Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Neuigkeiten zur Barrierefreiheit im Dezember

In einem Auto-Rückspiegel wird 2018 gezeigtWillkommen zur ersten Ausgabe des Newsletters im Jahr 2019. Bevor wir schauen, was im Dezember 2018 so los war, wollen wir einen kleinen Rückblick auf 2018 machen.

Was gab es 2018 in Sachen Barrierefreiheit?

Wirklich durchschlagende Ereignisse gibt es in der Szene selten und 2018 ist mir auch keines aufgefallen. Dafür tut sich auf der rechtlichen Front einiges, was auch mittelfristig Wirkung zeigen wird.
Die WCAG 2.1 fürs barrierefreie Internet wurden verabschiedet. Nebenbei ist die WCAG 2.0 im Dezember zehn Jahre alt geworden.
Für den Raum der Europäischen Union noch interessanter ist, dass die Richtlinie 2016/2106 in Kraft getreten ist. Sie verpflichtet alle öffentlichen Einrichtungen, neue bzw. relaunchte Webseiten anzubieten und bestehende Webseiten innerhalb der nächsten Jahre barrierefrei zu machen.
Im Jahr 2019 könnte der European Accessibility Act endgültig verabschiedet werden. Auch er dürfte mittelfristig für Bewegung in Sachen Barrierefreiheit sorgen.
Leider ist es uns nach wie vor nicht gelungen, das Thema Barrierefreiheit auf breiter Front in Mainstream-Veranstaltungen zu etablieren. Fürs neue Jahr wünsche ich mir, dass Barrierefreiheit noch ein wenig mehr aus der Filterblase rauskommt und werde , soweit mir möglich, dazu beitragen. Nun aber der Blick in die Zukunft.

Anstehende Veranstaltungen

Zwei Veranstaltungen zum Thema Barrierefreiheit stehen demnächst an. Da wäre zunächst ein Barcamp zur Leichten Sprache, veranstaltet von der Lebenshilfe Hessen. Es findet vom 30.1. bis 31.1.2019 in Marburg statt.
Anfang Februar, genauer vom 1.2. – 3.2.2019 findet der Hackathon Neue Nähe im Social Impact Lab Bonn statt.

Neuigkeiten

Die Europäische Norm EN 301 549 ist im Dezember 2018 im Official Journal of the European Union veröffentlicht worden. Sie regelt unter anderem die Beschaffung barrierefreier Technik, aber auch das Thema barrierefreie Webseiten und Apps. Zudem hat die Bundesfachstelle Barrierefreiheit eine FAQ zur EU-Richtlinie 2106 veröffentlicht.
Außerdem erschien eine Publikation zur inklusiven Medienarbeit: Leider ist das PDF der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung absolut nicht barrierefrei.
Schon im Oktober hat die Uni Hildesheim das Handbuch barrierefreie Kommunikation veröffentlicht.
Und wie immer die Artikelempfehlungen: Die verlinkten Artikel sind alle auf Englisch. Sie stammen nicht alle aus dem Dezember 2018, sind mir aber erst dann aufgefallen.
Die Produkt-Designerin Allison Shaw beschreibt, warum sie Produkte barrierefrei gestaltet. Sie spricht dabei von Inklusivität statt von Barrierefreiheit.
Designing for inclusivity: How and why to get started
Die Kolumnistin Caroline Casey geht in einem Artikel für Time davon aus, dass das Thema Inklusion für Unternehmen eine wachsende Rolle spielen wird. Ohne Unternehmen, so ihre These, gibt es keine Inklusion und immer mehr Unternehmen würden das erkennen.
How Businesses Can Lead a Revolution on Disability Inclusion
Der sehbehinderte TAYLOR KATZEl schreibt darüber, was für eine inklusive/barrierefreie Organisationskultur wichtig ist. Seine Kernthese ist, dass das Wissen über Barrierefreiheit häufig nur bei den Führungskräften und einigen wenigen Auserwählten ist, aber auf breiter Front in der Belegschaft verankert sein sollte.
Creating a culture of accessibility
Für Personen, die Barrierefreiheit in ihrer Organisation umsetzen wollen, könnte das Paper „The Implementation of Web Accessibility Standards by Dutch Municipalities. Factors of Resistance and Support“ interessant sein. Darin zeigt sich, dass es oft nicht nur an technischen, sondern auch an organisations-spezifischen Faktoren scheitert. Weiter zum Paper

Interessante Tools

Last not least möchte ich drei Tools vorstellen.
ANDI (Accessible Name & Description Inspector) ist ein Bookmarklet. Es kann in jedem Browser als Lesezeichen hinzugefügt werden und testet einige der Aspekte der Barrierefreiheit. Dazu muss man ANDI wie gesagt als Lesezeichen hinzufügen und anschließend auf der jeweiligen Seite aufrufen.
Installationsanleitung zu ANDI
Seit einiger Zeit gibt es im Firefox auch Tools, um die Barrierefreiheit zu analysieren. Die Funktion ist mittlerweile prominent im Kontextmenü platziert. Also einfach ein Element auf der Webseite rechts anklicken und den Punkt „Barrierefreiheit-Eigenschaften untersuchen“ anklicken.
Last not least: Das Tool ColorMap gibt es jetzt auch als Website: Es richtet sich an farbenblinde Personen und kann per Tastatur oder Mausklick bestimmte Farben hervorheben: Zeigt man zum Beispiel auf die Legende einer Karte, werden alle entsprechenden Elemente auf der Karte hervorgehoben. Entwickler des Tools ist Vision Australia.
Weitere Infos zu ColorMap
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PAC und barrierefreie PDFs

Screenshot des PACIn diesem kurzen Beitrag möchte ich mit ein paar Missverständnissen bezüglich dem PDF Accessibility Checker und barrierefreien PDFs aufräumen. Vorneweg: Ein laut PAC fehlerfreies PDF muss nicht barrierefrei sein. Umgekehrt muss ein PDF, das problemlos mit Hilfstechnik funktioniert nicht fehlerfrei im PAC sein.
Dieser Beitrag ist nicht als Kritik an den Entwicklern von PAC zu verstehen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass sie den Zweck und die Grenzen ihres Tools klarer kommunizieren würden.

Prüft PAC die Barrierefreiheit eines PDF-Dokumentes?

PAC prüft hauptsächlich einige technische Strukturen. So müssen alle Inhalte eines PDFs getaggt, das heißt, in Containern eingeschlossen sein. Es sollen Metadaten, Alternativtexte für Bilder und noch einige weitere Kriterien erfüllt sein.
Diese Tags müssen nach dem technischen Standard für barrierefreie PDFs PDF Universal Accessibility (PDF UA) hinterlegt sein. Genau das prüft PAC, nicht mehr und nicht weniger.
Theoretisch sollte das reichen. In der Praxis ergeben sich aber weitere Probleme, die tatsächlich erst im Zusammenspiel mit Hilfstechnik auffallen.

PDF ist scheintot

PDF wird nicht eingesetzt, weil es das beste Format für seinen Zweck ist. Vielmehr ist es sehr häufig das Abfallprodukt einer Druckvorlage. Drucken und auf digitalen Geräten lesen sind aber zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Dank Smartphones ist PDF fast so tot wie Flash, es hat nur noch niemand richtig bemerkt. Nutzen Sie gerne ein PDF, dass auf DIN A 5 optimiert wurde auf Ihrem Smartphone? Lesen Sie gerne mehrspaltige PDFs auf Ihrem eBook-Reader oder Tablet? Finden Sie die Arbeit mit PDF komfortabel?
Nun, bei Blinden oder Sehbehinderten ist das nicht anders. Abgesehen davon, dass wir gar nicht erwarten, dass ein PDF barrierefrei ist sind auch barrierefreie PDFs ein Krampf. Der Adobe Reader ist träge, es kommt zu Formatierungsfehlern oder fehlerhaft getaggten Inhalten. Das Lesen einer reinen Textdatei ist häufig angenehmer. Stellen Sie doch Ihre Inhalte einfach auf die Website, dann haben Sie sich den Mehraufwand für ein barrierefreies PDF – das kaum jemand nutzt – gespart.

