Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Neuigkeiten zur Barrierefreiheit im Februar 2019

Ein SäulendiagrammGleich 3 Statistiken gab es im Monat Februar zum Thema Barrierefreiheit. Die US-amerikanische Organisation WebAIM untersuchte die Startseiten der 1.000.000 am meisten genutzten Websites. Heraus kamen große Probleme bei der Barrierefreiheit: Dazu gehören fehlende Alternativtexte, fehlende Labels von Formularen und schlechte Text-Kontraste.
Laut der Firma Siteimprove verfehlen 89 Prozent der ParlamentsWebsites der EU-Mitgliedsstaaten die Anforderungen zur Barrierefreiheit. Am schlechtesten schneidet dabei das EU-Parlament selbst ab.
Die Technologie-Stiftung hat einen Data Dive in Sachen offene Daten zur Barrierefreiheit in Berlin durchgeführt. Dabei wurde erhoben, welche Daten in offener – also maschinenlesbarer – Form zur Barrierefreiheit vorliegen. Wie leider zu erwarten war: Nicht besonders viele und diese werfen ein schlechtes Bild auf die Barrierefreiheit unserer Hauptstadt. Aber das Projekt an sich ist super und ich wünsche mir mehr davon. Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, können offene Daten zur Barrierefreiheit beitragen.

Events

Highlight des Monats war die Zero Conference in Wien, ein Event, das mir glatt durch meinen Filter gerutscht ist. Die jährlich stattfindende Konferenz sammelt Best Practice Beispiele zum Thema Technologie und Behinderung. In diesem Zusammenhang erschien auch der Zero Project Report, in dem Beispiele zum Thema politische Beteiligung und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung gesammelt werden.
Weitere Events zur Barrierefreiheit.

Interessante Artikel

Weiter gehts mit interessanten Artikeln. Sie sind leider alle auf Englisch.
“Autism at Work Playbook,” aimed at providing programmatic guidance for organizations looking to start their inclusive hiring journey. #A11y #Autism
Wussten Sie eigentlich, dass Animationen und Bewegungen Migräne-Anfälle begünstigen können? Ein Artikel auf A List Apart beschäftigt sich damit.
Je einfacher ein Text ist, desto einfacher kann er auch übersetzt werden – egal ob durch Menschen oder durch Software. Ein Artikel auf Digital Gov beschäftigt sich mit der Frage, welche Aspekte einen Text besonders gut übersetzbar machen. Das ist schließlich auch für Übertragungen in Leichte Sprache oder Gebärdensprache interessant.
Die neuen Emojis zu Behinderung sind durchaus umstritten. In diesem Zusammenhang fehlt uns tatsächlich noch ein Symbol für Barrierefreiheit, der Rollstuhl ist es genauso wenig wie der Blindenstock. Aber hier werden wir uns wohl in der Szene nie einig werden.
The WITH List soll Designer dazu bewegen, neu und anders über Behinderung zu denken.
Eher für die Spezialisten interessant: Der Blog 247AccessibleDocuments.com beschäftigt sich mit der Frage, wie Screenreader auf Smartphones mit barrierefreien PDFs umgehen.
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Neuigkeiten zur Barrierefreiheit im Januar 2019

Belegte PizzaAufreger des Monats in der anglo-amerikanischen Szene war das Thema Pizza. Dominos Pizza – nicht mit mir verwandt – wurde nach dem Americans with Disabilities Act verurteilt, weil ihre App nicht barrierefrei war. Ziemlich peinlich, aber da gäbe es noch größere Fische, die man deswegen verurteilen könnte.
Interessante neue Tools sind mir im Januar nicht aufgefallen. Es gibt im Februar auch keine wichtigen Veranstaltungen zur Barrierefreiheit, diese beiden Rubriken entfallen deshalb in dieser Ausgabe des Newsletters.

Lesenswerte Artikel

Intressant fand ich einen Artikel der Technology Review. Es ging darum, dass Algorithmen, die von autonomen Fahrzeugen eingesetzt werden nicht in der Lage sind, behinderte Menschen eindeutig zu erkennen. Das ist deshalb schwierig, weil sie von Verkehr besonders gefährdet sind: Sie können weniger schnell ausweichen, reagieren langsamer und verhalten sich eventuell nicht erwartungskonform. Wenn dem so ist, ist das natürlich ein Armutszeugnis für die Konzerne. Denn gerade im Straßenverkehr sind Abweichungen vom Durchschnittsmenschen Alltag: Kleine Kinder, Hunde, ältere Menschen mit Rollator oder Gehstock. Von Konzernen, die so viel von Barrierefreiheit und diversity reden, sollte man mehr erwarten können. Wie Dominos Pizza zeigt auch dieser Fall, dass auch bei den Amerikanern – sie entwickeln die meisten dieser Algorithmen – trotz des Americans with Disabilities Act noch viel Luft nach oben ist.
In Sachen Leichte Sprache gab es eine kritische Studie der Uni Leipzig. Im Ergebnis geht es darum, dass die Regeln zur Leichten Sprache flexibler ausgelegt werden sollten. Die Ergebnisse sind im der Broschüre „Kein Regelbuch“ zusammengefasst worden. Die Broschüre kann als PDF heruntergeladen werden.
adesso mobile so­lutions hat die größten Barrieren in Apps für Blinde und Sehbehinderte ermittelt. Überraschungen gibt es nicht: Die größten Probleme sind fehlende Beschriftungen und schlechte Anpassbarkeit für Sehbehinderte. Die Studie gibt es zum Download als PDF. Leider spricht auch Adesso des Öfteren von Barrierefreiheit, obwohl es nur um Blinde und Sehbehinderte geht.
Weiter gehts mit englischsprachigen Artikeln: Die Fast Company erklärt inklusives Design in drei einfachen Schritten.
Kalev Leetaru fragt sich in Forbes, warum viel über künstliche Intelligenz und Diversity diskutiert wird, aber niemand über die mangelnde Barrierefreiheit von Webseiten spricht. Er kommt zu dem Schluss, dass die Konzerne zu wenig Druck bekommen, ihre Angebote barrierefrei zu gestalten. Außerdem seien die Verantwortlichen der Meinung, dass sich ein multimediales Web-Erlebnis, welches sich die Mehrheit der Nutzer wünsche nicht mit Barrierefreiheit vereinbaren ließe.

Wie sinnvoll ist ein BITV-Test?

Stift auf einem Notizblock mit einer ChecklisteHäufig werde ich gefragt, ob ich einen BITV-Test durchführen könnte. Meine Antwort: Ich teste gerne, halte den BITV-Test aber nicht für zeitgemäß und führe ihn daher nicht mehr durch.
Der BITV-Test ist heute kein sinnvolles Instrument, um Barrierefreiheit zu messen und als Qualitätssiegel völlig nutzlos. Warum das so ist, erkläre ich in diesem Beitrag.

