Leichte Sprache ganz schwer – Behinderung und die Political Correctness

Ich verfolge mit echtem Befremden, wie sich Behinderte und Nicht-Behinderte über angebliche Verstöße gegen die Political Correctness (PI) beschweren. Manche Dinge mögen berechtigt sein. So sind Rollstuhlfahrer natürlich nicht “an den Rollstuhl gefesselt”, Gehörlose sind nicht unbedingt taubstumm und Autismus geht nicht unbedingt mit einer Inselbegabung einher. Wobei nicht alle mit
diesen Sprachregelungen einverstanden sind. Nun möchte ich Rollifahrern, Autisten oder Gehörlosen nicht sagen, was sie gut finden müssen und worüber sie sich beschweren möchten.
Ich habe aber selbst erlebt, was es bedeutet, wenn man nicht weiß, was aktuell politisch korrekt ist. Eine blödsinnige Erfindung – ich würde wetten, sie kam von einem Nicht-Behinderten – ist die Schöpfung “Menschen mit …”. Wir wissen, was Blinde, Gehörlose und Taub-Stumme sind. Weiß aber irgendjemand, was Menschen mit kognitiver, geistiger, mentaler oder Lernbehinderung sein sollen? Haben sie nun etwas oder fehlt ihnen etwas? Mein persönlicher Liebling ist “Menschen mit Benachteiligung”, endlich haben sie Benachteiligung.
Ein ganzer Blumenstrauß aus Begriffen hat sich um diese körperliche oder geistige Einschränkung gebildet. Wir sollen also Menschen mit Lernschwierigkeiten sagen. Heißt das also, dass diese Personen ansonsten keine Probleme haben?
Ich darf also nicht mehr “Behindertensport” oder “Behindertentestament” sagen, weil irgend jemand sich eventuell diskriminiert fühlen könnte? Manchmal frage ich mich, ob die Leute keine handfesten Probleme mehr haben.

Verständlichkeit ade

Was auch immer die Protagonisten dieser Begriffe Gutes tun wollen, meistens verschlechtern sie die Verständlichkeit. Wenn die Sonderschule jetzt Förderschule heißt, wissen die betroffenen Eltern, wonach sie suchen müssen? Wenn wir jetzt Behindertentestament durch Sozialtestament ersetzen, weiß niemand, was damit gemeint ist.
Die Sätze werden durch neue Substantive aufgebläht, was die Verständlichkeit wiederum verschlechtert. Wir sagen jetzt statt Familie mit einem behinderten Kind: Familie mit einem Kind mit Behinderung.
Ich habe kein Problem damit, mich als Behinderten zu bezeichnen. Meine Behinderung ist nicht mein Eigentum, sondern eine Eigenschaft, ein Substantiv dient lediglich dazu, Sachverhalte zu verschleiern, statt sie deutlich zu machen. Wenn irgendwer glaubt, behindert zu sein seine meine Kerneigenschaft, dann ist mir das schnuppe. Diese Art von Sprachdiskurs baut meiner Meinung nach mehr Barrieren auf als sie abbaut. Anstelle eines Nicht-Behinderten würde ich den Kontakt mit einem Behinderten vermeiden, weil ich stets Angst hätte, er könnte sich durch eine Bemerkung beleidigt fühlen.
Und um damit wieder an den Ausgangspunkt des Artikels zurück zu kehren: durch die teilweise sehr aggressiven Reaktionen auf sprachliche Fehltritte bringt man die Leute zum Nachdenken. Sie denken darüber nach, ob sie überhaupt noch Artikel über Behinderte schreiben sollen, wenn sie solche Reaktionen vermeiden wollen. In meinem Fall wollte ich einen Artikel über eine Webseite schreiben, die sich mit Asperger beschäftigt. Ich wollte aber nicht das Risiko eingehen, das irgendjemand sich über eine Formulierung beschwert. So habe ich nach reichlich hin und her auf den Artikel ganz verzichtet. Als Journalist hat man es schwer genug und geht daher Ärger dort aus dem Weg, wo man ihn vermeiden kann.
Diese Diskussion über PI hat uns kein Stück weiter gebracht. Sie verschleiert das wirkliche Problem: dass Behinderte immer nur als Opfer dargestellt werden. Aber niemand mag Opfer, man hat Mitleid mit ihnen. Ein ägyptisch-stämmiger Deutscher schrieb über den Islam, er pflege das Beleidigtsein. Das gilt leider für viele Minderheiten, auch für die Behinderten. Aber dieses andauerende Beleidigtsein und Beharren auf den Opferstatus hält uns in der aktuellen Situation gefangen. Ein Opfer handelt nicht und ich zumindest habe keine Lust, ein Opfer zu sein.

Ein Gedanke zu „Leichte Sprache ganz schwer – Behinderung und die Political Correctness“

  1. Ich würde dem nicht zustimmen. Menschen mit Behinderunghaben es schwer genug, ich finde es nicht gut, wenn sie auch noch von ahnungslosen bloggern auf diese Weise gedisst werden.

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