Blindengerecht ist nicht barrierefrei

Wann immer ich zu einer Beratung heran gezogen werde, werde ich vor allem nach den Anforderungen Blinder gefragt. Das ist nahe liegend, da ich selbst blind bin. Doch kommt es recht häufig vor, dass die Anforderungen Blinder und Sehbehinderter mit Barrierefreiheit gleich gesetzt werden. Warum das falsch und gefährlich ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Oft höre ich von Blinden, diese oder jene Software sei nicht barrierefrei. In 99 Prozent der Fälle ist eigentlich gemeint: „Ich komme mit dieser Software nicht klar“. Ich selbst sagte das früher recht häufig.
Dabei ist das Problem vielschichtig. Die eine Software funktioniert mit Jaws, die andere mit NVDA und wieder eine Andere funktioniert überhaupt nicht. Mit speziellen Modi wie dem Jaws-Cursor oder dem Touch-Cursor lassen sich manchmal Programme nutzen, die mit dem virtuellen Cursor gar nicht zugänglich sind. Die App mag zugänglich sein, wo die Website es nicht ist oder umgekehrt.
es kann also sehr gut an den individuellen Fähigkeiten scheitern. Ich höre von Blinden, die alles am Tablet oder Smartphone machen und damit wunderbar klar kommen. Ich hingegen ziehe alles, wofür man mehr als drei Zeichen eintippen muss den PC vor. Deswegen ist das eine System nicht zugänglicher als das andere.
Vieles ist auch ein reines Usability-Problem. Mit Windows funktioniert im Prinzip das Meiste, es ist aber nicht wirklich benutzerfreundlich – für Blinde.
Leider kommt Ähnliches von den großen Verbänden wie DBSV oder DVBS. Dies sei nicht barrierefrei, jenes sei nicht inklusiv. Dabei meinen sie aber immer nur den Zugang für Blinde und Sehbehinderte. Natürlich ist es ihre Aufgabe, sich für deren Belange einzusetzen. Aber das auch andere Gruppen Zugang zu Büchern bekommen, ist nicht dadurch sicher gestellt, dass die Schrankenregelungen für Blinde und Sehbehinderte ermöglicht werden.
Erst kürzlich erklärte der DBSV, sein neues Design-Konzept sei inklusiv und attraktiv. Leider trifft beides nicht zu. Inklusiv konnte es schon deshalb nicht sein, weil außer Blinden und Sehbehinderten keine andere Behinderten-Gruppe an der Erstellung beteiligt war. Und attraktiv? Nun ja, urteilt einfach selbst.
Vielleicht sollte man bei jedem Beitrag über Inklusion oder Barrierefreiheit dazu schreiben: „Die Inklusion, die sie meinen“ oder „Die Barrierefreiheit, die sie meinen“.
Dieses Problem findet man auch in anderem Zusammenhang bei anderen Gruppen. Spricht man von barrierefreien Gebäuden oder Umwelten, ist meistens rollstuhlgerecht gemeint. Das ist aber keine Entschuldigung für Blinde, es genauso zu machen.
Es ist übrigens auch kein deutsches Problem. Google bot vor kurzem einen kostenlosen Online-Kurs zur barrierefreien Webgestaltung. In der Kursbeschreibung ging es aber in erster Linie um Kontraste, Semantik und ARIA. Sicher keine unwichtigen Themen, aber das ist eine Teilmenge von Barrierefreiheit. Doch die Absolventen glauben vermutlich, jetzt Experten für barrierefreie Web-Entwicklung zu sein.

