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Wie sinnvoll sind Beschriftungen in Braille/Blindenschrift?

Metallplatte mit Braillezeichengefühlt gibt es eine Inflation an Blindenschrift/Braille im alltäglichen Lebensraum. Man findet sie an ICE-sitzen und in Toiletten, als Teil der Raum-Beschriftungen, auf Medikamentenverpackungen. Warum das Schaden kann und wie es besser geht, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Irgendwer, ich glaube das Büro des Behindertenbeauftragten, schickt mir regelmäßig Einladungen zu Veranstaltungen in Berlin. Dabei ist immer eine Karte mit Braille-Ausdruck. Sie landen bei mir ungelesen im Altpapier, ich habe bisher nicht herausgefunden, wie ich in deren Verteiler gelandet bin, aber für eine Abend-Vernissage oder einen Kinofilm ist mir die Fahrt nach Berlin doch zu weit. Der Punkt ist, dass das Bedrucken solcher Karten mit Braille sehr viel Geld kostet, in geringen Stückzahlen sogar noch mehr und es für die Meisten, an die das Teil verschickt wird komplett nutzlos ist.
In Griechenland soll ein Gesetz beschlossen worden sein, wonach alle Restaurants Speisekarten in Blindenschrift bereithalten sollen. Falls die Blindenschrift in GR nicht wesentlich weiterverbreitet ist als in Deutschland, dafür habe ich keinen Anhaltspunkt, frage ich mich schon, wer auf diese absolut sinnfreie Idee gekommen ist. Es ergeben sich durch Braille Probleme, die man nur als Blinder kennt: Da man die Texte mit dem Finger berühren muss und Papier ein hervorragender Träger für Fett ist, lagern sich nach und nach Keime in der Fettschicht auf den Buchstaben ab. Sind sie ein paar Mal gelesen worden, hat man also irgendwann eine wunderbare Keimschleuder insbesondere im gastronomischen Bereich. Von Speiseflecken reden wir gar nicht. Falls sich Papier dieser Art überhaupt desinfizieren ließe, würde wohl keiner auf die Idee kommen, dies zu tun. Mir persönlich ist es relativ egal, aber ich kenne Blinde, die kein Buch anfassen würden, welches ein Anderer gelesen hat. Es lässt sich natürlich einwenden, dass Geldscheine ähnlich verkeimt sind, mit diesen hat man aber selten so intensiven Kontakt.

Wer kann Braille?

Es ist ein offenes Geheimnis unter Blinden, dass die meisten Blinden kein Braille können. diejenigen, die eine Blindenschule besucht haben oder eine Blinden-Reha – eine blindentechnische Grundausbildung – gemacht haben, können in der Regel Braille. Für später Erblindete ist Braille schwierig zu erlernen und zu behalten.

Was regt sich der Alte auf

Nun schadet es auf den ersten Blick erst mal niemandem, wenn etwas mit Blindenschrift ausgestattet ist. Doch schadet es indirekt doch. Es bindet nämlich Ressourcen, die anderswo besser genutzt wären. Die Preise für Braille-Visitenkarten sind der absolute Wahnsinn und wie gesagt, wenn es nicht um Symbolik geht totale Verschwendung. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte haben möchte ist ohnehin gering. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte will und Blindenschrift lesen kann, ist jenseits bestimmter Branchen = 0.

