Erving Goffman – der Behindertenbeobachter

Ich glaube jeder von uns kennt Bücher, die seinem Leben eine neue Richtung gegeben haben. Manche finden zum Glauben, manche fallen davon ab. Viele werden zu Zynikern, andere finden ihr Herz für eine gute Sache.
Wenn ich auf mein kurzes Leben zurückblicke fallen mir drei Bücher ein, die mich fundamental beeinflusst haben.
Malcolm X Autobiographie zeigte mir, dass das Leben nichts wert ist, wenn man nicht bereit ist, für eine Sache einzutreten, wenn man von ihr überzeugt ist.
Henry David Thoreau zeigte mir in seinem Buch über den zivilen Ungehorsam, dass wir selbst unsere größten Sklaventreiber sind und dass die wahre Befreiung nur aus uns selbst kommen kann.
Erving Goffman zeigte in Stigma, dass Menschen so verletztlich sind, dass viele von ihnen Strategien entwickeln, um Angriffen zu entgehen. Wir verbergen die Verletzlichkeit hinter einem Panzer aus Gleichgültigkeit, Kaltherzigkeit, Ignoranz und Zynismus.
Goffman gehörte nicht zu den großen Soziologen, doch hatte er etwas, was vielen Sozialwissenschaftlern abging. Er hatte Beobachtungsgabe, Spürsinn und die nötige Sensibilität, um diese Fähigkeiten auch einzusetzen. Er beobachtete Menschen, die einen körperlichen Makel hatten und analysierte sehr scharf, welche Strategien sie einsetzen, um diesen Makel entweder zu verbergen oder zumindest Verletzungen durch andere Menschen vorzubeugen. Wir sagen immer, Kinder können grausam sein, aber wirklich grausam sind nur Erwachsene.
Ein Mann mit einer Gesichtsentstellung setzte sich immer so hin, dass ein Besucher seine Behinderung bereits vor dem Eintreten Sehen konnte. Er schützte sich damit vor dem abschätzigen oder angewiderten Blick, den viele Menschen für körperlich unversehrte übrig haben, bevor sie die Kontrolle über das Mienenspiel zurückgewinnen. Alle Menschen haben Angst davor, zurückgewiesen zu werden, aber niemand fürchtet sich so davor wie ein Behinderter.
Wenn du nur ein Buch über Behinderung lesen dürftest, dan empfehle ich goffmans Stigma.