Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Mein Rückblick auf die Konferenz „Mit allen Sinnen“ im Historischen Museum Frankfurt

Am 12. und 13.12.2016 durfte ich als Referent an der Konferenz „Mit allen Sinnen“ des Historischen Museums Frankfurt teilnehmen. Hier lest ihr einen kleinen persönlichen Rückblick.
Viele Menschen wissen nicht, dass die Museen in gewisser Weise Vorreiter sind, was Inklusion und Barrierefreiheit angeht. Viele Einrichtungen kümmern sich schon seit Jahren um das Thema und haben so einen Vorsprung vor anderen Einrichtungen.
Auf der anderen Seite kämpfen Museen wie alle Institutionen mit knappen Mitteln.
Aus dieser Perspektive ist es spannend zu beobachten, wie viel die Museen heute schon leisten. Aus allen Beiträgen war der Wille und das Engagement spürbar, Museen inklusiver und zugänglicher zu machen.
Wie meine Leser wissen, bin ich ja eigentlich kein kultivierter Mensch. Zwar habe ich mich als Vorbereitung mit den zahlreichen Leitfäden zu barrierefreien Museen beschäftigt. Aber wie wir wissen ist alle Theorie grau.
Ich bin eher Generalist als Spezialist. Da ich mit dem Thema Kulturvermittlung nicht wirklich vertraut war, war ich in gewisser Weise ein Exot auf der Konferenz. Aber es schadet sicher nicht, auch mal den Blick von außen auf bestimmte Themen zu bekommen.
Meine Herangehensweise an Barrierefreiheit besteht immer in der Aussage, dass von Barrierefreiheit jeder Mensch profitieren kann. Es geht primär um behinderte Menschen. Aber zum Beispiel kann eine Online-Ausstellung nicht nur von Menschen mit Einschränkungen besucht werden. Auch Personen, die ansonsten kein Museum besuchen würden, haben online eine niedrige Einstiegshürde.

Persönliche Einsichten

Ich selber durfte am zweiten Tag den Einführungsvortrag halten sowie am Nachmittag zwei Mal einen Workshop zum Thema digitale Barrierefreiheit durchführen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich selbst in den Workshops am meisten lerne. Heute saßen zum Beispiel zwei Gehörlose in meinem Workshop Da die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Blinden nicht immer ganz einfach ist, habe ich bisher wenig Bezugspunkte zu Gehörlosen gehabt. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es nicht so sehr um das 1:1-Übersetzen geht, sondern die Informationen auch an die Struktur der Gebärdensprache angepasst werden müssen.

Mein Fazit

Alles in allem war es eine sehr gelungene Veranstaltung. Solche Events sind nicht nur wegen der Inhalte interessant. Es geht auch darum, alte Bekannte wieder zu treffen und neue Menschen kennen zu lernen. Als Blinder ist es vor allem spannend, Leute wieder zu treffen, an die man sich selbst nicht mehr erinnert. „Wir kennen uns doch von…“ war einer der häufigsten Sätze, die ich gehört habe.
Den reichhaltigen Input muss ich erst einmal verarbeiten. Auf jeden Fall habe ich viele neue Ideen mitgenommen, die ich im nächsten Jahr ausrollen werde.
Meinen herzlichen Dank an das Historische Museum Frankfurt dafür, dass ich dabei sein durfte.

Einfache Sprache für alle

Kennt ihr diese Situation? Ihr lest einen Text oder hört einen Bericht und versteht nur Bahnhof? Dann willkommen im Club. Mir passiert das fast jeden Tag. Die Lösung für dieses Problem heißt einfache Sprache.

Einfache vs. Leichte Sprache

Viele werden innerlich aufstöhnen. Kommt da schon wieder was Neues, nachdem wir die Leichte Sprache durchgesetzt haben?
Die Leichte Sprache ist zweifellos ein gutes und sinnvolles Konzept. Allerdings hat sie zwei entscheidende Probleme

  • Man darf sie nicht selbst schreiben. Das gilt zumindest, wenn man sich an das offizielle Regelwerk des Netzwerk Leichte Sprache hält. Demnach ist eine Überprüfung durch Menschen mit Lernbehinderung notwendig. Das Geld dafür haben die meisten kleinen Organisationen nicht.
  • Man ist gezwungen, Informationen wegzulassen.

Selbst die Lebenshilfe setzt in ihren lokalen und Landeseinrichtungen keine Leichte Sprache ein.
Beim Erlernen von Sprachen werden drei Fähigkeitsstufen unterschieden: A, B und C, wobei C die höchste Stufe ist. Diese Stufen werden wiederum in 1 und 2 aufgeteilt. Es gibt also insgesamt sechs Stufen: A 1 ist die niedrigste, C 2 die Höchste. Dabei entspricht die Leichte Sprache A 1 und die einfache Sprache A 2 bzw. B 1. Als grobe Orientierung: Die BILD-Zeitung entspricht B 1, der Focus b 2 und die Frankfurter Allgemeine C 1.

Vorteile der einfachen Sprache

Die einfache Sprache hat zahlreiche Vorteile. Sie ist für erfahrene Texter leicht zu erlernen. Sie erfordert keine Prüfung durch Experten, wie es die Leichte Sprache verlangt. Entscheidend ist aber aus meiner Sicht, dass man alles in ihr ausdrücken kann. Wir müssen keine Informationen weglassen, wie es in der Leichten Sprache der Fall ist. Ein Gerichtsurteil in der Leichten Sprache zu beschreiben ist nur rudimentär möglich. In der einfachen Sprache ist das kein Problem.

Wir sind die 66 Prozent

Die Level-One-Studie hat gezeigt, dass die Mehrheit der Bevölkerung Probleme hat, die Alltagssprache zu verstehen. Rund zwei Drittel der Menschen benötigen Texte auf dem Niveau B 1. 95 Prozent verstehen Texte auf dem Niveau B 1.
Auch Blinde profitieren von einfacher Sprache. Sehende haben den Vorteil, dass sie ein großes Stück des Textes auf einen Blick erfassen können. Sie sehen zum Beispiel, wie lang ein Absatz ist oder dass da eine Aufzählung im Fließtext kommt. Blinde sehen im Prinzip nur die Stelle, die sie gerade lesen. Gerade bei höheren Lesegeschwindigkeiten ist es häufig schwierig, längere Sätze zu verstehen. Ein Sehender kann sich kognitiv darauf einstellen, dass ein längerer Satz kommt, ein Blinder kann das nicht. Last not least lesen vor allem frisch Erblindete relativ langsam. Wenn man bei dem Tempo einen langen Satz liest, hat man den Anfang vergessen, wenn man das Ende erreicht hat.