Das Schweigen der Sehenden

Als Blinder mache ich häufig Witze darüber: Man hat mit einer sichtbaren Behinderung häufig Narrenfreiheit. Der Pulli ist dreckig, der Hosenstall offen, der Kerl riecht wie ein Iltis – macht doch nichts, er ist blind. Sag lieber nichts, sonst ist er traurig, beleidigt oder verklagt dich wegen Diskriminierung.
Ein ähnlicher Mechanismus greift, wenn es um Maßnahmen zum Thema Blindheit geht. Wer hier als Sehender mit Geld oder Logistik-Problemen argumentiert, darf sich auf einen Shitstorm vorbereiten. Das hat zur Folge, dass sich jeder Unsinn mit dem Argument Inklusion oder Barrierefreiheit verkaufen lässt. Es ist aber nun mal so, dass die Ressourcen endlich sind und wer Geld für Blödsinn ausgegeben hat, dem fehlt das Geld für sinnvolle Maßnahmen. Falls das mal bei den Beratern der Blindenverbände und wer immer noch in diesem Bereich aktiv ist ankommt, können wir vielleicht mal dazu übergehen, Maßnahmen vorzuschlagen, die nicht nur symbolisch, sondern auch praktisch nutzen. Mal ehrlich, welche Sehenden-Organisation würde es heute wagen zu sagen, dass ihnen etwa Braille-Beschriftungen zu teuer sind und das Leitsysteme in kleinen geschlossenen Gebäuden so überflüssig wie ein Kropf sind? Wir stoßen hier auf die Schattenseite der Geschäftemacherei mit Inklusion und Barrierefreiheit.
Man kann mir gerne vorwerfen, dass ich etwa XING und andere Anbieter für ihre mangelhafte Barrierefreiheit kritisiert habe. Doch habe ich immer meine Gründe dafür genannt: Es gibt etwa ein Quasi-Monopol, die Ressourcen sind vorhanden oder man hat sich selber seiner Barrierefreiheit gerühmt oder ist verpflichtet.

Was ist die Lösung?

Nun bin ich niemand, der gerne meckert ohne eine Alternative zu präsentieren. Und diese ist so einfach, dass es mich wundert, warum sie niemand nennt: Sie heißt fühlbare Schwarzschrift. Schwarzschrift nennen wir die Schrift, die Sehende lesen. Sie fühlbar zu machen, ist kein großer Aufwand. Wir haben entsprechende Maschinen, wir haben 3D-Drucker, wir haben Stoff, der sich leicht ausschneiden und aufkleben lässt.
Der Vorteil dieser fühlbaren Schrift ist, dass sowohl spät Erblindete sie lesen können als auch blind geborene Kinder. Letztere müssen die Schwarzschrift in der Schule lernen. Und es schadet ihnen nicht, auch später noch die Form der Schwarzschrift-Buchstaben zu kennen.
Die Zeichen können auch von Personen gelesen werden, die wir in der Blindenszene komplett ausklammern: Menschen, welchen die Sensibilität in den Fingern fehlt, um Braille lesen zu können. Jeder sehende Mensch, den ich bisher gefragt habe hatte große Probleme, die Punkte komplexerer Braillezeichen wie etwa dem K, dem O und so weiter taktil zu erkennen.
Die Buchstaben aus Kunststoff oder Metall können sehr einfach hygienisch sauber gehalten und ggf. ersetzt werden. Vor allem können sie von Sehenden gelesen werden, womit diese feststellen, ob die Informationen noch stimmen. Das ist ja etwa das Problem bei Bürobeschriftungen: Es stehen zwar die Nummern der Büros auf den Schildern, nicht aber die Namen der jeweiligen Mitarbeiter, weil das organisatorisch, finanziell und platztechnisch schwierig ist.
Einen Vorteil gibt es für stark Sehbehinderte: Sie können die Buchstaben ebenfalls abtasten. Für sie ist es nämlich nachteilig, wenn sich die Büro-Beschriftungen auf Hüft- und nicht auf Kopfhöhe befinden, weil sie sie sich eventuell vorbeugen müssen, um die hüftigen Beschriftungen zu lesen.
Längere Texte damit zu produzieren ist natürlich nicht sinnvoll. Viele Buchstaben abzutasten ist nicht komfortabel möglich. Doch was spricht dagegen, dem Blinden ein iPhone zu geben, auf dem er die Speisekarte tagesaktuell ablesen kann? Die paar Gesten, die er dafür braucht, kann man ihm zur Not auch zeigen. Und wenn er damit nicht klarkommt, wird die Speisekarte oder was auch immer selbständig lesen zu können sicher nicht sein größtes Problem sein. Eine weitere Möglichkeit wäre ein einfacher DAISY-Player, den der Betreiber des Etablissements im Zweifelsfall selbst besprechen und dadurch tagesaktuell halten könnte.

