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Alles Scheiße – wie das ZDF blinde Menschen diskriminiert

Dass Hundekot ein Politikum sein kann, ist wohl nicht neu. Doch im ZDF glaubt man, daraus eine große Story machen zu können. Ganz nebenbei schadet man damit der Inklusion blinder Menschen.

David hat nicht immer recht

Bei so einer Story läuft jedem Journalisten das Wasser im Mund zusammen: Auf der einen Seite die hilflose blinde Frau, auf der anderen Seite die böse Mega-Behörde, welche die blinde Person diskriminiert. Und dann auch noch wegen so einem banalen Thema wie Hundekot.
Nun ist zunächst nahe liegend, dass blinde Menschen keinen Hundekot wegräumen können. Das ist aber durchaus falsch: In der Regel soll der Hund sein Geschäft an Orten verrichten, wo das kein Problem ist, etwa im Wald. Ein Hund, der auf den Bürgersteig macht, ist entweder schlecht erzogen oder krank.
Nun mag es selten vorkommen, dass der Hund einfach irgendwo hin macht und der Blinde das nicht merkt. In diesem Fall ist das aber anders: Die junge Dame ist durchaus angesprochen und darauf hingewiesen worden. Sie weiß also, dass der Hund dahin gemacht hat und weigert sich, das wegzumachen. Das ZDF hat sich also an der Nase herumführen lassen.
Andere Besitzer von Blindenhunden haben durchaus kein Problem damit, Hundekot zu beseitigen. Sie können sich den Kot vom Hund zeigen lassen, ihre Nase, Einweghandschuhe und weitere Hilfsmittel verwenden.
Als Blinder ärgere ich mich regelmäßig darüber, dass ich in Hundekot trete. Er ist nicht nur ein hygienisches, sondern auch ein gesundheitliches Problem. Hundekot kann Schädlinge enthalten, die auch für Menschen krankheitserregend sind.
Es sollten nur die Menschen befreit sein, die wegen körperlicher oder psychischer Erkrankungen nicht in der Lage sind, den Kot aufzuheben. Blinde gehören eindeutig nicht dazu.

Was soll der Scheiß?

Nun kann man die Story als den üblichen Junk in der Boulevard-Berichterstattung abtun. Allerdings hat das ZDF der Blindenbewegung erheblichen Schaden zugefügt. Für den Blinden ist die Rolle des Opfers attraktiv, aber was ist die Kehrseite?

  • Blindenhunde sind offensichtlich schlecht erzogen, wenn sie irgendwo in die Landschaft machen.
  • Blinde sind nicht in der Lage, hinter sich sauber zu machen.
  • Blinde sind nicht in der Lage, sich selbst um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Da muss schon das ZDF vorbei kommen, um sie vor der böswilligen Behörde zu retten.

Nun mag der Zuschauer Mitleid mit dieser Dame haben. Aber auf Mitleid lässt sich keine gleichberechtigte Beziehung aufbauen. Tatsächlich ist das Mitleid und der mangelnde Glaube an die Fähigkeiten Blinder der Grund dafür, dass Blinde kaum Jobs oder Wohnungen auf dem freien Markt finden. Oder würden Sie jemanden auf Ihre Kunden bzw. Kollegen loslassen, der nicht hinter sich sauber machen kann? Möchten Sie so jemandem eine Wohnung vermieten? Möchten Sie ihn als Kollegen haben?
Wenn mehr Blinde beim ZDF beschäftigt wären, wäre so eine Story hoffentlich nicht erschienen. In meinen Augen ist es nicht die Behörde, die hier diskriminiert hat, es sind die Sendungs-Verantwortlichen. Sie haben offensichtlich keine Ahnung und eine sehr geringe Meinung von den Fähigkeiten blinder Menschen. Mit ihrer Sendung haben sie kein gutes Werk getan, im Gegenteil. Sie haben der Grundgesamtheit der Blinden geschadet.

