Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Google stolpert über die Barrierefreiheit von Android

In einem Kommentar schrieb ich zu einem anderen Thema, dass einem Google fast leid tun könnte. Auf der einen Seite arbeiten sie beständig an der Weiterentwicklung von Android. Auf der anderen Seite profitieren die meisten Android-Nutzer nicht davon, weil die Updates durch die Hersteller nicht an die Nutzer weitergegeben werden. Google hat hier aus jeder Sicht versagt: die Nutzer profitieren nicht von Verbesserungen des Betriebssystems und Android-Handys werden ein Sicherheitsrisiko. Die Hersteller ihrerseits müssen – oder sollten zumindest – eigene Ressourcen aufwenden, um die Geräte auf die neueste Version zu bringen. Falls Microsoft bei Windows Phone eine andere Strategie verfolgt – ich weiß es leider nicht – könnte Android seine Vormachtstellung auf dem Mobilgeräte-Markt tatsächlich wieder einbüßen. Das Problem war eigentlich voraussehbar, weshalb es schlicht unverständlich ist, warum Google diesen Fehler gemacht hat. Andere Frage: Wie viele Leute werden noch ein Android-Gerät kaufen, wenn diese massenhaft von Hackern gekapert werden?

Googles Fehler in der Barrierefreiheit von Android

Ebenso groß ist Googles Versagen, was die Barrierefreiheit des Systems angeht. Dass sie relativ spät auf Barrierefreiheit gesetzt haben, könnte man ihnen noch verzeihen. Erst Apple hat überhaupt gewagt, ein touch-basiertes Gerät für Blinde zugänglich zu machen.

Was man Google nicht verzeihen kann ist die Fragmentierung der Zugänglichkeitshilfen. Zunächst müssen die Eingabehilfen im System eingeschaltet werden, danach darf man die passenden Apps aus dem Netz herunterladen. Es gibt nicht eine, sondern sehr viele Apps, die installiert werden müssen, um das Gerät überhaupt bedienbar zu machen.
Was mich wirklich geärgert hat ist, dass man das Gerät als Blinder oder Sehbehinderter nicht selbst einrichten kann. Man kann das Gerät nicht einfach an den Computer anschließen und dort konfigurieren. Die Apps müssen über den Appstore oder eine andere Quelle heruntergeladen und installiert werden. Sogar den Spaß, einen Google-Account samt CAPCHA übers Handy zu erstellen mutet Google einem zu.

Auf der Suche nach der verlorenen App

Für viele Aufgaben gibt es eine, zwei oder mehr Apps. Als Behinderter darf man sich die passende App aus dem Store aussuchen. Man kann sich auch die x Seiten durchlesen, die Google dankenswerterWeise zum Thema bereit gestellt hat. Schön und gut – aber wer will das schon? Selbst wenn man Zeit hat, gibt es angenehmere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann als Anleitungen zu lesen und Apps zu studieren.
Wirklich dämlich ist die mangelnde Anpassbarkeit der Android-Oberfläche für Sehbehinderte. Es wäre recht einfach gewesen, die Oberflächen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar zu machen, indem man Schriftgrößen, Farben und Kontrast selbst einstellt. Die Antwort lautet wahrscheinlich: Es gibt eine App dafür! Es tut mir echt leid, aber für jeden Furz eine App zu installieren und wenn es auch so schnell geht ist absolut nicht die Lösung. Ich erwarte von jedem aktuellen Betriebssystem – ob Smartphone oder Desktop – ein Mindestmaß an Konfigurierbarkeit der Oberfläche.
Generell bin ich für den Open-Source-Ansatz. Es ist eine schöne Sache, dass es unzählige Hacks für Android gibt. Und dort, wo Hilfssoftware schon halbwegs gut funktioniert – auf dem Desktop – ist das schön. Nichts davon kommt aber Blinden auf einem Smartphone zugute, weil sie schlicht keinen kognitiven Zugang zum Gerät haben. Schade Google – schade Android.