Enger Fokus auf Blindheit und Sehbehinderung

Die ganze Barrierefreiheits-Szene dreht sich vor allem um das Thema Blindheit und Sehbehinderung. Deren Anforderungen sind plastisch und im Wesentlichen auch leicht umsetzbar. Ob es dann tatsächlich gemacht wird, ist eine andere Frage.
Doch was ist mit motorisch Behinderten, Autisten, geistig Behinderten und so weiter? Deren Anforderungen werden mit dem BITV-Test kaum erfasst.

Technische Barrierefreiheit ist nicht alles

Der BITV-Test prüft im Wesentlichen den technischen Unterbau einer Website. Auch das ist in Grenzen sinnvoll. Doch auch hier werden die Bedürfnisse anderer Behinderungen nicht erfasst. Sie verwenden nicht den Quellcode, sondern die visuelle Web-Oberfläche. Und ist diese nicht auf den Nutzer optimiert, ist das eine größere Barriere – im Übrigen auch für Blinde und Sehbehinderte. Insgesamt lässt der BITV-Test Fragen der Usability und Informationsarchitektur komplett außen vor.

Seiten-basierte Test-Verfahren sind nicht zeitgemäß

Ein Testverfahren, das einzelne Seiten isoliert betrachtet, ist in Zeiten nicht mehr sinnvoll, in welchen ganze Anwendungen im Browser laufen. Natürlich sollte man sich Schlüsseltemplates ansehen, doch wichtiger ist das Kernanliegen des Nutzers oder der Schlüsselprozess der Website: Sei es das Kontaktformular, ein Bestellprozess oder eine Kommentarfunktion. Wichtig ist alles, wo der Nutzer mit der Website interagieren muss. Ja, man sollte sich die wichtigsten Templates der Website anschauen, aber auch die wichtigsten Prozesse einmal durchspielen.

BITV-Test lädt Entwickler zum Schummeln ein

Ein fauler, aber schlauer Entwickler optimiert die Website einfach so, dass sie 100 Punkte beim BITV-Test erhält. Das ist ziemlich einfach, da das Verfahren ja offen dokumentiert ist.

Ist der BITV-Test also sinnfrei

Der BITV-Test ist sogar äußerst sinnvoll – in bestimmten Situationen.

  1. Er ist entwicklungsbegleitend sinnvoll, denn die Entwickler können damit Qualitätssicherung betreiben und schwerwiegende Fehler finden.
  2. Er ist als Selbsttest sinnvoll: So können Sie den Status Ihrer Website prüfen oder auch, ob die Web-Agentur generell sauber gearbeitet hat.
  3. Und er ist eine Möglichkeit, sich systematisch mit den BITV-Richtlinien zu beschäftigen. Sie sind zum Runterlesen nicht wirklich geeignet

Alternativen zum BITV-Test

Neben der Möglichkeit, den BITV-Test selbst durchzuführen, sehe ich noch zwei weitere Alternativen:

  • Eine Möglichkeit ist ein Expertentest: Er kann von einem Experten in Sachen digitale Barrierefreiheit durchgeführt werden. Wir werden hier in der Regel auf eine Mischung aus Standard-Testverfahren und heuristischer Analyse zurückgreifen. Es kommt keine so schöne Zahl wie beim BITV-Test heraus. Doch sind die Ergebnisse für die praktische Barrierefreiheit wesentlich relevanter.
  • Die zweite Möglichkeit sind Nutzer-Tests. Dies kann mit Ihren eigenen Mitarbeitern erfolgen oder im Laufenden Betrieb. Im letzteren Fall laden Sie alle Nutzer ein, Ihnen Barrieren und Probleme auf der Website mitzuteilen. Sie müssen dann Ressourcen vorhalten, um diese Meldungen zu bearbeiten sowie eventuelle Verbesserungen durchzuführen.

Websites sind häufig so komplex, dass Nutzertests der erkenntnisreichste, wenn auch aufwändigste Prozess sind.

Von Behinderten inspierierte Erfindungen

Eine Mindmap mit einer Glühbirne in der MitteEine ganze Reihe von Erfindungen oder Entwicklungen wurden durch Behinderte inspiriert oder durch sie vorweggenommen. In diesem Beitrag möchte ich einige davon darstellen.
Man muss hierbei natürlich immer vorsichtig sein: Kaum eine größere Entwicklung erfolgte durch einen einzigen Impuls oder eine Einzelperson. Die meisten Erfindungen wären zu einem anderen Zeitpunkt von einer anderen Person zu einem anderen Anlass auch entstanden. Und teils mag es sich auch um urband legends handeln, von denen nicht mehr nachzuprüfen ist, ob sie tatsächlich passiert sind.

Telefon

Alexander Graham Bell gilt als der Erfinder des Telefons. Sein Weg zu dieser Entwicklung führte über seine schwerhörige Mutter. Offenbar inspirierte sie ihn zu der Idee, Töne in elektrische Impulse zu verwandeln und über distanzen zu übertragen.
Neben Bells zweifellosen Verdiensten in der Wissenschaft hat er nebenbei bemerkt eine nicht ganz rühmliche Rolle für die Verbreitung der Gebärdensprache gespielt. Das ist aber ein anderes Thema.

SMS (Short Message Service)

Für die jungen Leser: SMS ist WhatsApp in teuer. Der Finne Matti Makonen entwickelte in den 90ern SMS unter anderem, damit Gehörlose untereinander und mit Hörenden kommunizieren konnten, wohl nichtsahnend, dass sie fast genau sowichtig werden würde wie das eigentliche Telefonieren.

Internet und E-Mail

Schwerhörige und Gehörlose haben auch für das Internet und E-Mail eine wichtige Rolle gespielt.
Der heute 75-jährige Vinton Cerf war bei der Entwicklung der ersten Internet- und E-Mail-Protokolle aktiv beteiligt. Er selbst ist schwerhörig. Das Internet und E-Mail ermöglichten eine nicht-verbale Kommunikation mit anderen Personen, was ihn sicherlich mitmotiviert hat, am Internet mitzuwirken. Unter anderem wollte er mit seiner gehörlosen Frau via E-Mail kommunizieren können.