Warum wir Braille brauchen

Vor kurzem las ich folgende Info in einer Blinden-Mailingliste: Eine Blindeneinrichtung beschloss vor einigen Wochen, dass sie ihre Blindenbücherei nicht mehr benötigte. Die Schüler hatten zwei Wochen Zeit, sich noch Bücher zu sichern. Der Rest ist auf den Müll gewandert. Insgesamt ist dem Vernehmen nach das Braille-Wesen auf dem absteigenden Ast. Es werden immer weniger Braillebücher ausgeliehen. Das lässt zwei Interpretationen zu:

  • Blinde sind gut mit Braillezeilen ausgestattet und ziehen das elektronische Lesen vor. Immerhin ist die Zahl der eBooks sprunghaft gestiegen.
  • Blinde lesen gar kein Braille mehr, sondern ziehen Hörbücher und vom Screenreader vorgelesene Bücher vor.

Ich fürchte leider, dass Letzteres zutrifft.

Erinnerungen in sechs Punkten

Ich selbst habe Braille in der Kindheit gelernt – kurioserweise an einer Sehbehindertenschule. Ich habe es dann fast 20 Jahre nicht mehr eingesetzt. Vor ein paar Jahren habe ich dann beschlossen, mich wieder intensiv damit zu beschäftigen. Vieles ist am Computer mit Braille einfacher zu erledigen: Korrektur lesen, Code lesen und die Schreibweise unbekannter Wörter erkennen zum Beispiel. Ich kaufte mir also eine gebrauchte Braillezeile und fing an zu lesen. Es war ziemlich mühsam. Ihr kennt das vielleicht, wenn ihr anfangt, Texte in einer fremden Sprache zu lesen. Ich war so langsam, dass ich nur mechanisch gelesen und kaum kognitiv verarbeitet habe. Die Kurzschrift-Zeichen waren mir großteils entfallen. Außerdem habe ich mir nicht die nötige Zeit genommen. Zwei-drei Stunden am Wochenende waren nicht genug.
Dann entdeckte ich auf der Pinwand jemanden, der alte Braillebücher verschenkt hat. Kurzerhand ließ ich mir die Bücher liefern: 9 Bände in drei großen Kartons.
Mein Vorhaben war, die Bücher unterwegs zu lesen. Ich bin ja viel mit Bus und Bahn unterwegs und habe da reichlich Zeit, was Sinnvolleres als Handygepatsche zu machen. Heute kann ich sagen – nach gut drei Jahren – dass ich relativ flüssig lesen kann. Das heißt, ich kann den Sinn erfassen und nicht nur die Zeichen. Im Vergleich mit einem geübten Leser könnte ich nicht ansatzweise mithalten, aber darum geht es mir nicht. Was ich begriffen habe: Man braucht reichlich Routine, um flüssig lesen zu können.

Braille wird wichtiger

Ich hatte auf Facebook eine kleine Diskussion darüber angezettelt, ob man als Vollblinder ohne Braille überhaupt vernünftig schreiben kann. Ich weiß zum Beispiel bei vielen neumodischen Wörtern nicht, wie sie geschrieben werden. Sie werden ja von der Sprachausgabe vorgelesen. Die Kommasetzung in der neuen Rechtschreibung ist mir ein Rätsel, weil ich seit der Reform kaum noch Schwarzschrift-Texte gelesen habe.
In der besagten Diskussion erhielt ich überwiegend Zustimmung, aber auch ein paar ablehnende Stimmen. Viele meinen, dass sie auch ohne Braille gut schreiben könnten. Ich bleibe aber bei meiner Aussage. Trotz der Digitalisierung – oder gerade deswegen – ist Braille wichtig. Es reicht nicht aus, die Zeichen zu kennen, man muss flüssig lesen können. Und das funktioniert nur, wenn man regelmäßig liest. Außerdem denke ich nach wie vor, dass man zu selbst gelesenen Texten ein anderes Verhältnis hat als zu Hörbüchern oder vom Screenreader gelesenen Büchern. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass jemand, der mit 50 erblindet ist kein guter Braille-Leser werden wird und es gar nicht lernen möchte. Für die jung Erblindeten gilt das aber nicht. Es gibt kaum noch einen Beruf, in dem man nicht gut lesen und schreiben können muss. Es mag sein, dass man 90 Prozent seiner Aufgaben mit der Sprachausgabe erledigen kann. Aber manchmal kommt es genau auf die restlichen 10 Prozent an.

