Android für Blinde – der Einstieg

Android mausert sich langsam zu einer guten Alternative zu iOS. In diesem Beitrag möchte ich wechselwilligen Blinden eine kleine Hilfe geben.
Zwar ist VoiceOver sauberer implementiert und es gibt mehr barrierefreie Apps für Blinde im Apple-Universum. Doch es bleibt der hohe Anschaffungspreis, die Probleme eines geschlossenen Systems und die ziemlich unverschämten Preise für simpelstes Zubehör.
Nebenbei bemerkt hat VoiceOver auch seine Macken, die es seit Jahren mitschleppt. Dazu gehört, dass der Cursor häufig auf das erste Element zurückspringt, obwohl man bereits ein anderes Element fokussiert hat.
Dennoch möchte ich Android nur fortgeschrittenen Nutzern empfehlen. Es gibt Macken, die man kennen muss, um mit ihnen umzugehen. Gerade im Alltag, wenn man unterwegs ist will man, dass das Gerät einfach funktioniert und sich nicht intensiver damit beschäftigen.

Empfehlenswerte Geräte

Ein Vorteil von Android ist, dass der Screenreader Talkback unabhängig vom Betriebssystem aktualisiert werden kann. Das heißt, selbst bei einem veralteten Android kann Talkback noch eine Zeitlang upgedatet werden. Bei iOS sind VoiceOver-Updates an das Betriebssystem gebunden. Mein iPhone 5 c erhält keine Updates für iOS mehr, ebenso ergeht es VoiceOver.
Dennoch empfehle ich dringend ein Gerät, welches mindestens zwei Jahre Updates erhält. Derzeit versprechen das vor allem die Geräte, die von Google selbst angeboten werden. Die Pixel-Phones bewegen sich aber preislich auf dem Niveau vom iPhone, bieten also keine Vorteile. Daneben verspricht Motorola für die Moto-Reihe Updates. HDM hat die Markenrechte an Nokias Smartphone-Sparte und bietet mit den Geräten Nokia 3, 5, 6 und 8 teils sehr preiswerte Geräte und verspricht zeitnahe Updates. Die letztgenannten scheinen mir deshalb am empfehlenswertesten.
Bezüglich der Samsung-Geräte wird unterschiedliches berichtet. Samsungs eigener Screenreader scheint einige Vorzüge zu haben, wird aber alles in allem nicht so dynamisch weiterentwickelt wie TalkBack.
Dringend abraten möchte ich vom Amazon Fire-Tablet. Ich hatte hier den 7-Zöller aus 2016 in Gebrauch mit einem veralteten Android 5.1.1, einem miserablen Screenreader und einer schlechten Performanz. Amazon mag Stärken haben, doch zählt Barrierefreiheit nicht dazu. Zählt man die ganzen Beschränkungen des Systems dazu.

Talkback Einschalten

Leider gibt es bei Android keine einheitliche Möglichkeit, um Talkback beim ersten Gerätestart zu aktivieren. Am häufigsten ist, zwei Finger auf den Screen zu legen und zu warten, bis Talkback gestartet ist.
Es kann passieren, dass Talkback auf Englisch redet, aber die Oberfläche Deutsch ist. Das war bei meinem Motorola G2 der Fall. Wegen solcher Probleme empfehle ich, Talkback mithilfe eines sehenden einzurichten, bis alles eingerichtet ist und das Gerät auf Deutsch quatscht. Ist das Gerät einmal eingerichtet, sollte TalkBack automatisch Deutsch sprechen, ansonsten geht einmal in die Stimm-Einstellungen.
Bei TalkBack gibt es ein Lernprogramm für die Gesten. Dies kann man am Anfang durchlaufen, kann es aber auch später durchführen.
Die Erkundung des Bildschirms erfolgt ebenso wie beim iPhone durch einfaches Streichen über den Bildschirm. Der Aufbau entspricht dem iPhone: Oben die Statuszeile, darunter die Apps, unten das Dock mit den Apps, die auf jeder Site angezeigt werden, darunter die Schaltflächen für zurück, Startseite und der App-Switcher.
Mit einem Wisch von links nach rechts wechselt ihr zwischen einzelnen Apps, Buttons und anderen Elementen.
Mit einem Wisch von oben nach unten oder von unten nach oben wechselt man zwischen ausgewählten Elementen. Mit einem schnellen Wisch oben unten – oben oder umgekehrt kann man ähnlich wie mit dem Rotor beim iPhone entscheiden, welches Element man mit der oben-unten-Geste erreicht.
Die Talkback-Einstellungen erreicht man am schnellsten über das globale Kontextmenü mit der L-Geste, den Finger von oben nach unten und nach rechts ziehen. Dort findet man auch wichtige Befehle wie von oben an lesen oder vom nächsten Element an lesen. Nebenbei gesagt finde ich das einsteigerfreundlicher als bei iOS, wo es solche visuellen Menüs kaum gibt. Geübte Nutzer werden aber eine Geste für solche häufig gebrauchten Aktionen vorziehen. Das lässt sich in TalkBack in den Einstellungen aber selbst konfigurieren.
Die Mainstream-Apps wie Google Maps, WhatsApp und Facebook sind ähnlich nutzbar wie bei iOS. Generell findet man auch bei Apps, die eigentlich barrierefrei sein sollten bei Android häufiger unbenannte Elemente. Ob das an Android oder an der Unachtsamkeit der Entwickler liegt, kann ich nicht sagen. Auch blindenspezifische Apps wie Blindsquare oder Ariadne sind eher bei iOS zu finden. Dennoch ist die Auswahl an Hilfs-Apps auch bei Android nicht schlecht: Es gibt Via opta NAV, Farberkennungs-Apps oder die DZB-App der Hörbücherei zur Ausleihe von Hörbüchern. Sicherlich wird Microsoft seine App Seeing AI auch für Android bereit stellen. Wer auf solche Apps angewiesen ist, sollte prüfen, ob es bei Android brauchbare Alternativen gibt.
Mit der kostenlosen App Audex lassen sich Buttons beschriften. Diese Beschriftungen können online zur Verfügung gestellt werden, so dass sie auch anderen blinden Android-Nutzern zur Verfügung stehen. Vielleicht ist das auch eine schnelle Möglichkeit für Entwickler, ihre App kurzfristig barrierefrei zu machen.
Mit der App BrailleBack kann eine Bluetooth-Braillezeile gekoppelt werden. Meine Braillezeile wurde auf Anhieb erkannt.

Informationsquellen zu Android für Blinde

Es gibt eine deutschsprachige Android-Mailingliste sowie diverse WhatsApp-Gruppen. Wer Englisch kann, sollte sich die Mailingliste „EyesFree“ anschauen, sie dreht sich um TalkBack. Zu beachten ist allerdings, dass diese Mailingliste sehr aktiv ist, manche mögen das ja nicht.