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Blinde und Emojis

In letzter Zeit wurde ich öfter gefragt, wie Blinde mit Emojis umgehen. Kriegen sie das überhaupt mit, wenn jemand diese bunten Symbole verwendet? Und verwenden sie sie selbst? Die Antwort ist ein klares Jein.

Das Smartphone

Emojis hätten sich wohl ohne Smartphone nicht wirklich durchgesetzt. Niemand würde sich eine zweite Tastatur mit lustigen Bildchen auf den Schreibtisch stellen. Auf dem Handy kann man im Prinzip beliebig viele unterschiedliche Tastaturen bereit stellen.
Zudem bringen die Emojis einen Gefühlszustand sehr schnell auf den Punkt. Für Sehende sind sie intuitiver als Emoticons oder Kürzel wie LOL und ROFL. Da das Tippen von Text auf dem Handy kein Spaß ist, haben sich Emojis hier schnell durchgesetzt.
Sie dominieren vor allem in sozialen Netzwerken und in Chat-Apps wie WhatsApp. Dort werden sie auch von Blinden eingesetzt. Das ginge natürlich nicht, wenn sie nicht auch vorgelesen würden.
Die Emojis werden teils exzessiv beschrieben:
„Klatschende Hand mit heller Hautfarbe“
„Gesicht mit Brille und Hasenzähnen“
„Lächelndes Gesicht mit zusammengekniffenen Augen“
Bei den in iOS und Android integrierten Emoji-Tastaturen werden zu den einzelnen Emojis vorgelesen. Bei Emojis, die mit anderen Tastaturen stammen, kann es sein, dass sie nicht vorgelesen werden.

Desktop

Auf dem Desktop sieht die Sache ein wenig anders aus. Der Screenreader NVDA ignoriert Emojis standardmäßig. Es gibt aber ein kostenloses Addon, welches die Beschreibungen vorlesen kann.
Jaws 18 – also die aktuelle Version – liest ebenfalls die Beschreibungen vor.
Bei VoiceOver auf dem Mac ist mir die Situation nicht bekannt. Ich gehe aber davon aus, dass Mac-VoiceOver die Beschreibungen ebenso vorliest wie iOS-VoiceOver, alles Andere würde mich doch sehr wundern.

Wo kommen die Beschreibungen her?

Wichtig zu wissen ist, dass die Beschreibungen vom Unicode-Konsortium stammen und damit quasi allgemeinen Charakter haben. Weder Apple noch Google denken sich die Beschreibungen selbst aus. Das ist für uns Blinde insofern wichtig, dass wir system-übergreifend die gleichen Beschreibungen bekommen.
Das heißt aber auch, dass Emojis, die nicht Teil des Unicode-Standards sind auch nicht beschrieben werden. Man kann zwar in den Tastaturen Beschreibungen hinterlegen. Diese werden aber nicht vorgelesen, wenn die Emojis ins Textfeld eingefügt werden. Der Empfänger kriegt sie schon gar nicht vorgelesen, selbst wenn er die gleiche Tastatur wie der Absender installiert hat. So etwas wie einen Alternativtext für Emojis gibt es nicht.
Wenn ihr mit Blinden kommuniziert, solltet ihr vor allem die Häufung von Emojis vermeiden. Ihr habt die Beschreibungen oben gesehen. Stellt euch vor, ihr kriegt so etwas zehn oder 20 Mal innerhalb einer Nachricht vorgelesen. Die Nachricht wird künstlich aufgebläht und für uns ist es schwierig, solche Texte zu überspringen. Generell spricht aber nichts gegen deren Einsatz in der privaten Kommunikation.

Warum Blinde gerne schreiben

Vor einiger Zeit schrieb ich den Beitrag Warum Blinde gerne lesen fürs Aktion-Mensch-Blog. Kerngedanke war damals, dass das Lesen uns die Welt auf eine Art zugänglich macht, wie sie Radio und Film nicht vermögen. Das Radio lässt in der Regel bewusst eine Dimension weg bzw. versucht sie durch Geräusche zu vermitteln. Das ist einfach unzureichend, wenn einem das wichtig ist. Das Fernsehen – nun ja, das Fernsehen ist der Phantasiekiller Nummer 1. Ich bin kein Fernseh-Verächter, aber vor allem fiktionale Stoffe nehmen dem Zuschauer sämtliche Arbeit ab. Selbst beim Computerspiel müssen wir noch ein wenig tun und mitdenken. Auch komplexere Stoffe wie die Sopranos oder Breaking Bad ändern nichts daran.
Doch Blinde lesen nicht nur gern, sie schreiben auch gern. In meiner Blogliste zähle ich inzwischen über 20 deutsprachige Blogs von Blinden. Blautor ist ein Projekt, bei dem blinde Autoren ihre Stoffe zum Besten geben.
Im Musik-Genre sind Blinde deutlich prominenter vertreten. Erfolgreiche blinde Schriftsteller gibt es hingegen Wenige. Wir schauen jetzt einmal ab von nicht-fiktionalen Stoffen wie Autobiographien, davon gibt es reichlich. Sie sind aber in der Regel von einem Ghost-Writer geschrieben.
Es ist vor allem die Lust, schreibend die Welt zu erkunden. Ein Schriftsteller, der seine Charaktäre ernst nimmt ist gezwungen, sich in deren Situation zu versetzen. Tut man das nicht, kommen nur platte oder klischee-hafte Charaktäre heraus. Nur Schauspieler sind noch stärker gezwungen, sich in die Rolle einer anderen Person zu versetzen.
Ich behaupte einmal, niemand beobachtet seine Umgebung stärker als ein Schriftsteller. Er sammelt Details von Landschaften und Personen, um sie eventuell eines Tages zu verarbeiten.
Für Blinde ist das besonders spannend, weil sie auf diese Weise noch stärker gezwungen sind, sich mit der Welt der sehenden zu beschäftigen. Zwar kann ich mir ein Buch vorstellen, dass nur über Blinde und deren Wahrnehmung handelt. Das würde aber wohl die meisten Sehenden und Blinden schnell langweilen. Ein bisschen Futter brauchen wir für unsere Phantasie schon.
Wenn wir also als Blinde einen sehenden Charakter, Landschaften und Szenerien entwerfen und wenn wir darin gut sein wollen, müssen wir uns damit beschäftigen, wie Sehende die Sache sehen. Ich habe dadurch erst verstanden, wie wichtig Mimik und Gestik für Sehende sind. Und wie viel eigentlich passiv wahrgenommen wird. Wir Blinde können uns nicht vorstellen, wie es ist, einen Raum zu betreten und in einer Sekunde tausende von Details zu erfassen und das ohne Mühe. Und was Sehende alles damit assozieren. Sie fühlen sich sofort wohl oder unwohl. Sie können ersten Kontakt mit einer Person aufnehmen. Sie können die Stimmung der Personen an deren Körperhaltung und Mimik erfassen. Und viele, viele weitere Sachen, die wir uns mühsam ertasten oder erhören müssen oder die für uns gar nicht zugänglich sind.
Ich glaube, dass ist der Grund, warum viele Blinde gerne schreiben. Wahrscheinlich haben viele Blinde eine Geschichte in der Schublade liegen, die nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Ich möchte euch ermutigen, die mal zu veröffentlichen. Es mus auch nicht unbeding fiktionaler Stoff sein. Und perfekt muss es sowieso nicht sein.
Die Frage, warum Blinde gerne nonfiktionale Texte schreiben, darf jetzt jemand Anderes beantworten.

