Android für Blinde – der Einstieg

Android ist eine gute Alternative zu iOS. In diesem Beitrag möchte ich wechselwilligen Blinden eine kleine Hilfe geben.
Zwar ist VoiceOver sauberer implementiert und es gibt mehr barrierefreie Apps für Blinde im Apple-Universum. Doch es bleibt der hohe Anschaffungspreis, die Probleme eines geschlossenen Systems und die ziemlich unverschämten Preise für simpelstes Zubehör.
Nebenbei bemerkt hat VoiceOver auch seine Macken, die es seit Jahren mitschleppt. Dazu gehört, dass der Cursor häufig auf das erste Element zurückspringt, obwohl man bereits ein anderes Element fokussiert hat.

Empfehlenswerte Geräte

Wer mit einem Android-Gerät liebäugelt, sollte nicht das billigste nehmen. Die Performance des Geräts sowie die Qualität des Touchscreens – sprich die Berührungsempfindlichkeit – macht relativ viel aus, für Blinde sowieso. Es macht keinen Sinn, ein 100-Euro-Handy mit einem 600-Euro-Iphone zu vergleichen.
Ein Vorteil von Android ist, dass der Screenreader Talkback unabhängig vom Betriebssystem aktualisiert werden kann. Das heißt, selbst bei einem veralteten Android kann Talkback noch eine Zeitlang upgedatet werden. Bei iOS sind VoiceOver-Updates an das Betriebssystem gebunden. Mein iPhone 5 c erhält keine Updates für iOS mehr, ebenso ergeht es VoiceOver.
Dennoch empfehle ich dringend ein Gerät, welches mindestens zwei Jahre Updates erhält. Derzeit versprechen das vor allem die Geräte, die von Google selbst angeboten werden. Daneben verspricht Motorola für die Moto-Reihe Updates. HDM hat die Markenrechte an Nokias Smartphone-Sparte und bietet mit den Geräten Nokia 3, 5, 6 7 und 8 teils sehr preiswerte Geräte und verspricht zeitnahe Updates. Die letztgenannten scheinen mir deshalb am empfehlenswertesten. Wie gesagt sind hier die teureren Geräte mit besseren Displays zu empfehlen. Alternativ könnt ihr nach Geräten mit Android One Ausschau halten. Es handelt sich dabei um Android, wie es von Google selbst angeboten wird ohne teils sinnfreie und vor allem nicht-barrierefreie Erweiterungen. Zudem verspricht Android One schnelle Updates für zwei Jahre sowie Sicherheits-Updates für drei Jahre.
Bezüglich der Samsung-Geräte wird unterschiedliches berichtet. Samsungs eigener Screenreader scheint einige Vorzüge zu haben, wird aber alles in allem nicht so dynamisch weiterentwickelt wie TalkBack.
Dringend abraten möchte ich vom Amazon Fire-Tablet. Ich hatte hier den 7-Zöller aus 2016 in Gebrauch mit einem veralteten Android 5.1.1, einem miserablen Screenreader und einer schlechten Performanz. Das Gerät taugt bestenfalls dazu, die Amazon-Dienste zu nutzen. das geht aber auch mit jedem anderen Tablet.

Talkback Einschalten

Leider gibt es bei Android keine einheitliche Möglichkeit, um Talkback beim ersten Gerätestart zu aktivieren. Am häufigsten ist, zwei Finger auf den Screen zu legen und zu warten, bis Talkback gestartet ist.
Es kann passieren, dass Talkback auf Englisch redet, aber die Oberfläche Deutsch ist. Das war bei meinem Motorola G2 der Fall. Wegen solcher Probleme empfehle ich, Talkback mithilfe eines sehenden einzurichten, bis alles eingerichtet ist und das Gerät auf Deutsch quatscht. Ist das Gerät einmal eingerichtet, sollte TalkBack automatisch Deutsch sprechen, ansonsten geht einmal in die Stimm-Einstellungen.
Bei TalkBack gibt es ein Lernprogramm für die Gesten. Dies kann man am Anfang durchlaufen, kann es aber auch später durchführen.
Die Erkundung des Bildschirms erfolgt ebenso wie beim iPhone durch einfaches Streichen über den Bildschirm. Der Aufbau entspricht dem iPhone: Oben die Statuszeile, darunter die Apps, unten das Dock mit den Apps, die auf jeder Site angezeigt werden, darunter die Schaltflächen für zurück, Startseite und der App-Switcher.
Mit einem Wisch von links nach rechts wechselt ihr zwischen einzelnen Apps, Buttons und anderen Elementen.
Mit einem Wisch von oben nach unten oder von unten nach oben wechselt man die Lese-Einheit, ähnlich wie beim iPhone der Rotor.
Die Talkback-Einstellungen erreicht man am schnellsten über das globale Kontextmenü mit der L-Geste, den Finger von oben nach unten und nach rechts ziehen. Dort findet man auch wichtige Befehle wie von oben an lesen oder vom nächsten Element an lesen. Nebenbei gesagt finde ich das einsteigerfreundlicher als bei iOS, wo es solche visuellen Menüs kaum gibt. Geübte Nutzer werden aber eine Geste für solche häufig gebrauchten Aktionen vorziehen. Das lässt sich in TalkBack in den Einstellungen selbst konfigurieren.
Die Mainstream-Apps wie Google Maps, WhatsApp und Facebook sind ähnlich nutzbar wie bei iOS. Generell findet man auch bei Apps, die eigentlich barrierefrei sein sollten bei Android häufiger unbenannte Elemente. Ob das an Android oder an der Unachtsamkeit der Entwickler liegt, kann ich nicht sagen. Auch blindenspezifische Apps wie Blindsquare oder Ariadne sind eher bei iOS zu finden. Dennoch ist die Auswahl an Hilfs-Apps auch bei Android nicht schlecht: Es gibt Via opta NAV, Farberkennungs-Apps oder die DZB-App der Hörbücherei zur Ausleihe von Hörbüchern. Sicherlich wird Microsoft seine App Seeing AI auch für Android bereit stellen. Wer auf solche Apps angewiesen ist, sollte prüfen, ob es bei Android brauchbare Alternativen gibt.
Mit der kostenlosen App Audex lassen sich Buttons beschriften. Diese Beschriftungen können online zur Verfügung gestellt werden, so dass sie auch anderen blinden Android-Nutzern zur Verfügung stehen. Vielleicht ist das auch eine schnelle Möglichkeit für Entwickler, ihre App kurzfristig barrierefrei zu machen. TalkBack selbst bietet die Möglichkeit, unbeschriftetete Elemente zu beschriften.
Mit der App BrailleBack kann eine Bluetooth-Braillezeile gekoppelt werden. Meine Braillezeile wurde auf Anhieb erkannt.

Informationsquellen zu Android für Blinde

Google stellt mittlerweile ausführliche Informationen zu TalkBack auf Deutsch bereit.
Es gibt eine deutschsprachige Android-Mailingliste sowie diverse WhatsApp-Gruppen. Wer Englisch kann, sollte sich die Mailingliste “EyesFree” anschauen, sie dreht sich um TalkBack. Zu beachten ist allerdings, dass diese Mailingliste sehr aktiv ist, manche mögen das ja nicht.