Screenreader nutzen – Anleitung für NVDA

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Der Artikel wurde am 28. Februar 2013 aktualisiert, da er viel gelesen wird. Alle hier gemachten Aussagen beziehen sich auf die Version 12.3. Auf Neuerungen gehe ich hier ein.

Nonvisual Desktop Access ist ein freier, kostenloser Screenreader für Windows XP, Vista und 7. Er funktioniert auf 32- und 64-Bit-Systemen. Er ist nicht nur deshalb die großartigste Erfindung seit geschnittenem Brot. Ich nutze seit einigen Monaten ausschließlich NVDA zuhause, einiges ist ein wenig hakelig, aber jeder Screenreader hat seine eigenen Macken. NVDA ist wegen seiner Einfachheit leichter zu erlernen als die kommerziellen Produkte.

Was ist ein screenreader?

Der Screenreader wandelt Inhalte des Bildschirms in Sprache oder Blindenschrift um. Blinde und viele Sehbehinderte können den Inhalt der visuellen Benutzeroberfläche (GUI) nicht wahrnehmen. Deshalb benötigen sie eine Brücke, welche die Inhalte der GUI in eine für sie brauchbare Form umwandelt, das macht der Screenreader.

Ein Screenreader ist ein komplexes Stück Software. Es geht nicht nur darum, alles vorzulesen, was sich gerade auf dem Bildschirm befindet. Der Nutzer muss auch komplexe Interaktionen mit dem Rechner ausführen können. Er muss Optionen umstellen, Menüs bedienen, zwischen Anwendungen wechseln, Eingaben machen oder sogar selber programmieren können. Hinzu kommt, dass graphische Oberflächen nie dazu gedacht waren, von Blinden bedient werden zu können. Der Screenreader bleibt daher immer eine Krücke. Viele Programme lassen sich gar nicht bedienen, weil sie auf Mausbedienung ausgelegt sind und ein Blinder nun einmal keine Maus bedienen kann. Zwar kann man den Cursor mühsam mit der Tastatur steuern, das bringt aber nichts, wenn man Menüpunkte und Schaltflächen nicht identifizieren kann.

NVDA

NVDA ist im Gegensatz zu den marktführenden Produkten kostenlos. Die stolzen 2600 Euro, die der Marktführer Jaws in Deutschland verlangt, lassen diesen Aspekt noch wichtiger erscheinen. NVDA ist portabel. Das heißt, der Blinde kann ins Internet-Café gehen – oder irgendwo anders hin – und einfach im Web surfen. Unter den deutschsprachigen Produkten macht das NVDA unschlagbar, meines Wissens gibt es bis heute keinen kommerziellen portablen Screenreader. Es gibt zwar eine portable Version von Jaws, die tatsächlich aber die Installation eines Programmes auf dem Gastrechner erfordert. Der Begriff portabel scheint für Freedom Scientific eher breit definierbar zu sein. Der Fairneß halber muss man aber sagen, dass Jaws natürlich viele Altlasten mit sich schleppt undn vermutlich nicht ohne weiteres richtig portabel zu machen ist.

Installation

NVDA kann hier heruntergeladen werden. Dort gibt es auch eine portable Version. Die Installation läuft wie bei Windows-Programmen gewohnt. Die Sprachausgabe eSpeak ist ein wenig gewöhnungsbedürftig und sehr weit weg von natürlicher Sprache. Man kann aber auch jede andere SAPI-Sprache verwenden. Für Windows gab es eine Zeitlang kostenlos die Sprachausgabe Steffi im Netz zum Download. Man kann aber auch einige kommerzielle Stimmen erwerben, die dem Hörensagen nach auch eine bessere Reaktionsgeschwindigkeit als eSpeak haben.