NVDA und Chrome – der Firefox ist nicht mehr der beste Browser für Blinde

Ich bin vor nun mehr zehn Jahren auf den Firefox gestoßen und man muss sagen, im Vergleich zum Internet Explorer in allen Versionen ist der Firefox der bessere Browser. Das ist aber auch keine Kunst.
Lange Zeit war der Firefox neben dem IE der einzig zugängliche Browser für Screenreader-Nutzer. Opera, eine durchaus vorzeigbare Alternative, hat es leider nicht geschafft, die Benutzbarkeit für Screenreader zu verbessern. Das ist durchaus verständlich für mich. Die Blinden-Community ist nicht so groß und der Marktanteil von Opera ebenfalls nicht, so dass sich Investitionen in diesem Bereich kaum auszahlen. Die letzte Version von Safari für Windows, die ich getestet habe war auch nicht der Bringer.
Leider hat Firefox auf der halben Strecke ziemlich schlapp gemacht. Seit der Version 3.x hat er ein großes Speicherproblem. Er verbraucht viel Arbeitsspeicher, was insbesondere bei älteren Geräten problematisch ist. Diese Probleme sollen anscheinend mit der aktuellen Version 10 angegangen werden, was aber irgendwie drei Jahre zu spät kommt. Wer einen Blick in den Taskmanager wirft, kann auch sehen, dass hier ein wenig getrickst wird. Es gibt mehrere Tasks namens plugin-container, die zum Firefox gehören und für einfache Erweiterungen recht ordentlich Arbeitsspeicher abgreifen. Dass der Hauptprozess weniger Arbeitsspeicher braucht fällt also kaum noch ins Gewicht.
Mit der neuen Update-Politik hat Firefox nun endgültig den Pfad der Tugend verlassen. Die Entwickler von WebVisum kommen mit dem Updaten nicht mehr nach, so dass eines der großen Argumente für den Firefox nicht mehr sticht. Ich frage mich ehrlich, warum die Firefox-Entwickler, die doch soviel wert auf Barrierefreiheit legen wollen, nicht die Funktionen von WebVisum in den Browser integriert haben. Eine Funktion zum Lösen von Captchas z.B. dürfte sich leicht über einen serverbasierten OCR-Prozess bereit stellen lassen.
Komplett versagt hat der Firefox dort, wo er eigentlich seine Stärken hat: bei den zahllosen erweiterungen. Die Verwaltung der Addons ist seit Firefox 4 nicht mehr mit dem Screenreader möglich, zumindest nicht über die normale Addon-Ansicht des Firefox. Die Verwaltung sieht jetzt hübscher aus, aber ist mit Screenreadern nicht nutzbar. Zudem stürzt der Browser recht häufig ab, wenn man mit dem Screenreader in den Addons unterwegs ist. Update: Das Problem tritt mit Jaws auf, mag sein, dass das mit NVDA nicht passiert.
Der Firefox könnte sich generell zum Sicherheitsloch entwickeln. Schockiert habe ich festgestellt, dass dritte Programme in der Lage sind, ihre Erweiterungen ohne Nachzufragen in den Firefox zu installieren. Dazu gehören QuickTime, iTunes und Office 2007. Der Firefox weist nicht darauf hin, dass diese Plugins installiert worden und schon aktiv sind. Das ist ein echtes Sicherheitsloch, heißt das doch, dass jedes Programm, das installiert wird, den Firefox manipulieren und dadurch auch aufs Internet zugreifen kann. Für einen OpenSource-Browser ist das eine Bankrotterklärung. inst
Wer also nach Alternativen zum Firefox sucht und blind ist, sollte auf das Gespann Chrome/NVDA in den aktuellen Versionen zurückgreifen. Mit Chrome kann man zum Beispiel auch Flash-Videos mit den Cursor-Tasten spulen, eine Funktion, die ich schon seit 10 Jahren vermisse. Ob tatsächlich alles accessible ist, kann ich noch nicht sagen, aber es sieht schon einmal gut aus. Eine Alternative zu NVDA scheint das kostenlose Plugin ChromeVox zu sein, was ich allerdings bisher nicht testen konnte. Ich vermute, es ist vor allem für Menschen gedacht, die nicht sich Inhalte vorlesen lassen wollen und weniger für Blinde.
Chrome ist, was das Tempo angeht derzeit unschlagbar, in den Schatten gestellt bestenfalls von Opera. Fairerweise muss man sagen, dass Chrome auch davon profitiert, dass er nicht so viele Altlasten wie der Firefox mit sich schleppen muss.
Auch die neuesten Versionen von Jaws sollen kompatible mit Chrome sein, aber wer hat die schon?
Schön ist auch, dass es portable Versionen von Chrome und NVDA gibt, die gut funktionieren. So kann man beide Programme auf einen Stick packen und hat sie immer dabei.

