Meine Besuche beim Augenarzt sind immer lehrreich, für den Arzt wie für mich. Weil ich durch das ganze Land gezogen bin, habe ich sicher mehr als ein Dutzend Augenärzte kennen gelernt. Die meisten von ihnen haben kurioserweise nie etwas mit Sehgeschädigten zu tun gehabt. Statistisch gesehen konzentriert sich die Zahl der Hoch-Sehgeschädigten auf wenige Städte, in denen Blindeneinrichtungen beheimatet sind: Marburg, Mainz, Düren, Soest und noch einige andere. Daneben haben die großen Kliniken viele hochgradig sehgeschädigte Patienten, ein Bekannter von mir hat mehrere Operationen gegen Grünen Star in Köln gehabt. Ein normaler Augenarzt trifft hingegen selten auf Menschen mit großen Sehschädigungen.
By the way: der Begriff Blind wird von vielen Menschen noch synonym mit “nichts sehen” verstanden. Die gesetzliche Definition sieht ein wenig anders aus: theoretisch können Blinde zum Beispiel sehr scharf sehen, aber ein extrem eingeschränktes Gesichtsfeld haben. Normalerweise ist das Maß aller Dinge der Fern-Visus, derwenn ich mich recht entsinne beim besseren Auge unter 1/50 liegen muss.
Die Sehtests der Augenärzte sind für Sehende ausgelegt, etwa für Leute, die einen Führerschein machen wollen. Wenn ein Augenarzt mich fragt, welcher Buchstabe da an der Wand steht, habe ich Mühe, Ernst zu bleiben. Ich sehe die Wand, da leuchtet was, das wars. Der Mensch, der den Gesichtsfeld-Test erfand, hat sicher kein Augenzittern gehabt. Mit dem Nystagmus ist es praktisch unmöglich, sich längere Zeit auf einen Punkt zu konzentrieren. Und selbst wenn, so muss man den entsprechenden Punkt sehen können, ansonsten werden die Ergebnisse unbrauchbar.
Die wirklich unangenehmste Sache beim Augenarzt ist die Messung des Augeninnendrucks http://www.netdoktor.de/Gesund-Leben/Augen/AugenCheck/Augeninnendruck-Messung-Tonome-1298.html. Da wird das Auge mit einem Instrument berührt. Dabei muss man das Ding auch noch angucken, während es auf das Auge zukommt. Bei mir greift immer der Schutzreflex, ich drehe den Kopf weg oder kneife das Auge zu.
Die Vielzahl spezifischer Augenerkrankrungen erlauben es vermutlich nicht, einen auf sehr stark Sehgeschädigte zugeschnittenen Sehtest zu entwickeln. Ob das überhaupt sinnvoll wäre, ist eine andere Frage. Entweder sieht man den Buchstaben an der Wand oder man sieht ihn nicht, damit erledigen sich alle Fragen bezüglich Fernvisus.
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