Hörbücher

Hörbücher waren für uns Blinde schon vor 20 Jahren ein alter Hut. Heute gehören sie zu einem wichtigen Segment des Buchmarktes.
1931 starteten die American Foundation for the Blind und die Library of Congress das erste Hörbuch-Programm für Blinde. Lustigerweise spricht man nicht von audiobook, sondern von talking book.
Heute gibt es ca. 60.000 deutschsprachige Hörbücher speziell für Blinde, über 100.000 kommerzielle deutsche Hörbücher und wer weiß wie viele englische Hörbücher.

Schreibmaschine

Die Schreibmaschine prägt unseren Alltag bis heute. Das PC-Keyboard auf dem Schreibtisch und die Tastatur auf dem Smartpohne – beide sind von der Schreibmaschine inspiriert, was die Anordnung der Buchstaben angeht. Und wie solls anders sein, hinter ihrer Erfindung steht eine Liebesaffäre.
1808 entwickelte der Italiener Pellegrino Turri die erste funktionsfähige Schreibmaschine. Seine Geliebte, die erblindete Gräfin Carolina Fantoni da Fivizzono sollte ihm selbständig Liebesbriefe schreiben können. Einer dieser Briefe ist bis heute erhalten geblieben, was man wohl nicht von all zu vielen Liebesbriefen sagen kann.

Videotext

Auch nicht totzukriegen ist der Videotext. Der Videotext oder Teletext wurde 1974 von Mitarbeitern der BBC entwickelt. Sie suchten nach einer Möglichkeit, zu- und abschaltbare Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige auf dem Fernseher anzuzeigen. Schnell kam heraus, dass nicht nur Untertitel, sondern ganze Seiten mit Text übermittelt werden konnten.

Sprachausgaben

Sprachausgaben sind dank Alexa, Siri und telefonischen Dialogsystemen aus dem Alltag kaum wegzudenken. Blinde Menschen arbeiten aber schon seit Jahrzehnten mit ihnen.
1986 entwickelte der Amerikaner Jim Thatcher für seinen blinden Freund Dr. Jesse Wright ein System, das den Computer für ihn zugänglich machen sollte, den IBM Screenreader. Bis heute sind Screenreader die Software, die von Blinden bei der Techniknutzung verwendet werden. Sie geben Inhalte als Sprache oder Blindenschrift aus.
Viele Leute beschweren sich über den synthetischen Klang der gängigen Programme. Wer sich aber genauer damit beschäftigt, wird feststellen, dass die synthetischen Stimmen den natürlich klingenden Stimmen teils überlegen sind. Der für Sehende interessante Faktor ist die Prosodie oder Stimm-Melodie, heißt, die Betonung bestimmter Silben, wodurch ein Satz natürlich klingt. Wer sich die typischen Bahnansagen anhört oder einen Text durch ReadSpeaker vorlesen lässt, merkt sofort, was ich meine. Die Wörter werden zusammenhanglos vorgelesen und die Pausen zwischen den Wörtern klingen unnatürlich, dadurch klingt die Aussage schnell unnatürlich.

Spracheingaben

Auch die automatische Spracherkennung ist fast schon ein Alter Hut. Sie wird von vielen Behinderten seit langem eingesetzt, um ihren Computer zu steuern und längere Texte zu diktieren.
Siri und andere Systeme haben diesen Prozess lediglich vereinfacht: Bei den klassischen Systemen wie bei Dragon Natural Speaking müssen Befehlssätze auswendig gelernt und die Systeme trainiert werden. Siri und Co. übertragen die Daten ins Internet und werden meines Wissens nicht auf eine individuelle Stimme hin trainiert. Deshalb haben die meisten virtuellen Assistenten auch Probleme mit Dialekten und werden mit der Zeit für das Individuum auch nicht besser. Und ohne Internet-Verbindung sind sie in der Regel nicht brauchbar, ganz zu schweigen davon, dass sich nicht das gesamte Gerät mit ihnen steuern lässt.

3D-Druck

Selber machen mit 3D-Druck, Phräsen und weiteren Hilfsmitteln gibt es doch erst seit ein paar Jahren außerhalb spezialisierter Produktionsbereiche oder? Keineswegs.
In Blindenschulen spielen Tastmodelle schon seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Sie werden etwa in der Physik, der Chemie oder Biologie eingesetzt. Hier werden zum Beispiel Tastmodelle für atome oder auch Organe verwendet. Natürlich hat der 3D-Druck auch hier vielles vereinfacht und günstiger gemacht. Doch möglich ist es schon seit langem. Nebenbei: Viele engagierte Lehrer der 80er und 90er Jahre haben sich in diesem Bereich sehr engagiert und teils in ihrer Freizeit Hilfsmittel gebastelt, um ihren Schülern einen besseren Unterricht zu ermöglichen.

Texte schneller schreiben

Stephen Hawking verlor durch seine Krankheit AMS nach und nach seine physische Fähigkeiten und vor allem die Fähigkeit zu Sprechen. Walter Woltosz, Geschäftsführer von Words Plus, hatte ein System für seine Stiefmutter entwickelt, welches ihr die Kommunikation ermöglichen sollte. Sie hatte ALS wie Hawking. Dieses System wurde für Hawking angepasst und weiter entwickelt.
Hawking benutzte eine Mischung aus Unterstützter Kommunikation – so würde man es heute nennen – und Sprachsynthesizer. Er konnte Wörter aus einer Liste von Begriffen auswählen, diese zu Sätzen zusammenfassen und sie über seine Sprachausgabe ausgeben lassen.
Eine ähnliche Technologie benutzen heute viele auf dem Smartphone: Die Auto-Ergänzung, die häufig Mist schreibt, aber auch die Wortvorschläge, die das Tippen auf dem Smartphone erheblich beschleunigen.
Hawking und seine Erkrankung haben viele Menschen zu Entwicklungen inspiriert, die natürlich in erster Linie Hawking selbst, dann aber auch Menschen in ähnlichen Situationen helfen sollten.

Der Multi-Touchscreen

Touchscreens gab es schon länger. Das erste Touchscreen, das auch Gesten verstand wurde von Wayne Westerman und John Elias entwickelt. Es richtete sich an Menschen, deren Bewegungsfähigkeit durch Erkrankungen wie dem Mausarm eingeschränkt war. Die Firma der beiden Herren wurde schließlich von Apple gekauft und drei Mal dürft ihr raten, welches Produkt Apple damit ausgestattet hat.

Augen- und berührungsfreie Technologien

Mit Augen- und berührungsfreie Technologien sind Bedienkonzepte gemeint, die ohne Display und ohne haptischen Kontakt auskommen. Input und Output erfolgen zumeist als Sprache. Nützlich sind solche Technologien etwa bei Autos, aber haben durch die Alexa-Lautsprecher eine weite Verbreitung gefunden.
Da Blinde ein Display nicht benutzen können, sind sie darauf angewiesen, dass ihnen Informationen in sprachlicher Form oder als Braille ausgegeben werden. Andere Behinderte können ein Display wegen motorischer Behinderungen nicht bedienen und verwenden deshalb andere Eingabemethoden wie Sprache. Von diesen Gruppen könnten die Interface-Gestalter einiges lernen.

