Mobbing an Blindenschulen – warum Förderschulen kein Paradies für Behinderte sind

Viele blinde und sehbehinderte Schüler berichten über Mobbing an inklusiven und integrativen Schulen. Doch auch an Förderschulen findet Mobbing statt. In diesem Zusammenhang möchte ich meine Erfahrungen an der Blindenstudienanstalt Marburg schildern, die ich zwischen 1996 bis 1999 besucht habe. Die Situation dürfte sich seitdem aber kaum verändert haben.
An einer gemischten Schule mit blinden und sehbehinderten Schülern gibt es im Wesentlichen vier Gruppen: Die Sehbehinderten, die fitten und die unfitten Blinden. Als vierte Gruppe können Personen mit weiteren Behinderungen hinzukommen. So gab es an der Blista Menschen mit psychischen, motorischen oder kommunikativen Problemen.
Die Sehbehinderten sehen teils so gut, dass ich mich häufig gefragt habe, was sie wohl an einen Ort getrieben hat, der blindenstudienanstalt heißt. Die Sehbehinderten blieben im Wesentlichen unter sich.
Die fitten Blinden sind Blinde, die im Wesentlichen unauffällig sind. Sie haben keine Blindismen, also Bewegungs- oder andere Ticks, welche sie in jeder Gesellschaft auffallen lassen. Die fitten Blinden können sich unauffällig in eine Gruppe Nicht-Blinder integrieren.
Die unfitten Blinden hatten Ticks oder andere teils psychische Auffälligkeiten. Sie hatten Blindismen wie das ständige Wppen mit dem Oberkörper. Die Mädels konnten sich nicht angemessen schminken oder liefen in unpassender Kleidung herum. Manche fanden es sinnvoll, in billigem Parfum zu baden.
Die Mehrfachbehinderten schließlich waren selbst unter den unfitten Blinden kaum willkommen.
Jeder dieser Gruppen hat im Wesentlichen untereinander verkehrt. Sehbehinderte hatten wenig mit Vollblinden verkehr, die fitten Blinden hatten wenige Berührungspunkte zu den Sehbehinderten und den Unfitten. Die Unfitten waren in den beiden anderen Gruppen nicht willkommen.
Komplett ausgegrenzt waren Personen mit psychischen und kommunikativen Einschränkungen. Ihr kennt die Schmuddelkinder, mit denen keiner spielen will und die, wenn es um die Wahl der Mitspieler geht als letztes ausgewählt werden. Das waren bei uns die Mehrfachbehinderten.
Während die Sehbehinderten und die Blinden sich gegenseitig im Wesentlichen in Ruhe ließen, waren die unfitten Blinden und die Mehrfachbehinderten häufig Schikanen ausgesetzt. Die Blista ist nicht nur eine Schule, sondern auch ein Heim. Das Heim basiert auf sogenannten Wohngruppen.
Die unfitten Blinden wurden meines Wissens auch von Seiten der Blista nicht unterstützt. Natürlich kann man fast erwachsenen Menschen nicht mehr alle Manirismen abtrainieren. Doch kann man dazu beitragen, dass sie die auffälligsten Blindismen ablegen. Bestimmte Dinge wie ein altersgemäßer Kleidungsstil, ein vernünftiges Verhalten in der Öffentlichkeit und so weiter können auch erwachsenen Personen noch beigebracht werden. Und auch gegen Schikanierung, Beleidigungen und so weiter lässt sich etwas unternehmen.
Denn die gehörten an der Blista zum Alltag. Die unfitten Blinden wurden beleidigt, ausgegrenzt und nicht an gemeinsamen Aktivitäten beteiligt. Zumindest habe ich in meiner Zeit nie von Gewalt gegen diese Gruppen gehört. Aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich damals wohl nicht darum gekümmert hätte.
Nun sind Schulhöfe kein Kindergarten und es ging an der Blista sicher nie so heftig zur Sache wie an Schulen mit mehreren hundert Schülern. Dennoch zeigt es, dass auch an Förderschulen Ausgrenzung und Mobbing zur Tagesordnung gehören. Sie sind nicht das Paradies für behinderte Kinder, als das sie gern verkauft werden. Im Gegenteil: An einer normalen Schule kann man nachmittags nach Hause gehen und hat dort hoffentlich Ruhe. An der Blista kann es im schlimmsten Fall passieren, dass der Mobber dein Mitbewohner ist. Er kann dich dann den ganzen Tag stalken.
Mobbing ist für den Betroffenen immer eine schlimme Sache. Es sollte deshalb nicht so getan werden, als ob Förderschulen das Paradies für Behinderte wären. Gerade Mehrfach- und stark Behinderte sind an Förderschulen betroffen.

3 Gedanken zu „Mobbing an Blindenschulen – warum Förderschulen kein Paradies für Behinderte sind

  1. Das was du da schreibst kann ich voll und ganz bestätigen. Ich wurde auch im ersten halben Jahr gemobbt. Und die Gruppe, die das machte, wohnte mit mir zusammen. Es fand erst dann ein Ende, als einer von der Schule Flog.

  2. Ich war von 1994 – 2007 an der Blindenschule in Königs Wusterhausen. Ich kann bestätigen, dass es auch dort so zuging, wie im Text beschrieben. Die Gruppierung der einzelnen – ich nenne es einmal Behinderungsgrade – traf so ähnlich auch in KW zu. Ich gehörte zwar zu den Sehbehinderten hatte daher einen recht guten Grundstandpunkt in der Mobbingkette, wurde aber auch dort selbst gemobbt. Es mag zwar für jemand außenstehenden wirr und unrealistisch klingen, aber auch an einer Blindenschule kann man wegen seines Aussehen und/oder seiner Kleidung gehänselt werden. Auch damals galt man in KW als out, Außenseiter und sogar „ekelig“ wenn man ganz offensichtlich Eltern aus sozial schwachen Schichten hatte und die sich eben nicht die angesagten Markenklamotten leisten konnten oder man schlicht und weg einfach nicht den Schönheitsidealen der Gesellschaft entsprach.

  3. weit hatten in der Schule für Blinde und Sehbehinderte auch eine Schülerin in der Klasse, die für diese Schulformen zu gut sah. Sie wurde anscheinend aus dem Grund dort eingeschult, weil man eine Verschlechterung des Sehvermögens befürchtete.

    Ansonsten gehe ich davon ausm, dass die im Artikel beschriebenen Zustände in allen Blindenschule in ähnlicher form auftreten.

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