Behinderung und Technik – Windows kann barrierefrei und Vodafone kann nachhaltig

Warum jetzt und nicht vor zehn Jahren könnte man fragen. Windows 8 kriegt einen Screenreader. Nach Linux und Mac ist Windows damit reichlich spät dran. Immerhin rückt das Betriebssystem damit einen Schritt näher an die Barrierefreiheit. Anscheinend plant Microsoft, ähnlich wie Apple die Integration des Betriebsystems auf unterschiedliche Plattformen. Das heißt, Windows 8 könnte auch auf Tablets zum Einsatz kommen. Ob da auch eine Touchunterstützung für den Screenreader zum Einsatz kommt? Auch bei Windows Phone ist die Unterstützung von Screenreadern noch nicht absehbar.

Vodafone hat angekündigt, Nachhaltigkeit tief in die Unternehmensstrategie verwurzeln zu wollen. Barrierefreiheit könnte ebenfalls ein Thema in dieser Strategie sein:

Als Erstes ist das „Access to Communication“, also Zugang und Teilhabe aller Geselschaftsmitglieder an moderner Telekommunikation. Als Zweites „Connected Living“, also die Vernetzung von Privat- und Berufsleben“ sowie als Drittes das Thema „Smart Energy“, das den effizienten Einsatz von Energie sowohl im Unternehmen selbst, als auch bei den Kunden abdeckt. Als zusätzliches, übergreifendes Querschnittsthema wurde „Simplicity“ ausgewählt, also die Vereinfachung
des Lebens durch nutzerfreundliche Prozesse und Dienste.“ Quelle: Interview in The European vom 28.2.2011

Das ist natürlich erst einmal PR. Allerdings hat Vodafone im letzten Jahr den Smart Accessibility Award verliehen, einen Preis für Apps, welche die Barrierefreiheit verbessern sollen. Wir dürfen also gespannt sein. Siehe dazu auch meinen Beitrag zu CSR und Barrierefreiheit.

Eine sehr coole Sache ist der günstige Mini-Rechner Raspberry Pi . Er kostet rund 30 Euro und kann mittlerweile erworben werden. Der Rechner ist so groß wie ein USB-Stick, darauf läuft Ubuntu. Ich gehe mal davon aus, dass damit auch der Screenreader Orca im Lieferumfang ist.
Noch lesenswert:

