das war bis Mitte der 90er. Damals gab es so gut wie keine Sendungen mit AD, zumal bei den amerikanischen Sendungen, die wir damals bevorzugt geschaut haben. Einen Fernseher besitze ich seit vielen Jahren nicht mehr, die Serien auf Netflix interessieren mich nicht. Die wenigen Sendungen, die mich interessiere, lasse ich über einen Online-Service aufzeichnen und höre sie mir dann übers Handy an. Meine Medien sind das Internet und Hörbücher.
Von dem her bin ich nicht uptodate, was die neueste Fernsehtechnik und Fernseh-Ästhetik angeht. Und Blinden, die von Kindesbeinen an mit der AudioDeskription aufgewachsen sind, mag es leichter fallen, sie zu akzeptieren.

Die AudioDeskription ist ein Fremdkörper

Nach meinem Empfinden ist die AD ein Fremdkörper im Film. Normalerweise werden die stillen Teile des Films durch stimmungsvolle Musik untermalt. Musik wirkt sehr unterbewusst und dennoch suggestiv. Durch die AD wird diese Stimmung ein Stück weit unterbrochen. Kommunikationstheoretisch würde man sagen, die Kommunikation wird durch Meta-Kommunikation unterbrochen. Oder plastischer: Stellt euch vor, euer Partner würde sich bei einem romantischem Zusammensein über die Farbe der Kerze und die Qualität des Kerzenwachses auslassen.
Ein Problem besteht auch darin, dass die AD niemals alle blinden Zuschauer befriedigen kann: Entweder berichtet sie zu viel und ist teilweise redundant. Oder sie berichtet zu wenig, so dass man auch ganz ohne sie auskäme. Im Prinzip enthält jede Szene tausende von Informationen, die der Sehende auf einen Blick aufnimmt. Die AD kann naturgemäß nur einen Bruchteil davon vermitteln.
Und meines Erachtens kann sie eine Stimmung nicht so rüberbringen wie der eigentliche Film. Aktuell gilt, dass die AD-Stimme monoton wie ein Nachrichtensprecher sein soll. Das ist durchaus generell sinnvoll, aber eine neutrale Stimme kann nur schlecht Emotionen auslösen. Da wäre es besser, die Musik wirken zu lassen.
Konzeptionell wäre es in jedem Fall geschickter, die AD bereits bei der Erstellung des Filmes mit einzu planen. Die Regisseure, Drehbuchautoren oder wer auch immer sollten die nicht-visuelle Ebene von Anfang an stärker gewichten und die Produktion der AD sollte im Film-Team geschehen, dann würde isch einige Probleme von selbst erledigen.

Die AudioDeskription als Teil des Filmes

Und natürlich geht es auch anders. Eine Möglichkeit ist, dass der Moderator in einer Sendung bzw. die Off-Stimme die Aufgabe der Beschreibung übernimmt. Sie kann natürlich nicht so viele Informationen liefern wie eine ausgewachsene AD. Doch ein guter Texter kann genügend Informationen mitgeben, so dass auch der blinde Zuschauer etwas mehr Futter bekommt.
In Filmen kann diese Aufgabe ein Ich-Erzähler übernehmen. Wir kennen das aus Serien wie Magnum, Scrubs oder Malcolm mittendrin. Dort empfindet niemand die Einwürfe als störend, weil sie einfach Teil des Films sind.

