Du bist Teil des Problems

Menschen halten sich immer für rational, dabei sind sie sie es oft nie, manchmal gar nicht und selten wirklich. Heute wollen wir uns einen Effekt angucken, den man als das Hammer-Nagel-Problem bezeichnen könnte. Wenn du einen Hammer hast, neigst du dazu, jedes Problem als einen Nagel zu betrachten.
Wir können das Problem überall beobachten: als Wissenschaftler hat man eine bestimmte Methode gelernt und wendet sie dann auf jede Fragestellung an, ob sie passt oder nicht. Für einen Soziologen ist jedes Problem soziologisch, für den Psychologen psychologisch und für den Biologen biologisch und den Chemiker chemisch.
Betrachten wir einen anderen Bereich. Wenn sich ein Journalist sehr stark mit der Mafia beschäftigt, neigt er dazu, überall die Mafia zu sehen. Das Gleiche gilt für die Themen Ausbeutung, Korruption oder jedes beliebige andere negativ belastete Thema. Wenn ich ein Buch dieser Journalisten gelesen habe, neige ich dazu, überall Mafia, Ausbeutung und Korruption zu sehen, zumindest unmittelbar nach der Lektüre. Geht euch das auch so? Der Effekt ist nie nachhaltig: wenn wir gerade ein Buch über Umweltverschmutzung gelesen haben, neigen wir dazu, uns vorzunehmen, uns zukünftig umweltfreundlicher zu verhalten. Im Endeffekt tun wir das nie oder zumindest nicht für lange. Das Gleiche gilt, wenn wir Raucher sind und ein Buch für die schädlichen Folgen des Rauchens lesen. Oder wenn wir über das Elend der Dritten Welt lesen, nehmen wir uns fest vor, zu spenden oder kein Billigzeugs mehr zu kaufen.
Das Phänomen läßt sich folgendermaßen beschreiben: je stärker wir uns mit einem Thema beschäftigen, desto stärker sehen wir dessen Facetten im Alltag. Wir übertragen diese Facetten in den Alltag hinein.
Mir ist dieses Phänomen aufgefallen, als ich die Linken in meiner Umgebung beobachtet habe. Das sind in der Regel keine dummen Menschen, aber in ihren Ansichten so fest gefahren, dass es keinen Spaß macht, mit ihnen zu diskutieren. Die Rechte ist spiegelbildlich. Man kann ihnen mit den vernünftigsten Argumenten kommen, aber sie halten an ihren Überzeugungen fest.
Die Wahrnehmung selektiert die realität: es werden nur noch Fakten akzeptiert, die in das Konstrukt passen.
Das Phänomen ist analog bei Verschwörungstheoretikern zu beobachten. Sie können die komplexesten Theoreme aufstellen, obwohl die Realität wesentlich einfacher zu erklären ist.
Bisher habe ich noch keine Erklärung für dieses Phänomen gefunden. Ich vermute, dass das Gehirn es sich so einfach wie möglich macht und einmal angelegte Denkmodelle aufrecht erhält, um Beständigkeit herzustellen. Es wäre unpraktisch, wenn wir jeden Tag unser Denkmodell ändern würden. Hinzu kommen gruppendynamische Prozesse. Wir freunden uns mit Leuten an, die ähnliche Ansichten wie wir vertreten und stärken uns nach und nach in unseren Ansichten.
Möglicherweise sind wir aber auch nur unheimlich gut darin, uns selbst zu belügen. Niemandem wird es leicht fallen, eine lang gehegte Ansicht als falsch anzuerkennen, egal, wie unbedeutend sie ist. Einmal Gelerntes vergisst man nicht so schnell, ob das Gelernte richtig oder falsch ist, das ist ja erst mal egal. Die Ansicht, dass die Erde eine Scheibe ist, die Sonne sich um diese Scheibe dreht oder der Menschen durch Evolution entstanden ist, hat sich auch lange nicht durchsetzen können.
Falls du zufällig einer der genannten Gruppen angehörst, kann ich deine Reaktion exakt erraten: du wirst sagen, ich sei erstens blöd und hätte zweitens keine Ahnung: die Welt besteht aus Ausbeutung, Mafia, Korruption und Verschwörungen. Du weißt das ganz genau, weil du dich Jahre lang mit nichts anderem beschäftigt hast und ich bin ein Teil der Konterrevolution oder hätte eben nichts verstanden. Das ist eine typische Reaktion.
Der Artikel Spiegel: Weltkurzsichtigkeit zeigt sehr schön, wie die personalisierte Suche zur Verengung des Weltblicks beiträgt.

    li>Cass R. Sunstein. Infotopia – How Many Minds produces Knowlede. Oxford University Press 2008

  • Stefan Hölscher et al. Die Kunst gemeinsam zu handeln – soziale Prozesse professionell steuern. Springer 2006