Wer ist die Zielgruppe

Eine weitere Idee hinter der einfachen Sprache ist, dass sie nur dort angewendet wird, wo sie notwendig ist. Wissenschaftliche Texte, die sich ohnehin nur an andere Wissenschaftler richten, müssen also nicht in einfacher Sprache abgefasst werden.
Hat man einen Kreis von Fachleuten als Zielgruppe, ist die Fachsprache tatsächlich die verständlichste Sprache. Einschränkend würde ich sagen, dass auch diese Gruppe sich manchmal verständlichere Texte wünscht, aber das ist ein anderes Thema.
Ein gutes oder vielmehr schlechtes Beispiel liefert die Bundeszentrale für politische Bildung mit ihrem Dossier über Leichte und einfache Sprache. Anatol Stefanowitsch hat einen weitgehend unverständlichen Text über Leichte Sprache geschrieben. Der Text über funktionalen Analphabetismus dürfte für funktionale Analphabeten Kauderwelsch sein. Dieses Dossier ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel bei den Dossiers in der Reihe Aus Politik und Zeitgeschichte. Die BPB hat offensichtlich Fachleute als Zielgruppe.

Verständliche Sprache

Die verständliche Sprache hat in Deutschland einen schlechten Ruf. Vor allem im den USA hat das Konzept der plain language eine längere Tradition. Dort ist es durchaus auch üblich, dass Wissenschaftler allgemeinverständliche Bücher schreiben. So kommt es, dass es heute kein deutsches Regelwerk zur einfachen Sprache gibt. Stattdessen müssen wir auf Regeln aus dem englischen Raum zurückgreifen.
PS: Und bevor jemand fragt: Dieser Beitrag ist keine einfache Sprache.

Mein Rückblick auf das BarCamp Bonn 2016

Gestern fand das zweite Bonner BarCamp statt, an dieser Stelle noch mal ein Dank an das großartige Organisations-Team für den tadellosen Ablauf. Man kriegt ja als Außenstehender nicht so mit, wie viel Arbeit dahintersteckt, aber es dürfte nicht wenig gewesen sein.
Ich bin tatsächlich mit einem speziellen Motiv auf das BarCamp gegangen: Ich hatte in diesem Blog und schon anderswo gesagt: Es ist ganz schön, eigene Barrierefreiheits-Veranstaltungen abzuhalten. Die interessieren aber einen relativ illustren Kreis von Leuten. Normalerweise steigert man sich dort relativ schnell in einen Fach-Diskurs, der für Außenstehende so verständlich wie Mandarin ist. Deshalb ist es eine gute Idee, den Berg zum Propheten zu bringen, da der Prophet nicht zum Berg kommt. Hier noch meine Präsentation als PowerPoint-Datei.

Gesagt getan: Ich habe ja schon einige Vorträge zum Thema digitale Barrierefreiheit gehalten. Bei all diesen Veranstaltungen konnte ich von einem interessierten Publikum ausgehen – wie beim Open Transfer Camp. Oder das Publikum konnte nicht weglaufen wie bei internen Veranstaltungen oder Firmen-Workshops. Es ist also ein Wagnis, sich an Leute zu wenden, die tendenziell nur wenig über das Thema wissen und sich vielleicht gar nicht dafür interessieren. Bei einem BarCamp ist es ja so, dass das Publikum selbst entscheidet, ob eine Session stattfindet oder nicht. Wenn sich keiner dafür interessiert, dann findet auch keine Session statt.
Es waren dann doch Einige, die sich dafür interessiert haben. Ein Gradmesser für die Qualität einer Veranstaltung ist die Zahl an Feedbacks aus dem Publikum. Wenn da nix kommt ist die Gefahr relativ groß, dass sie sich geistig in andere Sphären verabschiedet haben und der Referent sie eingeschläfert hat. Es kamen dann doch einige Rückfragen, so dass ich nicht zu viel Blödsinn erzählt haben dürfte.

Weitere Sessions

Damit der Text nicht so kurz wird, wollte ich noch eine kurze Runde über die Sessions anderer Teilnehmer drehen, die ich besucht habe.
Mit Johanna Schäfer @joscchh sind wir an einem kalten, aber sonnigen Wintermorgen am Posttower durch die Rheinaue gelaufen, wobei sie über ihre Bachelor-Arbeit berichtet hat. Im Kern ging es darum, wie Bonn grüner werden kann.
Kristine Honig @KristineHonig hat darüber berichtet, wie das dezentral organisierte Touristik-Unternehmen tourismuszukunft die Zusammenarbeit gestaltet. Bei solchen Unternehmen, wo der eine in Köln und der nächste auf Mallorca sitzen kann ist natürlich vor allem die soziale Komponente wichtig. Ihr Fazit: Ein dezentrales Unternehmen kann sehr gut funktionieren, wenn die richtigen Leute die richtigen Tools verwenden sowie Kommunikation und Arbeitsabläufe mit den entsprechenden Tools optimiert sind. Es werden zum Beispiel auch gezielt Kontakte zwischen Personen gefördert, die sich in einem konventionellen Unternehmen vielleicht nicht unterhalten würden.
Zwei Jungs vom OK LAB Bonn hatten ihre Idee eines Maker Spaces Bonn vorgestellt. In einem Maker Space geht es darum, dass man Technik-Analphabeten wie mir beibringt, Geräte zu reparieren, deren technischen Aufbau zu erläutern oder eigene Geräte zu bauen. Der Verein ist in Gründung und die Macher suchen gerade eine passende Location sowie erste Geldgeber. Das Publikum hat in dieser Session so viele Tipps geliefert, dass es eigentlich für drei Maker Spaces reichen müsste. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weiter geht.
In der nächsten Session stellte Ralph Grundmann @rgrundmann das Co-Working Bonn vor. Beim Co-Working geht es anders als man vielleicht denkt nicht darum, einen billigen Schreibtisch zu bekommen. Vielmehr ist es quasi Unternehmensatmosphäre für Menschen, die klassischerweise Einzelkämpfer sind. Austausch und das Soziale stehen im Vordergrund. So wurde der Space in Poppelsdorf tatsächlich von den Co-Workern völlig neu und passend zu ihren Anforderungen neu gestaltet.
Die letzte Session von Holger @welovepubs drehte sich um Bonner Bier und Craft Beer. Craft Beer ist ein Teil der Maker-Bewegung, es geht darum, dass Bier lokal gebraut wird, um eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen. Die großen Bier-Marken haben ja nach und nach alle lokalen Biersorten verdrängt und eine lebhafte Bierkultur verschwinden lassen, die durch Craft Beer wieder auflebt. Der Referent hat verschiedene Biersorten aus Bonn vorgestellt. Ich glaube dass das Thema Potential hat in einer Zeit, wo Lokal Produziertes an Bedeutung gewinnt.