Auf dem Weg zur barrierefreien Mobilität

Am 27.9.2011 war ich auf dem Forum Barrierefrei des Landesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen NRW. Thema war der Aufbau eines Navigations- und Orientierungsmoduls für Behinderte.
Spannend war zu sehen, wie viel Arbeit schon erledigt wird. In Bonn selbst arbeitet die Behindertengemeinschaft Bonnan einer barrierefreien App.
Ausschnitt aus Wheelmap
Die Idee dahinter ist, eine Grundregel des Allgemeinen Gleichstellungsgesetzes umzusetzen: Um von Barrierefreiheit sprechen zu können, müssen Behinderte eine Aufgabe in der allgemein üblichen Weise, ohne fremde Hilfe und ohne besondere Erschwernis erledigen können.
Wer als Behinderter in eine fremde Stadt fährt, weiß, wie unmöglich das ist. Am schwierigsten ist es für Rollstuhlfahrer, sie müssen sich darauf verlassen können, dass Fahrstühle, barrierefreie Toiletten und ausreichend breite Zugänge vorhanden sind.
Eine zweite Schwierigkeit besteht darin, die Qualität der Daten zu beurteilen. Grundsätzlich müssen recht umfangreiche Checklisten abgehackt werden, um unterschiedlichen Behinderungen gerecht zu werden. Die Leute, die die Daten erheben, müssen entsprechend geschult werden, wer schon mal ein nettes Testverfahren wie den BITV-Test durchgeführt hat wird verstehen, warum. Für diese Aufgabe müssen Freiwillige gefunden werden, da sie ansonsten nicht bezahlbar wäre.
Eigentlich sehe ich hier die Regierung in der Pflicht. Wir haben offenbar genügend Ressourcen, um einen Zensus durchzuführen, wobei mehrere Millionen Leute befragt werden. Es kann also niemand behaupten, wir hätten nicht genügend Ressourcen dafür, Gebäude auf Barrierefreiheit zu prüfen.
Auf der anderen Seite stellt sich mir die Frage, ob die Daten tatsächlich qualitativ so gut sein müssen. Natürlich müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, damit ein Elektrorollstuhl sich angemessen bewegen kann. Abgesehen davon würde ich eher dahin tendieren, so wenige Daten wie möglich zu erheben. Schließlich kann es jederzeit zu einer baulichen Veränderung kommen. Das Rundumsorglos-Paket für Behinderte wird es nie geben. Und da ist eine vernünftige Balance zwischen Qualität und Quantität zu finden. Wenn die Daten zu schlecht sind, kann letzten Endes niemand etwas damit anfangen, weil unzuverlässige Anwendungen nicht eingesetzt werden. Sind die Daten anderseits valide, liegen aber für zu wenige Örtlichkeiten vor, werden sie ebenfalls von niemandem eingesetzt, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit die Orte, die einen interessieren gerade nicht dabei sind.
Ich glaube im übrigen, dass die Behinderten es sich selbst zu schwer machen. Es ist zwar schön, dass Rollstuhlfahrer Wheelmap haben und Blinde DaTABuS, aber im Grunde tun wir uns keinen Gefallen damit. Nur wenige Organisationen, Privatunternehmen oder sonst wer wird hingehen und sich in vier verschiedene Datenbanken eintragen, vier Datensätze aktuell halten und vier Checklisten durchgehen, die alle das Gleiche, aber auf unterschiedliche Weise abfragen. Was macht übrigens der sehbehinderte Rollifahrer oder der Taubblinde? Sollen die vielleicht zwei Datenbanken durchgehen und versuchen, aus dem Querschnitt zu errechnen, ob sie da eine Chance haben? Das ist durchaus ernst gemeint: die Organisationen sollen ihre Daten einfach offen ins Netz stellen und interessierten Personen die Möglichkeit geben, daraus spannende und vielleicht nützliche Anwendungen zu bauen.
Zum Weiterlesen Barrierefreiheit von Shared Spaces

Fundsachen Behinderung und Technik – digitale Bücher bald barrierefrei?

Adobe Digital Editions ist ein Programm zum Lesen elektronischer Bücher. Es ist aber vor allem ein Programm für das Digital Rights Management – ein Euphemismus für die Gängelung von Kunden. Bei den meisten Shops für eBooks muss ADE installiert sein, um auf das Angebot zugreifen und die Bücher nutzen zu können oder sie auf einen eBook-Reader zu überspielen. ADE soll jetzt einen Schritt Richtung Barrierefreiheit gemacht haben. Blinde haben viel Spaß mit Adobe-Programmen wie dem Acrobat Reader, so dass Zweifel durchaus angebracht sind.

Im DRadio gibt es eine Reportage dazu, wie Blinde im Web surfen. Irgendwie scheint das gerade im Mode zu sein. Die gehörlose Bloggerkollegin Julia Probst hat auf Zeit-Online ein ein Interview zu Barrieren für Gehörlose im Netz gegeben.

Über Kinect berichte ich ja öfter. Bei Winfuture gibt es einen Artikel zu Kindern mit Behinderung, die mit der Kinect Spielen können. Vor allem bei Kinderlähmung oder Autismus bewirkt die Kinect demnach positives.