Ein Hybrid aus Hörspiel und Film

Und natürlich kennt jeder den Film, der ohne Bild auskommt – das Hörspiel. Ein gutes Hörspiel – davon gibt es nicht so viele – setzt für jede Message das richtige Medium ein: Stimme, Musik, Geräusche, Stille.
Bei unseren sündhaft teuren Hollywood-Blockbustern werden aber diese Faktoren nur wenig eingesetzt: Es kommen natürlich neben dem Visuellen die Stimmen und die Musik zum Einsatz. Aber Geräusche werden im Vergleich zum Hörspiel sehr sparsam eingesetzt. Wie wäre es also, die Geräuschemacher in Filmen stärker zur Geltung kommen zu lassen? Dadurch könnte man wesentlich mehr Informationen transportieren, ohne dass jemand reinquatschen muss.
Nebenbei hätte das Ganze den Vorteil, dass die AD auch von Sehbehinderten – die auch profitieren würden – stärker akzeptiert würden. Entweder wissen sie gar nicht, dass es sie gibt. Oder sie lehnen sie ab, weil sie sie nervig finden.
Anleitung zum Erstellen einer AudioDeskription

Zum Braille-Tag 2019 – wir brauchen einen neuen Louis Braille

Sechs Punkte in BrailleHeute wäre Louis Braille, der Erfinder der Braille-Schrift, 210 Jahre alt geworden. Grund genug, eine weitere Stichelei gegen Braille zu starten.
Schaut man sich die Entwicklung von Braille in den letzten Jahrzehnt an muss man leider feststellen, dass sich unheimlich wenig getan hat. Es wird heute mehr darüber gesprochen und es gibt eine ganze Reihe mehr Produkte mit Braille, aber das Killer-Feature blieb aus. Das wird vielleicht deutlicher, wenn wir uns anschauen, was in anderen Gebieten so alles passiert ist: Smartphones, 3D-Drucker, mobiles Internet, Geräte mit Sprachsteuerung, eBook-Reader auf eInk-Basis… Braille hingegen scheint im Zeitalter von Louis stehen geblieben zu sein.
Was muss also passieren? Ich gebe hier im Wesentlichen die gleichen Antworten wie Kevin Carey in einem Vortrag „The Democratization of Braille “ auf dem Kongress Braille 21. Das ist jetzt gut zehn Jahre her, deshalb spreche ich vom verlorenen Jahrzehnt. Leider ist die deutsche Fassung des Vortrags nicht mehr online zugänglich.

Braille muss deutlich billiger werden

Elektronisches Braille muss insgesamt deutlich billiger werden. Wir haben es als kleine Revolution gefeiert, dass der Orbit-Reader 500 Dollar kosten sollte. Und natürlich gibt es hier noch das Problem, dass solche Geräte nicht im industriellen Maßstab gefertigt werden: Je mehr Stücke man produziert, desto geringer die Kosten pro Stück. Dennoch ist das nach wie vor zu teuer. 300 Dollar wären für so ein Gerät in Ordnung – und wir sprechen gar nicht von den Entwicklungsländern, für die selbst das schon ein Jahreseinkommen wäre. Traurigerweise leben die meisten Blinden in solchen Ländern.
Natürlich haben die Blinden-Institutionen nicht das Geld, das für die Entwicklung alternativer Systeme notwendig wäre. Hier sehe ich die öffentlichen Einrichtungen in der Pflicht. Im Übrigen könnten Unternehmen wie Apple und Google auch problemlos ein wenig Geld dafür locker machen, wenn ihnen Barrierefreiheit tatsächlich so am Herzen liegen würde. Ein sechsstelliger Betrag könnte wahrscheinlich schon ausreichen, das zahlen die aus der Portokasse.
Das Gleiche gilt für die Produktion von analogem Braille. Es ist nach wie vor zu teuer und aufwendig, Braille-Unterlagen drucken zu lassen oder Produkte mit Braille zu versehen. Wenn sich Braille nicht in industrielle Fertigungs- und Druckprozesse lückenlos integrieren lässt, wird es NIE Einzug in den Mainstream halten.
Und es gilt auch für das Schreiben von Braille: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Braille-Schreibmaschinen sich in den letzten Jahren weiter entwickelt haben. Sie sind klobig, schwer und laut. Das Gleiche gilt für die Braille-Drucker. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwelche Innovationen in diesem Bereich auf der Sight City gesehen zu haben.

