Die Ökonomie der Entscheidung

Vor einigen Tagen hatte ich über die Frage geschrieben, wie höhere Investitionen von Ressourcen dazu führen können, dass langfristig höhere Erträge abfallen. Das eine Thema dabei ist die Bildung bzw. hohe Bildungsausgaben für benachteiligte Schichten, das andere Thema ist der Umwelt- und besonders der Klimaschutz. Die Frage ist, wenn wir unmittelbar einsehen, dass solche Ausgaben sinnvoll sind, warum machen wir sie dann nicht? Die Frage wird von der Theorie der rationalen Entscheidung (rational choice) beantwortet, allerdings im typischen Soziologen-Deutsch, welches manchmal sogar verständlich, aber immer anstrengend ist.
Wenn wir wissen oder zumindest ahnen, was das Richtige ist, warum tun wir es dann nicht? Wir stecken in einem gewissen Dilemma. Ein Mensch kann für sich selbst langfristig Strategien ausdenken, er kann zum Beispiel heute Geld bei Seite legen – Verzicht üben – damit er morgen ein wenig mehr für seine Rente hat. Als Kollektiv fällt es uns aber schwer, langfristige Strategien zu entwerfen. Das wird um so schwerer, je größer das Kollektiv ist. Die folgenden gründe lassen sich dafür ausmachen:

1. Viele Folgen treffen uns persönlich gar nicht. Wenn der Klimawandel eintritt, dann wird er vermutlich andere härter treffen als uns. Menschen in anderen Ländern, Menschen, die noch gar nicht geboren sind und Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben. Warum sollten wir für diese Leute großartig etwas tun?
2. Oft können wir die Früchte unseres Tuns gar nicht ernten. Investitionen, die heute gemacht werden, können eventuell erst in zwei bis drei Generationen Früchte tragen. Beim Klimawandel sieht es noch schlimmer aus. Was wir heute tun, wird in frühestens dreißig – eher mehr – Jahren Folgen haben.
3. Der Erfolg ist kaum messbar: Wenn ein bestimmtes Ereignis nicht eintritt, wie das Umkippen des Klimas, dann wissen wir nicht, ob es uns zu verdanken ist oder ob sämtliche unserer Annahmen einfach falsch waren. Umgekehrt, selbst wenn die prophezeiten Probleme eintreten, wissen wir immer noch nicht genau, ob das unserem Verhalten geschuldet ist oder nicht.
4. Es gibt auch einen rein quantitativen Effekt: Je mehr Menschen an einer Sache beteiligt sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne verantwortlich. Wenn ein Mensch auf einer Dorfstraße umfällt, werden ihm wahrscheinlich gleich mehrere Leute zu Hilfe kommen. Wenn er mitten in der Fußgängerzone einer Großstadt umfällt, kann es wesentlich länger dauern. Auffälliger ist das auf der Autobahn, wo es sehr lange dauern kann, bis einem jemand bei einem Unfall zu Hilfe kommt. Je mehr potentielle Helfer vorhanden sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne dafür verantwortlich, tatsächlich zu helfen.
5. Ferne Gefahren wirken eher abstrakt. Je ferner und unbeschreibbarer sie sind, desto weniger fühlt man sich gezwungen, darauf zu reagieren.
Das sind keine banalen Erkenntnisse, die für Ungebildete gelten. Tatsächlich gilt das Ganze auch für gestandene Professoren und Politiker. Ein Politiker denkt eher in Legislaturperioden als in langfristigen Kategorien. Ihre Entscheidungsräume sind zudem stark durch die Institutionen und Strukturen sowie durch das Budget begrenzt. Last not least sind sie nicht so viel anders als normale Menschen. Sie sind wie wir alle gefangen in der Gegenwart und treffen oft Entscheidungen ad hoc, ohne die langfristigen Folgen abschätzen zu können.