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Demokratie – nicht ohne Inklusion

Stilisierte Menschenmenge In diesem Blogbeitrag möchte ich das Thema Demokratie aus der Perspektive der Inklusion betrachten. Das ist ein Beitrag zur BLOGPARADE WAS BEDEUTET MIR DIE DEMOKRATIE? #DHMDEMOKRATIE.

Keine Inklusion ohne Demokratie

Ohne Demokratie gibt es keine Inklusion. In allen politischen Systemen jenseits der Demokratie werden die Menschen bevormundet. Oft mit einer väterlichen, wohlwollenden Attitüde, aber in jedem Fall bevormundet.
Dies gilt insbesondere für Menschen mit Behinderung. Nur in der Demokratie sind wir in der Lage, uns offen und frei zu äußern und eine Öffentlichkeit für unsere Situation zu gewinnen. Nur in der Demokratie können wir auch die Regierung und die öffentlichen Stellen kritisieren, unsere Rechte einklagen und auch Recht bekommen.

Minderheiten sind unterrepräsentiert

Leider sind in allen politischen Gremien sowie in den Parteien die Minderheiten unterrepräsentiert – dazu gehören auch Menschen mit Behinderung.
Für die Lebendigkeit und Repräsentativität der Demokratie ist es aber wichtig, dass Menschen aus allen Schichten und mit unterschiedlichen Hintergründen in den Gremien präsent sind. Das erhöht die Legitimation der Entscheidungen und sorgt für eine höhere Akzeptanz in diesen Gruppen. Denn gerade dort finden wir viele Menschen, die der Demokratie kritisch gegenüber stehen, die nicht wählen gehen und von der Politik frustriert sind.
Es bringt aber auch neben der Legitimität einen anderen Vorteil: Wenn Menschen mit Behinderung präsent sind und beteiligt sind, werden die Themen Inklusion und Barrierefreiheit automatisch mitgedacht. Schon durch ihre Anwesenheit, vielmehr aber auch durch ihre aktive Beteiligung bringen sie diese Themen zur Sprache.

Nichts ohne uns

Ein bekannter Slogan der Behindertenbewegung lautet „Nichts über uns ohne uns“. Das bedeutet, dass wir in allen Angelegenheiten beteiligt werden müssen, die uns betreffen.
Ich würde aber noch weiter gehen und den Slogan auf „Nichts ohne uns“ verkürzen. Wir müssen und sollten uns in allen Bereichen beteiligen, in denen wir kompetent sind. Denn es ist wichtig, dass unsere Stimme überall gehört wird, wenn wir wollen, dass Inklusion überall umgesetzt wird.

Ohne Inklusion keine Demokratie

Die Demokratie als politisches System muss stetig weiter entwickelt werden. Heute gehört dazu, dass Menschen aus Minderheiten-Gruppen aktiv eingebunden werden. Und wie oben dargestellt vor allem, aber nicht nur in Angelegenheiten, die sie selbst betreffen. Sie sollen in allen Bereichen präsent sein.
In diesem Sinne meint Inklusion die Einschließung der größtmöglichen Zahl an unterschiedlichen Personen. Es hilft dabei, auch unpopuläre Entscheidungen wie etwa zum Klimaschutz auch in anderen Bevölkerungsgruppen zu legitimieren.
Am Ende profitieren alle, denn Inklusion heißt nicht, dass Menschen aus Minderheiten gewinnen. Inklusion heißt, dass alle gewinnen.

Mann (35) entdeckt neue Funktion an seinem Fahrrad – was dann passierte, werden Sie nicht glauben

Stilisiertes eBikeSven Hansen aus Hannover ist leidenschaftlicher Fahrradfahrer. Mit seinem elektrisch verstärkten Rennbike rast der Junior Customer Super Consultant täglich zur Arbeit. Doch neulich entdeckte er eine Funktion an seinem Rad, die er für unmöglich gehalten hatte.
„Ich war total erstaunt“ erklärt Sven gegenüber Blind-Text. „Ich trat das Pedal nach hinten und das Rad wurde langsamer und blieb sogar stehen.“
Sven ist von dieser Funktion so begeistert, dass er ihr einen eigenen Namen gegeben hat. „Ich nenne es langsam fahren“. Seitdem, so erklärt Sven, springen die Passanten auf dem Bürgersteig nicht mehr wie wild nach links und rechts, wenn er auf seinem Lieblings-Radweg, dem Bürgersteig entlanggondelt.
Sven will sein Bike jetzt weiter untersuchen. „Es gibt zwei Dinge, die ich noch vermisse“ erklärt der junge Biker gegenüber Blind-Text: „So ein Dings, dass im Dunkeln leuchtet wäre cool, so eine Art Taschenlampe vorne am Fahrrad. Und noch so ein Dings, damit ich die Passanten auf mich aufmerksam machen kann, so eine Art Glocke an meinem Fahrradlenker. Ich bin schon ganz heiser davon, die Leute anzubrüllen, damit sie aus dem Weg gehen.“ Blind-Text wünscht dem Biker viel Erfolg bei seiner Suche.

Langsamer bitte – warum behinderte sich für Entschleunigung einsetzen sollten

Ein meditierender MönchMit diesem Beitrag verabschiedet sich der Blog in die Weihnachtsferien. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine angenehme Zeit. Der Beitrag passt ganz zufällig zur Vorweihnachtszeit, er lag schon länger auf meinem To-Do-Stapel.
Je älter man wird, desto schneller scheint die Welt abzulaufen. Und tatsächlich ist das nicht rein subjektiv. Man vergleiche einfach mal eine Serie der 80er Jahre mit einem aktuellen Krimi: Sowohl die Schnitte als auch die Dialoge sind schneller geworden. Wer einen beliebigen Artikel aus einem der dicken Wälzer bestellt hat (RIP Otto-Katalog) , musste mehrere Wochen darauf warten, heute kann man in einigen Ballungsräumen bestimmte Produkte innerhalb von Stunden erhalten.