Fazit

Vieles von dem, was angeblich für Blinde gemacht wird ist leider reine Symbolpolitik. Ich habe nichts gegen Braille und übrigens auch nichts gegen Symbolik, doch endet mein Verständnis da, wo der Symbolik nichts Praktisches für die Mehrheit der Blinden gegenübersteht. Mir ist es trotz Braille noch kein einziges Mal gelungen, meinen Sitz im ICE selbständig zu finden. Die Sanitäranlagen abzutasten dürfte für jemanden ohne sehrest eine etwas widerliche Angelegenheit sein.
Und die Verantwortlichen glauben tatsächlich, den meisten Blinden etwas Gutes getan zu haben. Wir kennen das schon aus der Verhaltensforschung: Es gibt das Phänomen, dass Personen, die etwas Gutes getan haben glauben, sich schlechter benehmen zu dürfen, es ist sozusagen das Karma des Verhaltens, am Ende kommt Plus Minus Null raus. der Schaffner fragt sich etwa, warum er den Blinden zum Platz führen soll, wenn die Bahn doch zehntausende Euro für Platzbeschriftungen ausgegeben hat. Der Restaurant-Besitzer hat 200 Euro in die Karte in Blindenschrift investiert, aber der Blinde will vom Kellner vorgelesen haben, was es gibt. Der Hotel-Angestellte will den Blinden nichts auf sein Zimmer bringen, es ist doch alles mit Braille beschriftet, wofür soll denn das gut gewesen sein? Warum haben wir jetzt dieses Leitsystem installiert, wenn der Blinde trotzdem kreuz und quer läuft? Und diese Fragen sind leider berechtigt, denn wer immer diese Systeme angepriesen oder verkauft hat, hat die Zuständigen nicht richtig aufgeklärt, im Zweifelsfall natürlich, weil er ohne Auftrag kein Geld verdient.

Newsletter zur digitalen Barrierefreiheit – Oktober 2018

Wordpress auf einem TabletWenn man etwas zwei Mal macht, ist es eine Tradition, wie wir Rheinländer sagen. Von dem her: Willkommen zum traditionellen zweiten Newsletter zur Barrierefreiheit. Den Ersten könnt ihr hier nachlesen. Wer ergänzen mag, gerne in den Kommentaren.
In der internationalen Szene hat der Rücktritt der WordPress-Accessibility-Chefin Rian Rietveld große Wellen geschlagen. WordPress hat mit dem Gutenberg-Editor schön gezeigt, wie man Barrierefreiheit nicht umsetzt, das nennt sie als Grund für ihren Rücktritt.
Klingt wie ein Oktoberscherz: Australische Forscher haben eine Schrift namens Sans Forgetica entwickelt. Sie soll dabei helfen, Informationen besser zu behalten. Für Seh- und Lesebehinderte gilt das wohl nicht, die Schrift sieht für mein unscharfes Auge aus, als ob Teile der Buchstaben fehlen.
Nebenbei hat die EU die Audiovisual Media Services Directive (AVMSD) im Oktober abgesegnet. Sie soll u.a. Verbesserungen bei der Barrierefreiheit im Rundfunk bringen.
Die Deutsche Zentralbücherei hat ihren Leitfaden zu barrierefreien eBooks aktualisiert. Dort gibt es auch ein Tool, mit dem man sein eBook auf Barrierefreiheit prüfen kann.

Events

Das Highlight im November ist sicherlich der Accessibility Club in Berlin. Wer noch hin will, sollte sich beeilen, er findet am 5.11. statt.
Highlight im Oktober war das Online-Event Inclusive Design 24. Die Vorträge lassen sich online nachschauen.

Tools

Die Paciello Group hat ihren Color Contrast Analyzer upgedatet. Er unterstützt jetzt auch die Kriterien der WCAG 2.1.
Google hat mit Creatibility ein Projekt gestartet, das Tools für Kunst Kultur zugänglicher für behinderte Menschen machen soll.

Bücher

Schon im September ist das Buch “Mismatch – How Inclusion Shapes Design” von Katie Holmes erschienen. Die Designerin Holmes beschäftigt sich mit der Frage, warum u.a. behinderte Menschen früh im Konzeptionsprozenss berücksichtigt werden sollten und wieso das gut für die Angebotsentwicklung ist.

Wie schütze ich mich als Blinder vor Belästigung und Gewalt?