Weltpremiere: Erstes wirklich junges und innovatives Unternehmen gegründet

Mitten im Herzen von Köln im Statteil Rodenkirchen ist das erste wirklich junge und innovative Unternehmen an den Start gegangen.
Wir sind sehr innovativ erklärt Super-CEEO Olaf (13). So legen alle Mitarbeiter ihre Nachnamen ab. Alle Geschäftspartner werden konsequent geduzt, wer da nicht mitmacht, muss sich eines dieser Old-Style-Unternehmen aus der New Econo-Dings suchen.
Wir sind sehr konsequent, was das Alter unserer Mitarbeiter angeht erklärt Personalchef Bubu (6), der seinen Spitznamen aus Säuglingstagen bisher nicht loswerden konnte. Die meisten Unternehmen beschäftigen Leute, die über 20 Jahre alt sind. Die sind doch schon völlig ausgelaugt nach 10 Jahren Schule. Deswegen fliegen bei uns alle raus, die über 16 Jahre alt sind. Leider verhindern die Gesetze gegen Kinnderarbeit, dass wir unser volles Potential entfalten können. Kannst du dir vorstellen, dass man nach diesen Old-Style-Gesetzen keine 144 Stunden durcharbeiten darf?Bubu entschudigt sich kurz, schnappt sich sein Kuscheltier und legt sich für den Mittagsschlaf ab.
Wir sind alle konsequent gleichberechtigt, deswegen treffen wir auch nie Entscheidungen, erklärt Geschäftsführer Olaf. (10): Wir sind so inovativ, dass die Dienstleistung, die wir anbieten sich ständig ändert. Meistens arbeiten die Kollegen von zuhause aus oder spielen Computerspiele. Bekanntermaßen entstehen bei der Prograstination die besten Ideen. Unser Grupen-Brainstroming machen wir am Kicker oder am Billardtisch. Wir haben nicht umsonst in jedem Büro so was stehen. Hauptsächlich denken wir darüber nach, welches vegane Gericht wir als nächstes ausprobieren wollen oder welcher Fußballspieler die hübschesten Beine hat.
Investoren sind begeistert von dem jungen und innovativen Unternehmen: Angeblich sollen bereits 50 Millionen Euro bereit gestellt worden sein.
Aber was macht das Unternehmen eigentlich. Dazu erklärt Pressesprecherin Janina (7): Unser Produkt ist ebenso dynamisch wie die gesellschaftlichen Entwicklungen. Es ändert sich praktisch täglich wie unser Unternehmen. Manchmal wissen wir nicht mal, wer hier arbeitet.

Herstellern mit dem Wurf von Wattebäuschen

Bundesregierung droht Auto-Der Dieselbetrug zieht immer weitere Kreise. Auch Audi hat offenbar so getan, als ob seine Autos keinen Diesel verbrauchen würden.
Nun scheint auch Bundeskannsmirnicht Merken allmählich die Geduld zu verlieren.
Wir haben zunächst mit Folgen gedroht, sagte Merken gegenüber Spiegel Offline. Ich selbst habe die Auto-Chefs herbeizitiert, mit dem Finger in der Luft gewedelt und „Ihr pösen, pösen Purschen“ gesagt. Die haben dann hoch und heilig versprochen, sich in den nächsten 30 Jahren darum zu kümmern, wenn es sie nichts kostet.
Merken aber will nicht so lange warten. So sagte sie gegenüber Zeitlos: Wenn die nicht bald versprechen, tatsächlich etwas zu tun, werde ich sie herbeizitieren und mit Wattebäuschen bewerfen. Ich habe bereits meine Generalsekretärin, Große-Kannenbauer angewiesen, beim DM Watte zu kaufen. Bei der Gelegenheit soll sie auch dafür sorgen, dass DM in Euro umbenannt wird.
Die Autochefs wiesen Merkens Drohungen zurück. Wir lassen uns nicht einschüchtern, sagten sie gegenüber der Tageszeitung Taze. Wir werden uns einfach hinter unseren Anwälten verstecken.