Off Topic

Germany is so barrierefrei – Spiegelbericht zum Auslandsstudium mit Behinderung

Betroffenheit ist kein Handicap – der blinde Journalist Kaiman Dahesch kritisiert die Ernennung eines Behindertenbeauftragten in BaWü ohne Einbeziehung Betroffener

Behindertenverbände blockieren Inklusion zu ihrem eigenen Vorteil – kritischer Kommentar in der taz

MyHandicap über eine Initiative zur Aufbereitung alter PCs für Menschen mit Behinderung.

Fundsachen Behinderung und Technik – eBooks für Blinde und künstliche Muskeln

Blinde und Sehbehinderte sollen besseren Zugang zu barrierefreien eBooks bekommen. Das BKB berichtet darüber, dass die Blindenbibliothek in Leipzig mit dem amerikanischen Projekt Bookshare kooperiert und damit den Zugang zu 29.000 eBooks ermöglicht. Ich sehe das nach wie vor kritisch, weil wie im BKB-Artikel auch gesagt Lernbehinderten und Leseschwachen der Zugang zu eBooks verwehrt bleiben soll.

Bei MyHandicap gibt es einen Bericht zur MS Wissenschaft. Dabei handelt es sich um eine Forschungsausstellung auf einem Schiff. In dieser Ausstellung werden Technologien gezeigt, die für Behinderte interessant sein können wie zum Beispiel Gedankensteuerung. Interessierte können das vor Ort ausprobieren.

Im DeutschlandRadio gibt es ein Feature zur Tiefenhirnstimulation, leider nur als PDF und im „barrierefreien Textformat“, Audio wäre hier interessanter gewesen.

Golem berichtet über eine Technik, taktiles Feedback über einen Touchscreen zu erhalten. Die technik heißt Vivitouch von Artificial Muscle. Das könnte auch für Blinde interessant sein. iPhone und iPad bieten ja bereits Audio-Feedback, so dass für Blinde auch der Aufbau einer Website erschließbar ist. Wenn ich mir das richtig vorstelle, könnte so ein Gerät ein billiger Ersatz für Großflächen-Braille-Displays sein, die sich ohnehin kein normaler Mensch leisten kann.

Off Topic

Der EU-Abgeordnete Adam Kosa hat einen Bericht zur Situation Behinderter in Europa geschrieben, dazu gibt es ein Interview.

Und noch mal das DeutschlandRadio: sie haben einen lesenswerten Beitrag zu Assistenzen für Behinderte veröffentlicht. Zu diesem Beitrag gibts auch ein Audio-File.

Fundsachen Behinderung und Technik – Barrierefreiheit durch Open Data und blind durch die Stadt mit Audio-Feedback

Die Stadt Wien möchte via OpenData Informationen zur Barrierefreiheit im öffentlichen Raum verbreiten, wie Futurezone berichtet.

Grauen Star per Smartphone diagnostizieren soll möglich werden. Ein Smartphone-Aufsatz namens Catra wurde speziell für diesen Zweck vom MIT entwickelt. Mehr dazu bei Golem.

Orientierung ohne Blindenstock oder Führhund? Amerikaanische Forscher haben den Prototyp einer Weste präsentiert, die via optischer Sensoren und taktilen Feedback den Blinden gefahrlos auch in unbekannten Gegenden führen soll, Artikel dazu Technology Review.

Die Stiftung MyHandicap hat ihre iPhone-App zur Recherche nach behindertenrelevanten Adressen aktualisiert. Mehr dazu bei MyHandicap.

