Die Hybris der digitalen Boheme

Während sich ein Kulturkampf quer durch die Generationen um das Web entspannt, scheint die digitale Boheme an zunehmender Hybris zu leiden. Die Hybris drückt sich in einer fundamentalen Überbewertung der eigenen Bedeutung aus.

  • Sie glauben, die Demokratie lasse sich durch das Web transformieren.
  • Sie überschätzen systematisch ihre Macht.
  • Sie amüsieren sich über jeden, der – wie sie glauben – das Netz nicht verstanden hat.
  • Sie überschätzen ihre eigene Bedeutung.
  • Sie heiligen vieles, was im Netz passiert.

Die Demokratie hat sicher durch das Netz gewonnen. Die Kontrolle der drei oder vier Gewalten kann heute theoretisch durch jede Person stattfinden. Vor allem in weniger entwickelten Ländern spielen Weblogs, Twitter und andere Kommunikationsmedien eine große Rolle in der Berichterstattung. Das Web macht die Welt aber um kein Stück demokratischer. Wer nicht bereit ist, auf die Straße zu gehen, um für seine Rechte auch offen Stellung zu beziehen, lebt entweder nicht in einer Demokratie oder hat schlicht nicht verstanden, wie Demokratie funktioniert.
Die herrschende Generation ist nicht mit dem Web aufgewachsen. Sie kennt daher kaum dessen Funktionsweisen, wissen nicht, was Web 2.0 ist und haben oft noch keinen Weg gefunden, mit dem Ganzen umzugehen. Unsere Aufgabe ist es eigentlich, es ihnen zu erklären. Stattdessen amüsieren wir uns königlich darüber, wenn ein Prominenter nicht weiß, was ein Browser ist. Wir verreißen ein Buch, in dem ein älterer Mitbürger das Netz und seine Bedeutung analysiert, weil er – angeblich – nicht erfasst hat, worum es geht. Dabei waren wir sicher nicht die Zielgruppe.
Es gibt im Netz eine ganze Reihe prominenter und weniger prominenter Personen: Journalisten, Blogger, Aktivisten usw. die außerhalb des Netzes kein Mensch kennt. Die Netzgemeinde hat ihre eigenen Helden, doch selbst viele Surfer, die im Netz einkaufen und ihre tägliche Zeitung lesen, würden mit den Schultern zucken, wenn man sie nach Stefan Niggemeier oder dem Chaos Computer Club fragt.
Viele der Netzenthusiasten heiligen auch das Filesharing. Was immer man von der Musik- und Filmindustrie halten mag, nach geltenden Gesetzen ist das Anbieten urheberrechtlich geschützter Inhalte ohne Erlaubnis nicht legal. Wer diese Unternehmen kritisieren möchte, müsste konsequent deren Produkte boykottieren, statt sie im Netz anzubieten. Man kann hinnehmen, dass es passiert. Man kann darauf hinweisen, dass viele Dateien legal im Netz getauscht werden. Und man kann darauf hinweisen, dass hier weniger kriminelle Banden am Werk sind, denn die würden professioneller vorgehen. Man muss das Tauschen illegaler Inhalte aber nicht verteidigen.
Kurios wird es, wenn die Datenschützer den sozialen Netzwerkern offenbar die Fähigkeit absprechen, mit ihren Daten vernünftig umgehen zu können. Tatsächlich entscheiden sich die aller meisten Netzwerker bewusst, bestimmte Daten für alle frei zu geben. Warum? Vielleicht haben sie Spaß daran. Die Debatte um Spätfolgen, Datenschutz und vieles mehr ist ihnen sicher nicht entgangen. Wenn sie tatsächlich so internet-affin sind, werden sie sicher auch in der Lage sein, auf ihre Daten aufzupassen – oder sie wollen es eben nicht.
Wir müssen aufhören, unseren vermeintlichen Gegnern virtuelle Steine an den Kopf zu werfen, zumal die ohnehin nichts davon mitbekommen, weil wir uns im Web 2.0 herumtreiben, wo sie nicht zuhause sind. Stattdessen müssen wir in einen offenen Dialog treten, in dem wir sie von unseren guten und durchdachten Argumenten überzeugen können. Dabei müssen wir uns an einem Ort treffen, wo beide Gruppen sich wohl und sicher fühlen.
Ich habe es viele tausend Mal geschrieben: Im Netz zählen die gleichen Fähigkeiten wie im realen Leben:
Man muss sich ausdrücken können und verstanden werden.
Man muss diskutieren und kritisieren können und Kritik auch einmal einstecken können.
Man muss mit Informationen umgehen, sie verarbeiten und zu Wissen formen können.
Wer das nicht kann oder im Netz lernt, hat in unserer Gesellschaft verloren.