Blindengerecht ist nicht barrierefrei

Wann immer ich zu einer Beratung heran gezogen werde, werde ich vor allem nach den Anforderungen Blinder gefragt. Das ist nahe liegend, da ich selbst blind bin. Doch kommt es recht häufig vor, dass die Anforderungen Blinder und Sehbehinderter mit Barrierefreiheit gleich gesetzt werden. Warum das falsch und gefährlich ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Oft höre ich von Blinden, diese oder jene Software sei nicht barrierefrei. In 99 Prozent der Fälle ist eigentlich gemeint: „Ich komme mit dieser Software nicht klar“. Ich selbst sagte das früher recht häufig.
Dabei ist das Problem vielschichtig. Die eine Software funktioniert mit Jaws, die andere mit NVDA und wieder eine Andere funktioniert überhaupt nicht. Mit speziellen Modi wie dem Jaws-Cursor oder dem Touch-Cursor lassen sich manchmal Programme nutzen, die mit dem virtuellen Cursor gar nicht zugänglich sind. Die App mag zugänglich sein, wo die Website es nicht ist oder umgekehrt.
es kann also sehr gut an den individuellen Fähigkeiten scheitern. Ich höre von Blinden, die alles am Tablet oder Smartphone machen und damit wunderbar klar kommen. Ich hingegen ziehe alles, wofür man mehr als drei Zeichen eintippen muss den PC vor. Deswegen ist das eine System nicht zugänglicher als das andere.
Vieles ist auch ein reines Usability-Problem. Mit Windows funktioniert im Prinzip das Meiste, es ist aber nicht wirklich benutzerfreundlich – für Blinde.
Leider kommt Ähnliches von den großen Verbänden wie DBSV oder DVBS. Dies sei nicht barrierefrei, jenes sei nicht inklusiv. Dabei meinen sie aber immer nur den Zugang für Blinde und Sehbehinderte. Natürlich ist es ihre Aufgabe, sich für deren Belange einzusetzen. Aber das auch andere Gruppen Zugang zu Büchern bekommen, ist nicht dadurch sicher gestellt, dass die Schrankenregelungen für Blinde und Sehbehinderte ermöglicht werden.
Erst kürzlich erklärte der DBSV, sein neues Design-Konzept sei inklusiv und attraktiv. Leider trifft beides nicht zu. Inklusiv konnte es schon deshalb nicht sein, weil außer Blinden und Sehbehinderten keine andere Behinderten-Gruppe an der Erstellung beteiligt war. Und attraktiv? Nun ja, urteilt einfach selbst.
Vielleicht sollte man bei jedem Beitrag über Inklusion oder Barrierefreiheit dazu schreiben: „Die Inklusion, die sie meinen“ oder „Die Barrierefreiheit, die sie meinen“.
Dieses Problem findet man auch in anderem Zusammenhang bei anderen Gruppen. Spricht man von barrierefreien Gebäuden oder Umwelten, ist meistens rollstuhlgerecht gemeint. Das ist aber keine Entschuldigung für Blinde, es genauso zu machen.
Es ist übrigens auch kein deutsches Problem. Google bot vor kurzem einen kostenlosen Online-Kurs zur barrierefreien Webgestaltung. In der Kursbeschreibung ging es aber in erster Linie um Kontraste, Semantik und ARIA. Sicher keine unwichtigen Themen, aber das ist eine Teilmenge von Barrierefreiheit. Doch die Absolventen glauben vermutlich, jetzt Experten für barrierefreie Web-Entwicklung zu sein.

Die Motive

Es gibt hier unterschiedliche Motivlagen. Fangen wir mit den Verbänden an.
Viele der Verbände-Projekte sind öffentlich gefördert. Die Pressemitteilungen und andere Verlautbarungen richten sich also eher weniger an die Öffentlichkeit, sondern an die Geldgeber. Die reagieren positiver auf die üblichen Buzz Words Inklusion und Barrierefreiheit. Klingt einfach besser als blindengerecht oder sehbehindertengerecht. Ähnliches mag für die Medien gelten. Da Inklusion, UN-BRK und Barrierefreiheit mittlerweile zum öffentlichen Thema geworden sind, erhofft man sich durch die Verwendung solcher Begriffe vielleicht eine größere Resonanz. Der Erfolg ist eher mäßig.
Beim Individuum sieht es schon anders aus. Hier geht es häufig darum, von der eigenen Verantwortung abzulenken. „Es ist nicht barrierefrei“ geht einem leichter von den Lippen als „Ich komme nicht klar“. Man wälzt die Verantwortung auf die Öffentlichkeit ab. Das tun ja Blinde besonders gern. Viele sind sich dieser Verhaltensweise auch gar nicht bewusst. Wir Pastorentöchter nennen das erlernte Hilflosigkeit.
Aber auch, wenn sie nicht selbst die Ursache ihrer Probleme sind. Eine Software kann wunderbar für Sehbehinderte und Querschnitts-Gelähmte funktionieren. Aber wenn sie für Blinde nicht funktioniert, ist das ein Problem der Barrierefreiheit? Nun, das ist nicht ganz stimmig.
Zugegeben, wenn man so argumentiert, ist sämtliche Software barrierefrei. Von den 7,6 Mio. Schwerbehinderten haben die Wenigsten Probleme bei der Software-Nutzung, die auf Barrierefreiheit zurückzuführen sind. Vielfach ist es mangelnde Erfahrung oder Beherrschung der Hilfstechnik.
Auf der anderen Seite ist der Begriff Barrierefreiheit zu schwammig, um ein konkretes Problem zu beschreiben. Nicht Tastatur-nutzbar, ohne Alternativbeschreibung, zu wenig Kontrast – das sind Problembeschreibungen. Barriere-Unfreiheit hingegen ist Wischi-Waschi und Drückerei davor, die Probleme konkret zu benennen.
Parallelen und Unterschiede
Von einer kontrastreichen und anpassbaren Gestaltung von Benutzeroberflächen profitieren sicherlich fast alle Nutzer. Für Blinde sind die Screenreader-Kompatibilität sowie die Tastaturnutzbarkeit wichtig. Auch davon profitieren andere Nutzer, vor allem jene, welche die Tastatur nutzen.
Blinden ist der Kontrast von Texten und Bildern völlig egal. Auch die grafische Anordnung von Inhaltsblöcken spielt für sie keine Rolle.
Für Sehbehinderte und andere Personen jedoch ist das wichtig. Die Anordnung und Gestaltung von Informations- und Bedienungs-Einheiten sowie ihre Zahl ist entscheidend dafür, wie schnell sich jemand zu Recht findet.
Anderen Leuten sind unsichtbare Beschriftungen und alternative Bildbeschreibungen vollkommen egal. Wir träumen nachts davon, dass auch Andere davon profitieren. Tun sie aber nicht. Mal im Ernst, ich soll für fünf Blinde ein Bild beschreiben, aber 50 Sehbehinderte dürfen über den Bild-Inhalt rätseln? 7,5 Mio. funktionale Analphabeten sollen auf eine Vorlese-Funktion verzichten, weil 100.000 Blinde sich die Website auch so vorlesen lassen können? Vielleicht überschätzt die Gruppe der Blinden einfach ihre Relevanz.

Das Risiko

Der Arbeitskreis Barrierefrei informieren und kommunizieren ist ziemlich eng mit den Blindenverbänden verbandelt. Auch hier ist die Über-Repräsentanz Blinder und Sehbehinderter ein stetes Ärgernis. Leider sieht es in anderen Gremien zur Barrierefreiheit nicht anders aus.
Nur ein kurzes Wort über die Personen, die in solchen Gremien sitzen: Es ist eure Aufgabe, eine Gruppe zu repräsentieren und nicht, eure eigenen Vorlieben und Antipathien kund zu tun. Ich bin eigentlich ein Freund der Teilhabe. Aber oft richtet die Teilhabe auch mehr Schaden als Nutzen an.
Indem wir unsere eigenen Interessen in den Vordergrund stellen, schaden wir den anderen Gruppen.
Es wird für Autisten, Gehörlose oder Demenz-Erkrankte schwieriger, ihre eigenen Interessen zu artikulieren. Die Organisationen sagen, sorry, die Ressourcen sind für die blinden- und sehbehindertengerechte Gestaltung drauf gegangen. Oder diese Gruppen brauchen so viel Zeit, ihre Interessen auszudrücken, dass für die Anderen keine Zeit mehr ist.