Probleme der Selbsthilfe der Behinderten

Die Interessensverbände der Behinderten-Selbsthilfe geraten zunehmend unter Druck. Dabei finden mehrere Entwicklungen parallel statt:
– Die Leitfiguren insbesondere in den lokalen Vereinen überaltern und finden häufig keinen Nachfolger. Somit verschwinden vor allem lokale Vereine.
– die Zahl der jungen Behinderten nimmt tendentiell ab. Zugleich sind sie wegen der Inklusion weniger stark an der Community und an der Teilhabe an dieser interessiert. Auch für behinderte Menschen gilt der Generaltrend, dass man immer weniger bereit ist, sich in Groß-Organisationen zu engagieren oder auch nur passives Mitglied zu werden.
– Zwar nimmt die Zahl im Alter behindert gewordener Personen stetig zu. Doch haben diese anders als Geburts-Behinderte keinen direkten Bezug zur Community. Zudem können sie gesundheitlich insgesamt so angeschlagen sein, dass das Engagement oder die Mitgliedschaft in einem Verband für sie nicht mehr interessant oder relevant ist.
In direkter Konkurrenz zu den Behinderten-Verbänden stehen zum Beispiel die Sozialverbände. Sie engagieren sich für Menschen mit sozialen Problemen allgemein. Sie werben vor allem damit, beim Antrag auf Schwerbehindertenausweise, Sozialhilfe und ähnliche Dinge zu helfen. Da sie nahezu flächendeckend vertreten sind und über verhältnismäßig große Mittel verfügen, ist ihre Reichweite deutlich höher als die der Verbände. Nicht so aktiv in diesem bereich wie die Sozialverbände, aber ähnlich relevant sind die Gewerkschaften. Sie bieten ebenfalls Beratung in sozialen Fragen und können im Rahmen der Arbeit auch beim Antrag auf Schwerbehindertenausweise helfen. Die wenigsten behinderten Menschen wollen in mehreren Verbänden Mitglied sein.
Zunehmend steht auch eher der Dienstleistungsgedanke im Vordergrund. Es geht weniger darum, aus Solidarität Mitglied in einer Organisation zu sein. Die Mitglieder erwarten Services und zwar häufig in einer Qualität, wie sie von professionellen Dienstleistern erbracht werden. Dazu sind die Behinderten-Verbände oftmals nicht in der Lage. Es fehlt an Strukturen und an Personal.
Daneben spielt die informelle Selbsthilfe eine zunehmende Rolle. Selbsthilfegruppen werden häufig von Eltern oder engagierten Einzelpersonen organisiert. Sie entstehen und zerfallen oft schnell. Dennoch sind sie flexibler als Vereinsstrukturen.
Durch die Kommunikationsmöglichkeiten im Internet wird es zunehmend einfacher, sich mit anderen Personen auszutauschen, ohne dass eine formelle Struktur benötigt wird. Dadurch können viele Fragen beantwortet werden, die vielleicht früher einem Verein gestellt worden wären.
Mit speziellen Jugendprojekten versuchen die Verbände, diesem Trend entgegen zu steuern.

Warum private Anbieter zur Barrierefreiheit verpflichtet werden sollten

Besenbinder, Physiotherapeut, Arbeitsloser oder Frührentner – das sind leider bis heute die wesentlichen Bereiche, auf die sich die Erwerbstätigkeit – oder Nicht-Erwerbstätigkeit – blinder Menschen beschränkt. Dennoch hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Die Vorleser

Blinde Juristen sind in Deutschland schon seit Jahrzehnten keine Seltenheit. Dabei ist es mir immer ein Rätsel geblieben, wie sie es im Prä-Computer-Zeitalter geschafft haben, die gewaltigen Mengen an Literatur zu bewältigen. Studieren in einer Geisteswissenschaft besteht im Wesentlichen aus drei Dingen: Lesen, lesen, lesen.
Natürlich gab es die Vorlesekräfte, die bis heute einen unverzichtbaren Job machen. Aber es ist dennoch eine ganz andere Sache, sich selbst in die Bibliothek zu stürzen. Es ist ein großes Talent an Organisation erforderlich, um alle nötige Literatur auflesen zu lassen. Was oft auch vergessen wird: Ein Sehender kann einen Text wesentlich schneller lesen als ihn vorzulesen. Ein geübter Leser kann mindestens vier Mal schneller lesen als vorlesen. Es geht also jede Menge Zeit verloren.
Durch die Technik ist das alles heute einfacher. Zwar haben Sehende immer noch ein für Blinde unerklärliches Faible für bedrucktes Papier. Dennoch kann heute im Business-Bereich fast alles digital erledigt werden. Im Behördenverkehr ist das leider noch nicht so, aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Keine Hilfstechnik – kein Job
Mehr noch: Keine Gruppe hat von der Digitalisierung derart stark profitiert wie die Blinden. Viele kaufmännische Berufe ließen sich ohne Hilfstechnik nicht bewältigen. Der unterste Sachbearbeiter muss seine Tabellen mit Excel und nicht mit Tinte und Bleistift erledigen. Durch die Digitalisierung sind also berufliche Wege möglich geworden, die für die Meisten von uns früher schwierig oder gar nicht zu bewältigen wären.
Ich selbst könnte meinen Job als Online-Redakteur ohne Digitalisierung und Hilfstechnik gar nicht erledigen. Das Kaufmännische liegt mir nicht, das Handwerkliche sowieso nicht und kein Arzt wäre so verrückt, mich auf seine physiotherapiebedürftigen Patienten loszulassen. Als Frührentner wäre ich mit 40 ein übergewichtiges, nikotingeschwängertes Frack.