Ein stilisierter Karatekämpfer in schwarz auf weißem Grund.Eine session von Oliver auf dem gestrigen Sozialcamp hat mich dazu motiviert, über das Thema Sicherheit für Blinde und Sehbehinderte nachzudenken.
Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kriminalität statistisch gesehen abnimmt und es spielt auch keine Rolle, welche Nationalität oder Gesinnung ein Täter hat. Wenn ich überfallen werde, interessiert mich nicht, wie statistisch wahrscheinlich es ist, an diesem Ort überfallen zu werden.
Vielleicht bin ich der Einzige, der das spürt, doch gibt es in der Großstadt eine latente Aggressivität, die von so ziemlich jeden Bürger zwischen 13 und 60 ausgeht. Man drängelt sich vor, tritt einem auf die Füße, ohne sich zu entschuldigen, fahrrad-klingelt und hupt wie ein Vollidiot und so weiter. Diese Aggressivität kann jederzeit in latente Gewalt umschlagen. Vielleicht habe ich auch nur falsche Erwartungen an die Großstadt.
Hinzu kommt die tatsächlich zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Helfern wie Polizisten, Sanitätern oder Feuerwehrleuten. Lehrer, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte, Politiker – sie alle werden bedroht und leider bleibt es oft genug nicht bei Worten.
Ich möchte ausdrücklich dazu sagen, dass ich keine Angst davor habe, Opfer einer Gewalttat zu werden. Das liegt zum Einen daran, dass ich nicht wie ein leichtes Opfer aussehe, trotz meines Blindenstockes. Ich habe eine kräftige Statur und wirke wie ein Bulldozer, wenn ich durch die Landschaft pflüge.Wichtiger ist aber, dass ich Situationen aus dem Weg gehe, in denen ich Opfer werden könnte. Das Nachtleben reizt mich nicht, ich meide Menschengruppen und anrüchige Stadtviertel und wohne auch in einer Gegend, in der soweit ich weiß so gut wie nie etwas passiert.
Nichtsdestotrotz möchte ich hier ein paar Tipps sammeln, wie wir uns schützen können. Wenn ihr weitere Hinweise habt, schreibt sie gerne in die Kommentare, wenn ihr mögt auch anonym oder schickt mir eine Nachricht mit euren Hinweisen, ich werde sie dann gern hier veröffentlichen.

Risiken minimieren

Der erste Tipp, der immer gilt ist, dass wir Situationen vermeiden sollten, in denen Gefahren entstehen könnten. Noch mal zum Mitschreiben: Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, riskante Situationen für uns und unsere Lieben zu vermeiden, deshalb widmet sich fast der gesamte Beitrag diesen Vermeidungsstrategien. Am Ende des Beitrags sehen wir den Grund für diese Empfehlung.
Ich setze einmal voraus, dass ihr am Nachtleben und sonstigen Dingen teilnehmen wollt. Man kann auch zuhause überfallen werden und selbst, wenn da das Risiko gering ist: Wenn wir aus Angst zuhause bleiben, haben die Arschlöcher gewonnen.
Jeder kennt in seinem Heimatort die Ecken, in denen es gefährlich werden kann. Dazu gehören auch bestimmte Bahnstationen, Waldwege, Hinterhöfe und was euch noch so einfällt.
Man sollte auch nie zu würdevoll oder feige sein, um eine Begleitung durch einen Freund zu bitten und auch nicht zu geizig für ein Taxi.

Schau nicht wie ein Opfer aus

Schläger und Kriminelle sind in der Regel faule und feige Typen. Sie suchen sich ihre Opfer gezielt danach aus, ob sie leichtes Spiel mit ihnen haben. Bei Vergewaltigungen zum Beispiel geht es dem Vernehmen nach weniger um Sex als um Macht und Macht gibt es nur dort, wo sich jemand unterwirft.
Es sind vor allem Körpersignale wie ein geneigter Kopf sowie ein eiliger und verschüchterter Gang. Es gibt noch mehr Signale, die ich allerdings selber nicht kenne, da ich sie auch nicht bei Anderen wahrnehmen kann.
Auch das Äußerliche wie Aussehen und Kleidung können eine Rolle spielen. Flapsig gesagt: Habe ich mein Lieblingskuschltier an meinem Rucksack hängen, sehe ich nicht besonders wehrhaft aus.
Es gibt Selbstbehauptungstrainings zum Beispiel von den Frauenbüros, wo ihr genau so etwas lernen könnt – ein Stichwort dazu ist Wen-Do. Ob es was Vergleichbares für Männer gibt, weiß ich nicht.

