Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Jeder nur ein Kreuz – behindert zur Wahl des EU-Parlaments

In wenigen Wochen stehen die Wahlen zum EU-Parlament an. Heute möchte ich meine behinderten Mitleser nicht nur dazu ermutigen, mitzuwählen und das Parlament nicht den Menschenhassern und Faschisten zu überlassen. Wenn ihr die Möglichkeit habt, solltet ihr ins Wahllokal gehen und nicht an der Briefwahl teilnehmen. Ich werde es auch machen.
Dafür gibt es zwei Gründe: Der profane ist, dass ich vergessen habe, die Wahlunterlagen rechtzeitig anzufordern.

Der weniger dämliche ist, dass ich es für wichtig halte, Gesicht zu zeigen. Oder vielmehr, Blindenstock, Rollstuhl und Rollator zu zeigen. Um das zu erklären muss ich ein wenig ausholen.

Zeigt her eure Hilfsmittel

Barrierefreiheit wird noch heute primär als Behindertengerechtigkeit verstanden und auch verkauft. Statt die Vorteile für alle Nutzer aufzuzeigen erweckt man nach wie vor den Eindruck, man würde uns einen Gefallen tun, wenn man eine Rampe über die Stufe legt. Das wirkt sich auch auf die Wahl aus: die Wahl kann nicht zum Event der junge Familie werden, weil die Eltern mit dem Kinderwagen nicht reinkommen.

Eine Ursache der mangelnden Barrierefreiheit dürfte darin bestehen, dass Behinderte in der Gesellschaft nach wie vor kaum sichtbar sind. Die Verantwortlichen und auch die Unverantwortlichen haben keine konkrete Person vor Augen, wenn sie an Barrierefreiheit denken sollen. Wir lachen gerne darüber, wenn ein Webmaster behauptet, seine barriereunfreie Website würde nicht von Behinderten besucht. Aber für viele Kleinunternehmer wie Frisöre, Kneipenwirte oder Shopbetreiber ist das Realität: sie haben nie einen Kunden mit sichtbarer Behinderung zu Gesicht bekommen, auch wenn ihr Geschäft generell zugänglich ist.

Nach wie vor ist es wahrscheinlich, dass die Wahlleiter und auch die Crews in den Wahllokalen den ganzenTag keinen Menschen zu Gesicht bekommen, egal, wie barrierefrei ihr Lokal ist. Die Frage darf ja nicht laut gestellt werden, schwingt aber unterschwellig immer mit: Warum sollen wir uns die Mühe machen, wenn die eh alle Briefwahl machen oder gleich gar nicht wählen?

Ich kann natürlich verstehen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht das Abenteuer auf sich nehmen will, vor Ort die böse Überraschung zu erleben, dass er an der Schwelle des Wahllokals nicht weiterkommt. Auch Blinde oder Sehbehinderte wollen lieber in Ruhe zuhause ihr Kreuzchen machen, statt sich unter unnötigen Zeitdruck zu setzen. Dann bleibt aber die Frage: Warum das Wahllokal barrierefrei machen? Wir können diese Frage noch ausweiten: Wofür brauchen wir barrierefreie Märkte, wenn wir eh alles im Internet kaufen? Warum soll das Kino barrierefrei sein, wenn man sich eh alles übers Internet reinzieht? Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Es geht nicht um das ökonomische Argument, dass sich jede Investition in x Jahren amortisieren muss. Es geht darum, dass Bewusstsein für Behinderung zu wecken und überhaupt die Notwendigkeit für Barrierefreiheit bewusst zu machen. Ob es nun eine oder zehn Millionen Behinderte sind, Zahlen in dieser Größenordnung sind immer unbegreiflich. Manchmal reicht es aber aus, einen einzigen Behinderten persönlich zu kennen, um zu verstehen, was Barrierefreiheit bedeutet.
Ein großer Erfolg der Behindertenbewegung ist, dass rund 80000 Menschen, die unter vollständiger Betreuung stehen, an der EU-Wahl und den folgenden Wahlen teilnehmen können. Behinderung wirkt also.
Auch würde ich es gerne sehen, wenn es behinderte Wahlhelfer gäbe. Bei Blinden könnte es schwieriger werden, das kann ich schlecht einschätzen. Aber Personen im Rollstuhl, Gehörlose oder mit Down-Syndrom sollten im Wesentlichen problemlos unterstützen können, vorausgesetzt, das Wahllokal ist barrierefrei.
Deshalb werde ich am 26. Mai 2019 meinen Stimmzettel in meinem Wahllokal ausfüllen und ich hoffe, ihr macht das auch.

Online-Banking für Blinde

Nummernfeld zur Eingabe von GeheimzahlenLeider ist der Super-GAU eingetreten. Die EU hat die Bankinstitute dazu verpflichtet, die iTans abzuschaffen. Die Banken haben – man muss es klar sagen – das Thema Barrierefreiheit für Blinde verschnarcht, so dass das Online-Banking für viele Blinde nicht mehr möglich ist. Aus diesem Anlass muss ich diesen Artikel aktualisieren. Aufgrund des ursprünglichen Artikels von 2015 haben mich zahlreiche Anfragen von Blinden erreicht. Leider kann ich Ihnen nicht im Detail weiterhelfen, da ich nur die Banking-Anwendungen kenne, die ich selber nutze. Bitte beschweren Sie sich direkt bei Ihrer Bank und zwar lautstark, eine andere Sprache scheint man dort nicht zu verstehen.

Sparkasse

Die Apps der Sparkasse sind nach jetzigem Kenntnisstand – also am 30.04.2019 – nicht barrierefrei, wie ich den diversen Blindenforen entnehmen durfte. Das scheint sowohl für iOS als auch für Android zu gelten. Das Problem soll mit dem nächsten Update behoben werden.
Da ich kein Kunde der Sparkasse bin, kann ich leider nichts zum Webportal und zu den Apps sagen. Bitte erkundigen Sie sich direkt bei Ihrer Bank, ob es Verfahren wie die SMS-TAN oder alternativen gibt.

Ing DiBa

Die Ing – wie sie sich mittlerweile nennt – hat ebenfalls größere Probleme. Es geht hauptsächlich um Lightboxen, die sich für Tastatatur-Nutzer nicht entfernen lassen und für Blinde nicht erkennbar sind. Sind diese Dialogboxen aufgeklappt, lässt sich die Webseite zwar erkunden, aber nicht bedienen.
Es gibt die App BankingtoGo, die allerdings für das komplette Online-Banking gedacht ist. Da ich das Banking über den PC mache, werde ich diese App nicht nutzen. Derzeit steht noch das SMS-TAN-Verfahren zur Verfügung, das sollte für Blinde mit sprachbegabten Handys im Augenblick das einfachste Verfahren zur Freigabe von Transaktionen sein. Allerdings bin ich nicht sicher, wie lange das SMS-Verfahren noch angeboten wird.

DKB

Die DKB hat einige unbeschriftete Elemente, aber das Webportal funktioniert im Großen und Ganzen. Die iOS-App zum Freigeben der Transaktionen funktioniert mit VoiceOver. Die Android-App ist dem Vernehmen nach derzeit nicht barrierefrei. Die DKB ist also für iOS-Nutzer eingeschränkt empfehlenswert.

Commerzbank/commdirect

Bei der Comdirect/Commerzbank funktioniert das Webportal im Wesentlichen, auch wenn es durch zu viele Optionen sehr unübersichtlich ist. Leider kriegt es die Bank im Webportal nicht hin, vernünftige Fehlermeldungen auszugeben.
Die App zur Freigabe der Transaktionen ist auf iOS gut nutzbar, zur Android-App kann ich leider nichts sagen. Ein großes Manko gibt es: Man soll mit der App einen QR-Code vom Bildschirm abscannen. Das geht blind, ist aber in jedem Fall eine Herausforderung. Bei kleineren Bildschirmen kann es sein, dass der QR-Code außerhalb des sichtbaren Bereiches ist, für Blinde nur schwer herauszufinden. Für Sehbehinderte mit Farbveränderungen ist das Verfahren nicht nutzbar, da der QR-Code nur in den Original-Farben richtig erkannt wird.

Alternativen

Weitere Banken und deren Portale kenne ich leider nicht und kann nichts weiter dazu sagen. Fragen Sie am besten direkt dort nach, wenn Sie betroffen sind.
Bei den sprach-basierten TAN-Generatoren gibt es das Problem, dass meines Wissens ein Code vom Bildschirm abgescannt werden muss. Das ist mit so einem Gerät noch schwieriger als einen QR-Code mit der Smartphone-Kamera zu erfassen.
Einige Banken bieten nach wie vor das Telebanking an. Für Blinde vielleicht aktuell das barrierefreieste Verfahren.
Mir wurde von anderen Blinden die Software Banking4 empfohlen. Damit kann man auch mehrere Girokonten unterschiedlicher Banken verwalten. Leider hatte ich noch keine Zeit, es zu testen.

Fazit

Leider muss ich feststellen, dass in diesem Fall auf allen Ebenen versagt wurde:

  • Die EU hätte die Banken verpflichten müssen, zumindest eine kostenlose barrierefreie und blindengerechte Lösung zum Freigeben der Transaktionen anzubieten.
  • In den Banken haben die Technik-Verantwortlichen offenbar total versagt. Dass man im Jahr 2019 diesen Personen noch erklären muss, was Barrierefreiheit bedeutet und dass man Bank-Transaktionen ohne Hilfe Sehender durchführen können sollte, spricht glaube ich für sich. Einige Kundenberater dieser Banken empfehlen ernsthaft, sich die Hilfe von Sehenden zu holen, offenbar haben sie den Sinn ihrer eigenen Sicherheitsmaßnahmen nicht verstanden.

Leider muss ich den Schluss ziehen, dass es den Banken am Willen und am Interesse fehlt, Barrierefreiheit für Blinde umzusetzen.

Was die Wissenschaft aus Behinderungen lernen kann

mikroskopIn diesem leicht überarbeiteten Beitrag aus meinem Buch „Was ist Blindheit“ möchte ich zeigen, welchen Beitrag Behinderung bei der medizinischen und kognitiven Forschung leistet.
Da ich mich nur mit Blindheit ausreichend auskenne, werde ich nicht auf andere Erkrankungen eingehen. Allerdings dürften auch für Gehörlosigkeit, Bewegungs-Unfähigkeit oder psychische Erkrankungen ähnliche Annahmen gelten. Wer es im Detail von Fachleuten wissen will, dem seien die Bücher von Oliver Sacks und V.S. Ramachandran empfohlen.

Blindheit als Studienobjekt

Blindheit wird schon seit langem wissenschaftlich untersucht. Es geht vielfach darum, die Ursachen von Augenerkrankungen herauszufinden und eine Erblindung zu verhindern. Es soll aber auch untersucht werden, wie sich Gehirn und Verhalten ändern, wenn ein Mensch nicht sehen kann. Orientierungsweisen von Blinden sind zum Beispiel für das Militär interessant. Soldaten im Einsatz müssen sich gelegentlich durch unbekanntes Gelände bewegen. Die Sichtweiten können dabei sehr gering sein. Ein Vorbild für die Brailleschrift war die von einem Militär entwickelte Nachtschrift.
Sehen ist der für den Menschen wichtigste Sinn. Ein Großteil der Gehirnkapazität ist darauf ausgelegt, visuelle Eindrücke zu verarbeiten. Das Sehen ist nicht nur für die Orientierung oder für alltägliche Aufgaben wichtig. Es spielt auch eine große Rolle in der sozialen Interaktion und Kommunikation. An den Unterschieden zwischen Geburts-Blinden und Sehenden lässt sich hervorragend studieren, welcher Teil der Körpersprache erlernt oder angeboren ist.
Neuronale und soziale Aspekte werden vor allem von Kognitionspsychologen erforscht, deren Ergebnisse wollen wir uns hier näher anschauen.

