Das Leben der Anderen

Warum Blinde für viele Berufe nicht geeignet sind

Kognitiv gesehen, leben wir in zwei verschiedenen Welten der Wahrnehmung. DAbei muss man streng unterscheiden zwischen jenen,
- die noch einen brauchbaren Sehrest haben
- den Späterblindeten
- den vollblind Geborenen

Ich zähle zur Kategorie 1. Wir sehen zwar schlecht, sehen viele Farben nicht, haben selten einen Gesamteindruck von einem Bild. Unsere ästhetischen Ansprüche sind in der Regel gering, wir verstehen aber meistens, was gemeint ist, wenn jemand Sehendes über Ästhetik oder graphisches Design spricht.
Die Späterblindeten wissen je nach dem Alter, in dem sie ihr Augenlicht verloren, was die anderen meinen, wenn sie bestimmte Farben oder Designs beschreiben. Sie wissen, wie “die Natur” aussieht, was ein blauer Himmel ist und in etwa auch, welche psychischen Wirkungen Farben haben können.
Vollbind Geborene haben es insofern schlecht. Ein Vollblinder nicht eine Website zum Beispiel lediglich als horziontale Anordnung von Elementen wahr. Wenn er nicht gerade in den quelltext oder gar die Stylesheets der Seite guckt, weiß er nicht, ob das Element, das er gerade anguckt, horizontal oder vertikal angeordnet ist. Eine Seite kann im Quelltext anders geordnet werden als sie für den User erscheint, die Screenreader greifen aber nicht auf die grafische Darstellung zu, sondern auf den Quelltext.

Diese Unterschiede führen dazu, dass Vollblinde keinen ausgeprägten Sinn für visuelle Ästhetik haben, mit einigen Ausnahmen, die wir bisher zumindest noch nicht erklären können.
Ein Blinder kann deshalb in bestimmten Berufen nur schwer Fuß fassen. Er kann z. B. keine Webseiten designen, denn er hat weder ein ästhetisches Bewusstsein, noch kann er beurteilen, ob eine Seite visuell ansprechend ist oder nicht.
Er kann auch keine anderen gestalterischen Berufe ausüben, weil er keine typografischen Entscheidungen treffen kann. Schriftart, Variante, Gewicht, Laufweite, das alles spielt für einen Geburtsblinden gar keine Rolle.

Ich würde noch weiter gehen und auf mein Ausgangsthema zurückkommen: Blinde können zum Beispiel keine Romane adäquat übersetzen, denn in Romanen spielen visuelle ästhetische Beschreibungen eine besondere Rolle. Wer aber nicht versteht, worauf visuelle Ästhetik basiert, kann sie auch nicht in seine eigene Sprache übesetzen. Er kann immer nur Annäherungen finden, die aber in einer Übersetzung unzureichend sind.

Wer die Realitäten nicht anerkennt, den bestraft das Leben. Viele Leute bauen sich ihre eigne Phantasiewelt zusammen, in der sie unrealistische Ansichten über sich selbst und über ihre eigenen Fähigkeiten haben. Sie werden darin bestärkt durch Leute, die sich trauen oder zu höflich oder zu dumm oder selbst zu verwirrt sind, um sich selbst oder die Anderen die Wahrheit zu sagen. Damit richten sie alle im Endeffekt mehr Schaden an, als sie es durch eine übertriebene Kritik tun würden. Sie nehmen den Anderen dadurch die Chance, sich selbst zu verbessern und damit auch bessere Chancen in der Welt außerhalb ihres Kopfes und ihren engen Lebenskreises zu bekommen.

Es gibt reichlich Berufe, die Blinde dennoch problemlos ausfüllen können. Es kommt aber darauf an, so früh wie möglich die Grenzen auszutesten und sich dann auf realistische Ziele zu konzentrieren.

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