Still stole the Blues – der Wahn der Innovativität

Wie gestern versprochen geht es heute um gestohlene Songs, Riffs oder Klänge. Gerade die Deutschen haben ein Fable für den Raub: Die Prinzen sangen „Alles nur geklaut“, Fury in the Slaughterhouse erfand in „Brilliant Thieves“ das heute im Internet gängige Prinzip „Copy, shake und paste“.

Ein deutsches Gericht hat nun entschieden, Gary Moore habe von einer deutschen Band seinen größten Hit „Still got the Blues“ abgekupfert, die Melodie, nicht den Song.

Moore ist in einigen Kreisen eine Legende. Immer ist es möglich, dass er die Melodie einmal oder mehrfach gehört und hat Jahre später geglaubt, es sei seine eigene Idee gewesen.

Das dürfte jeder kennnen: man hat eine geniale Idee, von der man glaubt, dass sie einem selbst eingefallen ist. Oft merkt man aber, dass die Idee von jemand anderem stammt, man vergißt – vor allem heute – sehr schnell die Quelle seiner Informationen.

Die fixe Idee vieler Kreativer und fanatischer Fans, man müsse immer etwas komplett Neues produzieren, richtet gewaltigen Schaden an. Simply Red hat in ihrem Song „Fairround“ ganz klar ein Schlagzeug einer anderen Band verwendet, der Song ist denoch gut.

Möchte man gründlich sein, müsste man heute bei jeder Text- oder anderen Produktidee schauen, ob sie nicht jemand anderes schon ähnlich gehabt hat. Weil man ansonsten erstens „nicht kreativ“ ist und zweitens befürchten muss, wegen Plagiats verklagt zu werden.

Das ist kein Pladoyer für Diebstahl. Moore und sein Label können es sich sicher leisten, den Erleichterten Entschädigungen zu zahlen. Eine ganze Reihe anderer Leute kann das aber nicht. Die Anwälte stehlen uns nicht nur die Zeit, sondern unser kreatives Potential. Als ob eine Abwandlung eines Stücks per se keine kreative Leistung darstellt.

Ganz Hollywood würde in der Versenkung verschwinden, wenn es nicht 1000 Abwandlungen bekannter Stoffe produzieren würde. Das Motiv „Arroganter Mensch wird durch Weihnachten zu gutem Menschen“ wurde vielleicht erstmalig von Charles Dickens „Christmas Carol“ hervorgebracht, vielleicht hat aber auch nur Dickens von einem Märchen abgekupfert.

Die Wahrheit ist, dass gute Ideen rar gesät sind. Die meisten Menschen habe nur eine gute Idee in ihrem Leben gehabt. Bill Gates hat weder seine erste Software selbst geschrieben noch die graphische Benutzeroberfläche erfunden, sondern lediglich die Idee gehabt, Software gegen Lizenzen abzugeben und die Software auf verkaufsfertigen PCs vorzuinstallieren. Priem und Page haben die Suchmaschine nicht erfunden, sondern „nur“ einen vernünftigen Suchalgorythmus entwickelt.

Es genügt natürlich nicht nur, solche Ideen zu haben, sondern sie mit Ehrgeiz, Hartnäckigkeit, Selbstausbeutung, Arroganz, Fremdausbeutung und Selbstbewußtsein umzusetzen. An diesem Eifer mangelt es den meisten Menschen, weshalb sie aus der einen, guten Idee, die sie mit Sicherheit einmal hatten, kein Kapital schlagen können.

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