Die Depression als Volkskrankheit

In den letzten Jahren hat eine schleichende Banalisierung psychischer Krankheiten statt gefunden. Man tut damit weder den Kranken noch den Gesunden einen Gefallen. Ich will das am Beispiel der Depression und der Angststörung deutlich machen.

Die Depression wird kurzerhand zur Volkskrankheit erklärt. Wer schon einmal einen echten Depressiven getroffen hat, wird seine Meinung radikal revidieren müssen. Eine depressive Person ist praktisch handlungsunfähig, weil sich ihre Gefühle und Gedanken immer im Kreis drehen. Sie sind in einer Negativspirale gefangen, aus der sie sich nicht befreien können.

Davon zu unterscheiden ist eine Verstimmung, in der die Gedanken immer noch negativ sind, man aber grundsätzlich handlungsfähig ist. Man mag es Melancholie nennen. Das äußere Verhalten ist aber unauffällig, man ist handlungs- und arbeitsfähig.

Ähnliches gilt für die Angststörung. Die Angststörung grenzt an Paranoia und hat eben keinen rationalen Grund. Ebenso wie die Depression kann sie zur Handlungsunfähigkeit führen, weil man das Haus nicht mehr verlässt, nicht mehr ans Telefon geht und so weiter. Das hat aber nichts damit zu tun, dass jeder von uns Existenzängste, Verlustängste oder Enttäuschungsängste hat. Denn die machen uns so gut wie nie handlungsunfähig.

Niemand weiß genau, warum solche Entwicklungen entstehen können. Vermutlich handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Dispositionen und Umwelteinflüssen.

Wem nützt diese Gleichsetzung? Den Pharmakonzernen und Psychotherapeuten. Wir sollten uns aber dagegen wehren, krank gemacht zu werden, weil wir bestimmte Gefühlsschwankungen stärker als andere Menschen verspüren. Andererseits müssen sich “echte” “Kranke” dagegen wehren, dass ihre manifesten Probleme auf diese Art verallgemeinert werden. Der Spruch: “Reiß dich mal zusammen” ist bei einem Depressiven ebenso hilfreich wie ein Fußtritt. Die Betroffenen brauchen schnell und wirksam Hilfe und sollten sie auch bekommen. Dabei ist es wenig hilfreich, wenn an sich gesunde Personen die Wartezimmer und Spitalbetten besetzt halten, um am Ende festzustellen, dass ihnen niemand helfen kann, weil sie im Grunde völlig gesund sind.