Über Netzwerke und Peer-Groups

Die klassische Soziologie beschäftigt sich vor allem mit einzelnen Individuen und deren Stellung und Verhältnis zur Gesellschaft. Eine in den USA populäre Strömung der Soziologie sieht allerdings die Peer Group im Vordergrund, das heißt die Bezugsgruppe. Damit ist im weitesten Sinne gemeint, der Mensch definiert sich dadurch, dass er seine Zeit mit bestimmten Personen verbringt: Familie, Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde und Bekannte. Statt als Bezugsgruppe lässt sich das Ganze auch als persönliches Netzwerk bezeichnen. Durch das Web ist eine weitere Dimension zur Peer Group hinzugekommen: in den sozialen Netzwerken spricht man mit Menschen, die man in der Regel niemals persönlich trifft, mit denen man aber oft ein engeres Verhältnis haben kann als zu Arbeitskollegen oder Nachbarn. Der Begriff des Networking hat sich bereits in beiden Dimensionen – on- wie offline – etabliert als Aufbau sozialer Beziehungen.
Nach dem Motto „Sag mir, mit wem du deine Zeit verbringst und ich sage dir, wer du bist“, lassen die Leute, die unsere Peer Group bilden mehr über uns aussagen als wenn man uns alleine betrachtet.
Amerikanische Forscher haben einen Algorithmus gebastelt, mit dem sie über Facebook-Kontakte die sexuelle Neigung von Männern herausgefunden haben wollen. Was nach einem Party-Gag klingt, kann natürlich handfeste Folgen haben: Bei einem einzelnen Mann lässt sich nicht ersehen, dass er homosexuell ist, doch wenn man sich seine Bekannten anguckt, soll alles klar sein.
Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass sich aus den Informationen in sozialen Netzwerken noch sehr viel mehr folgern lässt, was zwar keine gute Nachricht für Leute ist, die Wert auf Datenschutz und Privatsphäre legen, allerdings beweist, dass der Peer Group-Ansatz ein guter Analyse-Ansatz ist.
Die Netzwerk-Effekte schlagen etwa voll durch, wo es um Parteienpräferenz, um Kleidermode oder bestimmte Gerätschaften geht. Das Empfehlen bestimmter Marken innerhalb der Peer Group genießt mehr Vertrauen als jede Werbung. Es geht dabei natürlich um eine wechselseitige Beeinflussung: Einerseits finden sich natürlich immer Leute zusammen, die politisch ähnlich denken. Andererseits beeinflusst man sich natürlich gegenseitig, subtil über Vorlieben bei Geschmacksfragen, aktiv über politische und gesellschaftsbezogene Diskussionen. Ein rhetorisch gewandter Nicht-Wähler wird auch viele seiner Bekannten zu Nicht-Wählern machen, vor allem, wenn sie bereits eine Präferenz für diese Einstellung haben. Wenn Person A sich einen Toyota kauft und von dieser Marke total überzeugt ist, wird er seinen Bekannten B gut von dieser Marke überzeugen können.
Im Grunde genommen ist der Mensch ein Herdentier, das sich weigert, diesen Fakt einzusehen. Deswegen bleibt zu hoffen, dass an die stelle der klassischen Soziologie, die eher den Einzelnen unter die Lupe nimmt eine auf Gruppen angelegte Soziologie sich durchsetzen wird.

2 Gedanken zu „Über Netzwerke und Peer-Groups

  1. hallo!

    dass sich mit Hilfe von sozialen Netzwerken bzw. Datenbanken allgemein große Rückschlüsse auf das Umfeld von Personen schließen lässt, steht ausser Frage.

    Aber ich finde dennoch, dass man derartige Analysen nur Durchführen kann, wenn man eine wirklich verlässliche Datengrundlage besitzt und wenn alle Eigenschaften korrekt ausgeprägt sind.

    Ich denke, dass man viel intepretieren kann aber auch viel falsch unterstellen kann bei derartigen Analysen.

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