Prothetik und plastische Chirurgie

Zwar hat die plastische und Schönheitschirurgie eine längere Geschichte. Einen echten Aufschwung erfuhr sie aber nach dem Ersten Weltkrieg.
Viele Soldaten und Zivilisten büßten Teile des Körpers ein oder hatten großflächige Verbrennungen erlitten. Die Chirurgie wurde verwendet, um ihnen zu helfen.
Man vergisst gerne, dass der Übergang von Schönheitschirurgie mit ihren teils zweifelhaften Eingriffen zur plastischen Chirurgie oft fließend ist. Die Spina Birifida etwa – der offene Rücken – kann heute teils schon während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt dank der plastischen Chirurgie behandelt werden.

Haus-Automatisierung

Seit 20 Jahren soll sie bald ihren endgültigen Durchbruch feiern: Heizungen, die aus der Ferne gesteuert werden, Rolläden, die mit der Stimme gesteuert werden können, Warnsysteme bei einem vergessenen Topf auf dem Herd. Aus verschiedenen Gründen haben sich diese Systeme bisher nicht auf breiter Fläche durchgesetzt.
Behinderte Menschen verfügen schon seit längerem über solche Systeme. Sie sind vor allem für Querschnittsgelähmte interessant, die vom Hals abwärts gelähmt sind. Sie können außer dem Kopf nichts bewegen und sind ohne solche Systeme praktisch dauerhaft auf Hilfe angewiesen. Viele Systeme wurden und werden komplett über die Stimme und einen Zentralcomputer gesteuert. Im Prinzip erlauben sie das, was die Haus-Automatisierung auch ermöglichen soll und das schon seit den 90er Jahren.
Leider muss man sagen, dass diese Systeme vor allem Menschen zur Verfügung stehen, die das nötige Großgeld haben – und das sind nicht so viele Betroffene. Wer sein Haus automatisieren möchte, findet heute günstigere Lösungen, sie kann jedoch nach wie vor einen fünfstelligen Betrag kosten. Alexa und Co. sind zwar in gewissen Situationen nützlich, doch für eine großflächige Automatisierung benötigt man deutlich mehr und teurere Systeme und Umbaumaßnahmen.

Emojis

Emojis sind aus der Alltagskommunikation kaum noch wegzudenken. Doch spielen Symbole in der Kommunikation schon wesentlich länger eine wichtige Rolle. Es gibt Menschen, die wegen einer Behinderung nicht verbal oder per Gebärdensprache kommunizieren können. Sie setzen Methoden der Unterstützten Kommunikation ein. Ein Zweig dieser Kommunikation beschäftigt sich dabei mit der symbol-basierten Kommunikation. Der Betroffene verwendet einzelne Symbole oder verbindet mehrere Symbole, um mit anderen Personen zu kommunizieren. Die Symbole werden dann häufig als Sprache von einem speziellen Hilfsmittel ausgegeben. Von diesen Symbolen bzw. Symbolsystemen finden wir viele bei den Emojis wieder.

Und es geht weiter

Die Inspirationsquelle ist noch lange nicht versiegt. So gibt es Versuche mit Bewegungs- und Augensteuerung, Gehirn-Computer-Schnittstellen und weiteren Eingabemethoden. Sie werden von behinderten Menschen teils schon Jahre oder Jahrzehnte eingesetzt, können aber auch für Nicht-Behinderte interessant sein. Schon die Gaming-Industrie verlangt immer neue Möglichkeiten der Interaktion mit Spielkonsolen.

Entscheidungshilfe: Wann ist ein barrierefreies PDF sinnvoll?

PDF-LogoPDF hat sich als Standardformat für gestaltete Informationen im Web und für die Verbreitung via E-Mail und anderer Dienste etabliert. Doch schaut man auf den Aufwand, der in PDFs im Allgemeinen und in barrierefreien PDFs im Besonderen steckt, macht das Format heute nicht mehr so viel Sinn. Dieser Entscheidungsbaum soll Ihnen helfen zu entscheiden, ob und wann ein PDF sinnvoll ist.
Bedenken Sie generell:

  1. Ist ein PDF erst mal in der Welt, kann dessen Verbreitung nicht mehr kontrolliert werden. Niemand weiß, wie viele veraltete Informationen in PDFs im Internet und auf Festplatten lagern und wie viele heruntergeladen und immer weiter verteilt werden. Aber es dürften allein in Deutschland einige Millionen sein.
  2. Während die Erstellung eines PDFs immer mit einem größeren Aufwand verbunden ist, kann Inhalt praktisch ohne Aufwand online gestellt und wieder offline genommen werden. Im Grunde würden PDFs, die im Internet stehen ein permanentes Monitoring erfordern, was aber in der Praxis selten gemacht wird. Ist ein PDF nicht verlinkt, kann es dennoch von Suchmaschinen gefunden werden. Es kann sein und ist häufig wahrscheinlich, dass ältere PDF-Dokumente leichter gefunden werden als aktualisierte PDF-Dokumente oder Webseiten.
  3. Während sauber erstellte HTML-Inhalte problemlos in ein neues Layout oder Corporate Design überführt werden können, muss ein PDF im Prinzip komplett neu gelayoutet werden. Im Grunde erfordert jede größere Änderung, dass vielleicht eine Seite, oft aber das ganze Dokument neu gesetzt werden muss.

Bestimmte Hilfstechniken wie das Anpassen der Schriftart funktionieren in PDF nur eingeschränkt und erfordern häufig spezielle Reader-Programme. Während fast jeder weiß, wie er im Browser Texte zoomt, ist der Umfliessen-Modus im Adobe Reader unter vielen unbekannt, die davon profitieren könnten. PDF ist damit das am wenigsten komfortable Mainstreamformat.
Als Alternative zu PDF gehen wir hier von normalen Webseiten aus. Möglich wären auch ePub oder typische Office-Formate, diese sind aber aus verschiedenen Gründen unüblich und es wirkt zumindest bei Office-Formaten auch schnell unprofessionell. Zudem gelten vor allem die Formate von Microsoft als Sicherheitsrirsiko, werden also potentiell geblockt oder in den Spam geschoben. ePub ist auf mobilen Geräten problemlos darstellbar, aber nicht unbedingt auf Desktop-PCs. Bei PDFs ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass der Nutzer ein Programm zu deren Darstellung auf dem System hat.
Tatsächlich wird PDF in vielen Fällen nicht eingesetzt, weil es das beste Format für den jeweiligen Zweck wäre. Vielmehr wird es verwendet, weil es quasi als Abfallprodukt einer Druckvorlage angefallen ist.