Fazit

Für mich hat sich der Besuch des BarCamp auf jeden Fall gelohnt und nicht nur deshalb, weil ich meine Session abhalten konnte. Als Blinder ist man ja immer dankbar für die obligatorische Vorstellungsrunde am Anfang, dann hat man zumindest mal die Stimme der meisten Leute gehört und bekommt dadurch eine ganz gute Vorstellung davon, was sich da für Leute rumtreiben. Was ich mir fürs nächste Mal wünschen würde: Eine etwas barrierefreiere Location für die Veranstaltung. Das Forum Internationale Wissenschaft Bonn scheint mir zumindest für den Eingang, den wir benutzt haben nicht für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer geeignet. Die Türen für die Herrentoiletten waren so schmal, dass ich mit den Schultern an die Türrahmen gestreift bin, also auch nicht rollstuhlgeeignet. Dem Forum stände es auch gut an, Hörschleifen für Schwerhörige bereit zu halten, ich habe allerdings nicht mitbekommen, ob sie so was haben und ob es zur Verfügung gestanden hätte.
Ansonsten war es aber eine runde Veranstaltung und ich bin schon gespannt darauf, ob es nächstes Jahr wieder ein Barcamp in Bonn geben wird.

Soziale Barrierefreiheit – wir schaffen das!

Und wieder geht ein langer Tag mit einem Open Transfer Camp Inklusion zu Ende. Es lohnt sich immer wieder, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an das Orga-Team der Stiftung Bürgermut, das wie immer einen tollen Job gemacht hat.
Meine Session war wie immer fantastisch besucht – aber Scherz beiseite, ich hoffe, ich habe ein paar Leute zur digitalen Barrierefreiheit bekehrt.
Mein Ausflug nach München hat mich wieder mal an die Wichtigkeit sozialer Barrierefreiheit erinnert. Natürlich ist es wichtig, digitale Barrierefreiheit sicherzustellen. Es ist aber vielleicht noch wichtiger, soziale Barrierefreiheit zuschaffen. Was meine ich damit?
Wenn ich in einer fremden Stadt unterwegs bin, nutze ich normalerweise Taxis – die Kosten kann ich zumeist meinem Auftraggeber aufs Auge drücken. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist für einen Blinden sehr stressig. Zunächst muss er überhaupt erst Mal den Haltepunkt finden, also den Busbahnhof oder die S-Bahn-Haltestelle. Dann muss er herausfinden, ob es die richtige Richtung ist. Eingestiegen ist es manchmal schwierig, die Durchsagen zu verstehen, ich behelfe mir dabei, vorher die Zahl der Haltestellen herauszufinden, die zwischen Abfahrt und Ziel liegen und ggf. nachzufragen.
In München habe ich das anders gemacht. Ich habe ein Jahr dort gelebt und es erschien mir absurd, dort ein Taxi zu nehmen. Andererseits ist das schon wieder acht Jahre her und die Gegend, zu der es ging, habe ich nie bewusst betreten.
Obwohl ich mich rudimentär auskannte, musste ich mich durchfragen: Durchfragen zur Straßenbahn-Haltestelle, durchfragen zum Hotel, Durchfragen zum Veranstaltungsort. Lustigerweise kannte ich am Ende als Blinder den Weg zum Veranstaltungsort besser als meine sehenden Kollegen.
Nun muss man wissen, dass es für Blinde oft schwierig ist, nach Hilfe zu fragen. Erstmal müssen sie überhaupt einen Menschen erwischen, was in einer belebten Straße gar nicht einfach ist. Dann gibt es Leute, die keine Lust zu helfen haben.
Nun gibt es Leute, die niemandem helfen würden und Leute, die keine Lust haben, Blinden zu helfen. Ich glaube aber, dass die Mehrheit der Leute durchaus bereit ist, anderen Menschen zu helfen. Sie würden gerne helfen, wissen aber nicht, was sie tun können bzw. wo die Person Probleme hat.
Soziale Barrierefreiheit heißt, bei Nicht-Behinderten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wo es konkrete Barrieren gibt und was man tun kann, um sie zu beseitigen. Das gilt nicht nur für Nicht-Behinderte. Bei vielen Körperbehinderten herrscht Ahnungslosigkeit über die Bedürfnisse Sinnes- oder Lernbehinderter. Das mag auch umgekehrt so sein, das kann ich nicht einschätzen.
Die Sensiblisierung für Barrieren ist ein wichtiges Thema, was auch in allen Sessions angeklungen ist, die ich besucht habe. Es gibt keinen Zauberweg für diese Aufgabe. Vor allem müssen Behinderte stärker in die Mitte der Gesellschaft und ein Stück Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache leisten.
Wichtig ist außerdem, dass mehr Öffentlichkeitsarbeit dazu stattfindet. Ich habe mir einen Google Alert zum Thema Leichte Sprache gesetzt. Es gibt fast täglich Berichte in Lokalzeitunngen über Projekte oder Broschüren in Leichter Sprache. Im Fernsehen wird hingegen in Sendungen ohne expliziten Behinderungsbezug selten etwas über Behinderte berichtet, was über die übliche Opfer-Schematik hinausgeht. Auch die Öffentlich-Rechtlichen machen da keine gute Figur.
Last not least muss man aus den Spezialveranstaltungen heraus und auf Veranstaltungen mit anderen Schwerpunkten gehen. Es gibt ja mittlerweile recht wenige Veranstaltungen mit dem Thema digitale Barrierefreiheit, von dem her haben die Experten mehr Zeit, auf Konferenzen ohne expliziten Behinderungsbezug zu gehen. es gibt z.B. unheimlich viele Konferenzen mit dem Thema Online-Marketing. Warum nicht einmal dort hingehen und den Personen mitteilen, wie schlecht zugänglich ihr Marketing für Sinnesbehinderte ist? Die Barrierefreiheits-Community könnte unheimlich viel zum Thema Usability oder Mensch-Maschine-Interaktion beitragen. Wir haben Sprachausgaben, Spracheingaben oder Eye-Tracking benutzt, lange bevor das iPhone das Licht der Welt erblickte.
Ich will aber nicht verschweigen, dass es schon viele gute Ansätze gibt. OpenStreetMap versucht, barrierefreie Orte zu markieren, es gibt viele Behinderte, die in Schulen gehen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Oftmals kommt es nur darauf an, gute Aktionen weiter zu verbreiten und mehr Leute zu gewinnen, die dabei mitmachen.
Last not least müssen wir bei allen Menschen das Bewusstsein dafür stärken, dass wir alle einmal auf Hilfe angewiesen sind – und das nichts Schlimmes daran ist, nach Hilfe zu fragen oder sie anzunehmen. Ich höre immer wieder, wie Blinde Hilfeangebote relativ schroff abgewiesen haben oder das ein Hilfeangebot als tödliche Beleidigung aufgefasst wurde. Das ist in gewisser Weise verständlich, aber auch schizophren. Man beschwert sich, wenn man ungefragt Hilfe bekommt , dann beschwert man sich, wenn mankeine Hilfe angeboten bekommt. Blinde müssen lernen, Hilfe richtig zu erbitten und auch richtig abzulehnen. Es kommt darauf an, konkrete Fragen zu stellen, freundlich zu sein und nicht die Hilflosigkeit in Person zu spielen, denn zu komplexe Anforderungen überfordern die Leute oftmals. Und man sollte nicht beleidigt sein, wenn die Hilfe nicht oder nicht in der Form kommt, wie man sie gerne hätte. Die Leute sind nicht dazu da, uns von A nach B zu bringen, damit müssen wir leben lernen.