Typografische Möglichkeiten erweitern

Ich bin auch mit den typografischen Möglichkeiten von Braille unzufrieden. Mir gefällt die Idee eines Hybrids aus Braille und fühlbarer Schwarzschrift. In speziellen Bereichen, in denen Sonderzeichen wie griechische Buchstaben verwendet werden, wäre es vielleicht praktisch, solche Symbole als Schwarzschrift fühlbar zu machen. Blinde, die in diesem Bereich arbeiten müssten weniger spezielle Systematiken lernen und sie könnten sich leichter mit sehenden Kollegen austauschen.
Ich finde diesen Bereich besonders wichtig, um Braille für Spät-Erblindete interessanter zu machen. Wer aus der sehenden Welt mit ihren vielen visuellen Reizen kommt, für den ist Braille eine echte Verarmung der Sinne. Man kann natürlich auch darüber nachdenken, welche Möglichkeiten taktile Bilder bieten.
Aus dem gleichen Grund muss darüber nachgedacht werden, wie Braille leichter erfühlbar gemacht werden kann. Der Knackpunkt für ältere Menschen ist, dass sie selten noch die Sensibilität in den Fingern haben, um konventionelles Braille zu lesen. Mit dem auf Medikamentenschachteln üblichen Braille dürften sie in aller regel überfordert sein, das ist sogar für geübte Blinde schwierig zu lesen. Für solche kurzen Texte wäre es vielleicht sinnvoller, vom DIN-Standard abzuweichen und größere Punkte oder wie an anderer Stelle vorgeschlagen fühlbare Schwarzschrift zu verwenden. So, wie es jetzt ist hilft es nur den Blinden, die sich auch anders behelfen könnten.

Die Kurzschrift ist elitär

Zumindest die deutsche Kurzschrift ist ein System für die Elite-Blinden. Klar kann man sie lernen, aber selbst ich, der sie seit einigen Jahren liest hat Probleme, einige Kürzungen richtig zuzuordnen. Wir sollten uns darauf beschränken, erwachsenen Blinden die Vollschrift beizubringen und froh sein, wenn sie diese lernen und regelmäßig verwenden. Natürlich muss man die Kurzschrift nicht abschaffen, aber sie ist auch nicht der heilige Gral, als der sie oft gefeiert wird. Das heißt, es sollte mehr Angebote zum Erlernen der Vollschrift geben.
Ich würde ja vorschlagen, das System der deutschen Kurzschrift zu vereinfachen. Aber wie das so ist: Wer vereinfachen will, hat es hinterher komplizierter gemacht. Abgesehen davon dürften dann wieder mindestens zehn Jahre vergehen, bis man sich geeinigt hat.

Fazit: Wir brauchen einen neuen Louis Braille

Louis wird häufig als der Gutenberg der Blinden betrachtet. Er hat uns in einigen Punkten aus der Abhängigkeit von Sehenden befreit und ein Stück Selbständigkeit gegeben. Das Wort revolutionär wird heute sehr inflationär verwendet, doch wäre eine kleine Revolution in der Blindenschrift wieder fällig.
Ich glaube, wir Geburts-Blinden betrachten Braille immer aus unserer Perspektive. Dabei sollten wir aber diejenigen in den Blick nehmen, die erst im Alter erblinden. Denn das wird dank der besseren Versorgung Neugeborener und dem demografischen Wandel bald die Mehrheit sein. Die Spät-Erblindeten sind in der Regel nicht in den Gremien präsent, die die Entwicklung von Braille steuern. Auch wenn viele Personen aus den Gremien Braille unterrichten, scheinen sie die Probleme Spät-Erblindeter nicht zu antizipieren.
Es ist aber absehbar und nachvollziehbar, wenn sich frisch Erblindete eher für Mainstream-Technologien entscheiden. So habe ich gehört, dass einige Blinde eine Art TipToi verwenden, um etwa Lebensmittelverpackungen und Ähnliches zu kennzeichnen. Haushaltsgeräte lernen dank einer technischen Erweiterung von Amazon bald sprechen. Handys und Computer quatschen ohnehin schon. Wer möchte sich dann noch mit teuren und aufwendigen Braille-Zusatz-Geräten belasten?
Ich gebe gerne zu, dass mir sowohl die Expertise als auch der Ehrgeiz fehlt, diese Revolution einzuleiten. Aber ielleicht fühlt sich ja jemand anderes dazu berufen, der Louis Braille des 21. Jahrhundert zu werden.