Die neue Ungeduld

Ein Großteil der Unfälle, insbesondere im Straßenverkehr ist auf zu hohe Geschwindigkeiten zurückzuführen. Eine banale Erkenntnis, die aber zu keinerlei Konsequenzen führt. Wer als Politiker ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen fordert, kann praktisch einpacken. Dabei haben wohl die wenigsten Autofahrer die Gelegenheit, mehr als 120 Stundenkilometer zu fahren.
Heute lese ich beim Deutschlandfunk, dass die Hälfte der Todesfälle bei Verkehrsunfällen Senioren sind. Was sagt unser Verkehrsminister, was sagen die Autofahrer dazu? Leider nichts.
Als Umweltfritze begrüße ich, dass immer mehr menschen mit Fahrrad unterwegs sind. Als Blinder ärgere ich mich jede Minute, die ich unterwegs bin über die Rücksichtslosigkeit praktisch aller Fahrradfahrer. Und hat jemand schon mal einen aggressiveren Menschenschlag als den Autofahrer gesehen? Ich kenne wirklich kein Völkchen, das so auf langsamere Verkehrsteilnehmer reagiert. Dabei geht es da häufig nur um ein paar Stundenkilometer oder ein paar Minuten mehr Fahrzeit. Was mag mit denen los sein? Sollte man in der Fahrschule vielleicht noch ein Training in Gelassenheit und ein paar Beutel Beruhigungstee mitgeben? Leider ist die Idiotenquote unter den Fußgängern nicht wesentlich geringer, nur hat deren Verhalten selten so negative Folgen, da sie qua Masse und möglicher Höchstgeschwindigkeit nicht so viel Schaden anrichten können. Heutzutage halte ich aber leider Fahrradfahrer und eBikes für die gefährlichsten Verkehrsteilnehmer für uns Bürgersteignutzer.

Alter und Behinderung

Wir entdecken gewisse Parallelen zwischen behinderten und älteren Menschen. Beide haben mit Einschränkungen zu kämpfen. Der Blinde mag deutlich weniger sehen als ein Senior mit grauem Star. Doch mag der Blinde besser damit umgehen können als der Senior, für den diese Situation neu ist. Bei letzterem mögen zudem noch weitere Einschränkungen vorliegen, die sich zusätzlich auf seine Fähigkeiten auswirken.
Beide Gruppen brauchen mehr Zeit. Der Senior benötigt mehr Zeit, um in den Bus einzusteigen, weil er nicht mehr so beweglich ist. Der Blinde muss den Eingang finden, der Rolstuhlfahrer muss die Rampe verwenden und seine Position im Bus finden.
Ähnliches finden wir im Internet: Blinde können deutlich mehr Zeit für eine Aktion auf einer fremden Webseite benötigen. Ältere mögen mehr Zeit benötigen, um sich zu orientieren, den Text zu lesen und zu verarbeiten oder um die Informationsarchitektur zu verstehen.
Bei beiden Gruppen ist zudem die Reaktionszeit verlangsamt: Entweder weil ein Sinn, die kognitiven Fähigkeiten oder schlicht die körperliche Reaktionsfähigkeit eingeschränkt sind. Wir haben also allen Grund, uns mit den Senioren zu solidarisieren und eine Entschleunigung zu fordern.
Der Grund, warum viele Rollstuhl-Rampen an Straßenbahnen nicht ausgefahren oder ausgeklappt werden ist zumeist der hohe Zeitdruck und die Verspätungen. Viele Blinde bekommen keine Hilfe von Passanten, weil denen beim Vorüberhasten nicht auffällt, dass die Blinden Hilfe brauchen könnten. Viele Hilfegesuche werden abgelehnt, weil die Leute subjektiv glauben, dafür keine Zeit zu haben.

Was tun?

Als Individuen können wir uns dafür entscheiden, den Druck rauszunehmen. Man muss nicht als Erster an der neu eröffneten Kasse sein, über den Bürgersteig rasen oder den Postboten zur Sau machen, weil das Paket einen Tag später gekommen ist.
Allerdings muss das gesamte System entschleunigt werden. Das heißt auch, dass wir als Blinde oder Rollstuhlfahrer uns nicht darüber aufregen sollten, wenn ein Zug zu spät kommt. Immerhin kann es sein, dass es an einem von uns lag.
Ich glaube, das Harrtmut Rosa – den ich ansonsten sehr schätze – sich irrt, wenn er sich gegen eine Entschleunigung ausspricht. Auch icht will nicht zurück zu 3G und ich weiß es zu schätzen, wenn ein Artikel innerhalb von zwei Tagen ankommt.
Doch hat uns die Beschleunigung tatsächlich so viel Lebensqualität gebracht? Was bringt die Beschleunigung etwa im Bahnverkehr, wenn man die gesparte Zeit damit verbringt, auf den Anschlusszug zu warten? Gibt es ein Recht darauf, ein Paket innerhalb eines Tages zu bekommen und was genau hat man damit gewonnen außer ausgebrannten Paketboten? Was bringt es, über die Autobahn zu rasen, wenn man anschließend im City-Verkehr feststeckt? Niemand will die Uhr vollständig zurückdrehen, doch ehrlicherweise hat die Beschleunigung nicht immer und vor allem nicht für alle den Gewinn an Lebensqualität gebracht, den uns unsere kapitalistischen Freunde versprochen haben.

