Gendergerechte Sprache und Barrierefreiheit

In letzter Zeit werde ich häufig gefragt, ob gendergerechte Sprache generell barrierefrei ist. Hier meine Antwort. Ob eine gendergerechte Sprache sinnvoll ist, möchte ich hier nicht diskutieren.
Wir gehen von Personen aus, die nicht täglich mit gendergerechten Texten zu tun haben. Selbst ich, ich bin recht viel im sozialen Bereich unterwegs, kriege recht selten gendergerechte Texte zu Gesicht.
Fangen wir mit den Varianten an, die aus Sicht der Barrierefreiheit nicht optimal sind.

Das Gender-Sternchen

Pilot*innen, Aktivist*innen, Polizist*innen –
aus einem mir nicht bekannten Grund ist das Gender-Sternchen eine belibte Variante.
Für Sprachausgaben ist das nicht optimal. Wir lesen:
Pilot Stern innen, Aktivist Stern innen, Polizist Stern innen –
Es klingt also so, als ob es sich um drei Worte und nicht um eines handelt.
Kurz zum Hintergrund: Sprachausgaben lassen sich so einstellen, dass sie Satzzeichen entweder vorlesen oder ignorieren. Standardmäßig werden Kommata, Interpunktionspunkte und ähnlich häufige Zeichen nicht vorgelesen. Es stört einfach den Lesefluss und an der Stimme kann man in der Regel auch hören, welches Zeichen da steht.
Bestimmte Zeichen sollen aber vorgelesen werden. Zu diesen Zeichen zählt auch das Sternchen.

Der Gender-Schrägstrich

Pilot/innen, Aktivist /innen, Polizist/innen –
Auch der Gender-Schrägstrich ist eine beliebte Variante. Hier haben wir aber das gleiche Problem wie bei den Sternchen. Der Screenreader liest:
Pilot Schrägstrich innen, Aktivist Schrägstrich innen, Polizist Schrägstrich innen –
Man muss schon ziemlich gute Nerven haben, um das länger durchzuhalten.

Das Gender-I

PilotInnen, AktivistInnen, PolizistInnen
Diese Variante klingt mit der Sprachausgabe ein wenig besser, aber wirklich nur ein wenig. Mit dem Screenreader klingt das so:
Pilot innen, Aktivist innen, Polizist innen
Es klingt also wiederum wie zwei Worte, als ob hinter dem Substantiv das Wort „innen“ käme. Das klingt unlogisch und stört daher den Lesefluss.

Das Gender-Und

Pilotinnen und Piloten, Aktivistinnen und Aktivisten, Polizistinnen und Polizisten
Ah, wunderbar: Hier kann ich mir die Screenreader-Variante sparen, denn es wird genau so vorgelesen, wie es da steht.
Aber das sind doch auch schon wieder drei Worte? Ja, aber drei Worte, die logisch mit einem und verkettet sind. Es entspricht unserem Sprachgefühl. Und nach einem „Pilotinnen und“ ist relativ sicher, dass ein „Pilot“ nachgeschoben wird. Der Lesefluss fließt.
Gleiches halte ich für Braille-Leser sinnvoll. Das Gender-Und ist schneller heruntergelesen, obwohl es natürlich mehr Platz einnimmt als die Varianten mit den Binnenzeichen.
Diese Variante ist also die einzige, die ich aus Sicht der Barrierefreiheit empfehlen kann.

Sehbehinderte und Lese-Behinderte

Etwas anders könnte die Situation tatsächlich bei Menschen sein, die nicht blind sind, sondern aus anderen Gründen Probleme bei Texten haben. Sie könnten davon profitieren, dass die ersten drei genannten Varianten kürzer sind. Andererseits profitiert auch diese Gruppe davon, wenn eine Wort-Verkettung häufig vorkommt, weil sie diese schneller erfassen können. Alles Ungewohnte kann den Lesefluss stören und Sternchen mitten im Wort sind tatsächlich ungewohnt.
Wie gesagt, wie gehen von Menschen aus, die nicht jeden Tag mit solchen Texten beschäftigt sind.

Leichte und einfache Sprache

Eindeutiger ist meine Einschätzung bezüglich Leichter Sprache und einfacher Sprache. Handelt es sich nicht gerade um Spezial-Texte, die sich um das Thema Diskriminierung drehen, sollte hier auf sämtliche o.g. Varianten des Gender-Mainstreamings inklusive des Gender-Unds verzichtet werden. Ich würde hier absolute Priorität auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit legen. Und leider erfüllt keine mir bekannte Variante diese Anforderungen.
In der Regel kann man dieses Problem aber umgehen, in dem man unterschiedliche sprachliche Kniffe anwendet. Man kann zum Beispiel die Leser direkt ansprechen, das generische Maskulinum „die Arbeiter“ oder neutrale Begriffe wie „die Studierenden“ verwenden.

2 Gedanken zu „Gendergerechte Sprache und Barrierefreiheit

  1. Lieber Domingos,
    wenn Du mit Lesebehinderte jene Menschen meinst, die eine Lese-Rechtschreibschwäche haben, muss auch auf die gegenderte Schreibweise verzichtet werden. Das gilt auch für Menschen mit einer Konzentrationsschwäche.
    Generell gilt es, eine angemessene Sprache zu finden. es kann sehr ermüden, wenn in Fachtexten auf Fachtermini verzichtet wird, obwohl diese der Zielgruppe in der Regel bekannt sind, um die Texte vermeintlich leichter lesbar zu machen. Das Gegenteil ist der Fall, wenn Texte unnötig lang sind.
    Dasselbe gilt natürlich für alle Formen der gegenderten Schreibweisen. Die machen Texte länger, schlechter lesbar und ermüden.
    Das von Dir genannte „Überspringen erwartetes Inhalte“ ist eine Leistung des Gehirns, die zu lasten der Konzentrationsfähigkeit geht. Langes ermüdungsfreies Lesen wird dadurch erschwert, die Aufnahme der Inhalte erschwert.
    Auch dieser Kommentar bezieht sich rein auf Aspekte der Barrierefreiheit, nicht darauf, ob gendern sinnvoll ist.
    Ich möchte aber doch jeden Redakteur bitten, sich selber zu fragen, was schwerer wiegt: dass Menschen gegebenenfalls von der Lektüre eines Textes ausgeschlossen werden oder dass sich jeder politisch korrekt angesprochen fühlen kann.
    Das gilt übrigens auch für die Radfahrenden, Studierenden, Blinkenden usw. – geschlechterneutrale sind fremd und erschweren das Verständnis von Texten ebenfalls.

  2. Hallo,

    die Probleme der ersten drei „Lösungen“ bestehen aus der Unzulänglichkeit der technischen Umsetzung. Diese erkennt die speziellen Schreibweisen nicht und fällt zurück auf eine generelle Lösung.

    Ich frage mich nun, ob dies ein gutes Argument gegen eine dieser Lösungen ist. Kurzfristig sicherlich, denn jetzt gerade sorgt die Schreibweise für Probleme.

    Jedoch könnten halbwegs einfache Filter in den Vorlese-Funktionen ja Abhilfe schaffen. Dies ist scheinbar nicht gewünscht. Keine der Schreibweisen wurde ja erst letzte Woche entwickelt.

    Die Nutzung dieser Schreibweisen verfolgt ja ein bestimmtes Ziel. Ich denke nicht, dass eine vorsätzlich unzureichende technische Umsetzung hier ein ernsthaftes Gegenargument ist. Der Weg muss sein, die Hersteller der Systeme dazu zu bewegen diese selbst geschaffene Barriere abzubauen.

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