Blind oder nicht blind

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Wahrscheinlich stellt sich jeder Blinde zumindest einmal im Leben die Frage, ob es besser ist, blind geboren zu werden oder erst später im Leben zu erblinden. Die Frage klingt müßig, ist für einen Blinden aber bestimmmend.
Der Hintergrund ist ganz einfach: Ein blind Geborener muss sich nicht umstellen. Er lernt von Anfang an die Blindenschrift und hat gute Chancen, mit technischen Mitteln einen Großteil seines Lebens zu meistern. Mit Blindenstock oder Blindenführhund ist er von Anfang an vertraut.
Ein spät Erblindeter hingegen muss im schlimmsten Falle seine Karriere und alle seine Hobbies an den Nagel hängen. Er muss eine blindengerechte Ausbildung machen, seine komplette Arbeitsweise ändern und er muss – vielleicht das allerschwierigste – psychisch damit zurecht kommen, nie wieder Farben, Menschen oder Dinge sehen zu können.
Doch der spät Erblindete hat insofern seinem geburtsblinden Kollegen etwas voraus, daß er diese Erfahrungen zumindest einmal gemacht hat und das ihm diese Erfahrungen niemand nehmen kann.
Die Blindenzentren sind voll von Menschen, die im jüngeren oder höheren Alter ihr Augenlicht verloren haben.
Dann gibt es jene, die nicht wollen, daß man ihnen ihre Augenkrankheit anmerkt. Ein aktueller Text aus dem Süddeutschen Magazin geht darauf ein. Diese Leute entwickeln eine unglaubliche Energie, um ihren Status als Fast-Blinde zu verbergen. Warum nehmen sie diese Mühe auf sich?
Es gibt eine ganze Reihe von Gründen: Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Blinde in Deutschland als hilflos und oft auch als dumm gelten. Wenn man einem anderen Menschen gegenüber tritt, dann macht es einen gewaltigen Unterschied, ob man einen Blindenstock in der Hand hält oder nicht.
Selbst vor en eigenen Freunden und Kollegen fürchtet man, an Souveränität zu verlieren. Oftmals büßt man einen Großteil der Freunde ein, weil diese nicht wissen, wie sie mit der Blindheit des Anderen umgehen sollen.
Entscheidend ist aber vermutlich, daß man vor sich selbst nicht zugeben mag, daß man sich für immer vom Sehen verabschieden muss. Unleserliche Fahrpläne, verschwommene Waren im Supermarkt oder einfach die Freiheit, eines Morgens mit dem Auto irgend wo hin zu fahren, für manche endet mit dem Augenlicht einer der schönsten Teile ihres Lebens, der – so bitter es ist – für andere selbstverständlich ist.

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