Mein Rückblick auf das #Sozialcamp 2018

Schriftzug Barcamp Soziale Arbeit 2018Am 25. und 26. Oktober 2018 fand das mittlerweile dritte Barcamp Soziale Arbeit statt. Wie fast immer möchte ich einen kleinen Rückblick wagen. Infos und Material zu meinen Sessions findet ihr ganz unten.
Das Barcamp war wie immer hervorragend organisiert. Nur das W-Lan hat zwischendurch gelahmt.
Gut gefallen hat mir, dass sich viele Frauen beteiligt hatten und auch jüngere Menschen dabei waren. Sie sind auf Barcamps normalerweise Mangelware. Erstaunlich war der Personenschwund am Freitag, aber das lag sicherlich nicht an der Qualität des Barcamps.
Nur eine kritische Anmerkung sei mir erlaubt: Auch wenn das Fotografieren fremder Personen heute zum Volkssport gehört, finde ich eine Generalvollmacht dafür eher fragwürdig. Es gibt nun mal Leute, die sich nicht fotografieren lassen möchten. Sie würden sich an einem Barcamp nicht anmelden, bei dem sie praktisch jeder ablichten kann und sie nicht wissen, was mit den Fotos passiert. Ich denke da zum Beispiel an Mobbingopfer. Es kostet nichts, die Leute vorher um Erlaubnis zu bitten. Anonymität ist dank der Namensschilder und der Möglichkeiten der Gesichtserkennung heute selbst in einer Menschengruppe nicht mehr garantiert.

Rückblick auf die Sessions

Wie immer ein kleiner Rückblick auf Sessions, die ich besucht habe, natürlich 100 Prozent subjektiv. Soweit mir die Namen bekannt sind, verlinke ich hier ihre Twitterprofile. Ob sie Materialien online haben, fragt ihr am besten dort an. Die Beschreibungen erfolgen hier nicht-chronologisch.

Fremde Sessions

Interessant, wenn auch für mich nicht neu war die Session von Helpteers. Helpteers versucht mit modernen Ansätzen, Projekte und Freiwillige zusammenzubringen.
Das ist ein cooles Projekt und ich wünsche den Kollegen weiterhin viel Erfolg.
Weniger gelungen fand ich die Session von Benjamin zum Thema Digitalisierung und Kinder. Eine Tirade gegen Manfred Spitzer und eine Polemik gegen den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans Georg Masen blieb uns nicht erspart. Auch wenn man da seiner Meinung sein kann, ich bin immer maximal genervt, wenn mir jemand seine Ansichten als einzige Wahrheit aufs Brot schmieren möchte und das als Diskussionsbeitrag verkauft.
Wie bei vielen Medienpädagogen fällt auch bei Benjamin auf, dass man die Probleme der Digitalisierung bei Kindern und Jugendlichen geradezu zwanghaft leugnet. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass man sich nicht mit den Problemen der Unterschicht-Kinder beschäftigen möchte. Bei diesen Kindern zeigen sich die Folgen der Digitalisierung wie Übergewicht und Kommunikationsprobleme ganz real. Ich stamme selber aus dieser Schicht und kann das deshalb vielleicht besser beurteilen. Dennoch fände ich es nett, wenn das auch die Mittelschichts-Pädagogen zur Kenntnis nehmen würden. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Diskussion darüber erwünscht war und habe es daher nicht zur Sprache gebracht.
Eine weitere Session drehte sich um den digitalen Wandel in Organisationen, hier speziell den Caritassen, ich hoffe, der Plural ist hier falsch gebildet worden. Wie jede Groß-Organisation kämpft auch die Caritas mit der Frage der Digitalisierung. Hinzu kommen die diversen Hierarchien innerhalb der Organisationen sowie natürlich das Problem, dass es die lokalen, regionalen und Bundes-Akteure gibt. Da war allerdings nichts dabei, was man aus dem Change-Management nicht bereits kennt. Ich habe da live getwittert und wenn ihr mögt, könnt ihr das dort nachlesen.
Gut gefallen haben mir die beiden Sessions von Oliver: Da ging es zum einen um die Auswahl von Fotos für Social Media und in einer zweiten Session um Selbstverteidigung.
Das Fazit von Session 1: Ein Social-Media-Posting sollte stets von einem Foto begleitet werden. Die fotos sollten möglichst aufmerksamsstark ausgewählt werden. Es gab noch ein paar allgemeine Tipps zur Fotografie, die ihr aber auch woanders nachlesen könnt. Bei der zweiten Session habe ich mitgetwittert, ihr könnt das also auf Twitter nachlesen. Nur als kleine Ergänzung: Bitte beschreibt eure Bilder auf Twitter und Facebook für Blinde. Beide Plattformen stellen dafür technische Möglichkeiten zur Verfügung.

Meine Sessions

Ich hatte zwei Sessions: Eine zum Thema barrierefreies Internet, zum anderen eine Diskussionsrunde zum Thema Inklusion. Die Materialien zu Barrierefreiheits-Session habe ich online gestellt. Wer Slideshare doof findet, fragt mich einfach an.

Eine Teilnehmerin fragte nach Social Media, auch dafür stehen Infos von mir online.

In der Inklusions-Session ging es um zwei Fragestellungen:

  • Was sollte man Besonderes beim Marketing und Inklusion beachten? Dabei wurde der Leitfaden vom Campaign Boost Camp empfohlen.
  • Zum Zweiten fragte eine Teilnehmerin nach Möglichkeiten der Vernetzung. Dabei ging es um die Initiative Bonn Rhein Sieg fair-bindet. Sie will Arbeitgeber und behinderte Arbeitnehmer zusammenführen und sucht zusätzliche Verbindungen nach beiden seiten.