Was ist mit Office-Dokumenten?

Mit den Bordmitteln von Microsoft Office und Libre Office lassen sich derzeit keine PDFs erzeugen, die den PAC-Check bestehen. Dafür sind teure Zusatz-Tools notwendig, die aber keinen deutlichen Mehrwert liefern, außer eben, dass sie PDF-UA-konform sind, was aber wie gesagt nichts über deren Benutzbarkeit für behinderte Menschen aussagt.
Als Faustregel kann gelten: Was sich mit den Mitteln der Office-Pakete erstellen lässt, kann auch mit Office barrierefrei gemacht werden. Was PAC dazu sagt, ist erst mal egal. Umgekehrt käme kaum jemand auf die Idee, eine in Quark oder InDesign erstellte Broschüre mit Office barrierefrei zu machen.
Die Nachbearbeitung mit Adobe Acrobat ist aufwendig und schafft bei Office-Dokumenten keinen angemessenen Mehrwert im Verhältnis zum Aufwand. Die dafür notwendigen Ressourcen können an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden.

Was ist also der Goldstandard?

Das einzige Kriterium, das bezüglich Barrierefreiheit zählt ist der konkrete Mensch. Die Standards, heißen sie WCAG, PDF UA oder Din 18040 sind Behelfe, damit wir das Rad nicht jedes Mal neu erfinden müssen. Doch wenn der Behinderte nicht zurecht kommt, ist der Verweis auf den Standard nicht angemessen.

Ist PAC also sinnfrei?

Keineswegs. Abgesehen davon, dass auch PAC selbst Fehler enthalten kann ist es ein Instrument für erfahrene Desktop-Publisher. Für Menschen, die im Grunde nicht wissen, was ein barrierefreies PDF ist, schafft das Tool aber mehr Verwirrung als Klarheit. Überlassen Sie deshalb die Prüfung Ihrer Dokumente den Profis oder den Menschen, die Barrierefreiheit brauchen. PAC ist kein sinnvolles Tool für Laien und schon gar kein Gütesiegel für barrierefreie PDFs.

Von Behinderten inspierierte Erfindungen

Eine Mindmap mit einer Glühbirne in der MitteEine ganze Reihe von Erfindungen oder Entwicklungen wurden durch Behinderte inspiriert oder durch sie vorweggenommen. In diesem Beitrag möchte ich einige davon darstellen.
Man muss hierbei natürlich immer vorsichtig sein: Kaum eine größere Entwicklung erfolgte durch einen einzigen Impuls oder eine Einzelperson. Die meisten Erfindungen wären zu einem anderen Zeitpunkt von einer anderen Person zu einem anderen Anlass auch entstanden. Und teils mag es sich auch um urband legends handeln, von denen nicht mehr nachzuprüfen ist, ob sie tatsächlich passiert sind.

Telefon

Alexander Graham Bell gilt als der Erfinder des Telefons. Sein Weg zu dieser Entwicklung führte über seine schwerhörige Mutter. Offenbar inspirierte sie ihn zu der Idee, Töne in elektrische Impulse zu verwandeln und über distanzen zu übertragen.
Neben Bells zweifellosen Verdiensten in der Wissenschaft hat er nebenbei bemerkt eine nicht ganz rühmliche Rolle für die Verbreitung der Gebärdensprache gespielt. Das ist aber ein anderes Thema.

SMS (Short Message Service)

Für die jungen Leser: SMS ist WhatsApp in teuer. Der Finne Matti Makonen entwickelte in den 90ern SMS unter anderem, damit Gehörlose untereinander und mit Hörenden kommunizieren konnten, wohl nichtsahnend, dass sie fast genau sowichtig werden würde wie das eigentliche Telefonieren.

Internet und E-Mail

Schwerhörige und Gehörlose haben auch für das Internet und E-Mail eine wichtige Rolle gespielt.
Der heute 75-jährige Vinton Cerf war bei der Entwicklung der ersten Internet- und E-Mail-Protokolle aktiv beteiligt. Er selbst ist schwerhörig. Das Internet und E-Mail ermöglichten eine nicht-verbale Kommunikation mit anderen Personen, was ihn sicherlich mitmotiviert hat, am Internet mitzuwirken. Unter anderem wollte er mit seiner gehörlosen Frau via E-Mail kommunizieren können.

Hörbücher

Hörbücher waren für uns Blinde schon vor 20 Jahren ein alter Hut. Heute gehören sie zu einem wichtigen Segment des Buchmarktes.
1931 starteten die American Foundation for the Blind und die Library of Congress das erste Hörbuch-Programm für Blinde. Lustigerweise spricht man nicht von audiobook, sondern von talking book.
Heute gibt es ca. 60.000 deutschsprachige Hörbücher speziell für Blinde, über 100.000 kommerzielle deutsche Hörbücher und wer weiß wie viele englische Hörbücher.

Schreibmaschine

Die Schreibmaschine prägt unseren Alltag bis heute. Das PC-Keyboard auf dem Schreibtisch und die Tastatur auf dem Smartpohne – beide sind von der Schreibmaschine inspiriert, was die Anordnung der Buchstaben angeht. Und wie solls anders sein, hinter ihrer Erfindung steht eine Liebesaffäre.
1808 entwickelte der Italiener Pellegrino Turri die erste funktionsfähige Schreibmaschine. Seine Geliebte, die erblindete Gräfin Carolina Fantoni da Fivizzono sollte ihm selbständig Liebesbriefe schreiben können. Einer dieser Briefe ist bis heute erhalten geblieben, was man wohl nicht von all zu vielen Liebesbriefen sagen kann.

Videotext

Auch nicht totzukriegen ist der Videotext. Der Videotext oder Teletext wurde 1974 von Mitarbeitern der BBC entwickelt. Sie suchten nach einer Möglichkeit, zu- und abschaltbare Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige auf dem Fernseher anzuzeigen. Schnell kam heraus, dass nicht nur Untertitel, sondern ganze Seiten mit Text übermittelt werden konnten.

Sprachausgaben

Sprachausgaben sind dank Alexa, Siri und telefonischen Dialogsystemen aus dem Alltag kaum wegzudenken. Blinde Menschen arbeiten aber schon seit Jahrzehnten mit ihnen.
1986 entwickelte der Amerikaner Jim Thatcher für seinen blinden Freund Dr. Jesse Wright ein System, das den Computer für ihn zugänglich machen sollte, den IBM Screenreader. Bis heute sind Screenreader die Software, die von Blinden bei der Techniknutzung verwendet werden. Sie geben Inhalte als Sprache oder Blindenschrift aus.
Viele Leute beschweren sich über den synthetischen Klang der gängigen Programme. Wer sich aber genauer damit beschäftigt, wird feststellen, dass die synthetischen Stimmen den natürlich klingenden Stimmen teils überlegen sind. Der für Sehende interessante Faktor ist die Prosodie oder Stimm-Melodie, heißt, die Betonung bestimmter Silben, wodurch ein Satz natürlich klingt. Wer sich die typischen Bahnansagen anhört oder einen Text durch ReadSpeaker vorlesen lässt, merkt sofort, was ich meine. Die Wörter werden zusammenhanglos vorgelesen und die Pausen zwischen den Wörtern klingen unnatürlich, dadurch klingt die Aussage schnell unnatürlich.