Entscheidungsbaum: PDF ja, , vielleicht oder nein

Unter „ja“ finden Sie Argumente, die klar für ein PDF sprechen.

Unter „vielleicht“ finden wir Anforderungen, die mit PDF, aber auch mit HTML erfüllbar sind.
Unter „nein“ finden wir Anforderungen, die von Webseiten besser erfüllt werden können als von PDFs.

Ja

Die Informationen bleiben lange Zeit aktuell, mindestens 1 Jahr.
Die Ressourcen Zeit, Geld und Personal für die Erstellung eines barrierefreien PDFs sind vorhanden.
Die Informationen sind umfangreich – mindestens 6.000 Zeichen – und werden wahrscheinlich nicht in einem Rutsch gelesen.
Die Informationen müssten, wenn sie online stünden, auf mehrere Webseiten verteilt werden.
Barrierefreie PDFs können im eigenen Hause erstellt werden.

Vielleicht

Die Informationen werden vom Leser später vermutlich noch einmal benötigt.
Die Informationen werden wahrscheinlich ausgedruckt
Die Informationen werden per Mail verteilt.
Die Informationen sollen visuell anspruchsvoll gestaltet sein.
Die Informationen sollen nur an einen beschränkten Nutzerkreis gehen.
Die Informationen sollen dem Nutzer auch zugänglich sein, wenn er keinen Internetzugang hat.
Ein erfahrener Dienstleister ist vorhanden und hat die Ressourcen.

Nein

Die Informationen müssen regelmäßig aktualisiert werden.
Die Informationen werden nur einmal oder nicht regelmäßig gebraucht.
Die Ressourcen Personal, Geld und Zeit für ein barrierefreies PDF sind nicht vorhanden.
Die Informationen haben nur kurze Zeit Gültigkeit.
Die Informationen werden wahrscheinlich auf einem Smartphone/kleinen Display gelesen.
Die Informationen sollen etwa über ein Formular in eine Datenbank eingespeist werden.
Das Dokument enthält eingebundene oder interaktive Elemente wie Multimedia.
Es ist kein erfahrener dienstleister vorhanden oder bekannt.
Die Informationen müssen schnell veröffentlicht/verteilt werden.

Mein Rückblick auf das m-Enabling-Forum 2018

Menschen schauen sich eine Präsentation auf dem M-Enabling-Forum an.Am 27.9.2018 fand das M-Enabling-Forum 2018 in Düsseldorf parallel zur Rehacare statt. Es war ein reichhaltiger Tag. Heute gibts einen kleinen Rückblick. Leider weiß ich nicht, ob und wie die Teilnehmer ihre Inhalte online stellen. Wenn das passiert, werde ich das hier verlinken.

Organisation

Für meinen Geschmack organisatorisch nicht ganz geschickt: Konferenzen sollten frühestens um 10 Uhr beginnen. Und 9 Stunden waren dann zu viel des Guten.
Ein offenes W-Lan fürs Twittern wäre auch nett gewesen. Hier hat man Potential für die Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Im Saal selbst gab es gar keinen Mobil-Empfang, auch ein wenig seltsam für eine Messe Düsseldorf.
Auch hätte man mehr Interaktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Publikum ermöglichen sollen. So glich es eher einer Produkt-Schau

Das Programm

Wenn man ein paar dieser Konferenzen besucht hat und im Thema ist, erfahrt man irgendwann nichts mehr Neues. Im Vordergrund steht vor allem der Austausch unter den Besuchern.
Interessant und für mich neu waren die Bemühungen, Barrierefreiheit zu zertifizieren. Ich selbst bin kein Fan solcher Programme. Sie riechen immer ein wenig nach Stempel drauf und für die nächsten zehn Jahre erledigt. Doch mag es in einigen Fällen sinnvoll sein.

Apple nervt

Nervtötend war das Statement von apple. Ich nutze gerne die Geräte von Apple. Was mich allerdings ärgert ist, wenn ein Konzern, der fast 1 BillionenDollar wert ist so tut, als ob Barrierefreiheit für ihn kein Geschäftsfaktor wäre. – Die Eyes-Free-Technologien zum Beispiel kommen auch Autofahrern zugute. Es gibt reichlich Blinde, welche gleich mehrere Produkte von Apple besitzen. Da kann man nicht ernsthaft so tun, als ob Barrierefreiheit reine Wohltätigkeit wäre. Wohlgemerkt, es stört mich nicht, dass Apple damit Geld verdient, sondern dass sie so tun, als ob das nicht so wäre. So ist Apple kein Vorbild für andere Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst zu nehmen. Denn es kommt bei apple so rüber, als ob sie für die Barrierefreiheit drauf zahlen müssten. Es wäre dann ein Verlust-Geschäft, so gewinnt man in der Privat-Wirtschaft keine Freunde für die Barrierefreiheit, sondern schadet ihr indirekt.
Absurd wird es dann, wenn Apple Pseudo-Entwicklungen für sich reklamiert. Armbänder zur Sturzmeldung und tragbare Notruf-Systeme gab es schon lange. Wenn man Apple so hört könnte man meinen, sie hätten es für die Apple Watch erfunden. Und die App Kurzbefehle ist sicherlich nett, früher nannten wir das Makros und brauchen es vor allem, weil Siri so miserabel ist. Hier stellt sich eher die Frage, warum es das nicht schon in iOS 6 gab.

Fazit: Rausgehen oder reinholen

Und hier noch meine drei nicht ganz neuen Erkentnisse aus der Konferenz:
Erstens: Es ist zwar immer nett in der Barrierefreiheits-Szene. Diese ist aber klein und scheint mir in der Zeit, in der ich dabei war kaum gewachsen zu sein.
Entweder geht man aus der Szene raus, zum Beispiel auf andere Messen oder Kongresse. Oder man holt diese Leute gezielt rein.
Meine zweite Erkenntnis: Es fehlt eine zentrale Instanz, die Informationen und Nachrichten zur Barrierefreiheit bündelt. Es gibt viele Projekte, die einfach nicht bekannt sind. Die Szene ist nicht nur in Deutschland sehr atomisiert. Es bräuchte ein neues Einfach für alle.
Meine dritte Erkenntnis ist, dass zu wenig über existierende Bedienungshilfen aufgeklärt wird. Von den drei großen Software-Anbietern Apple, Google und Microsoft macht es letzteres am besten: Bei Microsoft bekommt man die Bedienungshilfen schon bei der Erst-Installation und im Anmeldebildschirm angeboten. Bei Apple und Google muss man – zumindest in den mobilen Betriebssystemen – danach suchen. Das heißt, man muss im Prinzip schon wissen, dass es Hilfen gibt. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Ich habe gerade erst ein Android-Phone eingerichtet und ihr würdet gar nicht glauben, wie viel Platz auf dem ersten Screen ist, auf jeden Fall genug, um den Start von Bedienungshilfen anzubieten. Wenn ihr das lest, ihr Großen Drei, bitte mehr Geld in Aufklärung und weniger in PR-Maßnahmen stecken.