Langsamer bitte – warum behinderte sich für Entschleunigung einsetzen sollten

Ein meditierender MönchMit diesem Beitrag verabschiedet sich der Blog in die Weihnachtsferien. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine angenehme Zeit. Der Beitrag passt ganz zufällig zur Vorweihnachtszeit, er lag schon länger auf meinem To-Do-Stapel.
Je älter man wird, desto schneller scheint die Welt abzulaufen. Und tatsächlich ist das nicht rein subjektiv. Man vergleiche einfach mal eine Serie der 80er Jahre mit einem aktuellen Krimi: Sowohl die Schnitte als auch die Dialoge sind schneller geworden. Wer einen beliebigen Artikel aus einem der dicken Wälzer bestellt hat (RIP Otto-Katalog) , musste mehrere Wochen darauf warten, heute kann man in einigen Ballungsräumen bestimmte Produkte innerhalb von Stunden erhalten.

Die neue Ungeduld

Ein Großteil der Unfälle, insbesondere im Straßenverkehr ist auf zu hohe Geschwindigkeiten zurückzuführen. Eine banale Erkenntnis, die aber zu keinerlei Konsequenzen führt. Wer als Politiker ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen fordert, kann praktisch einpacken. Dabei haben wohl die wenigsten Autofahrer die Gelegenheit, mehr als 120 Stundenkilometer zu fahren.
Heute lese ich beim Deutschlandfunk, dass die Hälfte der Todesfälle bei Verkehrsunfällen Senioren sind. Was sagt unser Verkehrsminister, was sagen die Autofahrer dazu? Leider nichts.
Als Umweltfritze begrüße ich, dass immer mehr menschen mit Fahrrad unterwegs sind. Als Blinder ärgere ich mich jede Minute, die ich unterwegs bin über die Rücksichtslosigkeit praktisch aller Fahrradfahrer. Und hat jemand schon mal einen aggressiveren Menschenschlag als den Autofahrer gesehen? Ich kenne wirklich kein Völkchen, das so auf langsamere Verkehrsteilnehmer reagiert. Dabei geht es da häufig nur um ein paar Stundenkilometer oder ein paar Minuten mehr Fahrzeit. Was mag mit denen los sein? Sollte man in der Fahrschule vielleicht noch ein Training in Gelassenheit und ein paar Beutel Beruhigungstee mitgeben? Leider ist die Idiotenquote unter den Fußgängern nicht wesentlich geringer, nur hat deren Verhalten selten so negative Folgen, da sie qua Masse und möglicher Höchstgeschwindigkeit nicht so viel Schaden anrichten können. Heutzutage halte ich aber leider Fahrradfahrer und eBikes für die gefährlichsten Verkehrsteilnehmer für uns Bürgersteignutzer.