Web 2.0 Rückschritt oder Fortschritt für die Barrierefreiheit im Internet?

Social Media ist fast schon ein alter Hut, entweder ist man dabei oder man lässt es bleiben. Aber hat es der Barrierefreiheit im Internet eigentlich geholfen oder eher geschadet? Das ist ein Beitrag zur Blogparade zum Open Transfer Camp Digitale Barrierefreiheit und Sozialraum.

Die Plattform ist alles

Auch wenn die Barrierefreiheit von Facebook, Twitter, Google+ oder YouTube doch sehr zu wünschen übrig lässt, haben sie doch einen entscheidenden Vorteil: Sie bieten jeweils eine einheitliche technische Plattform. Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.
Es gibt eine unbegrenzt große Zahl an Möglichkeiten, eine Website optisch und technisch zu gestalten. Die Navigation kann horizontal oder vertikal sein, der Content kann links oder rechts stehen, Bilder können an belibiger Stelle stehen, es kann ein Farbschema geben oder auch nicht. Obwohl einige Redaktionssysteme wie WordPress oder Joomla den Markt dominieren und bestimmte Patterns vorherrschen, sind die Gestaltungsmöglichkeiten doch unbegrenzt.
Die Aufgabe, eine bestimmte Info auf einer Website zu finden ist für Menschen mit bestimmten Behinderungen enorm:

  • Blinde suchen sich einen Krampf, wenn sie keine erfahrenen Webnutzer sind.
  • Menschen mit Sprachproblemen haben Schwierigkeiten beim verstehen von Navigation und Content.
  • Menschen mit Lernbehinderung sind oftmals komplett überfordert – und nicht nur sie.

Dagegen stellen die genannten Social-Media-Plattformen ein einheitliches Userinterface zur Verfügung. Die Navi, die Suchfunktion, die Einstellungen und so weiter befinden sich immer an der gleichen Stelle. Wie meine fleißigen Mitleser wissen, ist diese einheitliche Informationsarchitektur einer der Schlüssel der Barrierefreiheit. Deswegen sind Mailinglisten auch so beliebt bei Blinden.

Abschied vom barriereunfreien Web

Das begünstigt die Abwanderung der Selbsthilfe aus dem offenen Web nach Facebook. Am Beispiel der Blindenhilfe kann man das recht gut verfolgen: Vor ein paar Jahren gab es noch zwei bis drei recht gut frequentierte Blinden-Foren im Web. Heute sind fast alle Foren verwaist, in einer guten Woche kommen vielleicht ein bis zwei Beiträge. Auf Facebook gibt es hingegen zwei Blindengruppen mit jeweils deutlich über 1000 Mitgliedernund täglich mehreren Beiträgen.
Behindertenübergreifend gibt es zwei Gruppen für Austausch und Selbsthilfe, die Gruppe „Hilfsmittel und interessante Tipps für Behinderte“ hat über 8000 Mitglieder, die Gruppe „Schwerbehindertenausweis“ über 18000. Daneben gibt es unzählige Gruppen zu einzelnen Behinderungen oder Erkrankunge. Es würde mich sehr wundern, wenn klassische Foren wie MyHandicap oder Rehakids diesen Wandel nicht zu spüren bekommen.
Ein wichtiger, wenn auch nicht entscheidender Faktor für die Abwanderung ist auch die mangelnde Barrierefreiheit dieser Plattformen. Die Forensoftware von MyHandicap ist für Blinde schwierig zu nutzen, in diesem Blindenforum soll man als unangemeldeter Nutzer ein CAPTCHA lösen, das ist vom Forenbetreiber so festgelegt, die Person, die das Forum anbietet, kann nichts dafür. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um eine unüberwindbare Barriere handelt, der Rest der Website ist ebenso wenig barrierefrei.
Der entscheidende Faktor für die Abwanderung ist wie so oft der Netzwerkeffekt: Eine große Plattform zieht immer mehr Leute an. Mehr Leute ziehen mehr Leute nach sich und so weiter. Und wenn man sowieso dort ist und alles so schön einfach ist, warum nicht einfach alles dort erledigen?