Amazon Echo – warum barrierefreie Webseiten sinnvoller werden als je zuvor

Stilisierter LautsprecherAmazon hat mal wieder eine ganze Reihe von neuen Produkten vorgestellt. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum der smarte Lautsprecher Echo mit der Spracheingabe auch barrierefreien Webseiten einen Schub geben könnte.

Alles über Semantik

Ein Schlüsselfaktor für barrierefreie Webseiten ist semantisches und seinen Zwecken entsprechend eingesetztes HTML.
Leider muss man sagen, dass in erster Linie bisher vor allem Blinde davon profitieren. Natürlich bringen Labels Vorteile für motorisch Behinderte und Sehbehinderte können eigene Stylesheets definieren, um sich Inhalte besser zugänglich zu machen. Aber ob das tatsächlich jemand in dem Maße nutzt, bleibt offen.

Vorlesen leicht gemacht

Doch in dem Maße, in dem Geräte ohne eigenes Display auf den Markt drängen, wird es wieder interessant. Wie bringe ich zum Beispiel dem Echo bei, wo der Inhalt einer Webseite beginnt, schließlich will ich nicht die Navigation und anderen Schmus vorgelesen haben, der am Anfang einer Webseite steht. Wie bringe ich ihn dazu, von Absatz zu Absatz, zur nächsten Überschrift, zu einem bestimmten Bereich der Webseite zu kommen? Für einen Sehenden erscheint dieses Problem eigentlich unlösbar. Doch wer arbeitet schon seit Jahr und Tag ohne Display? Exakt, blinde Menschen und das in der Regel ohne große Probleme.
Und hier kommt eine sinnvolle Semantik ins Spiel. Gibt es zum Beispiel nur eine Hauptüberschrift auf der Unterseite, die H1, hat auch eine Maschine keine Probleme, den Anfang des Artikels zu finden. Werden die neuen elemente aus HTML5 wie Navigation, Article, Footer und so weiter korrekt eingesezt, wird die Sache zusätzlich erleichtert. Selbst die Alternativtexte könnten somit einer wesentlich größeren Gruppe nützlich sein.
Auch komplexe Interaktionen mit der Website wie das Aufrufen von Punkten aus der Navigation, das Suchen innerhalb einer Unterseite, das verwenden der Suchfunktion der Website und so weiter sind durchaus möglich. In der Regel wird das länger dauern als mit einem Display, doch muss man es ja auch nicht übertreiben, wenn das visuelle Interface Smartphone nur einen Handgriff entfernt ist.

Formulare per Sprache ausfüllen

Doch war es das noch lange nicht. Heute sind Webseiten interaktiv und interaktiv heißt fast immer Formulare. Sind die Formulare sinnvoll semantisch ausgezeichnet, also so, dass eine Maschine die Aufgabe eines Inputfeldes, den Status und so weiter erkennen kann, dann dürfte es auch kein Problem mehr sein, solche Formulare komplett per Sprache auszufüllen. Natürlich wird man das für komplexere Formulare derzeit nicht machen. Aber auch das könnte nur eine Frage der Gewöhnung sein.

Macht eure Website barrierefrei

Je stärker die Spracheingabe in den Alltag einkehrt, desto mehr werden die Nutzer auch erwarten, damit im Prinzip alles erledigen zu können. Ich prophezeie einmal, dass diese Entwicklung sich stark auf die Gestaltung von visuellen Benutzeroberflächen auswirken wird, ähnlich wie es das Smartphone getan hat. Man wird zum Beispiel gezwungen sein, die Zahl der Links oder die Komplexität von Formularen zu reduzieren und eine an der Spracheingabe optimierte Benutzerführung zu etablieren.
Vor allem ältere Blinde, die mit dem Screenreader nicht so vertraut sind, könnten von dieser Entwicklung profitieren. Aber auch funktionale Analphabeten und ältere Menschen, die teils von der Technik überfordert sind, könnten dank einer Spracheingabe die Möglichkeiten des Internets wesentlich leichter nutzen. Nebenbei könnte es Amazon gelingen, die Haus-Automatisierung massentauglich zu machen, daran sind selbst Apple und google bisher gescheitert.

Sind Google Produkte barrierefrei?

Google SucheGoogle macht wie viele große Software-Konzerne viel Wind um die Barrierefreiheit seiner Produkte. Doch was ist eigentlich dran an den vollmündigen Versprechungen? Leider wenig: Bei Google ist vor allem viel PR und wenig barrierefrei.

Das Bild ist gemischt

während sich bei Android und Chrome sowie Chrome OS einiges getan hat, sieht es bei anderen Produkten durchmischt aus. Tatsächlich hat sich die Barrierefreiheit einiger Produkte in letzter Zeit sogar verschlechtert.
Zu nennen wären hier Google Analytics, die Search Console und Gmail. Pikant daran ist, dass die ersten beiden Produkte häufig am Arbeitsplatz verwendet werden. Google Amerika dürfte damit gegen den Americans-with-Disabilities Act verstoßen.

Google Analytics – für Blinde und Tastaturnutzer praktisch nicht nutzbar

Den größten Murks hat Google mit seinem Dienst Google Analytics angerichtet. Er ist für Blinde und Tastaturnutzer gar icht benutzbar. Man scheitert schon daran, zwischen unterschiedlichen Nutzerkonten und Profilen umzuschalten.
Und leider geht es im gesamten Dienst weiter: Es ist schwierig, einzelne Punkte aus der Unternavigation aufzurufen, in den Inhaltsbereich zu wechseln, sich bestimmte Informationen rauszusuchen… Es ist nicht möglich, den Datumsbereich einzugrenzen, ganz zu schweigen von komplexeren Interaktionen.
Um es klar zu sagen: Das ist eine Diskriminierung blinder Menschen. Google sperrt blinde Internet- und Social-Media-Redakteure von ihrer Arbeit aus.