Appell an die Betroffenen

Ich denke, es ist auch die Aufgabe der Experten, die Auftraggeber über diese Aspekte aufzuklären.
Die Betroffenen sollten stets sagen: „Ich habe ein Problem“, anstatt immer mit Barrierefreiheit um die Ecke zu kommen. Man sollte auch den Mut haben, zuzugeben, dass man vielleicht nicht kapiert hat, wie eine Software funktioniert. Wir sollten nicht immer automatisch anderen Leuten die Verantwortung für etwas zuschieben.
Mein anderer Appell, der leider wieder ins Leere laufen wird ist, mehr mit anderen Gruppen mit ähnlichen Interessen zusammenzuarbeiten. Es gibt ganz wenige Gruppen, die behinderungs-übergreifend engagiert sind. Dabei gibt es diese Interessen. Die wenigen gemeinsamen Gremien, die es gibt, sind auf enge Bereiche beschränkt oder haben gar keine Macht. Ich behaupte einmal, man hätte die Schrankenregelungen zum Bücheraustausch schneller durchsetzen können, hätte man mit den Verbänden von Analphabeten zusammengearbeitet. Deren Zahl ist nämlich deutlich größer als die Zahl der Blinden und Sehbehinderten. Doch die Verbände betätigen sich nach wie vor als Einzelkämpfer und tragen so nicht dazu bei, dass sich Barrierefreiheit schneller durchsetzt. Im Gegenteil: Häufig werden Verbesserungen blockiert, weil sie einer bestimmten Gruppe nicht nutzen. Und die häufigsten Blockierer sind meiner Erfahrung nach die Blinden. Sie haben im Vergleich zu ihrer absoluten Zahl eine sehr starke Lobby. Die anderen Behinderten-Gruppen haben das Pech, dass ihre Lobby nicht so stark ist.

Ein kleiner Rückblick auf das Care Camp 2017

Was macht jemand, der relativ wenig mit dem Gesundheitswesen zu tun hat auf einem Barcamp, das sich genau um dieses Thema dreht? Das habe ich mich auch gefragt. Und auf eine konventionelle Konferenz zu diesem Thema wäre ich auch sicher nicht gegangen. Aber bei Barcamps ist alles anders.
Das Coole an Barcamps ist, dass man immer mit Leuten zusammen sitzt, die sich genau in diesem Moment für genau dieses Thema interessieren. Wer schon mal in die gelangweilten Gesichter von Konferenzteilnehmern geblickt hat weiß, was ich meine.
Hier ein kleiner Rückblick auf die Sessions, die ich besucht habe.
Der erste Beitrag drehte sich um das Thema eHealth. Hier wurden alle möglichen Themen diskutiert, wobei wir uns nicht einig darüber waren, was eHealth eigentlich ist bzw. nicht ist. Es wurde über alle möglichen Themen diskutiertl Ein etwas stärkerer Fokus auf ein bestimmtes Thema oder einen bestimmten Aspekt hätte der Diskussion nicht geschadet. Leider weiß ich nicht, wer die Session veranstaltet hat.
Session Nr. 2 drehte sich um das Thema Storytelling in der Medizin. Es ging um die Frage, wie Patientengeschichten dazu beitragen können, dass sich die Situation der Patienten im Gesundheitssystem verbessert. Sessiongeber war das Storyatelier.
Session Nr. 3 wurde von einem gewissen Domingos de Oliveira angeboten. Thema der Diskussion war die Situation Behinderter im Gesundheitssystem. Hier war interessant, die unterschiedlichen Problemlagen zu sehen. Domingos verwies darauf, dass ein behinderter Patient als Ausnahme gesehen wird. Und das, obwohl ein Großteil der Patientenältere Menschen sind, die mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens eine Einschränkung haben. Einer der Teilnehmer verwies darauf, dass die Krankenhäuser tatsächlich nur darauf eingerichtet sind, eine einzige Erkrankung zu behandeln. Das System sei nicht dafür geeignet, eine Person zu betreuen, die von mehreren Erkrankungen betroffen ist.
Domingos meint, dass man so weit kommen müsse, dass eine Behinderung nicht mehr als Ausnahme, sondern als Normalfall angesehen wird. Leider hat er nicht näher ausgeführt, was er damit meint.
Interessant war auch der Bericht eines Vaters von zwei Kindern mit Down-Syndrom. Seine Tochter hatte eine Zeit lang in einem Altersheim gearbeitet. Es wäre eigentlich wünschenswert, dass mehr behinderte Menschen im Gesundheitswesen arbeiten.
Sein Sohn hat eine stärkere Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit, so dass er bei Erkrankungen immer begleitet werden muss, damit die Eltern für ihn übersetzen. Das ist leider ein Problem, mit dem viele Eltern beschäftigt sind, die sich um ihre erwachsenen Kinder kümmern. Was passiert, wenn die Eltern selbst nicht mehr dazu in der Lage sind?
Auch sind die Krankenhäuser nicht darauf vorbereitet, eine Begleitperson ohne Mehrkosten aufzunehmen. Bei kleinen Kindern ist das zwar keine Seltenheit. Aber eine Person, die auf ständige Unterstützung angewiesen ist, hat große Probleme, ihre Begleitperson mitzunehmen. Aber jeder kennt die Situation in Krankenhäusern, die Schwestern und Pfleger sind selten dazu in der Lage, mehr als das Minimum zu leisten. Die Personaldecke ist zu dünn.
Wie immer gab es Sessions, die ich gern besucht hätte, leider hat der Trick mit der Aufteilung auf mehrere parallele Sessions nicht funktioniert. Es gab eine Session zur automatischen Erkennung von Emotionen sowie eine Session, in der eine Person über ihren Suizid-Versuch und die Folgen berichtete.
Insgesamt war es ein sehr spannendes Barcamp mit einer guten Themenmischung. Mein Dank geht an die Organisatoren für den reibungslosen Ablauf.

Kunden, Kollegen und Vorgesetzte von Barrierefreiheit überzeugen – so kanns gehen

Ihr möchtet Barrierefreiheit einführen? Aber euer Chef, die Schwiegermutter oder der Metzger meinen, dass ist blöd, überflüssig oder teuer? Dann findet hier ein paar Strategien, um sie davon zu überzeugen.

Compliance

Compliance bedeutet so viel wie im Einklang mit gültigen Gesetzen und Richtlinien stehen.
Das ist sehr einfach. Wenn es Gesetze gibt, müssen diese erfüllt werden, basta.
Derzeit gibt es vor allem zwei Organisationstypen, die verpflichtet sind:

  • Öffentliche Organisationen
  • halböffentliche Organisationen wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die gesetzliche Renten-, Unfall- und Krankenversicherungen

Private Unternehmen und NGOs sind im Prinzip nicht verpflichtet. Dies kann sich aber bald ändern. Alle Organisationen, die öffentliche Aufträge oder Mittel bekommen – und das sind viele – dürfen sich darauf einstellen, sich früher oder später mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigen zu müssen. Es ist für solche Organisationen sinnvoll, sich bereits jetzt damit zu beschäftigen, bevor es eventuell zu Abstrafungen von der einen oder anderen Seite kommt.

Das moralische Argument

Ja, ich weiß, die armen Behinderten und so. Dennoch ist es so, dass gerade eine sozial orientierte Organisation auch die Barrierefreiheit umsetzen sollte. Es ist schon erschreckend und auch ziemlich armselig, wenn diese Organisationen ihre interaktiven Anwendungen nicht barrierefrei hinbekommen. Wenn man zu doof ist, um einen barrierefreien Spendenprozess aufzusetzen, braucht man unser Geld offensichtlich nicht. Wenn jemand alle Menschen erreichen möchte, kommt er an Barrierefreiheit nicht vorbei.