Konfiguration und Bedienung

Die Einstellungen erreicht man nach dem Start des Programms über EINFG + N. Im Gegensatz zu Jaws sind die Einstellungen eher spartanisch. NVDA hat seine Stärken vor allem im World Wide Web in Verbindung mit dem Firefox. Hier gelten überwiegend die Kurztasten, wie man sie von Jaws kennt: Mit H erreicht man Überschriften, mit F Formularelemente und so weiter. Drückt man die Shift-Taste mit einer Kurztaste, erreicht man das jeweils letzte Element, also die letzte Überschrift oder das Formularelement vor der aktuellen Position. NVDA funktioniert auch mit Chrome und dem Internet Explorer, beides habe ich allerdings nicht ausführlich getestet.
Im Office-Bereich wird empfohlen, das kostenlose Office-Paket IBM Lotus Symphony zu verwenden. Auch einfache Aufgaben in Word lassen sich gut erledigen, bei Excel hakt es allerdings schon ein wenig. Man sollte sich da keine Illusionen machen, Jaws und MS Office haben Jahre gebraucht, um anständig miteinander zu funktionieren. Die neueren Office-Versionen dürften auch ohne angepasste Skripte gut benutzbar sein.
Auch der Acrobat Reader lässt sich recht problemlos mit NVDA verwenden, wobei natürlich das PDF selbst barrierefrei sein muss.
Als Mailprogramm ist Thunderbird ausreichend. Microsofts Outlook sollte auch funktionieren, das habe ich allerdings bisher nicht ausprobiert.
Mittlerweile spielt das Programm auch Updates selbständig ein, das ging früher noch nicht. Zudem lässt sich aus der installierten Version heraus eine portable Version mit der eingestellten Konfiguration erzeugen.
Wer noch ein wenig mit der Maus arbeitet, wird sich darüber freuen, dass NVDA beim Überfahren mit dem Mauscursor das darunterliegende Element ansagt. Das ist ein Äquivalent zum Jaws-Cursor.

Alternativen zu eSpeak

Einige Blinde mögen eSpeak nicht besonders, vor allem im Vergleich zu den Stimmen von VoiceOver klingt eSpeak recht blechern. Allerdings braucht man auch eine ganze Weile, um sich überhaupt an Sprachausgaben zu gewöhnen und eSpeak ist immer noch besser als Microsofts Sam. Viele Blinde wissen aber nicht, dass es Varianten von eSpeak gibt, die sich ein wenig besser anhören als die Standardstimme. Dazu gehen wir folgendermaßen vor: Wir starten NVDA, wählen mit Einfg + N das Kontextmenü, unter Einstellungen Stimmeneinstellungen. Unter “Variante” können wir eine Stimme auswählen. Wenn man das Feld ausklappt, hört man den Klang der Stimme erst, wenn die Stimme ausgewählt und die Auswahlliste zugeklappt wurde. Lässt man die Liste geschlossen und geht mit der Cursor-Taste rauf bzw. runter, hört man sofort, wie die Stimme klingt. Die Varianten “Test” oder “Max” zum Beispiel
klingen für meine Ohren besser, einige Stimmen klingen wie das vokalisierte Äquivalent von Wing Dings oder würde jemand ernsthaft mit “Ani” arbeiten?
Mittlerweile werden auch kommerzielle Stimmen speziell für NVDA angeboten. Für rund 95 US-Dollar kann man sich die Stimmen kaufen, die für viele Blinde zum Alltag gehören, einige dieser Stimmen werden auch in iOS verwendet. Die Stimmen können auch in die portable Version von NVDA integriert werden.
In Windows 8 gibt es eine weibliche deutsche Stimme, die man auch für NVDA verwenden kann. Dazu gehen wir mit EINFG + N in die Einstellungen, wählen dort die Sprachausgabe, dort im Ausklappmenü das Feld Microsoft Speech API 5. Wenn ihr die deutsche Version von Windows 8 installiert habt sollte jetzt die deutsche Stimme eingebunden sein.