Clickbaiting oder warum Behinderte bei der Tageschau nicht wählen dürfen“

Behinderte dürfen nicht wählen“ lese ich bei der Tageschau online und reibe mir die Ohren: Was habe ich eigentlich die letzten 20 Jahre gemacht? Habe ich mir eingebildet, an zahllosen Wahlen teilgenommen zu haben?
Ah, ich lese ausnahmsweise den zugehörigen Text und stelle fest, es geht um Personen, die in allen Belangen einer Betreuung unterstehen. Es geht also um 80.000 Betreute, nicht um 7,6 Millionen Schwerbehinderte. Die Überschrift ist also falsch oder zumindest suggestiv. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Finden wir das nicht bei zahlreichen linken und rechten Alternativ-Fakten-Postillen. Deren Nachrichten enthalten ja auch fast immer an irgendeiner Stelle einen wahren Fakt. Dieser Fakt wird mit suggestiven Fragen, unbelegten Behauptungen und reißerischen Überschriften aufgeblasen.
Es ist übrigens auch inhaltlich falsch: Man braucht keine Behinderung, um einer Betreuung in allen Belangen zu unterstehen. Die Gefahr, dass eine Bezugsperson die Stimme ihres Schützlings ohne dessen Einveerständnis abgibt, wird natürlich komplett unterschlagen, passt ja nicht so gut zum Bild des wehrlosen Opfers eines herzlosen Staates.
Jetzt bleibt die Frage, warum ein halbwegs seriöses Medium wie die Tagesschau mit solch suggestiven Überschriften arbeitet. Die Antwort ist Click-Baiting. Heißt, so viele Klicks wie möglich generieren.
Nun bin ich Online-Redakteur und kenne das Problem. Bei einer Überschrift wie „Menschen, die in allen Belangen betreut werden, dürfen nicht wählen“ wird der Leser in Zeiten, in denen Aufmerksamkeit in Milisekunden gemessen wird niemanden vom Hocker reißen.
Doch gerade die vom Bürger finanzierten öffentlich-rechtlichen Publikationen haben solch ein Verhalten nicht nötig. Und was ist jetzt das Ergebnis? Tausende von Leuten, die den Artikel nicht gelesen oder verstanden haben und nur die Überschrift kennen denken, Behinderte dürften nicht wählen. Auf Facebook liest man die üblichen Beschimpfungen auf Politiker. Die Tagesschau hat also ihren redlichen Beitrag zum Hate-Speeching geleistet.
Als Online-Redakteure sollten wir zumindest eines daraus lernen: Egal, was in unserem Text steht, wir sind auch für unsere Überschriften verantwortlich. Es ist unredlich, falsche Fakten über Überschriften zu verbreiten, denn wir können nie wissen, ob die Leser unsere Artikel tatsächlich lesen.

Hypermedia-Learning – ein neuer Ansatz im eLearning

eLearning ist nach wie vor die Domäne von klassischen Bildungsstätten. Es werden viele Ressourcen aufgewendet, um Lernmaterialien zusammenzustellen. Die Kurse sind meistens geschlossen, das Lernen und Kollaborieren findet in geschlossenen Systemen statt. Im folgenden möchte ich einen Ansatz vorschlagen, der das Erstellen von Lernumgebungen demokratisieren und das Lernen erleichtern soll. Screenshot von Drupal
Ich bin selber kein eLearning-Experte, daher weiß ich nicht, ob es schon einen Begriff dafür gibt. Ich nenne es Hypermedia Learning. Es vermischt vor allem zwei Ansätze: das rapid eLearning und die Massive Open Online Courses (MOOC). Das Hypermedia-Learning basiert auf vier Prinzipien:

  • Prinzip 1: Verknüpfen statt selber machen
  • Prinzip 2: Selbstständig statt angeführt
  • Prinzip 3: Verteilt statt konzentriert
  • Prinzip 4: Multidimensional statt textzentriert

Wie ich mir das ungefähr vorstelle, sieht man an diesem Beispiel, das allerdings noch nicht ganz fertig ist.

Prinzip 1: Verknüpfen statt selber machen

Für mich ist immer wieder erschreckend, wie viele Ressourcen darauf verwendet werden, das Rad neu zu erfinden. Jedes System hat zumindest in gewissem Maße seine Existenzberechtigung. Ein Informatiker hat villeicht Spaß daran, den Hunderten von Programmiersprachen noch eine neue hinzuzufügen. Aber warum man 30 verschiedene Lernplattformen basteln muss, von denen jede einzelne ihre Schwächen hat, erschließt sich mir nicht. Weil es beim Hypermedia-eLearning keine großen technischen Anforderungen gibt, lässt sich dafür jede Plattform verwenden, welche die technischen Anforderungen erfüllt. Das kann auch ein kostenloses WordPress-Blog sein oder Drupal.
Das Gleiche gilt für Informationen im Internet. Viele von den Informationen sind schon vorhanden und sie werden hoffentlich auch bleiben. Deshalb gibt es selten einen Grund, einen Text komplett neu zu schreiben, wenn die Informationen einfach nur verlinkt werden müssen. Vielfalt ist nicht per se schlecht, aber Vielfalt ist auch kein Wert an sich.
Im Hypermedia-eLearning stellt der Autor die Basis-Informationen in einem Text zusammen und bindet weitere Informationen über Links ein. Am besten ist es natürlich, die Informationen direkt in die Webseite einzubinden, wie man es mit YouTube-Videos oder Slideshare-Präsentationen machen kann. Mit Text geht das wegen der Urheberrechte nicht, eine Ausnahme wäre Scribd.
Statt alles selber zu schreiben stellt der Autor also die wesentlichen Informationen strukturiert und im Zusammenhang zusammen. Der Nutzer muss im Rahmen des Kurses die verschiedenen Materialien durcharbeiten.
Ich propagiere im übrigen kein Häppchen-Lernen. Es reicht normalerweise nicht, Texte, die man geschrieben hat einfach in eine logische Reihenfolge zu stellen. Vielmehr muss das gesamte Lernangebot einen roten Faden haben. Kein Autor wird also darum herum kommen, seine Inhalte ein wenig zu überarbeiten. Wer dafür weder Zeit noch Muße hat, fährt mit einem MOOC besser, wo lediglich zu bearbeitende Inhalte verlinkt und dazu passende Fragen zusammengestellt werden.