CSR und Diversity

Sind Strategien zum Thema Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung oder personelle Diversity vorhanden, kann darauf aufbauend eine Argumentation zur Barrierefreiheit abgeleitet werden. Vorgesetzte mögen es, wenn etwas in ihr Unternehmenskonzept passt.
Wir witzeln immer darüber, dass die Unternehmen gar keine Behinderten einstellen müssen, um die Behindertenquote zu erfüllen. Durch den demographischen Wandel werden die meisten Belegschaften im Schnitt älter als 50 sein. Vor allem Büroarbeiter, die viel sitzen und auf PC-Bildschirme starren, dürften von Erkrankungen der Augen und des Haltungsapparats betroffen sein. In diesem Alter machen sich auch Hörschäden schnell bemerkbar. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sind nicht darauf vorbereitet. Einerseits wollen und müssen sie diese qualifizierten Leute halten. Andererseits haben sie weder das Wissen, das Geld für den Umbau ihrer Infrastruktur und manchmal fehlt auch schlicht der Wille, sich darauf einzustellen. Dann ist halt der Kicker wichtiger als die Rollstuhlrampe.

Das finanzielle Argument

Vor allem bei Privat-Unternehmen zählt in erster Linie das finanzielle Argument. Nun ist die Zahl derjenigen, die tatsächlich in der Nutzung von Produkten/Dienstleistungen eingeschränkt sind nicht gleich der Zahl der Behinderten. Nur ein Bruchteil der 7,6 Mio. Schwerbehinderten hat tatsächlich Probleme bei der Nutzung des Internets.
Aber natürlich gibt es Leute, die Probleme haben und es sind nicht Wenige. Hunderttausende älterer Menschen sind von Web-Anwendungen schlicht überfordert. Millionen von Menschen verstehen nicht, was auf den Webseiten geschrieben wird. Die Kosten durch Fehlbedienung und anderen nötigen Support dürften für viele größere Unternehmen locker im sechsstelligen Bereich liegen.
Lasst mich an dieser Stelle mit einem Märchen im Unternemens-Bereich aufräumen: Unsere Kunden sind nicht die hippen 20-40-jährigen, denn die verdienen kaum Geld und wenn, müssen sie es für Familienbildung und Lebensunterhalt ausgeben. Erst recht sind unsere Kunden nicht die unter 20-jährigen, denn die haben noch viel weniger eigenes Geld. Unsere Kunden sind oftmals die 50-jährigen und älter. Die Kinder sind aus dem Haus oder alt genug, um sich um sich selbst zu kümmern. Haus und Auto sind abbezahlt. Im Allgemeinen verdient man in diesem Alter besser und hat zugleich weniger Fixkosten. Man hat mehr Zeit, um auszugehen, Urlaub zu machen und sich überflüssigen Schnick-Schnack wie einen Thermomix zu kaufen. Zugleich wirken sich die ersten Weh-Wehchchen spürbar aus. Hör-, Körper- und Sehkraft lassen nach. Man kapiert nicht mehr so schnell, wie das Ding funktioniert. Man kann sich nicht mehr risikolos bücken, um das Dingsbums an- oder abzustellen. Die Gruppe der über 50-jährigen ist also die eigentlich spannende Gruppe.
Dennoch versuchen wirklich fast alle Organisationen, sich auf eine jüngere Zielgruppe einzuschießen. Klar ist , dass die Marketingmaßnahmen jünger wirken sollen als die eigentliche Zielgruppe. Kein 50-jähriger möchte ein Seniorenhandy. Aber das Marketing ist das eine, das Produkt etwas Anderes. Im Zweifel werden sie das Produkt nicht mehr kaufen bzw. zurück geben, wenn sie es nicht gebrauchen können. Nichts ist frustrierender als ein Produkt, dass unbedienbar ist, weil es nicht vernünftig gestaltet wurde. Neulich wollte ich ein Olivenglas öffnen und was soll ich sagen? Im besten Mannesalter habe ich es nicht mit reiner Körperkraft geschafft. Das darf doch nicht wahr sein oder?
Gerade der Bereich eCommerce ist für ältere Menschen interessant. Medikamente sind online teils 50 Prozent günstiger zu bekommen. Lebensmittel schleppen könnte dank Online-Supermarkt passé sein.
Und gerade beim eCommerce gibt es die meisten Probleme. Das zieht sich durch die ganze customer journey durch: Angefangen bei der Produktsuche, der Auswahl, dem Anmeldeprozess und der Eingabe der Daten. Als ich mir neulich einen neuen Kühlschrank kaufen musste, wollte ich den lokalen Elektromarkt eine Chance geben. Da ich keine Zeit hatte, in den Laden zu gehen, habe ich mir das Angebot online betrachtet. Und was soll ich sagen? Ich konnte nicht einmal die Preise vernünftig lesen, sie hatten irgend ein Verfahren verwendet, um die Preise hübscher aussehen zu lassen, mit Screenreader waren sie aber nicht vernünftig entzifferbar. Ich bin dann am Ende wieder bei Amazon gelandet. Mir fehlt einfach der Nerv, mich mit solchem Schnick-Schnack länger zu beschäftigen. Es muss sich aber niemand wundern, wenn der Online-Handel sich weiter monopolisiert, wenn man keine vernünftige Website zustande bekommt.

Der Qualitätsfaktor

Es gibt drei Strategien, um auf dem Markt aufzutreten:

  • Der Marktführer versucht, die höchsten Stückzahlen bzw. Dienstleistungen abzusetzen. Er setzt große Mengen ab und versucht deshalb, die Kosten pro Einheit gering zu halten.
  • Der Qualitätsführer versucht, das beste Produkt oder die beste Dienstleistung abzuliefern. Er investiert mehr und setzt insgesamt weniger Leistungen ab, hat aber höhere Gewinn-Margen pro Leistung.
  • Der Nischen-Hüter versucht sich innerhalb einer Nische einzunisten. Er setzt weder hohe Stückzahlen ab noch hat er den Anspruch, das insgesamt beste Produkt abzuliefern. Nur innerhalb seiner Nische strebt er die Führerschaft an.

Sowohl der Markt- als auch der Qualitätsführer müssen Barrierefreiheit anstreben. Barrierefreiheit ist eindeutig ein wichtiges Qualitätskriterium. Und ohne Barrierefreiheit wird die vollkommene Marktdurchdringung schwierig.
So weit die Theorie. Die Praxis sieht leider anders aus. Auf dem Markt für Computer tut sich recht viel: Nachdem Apple Barrierefreiheit zum Mainstream gemacht hat, haben Microsoft, Google und Samsung ebenfalls das Thema für sich entdeckt. Microsoft versucht zum Beispiel, den Narrator zu einem vollwertigen Screenreader auszubauen.
Andere Märkte funktionieren leider nicht so, wie wir uns das wünschen würden. Zwar funktioniert Amazon, der Marktführer im eCommerce, in Teilen recht gut. Bei der Barrierefreiheit können sie aber noch mehr machen.
Dennoch ist das Argument richtig: Wer Markt- oder Qualitätsführer sein möchte, muss dafür sorgen, dass sein Produkt möglichst barrierefrei ist.

Der Behinderte als Normalfall

Das Paradigma des gesunden, alles verstehenden und beherschenden Kunden war nie richtig und ist es heute natürlich gar nicht mehr. Wir haben die Statistik gesehen: 7,6 Mio. Schwerbehinderte, 7,5 Mio. funktionale Analphabeten, Millionen ältere Menschen mit teils unerkannten Gebrechen, Hunderttausende mit geringen Deutsch-Kenntnissen.
Statt diese Realität wie heute üblich einfach zu ignorieren, sollten wir sie akzeptieren und Strategien entwickeln, um damit umzugehen. Schluss also mit Ameisenschrit auf Lebensmittelverpackungen, mit Verpackungen, die sich nur mit Spezialwerkzeug öffnen lassen und Interfaces, zu deren Verständnis ein ein zentimeterdickes Handbuch notwendig ist.
Behinderte und andere Kunden sind angehalten, ihre Bedürfnisse stärker auszudrücken. Fragt, ob ein Ort barrierefrei ist. Fragt, ob das nicht auch in barrierefrei geht. Fragt, ob man ein Nummernzieh-System in einer Augenklinik braucht. Fragt, warum es keine rollstuhlgerechten Toiletten, keine Höranlage gibt. Fragt, warum der Redner offenbar in sein PowerPoint verliebt ist und nicht vernünftig verbalisiert.