Alter und Behinderung

Wir entdecken gewisse Parallelen zwischen behinderten und älteren Menschen. Beide haben mit Einschränkungen zu kämpfen. Der Blinde mag deutlich weniger sehen als ein Senior mit grauem Star. Doch mag der Blinde besser damit umgehen können als der Senior, für den diese Situation neu ist. Bei letzterem mögen zudem noch weitere Einschränkungen vorliegen, die sich zusätzlich auf seine Fähigkeiten auswirken.
Beide Gruppen brauchen mehr Zeit. Der Senior benötigt mehr Zeit, um in den Bus einzusteigen, weil er nicht mehr so beweglich ist. Der Blinde muss den Eingang finden, der Rolstuhlfahrer muss die Rampe verwenden und seine Position im Bus finden.
Ähnliches finden wir im Internet: Blinde können deutlich mehr Zeit für eine Aktion auf einer fremden Webseite benötigen. Ältere mögen mehr Zeit benötigen, um sich zu orientieren, den Text zu lesen und zu verarbeiten oder um die Informationsarchitektur zu verstehen.
Bei beiden Gruppen ist zudem die Reaktionszeit verlangsamt: Entweder weil ein Sinn, die kognitiven Fähigkeiten oder schlicht die körperliche Reaktionsfähigkeit eingeschränkt sind. Wir haben also allen Grund, uns mit den Senioren zu solidarisieren und eine Entschleunigung zu fordern.
Der Grund, warum viele Rollstuhl-Rampen an Straßenbahnen nicht ausgefahren oder ausgeklappt werden ist zumeist der hohe Zeitdruck und die Verspätungen. Viele Blinde bekommen keine Hilfe von Passanten, weil denen beim Vorüberhasten nicht auffällt, dass die Blinden Hilfe brauchen könnten. Viele Hilfegesuche werden abgelehnt, weil die Leute subjektiv glauben, dafür keine Zeit zu haben.

Was tun?

Als Individuen können wir uns dafür entscheiden, den Druck rauszunehmen. Man muss nicht als Erster an der neu eröffneten Kasse sein, über den Bürgersteig rasen oder den Postboten zur Sau machen, weil das Paket einen Tag später gekommen ist.
Allerdings muss das gesamte System entschleunigt werden. Das heißt auch, dass wir als Blinde oder Rollstuhlfahrer uns nicht darüber aufregen sollten, wenn ein Zug zu spät kommt. Immerhin kann es sein, dass es an einem von uns lag.
Ich glaube, das Harrtmut Rosa – den ich ansonsten sehr schätze – sich irrt, wenn er sich gegen eine Entschleunigung ausspricht. Auch icht will nicht zurück zu 3G und ich weiß es zu schätzen, wenn ein Artikel innerhalb von zwei Tagen ankommt.
Doch hat uns die Beschleunigung tatsächlich so viel Lebensqualität gebracht? Was bringt die Beschleunigung etwa im Bahnverkehr, wenn man die gesparte Zeit damit verbringt, auf den Anschlusszug zu warten? Gibt es ein Recht darauf, ein Paket innerhalb eines Tages zu bekommen und was genau hat man damit gewonnen außer ausgebrannten Paketboten? Was bringt es, über die Autobahn zu rasen, wenn man anschließend im City-Verkehr feststeckt? Niemand will die Uhr vollständig zurückdrehen, doch ehrlicherweise hat die Beschleunigung nicht immer und vor allem nicht für alle den Gewinn an Lebensqualität gebracht, den uns unsere kapitalistischen Freunde versprochen haben.

Von Behinderten inspierierte Erfindungen

Eine Mindmap mit einer Glühbirne in der MitteEine ganze Reihe von Erfindungen oder Entwicklungen wurden durch Behinderte inspiriert oder durch sie vorweggenommen. In diesem Beitrag möchte ich einige davon darstellen.
Man muss hierbei natürlich immer vorsichtig sein: Kaum eine größere Entwicklung erfolgte durch einen einzigen Impuls oder eine Einzelperson. Die meisten Erfindungen wären zu einem anderen Zeitpunkt von einer anderen Person zu einem anderen Anlass auch entstanden. Und teils mag es sich auch um urband legends handeln, von denen nicht mehr nachzuprüfen ist, ob sie tatsächlich passiert sind.

Telefon

Alexander Graham Bell gilt als der Erfinder des Telefons. Sein Weg zu dieser Entwicklung führte über seine schwerhörige Mutter. Offenbar inspirierte sie ihn zu der Idee, Töne in elektrische Impulse zu verwandeln und über distanzen zu übertragen.
Neben Bells zweifellosen Verdiensten in der Wissenschaft hat er nebenbei bemerkt eine nicht ganz rühmliche Rolle für die Verbreitung der Gebärdensprache gespielt. Das ist aber ein anderes Thema.