Gehirn und Sinne

Das Gehirn ist außerordentlich anpassungsfähig. Viele Blinde erbringen große Leistungen, wenn es um die Interpretation von Hör-, Geruchs- und Tastsignalen geht.
Es fällt Geburts-Blinden Kindern wesentlich leichter, sich auf die blinde Welt einzustellen. Je älter ein Mensch bei seiner Erblindung ist, umso schwerer wird es ihm fallen, sich an die Blindheit anzupassen. Das hängt damit zusammen, dass Kinder sich generell schneller anpassen können, für sie ist das Leben an sich ein stetiger Lernprozess. Geburts-blinde Kinder müssen sich gar nicht umstellen, aber auch ältere Kinder können sich schnell anpassen.
Neben der kognitiven Flexibilität, also der Anpassung von Gehirn- und Sinnesleistungen gibt es weitere Herausforderungen für ältere Menschen. Der richtige Umgang mit dem Blindenstock erfordert ein gewisses Maß an Feinmotorik, für die Blindenschrift braucht man ein Mindestmaß an Feinfühligkeit in den Fingern. Älteren Menschen fällt es wesentlich schwerer, diese Techniken zu erlernen, weil sie die physiologischen Voraussetzungen oft gar nicht mehr mitbringen.
Es kommt aber noch ein individueller Faktor dazu: Je aktiver ein Mensch ist, desto anpassungsfähiger ist er auch. Leider neigen viele ältere Blinde dazu, vor allem zuhause zu bleiben oder nur in Begleitung Ausflüge zu machen. Muskeln, die nicht trainiert werden bauen ab. Gleiches gilt für Sinnesreize, die nicht ausreichend stimuliert werden.
Es gibt keinen speziellen Platz im Gehirn, in dem Sinnesinformationen verarbeitet werden. Stattdessen zerlegt das Gehirn die eingehenden Signale, um sie in unterschiedlichen Arealen weiterzuverarbeiten. Nehmen wir an, ein roter Ball rollt auf uns zu: Dann werden die Informationen rot, rund und Rollen von unterschiedlichen Teilen des Gehirns verarbeitet. Vor allem beim Sehen ist das auch nicht weiter erstaunlich. Wir verwenden unser Sehvermögen, um uns zu orientieren, Fußball zu spielen oder zu lesen. Diese zahlreichen Aufgaben können nur bewältigt werden, wenn unterschiedliche Teile des Gehirns ins Spiel kommen. Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass das Gehirn Blinder nicht wesentlich anders funktioniert als das Sehender. Unterschiede gibt es natürlich: Der Schwerpunkt Sehender liegt eben auf der Verarbeitung visueller Informationen, während Blinde diese Ressourcen zur Verarbeitung der Informationen anderer Sinne verwenden, vor allem Haptik und Akustik.
Anscheinend wird das visuelle Zentrum nicht nur genutzt, um Sehreize zu verarbeiten. Es kommt auch bei der Erzeugung visueller Vorstellungen und in Träumen zum Einsatz, also in Fällen, in denen man eigentlich nichts aktiv sieht. Dieser Gedanke liegt zumindest nahe, wenn man sich die verschiedenen Erfahrungen Blinder anschaut. John Hull berichtet, dass er einige Zeit nach seiner Erblindung alle visuellen Vorstellungen einbüßte. Er vergaß sogar, dass Gegenstände so etwas wie eine visuelle Erscheinungsform haben mussten. Andere berichten hingegen von gutem Vorstellungsvermögen. Der blinde Psychologe Zoltán Törey konnte vor seinem inneren Auge eine visuelle Repräsentation erzeugen, die es ihm zum Beispiel ermöglichte, sein Dach neu zu decken. Viele blinde Frauen haben eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Frisur, welche Kleidung oder welches Make-up ihnen steht. Liegt es daran, dass sie gut beraten werden oder gibt es da doch doch mehr?
Eine weitere spannende Frage ist, ob Blinde sich den Aufbau komplexer Objekte ähnlich gut einprägen können wie Sehende. Wir wissen, dass Sehende ein hervorragendes Gedächtnis für Gesichter haben. Das geht so weit, dass man Menschen wieder erkennt, die man nur kurz gesehen hat und die man vielleicht nach Jahren wieder trifft, wobei sich Statur, Frisur oder Kleidung geändert haben können.
Blinde dürften eine Art taktiles Gedächtnis haben, dass es ihnen erlaubt, sich komplexe Formen besser zu merken als Sehende. So konnte der blinde Biologe Geerat Vermeij neue Molluskenarten anhand winziger Abweichungen identifizieren. Blinde setzen stark auf taktile Orientierungspunkte, um sich besser zurechtzufinden. Dazu gehören auch geringe Unterschiede im Asphalt, Veränderungen der Bodenbeschaffenheit oder Kanten mit unterschiedlichen Höhen. Blinde können sich auch ausgezeichnet die Position von Gegenständen zum Beispiel auf dem Frühstückstisch merken. So können sie zielsicher nach der Kaffeetasse greifen oder sie auf die Untertasse zurückstellen.
Das erscheint zunächst nicht besonders bemerkenswert, allerdings werden viele dieser Unterschiede nur indirekt wahrgenommen, zum Beispiel durch die Schuhe oder über den Blindenstock.
Eine weniger erfreuliche Erkenntnis der Neuro-Psychologen ist, dass die multisensorische Wahrnehmung besser funktioniert als die Wahrnehmung über einen einzelnen Sinn. Das heißt zum Beispiel, dass wir einen Menschen besser verstehen, wenn wir seine Worte hören und seine Lippenbewegungen sehen. Tatsächlich können geübte Lippenleser bis zu 30 Prozent von den Lippen ablesen. Bei Sehenden ohne diese Fähigkeit ist es natürlich deutlich weniger, dennoch trägt das Lippenlesen passiv zum Verstehen bei. Die Bemerkung «Sprich bitte lauter, es ist dunkel» ist also gar nicht so abstrus. Das Lippenlesen trägt dazu bei, dass man Menschen auch in lauten Umgebungen wie in Diskotheken verstehen kann. Abgesehen davon, dass man an solchen Orten wohl keine tiefschürfenden Diskussionen führen wird.
Es zeigt aber auch, wie komplex die Verarbeitung von Sinnesinformationen ist. Das Gehirn führt nicht nur die Sinnesreize zusammen, sondern reichert sie mit Erinnerungen und Emotionen an. Das Spannende an diesen Erkenntnissen ist, dass das Gehirn eben nicht wie ein Computer funktioniert. Wir können uns das Gehirn als ein Netzwerk verschiedener Einheiten vorstellen. Einheiten, die häufiger verwendet werden verbinden sich stärker, während wenig genutzte Verbindungen schwächer werden.
Allen Spät-Erblindeten fällt es mehr oder weniger schwer, sich an die neue Situation anzupassen. Die Botschaft für sie – und alle anderen, die vor ähnlichen Problemen stehen – Üben, Üben, Üben. Das Schlimmste, was sie tun können ist, zu versuchen, der Herausforderung aus dem Weg zu gehen.

Geburts- und Spät-Erblindete

Auch der Unterschied zwischen Geburts- und Spät-Erblindeten beschäftigt die Forschung. Die meisten Forscher suchen gezielt nach Geburts-Blinden, weil bei ihnen die Unterschiede zu Sehenden am stärksten hervortreten bzw. am einfachsten festzustellen sind. Das Gehirn Geburts-Blinder hat nie gelernt, visuelle Reize zu verarbeiten. Das macht es mithilfe bildgebender Verfahren einfacher, zu untersuchen, welche Teile des Gehirns für das Sehen tatsächlich wichtig sind. Man sollte eigentlich annehmen, dass es sagen wir nach ein paar Jahren, gar keinen Unterschied bei der kognitiven Informationsverarbeitung zwischen Geburts- und Spät-Erblindeten mehr gibt. Das ist aber nicht der Fall.
Viele Fragen sind noch nicht eindeutig geklärt. Wie gut ist das Gehirn Spät-Erblindeter zum Beispiel in der Lage, den visuellen Cortex für andere Aufgaben zu verwenden? Können Spät-Erblindete ähnlich gute räumliche Vorstellungen entwickeln wie Geburts-Blinde? Wenn wir bedenken, dass Erblindungen vor allem im reifen Alter auftreten, werden solche Fragen immer wichtiger.
Das Gehirn Geburts-Blinder verarbeitet taktile Informationen anders als das Spät-Erblindeter. Geburts-Blinde können den visuellen Cortex, der die Seh-Informationen verarbeitet für die taktile Wahrnehmung nutzen. Bei Spät-Erblindeten wird zwar der Bereich vergrößert, der für die Verarbeitung taktiler Reize zuständig ist, allerdings verarbeiten sie diese Reize anders als Geburts-Blinde. Wissenschaftler können heute die Sehrinde teilweise abschalten. Bei einem solchen Versuch waren Geburts-Blinde nicht mehr in der Lage, Braille zu lesen, während Spät-Erblindete weniger Probleme hatten.
Die spannende Frage ist, ob Spät-Erblindete bei genügend Übung ebenso fit beim Orientieren oder Braille-Lesen werden können wie Geburts-Blinde. Die nächste Frage wäre, welche Faktoren dafür entscheidend sind, dass Spät-Erblindete solche Leistungen erreichen: Hängt es nur von Training und Erfahrung ab oder gibt es weitere Faktoren, die bei der Erlangung und Verbesserung dieser Fähigkeiten hilfreich sein können?