Stetige Aufmerksamkeit bewahren

Das heißt, wir halten ständig unsere Umwelt im Auge. Als Blinde müssen wir das ohnehin tun, da wir ja ständig von Gefahren anderer Art wie Stolperfallen, Passanten oder Fahrzeugen umgeben sind.
Zusätzlich sollten wir unseren geistigen Fokus auf weitere verdächtige Elemente richten: Eilige Schritte, die direkt auf uns zukommen, verdächtiges Rascheln in einem Hauseingang, der Geruch eines Afterschaves, wo eigentlich niemand sein sollte und so weiter. Das klingt komplizierter, als es ist. Es geht darum, den Alltag achtsam wahrzunehmen und nicht die ganze Zeit nur auf das Handy zu hören oder gar Stöpsel im Ohr zu haben.

Körperliche Fitness bewahren

Generell ist es sinnvoll, eine Kampfkunst zu beherrschen. Ich kenne mich hierbei nicht aus, deswegen will ich keine Empfehlung abgeben. Als Selbstverteidigung wird Krav Maga häufig empfohlen. Ich kann aber nicht einschätzen, ob es für Blinde gut geeignet ist. Kampfkunst ist besser als Kampfsport, weil Kampfsportarten den sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellen. Es gibt auch Selbstverteidigungstraining mit dem Blindenstock, wobei ich ich mir nicht sicher bin, wie sinnvoll das ist. Ich selbst habe an solchen Kursen bisher nicht teilgenommen.
Generell gilt: Ein Selbstverteidigungstraining ist nichts, was man einmal und nie wieder macht. Sind die Bewegungen nicht durch regelmäßige Übung in Fleisch und Blut übergegangen, bringt es nichts und man kann es gleich ganz lassen. Entscheidend ist übrigens, dass man im Falle eines Falles auch bereit ist, das Gelernte auch gegen einen Menschen einzusetzen. Klingt banal, doch wir alle haben eine natürliche Abneigung dagegen, andere Menschen zu verletzen. Das ist durchaus sinnvoll und eine zivilisatorische Errungenschaft. Doch zögern wir im falschen Moment, wird uns das Gelernte auch nicht weiterbringen.
Außerdem sollte man generell auf die eigene Fitness achten. Bodybuilding ist absolute Show und ansonsten Zeitverschwendung. Aber eine gewisse Kondition und Kraft sollte jeder von uns schon seiner Gsundheit zuliebe haben.
Oliver empiehlt außerdem Trainings zur Stärkung der Gleichgewichts- und Körperkoordination. Es geht darum, seinen Körper zu kennen. Außerdem kann das unsereins bei der Sturzprävention helfen.
Ein Nebeneffekt körperlicher Fitness ist ein erhöhtes Selbstbewusstsein. Das ist natürlich immer nützlich, aber vor allem dann, wenn wir wie oben beschrieben nicht wie ein Opfer aussehen wollen.

Das hinguckende Weggucken

Klingt ein wenig nach Zen, ist aber recht simpel: Man sollte seine Mitmenschen im Auge behalten, ohne Blickkontakt herzustellen. Blickkontakt wird häufig als Aufforderung zu Irgendwas verstanden und kann auch als Ängstlichkeit interpretiert werden. Ebenso kann aber auch das krampfhafte Weggucken als Ängstlichkeit interpretiert werden. Der Mittelweg scheint also am sinnvollsten zu sein.
Das funktioniert natürlich nur für Sehrestler, aber Vollblinde können immerhin steuern, ob sie geradeaus oder auf den Boden schauen.

Allgemeine Tipps

Und hier ohne Priorität ein paar allgemeine Tipps:

  • Wenn wir irgendwo länger stehen, sollten wir immer eine Wand oder etwas Anderes im Rücken haben, so bieten wir weniger Angriffsfläche.
  • Taschen sollte man entweder am Körper tragen oder zwischen die Beine stellen. Ich staune immer wieder darüber, wie viele Blinde sich leichtfertig beklauen lassen. Wertsachen, die nicht ständig gebraucht werden, sollten zuhause bleiben
  • Wertsachen wie Brieftaschen oder teure Handys sollten möglichst nicht offen gezeigt werden. Sie wecken nur Begehrlichkeiten bei Anderen. BTW sollte man seine Kärtchen lieber in einer seperaten Brieftasche aufbewahren und nur das Bargeld in der Gesäß-Brieftasche haben. So ist man nicht gleich alles los, wenn man beklaut wird. Und vor allem kennt der Täter nicht Deine Adresse, weil er Deinen Personalausweis hat.
  • Man sollte immer mindestens einen Schritt Abstand zwischen sich und eine potentiellen Gefahrenquelle wie einer Straße, Bahnschienen oder einer Treppe haben. Ein kräftiger Stoß reicht schon aus, um uns umkippen zu lassen. In dem Zusammenhang sollte man sich auch immer so hinstellen, dass man einen sicheren Stand hat, also etwa das Hauptgewicht auf dem hinteren Bein haben, das zweite Bein nach vorn stellen und die Füße leicht spreizen, so kann man weniger leicht von hinten oder von der Seite umgestoßen werden.
  • In Bus und Bahn sollte man sich nie in eine Situation begeben, in der man bedrängt werden kann. Also nicht auf die Innenseite setzen und wenn sich jemand neben euch setzen möchte, steht auf und lasst ihn rein oder er hat Pech gehabt.
  • Wenn ihr alleine seid, tut so, als ob ihr zu einer Gruppe gehört. Stellt Euch nahe der Gruppe auf oder setzt euch in den Öffis in deren Nähe. Natürlich nur, wenn diese Gruppe harmlos ist, sie zum Beispiel aus Frauen und Männern besteht.
  • Nutzt lieber Haltestellen, an denen viele andere Menschen aus- bzw. zusteigen, auch wenn die Wege dadurch länger werden
  • Hauptstraßen sind immer besser als Nebenstraßen, auch wenn der Weg dann länger dauert.
  • Verwendet immer bekannte Wege, wenn ihr nachts unterwegs seid. Dort seid ihr wahrscheinlich, fühlt euch aber auf jeden Fall sicherer.
  • Reizgas ist in den meisten Situationen Mist, schlecht zu finden und das Meiste kriegt man selbst ab, wenn man überhaupt zum Schuss kommt. Das Gleiche gilt für Messer.
  • Nehmt möglichst immer eine Person eures Vertrauens mit, auch wenn diese Person euch nervt.
  • Lasst niemanden ins Haus, wenn er euch nicht bekannt oder angemeldet ist. Wenn jemand von einer Behörde oder anderen Stelle sein will, ruft dort an. Am besten geht ihr nicht an die Tür, wenn ihr nicht jemanden erwartet

Und wenn es doch passiert

Was im Falle eines Falles zu tun ist, hängt immer von der konkreten Situation ab: Wenn jemand euer Handy oder eure Brieftasche will, dann gebt sie ihm. Wer ein teures Handy oder eine Brieftasche voller Bargeld mit sich schleppt oder den PIN auf die Bankkarte geschrieben hat, ist danach hoffentlich trotzdem unverletzt, am Leben und hat eine gute Lektion gelernt.
Andere Situationen sind komplizierter: Im Zweifelsfall ist es immer schwierig für uns, eine Gefahrensituation richtig einzuschätzen. Folgende Möglichkeiten gibt es:

  • Um Hilfe rufen: So laut wie möglich um Hilfe rufen. Schon die mögliche Aufmerksamkeit der Umgebung kann helfen.
  • Weglaufen, wenn man sich das zutraut: Für unsereins ist es schwierig, doch manchmal möglich. Wie oben erwähnt sind die meisten täter zu faul oder zu feige, um euch zu folgen, um so mehr, wenn ihr beim Weglaufen um Hilfe schreit.
  • Verhandeln: Damit ist nicht gemeint, um Gnade zu flehen, sondern eher etwas wie “Verpiss Dich, Du Arschloch”. Wie gesagt haben es die Täter auf leichte und ängstliche Opfer abgesehen und sie riechen Angst noch drei Meilen gegen den Wind. Wenn jemand sich so verhält, als ob er sich wehren kann und wird, wird man im Zweifel von ihm ablassen.
  • Kämpfen: Ich nenne dies als Letztes, weil wir praktisch keine Situation richtig einschätzen können. Der Täter ist nicht so nett, uns zu sagen, ob er einen Baseballschläger, ein Messer oder eine Pistole auf uns richtet. Er sagt uns nicht, ob er Kickboxer, oder Judomeister ist. Wir sehen nicht, ob er kräftig oder ein Würstchen ist. Mit anderen Worten: Wir können unseren Gegner und die Umgebung null einschätzen
    und wenn wir kämpfen, müssten wir von Anfang an darauf setzen, den Gegner möglichst mit dem ersten Akt auszuschalten, denn ein leichter Angriff wird ihn eher aggressiver machen und was er als Nächstes tun wird, wissen wir nicht. Wie oben geschrieben müssen wir bereit sein, den Anderen ggf. zu verletzen und sind wir das nicht, sollten wir lieber davonlaufen.