Behinderte beteiligen

Am meisten beeindruckt es die Leute tatsächlich einmal live zu sehen, wie ein behinderter mit ihrer Website interagiert. Je futuristischer, desto besser: Sprachsteuerung, Eye-Tracking, Screenreader – wichtig ist vor allem, dass es einerseits möglichst weit von der Lebenswirklichkeit der Personen weg ist. Denn jeder würde sagen: Ein Mensch, der nicht mal seine Arme bewegen kann, kann doch keine Website bedienen. Das Aha-Erlebnis ist bei den Ungläubigen am stärksten. Selbst bei den rationalsten Menschen sind es nicht immer die sachlichen Argumente, die sie überzeugen. Oftmals sind es eher die emotionalen, aber nicht moralischen Aspekte, die sie überzeugen.
Dabei muss ich aber gleich überzogene Erwartungen bremsen. Der Zuschauer mag überzeugt sein, wenn er aus der Demo rausgeht. Doch solche Effekte halten selten vor. Es braucht in der Regel mehr als einen Anlaß, um die Leute zu überzeugen. Es ist also eher ein Zusammenspiel der oben genannten Argumente und Strategien.
Zudem sind die Leute natürlich unterschiedlich: Die Eine möchte harte Zahlen, der Andere möchte eher auf der emotionalen Ebene angesprochen werden. Man muss also definitiv die Strategie auf die Person oder Personengruppe anpassen, die man überzeugen möchte.

Einfach machen

Viele Agenturen und Webentwickler lassen sich Barrierefreiheit teuer bezahlen. Inwieweit das gerechtfertigt ist, lasse ich einmal außen vor. Doch ist der Mehraufwand für Leute, die ihr Handwerk verstehen überschaubar. Eine Installation von Drupal oder WordPress barrierefrei zu machen ist wahrlich kein Hexenwerk. Eine typische textlastige Seite mit wenig interaktiven Elementen barrierefrei zu machen ist dank der vielen Frameworks wahrlich kein Hexenwerk. Dafür Aufschläge von 30-40 Prozent zu nehmen stärkt eher das Mißtrauen gegenüber den Agenturen.
Ein anderes Thema sind komplexe Websites mit einem hohen Grad an Interaktion. Da kommt es tatsächlich darauf an, wie viel Arbeit die Agentur hat und wie intensiv sie testet. Ansonsten ist aber zum Beispiel digitale Barrierefreiheit schlicht gutes Handwerk. Ein Redakteur würde auch nicht 30 Prozent mehr für eine Rechtschreibprüfung oder ein Fact-Checking nehmen. Die Agenturen und Entwickler sollten also das Thema Barrierefreiheit einfach umsetzen, ohne ihren Kunden darüber zu informieren. Spätestens dann, wenn er gezwungen ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wird er dafür dankbar sein.

Ich befreie das Web von Barrieren – Interview mit Marc Haunschild

Cover des Buches "Das Web barrierefrei gestalten"Ich freue mich, heute das erste Interview auf meinem Blog veröfffentlichen zu können. Meinen Fragen per Mail stellte sich Marc Haunschild, der sich schon seit längerem mit dem Thema barrierefreie Webgestaltung beschäftigt und soeben das Buch „“Das Web barrierefrei gestalten“ veröffentlicht hat. Ich drücke die Daumen, dass es Deine Erwartungen erfüllt, Marc.
Domingos: Sag bitte ein paar Sätze zu Dir selbst. Wie bist Du zum Thema Barrierefreiheit gekommen?
Marc: Ich habe 2001 im öffentlichen Dienst angefangen und habe mich also gleich von Anfang an auf das Thema gestürzt. Zunächst aus einer Mischung aus Neugier und natürlich auch weil es eben gemacht werden musste. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir allerdings, dass Barrierefreiheit Blödsinn ist.
Ich verstehe das, was man als Behinderung bezeichnet, nur als eine überdurchschnittlich ausgeprägte Schwäche, wie sie jeder von uns hat. Das heißt, der Unterschied zwischen einer Behinderung und dem, was so leichthin „normal“ genannt wird, ist bestenfalls ein gradueller Unterschied.
Ob jemand einen Rollstuhl benötigt, spielt doch gar keine Rolle. Steven Hawking kann wie ein normal gehender Mensch überall hin – es sei denn, jemand legt ihm einen Stein in den Weg oder baut ihm eine Stufe vor eine Tür.
Das ist gemeint, wenn man sagt: Menschen sind nicht behindert, Menschen werden behindert.
Wir Menschen schaffen uns unser Lebensumfeld. Warum designen wir unsere Welt mit Stufen?
Warum nicht ohne Stufen bauen? – Nicht nur für die wenigen Rollstuhlfahrer, sondern auch weil gehende Menschen viel seltener stürzen oder sich Zehen anstoßen.
Um auf die Frage zurück zu kommen, wie ich zur Barrierefreiheit gekommen bin: Ich befreie das Web von Barrieren, weil ich nicht mir selbst und allen anderen Menschen Steine in den Weg legen möchte.
Zugängliche Webseiten sind die einzig richtigen Webseiten.
Domingos: Es gibt ja schon eine Reihe von Büchern zum barrierefreien Webdesign, unter anderem das Buch „Barrierefreiheit verstehen und umsetzen“ von Probiesch und Hellbusch. Wieso hast Du ein weiteres Buch für notwendig gehalten?
Marc: Ich habe eine Agentur in Mönchen-Gladbach zu dem Thema sensibilisiert und beraten und wurde gefragt, ob es nicht eine Checkliste zum Thema Barrierefreiheit gibt. Da hatte ich die Idee, mal eben was ganz kurz zusammen zu schreiben, einen Leitfaden für Entwickler (die meisten Entwickler hassen dicke Bücher). Es hat sich dann herausgestellt, das es ziemlich lange dauert, etwas kurzes zu dem Thema zu schreiben, das alle wichtigen Aspekte abhandelt. Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr als 40 Seiten zu schreiben. Das schien mir realistisch. Es wurden dann fast 70 Seiten – vollgestopft mit Infos, Handungsanweisungen, Code und weiterführenden Links.
Das Buch von Jan und Kerstin ist 800 Seiten dick, meines nicht einmal ein Zehntel davon. Es ist also ein ganz anderes Konzept.
Zu allen wesentlichen Aspekten gibt es Verweise auf Webseiten, wo wichtiges ausführlich erläutert wird, wenn man sich über die Hintergründe informieren möchte. Ich verweise reichlich auf Texte von Jan, Kerstin, Marco Zehe, aber auch vielen Persönlichkeiten aus dem englischsprachigen Raum wie Heydon Pickering, Steve Faulkner oder Leonie Watson.
Auch zu Primär-Quellen, wie die diversen Standards, Gesetze im Web oder Richtlinien der EU gibt es die nötigen Referenzen.
Aber es sollte genügen, das Buch zu lesen, um Webseiten barrierefrei zu entwickeln. – Ich hoffe auf reichlich Rückmeldung, wenn jemand noch Fragen hat. Dann wird die nächste Auflage noch besser.
Domingos: Wo würdest Du sagen ist der Schwerpunkt Deines Buches?
Marc: Das Buch enthält viele Handlungsanweisungen. Zum Beispiel: verwende HTML bestimmungsgemäß. Benutze also das Button-Element, wenn der Nutzer eine Funktion auslösen soll und einen Link, wenn du auf etwas verweisen möchtest. Vermische das nicht und komm erst gar nicht auf die Idee, bedeutungsfreie Elemente wie div oder span mit JavaScript interaktiv zu machen.
Domingos: Wie viele Vorkenntnisse braucht man, um von Deinem Buch zu profitieren?
Marc: Vorausgesetzt werden HTML- und CSS-Kenntnisse.
Domingos: Wo findet man weitere Infos über Dich und Dein Buch?
Marc:
Über mich? – Tante Google kennt mich gut! ;-)
Ich habe zwei Seiten – meine geschäftliche unter www.mhis.de und mein Blog unter www.haunschild.de – auch hier gibt es viele Tipps zum Thema Barrierefreiheit, aber auch HTML, CSS und andere Webtechniken.
Außerdem bin ich auf Facebook.
Das Buch ist beim HERDT Verlag für Bildungsmedien erschienen und kann dort bestellt werden. Hier die Links zur gedruckten und digitalen Version:
Gebunden
E-Book
Domingos: Danke Dir für das Interview!
Marc: Ich habe zu danken, Domingos!