Mit den Ohren Sehen

Es gibt Menschen, die Gerüche oder Musik als Farben erleben oder umgekehrt. Diese Wahrnehmung nennt man Synästhesie. Auch Blinde Menschen können Synästhetiker sein. Forscher überlegen seit längerem, wie sinnliche Erfahrungen durch einen anderen Sinn ersetzt werden können, man nennt das Sinnes-Substitution.
Die Hebrew University of Jerusalem erforscht zum Beispiel, wie sich visuelle Eindrücke in Töne übersetzen lassen. Das Ziel ist es, über verschiedene Klänge und Klangkonstellationen quasi visuelle Eindrücke zu vermitteln.
Ein Beispiel: Blinde nehmen nur den Teil des Raumes wahr, den sie mit ihrem Körper oder dem Blindenstock erreichen können. Über Geräusche, Luftzug oder Echo können sie vielleicht noch sagen, wie groß ein Raum ist oder wo das nächste Hindernis ist. Aber sie haben kein dreidimensionales Abbild der Umgebung, wie es ein Sehender problemlos erzeugen kann. Das soll sich mit Sinnesersatzgeräten ändern. Da sie einen Sinn, in diesem Fall das Hören verwenden, um einen anderen Sinn – das Sehen – zu ersetzen, nennt man solche Geräte Sinnes-Ersatz-Geräte, Englisch Sensual substitute Device. Statt einem Blinden zu erklären, wie eine Landschaft aussieht oder was Farben sind werden ihm akustische Analogien in Form von Klängen oder Klanglandschaften offeriert.
Untersuchungen der Hebbrew University zeigen, dass Blinde mit ein wenig Training schnell lernen, ein mentales Abbild der Umgebung oder von Objekten zu entwickeln. Die Forscher haben zum Beispiel eine Klangfolge generiert, die die blinde Versuchsperson als Gesicht identifizieren konnte. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der Teil des Gehirns für diese Aufgabe eingesetzt wird, der eigentlich für die Verarbeitung visueller Eindrücke zuständig ist.
Man mag fragen, ob eine verbale Beschreibung in diesem Fall nicht sinnvoller wäre. Das ist sie nicht. Stell dir vor, du würdest einen Film mit einer Audiobeschreibung für Blinde schauen. Schalte das Bild weg und höre dir nur die Audiodeskription an. Du wirst schnell feststellen, dass zwar wesentliche Aspekte des Films beschrieben werden, die Audiodeskription aber viele visuelle Eindrücke gar nicht vermittelt. Auch wenn die Audiodeskription zeitlich beliebig ausbaubar wäre, könnte sie dennoch keinen adäquaten Ersatz für die visuelle Darstellung bieten. Ebenso wäre es bei textlichen Beschreibungen. Dies liegt einfach daran, dass eine sinnliche Erfahrung am besten durch eine andere sinnliche Erfahrung ersetzt werden kann.

Erfahrungen mit dem Orbit Reader 20 – der ersten günstigen Braillezeile

Orbit ReaderSeit kurzem bin ich Besitzer des Orbit Reader 20, der ersten halbwegs günstigen Braillezeile. Meine Erfahrungen möchte ich hier zusammenfassen. Das Gerät ist beim BVHD für 650 € erhältlich. Wem die 20 Zeichen des Orbit Reader zu wenig sind, der Canute mit 360 darstellbaren Zeichen soll dieses Jahr erscheinen und ebenfalls zu einem für uns leistbaren Preis erhältlich sein.
Für meine sehenden Mitleser, dieser Artikel dürfte für euch nicht so spannend sein. Ein wenig Hintergrund möchte ich aber mitgeben: Günstige Braillezeilen sind der heilige Gral der Blinden-Hilfstechnik. Die Geräte kosten rund 100 € pro darstellbarem Zeichen, für eine Zeile mit 80 darstellbaren Zeichen sind schon mal 10.000 € fällig. Dass Hilfsmittel teuer sind, sind behinderte Menschen gewohnt, aber gerade bei einer Braillezeile fallen Preis und Leistung nicht wirklich zusammen. Es gibt wohl keine Industrie, die so konsequent an den Interessen ihrer Kunden vorbei arbeitet und es sich auch noch leisten kann wie die Hilfsmittel-Industrie. Aber darüber haben ich und andere schon viel gemeckert.
Zwar wird schon seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten an günstigen Alternativen gearbeitet, aber der Orbit Reader ist tatsächlich das erste Projekt mit einem marktfähigen Produkt. Wir wünschen uns noch mehr davon.
Und weiter gehts mit dem Test-Bericht.

Das Äußere

Außen besteht der Orbit Reader komplett aus einem Kunststoff. Die Verarbeitung wirkt gut. Er ist mir am ersten Tag gleich runtergefallen und hat dabei keinen Schaden genommen.
Die Größe des Gerätes entspricht etwa einem kleinen, dickeren Paperback. Das Gewicht würde ich auf etwas zwischen 300 und 400 Gramm schätzen. Den meisten dürfte es also zu schwer für die Jackentasche sein. Das könnte aber für eine robuste Verarbeitung sprechen, für Grobmotoriker wie mich sehr wichtig.
Man kann eine spezielle Tragetasche erwerben – die mir zu teuer war. Außerdem gibt es Ösen, in denen ein Schlüsselring oder Band durchgezogen werden könnte.
Um Bücher zu lesen und Texte zu schreiben bzw. abzuspeichern benötigt man eine SD-Karte, eine Karte war beigelegt. Hinten befindet sich ein Anschluss für Micro-USB zum Aufladen und Verbinden an den PC, der Einschalter sowie der Einschub für die SD-Karte.
Der Akku kann über eine Klappe auf der Unterseite getauscht werden. Ein Kritikpunkt an vielen kommerziellen Braillezeilen ist, dass der Akku nur mit Expertise getauscht werden kann. Einige Zeilen funktionieren auch mit externer Stromversorgung nicht mehr, wenn der Akku defekt oder tiefenentladen ist. Wie schon gesagt, die Hilfsmittel-Industie und ihre Kundenfreundlichkeit.
Kommen wir zu den Bedienelementen, sie befinden sich alle auf der Oberseite. Ganz oben ist die Tastatur zur Eingabe von Braille. Darunter sind vier Cursortasten sowie eine mittlere Taste zum Bestätigen. Darunter sind drei Tasten, die Mittlere ist die Leertaste, bei den anderen habe ich die Funktion noch nicht herausgefunden.
Unten befinden sich dann die 20 Braillemodule in einer Reihe. Links und rechts davon befinden sich zwei Kippschalter, die zum Weiterschalten der Zeile gedacht sind. Cursor-Routing-Tasten gibt es nicht.

Die Braille-Darstellung

Kommen wir zu dem, was die Meisten blinden Leser interessieren dürfte: Das Gerät kann 20 Zeichen in 8-Punkte-Braille darstellen. Die Module sind hervorragend fühlbar, ich und mein Mittester würden sagen besser als bei meiner Humanware, die das Zehnfache gekostet hat. Die Reaktionszeit ist gut, auch hier sehe ich keinen Unterschied zur Humanware.
Das Ein- und Ausfahren der Module ist deutlich lauter als bei anderen aktuellen Zeilen. Das mag den Einen oder Anderen stören, dürfte aber nur in ruhigen Umgebungen deutlich auffallen.

Lesen

Es können nur Textdateien und spezielle Brailleformate verarbeitet werden, also kein Word, Richt-Text, HTML oder ePub. Für solche Formate bräuchte man also ein externes Gerät und würde den Orbit als Braillezeile verwenden. Das Gerät kann keine Konvertierung von Braille durchführen, es gibt also keine Kurzschrift oder Computer-Braille, wenn sie nicht im Ursprungsformat bereits vorhanden ist. Das dürfte aber bei Geräten dieser Art ohne großes Betriebssystem üblich sein.
Das Erstellen von Notizen habe ich noch nicht ausführlich getestet. Ich liefere das bei Gelegenheit aber gerne nach.

Der Orbit Reader als externe Braillezeile

Der Orbit Reader ist als Stand-Alone-Gerät angelegt. Er kann aber auch als externe Braillezeile verwendet werden. Das muss in den Einstellungen aktiviert werden.
Dazu ist nicht viel zu sagen, die Koppelung mit iPhone und NVDA hat problemlos und auf Anhieb funktioniert, auch hier besser als bei der Humanware. Da ich Braille am PC und Smartphone generell wenig nutze, kann ich nicht viel mehr dazu sagen.

Die Praxis

Ich wollte ein Gerät haben, mit dem ich Wartezeiten sinnvoll totschlagen kann und trotzdem die Ohren frei habe. Gedrucktes Braille ist oft nicht praktikabel: Die Bücher sind zu groß oder gehören den Blindenbibliotheken und würden meinen Rucksack nicht unbeschadet überleben. Außerdem ist das Angebot an Texten, die mich interessieren in diesem Bereich zu gering. Ein Braille-Drucker ist für eine Privatperson ebenfalls nicht sinnvoll.
Meine 40er-Zeile war mir zu unhandlich, das Koppeln mit einem externen Gerät macht in der Praxis immer mal Probleme und ich konnte mich damit nicht anfreunden, für die Aufgabe des Lesens immer zwei Geräte betreiben zu müssen.
Zwar gibt es kleine Braillezeilen schon seit einiger Zeit. Sie waren mir aber für das,, was sie leisten zu teuer und zehn oder zwölf darstellbare Zeichen wäre mir auch zu wenig. Selbst in der Kurzschrift gibt es im Deutschen viele Wörter, die mehr als 12 Zeichen benötigen.
Für meine Zwecke ist der Orbit Reader in jedem Fall ausreichend. Reine Textdateien reichen mir für meine Lektüre erst mal aus. Allerdings ist die Vollschrift wirklich nervtötend, vor allem auf so kleinen Displays.
Längere Zeit im Stehen mit dem Gerät zu lesen wird wahrscheinlich nicht klappen. Es ist einen Ticken zu groß und zu schwer, um es längere Zeit entspannt in einer Hand halten zu können. Notizen im Stehen machen sollte aber mit ein bisschen Übung möglich sein, zumindest solange man keine Romane schreiben will. Mit mittelgroßen Händen kann man das Gerät halten und mit den Daumen tippen. Angenehm ist anders, aber für kleinere Notizen sollte s reichen.
Bisher glaube ich, dass sich der Kauf gelohnt hat. Das wird sich aber erst mittelfristig zeigen.
Wenn ihr Fragen habt, gerne in die Kommentare schreiben.

Als Blinder einen Vortrag halten und präsentieren

Stilisierte Figur zeigt etwas auf einem ScreenNoch gibt es relativ wenige Blinde und Sehbehinderte, die als Vortragende auftreten. Eine kleine Liste blinder Experten gibts allerdings schon. Viele Blinde scheinen Hemmungen bei öffentlichen Auftritten zu haben. Ich möchte hier ein paar Tipps geben, die euch dazu ermutigen sollen, mehr Vorträge zu halten.
Tipps zum inhaltlichen Aufbau oder zur Rhetorik eines Vortrags – gebe ich hier nicht. Da gibt es bei Blindheit keine Besonderheiten. Außerdem bietet jede Volkshochschule entsprechende Kurse an.

Warum Blinde sich oft nicht trauen

Es hängt an mehreren Faktoren:

  • Für Blinde und hochgradig Sehbehinderte ist es nicht möglich, visuelles Feedback vom Publikum zu bekommen. Ob die Leute aufmerksam zuhören, einnicken oder ob überhaupt jemand da ist – als Blinder weiß man das nicht. Das hat allerdings auch einen Vorteil, man ist weniger schnell durch visuelle Reize irritiert. Wenn jemand gähnt, in der Nase purpelt oder ein Nickerchen macht, ist das für den sehenden Vortragenden irritierend, aber wir kriegen das nicht mit, manchmal ist die Blindheit doch ein Segen.
  • Akustische Ablenkungen lassen sich schwer interpretieren. Wenn sich die Leute unterhalten oder in ihren Taschen wühlen, soll ich darauf reagieren oder nicht? Liest er gerade gelangweilt seine Mails oder twittert er fleißig über meinen Vortrag? Das kann man allerdings auch als Sehender kaum wissen und zählt bei einem digital-affinen Publikum heute nicht mehr als schlechtes Benehmen.
  • Fragen und Feedback lassen sich schwerer einholen. Die meisten Leute zögern, den Sprecher zu unterbrechen. Aber als Blinder hat man ansonsten wenig Möglichkeiten zu erkennen, dass es Fragen oder Diskussionsbedarf gibt.
  • Der Umgang mit Redenotizen, Overhead-Folien und PowerPoint ist für Blinde und Sehbehinderte nicht ganz trivial.