Prinzip 2: Selbstständig statt angeführt

Im klassischen eLearning werden vom Kursleiter Aufgaben vorgegeben, die der Schüler in einer bestimmten Zeit bearbeiten und wieder einreichen soll. Der Lehrer prüft die Lösung und gibt Feedback.
Im Hypermedia-eLearning übernehmen wir das Prinzip des autonomen Lernens. Der Nutzer erhält die Aufgabe, etwas zu tun, etwas auszuprobieren und selbständig zu prüfen, ob er das Ziel erreicht hat. Eine richtige Erfolgskontrolle wie beim klassischen eLearning ist für das selbstständige eLearning nicht nötig. Entsprechend müssen die Übungen gestaltet sein.

Prinzip 3: Verteilt statt konzentriert

Das Entscheidende ist dabei das Ziel Cummunity-Building. Die Community unterstützt im Idealfall die Bereitschaft, den Kurs zu Ende zu führen. Sie erleichtert den Austausch, wodurch das Wissen vertieft und die Reflexion verstärkt wird. Lernen ohne Lehrer könnte das Motto sein.
Viele Kurse haben keine nachhaltige Wirkung, weil der Stoff zwar durchgearbeitet wird, aber nur in Hinblick auf den Abschluß des Kurses. Das Ziel sollte aber sein, dass die Kursteilnehmer den Stoff selbständig vertiefen und das klappt im Austausch mit anderen am besten. Die Teilnehmer stellen Fragen, die durch das Kursmaterial nicht ausreichend beantwortet wurden oder gar nicht behandelt wurden. Diese Diskussionen helfen späteren Teilnehmern, den Stoff weiter zu reflektieren, das ist Crowd-Bildung.
Wenn der Kurs von der Plattform unabhängig ist, suchen sich die Teilnehmer ihre eigene Form der Verarbeitung auf Facebook, Twitter, Pinterest, Audioboo, YouTube oder wo auch immer.
Im Idealfall ergänzt dieses Material den Kurs und macht via Crowdsourcing einen besseren Kurs daraus. Das klappt aber nicht, wenn der Kurs und die Kursplattform geschlossen sind.

Prinzip 4: Multidimensional statt textzentriert

Im Internet liegen genügend multimediale Inhalte, um einen akademischen Abschluß nur mit diesen Materialien zu erlangen. Gleichzeitig sind die Kurse heute eher textbasiert. Multimedialität lässt sich dabei sowohl bei der Zusammenstellung des Kursmaterials als auch bei der Bearbeitung der Übungen realisieren.
Jeder Mensch hat seinen eigenen Lernstil. Manche mögen es eher visuell, manche eher akkustisch. Diese Vorlieben werden in den klassischen Kursen nicht berücksichtigt, weil jeder Teilnehmer die gleiche Aufgabe in der gleichen Weise bearbeiten muss.
Am besten wäre es, wenn die Lernenden den Stoff direkt auf ein konkretes Projekt anwenden könnten, das sie aktuell bearbeiten. Auch das geht in den klassischen Kursen nicht, weil das dem Lehrenden zu viel Mühe bereiten würde. Das konkrete Anwenden des Erlernten ist entscheidend für den Lernerfolg.
Statt ellenlange Texte durchzuarbeiten sollte der Nutzer die Möglichkeit bekommen, möglichst viel auszuprobieren. Es geht darum, den Spieltrieb zu wecken, dem Nutzer etwas zum Anfassen zu geben, seine Neugier zu wecken und ihn möglichst viel alleine herausfinden zu lassen, statt ihm alle Informationen vorverdaut zu präsentieren.

Demokratisierung der Bildung

Für professionelle Kurse werden zahlreiche Ressourcen benötigt. Es werden Didaktiker, Fachleute zur Erstellung des Kurses und Designer benötigt, die den Kurs inhaltlich ausarbeiten und optisch aufbereiten. Die Kurse kosten im besten Falle mehere Hundert Euro. Gleichzeitig haben wir einen expliziten Mangel an Kursen vor allem zu aktuellen Themen. Die ersten deutschsprachigen Kurse zu Web 2.0 erschienen vor drei bis vier Jahren. Ist das Kursmaterial einmal ausgearbeitet, wird es nur selten auf den aktuellen Stand gebracht.
Das hier vorgeschlagene Prinzip ist sozusagen die Wikipediasierung des Lernens. Die Entstehung von Bildungsmaterial und Enzyklopädien hat viel gemeinsam. Die Enzyklopedia Britannica ist sicher ein tolles Werk, das auch seine Existenzberechtigung hat. Aber sie ist teuer und praktisch in dem Moment veraltet, wo sie auf den Markt kommt.
Gleichzeitig wirft das beschriebene Verfahren die gleichen Probleme auf, wie sie die Wikipedia bereits heute hat. Das sind vor allem die Qualitätsunterschiede in den Artikeln.
Die Qualitätskontrolle wandert sozusagen von den Inhalteerstellern zu den Kursnutzern. Sie sind angehalten, das Gerlernte kritisch zu reflektieren, in Frage zu stellen und mit ihren Beiträgen zu verbessern. Das ist sozusagen Teil des Kurses und entspricht dem Prinzip des selbständigen Lernens.
Zur Demokratisierung gehört auch, dass jeder diese Kurse erstellen kann. Es gibt keinen Grund, die Schaffung von Wissen den Experten zu überlassen. Es gibt einen Hunger auf Wissen und es gibt keinen Grund, dieses Wissen in sorgfältig gebundene vom Verlag geprüfte Bücher zu packen.
Oftmals liegt das Basismaterial schon vor. Viele Blogs werden seit Jahren mit Einträgen gefüllt. Im Idealfall müssten die Beiträge nur in eine Struktur gebracht werden, die den Lernenden die Aufnahme erleichtert. Sie werden dann ergänzt mit Beiträgen, die die Lücken füllen und mit Fragen, die den Nutzern das Selbst-Lernen erleichtern. Das Material kann nach Belieben mit Texten von anderen Webseiten, Videos, Audios oder Präsentationen ergänzt werden. Dem Autoren fällt hier als Quasi-Experten die manchmal schwere Aufgabe zu, die aus seiner Sicht besten Inhalte auszuwählen. Theoretisch lassen sich beliebig viele Inhalte einbinden, praktisch soll aber gerade der Lernende nicht mit einem Übermaß an Inhalten überschüttet werden. Und natürlich sind die Urheberrechte zu berücksichtigen, es geht nicht um Copy-Paste, sondern um Hypermedia.
Ein Kurs kann auch modular gestaltet werden, so dass er einerseits Laien wie Experten ansprechen kann. Auf der anderen Seite können so auch unterschiedliche Zielgruppen erreicht werden. Die Redakteure zum Beispiel bearbeiten den ersten Teil, die Designer den zweiten Teil, aber beide haben auch die Möglichkeit, die jeweils anderen Teile durchzuarbeiten. Das heißt, dass die einzelnen Module des Kurses grundsätzlich eigenständig funktionieren müssten.
Unsere Regale sind voll von Lehrbüchern, die mit der besten Absicht gekauft wurden, aber keinen nachhaltigen Einfluß hatten. Unsere Schulen, Universitäten und das Internet sind voll altbackener Didaktik, die heutige Möglichkeiten bei weitem nicht ausnutzt.

