Informationskompetenz für Alle – das Ende der Gatekeeper

edit vom 8. Februar: Eine Anregung von Querdenkender aufgreifend habe ich den Begriff Medienkompetenz durch Informationskompetenz ersetzt.

Ursprünglich wollte ich Bloggergate als Aufhänger dieses Beitrags nehmen. Ich verzichte darauf, weil das Ganze zum einen die Aufregung nicht wert ist und zum anderen ins Persönliche abgedriftet ist. Zu Bloggergate ist schon alles gesagt worden, aber noch nicht von allen.
Ich möchte stattdessen einen Blick darauf werfen, wie die Öffentlichkeit beeinflußt wird und warum wir alle Informationskompetenz brauchen.

Die Anfälligkeit für Manipulationen

Das Web ist entgegen anderer Gerüchte anfällig für Manipulationen. Schon mittelständische Unternehmen haben große PR-Budgets. Von diesem Geld lassen sich problemlos ein bis zwei Webworker bezahlen, die 40 Stunden die Woche das Netz durchforsten, um negative Kommmentare mit wohlwollenden oder positiven Kommentaren zu neutralisieren, in kritischen Blogbeiträgen dem Autor Voreingenommenheit vorzuwerfen oder so lange herumtrollen, bis auch der geduldigste Diskutant kapituliert.
Man muss dabei nicht so ungeschickt sein wie ein gewisser Tablet-PC
-Vertreiber.
Suchmaschinenoptimierung ist ebenfalls der Versuch, die Suchergebnisse zu manipulieren. Die SEOs mögen einwenden, Google sei selbst nicht neutral, das hat nun auch keiner behauptet. Eine Manipulation dadurch zu rechtfertigen, dass eine Maschine sowieso schon falsch tickt, hat doch einen faden Beigeschmack. Wenn Webmaster endlich anfangen, Title, Alternativ-Text und Zwischenüberschriften vernünftig einzusetzen, ist das kein SEO, sondern Redaktionshandwerk. Wenn ich aber anfange, Link-Netzwerke, Linktausch und Linkkauf zu machen, ist das eine gezielte Manipulation von Google. Der Inhalt einer Seite wird dadurch nicht um ein Stück besser, der Otto-Normal-Googler hat aber keine Ahnung davon und hält die ersten Suchergebnisse für die wichtigsten oder besten.
Liebe SEOs, ich hätte gerne gute Ergebnisse auf den ersten Plätzen und nicht seo-gestählten Nonsens. Warum legt ihr den Schwerpunkt nicht darauf, die Inhalte der Websites zu verbessern, anstatt auf PageRank und SERPs zu schauen?

Kampagnen

Wir werden tagtäglich schlecht informiert. Meine Leseempfehlung dazu ist schon betagt und stammt von Wolf Schneider “Unsere tägliche Desinformation”. Dazu muss man wissen, dass Schneider ein Konservativer alter Schule ist und sein Buch nicht die übliche Mischung aus lauwarmer Kulturkritik und abgestandener Niedergangsrhetorik ist. Es geht darum, wie Medien teils absichtlich falsch, parteiisch oder ungenau berichten und damit die Öffentlichkeit manipulieren. Das Buch wurde in den 80ern geschrieben und man kann sich gut vorstellen, dass die damals vorherrschenden Zwänge heute eher zu- als abgenommen haben und auch für Online-Medien und Blogs gelten.
Techblogs zum Beispiel werben naturgemäß für technische Gadgets. Auch wenn das Ganze über Vermittlernetzwerke zustande kommt und man keinen direkten Kontakt zur Herstellerfirma hat: die Firma freut sich bestimmt nicht darüber, wenn ihr Produkt in einem Artikel zerpflückt wird, während links daneben die Werbung für das gleiche Produkt steht.
Ein weiteres lesenswertes Buch ist Media Control von Noam Chomsky. Chomsky erklärt die Mechanismen, die dazu führen, dass Medien sich freiwillig einem bestimmten Konsens unterordnen. Es geht dabei um informelle Zwänge und den Aufstieg in der Hierarchie, den nur die Konformisten schaffen.