Spracheingaben

Auch die automatische Spracherkennung ist fast schon ein Alter Hut. Sie wird von vielen Behinderten seit langem eingesetzt, um ihren Computer zu steuern und längere Texte zu diktieren.
Siri und andere Systeme haben diesen Prozess lediglich vereinfacht: Bei den klassischen Systemen wie bei Dragon Natural Speaking müssen Befehlssätze auswendig gelernt und die Systeme trainiert werden. Siri und Co. übertragen die Daten ins Internet und werden meines Wissens nicht auf eine individuelle Stimme hin trainiert. Deshalb haben die meisten virtuellen Assistenten auch Probleme mit Dialekten und werden mit der Zeit für das Individuum auch nicht besser. Und ohne Internet-Verbindung sind sie in der Regel nicht brauchbar, ganz zu schweigen davon, dass sich nicht das gesamte Gerät mit ihnen steuern lässt.

3D-Druck

Selber machen mit 3D-Druck, Phräsen und weiteren Hilfsmitteln gibt es doch erst seit ein paar Jahren außerhalb spezialisierter Produktionsbereiche oder? Keineswegs.
In Blindenschulen spielen Tastmodelle schon seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Sie werden etwa in der Physik, der Chemie oder Biologie eingesetzt. Hier werden zum Beispiel Tastmodelle für atome oder auch Organe verwendet. Natürlich hat der 3D-Druck auch hier vielles vereinfacht und günstiger gemacht. Doch möglich ist es schon seit langem. Nebenbei: Viele engagierte Lehrer der 80er und 90er Jahre haben sich in diesem Bereich sehr engagiert und teils in ihrer Freizeit Hilfsmittel gebastelt, um ihren Schülern einen besseren Unterricht zu ermöglichen.

Texte schneller schreiben

Stephen Hawking verlor durch seine Krankheit AMS nach und nach seine physische Fähigkeiten und vor allem die Fähigkeit zu Sprechen. Walter Woltosz, Geschäftsführer von Words Plus, hatte ein System für seine Stiefmutter entwickelt, welches ihr die Kommunikation ermöglichen sollte. Sie hatte ALS wie Hawking. Dieses System wurde für Hawking angepasst und weiter entwickelt.
Hawking benutzte eine Mischung aus Unterstützter Kommunikation – so würde man es heute nennen – und Sprachsynthesizer. Er konnte Wörter aus einer Liste von Begriffen auswählen, diese zu Sätzen zusammenfassen und sie über seine Sprachausgabe ausgeben lassen.
Eine ähnliche Technologie benutzen heute viele auf dem Smartphone: Die Auto-Ergänzung, die häufig Mist schreibt, aber auch die Wortvorschläge, die das Tippen auf dem Smartphone erheblich beschleunigen.
Hawking und seine Erkrankung haben viele Menschen zu Entwicklungen inspiriert, die natürlich in erster Linie Hawking selbst, dann aber auch Menschen in ähnlichen Situationen helfen sollten.

Der Multi-Touchscreen

Touchscreens gab es schon länger. Das erste Touchscreen, das auch Gesten verstand wurde von Wayne Westerman und John Elias entwickelt. Es richtete sich an Menschen, deren Bewegungsfähigkeit durch Erkrankungen wie dem Mausarm eingeschränkt war. Die Firma der beiden Herren wurde schließlich von Apple gekauft und drei Mal dürft ihr raten, welches Produkt Apple damit ausgestattet hat.

Augen- und berührungsfreie Technologien

Mit Augen- und berührungsfreie Technologien sind Bedienkonzepte gemeint, die ohne Display und ohne haptischen Kontakt auskommen. Input und Output erfolgen zumeist als Sprache. Nützlich sind solche Technologien etwa bei Autos, aber haben durch die Alexa-Lautsprecher eine weite Verbreitung gefunden.
Da Blinde ein Display nicht benutzen können, sind sie darauf angewiesen, dass ihnen Informationen in sprachlicher Form oder als Braille ausgegeben werden. Andere Behinderte können ein Display wegen motorischer Behinderungen nicht bedienen und verwenden deshalb andere Eingabemethoden wie Sprache. Von diesen Gruppen könnten die Interface-Gestalter einiges lernen.

Prothetik und plastische Chirurgie

Zwar hat die plastische und Schönheitschirurgie eine längere Geschichte. Einen echten Aufschwung erfuhr sie aber nach dem Ersten Weltkrieg.
Viele Soldaten und Zivilisten büßten Teile des Körpers ein oder hatten großflächige Verbrennungen erlitten. Die Chirurgie wurde verwendet, um ihnen zu helfen.
Man vergisst gerne, dass der Übergang von Schönheitschirurgie mit ihren teils zweifelhaften Eingriffen zur plastischen Chirurgie oft fließend ist. Die Spina Birifida etwa – der offene Rücken – kann heute teils schon während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt dank der plastischen Chirurgie behandelt werden.

Und es geht weiter

Die Inspirationsquelle ist noch lange nicht versiegt. So gibt es Versuche mit Bewegungs- und Augensteuerung, Gehirn-Computer-Schnittstellen und weiteren Eingabemethoden. Sie werden von behinderten Menschen teils schon Jahre oder Jahrzehnte eingesetzt, können aber auch für Nicht-Behinderte interessant sein. Schon die Gaming-Industrie verlangt immer neue Möglichkeiten der Interaktion mit Spielkonsolen.

Entscheidungshilfe: Wann ist ein barrierefreies PDF sinnvoll?

PDF-LogoPDF hat sich als Standardformat für gestaltete Informationen im Web und für die Verbreitung via E-Mail und anderer Dienste etabliert. Doch schaut man auf den Aufwand, der in PDFs im Allgemeinen und in barrierefreien PDFs im Besonderen steckt, macht das Format heute nicht mehr so viel Sinn. Dieser Entscheidungsbaum soll Ihnen helfen zu entscheiden, ob und wann ein PDF sinnvoll ist.
Bedenken Sie generell:

  1. Ist ein PDF erst mal in der Welt, kann dessen Verbreitung nicht mehr kontrolliert werden. Niemand weiß, wie viele veraltete Informationen in PDFs im Internet und auf Festplatten lagern und wie viele heruntergeladen und immer weiter verteilt werden. Aber es dürften allein in Deutschland einige Millionen sein.
  2. Während die Erstellung eines PDFs immer mit einem größeren Aufwand verbunden ist, kann Inhalt praktisch ohne Aufwand online gestellt und wieder offline genommen werden. Im Grunde würden PDFs, die im Internet stehen ein permanentes Monitoring erfordern, was aber in der Praxis selten gemacht wird. Ist ein PDF nicht verlinkt, kann es dennoch von Suchmaschinen gefunden werden. Es kann sein und ist häufig wahrscheinlich, dass ältere PDF-Dokumente leichter gefunden werden als aktualisierte PDF-Dokumente oder Webseiten.
  3. Während sauber erstellte HTML-Inhalte problemlos in ein neues Layout oder Corporate Design überführt werden können, muss ein PDF im Prinzip komplett neu gelayoutet werden. Im Grunde erfordert jede größere Änderung, dass vielleicht eine Seite, oft aber das ganze Dokument neu gesetzt werden muss.

