Jeder nur ein Kreuz – behindert zur Bundestagswahl

Das ist ein Beitrag zur Blogparade Wählen mit Behinderung der Aktion Mensch.

Wahrscheinlich wurde bei allen Wahlen zum Bundestag der letzten 20 Jahre auch über Behinderung diskutiert. Meinem persönlichen Empfinden nach dürfte das aber die erste Wahl sein, wo das Thema auch in den massenmedialen Mainstream gelangt ist. Eine Ursache dürfte die Wahltesttour der Aktion Mensch gewesen sein. Ansonsten läuft das Ganze in den gewohnten Bahnen ab, die Diskussionen sind so expertenlastig, dass sie nicht einmal von unbeteiligten Behinderten verstanden werden. Oder weiß jemand von euch, was es mit dem Bundesteilhabegesetz auf sich hat?
Rollstuhl
Dabei schneiden die Parteien als Hauptakteure der Wahl eher bescheiden ab. Es gibt kaum Inhalte in Leichter Sprache oder Gebärdensprache, Videos mit Untertiteln sind eher Mangelware. Die Wahllokale sind mehr oder weniger barrierefrei, Blinde z.B. müssen sich selbst die Schablonen beschaffen, damit sie wählen können.

Ich habe bei den wenigen Wahlen , bei denen ich mitmachen durfte – ich habe erst seit 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft – immer Briefwahl gemacht und werde das dieses Mal ändern.

Dafür gibt es zwei Gründe: Der profane ist, dass ich vergessen habe, die Wahlunterlagen rechtzeitig anzufordern.

Der weniger dämliche ist, dass ich es für wichtig halte, Gesicht zu zeigen. Oder vielmehr, Blindenstock, Rollstuhl und Rollator zu zeigen. Um das zu erklären muss ich ein wenig ausholen.

Zeigt her eure Hilfsmittel

Barrierefreiheit wird noch heute primär als Behindertengerechtigkeit verstanden und auch verkauft. Statt die Vorteile für alle Nutzer aufzuzeigen erweckt man nach wie vor den Eindruck, man würde uns einen Gefallen tun, wenn man eine Rampe über die Stufe legt. Das wirkt sich auch auf die Wahl aus: die Wahl kann nicht zum Event der junge Familie werden, weil die Eltern mit dem Kinderwagen nicht reinkommen.

Eine Ursache der mangelnden Barrierefreiheit dürfte darin bestehen, dass Behinderte in der Gesellschaft nach wie vor kaum sichtbar sind. Die Verantwortlichen und auch die Unverantwortlichen haben keine konkrete Person vor Augen, wenn sie an Barrierefreiheit denken sollen. Wir lachen gerne darüber, wenn ein Webmaster behauptet, seine barriereunfreie Website würde nicht von Behinderten besucht. Aber für viele Kleinunternehmer wie Frisöre, Kneipenwirte oder Shopbetreiber ist das Realität: sie haben nie einen Kunden mit sichtbarer Behinderung zu Gesicht bekommen, auch wenn ihr Geschäft generell zugänglich ist.

Nach wie vor ist es wahrscheinlich, dass die Wahlleiter und auch die Crews in den Wahllokalen den ganzenTag keinen Menschen zu Gesicht bekommen, egal, wie barrierefrei ihr Lokal ist. Die Frage darf ja nicht laut gestellt werden, schwingt aber unterschwellig immer mit: Warum sollen wir uns die Mühe machen, wenn die eh alle Briefwahl machen oder gleich gar nicht wählen?

Ich kann natürlich verstehen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht das Abenteuer auf sich nehmen will, vor Ort die böse Überraschung zu erleben, dass er an der Schwelle des Wahllokals nicht weiterkommt. Auch Blinde oder Sehbehinderte wollen lieber in Ruhe zuhause ihr Kreuzchen machen, statt sich unter unnötigen Zeitdruck zu setzen. Dann bleibt aber die Frage: Warum das Wahllokal barrierefrei machen? Wir können diese Frage noch ausweiten: Wofür brauchen wir barrierefreie Märkte, wenn wir eh alles im Internet kaufen? Warum soll das Kino barrierefrei sein, wenn man sich eh alles übers Internet reinzieht? Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Es geht nicht um das ökonomische Argument, dass sich jede Investition in x Jahren amortisieren muss. Es geht darum, dass Bewusstsein für Behinderung zu wecken und überhaupt die Notwendigkeit für Barrierefreiheit bewusst zu machen. Ob es nun eine oder zehn Millionen Behinderte sind, Zahlen in dieser Größenordnung sind immer unbegreiflich. Manchmal reicht es aber aus, einen einzigen Behinderten persönlich zu kennen, um zu verstehen, was Barrierefreiheit bedeutet.

Deshalb werde ich am 22. September 2013 meinen Stimmzettel in meinem Wahllokal ausfüllen und ich hoffe, ihr macht das auch.

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