Die Motive

Es gibt hier unterschiedliche Motivlagen. Fangen wir mit den Verbänden an.
Viele der Verbände-Projekte sind öffentlich gefördert. Die Pressemitteilungen und andere Verlautbarungen richten sich also eher weniger an die Öffentlichkeit, sondern an die Geldgeber. Die reagieren positiver auf die üblichen Buzz Words Inklusion und Barrierefreiheit. Klingt einfach besser als blindengerecht oder sehbehindertengerecht. Ähnliches mag für die Medien gelten. Da Inklusion, UN-BRK und Barrierefreiheit mittlerweile zum öffentlichen Thema geworden sind, erhofft man sich durch die Verwendung solcher Begriffe vielleicht eine größere Resonanz. Der Erfolg ist eher mäßig.
Beim Individuum sieht es schon anders aus. Hier geht es häufig darum, von der eigenen Verantwortung abzulenken. „Es ist nicht barrierefrei“ geht einem leichter von den Lippen als „Ich komme nicht klar“. Man wälzt die Verantwortung auf die Öffentlichkeit ab. Das tun ja Blinde besonders gern. Viele sind sich dieser Verhaltensweise auch gar nicht bewusst. Wir Pastorentöchter nennen das erlernte Hilflosigkeit.
Aber auch, wenn sie nicht selbst die Ursache ihrer Probleme sind. Eine Software kann wunderbar für Sehbehinderte und Querschnitts-Gelähmte funktionieren. Aber wenn sie für Blinde nicht funktioniert, ist das ein Problem der Barrierefreiheit? Nun, das ist nicht ganz stimmig.
Zugegeben, wenn man so argumentiert, ist sämtliche Software barrierefrei. Von den 7,6 Mio. Schwerbehinderten haben die Wenigsten Probleme bei der Software-Nutzung, die auf Barrierefreiheit zurückzuführen sind. Vielfach ist es mangelnde Erfahrung oder Beherrschung der Hilfstechnik.
Auf der anderen Seite ist der Begriff Barrierefreiheit zu schwammig, um ein konkretes Problem zu beschreiben. Nicht Tastatur-nutzbar, ohne Alternativbeschreibung, zu wenig Kontrast – das sind Problembeschreibungen. Barriere-Unfreiheit hingegen ist Wischi-Waschi und Drückerei davor, die Probleme konkret zu benennen.
Parallelen und Unterschiede
Von einer kontrastreichen und anpassbaren Gestaltung von Benutzeroberflächen profitieren sicherlich fast alle Nutzer. Für Blinde sind die Screenreader-Kompatibilität sowie die Tastaturnutzbarkeit wichtig. Auch davon profitieren andere Nutzer, vor allem jene, welche die Tastatur nutzen.
Blinden ist der Kontrast von Texten und Bildern völlig egal. Auch die grafische Anordnung von Inhaltsblöcken spielt für sie keine Rolle.
Für Sehbehinderte und andere Personen jedoch ist das wichtig. Die Anordnung und Gestaltung von Informations- und Bedienungs-Einheiten sowie ihre Zahl ist entscheidend dafür, wie schnell sich jemand zu Recht findet.
Anderen Leuten sind unsichtbare Beschriftungen und alternative Bildbeschreibungen vollkommen egal. Wir träumen nachts davon, dass auch Andere davon profitieren. Tun sie aber nicht. Mal im Ernst, ich soll für fünf Blinde ein Bild beschreiben, aber 50 Sehbehinderte dürfen über den Bild-Inhalt rätseln? 7,5 Mio. funktionale Analphabeten sollen auf eine Vorlese-Funktion verzichten, weil 100.000 Blinde sich die Website auch so vorlesen lassen können? Vielleicht überschätzt die Gruppe der Blinden einfach ihre Relevanz.

Das Risiko

Der Arbeitskreis Barrierefrei informieren und kommunizieren ist ziemlich eng mit den Blindenverbänden verbandelt. Auch hier ist die Über-Repräsentanz Blinder und Sehbehinderter ein stetes Ärgernis. Leider sieht es in anderen Gremien zur Barrierefreiheit nicht anders aus.
Nur ein kurzes Wort über die Personen, die in solchen Gremien sitzen: Es ist eure Aufgabe, eine Gruppe zu repräsentieren und nicht, eure eigenen Vorlieben und Antipathien kund zu tun. Ich bin eigentlich ein Freund der Teilhabe. Aber oft richtet die Teilhabe auch mehr Schaden als Nutzen an.
Indem wir unsere eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, schaden wir den anderen Gruppen.
Es wird für Autisten, Gehörlose oder Demenz-Erkrankte schwieriger, ihre eigenen Interessen zu artikulieren. Die Organisationen sagen, sorry, die Ressourcen sind für die blinden- und sehbehindertengerechte Gestaltung drauf gegangen. Oder diese Gruppen brauchen so viel Zeit, ihre Interessen auszudrücken, dass für die Anderen keine Zeit mehr ist.

Appell an die Betroffenen

Ich denke, es ist auch die Aufgabe der Experten, die Auftraggeber über diese Aspekte aufzuklären.
Die Betroffenen sollten stets sagen: „Ich habe ein Problem“, anstatt immer mit Barrierefreiheit um die Ecke zu kommen. Man sollte auch den Mut haben, zuzugeben, dass man vielleicht nicht kapiert hat, wie eine Software funktioniert. Wir sollten nicht immer automatisch anderen Leuten die Verantwortung für etwas zuschieben.
Mein anderer Appell, der leider wieder ins Leere laufen wird ist, mehr mit anderen Gruppen mit ähnlichen Interessen zusammenzuarbeiten. Es gibt ganz wenige Gruppen, die behinderungs-übergreifend engagiert sind. Dabei gibt es diese Interessen. Die wenigen gemeinsamen Gremien, die es gibt, sind auf enge Bereiche beschränkt oder haben gar keine Macht. Ich behaupte einmal, man hätte die Schrankenregelungen zum Bücheraustausch schneller durchsetzen können, hätte man mit den Verbänden von Analphabeten zusammengearbeitet. Deren Zahl ist nämlich deutlich größer als die Zahl der Blinden und Sehbehinderten. Doch die Verbände betätigen sich nach wie vor als Einzelkämpfer und tragen so nicht dazu bei, dass sich Barrierefreiheit schneller durchsetzt. Im Gegenteil: Häufig werden Verbesserungen blockiert, weil sie einer bestimmten Gruppe nicht nutzen. Und die häufigsten Blockierer sind meiner Erfahrung nach die Blinden. Sie haben im Vergleich zu ihrer absoluten Zahl eine sehr starke Lobby. Die anderen Behinderten-Gruppen haben das Pech, dass ihre Lobby nicht so stark ist.

Ein Gedanke zu „Blindengerecht ist nicht barrierefrei

  1. Würde mich nicht wundern, wenn der Autor dieser Zeilen selbst keine Behinderungh hat, immer gegen die Blinden hetzen.

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