Gendergerechte Sprache und Barrierefreiheit

In letzter Zeit werde ich häufig gefragt, ob gendergerechte Sprache generell barrierefrei ist. Hier meine Antwort. Ob eine gendergerechte Sprache sinnvoll ist, möchte ich hier nicht diskutieren.
Wir gehen von Personen aus, die nicht täglich mit gendergerechten Texten zu tun haben. Selbst ich, ich bin recht viel im sozialen Bereich unterwegs, kriege recht selten gendergerechte Texte zu Gesicht.
Fangen wir mit den Varianten an, die aus Sicht der Barrierefreiheit nicht optimal sind.

Das Gender-Sternchen

Pilot*innen, Aktivist*innen, Polizist*innen –
aus einem mir nicht bekannten Grund ist das Gender-Sternchen eine belibte Variante.
Für Sprachausgaben ist das nicht optimal. Wir lesen:
Pilot Stern innen, Aktivist Stern innen, Polizist Stern innen –
Es klingt also so, als ob es sich um drei Worte und nicht um eines handelt.
Kurz zum Hintergrund: Sprachausgaben lassen sich so einstellen, dass sie Satzzeichen entweder vorlesen oder ignorieren. Standardmäßig werden Kommata, Interpunktionspunkte und ähnlich häufige Zeichen nicht vorgelesen. Es stört einfach den Lesefluss und an der Stimme kann man in der Regel auch hören, welches Zeichen da steht.
Bestimmte Zeichen sollen aber vorgelesen werden. Zu diesen Zeichen zählt auch das Sternchen.

Der Gender-Schrägstrich

Pilot/innen, Aktivist /innen, Polizist/innen –
Auch der Gender-Schrägstrich ist eine beliebte Variante. Hier haben wir aber das gleiche Problem wie bei den Sternchen. Der Screenreader liest:
Pilot Schrägstrich innen, Aktivist Schrägstrich innen, Polizist Schrägstrich innen –
Man muss schon ziemlich gute Nerven haben, um das länger durchzuhalten.

Das Gender-I

PilotInnen, AktivistInnen, PolizistInnen
Diese Variante klingt mit der Sprachausgabe ein wenig besser, aber wirklich nur ein wenig. Mit dem Screenreader klingt das so:
Pilot innen, Aktivist innen, Polizist innen
Es klingt also wiederum wie zwei Worte, als ob hinter dem Substantiv das Wort „innen“ käme. Das klingt unlogisch und stört daher den Lesefluss.

Das Gender-Und

Pilotinnen und Piloten, Aktivistinnen und Aktivisten, Polizistinnen und Polizisten
Ah, wunderbar: Hier kann ich mir die Screenreader-Variante sparen, denn es wird genau so vorgelesen, wie es da steht.
Aber das sind doch auch schon wieder drei Worte? Ja, aber drei Worte, die logisch mit einem und verkettet sind. Es entspricht unserem Sprachgefühl. Und nach einem „Pilotinnen und“ ist relativ sicher, dass ein „Pilot“ nachgeschoben wird. Der Lesefluss fließt.
Gleiches halte ich für Braille-Leser sinnvoll. Das Gender-Und ist schneller heruntergelesen, obwohl es natürlich mehr Platz einnimmt als die Varianten mit den Binnenzeichen.
Diese Variante ist also die einzige, die ich aus Sicht der Barrierefreiheit empfehlen kann.

Sehbehinderte und Lese-Behinderte

Etwas anders könnte die Situation tatsächlich bei Menschen sein, die nicht blind sind, sondern aus anderen Gründen Probleme bei Texten haben. Sie könnten davon profitieren, dass die ersten drei genannten Varianten kürzer sind. Andererseits profitiert auch diese Gruppe davon, wenn eine Wort-Verkettung häufig vorkommt, weil sie diese schneller erfassen können. Alles Ungewohnte kann den Lesefluss stören und Sternchen mitten im Wort sind tatsächlich ungewohnt.
Wie gesagt, wie gehen von Menschen aus, die nicht jeden Tag mit solchen Texten beschäftigt sind.

Leichte und einfache Sprache

Eindeutiger ist meine Einschätzung bezüglich Leichter Sprache und einfacher Sprache. Handelt es sich nicht gerade um Spezial-Texte, die sich um das Thema Diskriminierung drehen, sollte hier auf sämtliche o.g. Varianten des Gender-Mainstreamings inklusive des Gender-Unds verzichtet werden. Ich würde hier absolute Priorität auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit legen. Und leider erfüllt keine mir bekannte Variante diese Anforderungen.
In der Regel kann man dieses Problem aber umgehen, in dem man unterschiedliche sprachliche Kniffe anwendet. Man kann zum Beispiel die Leser direkt ansprechen, das generische Maskulinum „die Arbeiter“ oder neutrale Begriffe wie „die Studierenden“ verwenden.

Mein Rückblick auf das Litcamp Bonn 2017

Bücher sind meine Leidenschaft. Um so mehr hat es mich gefreut, ein Barcamp zum Thema Literatur in Bonn besuchen zu können.
Nun stellt man sich unter einem Literaturcamp einen Haufen Leute vor, die aus ihren halbfertigen Romanen vorlesen wollen. Doch die Selbstdarstellung hielt sich erfrischend in Grenzen. Bei anderen Barcamps steht oft das Selbstmarketing im Vordergrund. Das war bei dem Literaturcamp nicht der Fall, wie auch meine Begleitung bemerkte. Schön war vor allem, dass es viele Barcamp-Neulinge gab und dass die Frauenquote erfreulich hoch war – leider auch bei Barcamps keine Selbstverständlichkeit, aber beim Thema Literatur wohl nicht anders zu erwarten.
Ich selbst erklärte in meiner Session, wie man behinderte im Storytelling einsetzen kann.

Behinderte sind ideale Figuren, weil sie sehr vielseitig eingesetzt werden können. Wie genau? Verrate ich nicht, hättet ihr mal meine Session besucht:-)
Da ich ein Fan von Lesungen bin, hat mir der Vorlese-Workshop gut gefallen. Richtig gut zu lesen ist eine Kunst. Das weiß man zu schätzen, wenn mal wieder ein Professor das Wort Vorlesung mit Ablesung verwechselt.
Sebastian Eckert erklärte in seiner Session, wo man als Bonn-Blogger besonders gut Informationen herbekommt. Dabei fiel mir auf, wie wenig ich über meine Heimatstadt weiß.
Zweifellos das Highlight des Tages war der Workshop zum Improvisationstheater der Taubenhaucher. Es zeigt, einerseits, was für eine große Leistung die Schauspieler vollbringen. Andererseits zeigt es aber auch, dass im Prinzip Jeder das Potential zum Schauspieler hat.
Insgesamt war es ein sehr spannender und unterhaltsamer Tag. Mein Dank geht an die Organisatorinnen, die für den reibungslosen Ablauf gesorgt haben. Die Volkshochschule ist eine sehr schöne Location und es wäre toll, weitere solche Veranstaltungen dort stattfinden zu lassen.

Vorträge vor Schwerhörigen halten – darauf solltet ihr achten

Regelmäßige Leser meines Blogs wissen, dass ich auf einem Ohr praktisch taub bin und auf dem anderen nur eingeschränkt höre. Da ich daneben auch viele Vorträge und Workshops halte, finde ich das Thema hörgerechte Vorträge aus jeder Perspektive wichtig.