Kampagnen-Journalismus

Große Medienhäuser fahren regelmäßig Kampagnen, wo sich sich auf das eine oder andere Thema einschießen, ohne das der Grund von außen ersichtlich ist. Es reicht schon, wenn der Chefredakteur etwas gegen Windräder hat und schon erscheinen Artikel, die die Windenergie schlecht machen. Der Guttenberg-Hype war auch eine Kampagne, vielleicht, um ein Sommer- oder Winterloch zu stopfen. Vielleicht glauben die Journalisten aber tatsächlich, normale Menschen würden gerne Storys über Guttenberg oder das Dschungelcamp in ihrer Zeitung lesen.

Presse und PR

Einer sinkenden Zahl von Journalisten stehen immer mehr Menschen aus Marketing, Werbung und PR gegenüber, ich mache übrigens auch PR, um hier keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen. Ich habe mich für meinen Blog dem Pressekodex verpflichtet, eine symbolische, aber dennoch wichtige Sache.
Während ein Journalist zumindest nominell der Wahrheit und Fakten verpflichtet ist, wird das Marketing und die PR dafür bezahlt, etwas in möglichst gutem Licht dastehen zu lassen. Ein Journalist soll sich nie mit einer Sache gemein machen, ob sie nun gut oder schlecht ist. Ein Mensch aus der PR hingegen muss sich mit jeder Sache gemein machen, deren Auftragnehmer er ist.
In der Blogosphäre kann damit aus einem Vorteil ein Nachteil werden. Da hier oft Leute aus der Praxis kommen, verdienen sie ihr Geld damit, jemandem eine Dienstleistung zu verkaufen. Die Attraktivität von Blogs erwächst aus ihrer Praxisnähe, aber kann jemand ernsthaft erwarten, dass hier echte Kritik an der eigenen Branche oder an fehlgeleiteten Kollegen stattfindet? Eher nicht, denn hierzulande gelten Kritiker als Nestbeschmutzer. Niemand sägt den Ast ab, auf dem er sitzt, sei es das eigene Berufsfeld oder das Kollegennetzwerk.

Informationskompetenz für Alle

Wenn der Journalismus nicht mehr für uns die Aufgabe übernehmen kann, das Wahre von dem Falschen, das Wichtige von dem Unwichtigen und das Relevante von dem Irrelevanten zu trennen, dann ist jeder Einzelne von uns gefragt, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir können uns dafür entscheiden, unsere Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenzustellen. Dort, wo wir uns nicht auskennen, vertrauen wir auf Experten, die wir für kompetent halten.
Man muss ein Gespür dafür entwickeln, wer wann welche Interessen verfolgt und ob diese Interessen einen Einfluß auf seine Aussagen haben. Das Stichwort dazu ist kritische Quellenanalyse, eine Methode von Historikern, wir können von Quellenanalyse light sprechen, man muss es nicht übertreiben.
Warum wir alle Informationskompetenz brauchen? Weil wir alle gezwungen sind, innerhalb von Sekunden über die Relevanz von Suchergebnissen, Schlagzeilen und Informationen zu entscheiden. Deswegen umfasst Informationskompetenz heute auch mehr als die Kenntnis darüber, wie Informationen von Medien gemacht werden. Dazu gehört auch zu wissen, wie Umfragen und statistische Erhebungen zustande kommen, wie die Suchalgoritmen von Suchmaschinen arbeiten und wie Artikel in der Wikipedia zustande kommen.

Weiterführendes

3 Gedanken zu „Informationskompetenz für Alle – das Ende der Gatekeeper“

  1. Hallo,

    ein sehr interessanter Beitrag der auch einige unbequeme Dinge anspricht. Vorschlag von meiner Seite: Im Abschnitt “Medienkompetenz für Alle” evtl. mal über Informationskompetenz nachdenken. Ich denke das wäre der passendere Begriff für das was dort beschrieben wurde.

    Viele Grüße

    Querdenkender

  2. Hallo,

    freut mich. Da dies eines meiner derzeitigen Forschungsthemen ist habe ich mal nach einer Zusammenfassung gesucht. Ich hoffe die ist auch barrierefrei? Wie kann man ein PDF erzeugen das für Menschen mit einer Sehbehinderung gut benutzbar ist? Ich hake immer einen Punkt an “Zugriff auf Inhalt ermöglichen” (kann auch anders heissen, hab es gerade nicht zur Hand). Reicht das?
    Hier das angesprochene PDF zur Informationskompetenz:
    http://www.lfm-nrw.de/downloads/Informationskompetenz_in_Deutschland_August_09.pdf

    Viele Grüße

    Querdenkender

Kommentare sind geschlossen.