Kommen wir also zu den Tipps.

Sehende Assistenz nutzen

Ein Sehender, der das Publikum im Blick hat ist ganz praktisch. Zur Not ernennt man einfach eine Person aus dem Publikum oder den gastgeber dazu.
Zur Not können sich Sehende via Blickkontakt und Gestik auch gegenseitig koordinieren. Das geht aber nur, wenn sie sich gegenseitig im Blick haben, also nicht bei Theaterbestuhlung, wo alle nach vorne schauen.
Einfacher ist es, regelmäßig Pausen für Zwischenfragen zu lassen und auch dazu aufzufordern, fragen zu stellen. Auch hier gilt: Ohne Sehende Assistenz müssen sich die Fragesteller untereinander koordinieren. Das sollte man ihnen klar machen.
Bei einer kleineren Runde mit U-Bestuhlung solltet ihr zulassen, dass die teilnehmer den Redner für Fragen auch ins Wort fallen dürfen. Ihr müsst das ausdrücklich erlauben, da das in Sehendenkreisen als unhöflich gilt. Dort würde man das über Gesten oder Blickkontakt regeln, was aber bei uns wie geschrieben nicht möglich ist.
Im Übrigen: In der Regel vergisst das Publikum relativ schnell, dass ihr blind seid und das selbst, wenn eure Behinderung nicht zu übersehen ist. Das heißt, auch wenn ihr Unterbrechungen erlaubt, solltet ihr Gelegenheiten zu Zwischenfragen geben.

Notizen/Merkhilfen

Es gibt schon verschiedene Tipps dazu, wie Blinde PowerPoint als Kommunikationsunterstützung verwenden können.
Notizen können z.B. in Braille auf kleine Karten geschrieben werden. Ich empfehle hierbei, so kurz wie möglich zu bleiben. Ein bis zwei Schlagworte pro Karte sollten reichen. Braillezeile geht natürlich auch.
Andere Geräte wie Smartphones, Tablets oder Notebooks können ebenfalls für die Notizen verwendet werden. Bei Geräten mit Tastatur hat man den Vorteil, dass man durch den Cursor immer eine eindeutige Position im Text hat. Und natürlich kann man auch bei Touchscreen-Devices externe Tastaturen verwenden. Die Sprachausgabe kann so laut eingestellt werden, dass sie für den Vortragenden hörbar ist. Generell empfiehlt sich, die Vortragsnotizen so kurz wie möglich zu halten.
Ich persönlich verwende meistens meine Präsentation als Redemanuskript. Mir reicht es, wenn ich den Titel der jeweiligen Folie höre, um zu wissen, was ich erzählen will.
Auch das Smartphone kann entsprechend verwendet werden. Lät man seine Präsentation in eine App wie Keynote und startet den Präsentationsmodus, kann man die einzelnen Folien mit der Drei-Finger-Wisch-Geste durchglättern. Das funktioniert auch bei Google Präsentationen, hier tippt man zum Weiterblättern zwei Mal auf das Display.

Der Körper im Vortrag

Die Körpersprache sollte immer zur Person passen, heißt, wenn ihr eher langsam sprecht, solltet ihr keine übertrieben aufgeregte Gestik einsetzen und umgekehrt. Bis auf ein paar Ausnahmen, dazu gehört etwa die Schauspielerei, macht es für Blinde meines Erachtens keinen Sinn, eine bestimmte Gestik anzutrainieren oder einzustudieren. Das gilt umso mehr für die Mimik. Die Gesichtsausdrücke sollten immer natürlich sein.
In der regel macht es keinen guten Eindruck, die Hände die ganze Zeit in den Hosentaschen oder hinter dem Rücken zu haben. Man daf die Hände uhig bewegen oder auf das Pult legen.
Gehört ihr zu den Gehern, also könnt ihr nicht still stehen, solltet ihr euch ein relativ kleines Areal suchen, auf dem ihr gefahrlos entlanggehen könnt. Achtet auf Stolperkanten, Kabel, Tische, Stuhlbeine und so weiter.
Positioniert alle Dinge, die ihr während des Vortrages benötigt strategisch sinnvoll und nehmt alles andere aus eurem Einzugsbereich. Dazu gehören insbesondere Flaschen, Gläser oder Tassen. Ich rate zu Plastikflaschen, hier macht es nichts, wenn sie umkippen oder gar auf den Boden fallen. Ein Getränk sollte aber auf jeden Fall immer griffbereit sein.

Blickkontakt

Natürlich kann man als Blinder, in der Regel auch nicht als Sehrestler, einen Blickkontakt herstellen. Dennoch sollte man als Blinder versuchen,den Blick über das Publikum schweifen zu lassen. Es ist für den Sehenden einfach unangenehm, wenn er nicht das Gefühl hat, dass er vom Redner wahrgenommen wird. Wenn jemand eine Frage stellt, sollte man in dessen Richtung schauen. Während man Gestik tatsächlich nicht trainieren kann, kann man das Schweifen des Blickes sowie den Blickkontakt mit Gesprächspartnern durchaus trainieren und sollte es auch tun, wenn man die Möglichkeit dazu hat. Es macht auch nichts, wenn man in die falsche Richtung guckt oder den Blick über den Zuschauerkreis hinaus schweifen lässt. Trägt jemand eine Sonnenbrille, kann man ohnehin nicht genau sehen, wo er hinschaut.

Stehen oder Sitzen

In der Regel ist es sinnvoll, in einer Redesituation zu stehen, wenn das aus praktischen und physischen Gründen möglich ist. Durch einen aufrechten Stand ist der gesamte Oberkörper beweeglicher. Es besteht weniger die Gefahr, dass man wie ein Waschlappen auf dem Stuhl hängt, das Zwerchfell zusammengequetscht wird und man dadurch an Atemvolumen und Stimmkraft verliert. Und es hat natürlich eine gewisse symbolische Bedeutung, wenn die Sitzenden zu einem hochschauen müssen. Klingt albern, ist es sicherlich auch, stimmt aber.
Sitzen schränkt automatisch die beweglichkeit ein. Während ich beim stehen ein wenig hin und her laufe kann, wirkt Herumgewackel beim sitzen schnell unruhig und unsicher. Zudem kann bei Gesten schnell mal etwas vom Tisch gefegt werden.
Last not least gibt es eine Theorie in der Kommunikationsforschung, wonach sich unsere Emotionen auf unsere Körperhaltung auswirken. Umgekehrt soll sich auch die Körperhaltung auf die Emotionen auswirken können. Schauspieler bestätigen, dass sie sich besser in eine Rolle hineinversetzen können, wenn sie sie auch körperlich nachempfinden. Also, Schultern zurück, Kopf aufrecht, gerade Körperhaltung, wenn ihr nicht wie ein Trauerkloß rüberkommen wollt.

Ein Vortrag muss nicht rhetorisch perfekt sein

Es ist den wenigsten Menschen vergönnt, druckreif zu sprechen. Das fällt einem häufig erst auf, wenn man gezielt darauf achtet oder sich die Aufnahme oder Transkription eines aufgenommenen Gesprächs anhört. Sätze werden grammatikalisch falsch gebildet, es gibt die ganzen Ähs und Ähms, Das ist aber vollkommen egal, weil der Zuhörer das in der konkreten Situation nicht merkt. Er bewundert den Redner eher dafür, dass er sich traut, sich da vorne hinzustellen. Wir setzen natürlich immer voraus, dass der Zuhörer sich für den Inhalt interessiert, ansonsten sollte man ihn einfach eine Runde schlafen lassen.
Situationen, in denen man sich gefahrlos ausprobieren kann sind etwa Barcamps und ähnliche Treffen. Wichtig ist dabei nur, dass man irgendwas zu sagen hat, was irgendjemand hören will. Wenn man ein paar von diesen Vorträgen gehalten hat, macht es dann auch keinen Unterschied mehr, ob man vor 3 oder 200 Menschen redet.
Es gibt einen Zustand, den ich Tiefenentspannung ennen möchte. Wenn man ein paar Mal auf Podien gesessen oder vor einem Publikum gestanden hat, stellt sich dieser Zustand automatisch ein. Irgendwann macht es dir einfach nichts mehr aus, dass dir 300 Leute beim Nichtstun zuschauen, jede deiner Bewegungen und vielleicht sogar den Staub auf deiner Hose sehen können. Und hier hat es tatsächlich auch Vorteile, dass man die Zuschauer nicht sehen kann, man bemerkt zum beispiel mißbilligende Blicke, gelangweilte Gesichter und böse Mienen nicht.

Lautstärke des Vortrages

Man kann zwar trainieren, lauter zu sprechen, aber bei einer größeren Zuhörerschaft ist ein Mikrofon vorzuziehen. Dabei sind Mikrofone vorzuziehen, die am Kopf befestigt werden. Handmikrofone schränken zumindest einen Arm von der Bewegung her ein, sollten im richtigen Abstand gehalten werden und können natürlich auch einfach runterfallen, wenn man sie nicht richtig festhält. Fest montierte Tischmikrofone sind ein bisschen besser, aber auch hier muss man auf den richtigen Abstand achten.
Im Allgemeinen ist es besser, das Handheld-Mikro möglichst nah am Mund zu halten, stellt euch ein Waffeleis vor, in das ihr gleich reinbeißen werdet, und dann weniger laut zu sprechen statt umgekehrt, also das Mikro weiter weg zu halten und dafür lauter zu sprechen. Ich spreche auch mit Mikro ein wenig lauter als in einer normalen Sprechsituation. Generell solltet ihr darauf achten, dass ihr euch nicht überanstrengt, um laut oder mit einer tieferen Stimme zu sprechen, das kann auf lange Sicht den Sprechorganen schaden, zumindest macht es aber heiser. Im Zweifelsfall ist es immer besser, langsamer und deutlicher zu sprechen.
Da wir die Größe eines Raumes schwer einschätzen können, ist es manchmal schwierig, die sinnvolle Stimmlautstärke richtig einzuschätzen. Eine bestimmte Grundlautstärke ist auch in einer kleinen Runde sinnvoll, damit auch die Zuschauer in den hinteren Reihen entspannt zuhören können. Bei einer größeren Runde sollte man um Feedback aus den hinteren Reihen bitten, ob man noch gut zu hören ist.
Ein gutes Training ist es, vor Kindern vorzutragen bzw. ihnen vorzulesen. Sie sind das kritischste, aber auch interessierteste Publikum. Und ab einer bestimmten Zahl von Kindern ist es niemals still. Wir lernen also mit Kindern, entspannt zu bleiben und Nebengeräusche zu ignorieren.