SMS (Short Message Service)

Für die jungen Leser: SMS ist WhatsApp in teuer. Der Finne Matti Makonen entwickelte in den 90ern SMS unter anderem, damit Gehörlose untereinander und mit Hörenden kommunizieren konnten, wohl nichtsahnend, dass sie fast genau sowichtig werden würde wie das eigentliche Telefonieren.

Internet und E-Mail

Schwerhörige und Gehörlose haben auch für das Internet und E-Mail eine wichtige Rolle gespielt.
Der heute 75-jährige Vinton Cerf war bei der Entwicklung der ersten Internet- und E-Mail-Protokolle aktiv beteiligt. Er selbst ist schwerhörig. Das Internet und E-Mail ermöglichten eine nicht-verbale Kommunikation mit anderen Personen, was ihn sicherlich mitmotiviert hat, am Internet mitzuwirken. Unter anderem wollte er mit seiner gehörlosen Frau via E-Mail kommunizieren können.

Hörbücher

Hörbücher waren für uns Blinde schon vor 20 Jahren ein alter Hut. Heute gehören sie zu einem wichtigen Segment des Buchmarktes.
1931 starteten die American Foundation for the Blind und die Library of Congress das erste Hörbuch-Programm für Blinde. Lustigerweise spricht man nicht von audiobook, sondern von talking book.
Heute gibt es ca. 60.000 deutschsprachige Hörbücher speziell für Blinde, über 100.000 kommerzielle deutsche Hörbücher und wer weiß wie viele englische Hörbücher.

Schreibmaschine

Die Schreibmaschine prägt unseren Alltag bis heute. Das PC-Keyboard auf dem Schreibtisch und die Tastatur auf dem Smartpohne – beide sind von der Schreibmaschine inspiriert, was die Anordnung der Buchstaben angeht. Und wie solls anders sein, hinter ihrer Erfindung steht eine Liebesaffäre.
1808 entwickelte der Italiener Pellegrino Turri die erste funktionsfähige Schreibmaschine. Seine Geliebte, die erblindete Gräfin Carolina Fantoni da Fivizzono sollte ihm selbständig Liebesbriefe schreiben können. Einer dieser Briefe ist bis heute erhalten geblieben, was man wohl nicht von all zu vielen Liebesbriefen sagen kann.

Videotext

Auch nicht totzukriegen ist der Videotext. Der Videotext oder Teletext wurde 1974 von Mitarbeitern der BBC entwickelt. Sie suchten nach einer Möglichkeit, zu- und abschaltbare Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige auf dem Fernseher anzuzeigen. Schnell kam heraus, dass nicht nur Untertitel, sondern ganze Seiten mit Text übermittelt werden konnten.

Sprachausgaben

Sprachausgaben sind dank Alexa, Siri und telefonischen Dialogsystemen aus dem Alltag kaum wegzudenken. Blinde Menschen arbeiten aber schon seit Jahrzehnten mit ihnen.
1986 entwickelte der Amerikaner Jim Thatcher für seinen blinden Freund Dr. Jesse Wright ein System, das den Computer für ihn zugänglich machen sollte, den IBM Screenreader. Bis heute sind Screenreader die Software, die von Blinden bei der Techniknutzung verwendet werden. Sie geben Inhalte als Sprache oder Blindenschrift aus.
Viele Leute beschweren sich über den synthetischen Klang der gängigen Programme. Wer sich aber genauer damit beschäftigt, wird feststellen, dass die synthetischen Stimmen den natürlich klingenden Stimmen teils überlegen sind. Der für Sehende interessante Faktor ist die Prosodie oder Stimm-Melodie, heißt, die Betonung bestimmter Silben, wodurch ein Satz natürlich klingt. Wer sich die typischen Bahnansagen anhört oder einen Text durch ReadSpeaker vorlesen lässt, merkt sofort, was ich meine. Die Wörter werden zusammenhanglos vorgelesen und die Pausen zwischen den Wörtern klingen unnatürlich, dadurch klingt die Aussage schnell unnatürlich.

