Der mit den Zahlen tanzt – Sarrazin und das Wissenschaftsrecycling

Es gibt Leute, die Universalisten sind: sie haben einen erstaunlichen Einblick in unterschiedliche Disziplinen der Wissenschaften.

Leider gibt es nur wenige dieser Universalisten und Sarrazin gehört nicht dazu. Das Erstaunliche anb ihm ist bestenfalls, mit welcher Non-Chalanz er die Ideen anderer wiederkäut und den Eindruck erweckt, er sei selber darauf gekommen.

Die Wurzeln Sarrazins

Seine genetischen und erbbiologischen Theorien sind von Charles Murray und dem Deutschen Volkmar Weiss entlehnt. Murray behauptet in “The Bell Curve”, dass die Intelligenz der Afroamerikaner genetisch bedingt signifikant unter der der Kaukasier liegt. Volkmar Weiss adaptiert diese Idee und wendet sie auf die türkischstämmige Bevölkerung Deutschlands an. Das Buch von Weiss Heißt “Die IQ-Falle” und ist nur noch antiquarisch zu erhalten. Der Durchschnitts-IQ liegt per Definition bei 100. Murray und Weiss behaupten, dass Afroamerikaner bzw. Türken durchschnittlich 15 Punkte bzw. 15 Prozent unter dem IQ der Weißen bzw. Deutschen liegen. Die Genetik-Legende James Watson erregte vor einigen Jahren mit seiner These von der geringeren Intelligenz der Afrikaner Aufmerksamkeit.

Völkische Genese

Die Idee der Veränderung der völkischen Zusammensetzung ist von Sam Huntington und Gunnar Heinsohn entlehnt. Huntington schrieb einige Jahre nach seinem aufsehen-erregenden Buch “Kampf der Kulturen” das ebenso brisante, aber unbekanntere “Who are We?”. Darin äußerte er die Befürchtung, die überwiegend katholischen Hispanics würden mit ihrem Geburtenreichtum und der spanischen Sprache dem angloamerikanischen protestantischen Weißen den Garaus machen. Man kann ruhig davon ausgehen, dass Huntington das Vorbild Sarrazins ist, beide huldigen der Zahlenmystik. Heinsohn schrieb einen längeren Essay in der Zeit, in der die gleichen Befürchtungen für Deutschland ausbreitete. Eine Vorliebe für Statistiken pflegte auch Herwig Birg, der vor einigen Jahren mit seiner Zahlenmystik das Aussterben Deutschlands prophezeite. Der weiter oben genannte Weiss erschaute bereits das Aussterben der Inteligenzia durch deren Geburten-Armut.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Sarrazin kennt diese Bücher nicht, in diesem Falle hat er wissenschaftlich unsauber gearbeitet und verdient nicht, dass man sich mit ihm beschäftigt. Oder er kennt sie, in diesem Falle ist er nicht originell genug, um sich mit ihm zu beschäftigen.

Die Erfahrung Anderer zu eigen machen

Thilos restliche Quellen muss man nicht kennen: Necla Kelek und andere Kritiker des Islam sind reichlich bekannt. Allerdings kann man bei Kelek davon ausgehen, dass sie Erfahrungen aus erster Hand besitzt, während Sarrazin ein Kind der gehobenen Schicht ist und seine Kontakte mit Migranten sich auf die Begegnung mit Putzfrauen und Taxifahrern beschränken dürften.

Der Deklinismus

Sarrazin steht in einer langen Reihe der Deklinisten, wie ich die Vertreter dieser Strömung nennen möchte. Das sind Leute, die den Niedergang des Abendlandes oder der menschlichen Kultur als Ganzes als Resultat des kulturellen oder zivilisatorischen Verfalls befürchten. Diese Tradition geht auf Menschen wie Oswald Spengler, Arnold J. Toynbee oder Edward Gibbon zurück, nur dass diese Herren intelektuell und sprachlich wesentlich mehr zu bieten hatten als unsere heutigen Deklinisten: Eva Herrmann, Udo diFabio, Henryk. M. Broder und eine ganze Reihe mehr. Mit den abendländischen Deklinisten ließen sich ganze Buchläden füllen.

Warum Sarrazin das Beste ist, was unseren Medien widerfahren kann

Im Grunde gibt es nur zwei korrekte Umgangsweisen mit Sarrazins Thesen: Entweder ignoriert man ihn – etwas schlimmeres könnte ihm kaum zustoßen. Oder man zwingt ihn, seine Thesen tatsächlich bis zum Ende auszubreiten. Sarrazin mag etwas von Finanzmathematik verstehen, er ist aber weder Genetiker, Soziologe noch Bildungsforscher. Seine polemisch zugespitzten Thesen zeugen davon, dass er es vor allem auf Aufmerksamkeit angelegt hat. Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass er die Wissenschaften, deren Thesen er referiert, nicht mehr als oberflächlich durchdrungen hat.In einer pepflegten Diskussion mit einem intelektuell wie rhetorisch gewandten Menschen würde Sarrazin keine zehn Minuten überstehen. Leider passt dieses Format nicht in unsere Medienwelt, die eine Haßliebe zu Provokateuren pflegt und daher Sarrazins als Medienereignisse erst möglich macht.

Es ist leider so, dass für die “seriösen” Medien die Sarrazins, Haiders und Strachers etwa das sind, was Paris Hilton für die Klatschpresse ist, sie sorgen für steigende Auflagen und damit für steigende Werbeeinnahmen. Wer es nicht glaubt, möge sich einmal die Kommentare auf Zeit Online ansehen. Wo normalerweise zehn oder zwanzig Kommentare pro Artikel vorliegen, findet man jetzt 200 bis 300, sobald das Buzzword Sarrazin vorkommt.

edit: Wegen aktueller Trollgefahr habe ich die Kommentarfunktion für diesen Artikel abgestellt.

Literatur

Samuel Huntington. Who Are We? Die Krise der amerikanischen Identität. Europa-Verlag, Hamburg 2004,

– Kampf der Kulturen
. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Goldmann, München 1998,

Volkmar Weiss: • Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik.
Leopold Stocker Verlag
, Graz 2000

Charles Murray: The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life, with Richard J. Herrnstein, (1994)

Herwig Birg: • Die Weltbevölkerung. C.H.Beck, 2004