Barriereunfreie Software = kein Job

Das merkt man vor allem, wenn man immer wieder auf Business-Lösungen trifft, die nicht barrierefrei programmiert wurden. CRM, ERP, DMS – ein Haufen Abkürzungen für teils sehr komplexe Programme. Faktisch wird es schwierig, wenn man in einer Firma arbeiten möchte, deren Anwendungen nicht barrierefrei programmiert wurden. In meinen Augen ist das eine klare Diskriminierung blinder Menschen am Arbeitsplatz. Im Business-Bereich sollten alle Programme von Anfang barrierefrei gestaltet sein. Da das mit der Freiwilligkeit nicht so richtig funktioniert hat, sollte das gesetzlich verpflichtend sein. Nur so können wir sicher stellen, dass zukünftige Arbeitsplätze für Blinde zugänglich sein werden.
Es ist kaum absehbar, wie sich die Arbeitswelt längerfristig entwickelt. Sicher ist, dass die Software eher wichtiger als unwichtiger wird. Sogar Google und Microsoft, die das Thema großteils verschlafen haben, geben sich jetzt mehr Mühe. Von den deutschen Software-Schmieden und Verbänden wie der IHK und der BITKOM hört man hingegen erschreckend wenig.
Viel wäre schon geholfen, wenn die öffentlichen Einrichtungen ihre Software-Richtlinien bei der Beschaffung entsprechend anpassen würden. Zählt man alle Behörden zusammen, hat man ein gewaltiges Volumen an Software-Nachfrage. Wenn all diese Software barrierefrei programmiert werden würde, würde der Markt gewaltig ins Rutschen geraten. Es gäbe mehr in Barrierefreiheit geschulte Software-Entwickler und nebenbei ein neues Betätigungsfeld für blinde Anwendungsentwickler. Ich stelle immer wieder erstaunt fest, wie schlecht barrierefrei Software sein kann, wenn kein behinderter Mensch an der Entwicklung beteiligt war. Manche Entwickler scheinen ernsthaft zu glauben, sie könnten einen anständigen Screenreader-Test durchführen, obwohl sie keine Ahnung haben, wie Blinde mit Software umgehen.
In diesem Zusammenhang darf eine Kritik an den Hilfsmittel-Anbieter nicht fehlen. Die Update-Politik von Freedom Scientific ist eine reine Unverschämtheit, weshalb mir Jaws nicht ins Haus kommt. Trotz des stolzen Preises bittet die Firma für Major-Updates ordentlich zur Kasse. Mitschuld daran sind die Blinden, die diese absonderliche Politik unterstützen, schließlich muss ja wer Anderes die Rechnung bezahlen. Da die Kostenträger nur rund alle fünf Jahre Neuanschaffungen finanzieren, kann es passieren, dass man einige Jahre mit veralteter Software allein gelassen wird. Im Business-Bereich kommen in fünf Jahren rund zwei neue Software-Versionen heraus. Jaws erweist sich somit als zusätzlicher Hemmschuh für den Fortschritt.

Fazit

In meinen Augen liegt deshalb der Schlüssel zur Verpflichtung privater Anbieter zumindest im Software-Bereich im Bereich Arbeit. Wer eine barrierefreie Arbeitswelt möchte, muss für barrierefreie Software sorgen.