Bestimmte Hilfstechniken wie das Anpassen der Schriftart funktionieren in PDF nur eingeschränkt und erfordern häufig spezielle Reader-Programme. Während fast jeder weiß, wie er im Browser Texte zoomt, ist der Umfliessen-Modus im Adobe Reader unter vielen unbekannt, die davon profitieren könnten. PDF ist damit das am wenigsten komfortable Mainstreamformat.
Als Alternative zu PDF gehen wir hier von normalen Webseiten aus. Möglich wären auch ePub oder typische Office-Formate, diese sind aber aus verschiedenen Gründen unüblich und es wirkt zumindest bei Office-Formaten auch schnell unprofessionell. Zudem gelten vor allem die Formate von Microsoft als Sicherheitsrirsiko, werden also potentiell geblockt oder in den Spam geschoben. ePub ist auf mobilen Geräten problemlos darstellbar, aber nicht unbedingt auf Desktop-PCs. Bei PDFs ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass der Nutzer ein Programm zu deren Darstellung auf dem System hat.
Tatsächlich wird PDF in vielen Fällen nicht eingesetzt, weil es das beste Format für den jeweiligen Zweck wäre. Vielmehr wird es verwendet, weil es quasi als Abfallprodukt einer Druckvorlage angefallen ist.

Entscheidungsbaum: PDF ja, , vielleicht oder nein

Unter „ja“ finden Sie Argumente, die klar für ein PDF sprechen.

Unter „vielleicht“ finden wir Anforderungen, die mit PDF, aber auch mit HTML erfüllbar sind.
Unter „nein“ finden wir Anforderungen, die von Webseiten besser erfüllt werden können als von PDFs.

Ja

Die Informationen bleiben lange Zeit aktuell, mindestens 1 Jahr.
Die Ressourcen Zeit, Geld und Personal für die Erstellung eines barrierefreien PDFs sind vorhanden.
Die Informationen sind umfangreich – mindestens 6.000 Zeichen – und werden wahrscheinlich nicht in einem Rutsch gelesen.
Die Informationen müssten, wenn sie online stünden, auf mehrere Webseiten verteilt werden.
Barrierefreie PDFs können im eigenen Hause erstellt werden.

Vielleicht

Die Informationen werden vom Leser später vermutlich noch einmal benötigt.
Die Informationen werden wahrscheinlich ausgedruckt
Die Informationen werden per Mail verteilt.
Die Informationen sollen visuell anspruchsvoll gestaltet sein.
Die Informationen sollen nur an einen beschränkten Nutzerkreis gehen.
Die Informationen sollen dem Nutzer auch zugänglich sein, wenn er keinen Internetzugang hat.
Ein erfahrener Dienstleister ist vorhanden und hat die Ressourcen.

Nein

Die Informationen müssen regelmäßig aktualisiert werden.
Die Informationen werden nur einmal oder nicht regelmäßig gebraucht.
Die Ressourcen Personal, Geld und Zeit für ein barrierefreies PDF sind nicht vorhanden.
Die Informationen haben nur kurze Zeit Gültigkeit.
Die Informationen werden wahrscheinlich auf einem Smartphone/kleinen Display gelesen.
Die Informationen sollen etwa über ein Formular in eine Datenbank eingespeist werden.
Das Dokument enthält eingebundene oder interaktive Elemente wie Multimedia.
Es ist kein erfahrener dienstleister vorhanden oder bekannt.
Die Informationen müssen schnell veröffentlicht/verteilt werden.

Mein Rückblick auf das m-Enabling-Forum 2018

Menschen schauen sich eine Präsentation auf dem M-Enabling-Forum an.Am 27.9.2018 fand das M-Enabling-Forum 2018 in Düsseldorf parallel zur Rehacare statt. Es war ein reichhaltiger Tag. Heute gibts einen kleinen Rückblick. Leider weiß ich nicht, ob und wie die Teilnehmer ihre Inhalte online stellen. Wenn das passiert, werde ich das hier verlinken.

Organisation

Für meinen Geschmack organisatorisch nicht ganz geschickt: Konferenzen sollten frühestens um 10 Uhr beginnen. Und 9 Stunden waren dann zu viel des Guten.
Ein offenes W-Lan fürs Twittern wäre auch nett gewesen. Hier hat man Potential für die Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Im Saal selbst gab es gar keinen Mobil-Empfang, auch ein wenig seltsam für eine Messe Düsseldorf.
Auch hätte man mehr Interaktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Publikum ermöglichen sollen. So glich es eher einer Produkt-Schau

Das Programm

Wenn man ein paar dieser Konferenzen besucht hat und im Thema ist, erfahrt man irgendwann nichts mehr Neues. Im Vordergrund steht vor allem der Austausch unter den Besuchern.
Interessant und für mich neu waren die Bemühungen, Barrierefreiheit zu zertifizieren. Ich selbst bin kein Fan solcher Programme. Sie riechen immer ein wenig nach Stempel drauf und für die nächsten zehn Jahre erledigt. Doch mag es in einigen Fällen sinnvoll sein.

Apple nervt

Nervtötend war das Statement von apple. Ich nutze gerne die Geräte von Apple. Was mich allerdings ärgert ist, wenn ein Konzern, der fast 1 BillionenDollar wert ist so tut, als ob Barrierefreiheit für ihn kein Geschäftsfaktor wäre. – Die Eyes-Free-Technologien zum Beispiel kommen auch Autofahrern zugute. Es gibt reichlich Blinde, welche gleich mehrere Produkte von Apple besitzen. Da kann man nicht ernsthaft so tun, als ob Barrierefreiheit reine Wohltätigkeit wäre. Wohlgemerkt, es stört mich nicht, dass Apple damit Geld verdient, sondern dass sie so tun, als ob das nicht so wäre. So ist Apple kein Vorbild für andere Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst zu nehmen. Denn es kommt bei apple so rüber, als ob sie für die Barrierefreiheit drauf zahlen müssten. Es wäre dann ein Verlust-Geschäft, so gewinnt man in der Privat-Wirtschaft keine Freunde für die Barrierefreiheit, sondern schadet ihr indirekt.
Absurd wird es dann, wenn Apple Pseudo-Entwicklungen für sich reklamiert. Armbänder zur Sturzmeldung und tragbare Notruf-Systeme gab es schon lange. Wenn man Apple so hört könnte man meinen, sie hätten es für die Apple Watch erfunden. Und die App Kurzbefehle ist sicherlich nett, früher nannten wir das Makros und brauchen es vor allem, weil Siri so miserabel ist. Hier stellt sich eher die Frage, warum es das nicht schon in iOS 6 gab.

Fazit: Rausgehen oder reinholen

Und hier noch meine drei nicht ganz neuen Erkentnisse aus der Konferenz:
Erstens: Es ist zwar immer nett in der Barrierefreiheits-Szene. Diese ist aber klein und scheint mir in der Zeit, in der ich dabei war kaum gewachsen zu sein.
Entweder geht man aus der Szene raus, zum Beispiel auf andere Messen oder Kongresse. Oder man holt diese Leute gezielt rein.
Meine zweite Erkenntnis: Es fehlt eine zentrale Instanz, die Informationen und Nachrichten zur Barrierefreiheit bündelt. Es gibt viele Projekte, die einfach nicht bekannt sind. Die Szene ist nicht nur in Deutschland sehr atomisiert. Es bräuchte ein neues Einfach für alle.
Meine dritte Erkenntnis ist, dass zu wenig über existierende Bedienungshilfen aufgeklärt wird. Von den drei großen Software-Anbietern Apple, Google und Microsoft macht es letzteres am besten: Bei Microsoft bekommt man die Bedienungshilfen schon bei der Erst-Installation und im Anmeldebildschirm angeboten. Bei Apple und Google muss man – zumindest in den mobilen Betriebssystemen – danach suchen. Das heißt, man muss im Prinzip schon wissen, dass es Hilfen gibt. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Ich habe gerade erst ein Android-Phone eingerichtet und ihr würdet gar nicht glauben, wie viel Platz auf dem ersten Screen ist, auf jeden Fall genug, um den Start von Bedienungshilfen anzubieten. Wenn ihr das lest, ihr Großen Drei, bitte mehr Geld in Aufklärung und weniger in PR-Maßnahmen stecken.