Umstieg von jaws

Wenn es geht würde ich euch empfehlen, die instalierbare Version von NVDA zu verwenden und sie auf dem Rechner zu installieren. Die portable Version funktioniert zwar ganz gut, aber die installierte Version hat vermutlich bessere Zugriffs-Möglichkeiten auf die Accessibility-Funktionen des Betriebssystems. In jedem Fall sollte der Screenreader immer vor der konkreten Anwendung gestartet werden.
NVDA hat einige Unterschiede zu jaws. Für jene, die von Jaws auf NVDA umsteigen, habe ich hier die wichtigsten Unterschiede zusammengefasst. Alle Angaben beziehen sich auf die Standard-Konfiguration ohne Anpassungen. Ähnlich wie Jaws liest NVDA ohne weitere Konfiguration alles vor, dazu gehören auch Tabellenzellen, Tabellenkoordinaten und so weiter. Dies kann man in der Konfiguration unter “Dokumentformatierungen” kontrollieren.
Als ersten Schritt würde ich in den allgemeinen Einstellungen festlegen, dass NVDA alle Änderungen speichert, ansonsten befindet sich das Programm bei einem Neustart wieder in der Ursprungskonfiuration. Dazu unter Einstellungen – Allgemeine Einstellungen – Einstellungen beim Beenden speichern aktivieren. Hier kann man auch festlegen, dass NVDA beim Start des PCs automatisch gestartet wird und dass NVDAfür die Windows-Anmeldung verwendet wird. Hier sollte man aufpassen, dass nicht zwei verschiedene Screenreader gleichzeitig gestartet werden, weil es dann Probleme mit den Zugriffstasten geben kann. Außerdem versteht man nichts mehr, wenn zwei Stimmen gleichzeitig reden.
NVDA hat wie Jaws einen Formularmodus, in den es schaltet, sobald ein Formularelement erreicht wird. Dabei ist ein Einrastgeräusch zu hören. Mit Escape kommt man aus dem Formularmodus wieder raus. Drückt man die Taste Pfeil-runter, ohne eine Eingabe gemacht zu haben, verlässt man sowohl das Element als auch den Formularmodus, was man an dem Ausrast-Geräusch hört. Innerhalb des Formularmodus kann man mit der Tab-Taste zum nächsten Formularelement oder klickbaren Element wechseln.
Was mich am Anfang sehr irritiert hat: Jaws liest alles zeilenweise vor, es sei denn, es handelt sich um ein klickbares Element oder ein Eingabefeld. Stehen zum Beispiel fünf Links in einer Reihe, liest Jaws einen vor, NVDA hingegen liest alle vor, wenn man den Alles-Lesen-Modus oder die Pfeiltasten verwendet. Um einen einzelnen Link Anzuspringen, muss man deshalb die Tab-Taste verwenden. Ich habe noch keine saubere Methode gefunden, um einen Link vernünftig anzuspringen. Deshalb rufe ich mit der EINFG + F 7-Taste die Liste aller Links auf, sobald ich feststelle, dass ich den Link nicht direkt erreichen kann und rufe den Link über diese Liste auf. Übrigens hat Jaws bei den neueren Firefox-Versionen das gleiche Problem, die Ursache kenne ich allerdings nicht.
Es gibt einige Bucks, die sich aber viele Screenreader teilen. Verwendet man die Zurück-Taste im Browser, kriegt NVDA oft nicht mit, dass sich der Seiteninhalt geändert hat. Mag sein, dass die entsprechenden Informationen nicht an den Screenreader weitergegeben werden. Eine elegante Lösung dafür kenne ich nicht, ich wechsle immer das Fenster und kehre zurück, dann erfasst NVDA den Seitenwechsel. Mit der Erweiterung WebVisum für Firefox soll das Problem mit der Aktualisierung nicht auftreten.
Die Verknüpfung von Formularnamen und zugehörigen Eingabefeldern scheint bei Jaws anders zu funktionieren als bei NVDA. Jaws rät bei fehlender Information die Bezeichnung des Eingabefeldes, NVDA sagt oftmals gar nichts. In diesem Fall muss man mit den Pfeiltasten arbeiten, um herauszufinden, wofür ein Eingabefeld steht.
In Jaws gibt es verschiedene Zusammenfassungsmöglichkeiten für Webdokumente, so kann man sich mit den Funktionstasten Überschriften, Links und so weiter anzeigen lassen. NVDA ist noch nicht so detailiert, immerhin kann man sich aber alle Links, Überschriften und Sprunganker eines Dokumentes anzeigen lassen und sie anspringen oder aktivieren. Dazu rufen wir Einfg + f 7 auf. Standardmäßig werden hier alle Links aufgelistet. Wenn wir mit Shift-Tab zurückspringen können wir uns alle Überschriften oder Sprunganker anzeigen lassen. Mit Tab springen wir zurück in die Auswahlliste, drücken wir erneut Tab landen wir bei den Optionen. In der Auswahlliste reicht ein Return aus, um die Standardaktion auszulösen, also den Link zu aktivieren oder die Überschrift anzuspringen.

Anders als in Jaws werden Elemente nur angesprungen, wenn sie hinter der aktuelln Position stehen, ansonsten sagt NVDA, dass es keine weiteren Elemente gefunden hat. Wenn man mit Jaws am Ende einer Website steht und nach einem Eingabefeld sucht springt Jaws automatisch zum nächsten Eingabefeld, auch wenn es am Anfang der Seite steht. Bei NVDA muss man zunächst an den Anfang der Seite springen oder eben vor dem Eingabefeld stehen. Die Rückwärtssuche mit Shift + Steuertaste klappt dagegen problemlos.