Zum Welt-Braille-Tag 2016 – Braille schafft Begegnung

Digitale BraillezeileAls Kind war es für mich ein Graus, die Brailleschrift zu lernen. Erst heute weiß ich sie zu schätzen, nicht zuletzt, weil ich durch die Blindenschrift oft neue Leute kennen lerne.
Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich die Brailleschrift lernte. Damals besuchte ich eine Sehbehindertenschule. Vielleicht rührte meine Abneigung gegen die Blindenschrift daher, dass ich zu den wenigen Schülern gehörte, die sie lernen mussten. Als Kind fürchtet man ja nichts so sehr wie das Anderssein. Vielleicht spürte ich aber auch damals schon, dass mir das Schicksal der Erblindung drohte.
Ich erinnere mich noch heute vor allem an die alte Blista-Punktschriftmaschine und ihr lautes Hämmern mit dem sie die Zeichen ins Papier stanzte. Es gibt wohl kein besseres Krafttraining für die Finger, eine mechanische Schreibmaschine ist dagegen leichtgängig.
Als der Kurs zu Ende war, hatte ich nichts Besseres zu tun, als alle meine Punktschrift-Blätter ins Altpapier zu geben. Ich lernte sehr bald Sprachausgaben und Hörbücher kennen und ging davon aus, Braille nie wieder nutzen zu müssen.
Doch irgendwann, ich war vielleicht 30, habe ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Ein Blinder, der kein Braille liest ist wie Weihnachten ohne Schnee. Ich begann also, mich mühsam wieder an Braille heranzutasten. Leider habe ich bis heute kein komfortables Lesetempo erreicht, aber ich bin stolz darauf, fast jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.
Obwohl ich ein Fan digitaler Braillezeilen bin, habe ich mir ein gedrucktes Buch besorgt. Der Vorteil ist, dass ich auch bequem zwischendurch lesen kann, ohne Computer und Braille-Display auszupacken. Braille lenkt den Leser nicht so stark von Durchsagen ab wie Hörbücher, Sprachausgaben und Musik. Man hat die Ohren frei und ist trotzdem beschäftigt.
Ein unerwarteter Nebeneffekt war, dass ich über die Brailleschrift zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen habe. Viele Leute scheuen sich davor, einen Blinden auf der Straße oder in der Bahn anzusprechen. Entweder ist er mit seinem Blindenstock oder mit seinem Smartphone beschäftigt. Auch wenn er nur da sitzt, wirkt das auf Sehende eher abschreckend, vielleicht meditiert er ja. Aber ein Braillebuch scheint den Bann zu brechen. So wie sich Raucher oder Hundebesitzer automatisch solidarisieren, scheint die Brailleschrift die Scheu vor dem Erstkontakt zu nehmen.
So unterhielt ich mich mit einer älteren Frau fast eine ganze Bahnfahrt lang über Bücher. Ein jüngerer Student war so fasziniert von dem Typen, der mit dem Finger liest, dass er unbedingt ein Foto machen wollte. Hoffentlich hat er nichts Verrücktes mit dem Bild angestellt. Ein Kind quetschte mich eine halbe Stunde lang über Blindheit aus. Ohne Braille wäre das nicht passiert.
Die große Liebe habe ich über Braille nicht gefunden – noch nicht – aber Braille kann als Eisbrecher gute Dienste leisten.

Nutzung von Screenreadern2015

Der neueste Screenreader-Survey von WebAIM zeigt, dass es viel Bewegung auf dem Markt für Screenreader gibt. Die Befragung ist natürlich nicht repräsentativ, zeigt aber im Großen und Ganzen doch Entwicklungen auf.
Der Platzhirsch Jaws hat dramatisch an Marktanteilen verloren: Zwischen dem letzten Survey von Januar 2014 und Juli 2015 verlor Jaws 20 Prozentpunkte und hat nur noch 30 Prozent Marktanteil. Beim ersten Survey 2009 hatte Jaws noch einen Marktanteil von rund 75 Prozent.
Klarer Aufsteiger ist Window Eyes, dessen Marktanteil stieg von 6 auf 20 Prozent. Überraschenderweise konnten der Mac und NVDA von der Schwäche von Jaws kaum profitieren.
Für Tester interessant ist die Bevorzugung des Internet Explorer unter Blinden. Mehr als 50 Prozent nutzen den IE, während er in der Durchschnittsbevölkerung eine untergeordnete Rolle spielt.
Es scheint auch so zu sein, dass einige Blinde vom Mac auf Windows zurückgewechselt haben. So stieg der Anteil der Windows-User von 82 auf 85 Prozent, während Mac von 8 auf 6 Prozent sank. Ein Grund könnte sein, dass es im letzten Jahr verstärkt Beschwerden von Blinden zur stockenden Weiterentwicklung von VoiceOver gab, unter anderem von Marco Zehe.
Interessanterweise wünschen sich die meisten Blinden, dass komplexe Bilder auf der gleichen Seite beschrieben werden, auf der sie dargestellt werden. Die Lösung einer seperaten Seite – der heute gängige Standard – wird hingegen abgelehnt.

