Der Mangel an systemischen Denken

Systemisch denken bedeutet, alle relevanten Faktoren einzubeziehen. Das fällt den Menschen besonders bei großen Projekten schwer: Es gibt Experten für Finanzen, Experten für die IT und Experten für Marketing, es gibt aber nur wenige Leute, die auf allen Gebieten so bewandert sind, dass sie ein komplexes Großprojekt alleine betreuen könnten.
Doch auch im allgemeinen Denken herrscht das Kausalitätsprinzip vor: Erst A, dann B, dann C, so heißt es. Phänomene wie der Klimawandel lassen sich so aber nicht erklären. Der Klimawandel ist bereits seit Jahrzehnten ein Streitthema zwischen Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern. Die ersten glauben, er sei menschgemacht, die nächsten, er sei menschenunabhängig, die dritten behaupten, es gebe keinen Klimawandel. Jeder beharrt auf seinem monokausalen Standpunkt, zumeist basierend auf einer einzigen Grundannahme: Sonnenflecken, CO2, Wetterveränderungen.
So erklärt sich im übrigen auch, warum wir so gleichgültig gegenüber Umweltschäden sind. Ein Unternehmen leitet Giftstoffe in einen Fluss, weil diese Giftstoffe angeblich nicht so gefährlich sind. Der giftige Cocktail entsteht aber dann, wenn andere Unternehmen ebenfalls ihre eigenen Giftstoffe in den Fluss leiten. Ob über den Fischfang, das Grundwasser oder dritte Wege kommen die Giftstoffe zu uns zurück und lagern sich in unseren Körpern ein. Und zwar auch bei jenen, die die Umweltzerstörung selbst verantwortlich sind.
Es erklärt aber auch die Gleichgültigkeit gegenüber dem Artensterben. Eine Vogelart weniger hier, eine Fischart weniger dort, das ist auf den ersten Blick kein großes Problem. Das Problem besteht allerdings darin, dass fast alle Tiere ein Glied in der Nahrungskette sind. Einerseits können sich Schädlinge schneller ausbreiten, die normalerweise von dem ausgestorbenen Tier gefressen worden wären, andererseits kann das höher stehende Tier ebenfalls betroffen sein, weil es keine Beute mehr findet.
Wie wenig der Mensch nachdenkt, hat die absichtliche Einschleppung nicht heimischer Tierarten gezeigt, deutlich etwa in Australien: Dort haben Aga-Kröten, Kaninchen und Füchse große Schäden an der heimischen Tier- und Pflanzenwelt angerichtet.
Diese mangelnde Vorstellungskraft und die Weigerung, etwas sorgfältig zu planen führt immer wieder dazu, dass große Projekte scheitern. Das hat unter anderem der Psychologe Dieter Dörner herausgefunden, der für Interessierte als Lektüre zu diesem Thema empfohlen wird.
Dieter Dörner. Die Logik des Mißlingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt 2003