Lohnt sich ein Besuch auf der SightCity?

Graue Figur mit Blindenstock und SonnenbrilleSoeben bin ich von der SightCity 2018 zurückgekehrt. Ich war jetzt zum dritten Mal in sechs Jahren da. Für mich ist es hauptsächlich eine Möglichkeit der Kontaktpflege. Dennoch möchte ich hier ein kurzes Fazit ziehen.

Wenige Innovationen

Während es in anderen Branchen zyklisch neue Entwicklungen gibt, tut sich in der Hilfsmittelbranche relativ wenig. Weder beim Preis noch bei der Technik gibt es viel Neues zu entdecken. Hier ein paar Sachen, die ich entdeckt habe.
Eine wirklich coole Sache ist der Orbit Reader, dessen erste Charge jetzt in den USA verkauft wurde. Ich habe ihn kurz in der Hand gehabt, er ist leicht, die Braille-Darstellung fühlt sich gut an und die Brailletastatur ist gut nutzbar. Ich hoffe, dass er bald in Deutschland verfügbar sein wird.
Der Hersteller American Printing House entwickelt parallel ein mobiles Display, welches auch Vektorgrafiken darstellen können soll. Leider wird es vermutlich mindestens 5000 US-Dollar kosten, also für Privatpersonen unerschwinglich. Andererseits wird es immer noch deutlich günstiger sein als alles, was wir derzeit Vergleichbares haben. Schließlich kosten konventionelle Braillezeilen mit 80 darstellbaren Zeichen nach wie vor rund 10.000 €.
Ein ähnliches Konzept verfolgt das Gerät tactonom. Das Gerät kann, wenn ich es recht verstanden habe, auch Rastergrafiken darstellen. In jedem Fall kann es auch Grafiken oder Tabellen aus Excel darstellen. Leider ist es nicht mobil wie das Gerät von APH. Derzeit ist das Gerät nur ein Prototyp.
Gerne hätte ich mir auch das Canute angesehen. Dabei handelt es sich ebenfalls um ein großflächiges Braille-Display, das relativ günstig sein soll. Der Anbieter war nicht als Außsteller präsent, sondern ist über die Messe gewandert. Leider habe ich ihn nicht erwischt. Aber zumindest im Bereich Braille scheint sich nach rund 20 Jahren Stillstand etwas zu tun.

Wenig innovative Messe

Aber nicht nur die Aussteller, auch die Messe selbst ist wenig innovativ. Der Ausstellungsplatz ist eindeutig zu klein und für Blinde ungeeignet, die allein unterwegs sind. Man kommt sich ständig in die Quere, weil die Durchgänge zu schmal sind. Es gab auch einige Rollstuhlfahrer, die kaum durch die Massen durchkommen konnten.
Überhaupt wird recht wenig für Blinde getan. Wie treffe ich denn andere Blinde, die ich kenne, wenn ich nicht weiß, dass sie da sind? Erkennen kann ich sie nur per Zufall. Warum schafft die SightCity nicht eine Möglichkeit, sich digital zu vernetzen?
Ich musste zwei Mal hingucken, um zu sehen, dass das Vortragsprogramm tatsächlich aktuell war. Es hätte Copy-Paste aus 2017 sein können. Da hat der übliche Verdächtige mindestens zum 4. Mal gezeigt, die Blinde iPhones nutzen. Das ist bestimmt super-spannend für die Blinden, VoiceOver gibts ja erst seit neun Jahren. Der Rest kam mir auch fatal bekannt vor. Im Grunde will man nichts Neues, scheint mir. Ich habe mehrfach Vorschläge für Vorträge eingereicht, und man fannd sie keiner Antwort würdig. Das nennt man wohl Öffentlichkeitsarbeit.
Überhaupt scheint es keine Öffentlichkeitsarbeit zu geben. Social Media? Fehlanzeige. Ein Twitter-Account oder einen offiziellen Hash-Tag sucht man vergeblich. Die Aussteller denken sich einfach selber einen aus. Dadurch gehen die schönen Möglichkeiten der Vernetzung verloren, die das Internet bieten würde.