Wer zu spät kommt…

Diese Entwicklung dürfte vor allem lokale Einrichtungen wie etwa Beratungsstellen treffen. Oft haben sie das Problem, dass sie von Hilfebedürftigen überrant werden. Das ist für sie aber besser als wenn gar keiner zu ihnen kommt, denn dann wird die Beratungsstelle sehr schnell geschlossen.
Diese Organisationen hatten sich bereits mit der ersten digitalen Umwälzung schwer getan: Der Entwicklung des World Wide Web. Sie haben unglaublich lange gebraucht, um eine Website aufzubauen. Das erkennt man unter anderem daran, dass viele dieser Einrichtungen bis heute eine Free-Mail-Adresse oder eine Adresse von T-Online statt eine generische verwenden. Würdet ihr eine Einrichtung ernst nehmen, die caritasburscheid@gmx.de statt info@caritas-burscheid.de verwendet?
Auch der dritte Trend wurde von vielen Organisationen verschlafen: Das mobile Web. So ist nach einer kleinen – nicht repräsentativen – Stichprobe von mir kaum eine der lokalen Einrichtungen mobile friendly. Kurioserweise sind auch die Organisationen auf Landes- und Bundesebene nicht für Smartphones geeignet. Ihre Barrierefreiheit ist nebenbei bemerkt ebenfalls nicht state of the art. Sie scheinen vielfach in der Mitte der Nullerjahre stehen geblieben zu sein. Auf allen Ebenen fehlen durchgängig Infos in Leichter Sprache und Gebärdensprache.
Nach meiner rein subjektiven Einschätzung – Zahlen gibt es leider nicht nutzen Behinderte überdurchschnittlich stark mobile Endgeräte. Das liegt daran, dass der Zugang zur Technik und zum Internet dadurch wesentlich erleichtert ist, zu schweigen davon, dass mobiles Internet schon relativ günstig zu haben ist.
Bedenkt man last not least, dass Google plant – oder vielleicht schon umgesetzt hat – für mobile Sucher bevorzugt mobil-freundliche Inhalte anzuzeigen begreift man schnell, in welcher Problemlage sich die Einrichtungen befinden: Sie werden von mobilen Usern bald gar nicht mehr gefunden.

Fazit

Mein Fazit fällt gemischt aus. Die großen Social-Media-Plattformen sind nur teilweise barrierefrei, werden aber fleißig von Behinderten genutzt. Die Websites vieler Organisationen sind weder barrierefrei noch für mobile Endgeräte geeignet, werden aber oftmals links liegen gelassen. Es lässt sich kaum argumentieren, warum eine Website, die kaum genutzt wird noch modernisiert werden sollte. Vielfach scheint es auch einfach am technischen Sachverstand in den Organisationen zu mangeln.
Hinzu kommt natürlich, dass Ressourcen immer knapp sind. So wie man eine Website heute nicht mehr vom Neffen in der Mittagspause zusammenfrickeln lässt, kann auch ein Social-Media-Auftritt nicht nebenbei zusammengestückelt werden. Man braucht eine Strategie, Personal und Content und das wollen Viele nicht bereit stellen. So verschwindet man also auf beiden Plattformen – im offenen Web und im Web 2.0.
Last not least: Wenn keiner mehr die Websites besucht, beschwert sich auch kein Oliveira mehr über sinnfreie Captchas, alternativtextlose Bilder und hakelige Flyout-Navigationen. Der Druck, barrierefrei zu werden verringert sich – die Besucherzahlen auch, aber was solls, Besucher nerven eh nur.
Das Web 2.0 hat also zwei gegenläufige Tendenzen ausgelöst: Einerseits ist der Druck von den Einrichtungen genommen, sich um Barrierefreiheit zu kümmern. Anderseits drohen sie, im Web – und damit auch in der Wirklichkeit – unsichtbar zu werden. Wie sie mit dieser Entwicklung umgehen, bleibt eine spannende Frage.

Barrierefrei bloggen

barrierefrei bloggen Blogs sind nicht mehr der letzte Schrei, haben sich aber als Medium etabliert. In diesem Beitrag bekommt ihr einige Tipps, wenn ihr barrierefrei bloggen möchtet.
Barrierefrei bloggen lässt sich in einem doppelten Sinne verstehen: Es gibt zum einen behinderte, die bloggen möchten, zum anderen kann man Content für Behinderte optimieren. Um dem plakativen Titel gerecht zu werden, gehe ich auf beide Themen ein.
Als Behinderter bloggen
Wer sich nicht mit der Technik herumschlagen möchte, findet generell zwei große frei gehostete Lösungen im Internet: Blogger.com im Eigentum von Google sowie wordpress.com betrieben von den Entwicklern von WordPress. Generell scheinen beide Lösungen für Behinderte zu funktionieren, wobei WordPress vor allem für Blinde besser geeignet zu sein scheint.
Wordpress kann außerdem selbst gehostet werden, bei der Funktionalität unterscheiden sich beide Versionen nicht großartig.
Wordpress ist in den Grundzügen für Blinde und Tastaturnutzer gut bedienbar: Das heißt schreiben, editieren und verwalten von Beiträgen. Dabei ist es von Vorteil, wenn man HTML oder eine andere Auszeichnungssprache beherrscht, damit man die Beiträge korrekt formatieren kann. Der Texteditor TinyMCE ist zwar prinzipiell bedienbar und per Shortcuts verwendbar, aber doch ein wenig hakelig. Außerdem bietet er nicht von Haus aus alle Editier-Funktionen, die man braucht, es fehlt zum Beispiel ein Befehl für Zwischenüberschriften.
Größere Schwierigkeiten kann es beim Thema Design sowie der Mediathek geben. Die Organisation der Menüstruktur sowie das Ziehen der Widgets ist im Wesentlichen für Mausnutzer optimiert. Bei der Mediathek kann es ähnliche Probleme geben. Hier ist zu überlegen, ob man sich als Blinder die Hilfe von Sehenden holt.