Präsentationen

Ich finde es immer gut, etwas zum Sehen oder Anfassen zu haben. Es gibt brillante Redner wie Gregor Gysi, die rein mit ihrer Redekunst beeindrucken können. In diesen rehtorischen Olymp werden aber die Wenigsten von uns aufsteigen.
Ob man mit PowerPoint oder einem ähnlichen Tool arbeitet, ist erst mal Geschmackssache. Als Blinder kennt man die PowerPoint-Ästhetik in der Regel nicht. Zwar kann man die Texte schreiben und die Folien aufbereiten. Am Ende muss aber immer ein Sehender drauf gucken, weil PowerPoint unberechenbar ist. Da sind Bilder an einer ganz falschen Stelle oder völlig verzerrt, da sind Fußzeilen, wo keine sein sollten und der Text ist zu groß, zu klein oder rutscht aus dem sichtbaren Bereich. Keine PowerPoint ist also besser als eine schlechte, weil das schnell unprofessionell wirkt.
Doch gibt es natürlich andere Möglichkeiten, die vom konkreten Thema abhängen: Man kann Gegenstände mitbringen, die man hochhält oder durch das Publikum gehen lässt. Man kann ein paar Tanzschritte vorführen oder einen Kopfstand. Wichtig ist natürlich, dass es zum Thema und zum Publikum passt. Was immer gut ankommt sind passende Geschichten oder Anekdoten.
Für kurze Vorträge von bis zu 20 Ninuten benötigt man in jedem Fall keine Präsentation. Bei längeren Vorträgen kann das Publikum schnell unkonzentriert werden, weil Sehende an visuelle Reize gewöhnt ist. Wenn ihr also Ideen habt, wie ihr das Publikum ansonsten ablenken könnt, dann soltet ihr das tun.

Auf Fragen zur Blindheit vorbereitet sein

Es spielt keine Rolle, zu welchem Thema man vorträgt, man sollte immer darauf vorbereitet sein, dass man Fragen zur Blindheit bekommt, die teils auch persönlich werden können. Hier bleibt es jedem selbst überlassen, ob man diese beantworten möchte oder nicht. Im Zweifelsfall bietet man dem Fragesteller ein persönliches Gespräch nach dem Vortrag an. Das ist sinnvoll, wenn Blindheit im Grunde nichts mit dem eigentlichen Vortrag zu tun hat.

Alternativen zur AudioDeskription

Kind schaut auf einen FernseherIch muss zugeben, so richtig überzeugt hat mich die AudioDeskription (AD) – die Filmbeschreibung für Blinde aus dem Off – bisher nicht. Für mich ist es, als ob jemand einen Witz erzählt und mir im gleichen Atemzug die Pointe erklärt. Durch eine kleine Diskussion auf Facebook bin ich zu diesem Beitrag angeregt worden.
Für mich ist das Fernsehen das Medium der 90er. Seit meiner Mittelstufe habe ich immer weniger ferngesehen, das war bis Mitte der 90er. Damals gab es so gut wie keine Sendungen mit AD, zumal bei den amerikanischen Sendungen, die wir damals bevorzugt geschaut haben. Einen Fernseher besitze ich seit vielen Jahren nicht mehr, die Serien auf Netflix interessieren mich nicht. Die wenigen Sendungen, die mich interessiere, lasse ich über einen Online-Service aufzeichnen und höre sie mir dann übers Handy an. Meine Medien sind das Internet und Hörbücher.
Von dem her bin ich nicht uptodate, was die neueste Fernsehtechnik und Fernseh-Ästhetik angeht. Und Blinden, die von Kindesbeinen an mit der AudioDeskription aufgewachsen sind, mag es leichter fallen, sie zu akzeptieren.

Die AudioDeskription ist ein Fremdkörper

Nach meinem Empfinden ist die AD ein Fremdkörper im Film. Normalerweise werden die stillen Teile des Films durch stimmungsvolle Musik untermalt. Musik wirkt sehr unterbewusst und dennoch suggestiv. Durch die AD wird diese Stimmung ein Stück weit unterbrochen. Kommunikationstheoretisch würde man sagen, die Kommunikation wird durch Meta-Kommunikation unterbrochen. Oder plastischer: Stellt euch vor, euer Partner würde sich bei einem romantischem Zusammensein über die Farbe der Kerze und die Qualität des Kerzenwachses auslassen.
Ein Problem besteht auch darin, dass die AD niemals alle blinden Zuschauer befriedigen kann: Entweder berichtet sie zu viel und ist teilweise redundant. Oder sie berichtet zu wenig, so dass man auch ganz ohne sie auskäme. Im Prinzip enthält jede Szene tausende von Informationen, die der Sehende auf einen Blick aufnimmt. Die AD kann naturgemäß nur einen Bruchteil davon vermitteln.
Und meines Erachtens kann sie eine Stimmung nicht so rüberbringen wie der eigentliche Film. Aktuell gilt, dass die AD-Stimme monoton wie ein Nachrichtensprecher sein soll. Das ist durchaus generell sinnvoll, aber eine neutrale Stimme kann nur schlecht Emotionen auslösen. Da wäre es besser, die Musik wirken zu lassen.
Konzeptionell wäre es in jedem Fall geschickter, die AD bereits bei der Erstellung des Filmes mit einzu planen. Die Regisseure, Drehbuchautoren oder wer auch immer sollten die nicht-visuelle Ebene von Anfang an stärker gewichten und die Produktion der AD sollte im Film-Team geschehen, dann würde isch einige Probleme von selbst erledigen.

Die AudioDeskription als Teil des Filmes

Und natürlich geht es auch anders. Eine Möglichkeit ist, dass der Moderator in einer Sendung bzw. die Off-Stimme die Aufgabe der Beschreibung übernimmt. Sie kann natürlich nicht so viele Informationen liefern wie eine ausgewachsene AD. Doch ein guter Texter kann genügend Informationen mitgeben, so dass auch der blinde Zuschauer etwas mehr Futter bekommt.
In Filmen kann diese Aufgabe ein Ich-Erzähler übernehmen. Wir kennen das aus Serien wie Magnum, Scrubs oder Malcolm mittendrin. Dort empfindet niemand die Einwürfe als störend, weil sie einfach Teil des Films sind.

Ein Hybrid aus Hörspiel und Film

Und natürlich kennt jeder den Film, der ohne Bild auskommt – das Hörspiel. Ein gutes Hörspiel – davon gibt es nicht so viele – setzt für jede Message das richtige Medium ein: Stimme, Musik, Geräusche, Stille.
Bei unseren sündhaft teuren Hollywood-Blockbustern werden aber diese Faktoren nur wenig eingesetzt: Es kommen natürlich neben dem Visuellen die Stimmen und die Musik zum Einsatz. Aber Geräusche werden im Vergleich zum Hörspiel sehr sparsam eingesetzt. Wie wäre es also, die Geräuschemacher in Filmen stärker zur Geltung kommen zu lassen? Dadurch könnte man wesentlich mehr Informationen transportieren, ohne dass jemand reinquatschen muss.
Nebenbei hätte das Ganze den Vorteil, dass die AD auch von Sehbehinderten – die auch profitieren würden – stärker akzeptiert würden. Entweder wissen sie gar nicht, dass es sie gibt. Oder sie lehnen sie ab, weil sie sie nervig finden.
Anleitung zum Erstellen einer AudioDeskription

Zum Braille-Tag 2019 – wir brauchen einen neuen Louis Braille

Sechs Punkte in BrailleHeute wäre Louis Braille, der Erfinder der Braille-Schrift, 210 Jahre alt geworden. Grund genug, eine weitere Stichelei gegen Braille zu starten.
Schaut man sich die Entwicklung von Braille in den letzten Jahrzehnt an muss man leider feststellen, dass sich unheimlich wenig getan hat. Es wird heute mehr darüber gesprochen und es gibt eine ganze Reihe mehr Produkte mit Braille, aber das Killer-Feature blieb aus. Das wird vielleicht deutlicher, wenn wir uns anschauen, was in anderen Gebieten so alles passiert ist: Smartphones, 3D-Drucker, mobiles Internet, Geräte mit Sprachsteuerung, eBook-Reader auf eInk-Basis… Braille hingegen scheint im Zeitalter von Louis stehen geblieben zu sein.
Was muss also passieren? Ich gebe hier im Wesentlichen die gleichen Antworten wie Kevin Carey in einem Vortrag „The Democratization of Braille “ auf dem Kongress Braille 21. Das ist jetzt gut zehn Jahre her, deshalb spreche ich vom verlorenen Jahrzehnt. Leider ist die deutsche Fassung des Vortrags nicht mehr online zugänglich.

Braille muss deutlich billiger werden

Elektronisches Braille muss insgesamt deutlich billiger werden. Wir haben es als kleine Revolution gefeiert, dass der Orbit-Reader 500 Dollar kosten sollte. Und natürlich gibt es hier noch das Problem, dass solche Geräte nicht im industriellen Maßstab gefertigt werden: Je mehr Stücke man produziert, desto geringer die Kosten pro Stück. Dennoch ist das nach wie vor zu teuer. 300 Dollar wären für so ein Gerät in Ordnung – und wir sprechen gar nicht von den Entwicklungsländern, für die selbst das schon ein Jahreseinkommen wäre. Traurigerweise leben die meisten Blinden in solchen Ländern.
Natürlich haben die Blinden-Institutionen nicht das Geld, das für die Entwicklung alternativer Systeme notwendig wäre. Hier sehe ich die öffentlichen Einrichtungen in der Pflicht. Im Übrigen könnten Unternehmen wie Apple und Google auch problemlos ein wenig Geld dafür locker machen, wenn ihnen Barrierefreiheit tatsächlich so am Herzen liegen würde. Ein sechsstelliger Betrag könnte wahrscheinlich schon ausreichen, das zahlen die aus der Portokasse.
Das Gleiche gilt für die Produktion von analogem Braille. Es ist nach wie vor zu teuer und aufwendig, Braille-Unterlagen drucken zu lassen oder Produkte mit Braille zu versehen. Wenn sich Braille nicht in industrielle Fertigungs- und Druckprozesse lückenlos integrieren lässt, wird es NIE Einzug in den Mainstream halten.
Und es gilt auch für das Schreiben von Braille: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Braille-Schreibmaschinen sich in den letzten Jahren weiter entwickelt haben. Sie sind klobig, schwer und laut. Das Gleiche gilt für die Braille-Drucker. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwelche Innovationen in diesem Bereich auf der Sight City gesehen zu haben.

Typografische Möglichkeiten erweitern

Ich bin auch mit den typografischen Möglichkeiten von Braille unzufrieden. Mir gefällt die Idee eines Hybrids aus Braille und fühlbarer Schwarzschrift. In speziellen Bereichen, in denen Sonderzeichen wie griechische Buchstaben verwendet werden, wäre es vielleicht praktisch, solche Symbole als Schwarzschrift fühlbar zu machen. Blinde, die in diesem Bereich arbeiten müssten weniger spezielle Systematiken lernen und sie könnten sich leichter mit sehenden Kollegen austauschen.
Ich finde diesen Bereich besonders wichtig, um Braille für Spät-Erblindete interessanter zu machen. Wer aus der sehenden Welt mit ihren vielen visuellen Reizen kommt, für den ist Braille eine echte Verarmung der Sinne. Man kann natürlich auch darüber nachdenken, welche Möglichkeiten taktile Bilder bieten.
Aus dem gleichen Grund muss darüber nachgedacht werden, wie Braille leichter erfühlbar gemacht werden kann. Der Knackpunkt für ältere Menschen ist, dass sie selten noch die Sensibilität in den Fingern haben, um konventionelles Braille zu lesen. Mit dem auf Medikamentenschachteln üblichen Braille dürften sie in aller regel überfordert sein, das ist sogar für geübte Blinde schwierig zu lesen. Für solche kurzen Texte wäre es vielleicht sinnvoller, vom DIN-Standard abzuweichen und größere Punkte oder wie an anderer Stelle vorgeschlagen fühlbare Schwarzschrift zu verwenden. So, wie es jetzt ist hilft es nur den Blinden, die sich auch anders behelfen könnten.