Gehörlos im Gottesdienst

Als Hörgeschädigter ist man halligen Räumen abgeneigt. Das Ohr kann Stimmen nicht vernünftig herausfiltern, so dass man nur Gebrabel hört. Zwar ist man als ungläubiger Kirchenbesucher fast dankbar, die Predigt nicht zu verstehen. Angesichts des demografischen Wandels, der in der Kirche noch wesentlich schneller statt findet bleibt aber die Frage,ob die Kirche mit Leuten umgehen kann, die weder gut sehen noch hören können. Kirchen sind schummrige Räume, also nicht optimal, um Gesangstexte mitzulesen. Das nur nebenbei. Die Kirche ist kein Ort für alte Männer – und Frauen.

Das größte Problem sind Nebengeräusche

Schwierig sind vor allem auch Situationen mit einem hohen Anteil an Nebengeräuschen. Da reicht schon das schlecht isolierte Fenster, durch das die Verkehrsstraße durchschallt. Oder, was ich auch schon häufiger hatte, man hört nicht nur den eigenen Vortragenden, sondern auch den von nebenan.
Ganz unangenehm sind Mensen und Kantinen. Der Pegel an Nebengeräuschen ist extrem, hinzu kommen die Geräusche , die durch Besteck und Geschirr ausgelöst werden. Und natürlich haben diese Räume durch die oft hohen Decken einen unheimlichen Hall. Für einen Schwerhörigen ist es das Worst Case. Leider ist die Situation bei vielen Veranstaltungen ähnlich, denn auch hier sind Mahlzeiten in großen Sälen üblich. Ob das tatsächlich die Kommunikation fördert, möchte ich mal dahin gestellt sein lassen.

Raum checken

Zunächst einmal solltet ihr den Raum rechtzeitig vor dem Vortrag in Augenschein nehmen. Wichtig ist die Größe des Raums sowie die Entfernung zum am weitesten entfernt sitzenden Teilnehmer.
Zu prüfen sind die Lautstärke von Heizung und Klimaanlage. Letztere verursachen oft ein unangenehmes Rauschen.
Ist keine Soundanlage vorhanden, sollten die Leute möglichst nahe zusammen und am Redner sitzen. Nötigenfalls stellt die Tische und Stühle so auf, dass sich das nicht vermeiden lässt. Aus irgend einem Grund mögen es die Deutschen, sich möglichst weit voneinander wegzusetzen als ob der Sitzer eine ansteckende Krankheit hätte. Wenn sich aber 30 Leute in einem Raum verteilen, der für 100 Personen ausgelegt ist, macht das weder für sie noch für den Vortragenden die Situation einfacher.
Von Vorteil sind Vorhänge, Teppiche und andere weiche Materialien. Sie schlucken störende Nebengeräusche wie Stühlerücken und ähnliches. Das kann man sich nicht immer aussuchen, aber manchmal schon.
Liegen die Fenster an einer Hauptverkehrsader, sollte das zu der entsprechenden Zeit überprüft werden. Man kann da im Prinzip nichts machen, sollte aber solche Räume nicht bevorzugen.

Tipps für den Redner

Zunächst ist es von Vorteil, eine tiefe Stimme zu haben. Leider sind wir nicht alle mit einem Bariton gesegnet, aber ein bißchen was lässt sich durch Stimmtraining machen.
Die Grundregel für jeden Redner ist: Langsam und deutlich sprechen. Nicht jedes Wort muss roboterhaft artikuliert werden. Allerdings sollten Dialekte und andere Sprach-Eigenheiten zurückgefahren werden.
Natürlich sollten wir Tempo und so weiter variieren, schließlich soll das Publikum nicht einschlafen. Alles sollte aber in einem bestimmten Rahmen bleiben.
Der Redner sollte sich immer dem Publikum zuwenden. Vieles lässt sich von den Lippen ablesen sowie aus Gestik und Mimik ableiten. Sorgt dafür, dass ihr auch in den hinteren Reihen gut gesehen werdet und gut ausgeleuchtet seid. Man ist kein guter Redner, wenn man seine Notizen verliebt anguckt oder sich ständig zur Präsentation umdreht.
Sorgt für zusätzlichen Input. Ich fasse die wichtigsten Infos jeweils auf einer Folie zusammen, die parallel angezeigt wird. Wer mich also nicht versteht, kann kurz nachlesen. Der Nachteil ist, dass die Folien recht textlastig sind. Aber das ist ein in meinen Augen sinnvoller Kompromiss.
In Räumen ohne Sound-Anlage sollte Getuschel im Publikum möglichst sofort unterbunden werden. Das ist ohnehin kein gutes Zeichen, stört aber die Umsitzenden.
Für sehende Redner ist es ganz hilfreich, sofortiges Feedback zu bekommen. Wenn ihm die Leute einschlafen kann das an dem unspannenden Thema liegen. Oder daran, dass das Zuhören zu anstrengend ist.
Mein Vorschlag wäre, verschieden farbige Karten zu verteilen, mit denen die Zuhörer winken können. Zum Beispiel grün für „du redest zu schnell“, blau für „bitte lauter“ oder rot für „kapier ich nicht“. Es ist ein guter Service des Redners. Bei blinden Rednern funktioniert das natürlich nicht, aber dafür gibts die Assistenz. Die Hemmschwelle, etwas hoch zu halten ist geringer als das laute Aussprechen eines Problems.

Auch Hörende profitieren

Der Redner mag noch so gut sein, wenn er zu leise spricht, wird er sein Publikum verlieren. Wer sich darauf konzentrieren muss, jedes Wort zu verstehen hat weniger Ressourcen zum Verstehen und Einprägen des Gesagten. Nervosität breitet sich aus und die Leute gehen sich einen Kaffee holen und kommen nicht mehr wieder.
Nun kann man trainieren, laut zu sprechen. Bei Manchen ist das aber schwierig. Gerade helle Stimmen sind schnell schlecht zu verstehen, wenn sie laut sind. Vor allem Frauen scheint es schwer zu fallen, die Stimme zu erheben. Und wenn sie es tun, sind sie oft trotzdem schwer zu verstehen.

Höranlage im Eigenbau

Nun verfügen nicht alle Räume über Mikrofon und Lautsprecheranlage. Mit der heutigen Technik kann man sich aber relativ gut selbst helfen.
Die Technik ist schnell zusammengestellt. Gebraucht wird ein guter Bluetooth- oder anderer Funkkopfhörer für den Schwerhörigen. Der Kopfhörer sollte den Sprecher möglichst ohne Verzögerung übertragen können. Schließlich müssen Mimik, Gestik und das Gesagte zusammenpassen. Der Sprecher verwendet ein Headset, welches entweder seperat funktioniert oder an den Computer angeschlossen ist. Der Computer überträgt das Gesprochene per Kabel oder Funk an den schwerhörigen Zuhörer. Das nötige Equipment sollte nicht mehr als 150 Euro kosten.
Da viele Leute heutzutage mit Smartphones oder Tablets ausgestattet sind, kann man eventuell auch mit diesen Geräten arbeiten. Eventuell lässt sich der Sound per W-LAN oder Bluetooth übertragen. Leider bin ich nicht wirklich tief in der Sound-Technik drin. Aber nach meiner Einschätzung sollte das technisch machbar sein. Wenn man sich die Sprachqualität von Skype, WhatsApp oder Facebook anschaut, ist die Sprachqualität schon besser als im Mobilfunknetz. Nur die Latenz bei der Übertragung könnte noch ein Problem sein.
Ist der Raum ein wenig größer und der Sprecher stimmlich vielleicht nicht so laut, bietet sich ein funkbasiertes Surround-System an. Natürlich sollte es nicht das Billigste sein, schließlich ist die Sprachverständlichkeit extrem wichtig. Funkbasiert, weil man so Probleme mit der Verlage von Kabeln vermeidet und beim Aufstellen viel Freiheit hat. Die Positionierung der Boxen sollte von einer damit erfahrenen Person vorgenommen werden.
Wenn man solche Technik einsetzt, muss sie qualitativ ausreichend sein und einwandfrei funktionieren. Es hilft weder dem Sprecher noch dem Veranstalter oder den Teilnehmern, wenn die Anlage rauscht, Puff-Geräusche nicht filtern kann oder Rückkopplungen verursacht.