Amazon Echo – warum barrierefreie Webseiten sinnvoller werden als je zuvor

Stilisierter LautsprecherAmazon hat mal wieder eine ganze Reihe von neuen Produkten vorgestellt. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum der smarte Lautsprecher Echo mit der Spracheingabe auch barrierefreien Webseiten einen Schub geben könnte.

Alles über Semantik

Ein Schlüsselfaktor für barrierefreie Webseiten ist semantisches und seinen Zwecken entsprechend eingesetztes HTML.
Leider muss man sagen, dass in erster Linie bisher vor allem Blinde davon profitieren. Natürlich bringen Labels Vorteile für motorisch Behinderte und Sehbehinderte können eigene Stylesheets definieren, um sich Inhalte besser zugänglich zu machen. Aber ob das tatsächlich jemand in dem Maße nutzt, bleibt offen.

Vorlesen leicht gemacht

Doch in dem Maße, in dem Geräte ohne eigenes Display auf den Markt drängen, wird es wieder interessant. Wie bringe ich zum Beispiel dem Echo bei, wo der Inhalt einer Webseite beginnt, schließlich will ich nicht die Navigation und anderen Schmus vorgelesen haben, der am Anfang einer Webseite steht. Wie bringe ich ihn dazu, von Absatz zu Absatz, zur nächsten Überschrift, zu einem bestimmten Bereich der Webseite zu kommen? Für einen Sehenden erscheint dieses Problem eigentlich unlösbar. Doch wer arbeitet schon seit Jahr und Tag ohne Display? Exakt, blinde Menschen und das in der Regel ohne große Probleme.
Und hier kommt eine sinnvolle Semantik ins Spiel. Gibt es zum Beispiel nur eine Hauptüberschrift auf der Unterseite, die H1, hat auch eine Maschine keine Probleme, den Anfang des Artikels zu finden. Werden die neuen elemente aus HTML5 wie Navigation, Article, Footer und so weiter korrekt eingesezt, wird die Sache zusätzlich erleichtert. Selbst die Alternativtexte könnten somit einer wesentlich größeren Gruppe nützlich sein.
Auch komplexe Interaktionen mit der Website wie das Aufrufen von Punkten aus der Navigation, das Suchen innerhalb einer Unterseite, das verwenden der Suchfunktion der Website und so weiter sind durchaus möglich. In der Regel wird das länger dauern als mit einem Display, doch muss man es ja auch nicht übertreiben, wenn das visuelle Interface Smartphone nur einen Handgriff entfernt ist.

Formulare per Sprache ausfüllen

Doch war es das noch lange nicht. Heute sind Webseiten interaktiv und interaktiv heißt fast immer Formulare. Sind die Formulare sinnvoll semantisch ausgezeichnet, also so, dass eine Maschine die Aufgabe eines Inputfeldes, den Status und so weiter erkennen kann, dann dürfte es auch kein Problem mehr sein, solche Formulare komplett per Sprache auszufüllen. Natürlich wird man das für komplexere Formulare derzeit nicht machen. Aber auch das könnte nur eine Frage der Gewöhnung sein.

Macht eure Website barrierefrei

Je stärker die Spracheingabe in den Alltag einkehrt, desto mehr werden die Nutzer auch erwarten, damit im Prinzip alles erledigen zu können. Ich prophezeie einmal, dass diese Entwicklung sich stark auf die Gestaltung von visuellen Benutzeroberflächen auswirken wird, ähnlich wie es das Smartphone getan hat. Man wird zum Beispiel gezwungen sein, die Zahl der Links oder die Komplexität von Formularen zu reduzieren und eine an der Spracheingabe optimierte Benutzerführung zu etablieren.
Vor allem ältere Blinde, die mit dem Screenreader nicht so vertraut sind, könnten von dieser Entwicklung profitieren. Aber auch funktionale Analphabeten und ältere Menschen, die teils von der Technik überfordert sind, könnten dank einer Spracheingabe die Möglichkeiten des Internets wesentlich leichter nutzen. Nebenbei könnte es Amazon gelingen, die Haus-Automatisierung massentauglich zu machen, daran sind selbst Apple und google bisher gescheitert.

Sind Google Produkte barrierefrei?

Google SucheGoogle macht wie viele große Software-Konzerne viel Wind um die Barrierefreiheit seiner Produkte. Doch was ist eigentlich dran an den vollmündigen Versprechungen? Leider wenig: Bei Google ist vor allem viel PR und wenig barrierefrei.

Das Bild ist gemischt

während sich bei Android und Chrome sowie Chrome OS einiges getan hat, sieht es bei anderen Produkten durchmischt aus. Tatsächlich hat sich die Barrierefreiheit einiger Produkte in letzter Zeit sogar verschlechtert.
Zu nennen wären hier Google Analytics, die Search Console und Gmail. Pikant daran ist, dass die ersten beiden Produkte häufig am Arbeitsplatz verwendet werden. Google Amerika dürfte damit gegen den Americans-with-Disabilities Act verstoßen.

Google Analytics – für Blinde und Tastaturnutzer praktisch nicht nutzbar

Den größten Murks hat Google mit seinem Dienst Google Analytics angerichtet. Er ist für Blinde und Tastaturnutzer gar icht benutzbar. Man scheitert schon daran, zwischen unterschiedlichen Nutzerkonten und Profilen umzuschalten.
Und leider geht es im gesamten Dienst weiter: Es ist schwierig, einzelne Punkte aus der Unternavigation aufzurufen, in den Inhaltsbereich zu wechseln, sich bestimmte Informationen rauszusuchen… Es ist nicht möglich, den Datumsbereich einzugrenzen, ganz zu schweigen von komplexeren Interaktionen.
Um es klar zu sagen: Das ist eine Diskriminierung blinder Menschen. Google sperrt blinde Internet- und Social-Media-Redakteure von ihrer Arbeit aus.

Search Console und GMail

Das Gleiche gilt auch für die neuen Designs der Search Console und GMail. Offensichtlich werden die gleichen Design-Komponenten für die grafische Oberfläche verwendet. Vermutlich zielt Google auf eine Vereinheitlichung der Benutzeroberfläche ab. Womit aber alle Dienste durch die Bank sich bei der Barrierefreiheit verschlechtern.
Gmail hatte vorher noch den Vorteil, dass man auf eine HTML-Ansicht umschalten konnte. Die war benutzbar, wenn auch ziemlich unkomfortabel. Man war sich offensichtlich selbst bewusst, wie schlecht zugänglich die andere Ansicht für Blinde war. Die HTML-Ansicht ist entweder abgeschafft worden oder für Blinde nicht auffindbar.

Es fehlt an Qualitätssicherung

Das zeigt, dass selbst ein Milliarden-Konzern, der das Know-How zur Barrierefreiheit im eigenen Haus hat, vieles falsch machen kann. Offensichtlich sind die Produkte nicht von Blinden auf Barrierefreiheit getestet worden.Das Feedback der Community wird ignoriert.
Peinlich ist auch, dass Google auf Hinweise, die unter anderem von mir kamen, nicht reagiert hat. Das zeigt, dass Barrierefreiheit für Google kein wichtiges Thema ist.
Meine Konsequenz ist, mich so weit wie möglich von Google Produkten zu verabschieden.

Barrierefreies Web ist gutes Handwerk

Anlässlich des Global Accessibility Awareness Day am 17. Mai hatte ich verschiedene Tweets zum Thema barrierefreie Webgestaltung abgesetzt. Unter anderem schrieb ich sinngemäß: „Barrierefreie Webseiten sind keine Extra-Leistung, sondern gutes Handwerk. Hohe Preisaufschläge sind also nicht gerechtfertigt“. Für diese Aussage habe ich ein paar kritische Nachrichten bekommen. Deshalb möchte ich das kurz erklären.