Braillezeile in NVDA einbinden

NVDA unterstützt von Haus aus einige Braillezeilen. In diesem Fall muss lediglich die Zeile angeschlossen und die passende Zeile aus dem Menü ausgewählt werden. Gehe dazu im Menü auf Einstellungen -> Brailleienstellungen. Wähle dort die passende Braillezeile aus dem Ausklappmenü aus. Springe mit Tab zur Auswahl der Übersetzungstablle und whäle hier ein deutsches Profil deiner Wahl. Wenn du auf OK klickst sollte die Zeile gesucht und gefunden werden. Ansonsten ist die Zeile nicht korrekt erkannt worden oder der Anschluß ist fehlerhaft. Bei älteren Zeile insbesondere bei Zeilen, die über Parallel- oder Serialport angeschlossen werden kann es sein, dass sie angeschlossen werden müssen, bevor der Computer startet. Ältere Anschlüsse unterstützen anders als USB kein Plug-and-Play, die Geräte müssen also angeschlossen und eingeschaltet sein, bevor der Computer startet. Starte also den Rechner mit eingeschalteter Zeile neu und probier es noch einmal aus.

Wenn deine Zeile nicht dabei ist kann es ein wenig komplizierter werden. Leider sind die Hilfsmittelhersteller nicht bereit, Standardtreiber für die Zeilen zu entwickeln, so dass man sich auch nicht darauf verlassen kann, dass NVDA jemals alle gängigen Zeilen einbinden können wird. Eine große Hilfe ist hier das Projekt BRLTTY, das eine Reihe von Treibern für verschiedene Zeilen für Windows und Linux anbietet.

Lade dir also das aktuelle Paket von BRLTTY von der Website herunter, es sollte eine exe-Datei sein. Installiere das Programm ordnungsgemäß. Am Ende des Installationsprozesses kannst du die Braillezeile einbinden. Wähle dazu in dem Menü die korrekte Braillezeile sowie den richtigen Anschluß. Bei USB ist das einfach, bei einer serillen Schnittstelle musst du allerdings den richtigen Port auswählen. Aktuelle Rechner haben normalerweise gar keinen oder nur einen Com-Port, so dass der Com-Port 1 normalerweise die richtige Wahl sein dürfte. Ansonsten musst du ein wenig rumprobieren.

Gehe anschließend in das NVDA-Menü, wähle die Brailleeinstellungen und unter Braillezeile BRLTTY. Klicke auf OK. Beim ersten Mal klappt es gelegentlich nicht, gehe dann zurück in das Menü und ändere eine Einstellung, zum Beispiel Braillezeile gekoppelt an, klicke OK und versuche es erneut.

Bei einigen Desktop-Rechnern lässt sich der Com-Port nachrüsten. Viele Mainboards haben noch einen Serialanschluss, der im Bios angezeigt wird. Es fehlt aber der Anschluss selbst, also eine Verbindung vom Mainboard nach außen. Für ein paar Euro kann man sich ein Serial Slotblech besorgen, mit dem man diesen Anschluss nachrüsten kann. Das ist interessant für alle, die noch eine alte serielle Braillezeile haben. Für den Anschluss des Kabels braucht man sehende Hilfe, wenn man sich nicht mit Computern auskennt. Außerhem sollte man darauf achten, dass das Kabel zum Mainboard passt. Die einfachere variante ist ein USB-Serial-Adapter, was leider auch nicht immer problemlos funktioniert.

Weiterführendes

Ausprobieren

Ich persönlich glaube nicht, dass Webseiten, die barrierefrei werden sollen, mit Screenreadern getestet werden müssen. Zum Einen gibt es andere Menschen, die zwar nicht blind sind, aber ebenso gut ein barrierefreies Web gebrauchen können. Ihnen ist in der Regel nicht geholfen, wenn jemand die Seite einmal für Blinde getestet hat. Zum Anderen braucht man Erfahrung, um einen Screenreader bedienen zu können.
Dennoch empfehle ich jedem, der Webseiten barrierefrei gestalten möchte, NVDA einfach einmal auszuprobieren. Der Aha-Effekt ist meiner Erfahrung nach wesentlich größer als bei der Lektüre der WCAG. Zumindest dürfte man verstehen, was es bedeutet, wenn die Elemente einer Website linear und nicht nebeneinander angeordnet sind.

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