Schwerhörige nach vorn

Nun möchte ich den Schwerhörigen die Verantwortung nicht ganz absprechen. Wer sich nicht traut, dem Veranstalter oder Redner vorher mitzuteilen, dass spezielle Vorkehrungen für ihn notwendig sind, muss Probleme in Kauf nehmen. Unsere hellseherischen Fähigkeiten sind begrenzt.
Zudem sollte man sich natürlich bei einer Hörschädigung nicht ausgerechnet in die letzte Reihe setzen. Niemand muss sich öffentlich bekennen, wenn er nicht möchte. Aber auch wir können nicht erraten, was das Problem sein könnte, wenn uns jemand entflieht.

Warum Blinde ihre Sprachausgabe so schnell einstellen

Bei meinen Workshops lasse ich den Screenreader im Hintergrund laufen. Zum Einen möchte ich natürlich wissen, bei welcher Folie ich gerade bin. Zum Anderen ist das auch für die Teilnehmer spannend zu sehen, wie Blinde überhaupt am Computer arbeiten können. Fast immer werde ich gefragt, warum ich die Sprachausgabe so schnell eingestellt habe. Hier also die ultimative Antwort.

Was zum Lesen

Sehende Leser lesen in der Regel mit einer Geschwindigkeit von 200 bis 300 Wörtern. Es gibt hier deutliche Ausreißer nach oben und unten. Funktionale Analphabeten lesen deutlich langsamer. Erfahrene Leser wie Journalisten oder Professoren lesen deutlich schneller.
Im Allgemeinen sagt man, dass man mindestens 150 Wörter pro Minute lesen können muss, um sinnerfassend zu lesen. 150 Wörter entspricht der durchschnittlichen Sprech- und Vorlese-Geschwindigkeit.
Daran seht ihr, dass die Lesegeschwindigkeit deutlich schneller ist als die Sprechgeschwindigkeit. Die meisten von uns würden uns langweilen, wenn wir einen Text selbst in der Geschwindigkeit lesen, wie wir ihn vorlesen würden.
Blinden geht es dabei nicht anders. Sobald sie ein bißchen Erfahrung mit dem Computer haben, schalten sie die Standardeinstellung ihrer Sprachausgabe hoch. Das müssen nicht unbedingt 100 Prozent sein wie bei mir, aber ich kenne keinen erfahrenen Nutzer, der seine Sprachausgabe in der für Menschen üblichen Sprechgeschwindigkeit ablaufen lässt.
Zu meinen Kassetten-Zeiten – das sind diese Plastikdinger, in denen sich so ein komisches Band dreht – hatte ich einen Kassettenrekorder, mit dem ich die Abspielgeschwindigkeit steuern konnte. Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, meine Musik wie Micky Mouse klingen zu lassen. Für die Hörbücher war das auch ganz praktisch. Viele Sprecher sind relativ langsam und monoton, so dass auch der spannenste Stoff einschläfernd wirken kann. Ich behaupte mal, man kann fast jedes Hörbuch um 20 – 30 Prozent schneller abspielen lassen, ohne dass der Unterschied den Hörer stört oder wirklich auffällt. So kann man aus einem zehnstündigen Hörbuch ein siebenstündiges machen. Viele Apps wie Audible unterstützen das schnellere Abspielen. Wahrscheinlich, damit man schneller mit dem einen Hörbuch fertig ist und sich schnell ein neues kauft.
Bei der Sprachausgabe sieht die Sache noch ein wenig besser aus. Auch die besten Sprecher haben unsauberkeiten beim Vorlesen. Die Veränderung der Stimmlage und Betonung ist ein störender Faktor, wenn es vor allem um Information geht und ich den Text möglichst schnell lesen will. Zudem modulieren die Sprecher ja selbst die Vorlesegeschwindigkeit.
Bei 50 Prozent Tempoerhöhung ist bei den meisten menschlichen Sprechern Schluss. Danach kann man den Sprecher zwar noch verstehen, muss sich aber enorm konzentrieren. Und viel geht auch verloren, wenn man kurz abgelenkt ist.
Deshalb und auch wegen dem Komfort lese ich Sachbücher lieber mit dem Screenreader am PC. Es kommt – so meine Theorie – für gewöhnte Screenreadernutzer dem visuellen recht nah, zumindest wesentlich näher als dem Hören von Hörbüchern.

Bekannte Infos ausblenden

Eine der nervtötesten Sachen für einen blinden Computernutzer ist es, sich Informationen anhören zu müssen, die er bereits hat. Zum Beispiel suche ich eine bestimmte Information in einer Tabelle. Ein Sehender überfliegt Spalten und Zeilen ohne große Probleme. Ein Blinder muss sich im schlimmsten Fall alle Werte einer Spalte oder Zeile vorlesen lassen. Wobei der Screenreader noch dazwischen funkt, weil er bei jeder Zelle nicht nur den Wert vorliest, sondern auch die Position der Zelle und die Überschrift des Bereichs. Dann wird also aus „13 Prozent“:
„Spalte 13, Zeile 9 Wahlergebnis 2013 13 Prozent“. Und bis man die Zelle gefunden hat, muss man sich das einige Male anhören. Das ist keine Barriere, aber es nervt natürlich. Und wenn man es sich anhören muss, dann soll es bitte so schnell wie möglich vorbei sein.
Selbiges gilt für viele Bereiche. Klar möchte ich wissen, dass es eine Überschrift, ein Menü, eine Checkbox etc. ist. Aber bitte nicht in alltäglicher Sprechgeschwindigkeit. Ich würde echt wahnsinnig werden, wenn ich mir das alles im Detail anhören müsste.

Gedächtnis und Mustererkennung

Last not least wissen wir ja schon, was da steht. Meine Präsentationen habe ich schon tausend mal gehalten. Da ich weiß, was auf der Folie steht, reichen mir oft die ersten zwei Wörter aus dem Titel, um den Rest aus meinem Gedächtnis zu ergänzen.
Der Kontext hilft uns dabei, wichtige Informationen zu filtern. Wenn ich höre „Bahnchef“ wird das nächste Wort wahrscheinlich „Grube“ lauten. Deswegen wünschen sich Blinde auch, dass Ämter und Geschäftsführer niemals wechseln. Sie müssen sich dann immer umgewöhnen. Kleiner Scherz am Rande.
Auch die Mustererkennung hilft uns natürlich. Texte und Webseiten sind häufig nach einem bestimmten Schema aufgebaut. Typisch ist z.B. Navigation, Suchfeld, Inhalt, dritte Spalte und Fußzeile. Ohne dieses Schema müssten wir uns jede Website neu aneignen. Die Navigationspunkte sind auch noch in der Regel auf vielen Websites ähnlich bekannt. Ich ernte bei meinen Screenreader-Demos immer große Lacher, wenn ich auf irgend ein Wort stoße, was ich nicht kenne und das der Runde kund tue.

Und Braille?

Versteht mich nicht falsch: Braille ist sicher eine gute Sache. Und wenn man geübt ist, kann man sicherlich 100 Wörter pro Minute schaffen. Gerade für strukturierte Infos wie Tabellen wäre ein flächiges Brailledisplay eine Riesen-Erleichterung. Aber gerade für Vielleser wie mich sind 100 Wörter pro Minute zu wenig. Zumal ich an diese Geschwindigkeit nicht heran komme und es wahrscheinlich auch nie schaffen werde. Ich bin bei ca. 60 Wörtern pro Minute, was mich schon viel Übung gekostet hat.
Als Blinder ist man bei vielen Arbeitsgelegenheiten ohnehin schon langsamer. Da muss ich mir dieses Paket nicht auch noch aufbürden.