Drupal als einfaches Learning Management System

Es gibt eine Reihe kostenloser Open-Source-Lösungen für Lernumgebungen zum eLearning im Internet. Die größte und wahrscheinlich auch umfangreichste Lösung ist Moodle. Moodle ist allerdings sehr anspruchsvoll, was den Ressourcenbedarf angeht. Außerdem ist es für kleine Lernumgebungen überdimensioniert. Ein einfaches Redaktionssystem erfüllt oft viele Ansprüche und lässt sich mit geringeren Ressourcen betreiben.
Vieles spricht für WordPress: es ist schnell erlernt, es gibt zahllose Erweiterungen für jeden Zweck und es lässt sich fast überall betreiben.
Screenshot von Drupal
Für interaktive Umgebungen scheint mir aber das freie System Drupal besser geeignet. Es erfordert ein wenig mehr Einarbeitung als WordPress, bringt jedoch einige interessante Funktionen von Haus aus mit. Der Schwerpunkt von Drupal liegt auf dem Community-Building. Man kann zu jedem Inhalt ein Forum hinzufügen, so dass Diskussionen und Kommentare zu jedem Lerninhalt geführt werden können.
Drupal ist ein klassisches Redaktionssystem zum Erstellen von Webseiten, während der Schwerpunkt von WordPress auf Weblogs liegt. In Blogs gibt es normalerweise keine Hierarchie, alle Beiträge liegen auf der gleichen Navigationsebene. Die Beiträge werden nicht im Zusammenhang in einer bestimmten Reihenfolge gezeigt, sondern umgekehrt chronologisch. Das kann man natürlich nach Belieben ändern, Drupal erlaubt das aber von Haus aus. Das Buchmodul von Drupal erleichtert es, Inhalte in eine lineare Reihenfolge zu bringen, so dass der Lernende den Stoff nac einem bstimmten System durcharbeiten kann.
Vieles andere ist integriert oder lässt sich nachrüsten: Benutzerverwaltung mit Rollen, zeitgesteurtes Veröffentlichen, Blogs, die Einbindung von RSS-Feeds, Umfragen/Fragebögen usw.
Auch das Einreichen von Aufgaben und die Rückmeldung durch den Lehrenden sollte sich realisieren lassen.
Der große Vorteil von Drupal gegenüber zum Beispiel Typo3 ist die vergleichsweise einfache Erlernbarkeit und Anpassbarkeit. Außerdem verbraucht es weniger Ressourcen als Moodle und ist stärker auf den Austausch und Benutzer mit unterschiedlichen Rollen ausgelegt als WordPress.Drupal ist ein Framwork für Community-Building, so dass angemeldete Nutzer ihre Diskussionen, Blogs oder eigene Beiträge innerhalb des Systems abgeben können, ohne dass das System erweitert werden muss.

Drupals Stärken werden leider schnell unterschätzt. Ein Problem des Systems ist, dass es im Gegensatz zu WordPress out of the box nicht besonders benutzerfreundlich ist. Ich glaube, sehr viel mehr Leute würden das System einsetzen, wenn es fertig vorfonfigurierte Systeme z.B. für Redakteure gäbe. So ist die Einarbeitungszeit doch ein wenig höher, weil die Funktionen teilweise gut versteckt sind. Zum Beispiel gibt es out of the box keinen graphischen Texteditor. Die Funktion zum Hochladen von Bildern muss in einigen Inhaltstypen wie Büchern erst eingeschaltet werden.
Drupal gilt als Linux der Content Management Systeme, aber das trift auch auf MODx oer Typo3 mit seinem TypoScript zu. Im Vergleich ist Drupal einfacher.

