Ist PDF barrierefrei?

Am 10.6. war ich in Köln auf einem Seminar der PDF Association zu barrierefreiem PDF. Es war sehr spannend zu sehen, was es mittlerweile an Möglichkeiten zum Testen und Reparieren von getaggten Dokumenten gibt. Dennoch können wir mit der jetzigen Situation nicht zufrieden sein.

Barrierefreies PDF ist nicht barrierefrei

Barrierefreiheit sollte nicht nur für den Behinderten gut sein, sie sollte auch für den Macher barrierefrei sein. Es gibt keinen Grund, sie besonders kompliziert oder kostspielig zu gestalten oder eine Art Geheimkunst daraus zu machen.
Jeder Webentwickler kann sich mit ein wenig Mühe in die Web Accessibility einarbeiten. Barrierefreie PDFs zu erstellen ist jedoch mit den Profi-Tools eine Wissenschaft für sich, die selbst gestandene Desktop-Publisher vor Herausforderungen stellt.
Persönlich ärgert mich Adobes Politik. Im Augenblick braucht man offenbar einen ganzen Pool an Tools, um UA-konforme Dokumente zu erstellen. Im Grunde sollte es doch reichen, entweder den Acrobat oder InDesign zu haben, was ja schon ordentlich ins Geld geht. Stattdessen benötigt man weitere Tools, die noch einmal eine Stange Geld kosten, um die Sachen zu fixen, die Adobe verbockt hat oder sich nur kompliziert in den Adobe-Tools fixen lassen. Das sieht mir nicht nach einer Firma aus, die die Barrierefreiheit wirklich ernst nimmt. Viele Tools fürs barrierefreie Internet hingegen sind Standard-Werkzeuge, die man in der Regel kostenlos oder zu annehmbaren Preisen erwerben kann und die schlicht ausgereift sind.

Der Adobe Reader ist Mist

Niemand nutzt den Adobe Reader, wenn er nicht muss. Ich benutze das Programm sicherlich schon seit der Version 6 und kann nicht behaupten, dass ich sehnsüchtig auf das nächste Update oder Pseudo-Features wie das Speichern in der Cloud warten würde. Wenn ich nicht ab und zu PDFs testen müsste, würde ich einfach alle Texte in Plaintext umwandeln und mit dem Texteditor lesen.
Und zwar auch die Getaggten. Der Grund ist die teils hohe Latenz, die der Reader erzeugt. Egal ob getaggt oder nicht, der Reader legt bei jedem umfangreicheren Dokument eine Denkpause ein, die je nach Hardware-Performanz gerne mal ein paar Minuten dauern kann. Ich habe in meinem Leben sicher schon Hunderte von Programmen ausprobiert, aber keines davon stürzt so oft ab wie der Adobe Reader.
Es ist weder in Sicht, dass Adobe sein Programm aufräumen wird noch das es performante Alternativen für getaggte Dokumente geben wird.

Die Überbetonung technischer Faktoren

Als Redakteur störe ich mich auch an der Überbetonung technischer Faktoren bei barrierefreiem PDF. Die Standards werden vor allem von Entwicklern und Grafikern entwickelt. Witzigerweise ist für diese Menschen PDF nicht ein Container für Inhalte, ihr Thema ist das PDF und der Inhalt spielt nur am Rande eine Rolle.
Beim Seminar fiel mir zum Beispiel auf, dass kein Wort darüber gesagt wurde, wie man einen ordentlichen Alternativtext formuliert. Typografische Aspekte wie die Textgestaltung für eine bessere Lesbarkeit spielten keine Rolle.
Es gibt meines Wissens keine eingebaute Mehrsprachigkeit im PDF. Ich kann zum Beispiel nicht ein Dokument basteln, dass auf Knopfdruck zwischen Alltagssprache und Leichter Sprache wechselt. HTML kann das schon lange.
Es gibt meines Wissens auch nicht die Möglichkeit, den Text in unterschiedlichen Schriften anzuzeigen. So gibt es Schriften speziell für Dyslektiker oder Sehbehinderte. Schon seit dem ollen Internet Explorer 6 kann man die Website dazu zwingen, eine bestimmte Schriftart zu verwenden. Wenn der Konsument aber die Helvetica im PDF nicht lesen kann, hat er eben Pech gehabt.

PDF hinkt hinterher

PDF ist von Natur aus weder responsiv noch crossmedia-fähig. Ich kann relativ unfallfrei ein getaggtes PDF aus HTML oder ePub erzeugen aber versucht mal, aus einem getaggten PDF ein barrierefreies ePub zu erzeugen.
Wenn man sich anschaut, was HTML5 und CSS3 zu bieten haben muss man sagen, dass PDF den technischen Entwicklungen hinterher hinkt. Das gilt im Übrigen auch für die Barrierefreiheit. Zwar bietet PDF die Basics wie Alternativtexte, barrierefreie Formulare und so weiter, aber auch nicht wesentlich mehr. Da sind wir im Web doch ein ganzes Stück weiter.

Adobe ist an der Reihe

Es ist zwar begrüßenswert, dass es mit UA einen Standard für Barrierefreies PDF gibt. Allerdings muss Adobe die Erstellung barrierefreier Dokumente deutlich erleichtern. Ein erfahrener Web-Entwickler kann entwickeln und zugleich Aspekte der Barrierefreiheit berücksichtigen. Aktuell ist die Erstellung einer PDF-Broschüre und ihre Barriere-Befreiung ein vollkommen voneinander unabhängiger Prozess.
Und vielleicht sollten wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir einen Standard voll erfüllen müssen. Die Experten mögen viel Kritik an den fehlerhaften getaggten Dokumenten äußern, die von MS Office oder Open Office exportiert werden. Aber diese Tools sind idiotensicher und solange Adobe es teuer und aufwendig macht, seine Tools zu verwenden, kann ich mich mit den Fehlern arrangieren.