Search Console und GMail

Das Gleiche gilt auch für die neuen Designs der Search Console und GMail. Offensichtlich werden die gleichen Design-Komponenten für die grafische Oberfläche verwendet. Vermutlich zielt Google auf eine Vereinheitlichung der Benutzeroberfläche ab. Womit aber alle Dienste durch die Bank sich bei der Barrierefreiheit verschlechtern.
Gmail hatte vorher noch den Vorteil, dass man auf eine HTML-Ansicht umschalten konnte. Die war benutzbar, wenn auch ziemlich unkomfortabel. Man war sich offensichtlich selbst bewusst, wie schlecht zugänglich die andere Ansicht für Blinde war. Die HTML-Ansicht ist entweder abgeschafft worden oder für Blinde nicht auffindbar.

Es fehlt an Qualitätssicherung

Das zeigt, dass selbst ein Milliarden-Konzern, der das Know-How zur Barrierefreiheit im eigenen Haus hat, vieles falsch machen kann. Offensichtlich sind die Produkte nicht von Blinden auf Barrierefreiheit getestet worden.Das Feedback der Community wird ignoriert.
Peinlich ist auch, dass Google auf Hinweise, die unter anderem von mir kamen, nicht reagiert hat. Das zeigt, dass Barrierefreiheit für Google kein wichtiges Thema ist.
Meine Konsequenz ist, mich so weit wie möglich von Google Produkten zu verabschieden.

Barrierefreie PDFs – Microsoft Office und LibreOffice im Vergleich

Barrierefreie Dokumente können sowohl mit Microsoft Office als auch mit LibreOffice erstellt werden. Beide Office-Pakete können auch barrierefreie, also getaggte PDFs speichern. In diesem Beitrag möchte ich die einzelnen Funktionen vergleichen.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf eigenen Erfahrungen sowie auf den offiziellen Anleitungen der Anbieter. Es kann durchaus sein, dass es Funktionen gibt, die mir nicht bekannt sind. Ich gehe hier in erster Linie auf Word und Writer ein.
Im ersten Abschnitt geht es um Funktionen, die beide Programme anbieten. Im zweiten Teil geht es um Besonderheiten der Programme.

formatvorlagen

Ganz grundlegend für barrierefreie Dokumente sind die Formatvorlagen. Diese finden wir sowohl in LibreOffice als auch in Microsoft Office. Mit ihnen werden Struktur-Informationen wie Überschriften, Listen oder Absätze hinterlegt.

Bildbeschreibungen

Ebenfalls in beiden Paketen finden wir die Möglichkeit, Bildbeschreibungen für Blinde zu erstellen. MS Office bietet seit 2016 automatische Bildbeschreibungen und Bilder lassen sich als dekorativ für Blinde unsichtbar machen.

Sprache und Metadaten

In beiden Paketen können metadaten wie Autor und Titel hinterlegt werden. Ebenfalls kann die Sprache des Textes sowie von Textpassagen festgelegt werden, damit sie Blinden in der korrekten Sprache vorgelesen werden.

Umfliessen

Generell funktioniert der Umfliessen-Modus in exportierten PDFs bei beiden Office-Paketen. Allerdings hat MS Office spätestens seit der Version 2013 einen Bug: Auf Seiten, in die eine Grafik eingefügt wurde funktioniert der Umfliessen-Modus nicht.

Tagged PDFs

Beide Office-Pakete können die genannten Struktur-Informationen ins PDF übernehmen.

LibreOffice

In diesem Abschnitt geht es um Besonderheiten von LibreOffice.

Lesezeichen

LibreOffice kann Lesezeichen exportieren. Das kann MS Office nach wie vor nicht. Die Lesezeichen werden etwa im Acrobat Reader auf der Linken Seite als immer sichtbares und komfortables Inhaltsverzeichnis angezeigt. Bei langen Dokumenten ist das praktisch.

Vor- und Nachteile von LibreOffice

Der Vorteil von LibreOffice besteht darin, dass sich die Funktionen immer am gleichen Ort finden und nicht so oft umbenannt oder verschoben werden wie in MS Office.
Leider scheint man aber seit der Version 3 von OpenOffice auch nichts mehr großartig an der Funktion geändert zu haben. Damals war das eine großartige Sache. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass man ein paar neue Features hinzufügt. Symptomatisch ist, dass die offizielle Anleitung der Document Foundation seit der Version 5.2. nicht aktualisiert wurde.

MS Office

Im Folgenden geht es um Besonderheiten von MS Office.

Tabellen

In Word kann eine nur für Blinde sichtbare Beschreibung zu Tabellen hinzugefügt werden. Außerdem kann die erste Zeile als Überschriftenzeile gekennzeichnet werden.

Prüffunktion

Ein Vorteil von Microsoft Office ist die seit Office 2010 integrierte Prüffunktion. Sie kann Probleme mit der Barrierefreiheit in den Dokumenten aufzeigen. Das ist natürlich super für Probleme, die sich automatisiert aufspüren lassen.

Vor- und Nachteile von MS Office

Microsoft hat die Funktionen seit Office 2007 stetig weiter entwickelt. Mittlerweile gibt es automatisch generierte Bildbeschreibungen oder die Möglichkeit, Bilder als dekorativ auszuzeichnen. Es gibt außerdem ausführliche Anleitungen zu barriefereien Dokumenten im Internet.
Der Nachteil ist aber ebenso offensichtlich: Für meinen Geschmack sind die Tools zu verstreut und sehr kompliziert zu finden. Immerhin braucht man drei Klicks , um einen Alternativtext hinzuzufügen.
Hinzu kommt, dass sie oftmals von Version zu Version verschoben oder umbenannt werden. Dass die Ribbons immer weiter mit Funktionen aufgeblasen werden, die 99 Prozent der Nutzer nie brauchen werden, macht Office selbst nicht wirklich zugänglich.
Ein weiterer Nachteil des Version-Chaos ist, dass es manche Funktionen in manchen Versionen gar nicht gibt. So funktionierte bei einer Kollegin auf dem Mac der Export als Tagged PDF nicht. Er sollte über die Cloud möglich sein, obwohl es sich um ein Desktop-Office handelt. Meine Assistenz hat eine andere Version von MS Office offenbar speziell für Studierende, wo gleich alle speziellen Barrierefreiheits-Optionen fehlten. Es bleibt das Geheimnis von Microsoft, was man sich bei dieser Produktpolitik denkt.