Die Kurzschrift ist elitär

Zumindest die deutsche Kurzschrift ist ein System für die Elite-Blinden. Klar kann man sie lernen, aber selbst ich, der sie seit einigen Jahren liest hat Probleme, einige Kürzungen richtig zuzuordnen. Wir sollten uns darauf beschränken, erwachsenen Blinden die Vollschrift beizubringen und froh sein, wenn sie diese lernen und regelmäßig verwenden. Natürlich muss man die Kurzschrift nicht abschaffen, aber sie ist auch nicht der heilige Gral, als der sie oft gefeiert wird. Das heißt, es sollte mehr Angebote zum Erlernen der Vollschrift geben.
Ich würde ja vorschlagen, das System der deutschen Kurzschrift zu vereinfachen. Aber wie das so ist: Wer vereinfachen will, hat es hinterher komplizierter gemacht. Abgesehen davon dürften dann wieder mindestens zehn Jahre vergehen, bis man sich geeinigt hat.

Fazit: Wir brauchen einen neuen Louis Braille

Louis wird häufig als der Gutenberg der Blinden betrachtet. Er hat uns in einigen Punkten aus der Abhängigkeit von Sehenden befreit und ein Stück Selbständigkeit gegeben. Das Wort revolutionär wird heute sehr inflationär verwendet, doch wäre eine kleine Revolution in der Blindenschrift wieder fällig.
Ich glaube, wir Geburts-Blinden betrachten Braille immer aus unserer Perspektive. Dabei sollten wir aber diejenigen in den Blick nehmen, die erst im Alter erblinden. Denn das wird dank der besseren Versorgung Neugeborener und dem demografischen Wandel bald die Mehrheit sein. Die Spät-Erblindeten sind in der Regel nicht in den Gremien präsent, die die Entwicklung von Braille steuern. Auch wenn viele Personen aus den Gremien Braille unterrichten, scheinen sie die Probleme Spät-Erblindeter nicht zu antizipieren.
Es ist aber absehbar und nachvollziehbar, wenn sich frisch Erblindete eher für Mainstream-Technologien entscheiden. So habe ich gehört, dass einige Blinde eine Art TipToi verwenden, um etwa Lebensmittelverpackungen und Ähnliches zu kennzeichnen. Haushaltsgeräte lernen dank einer technischen Erweiterung von Amazon bald sprechen. Handys und Computer quatschen ohnehin schon. Wer möchte sich dann noch mit teuren und aufwendigen Braille-Zusatz-Geräten belasten?
Ich gebe gerne zu, dass mir sowohl die Expertise als auch der Ehrgeiz fehlt, diese Revolution einzuleiten. Aber ielleicht fühlt sich ja jemand anderes dazu berufen, der Louis Braille des 21. Jahrhundert zu werden.

Wie sinnvoll sind Beschriftungen in Braille/Blindenschrift?

Metallplatte mit Braillezeichengefühlt gibt es eine Inflation an Blindenschrift/Braille im alltäglichen Lebensraum. Man findet sie an ICE-sitzen und in Toiletten, als Teil der Raum-Beschriftungen, auf Medikamentenverpackungen. Warum das Schaden kann und wie es besser geht, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Irgendwer, ich glaube das Büro des Behindertenbeauftragten, schickt mir regelmäßig Einladungen zu Veranstaltungen in Berlin. Dabei ist immer eine Karte mit Braille-Ausdruck. Sie landen bei mir ungelesen im Altpapier, ich habe bisher nicht herausgefunden, wie ich in deren Verteiler gelandet bin, aber für eine Abend-Vernissage oder einen Kinofilm ist mir die Fahrt nach Berlin doch zu weit. Der Punkt ist, dass das Bedrucken solcher Karten mit Braille sehr viel Geld kostet, in geringen Stückzahlen sogar noch mehr und es für die Meisten, an die das Teil verschickt wird komplett nutzlos ist.
In Griechenland soll ein Gesetz beschlossen worden sein, wonach alle Restaurants Speisekarten in Blindenschrift bereithalten sollen. Falls die Blindenschrift in GR nicht wesentlich weiterverbreitet ist als in Deutschland, dafür habe ich keinen Anhaltspunkt, frage ich mich schon, wer auf diese absolut sinnfreie Idee gekommen ist. Es ergeben sich durch Braille Probleme, die man nur als Blinder kennt: Da man die Texte mit dem Finger berühren muss und Papier ein hervorragender Träger für Fett ist, lagern sich nach und nach Keime in der Fettschicht auf den Buchstaben ab. Sind sie ein paar Mal gelesen worden, hat man also irgendwann eine wunderbare Keimschleuder insbesondere im gastronomischen Bereich. Von Speiseflecken reden wir gar nicht. Falls sich Papier dieser Art überhaupt desinfizieren ließe, würde wohl keiner auf die Idee kommen, dies zu tun. Mir persönlich ist es relativ egal, aber ich kenne Blinde, die kein Buch anfassen würden, welches ein Anderer gelesen hat. Es lässt sich natürlich einwenden, dass Geldscheine ähnlich verkeimt sind, mit diesen hat man aber selten so intensiven Kontakt.

Wer kann Braille?

Es ist ein offenes Geheimnis unter Blinden, dass die meisten Blinden kein Braille können. diejenigen, die eine Blindenschule besucht haben oder eine Blinden-Reha – eine blindentechnische Grundausbildung – gemacht haben, können in der Regel Braille. Für später Erblindete ist Braille schwierig zu erlernen und zu behalten.

Was regt sich der Alte auf

Nun schadet es auf den ersten Blick erst mal niemandem, wenn etwas mit Blindenschrift ausgestattet ist. Doch schadet es indirekt doch. Es bindet nämlich Ressourcen, die anderswo besser genutzt wären. Die Preise für Braille-Visitenkarten sind der absolute Wahnsinn und wie gesagt, wenn es nicht um Symbolik geht totale Verschwendung. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte haben möchte ist ohnehin gering. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte will und Blindenschrift lesen kann, ist jenseits bestimmter Branchen = 0.

Das Schweigen der Sehenden

Als Blinder mache ich häufig Witze darüber: Man hat mit einer sichtbaren Behinderung häufig Narrenfreiheit. Der Pulli ist dreckig, der Hosenstall offen, der Kerl riecht wie ein Iltis – macht doch nichts, er ist blind. Sag lieber nichts, sonst ist er traurig, beleidigt oder verklagt dich wegen Diskriminierung.
Ein ähnlicher Mechanismus greift, wenn es um Maßnahmen zum Thema Blindheit geht. Wer hier als Sehender mit Geld oder Logistik-Problemen argumentiert, darf sich auf einen Shitstorm vorbereiten. Das hat zur Folge, dass sich jeder Unsinn mit dem Argument Inklusion oder Barrierefreiheit verkaufen lässt. Es ist aber nun mal so, dass die Ressourcen endlich sind und wer Geld für Blödsinn ausgegeben hat, dem fehlt das Geld für sinnvolle Maßnahmen. Falls das mal bei den Beratern der Blindenverbände und wer immer noch in diesem Bereich aktiv ist ankommt, können wir vielleicht mal dazu übergehen, Maßnahmen vorzuschlagen, die nicht nur symbolisch, sondern auch praktisch nutzen. Mal ehrlich, welche Sehenden-Organisation würde es heute wagen zu sagen, dass ihnen etwa Braille-Beschriftungen zu teuer sind und das Leitsysteme in kleinen geschlossenen Gebäuden so überflüssig wie ein Kropf sind? Wir stoßen hier auf die Schattenseite der Geschäftemacherei mit Inklusion und Barrierefreiheit.
Man kann mir gerne vorwerfen, dass ich etwa XING und andere Anbieter für ihre mangelhafte Barrierefreiheit kritisiert habe. Doch habe ich immer meine Gründe dafür genannt: Es gibt etwa ein Quasi-Monopol, die Ressourcen sind vorhanden oder man hat sich selber seiner Barrierefreiheit gerühmt oder ist verpflichtet.

Was ist die Lösung?

Nun bin ich niemand, der gerne meckert ohne eine Alternative zu präsentieren. Und diese ist so einfach, dass es mich wundert, warum sie niemand nennt: Sie heißt fühlbare Schwarzschrift. Schwarzschrift nennen wir die Schrift, die Sehende lesen. Sie fühlbar zu machen, ist kein großer Aufwand. Wir haben entsprechende Maschinen, wir haben 3D-Drucker, wir haben Stoff, der sich leicht ausschneiden und aufkleben lässt.
Der Vorteil dieser fühlbaren Schrift ist, dass sowohl spät Erblindete sie lesen können als auch blind geborene Kinder. Letztere müssen die Schwarzschrift in der Schule lernen. Und es schadet ihnen nicht, auch später noch die Form der Schwarzschrift-Buchstaben zu kennen.
Die Zeichen können auch von Personen gelesen werden, die wir in der Blindenszene komplett ausklammern: Menschen, welchen die Sensibilität in den Fingern fehlt, um Braille lesen zu können. Jeder sehende Mensch, den ich bisher gefragt habe hatte große Probleme, die Punkte komplexerer Braillezeichen wie etwa dem K, dem O und so weiter taktil zu erkennen.
Die Buchstaben aus Kunststoff oder Metall können sehr einfach hygienisch sauber gehalten und ggf. ersetzt werden. Vor allem können sie von Sehenden gelesen werden, womit diese feststellen, ob die Informationen noch stimmen. Das ist ja etwa das Problem bei Bürobeschriftungen: Es stehen zwar die Nummern der Büros auf den Schildern, nicht aber die Namen der jeweiligen Mitarbeiter, weil das organisatorisch, finanziell und platztechnisch schwierig ist.
Einen Vorteil gibt es für stark Sehbehinderte: Sie können die Buchstaben ebenfalls abtasten. Für sie ist es nämlich nachteilig, wenn sich die Büro-Beschriftungen auf Hüft- und nicht auf Kopfhöhe befinden, weil sie sie sich eventuell vorbeugen müssen, um die hüftigen Beschriftungen zu lesen.
Längere Texte damit zu produzieren ist natürlich nicht sinnvoll. Viele Buchstaben abzutasten ist nicht komfortabel möglich. Doch was spricht dagegen, dem Blinden ein iPhone zu geben, auf dem er die Speisekarte tagesaktuell ablesen kann? Die paar Gesten, die er dafür braucht, kann man ihm zur Not auch zeigen. Und wenn er damit nicht klarkommt, wird die Speisekarte oder was auch immer selbständig lesen zu können sicher nicht sein größtes Problem sein. Eine weitere Möglichkeit wäre ein einfacher DAISY-Player, den der Betreiber des Etablissements im Zweifelsfall selbst besprechen und dadurch tagesaktuell halten könnte.