Ein Button ist ein Button ist ein Button

Wenn etwas so aussieht wie ein Button und wenn es sich verhält wie ein Button, dann sollte es auch in HTML ein Button sein.
Kurz zur Erklärung: Man kann design-technisch etwas erstellen, was wie ein Button aussieht und so funktioniert, aber im Code einfach nur JavaScript ist, der hinter eine Grafik gelegt wurde, die wie ein Button aussieht. Warum macht man so was? Weil man entweder faul, doof oder beides ist. Der Aufwand, einen echten Button in HTML zu basteln ist exakt 0 Prozent höher als eine Grafik mit JavaScript zu unterlegen. Doof, weil man offensichtlich keine Ahnung hat, wie man vernünftigen Code schreibt und wahrscheinlich irgendeine Anwendung verwendet, mit der man sich die Elemente zusammenklickt. Ich als absoluter Laie wäre dazu in der Lage, so etwas in HTML anzulegen. Wer sich Webentwickler nennt, sollte das hinbekommen, das ist sozusagen das kleine Ein-Mal-Eins des Webdesigns.
Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Bereiche. Wer HTML und CSS ihrem Zweck gemäß einsetzt, hat bereits einen Großteil der Anforderungen von Barrierefreiheit erfüllt. Aber das ist nun wirklich kein Kunststück. Wer aber seine Website heute noch mit div id=“navigation“ verschandelt, hat keine Ahnung von seinem Handwerk.
Nun kann man argumentieren, dass der Spaghetti-Code niemanden interessiert, schließlich soll es gut aussehen und funktionieren. Aber nein, es bringt massive Nachteile mit sich. Ein Programm kann hingehen und den Container „Content“ in eine lesefreundliche Variante umwandeln. Google kann den Content sauber von der Navigation oder der Fußzeile unterscheiden. Wer also nicht sauber codet, verschlechtert neben der Barrierefreiheit unter anderem seine Position bei Google.
Und natürlich der Screen Reader: Er kann erkennen, dass etwas ein Button ist und der Blinde kann gezielt alle Buttons einer Website anspringen. „Anklickbar, anklickbar, anklickbar“ hingegen ist für Blinde nicht hilfreich.
Umso schlimmer ist es, dass wir uns immer noch über solche Themen unterhalten müssen, dass wir immer noch auf nicht-gelabelte Formularelemente und ähnliche Dinge stoßen.

Barrierefreie Lösungen finden

Was ist aber mit komplexen dynamischen Anwendungen wie Kalender-Widgets oder Lightboxen.
Tatsächlich gibt es für die meisten komplexen Anwendungsfälle frei verfügbare Patterns oder Lösungen, die sich übernehmen oder zumindest nachbauen lassen. Es wäre heute also kein Problem mehr, dem Kunden barrierefreie Webseiten sozusagen unterzuschieben, ob er sie will oder nicht.
Eine barrierefreie Lösung zu recherchieren und einzubauen kostet eben so viel Zeit wie eine nicht-barrierefreie Lösung einzubauen.

Wann Kostenaufschläge gerechtfertigt sind

Natürlich gibt es noch weitere Anforderungen der Barrierefreiheit, die durchaus komplexer sind. Das Anpassen der Patterns an die eigenen Erfordernisse etwa erfordert zusätzlichen Aufwand, wenn sich der Entwickler einarbeiten muss. Doch müssen Patterns immer angepasst werden, etwa aus Design-Gründen.
Eine Ausnahme gilt auch dann, wenn externe Barrierefreiheits-Experten eingeschaltet werden. Die wollen natürlich separat bezahlt werden.
Eine weitere Ausnahme gilt dann, wenn spezifische Tests mit behinderten Menschen zusätzlich durchgeführt werden. Diese Tests sind aufwendig und teuer. Eventuell wird auch ein Honorar oder eine Aufwandsentschädigung an die Testpersonen gezahlt.
Zudem können im Rahmen der Barrierefreiheit zusätzliche Absprachen mit dem Auftraggeber notwendig sein. Es muss etwa ein Konsens darüber erreicht werden, welcher Standard erfüllt werden soll und welche zusätzlichen Anforderungen es gibt.
Über besondere Anforderungen wie Leichte Sprache oder Gebärdensprache spreche ich hier nicht. Hier sind die Kostenaufwände natürlich erheblich. Das hat aber mit der Web-Agentur nichts zu tun.
Doch für den ganz normalen Programmier-Alltag sind hohe Kostenaufschläge für Barrierefreiheit selten gerechtfertigt. Viele Diskussionen und Probleme würden sich erübrigen, wenn Web-Entwickler einfach sauberen und bestimmungsgemäßen Code schreiben würden. Analoges gilt für native Apps. Einfach die Guidelines der OS-Anbieter lesen und sich daran halten, das scheint so manchen Entwickler zu überfordern.

Barrierefreie Webseiten für Senioren

Durch die demografische Entwicklung wird die Barrierefreiheit digitaler Technik immer wichtiger. Warum das so ist und worauf es bei der Barrierefreiheit für ältere Menschen ankommt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Senioren sind die am schnellsten wachsende Gruppe im Internet. Zum Einen natürlich, weil allmählich die erste Gruppe ins Alter kommt, für die ein Computer zum Alltag gehört. Senioren sind generell die am schnellsten wachsende Gruppe in der Gesellschaft.
Zum Anderen, weil Senioren tatsächlich die einzige Gruppe bilden, die noch nicht im Internet vertreten ist. Im Folgenden wollen wir uns ansehen, auf welche Probleme Senioren im Internet stoßen können.

Starke vs. schwache Behinderung

Latente Einschränkungen der Sinnesorgane und der Bewegungsfähigkeit, wie sie im Alter üblich sind können sich ganz anders auswirken als stärkere Behinderungen bei jüngeren Menschen. Geburtsbehinderte sind insofern im vorteil, dass sie sich in Bezug auf ihre Behinderung nie anpassen mussten. Wer blind zur Welt kommt, mag das nicht schön finden. Er musste aber nicht umlernen. Wer im Laufe seines Lebens behindert wird oder bei wem sich drastische Veränderungen ergeben, der muss sich anpassen. Dabei stehen die Chancen umso besser, je jünger die Person ist, dass sie diesen Anpassungsprozess hinbekommt.
Im alter hingegen kommen viele latente Einschränkungen oft zeitgleich zusammen. Die Person kann sich zwar anpassen, doch steht ihr weniger Zeit zur Verfügung, Strategien und den Umgang mit Hilfsmitteln zu erlernen. Hinzu kommen Faktoren wie soziale Isolation, finanzielle Armut, psychische Probleme, eine nicht angepasste Wohnsituation und vieles mehr, was sich zusätzlich negativ auf die Anpassungsfähigkeit auswirken kannn. Der wichtigste Faktor in unserem Zusammenhang ist aber die Kombination unterschiedlicher Einschränkungen. Wenn alle Sinne und die Physis, die Merkfähigkeit und die Belastbarkeit gleichzeitig gefordert sind, nun, das würde auch den Jüngsten unter uns überfordern.
Hinzu kommt, dass viele Einschränkungen gar nicht bemerkt oder falsch interpretiert werden. Es soll vorkommen, dass ein schlechtes Gehör mit einer Demenz verwechselt wird. Oder umgekehrt.
Natürlich gehe ich davon aus, wie die Situation heute zu sein scheint. Vieles spricht dafür, dass die heute 60- oder 50-jährigen einen anderen Habitus haben werden als die heutigen Senioren. Dennoch: die gesundheitlichen Einschränkungen werden auftreten. Gerade die Generation der Bildschirm-Arbeiter und Smartphone-Nutzer werden vielleicht sogar früher mit physischen Problemen zu kämpfen haben als die Generation der Körper-Arbeiter. Das bleibt abzuwarten.