Wo liegt die Ursache für den Abstieg von Jaws?

Freedom Scientific war in den letzten Jahren durchaus nicht untätig. So bietet es die kostenlose Nutzung der Vocalizer-Stimmen, die auch im iPhone Verwendung finden, es gibt außerdem eine Erweiterung zur Texterkennung, die recht ordentliche Ergebnisse abliefern soll.
Auf der anderen Seite steht die – man kann es nicht anders sagen – miserable Update-Politik des Unternehmens. Viele der Umsteiger dürften eine Kombi aus Win XP und Jaws verwendet haben. Nachdem der Support von Windows XP im April 2014 eingestellt wurde bzw. viele der Geräte mit dieser Ausstattung allmählich ihr Lebensende erreichen, waren viele Leute gezwungen, auf ein neues System umzusteigen. FS bietet aber keine großen kostenlosen Updates an.
Auch seit letztem Jahr bietet Window Eyes einen kompletten kostenlosen Screenreader an, wenn man Office 2010 oder höher einsetzt. Da Window Eyes in vielen Punkten mit Jaws gleich gezogen hat, gibt es heute keinen Grund mehr, auf Jaws zu setzen.
Der vielleicht wichtigste Punkt dürfte in einem anderen Teil des Survey zu finden sein. Demnach kaufen rund 39 Prozent der Nutzer ihren Screenreader selbst. Jaws kostet in den USA rund 1000 Dollar, im Ausland ist es noch mal deutlich teurer. Für diesen Preis kann man sich ein Macbook oder einen guten Windows-Rechner mit Office-Paket zulegen. Heute ist für jeden offensichtlich, dass FS nicht vorhat, seine Preis- oder Produktpolitik anzupassen, es ist daher für Privatpersonen kaum empfehlenswert, auf Jaws zu setzen.
Ein Hemmschuh für die Verbreitung von NVDA dürfte vor allem die eSpeak sein. In gewisser Weise ist das ein Luxus-Problem, denn die eSpeak ist durchaus auch bei höheren Geschwindigkeiten gut verständlich, sie ist performant und es gibt abgesehen davon kostenlose und kostenpflichtige Alternativen.
Ein zweites Problem dürfte aber auch der Mangel an kommerziellem Support sein. Jaws und Window Eyes verfügen über umfangreiche Schnittstellen für Skripte, mit deren Hilfe Programme nachträglich barrierefreier gemacht werden können. NVDA hat das derzeit nicht. Der Mac meines Wissens auch nicht. NVDA ist damit als primärer Screenreader in Unternehmen ungeeignet.
Hinzu kommt, dass keine deutsche Hilfsmittelfirma derzeit NVDA oder den Mac anbietet. Es gibt natürlich Blinde, die Support für den Mac anbieten, aber vor allem ältere Blinde dürften sich eher direkt an Hilfsmittelfirmen wenden.

Fazit

Die Herrschaft von IE 6 und Jaws scheint endgültig gebrochen zu sein. Es gibt mindestens vier Screenreader mit nennenswerter Nutzerzahl: Jaws, Window Eyes, NVDA und VoiceOver auf Mac und iOS. Hinzu kommt in Deutschland noch Cobra, das von einigen Blinden verwendet wird. Hinzu kommen die zahlreichen Windows-Versionen, verschiedene Browser, Endgeräte und Handlings. Mit Windows 10 dürften auch günstigere Tablets bei Blinden in Nutzung kommen.
In Puncto Barrierefreiheit bedeutet das eine neue Unübersichtlichkeit. Früher reichte es aus, mit Jaws und IE zu testen. Heute bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an die Webstandards zu halten und die Screenreader- und Browser-Entwickler zu zwingen, das ebenfalls zu tun, vielleicht nicht die schlechteste Entwicklung.

John F. Kennedy: Was er in Berlin wirklich sagte.