Japanische Forscher arbeiten an einer automatischen Gebärdenübersetzung

Viel Spaß damit

Online-Volunteering – Engagement über das Netz

Online-Volunteering ist ein nicht ganz neues , aber in Deutschland eher unbekanntes Engagement-Gebiet. Mit dem Leitfaden „Management von Online-Volunteers – ein Handbuch“ von Hannes Jähnert und Lisa Dittrich gibt es nun eine praxisorientierte Einführung in das Thema.Online-Volunteering könnte man auch als digitales Engagement bezeichnen, es geht darum, dass sich Freiwillige quasi von zuhause aus für eine gute Sache einsetzen, anstatt vor Ort zu erscheinen.
Handbuch Online-Volunteering
Der erste Teil des Leitfadens dreht sich vor allem um die Frage, was Online-Volunteering ist, welche Beispiele es gibt und warum es überhaupt sinnvoll ist, Freiwillige online zu gewinnen. Das bekannteste Beispiel für Online-Volunteering ist übrigens die Wikipedia, wo zumindest die Arbeit an den Artikeln komplett übers Netz läuft. Ein vielleicht noch interessanteres Beispiel ist OpenStreetMap, wo tausende Menschen mit GPS-Trackern durch die Gegend laufen und damit freie Karten erstellt haben. Ein sehr interessantes Projekt ist das World Community Grid von IBM, wo man Rechenleistung spenden kann, um zum Beispiel Krankheiten zu bekämpfen.
Im zweiten Teil geht es darum, wie man Freiwillige gewinnen kann. Das geht auch über das Internet. Die Kernfrage ist, wie man sie gewinnt und wie man das Engagement managt. Typischerweise gibtt ews zwei Engagement-Arten: es gibt Menschen, die sich projektweise engagieren und Menschen, die längerfristig für eine Organisation arbeiten. Für beide Gruppen müssen passende Aufgaben definiert werden.
Das klassische Recruiment von Engagierten läuft bei kleinen Organisationen immer noch über persönliche Netzwerke. Man hat also zuerst den Menschen und findet dann für ihn eine Aufgabe. Im OV muss man tatsächlich im Vorfeld überlegen, welche Aufgaben von daheim aus erledigt werden können und muss sich dann um Freiwillige kümmern. Neben den kurzfristigen Aufgaben wie dem Übersetzen eines Textes gibt es auch langfristige Aufgaben wie das Pflegen der Website, eines Forums oder Blogs.
Zudem muss eine Strategie entwickelt werden, wie Mitarbeiter motiviert werden, wenn die soziale Einbindung nur auf digitalem Wege geschieht.
Bei dem IBM-Projekt arbeitet man sehr geschickt mit unterschiedlichen Formen der Motivation: Es wird bei den verschiedenen Projekten ein der Fortschritt und der eigene Anteil daran angezeigt, es gibt Bestenlisten und man kann sich auch Gruppen anschließen, um gemeinsam mehr zu leisten. Das ist das einzige, was mir in der Broschüre fehlt: die Frage, wie man Online-Volunteers motiviert und bei der Stange hält. Beim konventionellen Engagement funktioniert das über gruppendynamische Prozesse, um es mal blumig auszudrücken.
Besonders freut mich, dass sich die beiden Autoren auch dem Thema Barrierefreiheit gewidmet haben. Viele Behinderte sind in ihrer Mobilität eingeschränkt, aber gerne bereit, sich zu engagieren. Mit dem OV weicht man gewissen Kommunikationsproblemen aus: so fällt es gehörlosen und schwerhörigen Menschen häufig schwer, mit Normal Hörenden zu kommunizieren. Last not least gehört zur Inklusion, dass Behinderte sich auch außerhalb des Bereichs der Behindertenselbsthilfe einbringen. Bis heute werden sie primär als Objekt der Fürsorge und weniger als handelnde Subjekte wahrgenommen.

Wer mit dem Recruitment von Online-Volunteers loslegen möchte, für den ist das Handbuch von Hannes und Lisa ein sehr gut gemachter, praxisorientierter Einstieg. Erhältlich ist das Handbuch meines Wissens nach bei der Akademie für Ehrenamtlichkeit.