Sehen

Sehen wir von den im Alter typischen Augenerkrankungen wie diabetische Retinopatie und AMD ab, spielt vor allem der Faktor Kurzsichtigkeit eine große Rolle. Durch die intensive Nutzung von Smartphones und Bildschirmen am Arbeitsplatz wird die Zahl der Betroffenen zunehmen.
Auch eine Kontrastschwäche ist im Alter üblich. Dadurch fällt es schwerer am Bildschirm zu arbeiten oder zu lesen. Gerade die kleinen Smartphones und auch kleine Tablets mit bescheidener Display-Qualität könnten ein Problem darstellen. Hier haben wir aber den Vorteil, dass die Pinch-to-Zoom-Geste relativ intuitiv ist und mobile Seiten eine starke vergrößerung ohne größere Probleme ermöglichen. Kontrast und schlechte Typographie sind ein anderes Thema.

Hören

Durch YouTube, Netflix und Co. gewinnt das Thema Hörqualität allmählich wieder an Bedeutung.
Das Differenzieren zwischen wichtigen und unwichtigen Geräuschen wird im Alter schwieriger. Oft haben wir einen Brei aus Stimme und Hintergrund-Sound. Gestern stand ich an einem nicht besonders vollen Leipziger Hauptbahnhof. Es gab ein permanentes lautes Geräusch wahrscheinlich von einem stehenden Zug. Dabei war es mir nicht möglich, die Durchsagen richtig zu verstehen. Ähnlich sieht es aus, wenn die Musik in einem Video zu laut ist, dann ist es schwierig, einen Sprecher zu verstehen.
Ich sehe generell zwei Möglichkeiten: Zum Einen könnte Stimme und Hintergrund seperat aufgenommen werden. Dann bliebe es dem Zuhörer überlassen, den Hintergrundsound leiser zu drehen. Dafür sind natürlich entsprechene Formate und Player erforderlich.
Die zweite Möglichkeit wären intelligente Player. Sie könnten die Stimme erkennen und sie verstärken. Entsprechende Programme gibt es bereits in Hörgeräten. Ob das übertragbar ist, weiß ich allerdings nicht.

Bewegung

Ein Thema, was bislang unterschätzt wird ist die Frage der Bewegungsfähigkeit. Zwar gibt es schon Hilfen im Smartphone. Doch sind schnelle oder filigrane Bewegungen mit zunehmendem Alter schwierig. Schon ein Doppeltipp oder eine Scrollbewegung sind eine Herausforderung.
Hier könnten alternative Eingabemethoden eine Lösung sein. Beispiel dafür ist die intelligente Spracheingabe wie bei Alexa oder Siri, also eine Spracheingabe, bei der keine oder nur wenige Befhele gelernt werden müssen. Ist die Scheu, mit dem Computer zu reden erst mal weg, gibt es wohl keinen einfacheren Zugang zu digitalen Systemen. Wünschenswert wäre, dass sich diese Systeme weiter verbreiten und komplexere Interaktionen wie das Ausfüllen von Formularen ermöglichen. Die Sprachausgabe könnte die Frage vorlesen und die Spracheingabe würde die Antwort verarbeiten und weitergeben. Eventuell lassen sich die Web-Interfaces entsprechend anpassen. Es muss allerdings sehr viel einfacher werden, Schreibfehler zu vermeiden und zu korrigieren.

Gedächnis

Sehen wir einmal von Erkrankungen wie Demenz ab, lässt die Fähigkeit, sich Informationen zu merken im Alter merklich nach, ohne dass eine Erkrankung vorliegen muss. Das Gedächnis ist fürs Internet extrem wichtig: Welchen Link habe ich schon angeklickt, welche Informationen standen im ersten Teil des Textes, was soll ich noch mal bereit legen, wenn ich dieses Formular innerhalb von zwei Minuten ausfüllen muss? Vor allem das Kurzzeit-Gedächnnis ist gefordert.
Einige Sachen gehören schon seit Jahrzehnten zum Alltag: Besuchte Links haben eine andere Farbe als nicht-besuchte Links. Zwischen-Überschriften erleichtern das Überfliegen und Einprägen des Textes. Timeouts sollten ohnehin so gestaltet sein, dass sie niemanden unter Stress setzen. Weitere Hilfen müssen wohl noch entwickelt werden.

Informationsarchitektur

Eines der großen Probleme sehe ich heute und in Zukunft in der sehr komplexen Informationsarchitektur gerade öffentlicher Seiten. Als Normalsterbliche haben wir in der Regel mit den lokalen Behörden zu tun. Sie sind am langsamsten, wenn es um die Umsetzung aktueller Entwicklungen geht. Schaut euch einfach mal die Zahl auf Smartphones benutzbarer Städteportale an. Das ein Großteil des privaten Internetverkehrs heute über Smartphones läuft, scheint bei den Städten noch nicht angekommen zu sein.
Wenn aber ältere Menschen hauptsächlich über Tablets ans Internet herangeführt werden, sind sie damit noch stärker überfordert als wir. Wir alte Hasen schauen uns das Unglück gar nicht an, sondern suchen über Google und hüpfen zumindest zwei Klicks näher an das, was wir benötigen. Doch wer neu im Internet ist, dem sind solche und andere Tricks vielleicht nicht bekannt.
Deshalb muss die Informationsarchitektur von Websites radikal vereinfacht werden.
Optimistisch geschätzt wird auch das eGovernment in den nächsten 30 Jahren in Deutschland eine wachsende Rolle spielen. Der Alptraum vieler Blinder könnte wahrwerden: Ellenlange Webformulare und wenn man es abschicken will, müssen noch drei Captchas gelöst werden, vielleicht möchte ja ein Bot Blindengeld beantragen.
Auch hier ist das Thema radikale Vereinfachung: Formulare werden auf mehrere Seiten segmentiert, nur wirklich relevante Informationen werden abgefragt, ein Wechsel zwischen den unterschiedlichen Segmenten ist ohne Datenverrlust möglich, Inkonsistenzen und Fehleingaben werden sofort gekennzeichnet. Die Logik ist simpel und bestechend und gilt wenn überhaupt hier: Jede Minute, die in die Optimierung gesteckt wird spart ca. 1000 Minuten Arbeitszeit auf beiden Seiten. Wünschenswert wäre eine bundesweite Lösung, dann könnten entsprechend mehr Ressourcen in die Optimierung gesteckt werden. Zudem erleichtert ein einheitliches Informationsdesign das Handling unterschiedlicher Formulare. Schon gut, ich träume weiter.

Integrierte Hilfen gewinnen an Bedeutung

Es ist als positiv zu bewerten, dass alle großen Systeme das Thema Barrierefreiheit in ihren System behandeln. Apple ist hier neben Linux sicherlich Pionier. Microsoft und Google ziehen inzwischen nach. So gibt es in MacOS, Windows, Android, iOS und Linux mittlerweile eine große Bandbreite an Hilfen für Sehbehinderte, Hörbehinderte und Bewegungs-Behinderte. Es fehlen noch Hilfen für Menschen mit Gedächtnisproblemen, aber vielleicht kommt das ja noch.
Am meisten profitieren davon Menshen, die keinen Zugang zu professioneller Hilfstechnik haben oder brauchen. Viele Leute zögern, sich Hilfsmittel anzuschaffen oder wissen schlicht nicht, dass es sie gibt. Es gibt speziell das Problem, dass immer mehr Hilfsmittel entwickelt werden und die Krankenkasse immer weniger bezahlt bzw. eine sowjetisch anmutende Bearbeitungszeit eingeführt hat.
Zumindest bei der Nutzung digitaler Technik profitieren daher die älteren Leute davon, dass die Hilfen schon im System integriert, relativ leicht zu konfigurieren und zu nutzen sind. Der Narrator unter Windows 10 zum Beispiel, der mich ansonsten nicht überzeugt, hat eine für untrainierte Ohren gut verständliche Stimme sowie ein visuelles Menü. Damit ist er für Sehbehinderte leichter nutzbar und die Schwelle ist deutlich geringer als bei NVDA oder Jaws mit seinem verschachtelten Konfigurationsmenü aus der „Wir packen mal alles irgendwo hin, wo Platz ist“-Hölle. Windows hat schon länger einen Assistenten, der die Konfiguration der Bedienungshilfen erleichtert. Hilfstechnik muss insgesamt wesentlich einfacher nutzbar werden.