Content für Behinderte optimieren

WordPress bietet von Haus aus einige nützliche Funktionen, um Inhalte für Behinderte zu optimieren.
Zunächst solltet ihr die Erweiterung TinyMCE Advanced installieren, sie bietet wesentlich mehr Editierfunktionen als der Standardeditor. Verzichtet bitte auf das Fetten oder Kursivstellen von hervorgehobenen Text. Mit TinyMCE Advanced könnt ihr Zwischenüberschriften erstellen, Abkürzungen und Akronyme auszeichnen sowie Listen korrekt formatieren. Zu vermeiden sind unterschiedliche Schriftgrößen und Schriftfarben im Fließtext, das ist nicht nur nicht barrierefrei, sondern sieht auch unprofessionell aus.
Wenn ihr Bilder in die Mediathek hochladet, könnt ihr bereits an dieser Stelle einen Alternativtext einfügen und speichern. Der Alt-Text ist dann hinterlegt und wird bei der nächsten Verwendung des Bildes automatisch eingefügt.

Nützliche Plugins

Mit der Erweiterung WP Accessibility könnt ihr ein paar kleine Funktionen für WordPress nachrüsten. So gibt es eine Funktion zur Schriftvergrößerung sowie eine einschaltbare Kontrastansicht. Eigentlich gelten solche Erweiterungen als unerwünscht, weil weil sie nicht immer einwandfrei funktionieren. Aber großen Schaden richten sie auch nicht an.
Der WordPress Access Monitor hilft dabei, den WordPress-Blog auf Barrierefreiheit zu überprüfen.
Mit Hurraki View werden Begriffe aus den eigenen Texten mit dem Wörterbuch von Hurraki verlinkt. Hurraki ist ein Wörterbuch, das schwierige Begriffe in einfacher Sprache erläutert.
Weitere Tipps werde ich bei Bedarf ergänzen.

Die Zukunft der Bildbeschreibung Teil II – komplexe Bilder beschreiben

Ein mit bunten Buchstaben dekorierter ZaunIm ersten Teil habe ich dargestellt, dass der Alternativtext heute nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Für dekorative Bilder ist er in der Regel ausreichend. Allerdings ließe sich der Prozess der Bildbeschreibung für solche Bilder weitgehend automatisieren.
Anders sieht es bei komplexen Grafiken aus. Für ein Diagramm kann mit einem Alternativtext bestenfalls seine grobe Tendenz beschrieben werden. Im Folgenden möchte ich ein paar Ansätze vorstellen, wie sich das Problem lösen lässt.

Navigierbare Beschreibungen

Für komplexe Grafiken erscheint es am sinnvollsten, wenn man sie mit einem Teil des HTML-Standards beschreiben könnte. Das heißt, wir haben Überschriften, Paragraphen, Tabellen und die weitere Elemente. Für Sehende wären diese Beschreibungen natürlich nicht oder nu auf Anforderung sichtbar.
Der Vorteil besteht darin, dass wesentlich mehr strukturierte Informationen untergebracht werden können als in einem simplen Alternativtext oder einer Long Description. Ich fände es auch nicht schlecht, wenn diese Beschreibung optional auch von hochgradig Sehbehinderten oder visuellen Analphabeten gelesen werden könnte. Zumindest für Blinde könnte man das heute schon umsetzen, in dem man Techniken einsetzt, die Inhalte aus dem für Sehende wahrnehmbaren Bereich der Seite verschieben. In der Regel ist es aber besser, sich an die Standards von HTML zu halten.
Eine Möglichkeit für quantitative Diagramme, die aus einer Tabelle erzeugt wurden besteht darin, die Tabelle in der Grafik zu hinterlegen. In PDFs werden oft aus Platzgründen Tabellen weggelassen, doch sie bieten sowohl für Sehbehinderte als auch für Blinde die beste Alternative zu einer solchen Grafik. Auch hier sollte es möglich sein zu tricksen, in dem man zum Beispiel der Tabelle eine Ausdehnung von 0 Pixel gibt, aber korrektes HTML zur Auszeichnung einsetzt oder indem man sie einfach aus dem sichtbaren Bereich schiebt.

Beschreibung von Einzel-Elementen

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die relevanten Segmente von Vektorgrafiken einzeln zu beschriften und für Screenreader zugänglich zu machen. Ich stelle mir vor, dass man dann mit den Cursortasten des Computers zum Beispiel ein Organigramm systematisch durchgehen kann. Oben steht die Geschäftsführung, mit einem Druck auf Pfeil runter landet man in der zweiten Führungsebene, mit links und rechts kann man sich in dieser Ebene bewegen, mit Pfeil runter geht man in die zweite Führungsebene und so fort. So ließen sich auch Logistikketten und andere komplexe Grafiken erschließen. Für das Verständnis nicht relevante Elemente wie Verbindungslinien sollten für den Screenreader ausgeblendet werden. Formate wie SVG sind ohnehin textbasiert, so dass sich solche Informationen problemlos unterbringen ließen.

Alternativen sind unabdingbar

Wie auch immer die Lösung aussehen wird, klar ist, dass wir Alternativen zum Alternativtext brauchen. Komplexe Grafiken spielen für fast alle Arbeitnehmer sowie Studierende eine große rolle. Die Anforderungen können vom Alternativtext nicht abgedeckt werden.

DRM und Barrierefreiheit

Die beste Nachricht seit langem, finde nicht nur ich. Der große Publikumsverlag Random House sagt Adieu zu hartem DRM bei eBooks. Der Druck auf die restlichen Verlage, sich vom hartem DRM zu verabschieden dürfte damit steigen.
Kurz zur Erklärung: Als hartes DRM werden Schutzmechanismen bezeichnet, die einen Inhalt verschlüsseln. Um den Inhalt zu entschlüsseln, ist ein spezielles Gerät bzw. eine spezielle Komponente oder Software erforderlich. Beim weichen DRM ist die Datei generell unverschlüsselt, aber etwa durch ein eingebettetes digitales Wasserzeichen gekennzeichnet. Über das Wasserzeichen soll es möglich sein, den Käufer zu identifizieren, so dass er kein Interesse daran hat, die Datei unbefugt an Dritte weiterzugeben.