Digitale Mitbestimmung für Menschen mit Behinderung

Digitale Werkzeuge können auch für Menschen mit Behinderung die Mitbestimmung erleichtern und verbessern:

Politisches Engagement findet zunehmend über das Netz statt. Viele der neuen Möglichkeiten sind auch für Menschen mit Behinderung interessant. Ihre Wege
zur politischen Mitbestimmung sind oft eingeschränkt, weil sie nicht mobil sind oder ihre Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt ist. Weiterlesen

Die Zukunft der Nonprofits – transparent, offen und vernetzt

„Dann gab es noch die selbsternannten Reformer, die größten Langweiler von allen; sie dachten, daß ich immerfort mein Liedchen sang:
»Das ist das Haus, das ich gebaut; Das ist der Mann, der in dem Haus lebt, das ich gebaut;«
Sie wußten nur nicht, daß die dritte Zeile lautete: »Das sind die Leute, die den Mann plagen,
Der in dem Haus lebt, das ich gebaut.«“ Henry David Thoreau

Nonprofit-Organisationen sind in ihrem Handeln und auftreten oft eher konservativ. Ich meine, dass sich drei Megatrends absehen lassen, an denen kein Nonprofit in Zukunft vorbei kommen wird.

Offenheit

Vor allem für Mitgliederorganisationen (VdK, ver.di) wird es wichtiger, sich allgemein für die Mitglieder zu öffnen. Dazu gehört nicht nur der Einsatz von Social-Media-Kanälen zur direkten Kommunikation. Dazu gehört auch, dass Ideen, Anregungen, Kritik in die Organisation einfließen und dort verarbeitet werden. Sofern diese Kritik berechtigt ist, sollte sie angenommen und damit auch Veränderungen angeregt werden. Den Mitgliedern muss das Gefühl gegeben werden, dass ihre Organisation

  1. für sie da ist
  2. die Mitglieder für die Organisation wichtig sind
  3. die Rückkopplungen der Mitglieder von der Organisation verarbeitet werden
  4. Das kann hingehen bis zu dem, was man in den Städten als Bürgerhaushalte bezeichnet. Der Haushalt wird offen gelegt und die Mitglieder können teilweise mitbestimmen, wo weniger Geld ausgegeben wird und wo mehr Investitionen sinnvoll sind.
    Auch die Parteien sind gezwungen, sich auf diese Weise zu öffnen. Parteimitglieder finanzieren nicht nur die Partei, sie tragen die wesentliche Last der Wahlkämpfe. Für einen warmen Händedruck des dritten Lokalvorsitzenden werden sie das nicht mehr lange machen.
    Vorbildhaft ist zum Beispiel 2aid.org.

    Transparenz

    Wir haben in den letzten Jahren vielfach gesehen, wozu mangelnde Transparenz führt. Korruption, Geldverschwendung, Patronage, Mißbrauch von Spendengeldern… Es wird Zeit für eine Transparenzoffensive. Jede Nonprofit-Organisation sollte in einem allgemein zugänglichen Geschäftsbericht ihre Einnahmen und Ausgaben offen legen. Wo kommt das Geld her, wofür wurde es ausgegeben, warum wurden die Prioritäten so ausgewählt?
    Es gibt inzwischen verschiedene Standards zur Transparenz, die international akzeptiert sind. Zugleich geraten Organisationen, die Spenden, Mitgliederbeiträge oder Steuervergünstigungen erhalten zurecht unter Rechtfertigungsdruck.

    Vernetzung

    Mit Vernetzung ist hier ausnahmsweise nicht das Internet gemeint. Vernetzung muss vielmehr zwischen den Nonprofits und zwischen Nonprofits und Unternehmen oder wem auch immer stattfinden. Es ist heute nicht mehr sinnvoll, wenn drei Organisationen am gleichen Ort zur gleichen Zeit das Gleiche tun – nebeneinander, nicht miteinander. Wer für Pakistan oder Haiti an eine seriöse Organisation spendet erwartet, dass diese Organisation ordentlich mit dem Geld anderer Leute umgeht und mit anderen Hilfsorganisationen zusammenarbeitet.
    Das Gleiche gilt für die Umweltorganisationen.

    Die neue Generation

    Die ältere Generation ist mit den aktuellen Zuständen aufgewachsen. Die Gewerkschaft oder der Verband wussten schon, was gut war. Vielleicht waren die Menschen aber auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich aktiver einzubringen.
    Früher hat es relativ gut funktioniert: die lokalen Gewerkschaftsmitglieder arbeiteten ehrenamtlich und viele tun das bis heute. Heute sehen wir den Strukturwandel: immer weniger junge Menschen sind Mitglieder in solchen Organisationen und viele sind nicht mehr für das Ehrenamt zu begeistern.
    Das liegt zum einen an gesellschaftlichen Veränderungen. Früher war es vermutlich selbstverständlicher, sich irgendwo zu engagieren. Hinzu kommt das umgekehrte More-More-Prinzip. Die Leute haben sich im wesentlichen nicht engagiert, weil die Gewerkschaft so spannende Grillabende hat, sondern weil sie im direkten Kontakt von Freunden und Bekannten dazu animiert wurden. Aber je weniger Leute sich engagieren, desto unattraktiver wird dieses Engagement. Jedes Mitglied, das sie verlieren ist ein Rekruter, der verloren geht.
    Zum anderen liegt es aber auch an der hermetischen Geschlossenheit dieser Organisationen. Wer mitmischen will, muss zu den abendlichen Treffen kommen, sich Wochenenden bei Sitzungen um die Ohren schlagen und sich in seltsame Netzwerke einfügen. Viele Leute haben keine Lust darauf, sie wollen aber dennoch wissen, was da mit ihrem Geld passiert. Eine Alternative könnte das Online-Volunteering sein.