Fazit

Vieles von dem, was angeblich für Blinde gemacht wird ist leider reine Symbolpolitik. Ich habe nichts gegen Braille und übrigens auch nichts gegen Symbolik, doch endet mein Verständnis da, wo der Symbolik nichts Praktisches für die Mehrheit der Blinden gegenübersteht. Mir ist es trotz Braille noch kein einziges Mal gelungen, meinen Sitz im ICE selbständig zu finden. Die Sanitäranlagen abzutasten dürfte für jemanden ohne sehrest eine etwas widerliche Angelegenheit sein.
Und die Verantwortlichen glauben tatsächlich, den meisten Blinden etwas Gutes getan zu haben. Wir kennen das schon aus der Verhaltensforschung: Es gibt das Phänomen, dass Personen, die etwas Gutes getan haben glauben, sich schlechter benehmen zu dürfen, es ist sozusagen das Karma des Verhaltens, am Ende kommt Plus Minus Null raus. der Schaffner fragt sich etwa, warum er den Blinden zum Platz führen soll, wenn die Bahn doch zehntausende Euro für Platzbeschriftungen ausgegeben hat. Der Restaurant-Besitzer hat 200 Euro in die Karte in Blindenschrift investiert, aber der Blinde will vom Kellner vorgelesen haben, was es gibt. Der Hotel-Angestellte will den Blinden nichts auf sein Zimmer bringen, es ist doch alles mit Braille beschriftet, wofür soll denn das gut gewesen sein? Warum haben wir jetzt dieses Leitsystem installiert, wenn der Blinde trotzdem kreuz und quer läuft? Und diese Fragen sind leider berechtigt, denn wer immer diese Systeme angepriesen oder verkauft hat, hat die Zuständigen nicht richtig aufgeklärt, im Zweifelsfall natürlich, weil er ohne Auftrag kein Geld verdient.

Wie schütze ich mich als Blinder vor Belästigung und Gewalt?

Ein stilisierter Karatekämpfer in schwarz auf weißem Grund.Eine session von Oliver auf dem gestrigen Sozialcamp hat mich dazu motiviert, über das Thema Sicherheit für Blinde und Sehbehinderte nachzudenken.
Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kriminalität statistisch gesehen abnimmt und es spielt auch keine Rolle, welche Nationalität oder Gesinnung ein Täter hat. Wenn ich überfallen werde, interessiert mich nicht, wie statistisch wahrscheinlich es ist, an diesem Ort überfallen zu werden.
Vielleicht bin ich der Einzige, der das spürt, doch gibt es in der Großstadt eine latente Aggressivität, die von so ziemlich jeden Bürger zwischen 13 und 60 ausgeht. Man drängelt sich vor, tritt einem auf die Füße, ohne sich zu entschuldigen, fahrrad-klingelt und hupt wie ein Vollidiot und so weiter. Diese Aggressivität kann jederzeit in latente Gewalt umschlagen. Vielleicht habe ich auch nur falsche Erwartungen an die Großstadt.
Hinzu kommt die tatsächlich zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Helfern wie Polizisten, Sanitätern oder Feuerwehrleuten. Lehrer, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte, Politiker – sie alle werden bedroht und leider bleibt es oft genug nicht bei Worten.
Ich möchte ausdrücklich dazu sagen, dass ich keine Angst davor habe, Opfer einer Gewalttat zu werden. Das liegt zum Einen daran, dass ich nicht wie ein leichtes Opfer aussehe, trotz meines Blindenstockes. Ich habe eine kräftige Statur und wirke wie ein Bulldozer, wenn ich durch die Landschaft pflüge.Wichtiger ist aber, dass ich Situationen aus dem Weg gehe, in denen ich Opfer werden könnte. Das Nachtleben reizt mich nicht, ich meide Menschengruppen und anrüchige Stadtviertel und wohne auch in einer Gegend, in der soweit ich weiß so gut wie nie etwas passiert.
Nichtsdestotrotz möchte ich hier ein paar Tipps sammeln, wie wir uns schützen können. Wenn ihr weitere Hinweise habt, schreibt sie gerne in die Kommentare, wenn ihr mögt auch anonym oder schickt mir eine Nachricht mit euren Hinweisen, ich werde sie dann gern hier veröffentlichen.

Risiken minimieren

Der erste Tipp, der immer gilt ist, dass wir Situationen vermeiden sollten, in denen Gefahren entstehen könnten. Noch mal zum Mitschreiben: Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, riskante Situationen für uns und unsere Lieben zu vermeiden, deshalb widmet sich fast der gesamte Beitrag diesen Vermeidungsstrategien. Am Ende des Beitrags sehen wir den Grund für diese Empfehlung.
Ich setze einmal voraus, dass ihr am Nachtleben und sonstigen Dingen teilnehmen wollt. Man kann auch zuhause überfallen werden und selbst, wenn da das Risiko gering ist: Wenn wir aus Angst zuhause bleiben, haben die Arschlöcher gewonnen.
Jeder kennt in seinem Heimatort die Ecken, in denen es gefährlich werden kann. Dazu gehören auch bestimmte Bahnstationen, Waldwege, Hinterhöfe und was euch noch so einfällt.
Man sollte auch nie zu würdevoll oder feige sein, um eine Begleitung durch einen Freund zu bitten und auch nicht zu geizig für ein Taxi.

Schau nicht wie ein Opfer aus

Schläger und Kriminelle sind in der Regel faule und feige Typen. Sie suchen sich ihre Opfer gezielt danach aus, ob sie leichtes Spiel mit ihnen haben. Bei Vergewaltigungen zum Beispiel geht es dem Vernehmen nach weniger um Sex als um Macht und Macht gibt es nur dort, wo sich jemand unterwirft.
Es sind vor allem Körpersignale wie ein geneigter Kopf sowie ein eiliger und verschüchterter Gang. Es gibt noch mehr Signale, die ich allerdings selber nicht kenne, da ich sie auch nicht bei Anderen wahrnehmen kann.
Auch das Äußerliche wie Aussehen und Kleidung können eine Rolle spielen. Flapsig gesagt: Habe ich mein Lieblingskuschltier an meinem Rucksack hängen, sehe ich nicht besonders wehrhaft aus.
Es gibt Selbstbehauptungstrainings zum Beispiel von den Frauenbüros, wo ihr genau so etwas lernen könnt – ein Stichwort dazu ist Wen-Do. Ob es was Vergleichbares für Männer gibt, weiß ich nicht.

Stetige Aufmerksamkeit bewahren

Das heißt, wir halten ständig unsere Umwelt im Auge. Als Blinde müssen wir das ohnehin tun, da wir ja ständig von Gefahren anderer Art wie Stolperfallen, Passanten oder Fahrzeugen umgeben sind.
Zusätzlich sollten wir unseren geistigen Fokus auf weitere verdächtige Elemente richten: Eilige Schritte, die direkt auf uns zukommen, verdächtiges Rascheln in einem Hauseingang, der Geruch eines Afterschaves, wo eigentlich niemand sein sollte und so weiter. Das klingt komplizierter, als es ist. Es geht darum, den Alltag achtsam wahrzunehmen und nicht die ganze Zeit nur auf das Handy zu hören oder gar Stöpsel im Ohr zu haben.

Körperliche Fitness bewahren

Generell ist es sinnvoll, eine Kampfkunst zu beherrschen. Ich kenne mich hierbei nicht aus, deswegen will ich keine Empfehlung abgeben. Als Selbstverteidigung wird Krav Maga häufig empfohlen. Ich kann aber nicht einschätzen, ob es für Blinde gut geeignet ist. Kampfkunst ist besser als Kampfsport, weil Kampfsportarten den sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellen. Es gibt auch Selbstverteidigungstraining mit dem Blindenstock, wobei ich ich mir nicht sicher bin, wie sinnvoll das ist. Ich selbst habe an solchen Kursen bisher nicht teilgenommen.
Generell gilt: Ein Selbstverteidigungstraining ist nichts, was man einmal und nie wieder macht. Sind die Bewegungen nicht durch regelmäßige Übung in Fleisch und Blut übergegangen, bringt es nichts und man kann es gleich ganz lassen. Entscheidend ist übrigens, dass man im Falle eines Falles auch bereit ist, das Gelernte auch gegen einen Menschen einzusetzen. Klingt banal, doch wir alle haben eine natürliche Abneigung dagegen, andere Menschen zu verletzen. Das ist durchaus sinnvoll und eine zivilisatorische Errungenschaft. Doch zögern wir im falschen Moment, wird uns das Gelernte auch nicht weiterbringen.
Außerdem sollte man generell auf die eigene Fitness achten. Bodybuilding ist absolute Show und ansonsten Zeitverschwendung. Aber eine gewisse Kondition und Kraft sollte jeder von uns schon seiner Gsundheit zuliebe haben.
Oliver empiehlt außerdem Trainings zur Stärkung der Gleichgewichts- und Körperkoordination. Es geht darum, seinen Körper zu kennen. Außerdem kann das unsereins bei der Sturzprävention helfen.
Ein Nebeneffekt körperlicher Fitness ist ein erhöhtes Selbstbewusstsein. Das ist natürlich immer nützlich, aber vor allem dann, wenn wir wie oben beschrieben nicht wie ein Opfer aussehen wollen.

Das hinguckende Weggucken

Klingt ein wenig nach Zen, ist aber recht simpel: Man sollte seine Mitmenschen im Auge behalten, ohne Blickkontakt herzustellen. Blickkontakt wird häufig als Aufforderung zu Irgendwas verstanden und kann auch als Ängstlichkeit interpretiert werden. Ebenso kann aber auch das krampfhafte Weggucken als Ängstlichkeit interpretiert werden. Der Mittelweg scheint also am sinnvollsten zu sein.
Das funktioniert natürlich nur für Sehrestler, aber Vollblinde können immerhin steuern, ob sie geradeaus oder auf den Boden schauen.