Um kaum einen amerikanischen Präsidenten ranken sich so viele Mythen wie um John F. Kennedy. So soll zum Beispiel das F in seinem Namen für „fucking good“ stehen. Doch hat Blind-Text inzwischen ein weiteres finsteres Geheimnis aufdecken können.
Eine der bekanntesten Reden Kennedys ist sicherlich die Rede anlässlich seines Berlin-Besuchs. Doch hat Kennedy tatsächlich jene berühmten Worte „Ick bin ein Börlinör“ gesprochen? Neueste Audio-Analysen von Blind-Text zeigen, das er eigentlich „Ick möckte einön Börlönör“ gesagt hat. Wie konnte es zu solch einem fatalen Mißverständnis kommen?
Wir fragen Jan Trapolta, Poltergeist und Ghost-Writer bei den Kennedys: „Johnny war ziemlich nervös vor der Rede erzählt Trapolta, und ich hatte ihm während des Fluges von diesem wunderbaren Gebäck namens Berliner erzählt, um ihn zu entspannen. Er meinte, er werde Will I. Feuer, den damaligen Bürgermeister, nach so einem Börlinör fragen.
Kennedy machte sich eine Notiz darüber. Doch fatalerweise nahm er keinen Notizblock, die wurden erst 1998 von Steve Jobs erfunden, sondern schrieb die Erinnerung direkt in sein Redemanuskript.
Trapolta weiter: Johnny war eigentlich mehr Holzpuppe als Mensch. Er las einfach nur vor, was du ihm vorher aufgeschrieben hast. Und so ist dieser Satz gefallen.
Gott sei Dank hatte Will I. Feuer von seinem Nachbarn aus Ost-Berlin eine Zensur-Funktion ausgeliehen. Niemand merkte, dass Kennedy mit einer Sekunde Zeitverzögerung übertragen wurde. Diese Sekunde gab den Zensoren Zeit genug, die Passage abzuändern. Und so hörten die Zuhörer jenen falschen Satz, der kennedy zu größter Beliebtheit in Deutschland verhalf.

Umbau im Blog

Heute gibt es mal keine Seitenhiebe, sondern nur eine kurze Info zum Blog. Immer, wenn ich Zeit habe, verschiebe ich ältere Beiträge auf mein zweites Web-Portal. Ich habe damit so um Weihnachten 2014 angefangen und mittlerweile sind die meisten Beiträge zum Thema Barrierefreiheit dorthin geschoben.
Warum mache ich mir den Streß? Nun, ich bekomme 99 Prozent meiner Besucher über Tante Google. Google fröhnt aber dem Aktualitätswahn, weshalb ältere Blogbeiträge im Ranking immer weiter runterrutschen. Da ich diese Beiträge aber durchaus für lesenswert halte und viele hundert Stunden Arbeit darin stecken, möchte ich sie quasi wieder ins Gedächtnis von Google heben. Der beste Weg dazu ist eine klassische Website. Das Ranking gibt mir recht, viele meiner verschobenen Beiträge landen bei Google auf dem ersten Platz, wo sie zu Blogzeiten nicht waren.
Der zweite Grund ist, dass ein Blog sich schlicht nicht dafür eignet, Inhalte kontextuell zu ordnen. Tags, Kategorien und Blätter-Funktionen ersetzen keine sprechende Navigation. Auch die Such-Funktion ist nur ein unzureichender Ersatz. Mal im Ernst, wer blättert sich durch ein Blog, wer hat heute noch die Zeit oder Lust dazu? Auch wenn ich mein Thema für spannend halte, so toll ist der Blog nun auch wieder nicht. Wenn aber jemand mit dem Thema barrierefreies PDF bei mir landet, wird er jetzt alle Beiträge zu diesem Thema leicht auffinden können.
Natürlich habe ich Weiterleitungen für die verschobenen Beiträge eingerichtet, das mag aber im Einzelfall nicht funktionieren. Falls ihr also einen Blog-Beitrag sucht, den ihr hier mal gelesen habt, sucht über Tante Google oder fragt mich einfach direkt.
Der Blog wird bis auf Weiteres weiter geführt, nur werde ich Beiträge, die aus dem RSS-Feed fallen verschieben. Außerdem bleiben alle Beiträge drin, die entweder nicht zum Thema Barrierefreiheit passen oder wirklich klassische Blogbeiträge sind und daher nicht ins neue Portal gehören.