Spracheingaben

Auch die automatische Spracherkennung ist fast schon ein Alter Hut. Sie wird von vielen Behinderten seit langem eingesetzt, um ihren Computer zu steuern und längere Texte zu diktieren.
Siri und andere Systeme haben diesen Prozess lediglich vereinfacht: Bei den klassischen Systemen wie bei Dragon Natural Speaking müssen Befehlssätze auswendig gelernt und die Systeme trainiert werden. Siri und Co. übertragen die Daten ins Internet und werden meines Wissens nicht auf eine individuelle Stimme hin trainiert. Deshalb haben die meisten virtuellen Assistenten auch Probleme mit Dialekten und werden mit der Zeit für das Individuum auch nicht besser. Und ohne Internet-Verbindung sind sie in der Regel nicht brauchbar, ganz zu schweigen davon, dass sich nicht das gesamte Gerät mit ihnen steuern lässt.

3D-Druck

Selber machen mit 3D-Druck, Phräsen und weiteren Hilfsmitteln gibt es doch erst seit ein paar Jahren außerhalb spezialisierter Produktionsbereiche oder? Keineswegs.
In Blindenschulen spielen Tastmodelle schon seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Sie werden etwa in der Physik, der Chemie oder Biologie eingesetzt. Hier werden zum Beispiel Tastmodelle für atome oder auch Organe verwendet. Natürlich hat der 3D-Druck auch hier vielles vereinfacht und günstiger gemacht. Doch möglich ist es schon seit langem. Nebenbei: Viele engagierte Lehrer der 80er und 90er Jahre haben sich in diesem Bereich sehr engagiert und teils in ihrer Freizeit Hilfsmittel gebastelt, um ihren Schülern einen besseren Unterricht zu ermöglichen.

Texte schneller schreiben

Stephen Hawking verlor durch seine Krankheit AMS nach und nach seine physische Fähigkeiten und vor allem die Fähigkeit zu Sprechen. Walter Woltosz, Geschäftsführer von Words Plus, hatte ein System für seine Stiefmutter entwickelt, welches ihr die Kommunikation ermöglichen sollte. Sie hatte ALS wie Hawking. Dieses System wurde für Hawking angepasst und weiter entwickelt.
Hawking benutzte eine Mischung aus Unterstützter Kommunikation – so würde man es heute nennen – und Sprachsynthesizer. Er konnte Wörter aus einer Liste von Begriffen auswählen, diese zu Sätzen zusammenfassen und sie über seine Sprachausgabe ausgeben lassen.
Eine ähnliche Technologie benutzen heute viele auf dem Smartphone: Die Auto-Ergänzung, die häufig Mist schreibt, aber auch die Wortvorschläge, die das Tippen auf dem Smartphone erheblich beschleunigen.
Hawking und seine Erkrankung haben viele Menschen zu Entwicklungen inspiriert, die natürlich in erster Linie Hawking selbst, dann aber auch Menschen in ähnlichen Situationen helfen sollten.

Der Multi-Touchscreen

Touchscreens gab es schon länger. Das erste Touchscreen, das auch Gesten verstand wurde von Wayne Westerman und John Elias entwickelt. Es richtete sich an Menschen, deren Bewegungsfähigkeit durch Erkrankungen wie dem Mausarm eingeschränkt war. Die Firma der beiden Herren wurde schließlich von Apple gekauft und drei Mal dürft ihr raten, welches Produkt Apple damit ausgestattet hat.

