Die Anthropologie des Bahnfahrers

An der Deutschen Bahn und ihren Mitfahrern lässt sich sehr schön der Zustand der Gesellschaft ablesen. Dass Züge nicht pünktlich fahren, muss man bei winterlichen Bedingungen wohl einrechnen. Und das man horrende Preise zahlen muss, um längere Reisen in guter Zeit und akzeptbablen Zügen hinter sich zu bringen, muss man wohl auch akzeptieren.
Erstaunlich ist immer die Unfähigkeit der Menschen, sich über einen Zug zu verteilen. Ja, die überregionalen Züge sind lang, die Augänge zum Bahngleis liegen sehr nahe beianander. Wer aber am Bahnsteig entlanggeht, dürfte auch mit schwerem Gepäck maximal fünf Minuten benötigen, um einen Zug von Anfang bis Ende zu durchschreiten.
Ich habe das gemacht am Münchner Bahnhof, den gestrigen Eurocity bin ich bis ins hintere Drittel durchgegangen. Ein kapitaler Fehler, denn hier hatte sich die ganzen zweifelhaften Gestalten – die Bahnfahrer – versammelt.
Der Wagen, in dem ich zum Sitzen kam, war reserviert, was mir weder die MItfahrer, die es wussten mitteilten, noch der Schaffner.
Die anderen Mitfahrer, die nicht reserviert hatten schafften es aber mühelos, die gesamten Gänge derart zu verstopfen, dass andere Menschen mit oder ohne Gepäck nicht durchkamen.
Ich schaffte es aber binnen einer Stunde und mit viel Geduld, mich in den hinteren Teil des Zuges durchzukämpfen, wo – ganze Abteile frei waren!
Wie es ein moderner Betrieb wie Deutsche Bahn es schafft, so viel Service-Armut auf sich zu vereinen, dass nicht einmal in der Lage ist, Sitzplätze vernünftig zu verteilen, ist eines der vielen ungeösten Rätsel. Der deutsche Bahnfahrer ist ohnehin ein unsympathischer Zeitgenösse, doch insgesamt macht er die Deutsche Bahn trotz hohen Komforts und annehmbarer Preise zu einem der unangenehmsten Verkehrsmittel überhaupt.