Allgemeine Tipps

Und hier ohne Priorität ein paar allgemeine Tipps:

  • Wenn wir irgendwo länger stehen, sollten wir immer eine Wand oder etwas Anderes im Rücken haben, so bieten wir weniger Angriffsfläche.
  • Taschen sollte man entweder am Körper tragen oder zwischen die Beine stellen. Ich staune immer wieder darüber, wie viele Blinde sich leichtfertig beklauen lassen. Wertsachen, die nicht ständig gebraucht werden, sollten zuhause bleiben
  • Wertsachen wie Brieftaschen oder teure Handys sollten möglichst nicht offen gezeigt werden. Sie wecken nur Begehrlichkeiten bei Anderen. BTW sollte man seine Kärtchen lieber in einer seperaten Brieftasche aufbewahren und nur das Bargeld in der Gesäß-Brieftasche haben. So ist man nicht gleich alles los, wenn man beklaut wird. Und vor allem kennt der Täter nicht Deine Adresse, weil er Deinen Personalausweis hat.
  • Man sollte immer mindestens einen Schritt Abstand zwischen sich und eine potentiellen Gefahrenquelle wie einer Straße, Bahnschienen oder einer Treppe haben. Ein kräftiger Stoß reicht schon aus, um uns umkippen zu lassen. In dem Zusammenhang sollte man sich auch immer so hinstellen, dass man einen sicheren Stand hat, also etwa das Hauptgewicht auf dem hinteren Bein haben, das zweite Bein nach vorn stellen und die Füße leicht spreizen, so kann man weniger leicht von hinten oder von der Seite umgestoßen werden.
  • In Bus und Bahn sollte man sich nie in eine Situation begeben, in der man bedrängt werden kann. Also nicht auf die Innenseite setzen und wenn sich jemand neben euch setzen möchte, steht auf und lasst ihn rein oder er hat Pech gehabt.
  • Wenn ihr alleine seid, tut so, als ob ihr zu einer Gruppe gehört. Stellt Euch nahe der Gruppe auf oder setzt euch in den Öffis in deren Nähe. Natürlich nur, wenn diese Gruppe harmlos ist, sie zum Beispiel aus Frauen und Männern besteht.
  • Nutzt lieber Haltestellen, an denen viele andere Menschen aus- bzw. zusteigen, auch wenn die Wege dadurch länger werden
  • Hauptstraßen sind immer besser als Nebenstraßen, auch wenn der Weg dann länger dauert.
  • Verwendet immer bekannte Wege, wenn ihr nachts unterwegs seid. Dort seid ihr wahrscheinlich, fühlt euch aber auf jeden Fall sicherer.
  • Reizgas ist in den meisten Situationen Mist, schlecht zu finden und das Meiste kriegt man selbst ab, wenn man überhaupt zum Schuss kommt. Das Gleiche gilt für Messer.
  • Nehmt möglichst immer eine Person eures Vertrauens mit, auch wenn diese Person euch nervt.
  • Lasst niemanden ins Haus, wenn er euch nicht bekannt oder angemeldet ist. Wenn jemand von einer Behörde oder anderen Stelle sein will, ruft dort an. Am besten geht ihr nicht an die Tür, wenn ihr nicht jemanden erwartet

Und wenn es doch passiert

Was im Falle eines Falles zu tun ist, hängt immer von der konkreten Situation ab: Wenn jemand euer Handy oder eure Brieftasche will, dann gebt sie ihm. Wer ein teures Handy oder eine Brieftasche voller Bargeld mit sich schleppt oder den PIN auf die Bankkarte geschrieben hat, ist danach hoffentlich trotzdem unverletzt, am Leben und hat eine gute Lektion gelernt.
Andere Situationen sind komplizierter: Im Zweifelsfall ist es immer schwierig für uns, eine Gefahrensituation richtig einzuschätzen. Folgende Möglichkeiten gibt es:

  • Um Hilfe rufen: So laut wie möglich um Hilfe rufen. Schon die mögliche Aufmerksamkeit der Umgebung kann helfen.
  • Weglaufen, wenn man sich das zutraut: Für unsereins ist es schwierig, doch manchmal möglich. Wie oben erwähnt sind die meisten täter zu faul oder zu feige, um euch zu folgen, um so mehr, wenn ihr beim Weglaufen um Hilfe schreit.
  • Verhandeln: Damit ist nicht gemeint, um Gnade zu flehen, sondern eher etwas wie „Verpiss Dich, Du Arschloch“. Wie gesagt haben es die Täter auf leichte und ängstliche Opfer abgesehen und sie riechen Angst noch drei Meilen gegen den Wind. Wenn jemand sich so verhält, als ob er sich wehren kann und wird, wird man im Zweifel von ihm ablassen.
  • Kämpfen: Ich nenne dies als Letztes, weil wir praktisch keine Situation richtig einschätzen können. Der Täter ist nicht so nett, uns zu sagen, ob er einen Baseballschläger, ein Messer oder eine Pistole auf uns richtet. Er sagt uns nicht, ob er Kickboxer, oder Judomeister ist. Wir sehen nicht, ob er kräftig oder ein Würstchen ist. Mit anderen Worten: Wir können unseren Gegner und die Umgebung null einschätzen
    und wenn wir kämpfen, müssten wir von Anfang an darauf setzen, den Gegner möglichst mit dem ersten Akt auszuschalten, denn ein leichter Angriff wird ihn eher aggressiver machen und was er als Nächstes tun wird, wissen wir nicht. Wie oben geschrieben müssen wir bereit sein, den Anderen ggf. zu verletzen und sind wir das nicht, sollten wir lieber davonlaufen.

Deswegen sollten wir, wie oben geschildert, immer versuchen zu vermeiden, in solche Situationen zu kommen.
Einem Kampf aus dem Weg zu gehen ist Klugheit und nicht Feigheit, denn in den meisten Fällen werden wir keine Chance haben, unversehrt aus so einer Situation zu kommen.
Tipps für Frauen bietet auch der DBSV in einer kostenlosen Broschüre.
Adaptive Krav Maga ist eine Selbstverteidigungstechnik, ein für Behinderte angepasstes Krav Maga.

Was sehen Blinde eigentlich?

Nichts, wird die volksmündliche Antwort lauten. Leider ist die Situation aber ein wenig komplizierter. In diesem Beitrag werden wir uns anschauen, was Blinde visuell wahrnehmen können.

Eine kleine Begriffskunde

Wie immer ist es sinnvoll, die Begriffe zu kennen:

  • Wir sprechen von vollblind, wenn jemand nichts oder so gut wie nichts sehen kann.
  • Gesetzlich blind sind Menschen, die einen bestimmten Sehrest unterschreiten. Das betrifft entweder die Sehschärfe, die im Visus angegeben wird. Oder die Größe des Gesichtsfeldes. Diese Gruppe wird als Sehrestler bezeichnet.

Beide genannten Gruppen sind im gesetzlichen Sinne blind. Davon abgrenzen können wir die hochgradig Sehbehinderten, die Sehbehinderten und natürlich die Sehenden. Letztere haben entweder keine oder zumindest nicht solche Sehprobleme, die sich nicht mit Brillen oder Kontaktlinsen ausgleichen lassen. Die Grenzen zwischen hochgradig sehbehindert und Sehrest-Blinden ist fließend. In der Regel arbeiten
hochgradig Sehbehinderte noch visuell am Computer und benutzen keinen Blindenstock. Die Sehrestler arbeiten in der Regel mit Screenreader und Braille und verwenden einen Blindenstock im Alltag. Doch gibt es hier keine absolute Regel.

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Sehen ist die Verarbeitung von Licht. Entweder wird Licht ausgestrahlt, zum Beispiel von einem Bildschirm oder es wird reflektiert. Das war es schon, alles, was wir sehen, ist die Reflektion von Licht. Manchmal lohnt es sich, sich an diese einfache Tatsache zu erinnern.
Das Spektrum des Sehens unter Sehrestlern ist relativ groß. Was der Eine sieht, sieht der Andere nicht und umgekehrt. Wenn ein Sehender einem anderen Sehenden etwas zeigt, z.B. auf der Straße, kann er ziemlich sicher sein, dass der Andere es auch sehen wird. Unter Sehrestlern ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen das Gleiche erkenne, relativ gering. In meiner Schulzeit konnte einer meiner Freunde Personen am Gesicht erkennen, aber keine Schwarzschrift lesen. Schwarzschrift nennen wir Blindgänger die gedruckte Schrift. Ich kann bis heute ein wenig Schwarzschrift lesen, wenn sie so groß wie eine Zeitungsüberschrift ist. Aber ich konnte in meinem ganzen Leben niemanden am Gesicht, der Kleidung oder am Gang erkennen.
Die Mess-Instrumente, die Augenärzte verwenden sind natürlich nicht auf Unsereins ausgelegt, sondern auf Normal-Sichtige. Ich weiß leider nicht, ob es spezielle Messmethoden für sehschwache Personen gibt oder ob solche Mess-Instrumente überhaupt sinnvoll wären.

Sehen mit dem ganzen Körper

Wer lediglich auf das Sehen achtet, verkennt viele andere Faktoren. Im Computerbereich würde man das integrierte Informationsverarbeitung nennen. Da ist natürlich das Gehör. Aber auch der haptische Kontakt zum Boden, der Geruchsinn. Der Geschmacksinn als fünfter Sinn ist an der Stelle nicht so wichtig. Sehende benutzen solche Faktoren oft unbewusst. Der Geruchssinn zum Beispiel funktioniert sehr stark intuitiv. Aber auch das Gehör spielt eine Rolle: Wem ist es noch nicht passiert, dass er das Auto hinter sich zuerst gehört hat und dann zur Seite sprang, ohne sich umzudrehen und zu gucken, ob es einen tatsächlich gleich überfährt?
Als weiterer Faktor kommen Gedächtnis und Erfahrung hinzu. Als kleines Kind bereits mussten wir lernen, visuelle und auditive Reize zu unterscheiden. In unserem Gedächtnis gibt es tausende Geräusche. Jeder erkennt zum Beispiel das charakteristische Geräusch eines entriegelnden Kofferraums, eines bremsenden Fahrrads oder eines tappenden Hundes, auch wenn wir kein Auto, kein Fahrrad und keinen Hund haben.
Als weiteren Faktor haben wir die Situationsabhängigkeit: An einer Straße dürfen wir mit anderen Gegenständen rechnen als im Park oder im Wald.
Und das Gedächtnis verrät uns, dass das Gelbe da vorne, wo wir jeden Tag vorbei gehen ein Briefkasten und keine gelbe Tonne ist. Grob geschätzt nutzen wir 90 Prozent unseres Lebens immer die gleichen Wege. Wenn jemand in unsere Wohnung spazieren und unsere Bücher umstellen würde, würden wir das sofort merken. Und zwar nicht, weil wir ein so ausgefeiltes Ordnungssystem haben, sondern weil uns das Muster der Aufstellung vertraut ist. Wenn aber etwas jeden Tag anders ist, wie die Autos, die an der Straße parken, achten wir in der Regel nicht darauf. Wenn wir wissen, was etwas ist, reichen auch sehr unscharfe Seheindrücke, um es zu erkennen bzw. Veränderungen zu bemerken.

Im Gegensatz zum Menschen, wir schauen mal von der künstlichen Intelligenz und Fuzzy Logic ab, versteht ein Computer nur ja oder nein. Er wird sich zwangsläufig entscheiden, ist es ein Mensch oder ein Laternenpfahl? Ein Mensch hingegen könnte schlussfolgern, das Objekt könnte ein Mensch sein, aber Menschen stehen normalerweise nicht stocksteif in der Gegend rum. Es wird also doch ein Pfahl sein. Befindet es sich hingegen mitten auf einem Bürgersteig, wird es wohl eher ein Mensch sein.

Fazit

Es ist also schlicht gesagt unmöglich, einem anderen Menschen exakt zu beschreiben, was man als Sehrestler wahrnimmt. Wir behelfen uns immer an Beispielen, die aber oft unzureichend sind. Deswegen dürft ihr auf die Frage: „Was siehst du eigentlich?“ nie eine klare Antwort von uns erwarten.
Das scheint die Frage zu sein, die Sehende am meisten verwirrt, wenn sie mit Sehrestlern zu tun haben. Leider ist das eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt oder jemals geben wird.