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Webseiten als ebook im ePub-Format aufbereiten

Oft kommt es vor, dass ein Buch als Webseite aufbereitet wurde. Die Inhalte verteilen sich auf viele, manchmal hunderte einzelne Seiten. Wer wie ich klickfaul ist, findet das gar nicht gut. Das zweite Problem ist, dass auf eBook-Readern das Surfen im netz langsam und unübersichtlich ist. Deswegen möchte man die Webseite vielleicht als ePub aufbereiten. Und so geht man dabei vor, natürlich alles auf eigene Gefahr, respektiere das Urheberrecht!
Das Vorgehen erfordert das kostenlose Programm WinHTTrack, den kostenlosen HTML-Editor phase5, ruhig auch eine ältere Version sowie den freien eBook-Konverter Calibre. Außerdem sollte man sich ein wenig in HTML auskennen.
Mit WinHTTrack laden wir die entsprechende Webseite runter. HTTrack erstellt einen lokalen Ordner aus der Webseite.
Mit Phase5 öffnen wir eine der HTML-Seiten des Buches und schauen uns den Code an. Wir erkennen solche Elemente wie den Kopf, die Navigation, den Inhalt und die rechte Sidebar. Wir wollen alles raus haben bis auf den Inhalt. Dabei gehen wir Schritt für Schritt vor. Zunächst entfernen wir alle Elemente aus dem Head, die wir nicht brauchen, dazu gehören JavaScript-Anweisungen und –Verweise, Meta-Informationen und eventuell auch das CSS. Wir Markieren den entsprechenden Code-Abschnitt und kopieren ihn in die Zwischenablage.
Phase5 hat die schöne Funktion „Dateiübergreifendes Suchen und Ersetzen“, eigentlich der einzige Grund, warum man das Programm einsetzt. Wir rufen diese Funktion auf und kopieren den Markierten Abschnitt in das obere Feld. Links suchen wir noch unseren Unterordner, wo alle HTML-Dateien liegen, die wir vorher runtergeladen haben. Dann klicken wir auf OK und schon geht es los. Je nach der Menge der Dateien kann das einige Sekunden dauern. Ach ja, du solltest vorsichtig sein, der Schritt lässt sich nicht rückgängig machen. Wir wiederholen diesen Schritt, bis wir alle Elemente entfernt haben, die uns gestört haben. Achte dabei darauf, dass du die Struktur nicht zerstörst, schon das Weglassen von Klammern oder die unvollständige Entfernung von Tags kann die Datei für die Konvertierung unbrauchbar machen.
Im Browser kontrollierst du nach, ob das Layout der Seite nun okay ist. Im Idealfall hast du nur noch den reinen Text und die Bilder, das Layout fällt überwiegend weg, weil wir die CSS-Anweisungen gelöscht haben. Achte darauf, dass Elemente wie Zierleisten, Fußleisten oder Navigationen vollständig entfernt wurden.
Anschließend starten wir Calibre. Dort ziehen wir den Webseiten-Ordner in das ‚Bearbeitungsfeld. Achte darauf, dass die Seiten in der richtigen Reihenfolge vorliegen. Hier ist es natürlich ärgerlich, wenn du das händisch nachkontrollieren musst, aber normalerweise solltest du am Dateinamen erkennen, ob die Reihenfolge korrekt ist.
Jetzt nur noch das eBook im gewünschten Format erzeugen, das wars.
Solltest du Leerzeilen oder unerwünschte Umbrüche im Dokument haben, musst du ein wenig herumexperimentieren. Es kann zum Beispiel sein, dass der Seitenersteller Gestaltungsanweisungen direkt in die HTML-Datei geschrieben hat, die nachträglich wieder gelöscht werden müssen. Außerdem stellt Calibre einige Filter bereit, die bei der Nachbereitung helfen können.

Der Yahoo! Style Guide – Handbuch für Online-Redakteure

Es gibt viele Bücher für Online-Redakteure, aber keines von ihnen stellt die Informationen in geraffter Form zusammen. Diese Lücke wird vom Yahoo! Style Guide gefüllt.

