Die Anthropologie des U-Bahners II

Die U-Bahn ist ein Ort für sich, wie ich schon feststellte. Spannend ist auch zu sehen, dass der U-Bahner von Kindesbeinen an lernt, zuerst die Aussteiger aussteigen zu lassen, bevor er einsteigt. Und es trotzdessen nicht begreift und versucht einzusteigen, während andere aussteigen. Hintergrund ist die unglaubliche Furcht, mehr als zwei Minuten stehen zu müssen.
Der U-Bahner ist auch in anderer Hinsicht unfähig zur Ökonomie: Er sammelt sich in Rudeln oder Menschentrauben und begreift offentsichtlich nicht, dass es sinnvoll sein könnte, sich auf die Länge des Bahnsteigs zu verteilen. Steht man an bestimmten Stellen vom Marienplatz, Sendlinger Tor oder Odeonsplatz, kann recht flott einsteigen und sich am Hinter kratzen, während man sich fragt, warum die Bahn nicht losfährt. Sie fährt nicht los, weil die Leute am jeweiligen Ende des Zuges, zumindest körperlich vollkommen gesund, fest entschlossen sind, alle durch die gleiche Türe in den Zug zu kommen.
Vielleicht liegt es auch an der Architektur der U-Bahn-Stationen. Bis auf einige Ausnahemn wie Trudering oder Moosfeld sehen die U-Bahn-Schächte in München allesamt wie häßliche Gebilde mit noch häßlicherer Beleuchtung aus. Es ist zappenduster in der Münchner Freiheit, grell überfrachtet am Harras und die alten U-Bahnen sind von ihrer Beleuchtung her dazu angetan, sämtliche Menschen fahl und tot erscheinen zu lassen.