Corporate Social Responsibility und die Barrierefreiheit

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Früher oder später wird es vermutlich allgemeine Vorschriften geben, die Privatunternehmen und nichtstaatliche Organisationen zur Barrierefreiheit ermuntern oder sogar verpflichten. Abgesehen davon werden durch die Alterung der Bevölkerung jene Unternehmen im Vorteil sein, welche die Barrierefreiheit von Anfang an umffassen berücksichtigen.

Neben den eher harten – also wirtschaftlichen und rechtlichen – Faktoren spielen auch die weichen Faktoren eine zunehmende Rolle. Das sind Diversity Management – also die Förderung der Vielfalt – und CSR – die Anerkennung und Übernahme sozialer Verantwortung durch Unternehmen. Weder DM noch CSR werden von Unternehmen aus reiner Barhmherzigkeit durchgeführt. Sie zielen
auf die Verbesserung ihrer Gewinne ab, auch wenn man das mit blumigen Worten umschreiben möchte.
Das muss nicht unbedingt negativ sein. Bekanntermaßen stehen alle Maßnahmen, die nicht direkt mit Gewinnerzielung zu tun haben nicht nur in Krisenzeiten zur Disposition. Wer Barrierefreiheit als Teil einer Business-Strategie versteht, wird sie nicht bei der ersten Gelegenheit fallen lassen, sobald es schwierig wird.
Grundsätzlich kann man zwei Bereiche unterscheiden, in denen Barrierefreiheit umgesetzt werden kann: unternehmensintern und extern.

Intern

Barrierefreiheit kann intern damit beginnen, Arbeitsplätze möglichst barrierefrei zu gestalten. Dazu gehört zum Beispiel die Beachtung der Bildschirmarbeitsverordnung und anderer Regelungen.
Dazu gehört aber auch die ergonomische Gestaltung von Arbeitsumgebungen, also rückengerechte Stühle und Tische, eine ausreichende Beleuchtung, Belüftung und so weiter.
Interessant wird es, sobald es um die Anschaffung oder Programmierung von barrierefreier Software geht. Einige Unternehmen basteln ihre eigenen Lösungen, weil sie am Markt keine passenden Produkte finden oder weil die Programmierer unterbeschäftigt sind. Die Produkte müssen – da sie normalerweise nicht verkauft werden – nicht einmal minimale Voraussetzungen der Benutzerfreundlichkeit oder Barrierefreiheit erfüllen. Mit dem Kauf barrierefrei bedienbarer Programme fördert man direkt die Anbieter dieser Produkte und ihr Know-How.
Häufig vergessen wird auch die barrierefreie Gestaltung der Prozesse. Interne Abläufe, Dokumente, Vorlagen, aber auch Redaktionssysteme und Intranets müssen ebenfalls barrierefrei gestaltet werden.

Extern

Mit Extern ist hier vor allem die Beziehung zum Kunden gemeint. Barrierefreiheit muss hier vor allem im Bereich Information umgesetzt werden. Das heißt: Internet, aber auch Informationsbroschüren und natürlich auch die Produkte sollen möglichst barrierefrei sein. Auf vielen Arzneimitteln sind zum Beispiel die Namen in Braille aufgedruckt, außerdem gibt es teilweise die Beipackzettel im Internet.
Wer häufig Kundenbesuch hat, kommt natürlich nicht herum, auch wesentliche Teile der Geschäftsräume barrierefrei zu gestalten. Barrierefreiheit beginnt buchstäblich vor der Haustür mit einem rollstuhlgerechten Zugang.
Das Ziel sollte es sein, eine Willkommenskultur für behinderte Kunden und Mitarbeiter zu schaffen, ohne gönnerhaft zu werden. Eine barrierebehaftete Webseite deutet zum Beispiel nicht darauf hin, dass sich das Unternehmen um Behinderte kümmert. Und die Konkurrenz ist nur einen Klick entfernt und hat ihre Hausaufgaben hoffentlich besser gemacht.
Kurios wird es, wenn die Unternehmen Barrierefreiheit ablehnen, weil sie keine Behinderten beschäftigen. Wenn man keine Barrierefreiheit schafft, kann man auch keine Behinderten einstellen – ein Teufelskreis, der nur von den Unternehmen selbst durchbrochen werden kann.
Das Gleiche gilt natürlich für Produkte oder Dienstleistungen. Ein Blinder kann schlicht nicht ein Konto bei einer Bank eröffnen, die kein barrierefreies Online-Banking anbietet. Natürlich hat die Bank dann keine blinden Kunden – nach ihrer Logik braucht sie sich deshalb nicht um Barrierefreiheit zu kümmern.
Es ist schade, dass Barrierefreiheit im CSR-Bereich in Deutschland bisher keine Rolle spielt. Im angloamerikanischen Bereich sieht es ganz anders aus.

Entscheidend ist die öffentliche Meinung

Nur wenige Unternehmen können es sich heute leisten, auf einen geregelten Umweltschutz zu verzichten. Zugleich ist Umweltschutz normalerweise kein unternehmerisches Ziel in einem betriebswirtschaftlichen Sinn. So ähnlich sollte auch die Barrierefreiheit betrachtet werden.
Ähnlich wie beim Umweltschutz gibt es natürlich immer die Gefahr, dass das Ganze nur als Pro-Forma-Thema betrachtet wird. Es ist daher sinnvoll, dem Ganzen mehr Bedeutung zu verleihen. Das kann man zum Beispiel machen, indem man einen Barrierefreiheits-Beauftragten einsetzt oder konkrete, überprüfbare Ziele ausgibt. Außerdem sollte ein Bekenntnis zur Barrierefreiheit und ein Überblick umgesetzter und geplanter Maßnahmen auf der Webseite, im Geschäftsbericht und wo es noch passt veröffentlicht werden.
Das heißt, Barrierefreiheit sollte ähnlich wie der Umweltschutz als Ziel der Nachhaltigkeit betrachtet werden. Sie sollte als Prozess betrachtet werden, der nach und nach umgesetzt und nicht nach der Durchführung einer bestimmten Zahl von Maßhnahmen abgeschlossen ist.
Barrierefreiheit sollte als soziale und nicht als technische Herausforderung verstanden werden. Was die Barrierefreiheit angeht, schneiden viele Organisationen aus dem Nonprofit- oder Social-Business-Bereich nicht besser ab als kommerziell orientierte Unternehmen. Das heißt, selbst sozial handlnde Akteure haben die Bedeutung von Barrierefreiheit nicht verinnerlicht.

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