Barrierefreiheit ins Unternehmen integrieren – die Entwicklung eines Unternehmenskonzepts

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Barrierefreiheit wird in der Öffentlichkeit sowohl von ihren Befürwortern als auch ihren Gegnern als eher komplex dargestellt. Es ist kein Geheimnis, dass die Agenturen, die sich auf Barrierefreiheit spezialisiert haben oft selbst kein Interesse daran haben, ihren Kunden ein Grundverständnis der Barrierefreiheit zu vermitteln. Schließlich basiert ihr Geschäftsmodell darauf, dass sie ihr Fachwissen an den Kunden bringen können. Aber dass man einer Agentur 1000 Euro pro Tag zahlt, kommt ir zugute, den Behinderten aber nicht unbedingt. Indem sich die Agenturen und einige andere Einrichtungen als Barrierefreiheits-Autoritäten inszenieren, schaden sie der Barrierefreiheit mehr, als sie ihr nutzen. Einige Experten neigen dazu, ein schwieriges Thema kompliziert zu vermitteln, um die eigene Expertise zu betonen. Im Endeffekt hat dann aber kein Laie noch Interesse daran, sich mit Barrierefreiheit zu beschäftigen.

Im ersten Teil dieses Beitrags möchte ich zeigen, dass Barrierefreiheit auch mit bescheidenen Mitteln umgesetzt werden kann. Im zweiten Teil geht es darum, das Konzept Barrierefreiheit ins Unternehmen zu integrieren.

Machen statt machen lassen

Es ist gar nicht so schwierig, barrierefreie Webseiten umzusetzen. Zunächst ist es wichtig, dass man kein eigenes Redationssystem bastelt, sondern eines der großen freien Open-Source-Produkte nutzt. Dazu gehören Drupal, TYPO3, Joomla! oder auch WordPress. Sie alle erfüllen in der Standardkonfiguration die wichtigsten Anforderungen der Barrierefreiheit. Das Frontend wird natürlich an die eigenen Anforderungen angepasst, aber die barrierefreie Umsetzung kann jede Web-Agentur übernehmen. Wichtig ist dabei, die Erwartungen von Anfang an zu formulieren. Der Auftraggeber muss der Agentur verklickern, dass er z.B. Barrierefreiheit nach WCAG 2.0 Konformitätsstufe 1 umgesetzt haben will. Das ist eine klare, im Prinzip überprüfbare Anforderung, die von jedem Designer/Techniker umgesetzt werden kann.
In der Regel ist ein CMS bereits vorhanden. Um die Kosten für einen Umbau des Systems gering zu halten, sollten die neuen Anforderungen schrittweise umgesetzt werden. Es gilt das Pareto-Prinzip: 20 Prozent der Maßnahmen erfüllen 80 Prozent der Ansprüche, irgendwann kippt das Verhältnis um, aber bis zu diesem Punkt muss man gar nicht gehen.

Barrierefreie Dokumente

Barrierefreie PDFs umzusetzen ist in der Praxis teuer und – ich muss es leider sagen – Quatsch. Natürlich sollte eine Information, die nur als PDF angeboten wird, barrierefrei zur Verfügung stehen. In der Regel zeugt aber eine Information, die im Internet als PDF bereit gestellt wird von der mangelnden Nutzerorientierung des Anbieters. Der Anbieter sagt mir damit, ich soll eine Datei herunterladen, ein Programm starten, das Dokument öffnen, weil er nicht dazu in der Lage ist, die Information schlicht auf die Webseite zu stellen.
PDF hat auch noch lange nicht den Grad an Barrierefreiheit erreicht, der im Web möglich ist. Das liegt an der unterschiedlichen Unterstützung barrierefreier PDF durch die Hilfstechnik und die mangelhafte Qualität von Adobes Leseprogrammen.
Barrierefreie PDFs lassen sich recht einfach mit OpenOffice/LibreOffice bzw. MS Office 2007 erzeugen. Nicht alle Anforderungen lassen sich damit umsetzen. Aber das erwartet auch niemand.

Barrierefreie Informationstechnik

Auch ein barrierefreier Arbeitsplatz lässt sich in vielen Fällen kostengünstig realisieren. Die aktuellen Geräte von Apple verfügen von Haus aus über Bildschirmvergrößerung, Sprachein- und ausgabe. Über Virtualisierung lassen sich auch Windows-Betriebssysteme einbinden. Für viele Aufgaben in Windows reicht der kostenlose Screenreader NVDA aus. Ab Windows 7 ist eine gut nutzbare Bildschirmvergrößerung integriert, die in vielen Fällen ausreichen dürfte.
An anderer Stelle habe ich schon beschrieben, dass sich viele Aufgaben kreativ lösen lassen. So können Blinde etwa Desktop Publishing betreiben, auch Shells eröffnen ganz neue Möglichkeiten.

Die Kosten

Mit der Barrierefreiheit ist es ähnlich wie mit anderen Dingen: die Basisanforderungen lassen sich mit relativ geringen Kosten umsetzen. Je höher die Anforderungen werden, desto teurer werden die einzelnen Maßnahmen. Das zweite Prinzip der Barrierefreiheit lautet: je früher sie umgesetzt wird, desto günstiger ist sie und um so schneller amortisieren sich die Kosten.
Ein weiteres Problem ist der Return on Investment. Auch wenn wir das gerne hätten, die höheren Kosten, um Barrierefreiheit umzusetzen schlagen sich nicht direkt in einer größeren Kundenzahl nieder. Das heißt, es lässt sich nicht sagen, ob und wann die höheren Kosten durch die Umsetzung von Barrierefreiheit wieder eingespielt werden. Das ist aber die Basis dafür, wie Unternehmen ihre Entscheidungen für Investitionen treffen.
Neulich las ich von einer Bank, die ihr barrierefreies Banking-Angebot wieder abschaltete, nachdem der erwartete Kundenanstieg ausblieb. Offenbar hat ihnen jemand falsche Versprechungen gemacht, was ich nicht für sinnvoll halte.
Wie bei so vielem Dingen skalieren hier die Kosten: Ein Großunternehmen kann es sich leisten, einen sechsstelligen Betrag in die Pflege seiner Website zu stecken. Da spielt es auch keine Rolle, wenn die Kosten um zehn Prozent steigen, weil die Barrierefreiheit beachtet wird. Für den Kleinunternehmer können jedoch schon 1000 Euro Mehrkosten ein Problem sein.

Barrierefreiheit als umfassendes Unternehmenskonzept

Deswegen muss Barrierefreiheit als integrativer Teil der Unternehmensstrategie umgesetzt werden. An anderer Stelle schrieb ich über CSR und Barrierefreiheit. Es bringt relativ wenig, die Seiten barrierefrei zu gestalten, wenn das niemand mitbekommt. Wenn das Unternehmen Barrierefreiheit lobenswerterweise umsetzt, ohne gesetzlich dazu gezwungen zu sein, dann sollte es diesen Umstand offensiv in der Unternehmens-PR, dem Marketing und überall dort kommunizieren, wo es passt.

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