Auf und ab – warum Qualitätssicherung bei der Barrierefreiheit wichtig ist

Ich werde in meinen Workshops häufig nach Best-Practice-Beispielen für barrierefreie Websites gefragt. Ich muss dann die Zuhörer enttäuschen. Das hat unterschiedliche Gründe. Eine Website kann für eine Gruppe wunderbar funktionieren und für eine andere unbrauchbar sein. Ich habe noch keine Website gesehen, die mich komplett überzeugt hätte.
Der andere Grund ist, dass die Barrierefreiheit von Websites sich tatsächlich täglich ändern kann. Deswegen kann man auch nicht sagen, dass die Barrierefreiheit stetig Fortschritte macht. Zwar hat sich Vieles verbessert. Doch die zunehmende Komplexität von Websites trägt auch dazu bei, dass Barrieren eher zu- als abnehmen. Schauen wir uns dazu ein paar Beispiele an.
Vorneweg: Es liegt mir fern, jemanden an den Pranger zu stellen. Jedoch handelt es sich bei den genannten Firmen um Quasi-Monopolisten auf ihrem Gebiet. Zudem bin ich jeweils Kunde und ich sehe nicht ein, warum ein blinder Kunde offenbar weniger wert ist als ein sehender. Ich habe jeweils Kontakt mit den Firmen aufgenommen und keine oder nur halbgare Antworten erhalten.

Deutsche Bahn

Als Vielfahrer kaufe ich regelmäßig Tickets bei der DB. Der Kaufprozess, ohnehin für Blinde schon komplex, wird aber ständig verändert. Beim letzten Kauf musste man entscheiden, ob man Flexpreis oder Sparpreis auswählen wollte. Nun gab es aber kein Element in diesem Bereich, das für Blinde als anklickbar erkennbar gewesen wäre. Nur durch Ausprobieren konnte man herausfinden, dass man ganz unten im jeweiligen Element die Leertaste drücken musste, um das Element auszuwählen.
Noch schlimmer war, dass man auf der letzten Seite vor dem Abschicken der Bestellung eine Checkbox aktivieren sollte. Leider war die Checkbox für den Screenreader vollkommen unsichtbar.
Das Problem bestand einige Wochen, ist aber mittlerweile behoben. Es stellt sich aber die Frage, warum die Bahn keinen öffentlich sichtbaren Ansprechpartner für Barrierefreiheit hat. Ich hatte noch eine überflüssige Unterhaltung mit @DB_Bahn. Nach dem mich der Social-Media-Mensch minutenlang über das Problem ausgefragt hatte, verwies er mich an irgendeine E-Mail-Adresse, an die ich mich wenden sollte. Das ist Service bei der Deutschen Bahn: Erst ausquetschen, dann auf jemand Anderen verweisen, statt die Meldung direkt weiterzuleiten oder mich von Anfang an auf den korrekten Ansprechpartner hinzuweisen.

DHL/Deutsche Post

Bei der Deutschen Post/DHL finden wir ähnliche Probleme. CAPTCHAs ohne alternnatives Audio, um ein Passwort zurückzusetzen, falsch ausgezeichnete Formularelemente und hyperkomplexe Bestellseiten für Paketmarken.
Ein Negativ-Beispiel ist auch die Packstation, ist zwar keine Website, aber hier werden die Probleme recht deutlich. Früher konnte man den PIN über den haptischen 10er-Block eingeben. Mittlerweile müssen sowohl die Postnummer als auch der PIN über eine Bildschirmtastatur eingegeben werden. Ein Spaß für stark sehbehinderte Menschen. Für Blinde sind die Packstationen gar nicht zugänglich. DHL schafft es also, die Zugänglichkeit wirklich stetig zu verschlechtern. Auch hier weit und breit kein Feedback-Mechanismus oder ein Ansprechpartner für Barrierefreiheit. Bei der Post habe ich deshalb gleich auf eine Kontaktaufnahme verzichtet, auch weil ich nicht den Eindruck habe, dass sie das Thema Barrierefreiheit besonders interessiert.
Barrierefreiheit bei der Deutschen Post/DHL

Deutsche Telekom

Ein leider extrem negatives Beispiel ist die Deutsche Telekom. Die App Connect, die das Einloggen in Hotspots ermöglicht, ist seit dem letzten Update null barrierefrei. Im Ernst, wenn ihr ein Paradebeispiel dafür braucht, wie eine App nicht sein sollte, schaut euch Connect an. Praktisch keine der Informationen ist mit VoiceOver auslesbar. Dieses Kunststück bringt auf iOS sonst kaum jemand fertig. Offenbar hat man sämtliche Guidelines ignoriert, die Apple den Entwicklern zur Hand gibt. Dem Vernehmen nach sind auch andere Apps der Telekom schlecht zugänglich.
Nun habe ich öffentlich und privat an die Telekom geschrieben. Öffentlich gab es keine Reaktion. Auf @Telekom hilft wurde mir mitgeteilt, dass das Problem bekannt sei und mit einem der nächsten Updates behoben wird. Das war am 21. März und bis heute hat sich nichts getan. Das genannte Update erfolgte Anfang des Jahres, wir warten jetzt also fast ein halbes Jahr darauf, dass die App wieder nutzbar ist. Barrierefreiheit ist offenbar ein Beta- oder Gamma-Feature bei der Telekom, vielleicht kümmert man sich morgen drum, vielleicht aber auch nicht. Und natürlich gibts auch bei der Telekom keine Feedbackmöglichkeit oder einen Ansprechpartner für Barrierefreiheit.

Fazit: Das kann es nicht sein

Nun handelt es sich um große Unternehmen, die komplex und träge sind. Doch haben sie dank ihrer Größe auch die ressourcen, um eine vernünftige Qualitätssicherung zu betreiben. Was gehört dazu?

  • Ein Feedback-Mechanismus, bei dem Fragen zur Barrierefreiheit in angemessener Zeit kompetent bearbeitet werden können.
  • die Bereitschaft, Barrierefreiheit als wichtiges Feature zu betrachten, kein großes Unternehmen würde eine fehlerhafte app ein halbes Jahr lang ohne Korrekturen bestehen lassen, aber ohne Barrierefreiheit, das ist halb so schlimm.
  • Ein Prozess der laufenden Qualitätssicherung. Dazu gehört strukturiertes Testing durch automatische Prüfverfahren, qualifizierte Entwickler und behinderte Mitarbeiter sowohl entwicklungsbegleitend als auch im laufenden Betreib.
  • Ein Monitoring von Anpassungen/Veränderung in Hinsicht auf Barrierefreiheit

Natürlich lassen sich Fehler nicht vermeiden. Doch man kann ihre Wahrscheinlichkeit reduzieren und sie bei einer passenden Meldung schnell beheben. Tut man das nicht, nimmt man die Barrierefreiheit nicht wirklich ernst.