Bundesgesundheitsministerium ohne Barrierefreiheit

Barrierefrei informieren und Kommunizieren (BIK) hat dem Gesundheitsministerium ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Die neue Website ist nicht nur schlecht zugänglich, sondern schneidet noch schlechter ab als die alte Version der Website.

Das Urteil ist zu positiv

Für meinen Geschmack setzt der BITV-Test zu sehr auf technische Aspekte. BIK scheint immer noch auf den IE 6 als Testwerkzeug zu setzen. Der IE 6 dürfte der einzige verbreitete Browser sein, der keine Textskalierung bei absoluten Schriftgrößen zuläßt. Im Firefox klappt die Skalierung relativ problemlos, ebenso in IE 8. Wichtige Schwächen der Website wurden hingegen außen vor gelassen.

Content ist nicht King

Die Website des BMG ist total überladen. Durch die Kopfleiste wird sehr viel Platz für den Inhalt weggenommen. Die Übersichtlichkeit ist für Tastaturnutzer, Nutzer von Screenreadern und Vergrößerungssoftware schlicht katastrophal.
Blinde können sich von ihrer Software alle Überschriften einer Website anzeigen lassen. Überschriften in HTML werden unter anderem dazu verwendet, Strukturblöcke wie die Navigation, den Inhalt oder die Fußzeile anspringbar zu machen. Allerdings zeigt der Screenreader so viele Überschriften an, dass diese Form der Nutzerführung nicht möglich ist. Das Gleiche gilt für Links und Listen. Keine dieser Nutzerführungshilfen wurde in einem vernünftigen Maße eingesetzt.
Die Suche nach dem Inhalt wird so zum Geduldspiel. Es gibt keine Sprunganker, die einzelne Blöcke des Inhalts direkt erreichbar machen. So muss man sich mit den Überschriften behelfen, die aber wie schon gesagt so zahlreich sind, dass man hier zu keinem Ende kommt.

Die Überladenheit ist aber ein generelles Problem von Behördenauftritten. Es mag sein, dass viele dieser Websites die BITV erfüllen, aber benutzerfreundlich für Menschen mit Behinderungen sind sie deshalb noch lange nicht.

Fazit

Das Problem der Barrierefreiheit beim BMG ist aus rein technischer Sicht kaum zu erfassen. Die ganze Website macht den Eindruck, als ob alle Ressorts des Ministeriums auf sämtlichen Seiten mit allen ihren Themen vertreten sein wollten.
Mit der Zeit können Menschen mit Behinderung auch mit schwierigen Websites zurecht kommen, weil ein Lerneffekt eintritt. Amazon zum Beispiel ist keines Wegs so leicht zu bedienen, aber man findet sich nach und nach zurecht.
Das Schlimme ist, dass solche Fehler heute nicht mehr passieren dürften. Das BMG ist als Bundesbehörde zur Barrierefreiheit verpflichtet und sollte über entsprechende Kenntnisse verfügen. Sie sollten in der Lage sein, eine Agentur zu finden, die einen barrierefreien Webauftritt umsetzt. Die bestehende Website nachträglich barrierefrei umzusetzen wird wesentlich teurer kommen, als die Zugänglichkeit von Anfang an zu berücksichtigen.