Fazit: Es gibt keinen Sieger

Wägt man die Vor- und Nachteile der beiden Office-Pakete ab, gibt es keinen eindeutigen Sieger. Microsoft nervt mit den hohen Preisen und der eigenwilligen Produktpolitik. LibreOffice schleppt die Funktion seit der Abspaltung von OpenOffice einfach mit. Natürlich sind die Ressourcen solcher OpenSource-Produkte begrenzt. Doch gerade für die Wissenschaft, aber auch für andere Bereiche wäre eine leistungsfähige Alternative zu MS Office und dem zu komplizierten Adobe Acrobat wünschenswert.
Für Blinde indes ist die Entscheidung leider recht einfach. Während Writer noch teilweise zugänglich ist, lässt sich das von Impress nicht behaupten. Hier kann NVDA zum Beispiel nicht erkennen, ob eine Folie bereits Inhalte enthält. Wenn wir also barrierefreie Dokumente mit Office-Anwendungen erstellen wollen, führt leider kein Weg an Microsoft vorbei. An dieser Stelle muss ich ausnahmsweise auch NV Access, die Macher von NVDA kritisieren. Zwar kommt an den meisten Arbeitsplätzen MS Office zum Einsatz. Doch hättte man sich als OpenSource-Projekt vielleicht doch stärker auf die Zusammenarbeit mit anderen OpenSource-Projekten konzentrieren sollen. Was für Screenreader gilt, gilt natürlich auch für Office-Pakete – nicht jeder hat das Geld, sie sich zu leisten.

Weiterführendes

Barrierefreies Web ist gutes Handwerk

Anlässlich des Global Accessibility Awareness Day am 17. Mai hatte ich verschiedene Tweets zum Thema barrierefreie Webgestaltung abgesetzt. Unter anderem schrieb ich sinngemäß: „Barrierefreie Webseiten sind keine Extra-Leistung, sondern gutes Handwerk. Hohe Preisaufschläge sind also nicht gerechtfertigt“. Für diese Aussage habe ich ein paar kritische Nachrichten bekommen. Deshalb möchte ich das kurz erklären.

Ein Button ist ein Button ist ein Button

Wenn etwas so aussieht wie ein Button und wenn es sich verhält wie ein Button, dann sollte es auch in HTML ein Button sein.
Kurz zur Erklärung: Man kann design-technisch etwas erstellen, was wie ein Button aussieht und so funktioniert, aber im Code einfach nur JavaScript ist, der hinter eine Grafik gelegt wurde, die wie ein Button aussieht. Warum macht man so was? Weil man entweder faul, doof oder beides ist. Der Aufwand, einen echten Button in HTML zu basteln ist exakt 0 Prozent höher als eine Grafik mit JavaScript zu unterlegen. Doof, weil man offensichtlich keine Ahnung hat, wie man vernünftigen Code schreibt und wahrscheinlich irgendeine Anwendung verwendet, mit der man sich die Elemente zusammenklickt. Ich als absoluter Laie wäre dazu in der Lage, so etwas in HTML anzulegen. Wer sich Webentwickler nennt, sollte das hinbekommen, das ist sozusagen das kleine Ein-Mal-Eins des Webdesigns.
Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Bereiche. Wer HTML und CSS ihrem Zweck gemäß einsetzt, hat bereits einen Großteil der Anforderungen von Barrierefreiheit erfüllt. Aber das ist nun wirklich kein Kunststück. Wer aber seine Website heute noch mit div id=“navigation“ verschandelt, hat keine Ahnung von seinem Handwerk.
Nun kann man argumentieren, dass der Spaghetti-Code niemanden interessiert, schließlich soll es gut aussehen und funktionieren. Aber nein, es bringt massive Nachteile mit sich. Ein Programm kann hingehen und den Container „Content“ in eine lesefreundliche Variante umwandeln. Google kann den Content sauber von der Navigation oder der Fußzeile unterscheiden. Wer also nicht sauber codet, verschlechtert neben der Barrierefreiheit unter anderem seine Position bei Google.
Und natürlich der Screen Reader: Er kann erkennen, dass etwas ein Button ist und der Blinde kann gezielt alle Buttons einer Website anspringen. „Anklickbar, anklickbar, anklickbar“ hingegen ist für Blinde nicht hilfreich.
Umso schlimmer ist es, dass wir uns immer noch über solche Themen unterhalten müssen, dass wir immer noch auf nicht-gelabelte Formularelemente und ähnliche Dinge stoßen.

Barrierefreie Lösungen finden

Was ist aber mit komplexen dynamischen Anwendungen wie Kalender-Widgets oder Lightboxen.
Tatsächlich gibt es für die meisten komplexen Anwendungsfälle frei verfügbare Patterns oder Lösungen, die sich übernehmen oder zumindest nachbauen lassen. Es wäre heute also kein Problem mehr, dem Kunden barrierefreie Webseiten sozusagen unterzuschieben, ob er sie will oder nicht.
Eine barrierefreie Lösung zu recherchieren und einzubauen kostet eben so viel Zeit wie eine nicht-barrierefreie Lösung einzubauen.

Wann Kostenaufschläge gerechtfertigt sind

Natürlich gibt es noch weitere Anforderungen der Barrierefreiheit, die durchaus komplexer sind. Das Anpassen der Patterns an die eigenen Erfordernisse etwa erfordert zusätzlichen Aufwand, wenn sich der Entwickler einarbeiten muss. Doch müssen Patterns immer angepasst werden, etwa aus Design-Gründen.
Eine Ausnahme gilt auch dann, wenn externe Barrierefreiheits-Experten eingeschaltet werden. Die wollen natürlich separat bezahlt werden.
Eine weitere Ausnahme gilt dann, wenn spezifische Tests mit behinderten Menschen zusätzlich durchgeführt werden. Diese Tests sind aufwendig und teuer. Eventuell wird auch ein Honorar oder eine Aufwandsentschädigung an die Testpersonen gezahlt.
Zudem können im Rahmen der Barrierefreiheit zusätzliche Absprachen mit dem Auftraggeber notwendig sein. Es muss etwa ein Konsens darüber erreicht werden, welcher Standard erfüllt werden soll und welche zusätzlichen Anforderungen es gibt.
Über besondere Anforderungen wie Leichte Sprache oder Gebärdensprache spreche ich hier nicht. Hier sind die Kostenaufwände natürlich erheblich. Das hat aber mit der Web-Agentur nichts zu tun.
Doch für den ganz normalen Programmier-Alltag sind hohe Kostenaufschläge für Barrierefreiheit selten gerechtfertigt. Viele Diskussionen und Probleme würden sich erübrigen, wenn Web-Entwickler einfach sauberen und bestimmungsgemäßen Code schreiben würden. Analoges gilt für native Apps. Einfach die Guidelines der OS-Anbieter lesen und sich daran halten, das scheint so manchen Entwickler zu überfordern.