Augen- und berührungsfreie Technologien

Mit Augen- und berührungsfreie Technologien sind Bedienkonzepte gemeint, die ohne Display und ohne haptischen Kontakt auskommen. Input und Output erfolgen zumeist als Sprache. Nützlich sind solche Technologien etwa bei Autos, aber haben durch die Alexa-Lautsprecher eine weite Verbreitung gefunden.
Da Blinde ein Display nicht benutzen können, sind sie darauf angewiesen, dass ihnen Informationen in sprachlicher Form oder als Braille ausgegeben werden. Andere Behinderte können ein Display wegen motorischer Behinderungen nicht bedienen und verwenden deshalb andere Eingabemethoden wie Sprache. Von diesen Gruppen könnten die Interface-Gestalter einiges lernen.

Prothetik und plastische Chirurgie

Zwar hat die plastische und Schönheitschirurgie eine längere Geschichte. Einen echten Aufschwung erfuhr sie aber nach dem Ersten Weltkrieg.
Viele Soldaten und Zivilisten büßten Teile des Körpers ein oder hatten großflächige Verbrennungen erlitten. Die Chirurgie wurde verwendet, um ihnen zu helfen.
Man vergisst gerne, dass der Übergang von Schönheitschirurgie mit ihren teils zweifelhaften Eingriffen zur plastischen Chirurgie oft fließend ist. Die Spina Birifida etwa – der offene Rücken – kann heute teils schon während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt dank der plastischen Chirurgie behandelt werden.

Haus-Automatisierung

Seit 20 Jahren soll sie bald ihren endgültigen Durchbruch feiern: Heizungen, die aus der Ferne gesteuert werden, Rolläden, die mit der Stimme gesteuert werden können, Warnsysteme bei einem vergessenen Topf auf dem Herd. Aus verschiedenen Gründen haben sich diese Systeme bisher nicht auf breiter Fläche durchgesetzt.
Behinderte Menschen verfügen schon seit längerem über solche Systeme. Sie sind vor allem für Querschnittsgelähmte interessant, die vom Hals abwärts gelähmt sind. Sie können außer dem Kopf nichts bewegen und sind ohne solche Systeme praktisch dauerhaft auf Hilfe angewiesen. Viele Systeme wurden und werden komplett über die Stimme und einen Zentralcomputer gesteuert. Im Prinzip erlauben sie das, was die Haus-Automatisierung auch ermöglichen soll und das schon seit den 90er Jahren.
Leider muss man sagen, dass diese Systeme vor allem Menschen zur Verfügung stehen, die das nötige Großgeld haben – und das sind nicht so viele Betroffene. Wer sein Haus automatisieren möchte, findet heute günstigere Lösungen, sie kann jedoch nach wie vor einen fünfstelligen Betrag kosten. Alexa und Co. sind zwar in gewissen Situationen nützlich, doch für eine großflächige Automatisierung benötigt man deutlich mehr und teurere Systeme und Umbaumaßnahmen.

Emojis

Emojis sind aus der Alltagskommunikation kaum noch wegzudenken. Doch spielen Symbole in der Kommunikation schon wesentlich länger eine wichtige Rolle. Es gibt Menschen, die wegen einer Behinderung nicht verbal oder per Gebärdensprache kommunizieren können. Sie setzen Methoden der Unterstützten Kommunikation ein. Ein Zweig dieser Kommunikation beschäftigt sich dabei mit der symbol-basierten Kommunikation. Der Betroffene verwendet einzelne Symbole oder verbindet mehrere Symbole, um mit anderen Personen zu kommunizieren. Die Symbole werden dann häufig als Sprache von einem speziellen Hilfsmittel ausgegeben. Von diesen Symbolen bzw. Symbolsystemen finden wir viele bei den Emojis wieder.

Und es geht weiter

Die Inspirationsquelle ist noch lange nicht versiegt. So gibt es Versuche mit Bewegungs- und Augensteuerung, Gehirn-Computer-Schnittstellen und weiteren Eingabemethoden. Sie werden von behinderten Menschen teils schon Jahre oder Jahrzehnte eingesetzt, können aber auch für Nicht-Behinderte interessant sein. Schon die Gaming-Industrie verlangt immer neue Möglichkeiten der Interaktion mit Spielkonsolen.