Der erste Versuch: Adobe Digital Editions

Adobes DRM ist aktuell das am weitesten verbreitete DRM im Bereich digitaler Bücher. Zum Lesen solchermaßen geschützter Dokumente benötigt man das Programm Adobe Digital Editions und muss den eigenen Rechner dort registrieren.
Da ich mal die On-Leihe meiner Bibliothek ausprobieren wollte, habe ich also mal versucht, meinen Computer mittels ADE zu registrieren.
Was soll ich sagen, es hat nicht geklappt. Der Fortschritttsbalken rollte von links nach rechts, aber ansonsten passierte nichts. Wo lag das Problem? Keine Ahnung. Gab es Hilfsstellung zur Lösung des Problems durch Adobe? Nein. Das wars also mit ADE.

Der zweite Versuch – Audible

Audible hat sich nebenbei zum größten Online-Anbieter im Bereich digitaler Hörbücher gemausert. Dabei setzt Audible sein eigenes Format ein, das von wenigen MP3-Playern unterstützt wird und von vielen Smartphones.
Auch hierfür muss ein spezielles Programm von Audible geladen werden, auch hier muss der Rechner autorisiert werden, den man fürs Herunterladen der Hörbücher verwenden möchte. Warum? Keine Ahnung.
Auch hier scheiterte ich gnadenlos. Keine Autorisierung meines PCs, keine Autorisierung meines Android-Smartphones möglich.
Der Ehrlichkeit halber sollte ich dazu sagen, dass diesmal Amazon schuld war, der Login bei Audible erfolgt über das Amazon-Konto. Ist mir aber egal, verschwendete Lebenszeit ist verschwendete Lebenszeit.

Fazit

Ich gehöre nicht zu den Hardlinern, die jede Form von Kopierschutz ablehnen. Ich möchte mich aber auch nicht in den goldenen Käfig von Amazon, Apple oder Google sperren und denen die totale Herrschaft über gekaufte Inhalte einräumen. Ich finde es durchaus legitim, die Interessen der Verkäufer zu schützen, aber DRM in der jetzigen Form ist ein Holzweg.
Die beiden Beispiele zeigen , wie hartes DRM zur Barriere werden kann. Ein technisch unaffiner Mensch wird schon von der Komplexität der Programme und dem Aufwand zur Registrierung überfordert sein. Hinzu kommt, dass die Software zur Nutzung der Titel oft nicht barrierefrei ist. Adobe hat sich erst relativ spät um die Barrierefreiheit von ADE gekümmert, bei Amazon muss man tatsächlich eine bestimmte App für den PC herunterladen, die angeblich zugänglich ist, aber doch einige Bugs für Screenreader enthält. Hörbücher in MP3 könnte ich für meinen Opa auf den Stick ziehen, bei Audible müsste ich ihm erst beibringen, wie er ein Smartphone bedient, denn sprechende Audible-Player sind Mangelware.
Ärgerlich wird es, wenn bestimmte Titel nur noch bei bestimmten Anbietern erhätlich sind. Apple und Co. versuchen über Exklusiv-Verträge und Eigenproduktionen, ein Alleinstellungsmerkmal zu bekommen. Audible-Titel gibt es außerhalb oft nur in gekürzter Fassung oder auch gar nicht.
Deswegen hoffe ich und viele andere Blinde mit mir, dass die Publisher sich endlich von hartem DRM verabschieden.

Warum ich Werbeblocker hasse und sie trotzdem einsetze

Werbung im Internet ist nervig. Man kann sie nicht mal nutzen, um aufs Klo zu gehen oder sich was zu essen zu holen, wie wir es noch zu Zeiten des Privatfernsehens machten.
Aber sie ist auch traurige Notwendigkeit. So ein Webauftritt finanziert sich leider nicht selbst. SpOn und Co. erhalten auch kein Geld aus dem übervollen Gebührentopf der Öffis. Irgendwer hat einige Stunden investiert, damit wir die Artikel lesen können und es ist nur fair, dass wir dafür in Form von Werbung bezahlen. Hand aufs Herz, wer von euch wäre bereit, zehn Euro für jedes Medium pro Monat zu bezahlen, dass ihr regelmäßig konsumiert? Ich selbst werde regelmäßig von irgendwelchen Leuten kontaktiert, die mich offenbar mit Mutter Theresa verwechseln und sich selbst für die Armen der Welt halten. Tut mir leid, ich bin das nicht, ich möchte Geld dafür sehen. Und das wollen die Medien-Macher auch. Nichts ist nerviger als Leute, die alles umsonst und auch noch mundgerecht aufbereitet haben wollen.
Aber trotzdem sehe ich mich gezwungen, einen Werbeblocker einzusetzen. Genauer gesagt verwende ich die Browser-Erweiterung NoScript und zwar aus reiner Notwehr. Blinkende Animationen stören mich nicht, dafür kryptische Zeichenketten, die mitten im Text auftauchen und meinen Screenreader zum Stolpern bringen. Wenn der Screenreader zum Beispiel eine URL erkennt fängt er an, sie zu buchstabieren. Ich bin durchaus schon auf Zeichenketten gestoßen, die mehrere hundert Zeichen umfassten, womit der Screenreader durchaus einige Minuten beschäftigt ist.
In letzter Zeit stoße ich wieder vermehrt auf Browserfallen: Der Screenreader bleibt an einer Stelle hängen und weigert sich, weiter zu gehen. Auch das tritt typischerweise bei Werbe-Bannern oder Social-Media-Skripten auf.
Werbung bremst, wie im Prinzip jedes Element den Screenreader aus. Bei manchen Seiten kann es durchaus 20 bis 30 Sekunden dauern, bis die Website vom Screenreader geladen ist. Ich vermute, dass es vor allem schlecht programmierte Werbung ist, denn das Problem tritt bei bestimmten Webseiten wesentlich stärker auf als bei anderen. Aktuell gibt es etwa Probleme beim IT-Nachrichtendienst WinFuture, die t3n war eine Zeitlang gar nicht aufrufbar. Da ich Flash deinstalliert habe kann dies nicht die Ursache sein.
Unter diesen Umständen ist ein Skript-Blocker reine Selbstverteidigung. Werbung nervt nicht, sie behindert mich. Dass die Werbung an sich nicht barrierefrei im Sinne von für Blinde verständlich und wahrnehmbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Auch Sicherheitsaspekte lasse ich einmal außen vor.
Nun ist die Gruppe blinder Nutzer relativ klein und die Branche wird unsere Werbe-Blockade recht gut verschmerzen. Doch auch andere Menschen werden durch Werbung behindert und sind gezwungen, Blocker zu verwenden: Sehbehinderte, die nicht wissen, wie sie die Layer wegklicken können, Epileptiker, die durch Blinken und Flackern Anfälle bekommen können oder ADHSler, die durch das Klicki-Bunti abgelenkt werden.
Natürlich muss Werbung in gewisser Weise stören, das ist eines ihrer Grundprinzipien. Aber sie darf den Nutzer nicht behindern.

