Blindengerecht ist nicht gleich barrierefrei

Ein Fehler, den wir leider all zu häufig machen besteht darin, Barrierefreiheit im Internet mit Zugänglichkeit für Blinde gleich zu setzen. Der neueste Schwank aus diesem Bereich stammt von Google/Udacity, die gerade einen kostenlosen Kurs zur Webentwicklung veranstalten.

In this course you’ll get hands-on experience making web applications accessible. You’ll understand when and why users need accessibility. Then you’ll dive into the “how”: making a page work properly with screen readers, and managing input focus (e.g. the highlight you see when tabbing through a form.) You’ll understand what “semantics” and “semantic markup” mean for web pages and add ARIA markup to enable navigating the interface with a range of assistive devices. Finally, you’ll learn styling techniques that help users with partial vision navigate your pages easily and reliably.

Überschrieben ist der Kurs mit Web Accessibility, in der Beschreibung steht aber nur etwas für Blinde und Sehbehinderte. Es geht also nicht um Web-Barrierefreiheit, sondern um Blinden- und Sehbehindertengerechte Gestaltung. Nach dieser Diktion brauchen Gehörlose, motorisch Behinderte und Lernbehinderte keine Barrierefreiheit.
Ich gebe zu, dass ich auch früher oftmals diesen Fehler gemacht habe. Wenn ich ein Programm nicht nutzen konnte, habe ich von mangelnder Barrierefreiheit gesprochen. Aber das ich ein Programm nicht nutzen kann heißt erst einmal nichts anderes als: Ich kann dieses Programm nicht nutzen.
Wenn XY ein Programm nicht bedienen kann und XY blind ist, heißt das nicht unbedingt, dass dieses Programm tatsächlich nicht barrierefrei ist. Es kann auch durchaus sein, dass er schlicht keine Ahnung hat, wie er das Programm bedienen kann. Oder er versteht nicht, was der Screenreader ihm an Informationen ausgibt und kann deshalb das Programm nicht steuern.
Natürlich gibt es das Problem der Usability. Sie sieht für Blinde ganz anders aus, wie ich an anderer Stelle ausführe. Aber auch die Usability hat Grenzen. Je komplexer ein Programm oder seine Aufgaben, desto schwieriger ist es, es für eine allgemeine Zielgruppe usable zu machen. Im Modernen Banking kann man dem User nicht abnehmen, die ellenlange IBAN einzutragen und ein gewisses Maß an Sicherheitsmaßnahmen ist ebenfalls notwendig, was zu Lasten der Usability geht. Daran lässt sich nur in Grenzen etwas machen.
Es ist natürlich auch herrlich einfach, die Anforderungen für Blinde und Sehbehinderte zu erfüllen. Dass viele Webanwendungen das nicht tun, steht auf einem anderen Blatt. Dennoch ist es eine weitere Benachteiligung anderer Gruppen, wenn sie immer wieder bei der Barrierefreiheit außen vor gelassen werden. Dass ist so, als ob man bei räumlicher Barrierefreiheit nur über Rollstuhlfahrer spricht, während Blinde sich den Gaderobenständer ins Gesicht rammen und Sehbehinderte sich den Kopf an der Schräge stoßen. Ich sehe leider immer wieder, dass über die Barrierefreiheit für Blinde im Straßenverkehr diskutiert wird, dabei sind alte Menschen mit motorischen Problemen eine wesentlich größere Gruppe.
Leider ist die Lobbygruppe der Blinden wesentlich stärker als die der anderen Behinderten. Die BITV 2.0 wurde maßgeblich vom DBSV und DVBS beeinflusst. Auch die WCAG 2.0 basiert zu sehr auf technischen Anforderungen und wird schwammig, wenn es um einfache oder leichte Sprache oder Inhalte in Gebärdensprache geht. Insofern muss ich noch einiges an Aufklärungsarbeit leisten, um einen breiteren Begriff von Barrierefreiheit zu etablieren.

Ein Gedanke zu „Blindengerecht ist nicht gleich barrierefrei

  1. Danke für das Aufzeigen neuer Sichtweisen. Werde das mal vertiefen. Schönen Sonntag! :-)

Kommentare sind geschlossen.