Der Aufbau

Der Guide ist stolze 500 Seiten dick. Das Inhaltsverzeichnis verrät im Grunde schon die gesamte Basis des Schreibens für das Web:

  • Schreibe für das Web
  • Finde heraus, wer deine Leser sind
  • Lege deinen Tonfall fest
  • Schreibe inklusiv
  • Drück dich klar und verständlich aus


Der Inhalt

Selbst für einen Blogger mit kleiner Leserschaft ist es sinnvoll, eine eigene Sprache zu entwickeln. Das heißt zum Beispiel, dass man bestimmte Wörter verwendet und andere nicht. Der regelmäßige Leser mag nach der Verbreitung von Twitter und Facebook seltener geworden sein, es gibt ihn aber noch. Und der wird sich schön wundern, wenn der Blogger an einem Tag einen locker-flockigen Ton anschlägt und im nächsten Beitrag plötzlich Juristen-Jargon verwendet.
Der Blogger ist in diesem Sinne eine Marke und kann ähnliche Strategien anwenden wie Unternehmen dies tun würden: ein einheitliches Design, eine einheitliche Sprache und Konsistenz. Das gilt dann umso mehr, wenn man mehr als einen Kanal bedient. Das ist übrigens das ganze Geheimnis um diese Kaugummi-Begriffe Corporate Design, corporate Wording, Corporate Language. Nebenbei gesagt: wer solche Begriffe verwendet möchte sagt etwas über sich selbst aus, er positioniert sich selbst und vermittelt diese Position oder Einstellung dem Leser. An diesem Beispiel sieht man recht gut, wie man mit Worten arbeiten kann und warum es wichtig ist, die eigene Stimme konsistent einzusetzen.
Wichtig ist auch eine klare Ausdrucksweise. Wir Redakteure verwenden viel Zeit mit der Suche nach schönen Formulierungen, anstatt mehr Wert auf Klarheit zu legen. In meinem Job arbeite ich gerne mit Beispielen, wenn ich die Aussage eines Wortes nicht klar genug finde. Diese Beispiele sind immer recht nah an der Lebenswelt meiner vorgestellten Leser.

Inklusivität

Ein Thema, um das sich Blogger und viele Firmen drücken ist die Gender-Frage. Schreibt man nun Schülerinnen und Schüler, SchülerInnnen, nur Schüler, weil weibliche da immer dabei sind oder was? Anatol Stefanowitsch hat sich damit beschäftigt und ich finde seine Aussagen überzeugend. Das Gleiche gilt dann auch für Behinderte oder Ausländer. Wer sich über Political Correctness beschwert oder sich keine Gedanken darüber machen möchte, wie man über Minderheiten oder benachteiligte Gruppen spricht, ohne sie zu beleidigen oder zu stigmatisieren, der sollte mit Verlaub einfach die Klappe halten.

Notwendige Einschränkungen

Das Buch stammt aus den USA. Wenn man aber nicht gerade amerikanisches Englisch schreibt, muss man Teile des Buchs mit Vorsicht genießen. Im letzten Teil stellt es sehr schön veraltete Regeln von Grammatik und Rechtschreibung dar, die man nicht mehr verwenden sollte. Ich würde mir so etwas für das Deutsche wünschen, denn ich bin auch dauernd am Überlegen, ob man bestimmte Wörter mit Bindestrich, getrennt oder groß schreibt. Der Duden ist mir da leider zu unübersichtlich.

Kaufempfehlung

Wenn man nur ein Buch zum Thema Online-Redaktion lesen möchte, empfehele ich den Yahoo! Style Guide. Er fasst alles Wissenswerte in kompakter Form zusammen. Und er kostet weniger als 20 Euro, die sehr gut angelegt sind. Er ist auch recht gut als Nachschlagewerk geeignet. Vor allem für Redakteure ist er auch nützlich, weil wir manchmal auch Dinge vergessen, die selbstverständlich sein sollten.

Weiterführendes

Chris Barr. The Yahoo! Style Guide: The Ultimate Sourcebook for Writing, Editing, and Creating Content for the Digital World. Griffin 2010
korolewski: Schreiben fürs Web
Texte fürs Web – Tutorial – stefanbucher.net
Barrierefreies Print – hier geht es auch um die Strukturierung von Text
Gibt es einen allgemeinen Wortschatz?