Die Enttabuisierung von Hilfsmitteln

Die Wenigsten von euch wissen, dass ich eine massive Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr habe, eine Behinderung kommt selten allein. Deshalb war ich jetzt gezwungen, mich mit dem Thema Hörgeräte zu beschäftigen.
Diese unscheinbaren Geräte kosten eine Stange Geld. Die Hörgeräte-Akkustiker verdienen aber nicht nur ordentlich Geld mit den Standard-Geräten. Sie verdienen vor allem Geld mit den eitelkeiten und Ängsten der Leute.
Schaut einmal in einen beliebigen Hörgeräte-Katalog. Dort wird weniger mit der Langlebigkeit oder den Hör-Eigenschaften der Geräte geworben als damit, dass die Geräte fast unsichtbar sind. Natürlich kostet so ein fast unsichtbares Gerät gleich mal das Dreifache, die Preisaufschläge beginnen so bei 600 Euro und sind nach oben hin offen. Es muss wohl nicht betont werden, dass die Krankenkassen diese Aufschläge nicht übernehmen.
Nun ist meine Behinderung ohnehin nicht zu übersehen und es schert mich nicht, noch ein paar Prothesen mehr zu tragen. Mich interessiert eher, was das über die Gesellschaft sagt. Wir sind noch lange nicht so weit, Behinderung zu akzeptieren, wenn sich die Leute davor scheuen, eine Prothese oder ein Hörgerät zu benutzen.
Die Eitelkeiten und Ängste der Leute schaden den Betroffenen selbst am meisten. Eine unbehandelte Körperschädigung kann dazu führen, dass sich der Schaden verschlimmert, dass ist sogar eher die Regel als die Ausnahme. Wer schlechter sieht, strengt seine Augen mehr an und erhöht dadurch die Schädigung. Wer schlechter hört, vermeidet soziale Anlässe, durch die mangelnde Stimulation des Ohrs verlernt es allmählich das korrekte hören. Bei körperlichen Behinderungen dürfte es ähnlich aussehen.

Es geht auch anders

Das muss aber nicht sein. Nehmen wir das Beispiel Brille. Die Brille hat sich von einer Streber-Symbol zu einem Mainstream-Objekt gewandelt. Früher waren eher unauffällige Brillen angesagt, heute sind sie eine modisches Assesvoire. Da kann sicher noch mehr passieren, es sollte zum Beispiel mehr Models mit Brille geben. Aber das ist ein anderes Thema, Werbung und Film leben nach wie vor vom Perfektionswahn und entfernen sich eher von der Alltags-Wirklichkeit, als dass sie sich ihr annähern.
Auch Rollatoren und Rollstühle sind heute stärker in der Öffentlichkeit zu sehen als es früher der Fall war. Auch hier kann sicher noch mehr passieren, aber wir sind auf einem guten Weg.

Zeigt her eure Prothesen

Nun ist es Zeit, den Umgang mit Prothesen zu verändern. Die modische Gestaltung von Hilfsmitteln wäre ein wichtiger Aspekt. Aus dem Brillen-Beispiel lernen wir, dass ein ansprechendes Design von Prothesen vielen Betroffenen die Akzeptanz erleichtert.
Die Sensibilität in der Gesellschaft muss erhöht werden. Ich persönlich glaube, dass das weniger eine Aufgabe der Gesellschaft ist, sondern dass die Behinderten stärker in der Pflicht sind. Wer freundlich darauf hinweist, dass er schwerhörig/blind/gehbehindert ist und dem Gegenüber klar, aber freundlich mitteilt, was er von ihm erwartet, wird er meistens auch diese Hilfe bekommen. Ich bin ja recht viel unterwegs und meine, dass sich Vieles schon gewandelt hat. Auch, wenn noch viel zu tun ist. Wir werden diese Probleme aber nicht lösen, indem wir uns zurückziehen oder menschliche Interaktion durch Technik ersetzen.
Ich sehe vor allem die Geburts-Behinderten in der Pflicht, dabei mit positivem Beispiel voranzugehen. Es ist verständlich, dass frisch Behinderte größere Schwierigkeiten damit haben und wir können ihnen das erleichtern, in dem wir mit gutem Beispiel vorangehen.
Zu wünschen wäre auch ein Outing. Wahrscheinlich tragen viele unserer geliebten Stars und Lieblingssportler ein Hörgerät und es wäre zu wünschen, dass sie sich dazu bekennen. Der Homosexuellen-Bewegung hat es sicher geholfen, dass viele Politiker öffentlich erklärt haben, homosexuell zu sein. Bei Behinderung hat das bisher nicht stattgefunden. Manche würden wahrscheinlich sogar eine Behinderung verschweigen, die für jeden sichtbar ist.
Ich möchte niemanden zwingen, sich zu seiner Behinderung zu bekennen, wenn er das nicht möchte. Ich möchte nur zeigen, dass wir uns zumeist selbst am meisten schaden, wenn wir die Behinderung verstecken.