Innovationen finden woanders statt

Im Grunde hat sich ein großes Paralleluniversum entwickelt. Google, Microsoft und natürlich Apple sind die größten Anbieter von Computer-Hilfsmitteln, kommen aber auf der SightCity nicht vor. Die Hersteller von Apps wie Blindsquare, SeeingAI und so weiter kommen auf der SightCity nicht vor. Dabei werden Tablets und Smartphones heute von vielen Menschen stärker genutzt als Personalcomputer.
Daneben hat sich die Maker-Szene mit 3D-Druck und ähnlichen Techniken etabliert. Auch hier passiert unheimlich viel, etwa in den Blindenschulen aber auch außerhalb. Auch das kommt auf der SightCity nicht vor.
NVDA, sicherlich der bedeutenste PC-Screenreader neben Jaws in Deutschland, ihr habts erraten, kommt auf der SightCity nicht vor. Könnte es sein, dass die Organisatoren im Tiefschlaf liegen?

SightCity lohnt sich nicht

Als Fazit muss ich sagen, dass sich die SightCity nicht wirklich lohnt. Zumindest nicht jedes Jahr. Die Messe muss wesentlich moderner, blindengerechter und auch mutiger werden, was das Rahmenprogramm angeht.

8 Gedanken zu „Lohnt sich ein Besuch auf der SightCity?“

  1. Ich finde das sehr subjektiv. Vielleicht sollten Sie selbst eine Messe veranstalten. Dann wissen Sie, wie schwierig so etwas ist. Joachim Schmidt

  2. Ich muss dem Autor leider zustimmen. Mir scheint, die Sightcity nimmt die Anliegen der blinden Besucher nicht wirklich ernst. Sich selbständig dort zu orientieren und zu bewegen ist nicht möglich. Auf anderen Messen ist das deutlich einfacher, weil die Gänge da breiter angelegt sind. Der Leitstreifen ist reine Schau. Das funktioniert vielleicht, wenn eine Handvoll Blinde dort unterwegs sind, nicht aber, wenn es einige Dutzend sind, die sich auch noch entgegenkommen.

  3. Wenn Sie so toll sind, können Sie doch selbst eine bessere Messe auf die Beine stellen. Blinde können immer nur meckern, statt konstruktiv zu sein.

  4. Man kann sich durchaus als Blinder allein auf der SightCity bewegen, es ist eine Lüge, dass das nicht ginge. Sie kennen sich wohl nicht besonders mit Blindheit aus. Vielleicht sollten Sie Leute fragen, die sich mit Blindheit auskennen

  5. Leider typisch für Blinde, statt sich darüber zu freuen, dass es so eine Messe gibt immer mehr unverschämte Forderungen stellen.

  6. Vielen Dank für deinen Bericht. Bezüglich neuer Entwicklungen kann ich dir recht geben. Auch finde ich es komisch, dass Produkte auf den Markt kommen und dann nicht weiter entwickelt werden. Ein Beispiel sind einige Daisy Player.

  7. Als Verantwortlicher für das Sight City Forum bin ich erst einmal sehr dankbar über die vielen wirklich guten Kritikpunkte und nehme diese sehr ernst und würde mich freuen, wenn Ihr mit uns direkt Kontakt aufnehmt unter der altmodischen e mail schrage@acto.de wir werden im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen die Kritikpunkte aufzunehmen!
    Wir haben viele Anfragen zu Forum-Themen gehabt und versucht einen Mix aus bekanntem und neuen Themen zusammenzustellen. Zielgruppe sind neben den “Jungen” auch die “Alten” für die die angesprochenen Themen weniger brennend sind. Wir würden aber gerne die Innovationen die hier angesprochen wurden mit einbeziehen.
    Tatsache ist, daß wir das Vernetzungsthema mit sozialen Netzwerken so nicht auf dem Schirm hatten.
    Tatsache ist auch, daß dieses Jahr so viele Besucher auf der Sight City waren wie vorher noch nie. Das Thema drangvolle Enge war dieses Jahr das erste Mal sehr spürbar. Es wurde oft überlegt den Ort aus diesem Grund zu wechseln, allein die extrem gute Erreichbarkeit für Blinde und Sehbehinderte am Flughafen und Fernbahnhof hat immer wieder zur Entscheidung für das Sheraton am Frankfurter Flughafen geführt.

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