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Die Zukunft des Fachbuches heißt eLearning

eLearning hat in Deutschland noch keinen besonders guten Status. Die klassischen Anbieter von Fernstudiengängen, Fernlehrgängen und Fernkursen bieten online Möglichkeiten, Material hoch- oder runterzuladen, mit Studienkollegen zu diskutieren oder aktuelle Infos in Erfahrung zu bringen. Mit eLearning hat das nur am Rande zu tun. eLearning heißt, dass der Lehrstoff am Computer oder einem mobilen Endgerät bearbeitet werden kann. Dabei können Animationen, interaktive Schaubilder, Audio- und Videoelemente integriert sein.
Aufgeschlagene Bücher
Dazu gehören aber auch Möglichkeiten, Aufgaben online zu lösen. Das geht offen, indem man eine eigene Antwort auf eine Aufgabe formuliert oder geschlossen, indem man Multiple-Choice-Aufgaben ausfüllt und diese direkt mit der Lösung abgleichen kann.
Viele Fachbücher sind bereits an Lernende adressiert. So werden häufig am Ende eines Kapitels Fragen gestellt, die der Leser beantworten soll, um zu kontrollieren, wie viel er verstanden hat. Bei Softwarebüchern muss er kleine Projekte oder Programme erstellen – natürlich am Computer.
Es ist also naheliegend, diese beiden Bereiche zu kombinieren. Mit den enriched oder enhanced eBooks werden solche Formate durchaus realisierbar. Mit ePub 3.0 lässt sich z.B. schon JavaScript in eBooks einsetzen, was eine Voraussetzung für Interaktivität ist. Formulare für Multiple-Choice-Abfragen lassen sich bereits mit HTML umsetzen, das bei eBooks verwendet wird. Pocketbook im Querformat
Ein Problem könnten die großen Datenmengen sein, die für Multimedia eingesetzt werden müssen. Eventuell muss man hier einige Abstriche machen, da die Displays klassischer eBook-Reader nicht leistungsfähig sind – und außerdem schwarz-weiß.
Ich glaube im übrigen noch nicht an die multimedialen Bücher. Wenn jemand ein Buch liest, möchte er lesen und nicht sich ein Video angucken. Einfache Animationen oder einfache Tabellenfunktionen oder sogar Pivot-Charts haben einen gewissen Nutzen in Fachbüchern, aber Videos, Audios und andere Multimedia-Inhalte in die Bücher selbst zu packen erscheint mir nicht sinnvoll. Es wird auch leicht unterschätzt, wie teuer solche Produktionen sind. Jede Filmminute kostet mehrere hundert Euro, solche Kosten lassen sich mit eBooks nicht finanzieren. Das sind dann Multimedia-Shows oder Apps, für die man ein wenig mehr verlangen kann, aber keine Bücher.
Es geht aber noch weiter: die Verlage könnten ein Programm für Zertifikate anbieten. Ein Präsentationskurs könnte optional die Möglichkeit enthalten, für sagen wir 50 Euro eine Prüfung zu absolvieren, wofür ein Zertifikat ausgestellt wird. Natürlich hat ein solches Zertifikat nur einen begrenzten Wert, aber zumindest kann der Betreffende damit belegen, dass er sich mit der Materie beschäftigt hat. Viel mehr bringen die Urkunden zugelassener Fernschulen auch nicht. Und die Verlage könnten die Preise der Fernschulen unterbieten.
Die Fernschulen haben gleich mehrere Probleme: Ihre Strukturen sind nicht auf Selbständige ausgelegt, was man daran sieht, dass die meisten Schulen keine Rechnungen mit ausgewiesener Mehrwertsteuer ausstellen. Damit zusammen hängt ihre Preisstruktur, die sich eher an dem Festangestellten mit ordentlichem Einkommen orientiert. Das große Problem ist aber die mangelnde Modularisierung: ein Kurs kann über ein bis zwei Jahre gehen und entsprechend zwischen 1000 und 3000 Euro kosten. Und das, obwohl sich die Kurse leicht in Module zerlegen ließen, die aufgeteilt sogar ein wenig mehr kosten könnten als der komplette Kurs – aber im Endeffekt für Selbständige attraktiver werden. Denn sie wissen durchaus nicht, was in einem halben Jahr sein wird. Für sie können deshalb einzelne Module eines Kurses interessanter sein als das Gesamtpaket.
Auch mit der Barrierefreiheit der Kurse ist es nicht weit her. Gedrucktes Material ist für Blinde ohnehin ungeeignet, aber auch Großdruck für Sehbehinderte wird normalerweise nicht angeboten. Auch bei eLearning-Kursen ist natürlich nicht garantiert, dass sie barrierefrei sind: es gibt Kurse auf CD, die für Tastaturnutzer einfach nicht nutzbar sind. Aber Barrierefreiheit ist im digitalen Bereich eher umsetzbar als im Printbereich.

Fazit

Ein Autor ist allerdings kein eLearning-Autor. Die oben beschriebenen Werke verlangen neben den Fachexperten auch eLearning-Autoren, die sich mit der Didaktik auskennen und eventuell auch Infografiker oder Multimedia-Designer. Solche Bücher werden zunehmend nicht mehr von Einzelautoren, sondern von Gruppen abgefasst werden.
Das Buch der Zukunft wird außerdem nicht mehr statisch sein. Um Bücher herum werden kleine Communities entstehen, sich über einzelne Stellen austauschen und die Autoren direkt auf schlechte Formulierungen oder Fehler hinweisen können. Man könnte das als Crowd-Lektorat bezeichnen, auch wenn das Wort nicht gerade hübsch ist. Es wird dann ähnlich wie bei Software verschiedene Versionen von Büchern geben, die Bücher werden stetig aktualisiert. Vielleicht werden wir Bücher nicht mehr kaufen, sondern abonnieren.
Entscheidend ist das vernetzte Lernen. Der Kobo-Reader hat das soziale Lesen in seine Software integriert, so dass Leser sich über einzelne Stellen im Buch austauschen können.
Damit eng zusammen hängt das mobile Lernen. Dabei werden mobile Endgeräte zum Lernen eingesetzt. Das ist sicher nicht für jeden Bereich geeignet, aber dort, wo Informationen häppchenweise aufgenommen werden wie beim Vokabeln lernen erscheint es sinnvoll.

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