Normalerweise müssen Soziologen und Politikwissenschaftler sich damit begnügen, historische Entwicklungen zu betrachten, es kommt selten vor, dass man die Geburt und das Erwachsenwerden einer sozialen Bewegung quasi live verfolgen kann. Die digitale soziale Bewegung könnte die spannenste Entwicklung seit den “Neuen sozialen Bewegungen” der 70er und 80er Jahre werden.
Im Augenblick erlebt die Bewegung, die sich für Bürgerrechte, Datenschutz und das freie Web engagiert ihre ersten großen Wachstumsschmerzen.
Ein Teil organsiert sich in der Piratenpartei, was sie in das Reglement der Politik mit Parteienfinanzierung, Wahlen, Wahlkämpfen einfasst und sie eventuell auch verpflichtet, tatsächlich politisch Verantwortung zu übernehmen.
Andere versuchen, Vereine zu gründen und das Engagement auf andere Weise zu institutionalisieren, was schon zu Streitigkeiten und ersten Spaltungstendenzen führt.
Die Kernfrage lautet heute, organisieren oder nicht organisieren? Denn die bisherige Form der digitalen Bewegung war eher locker, projektweises Engagement war üblich, die Mitgliedschaft in Gruppen eher selten. Der Protest wurde über Web 2.0, Blogs und Twitter organisiert, die Kommunikation fand digital über YouTube oder digitale Diskussionsforen statt.
Doch eine Professionalisierung und stärkere Organisation ist unübersehbar. Viele wissen etwa nicht, dass der Chaos Computer Club ein eingetragener Verein ist. Der CCC veröffentlicht selbst Studien zur Sicherheit und zum Datenschutz und berät sogar Politiker.
Der Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e. V. FoeBuD ist weniger bekannt als der Preis, den er jedes Jahr verleiht, der Big Brother Award für besonders grobe Verstöße gegen den Datenschutz.
Bei der Diskussion um Organisation und Grad der Professionalisierung geht es im Wesentlichen um die Frage der Deutungshoheit. Es gibt nur eine Handvoll bekannter Namen in der Bewegung, während Tausende von Menschen die Ziele und Aktionen mehr oder weniger mittragen. Wer diese schweigende Mehrheit der Gruppe vertreten oder ihr inoffizielles Sprachrohr werden möchte, muss ein hohes Maß an Legitimation genießen. OHne Organisationsstruktur gibt es aber auch keine Wahlen oder Abstimmungen, über die eine Person oder Gruppe sich offziell als Vertreter generieren können.
Die entscheidende Frage für den Erfolg der digitalen sozialen Bewegung wird sich vermutlich daran entscheiden, ob sie den Spagat zwischen Organisation und Professionalisierung auf der einen Seite schafft und gleichzeitig die vielen Leute mitnehmen kann, die mitarbeiten möchte, aber sich eben nicht fest einbinden will.
Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht, die Wikipedia ist ein gutes Beispeil dafür, wie sich Strukturen locker und dennoch funktional organisieren lassen.