Deswegen sollten wir, wie oben geschildert, immer versuchen zu vermeiden, in solche Situationen zu kommen.
Einem Kampf aus dem Weg zu gehen ist Klugheit und nicht Feigheit, denn in den meisten Fällen werden wir keine Chance haben, unversehrt aus so einer Situation zu kommen.
Tipps für Frauen bietet auch der DBSV in einer kostenlosen Broschüre.

Mein Rückblick auf das #Sozialcamp 2018

Schriftzug Barcamp Soziale Arbeit 2018Am 25. und 26. Oktober 2018 fand das mittlerweile dritte Barcamp Soziale Arbeit statt. Wie fast immer möchte ich einen kleinen Rückblick wagen. Infos und Material zu meinen Sessions findet ihr ganz unten.
Das Barcamp war wie immer hervorragend organisiert. Nur das W-Lan hat zwischendurch gelahmt.
Gut gefallen hat mir, dass sich viele Frauen beteiligt hatten und auch jüngere Menschen dabei waren. Sie sind auf Barcamps normalerweise Mangelware. Erstaunlich war der Personenschwund am Freitag, aber das lag sicherlich nicht an der Qualität des Barcamps.
Nur eine kritische Anmerkung sei mir erlaubt: Auch wenn das Fotografieren fremder Personen heute zum Volkssport gehört, finde ich eine Generalvollmacht dafür eher fragwürdig. Es gibt nun mal Leute, die sich nicht fotografieren lassen möchten. Sie würden sich an einem Barcamp nicht anmelden, bei dem sie praktisch jeder ablichten kann und sie nicht wissen, was mit den Fotos passiert. Ich denke da zum Beispiel an Mobbingopfer. Es kostet nichts, die Leute vorher um Erlaubnis zu bitten. Anonymität ist dank der Namensschilder und der Möglichkeiten der Gesichtserkennung heute selbst in einer Menschengruppe nicht mehr garantiert.

Rückblick auf die Sessions

Wie immer ein kleiner Rückblick auf Sessions, die ich besucht habe, natürlich 100 Prozent subjektiv. Soweit mir die Namen bekannt sind, verlinke ich hier ihre Twitterprofile. Ob sie Materialien online haben, fragt ihr am besten dort an. Die Beschreibungen erfolgen hier nicht-chronologisch.

Fremde Sessions

Interessant, wenn auch für mich nicht neu war die Session von Helpteers. Helpteers versucht mit modernen Ansätzen, Projekte und Freiwillige zusammenzubringen.
Das ist ein cooles Projekt und ich wünsche den Kollegen weiterhin viel Erfolg.
Weniger gelungen fand ich die Session von Benjamin zum Thema Digitalisierung und Kinder. Eine Tirade gegen Manfred Spitzer und eine Polemik gegen den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans Georg Masen blieb uns nicht erspart. Auch wenn man da seiner Meinung sein kann, ich bin immer maximal genervt, wenn mir jemand seine Ansichten als einzige Wahrheit aufs Brot schmieren möchte und das als Diskussionsbeitrag verkauft.
Wie bei vielen Medienpädagogen fällt auch bei Benjamin auf, dass man die Probleme der Digitalisierung bei Kindern und Jugendlichen geradezu zwanghaft leugnet. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass man sich nicht mit den Problemen der Unterschicht-Kinder beschäftigen möchte. Bei diesen Kindern zeigen sich die Folgen der Digitalisierung wie Übergewicht und Kommunikationsprobleme ganz real. Ich stamme selber aus dieser Schicht und kann das deshalb vielleicht besser beurteilen. Dennoch fände ich es nett, wenn das auch die Mittelschichts-Pädagogen zur Kenntnis nehmen würden. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Diskussion darüber erwünscht war und habe es daher nicht zur Sprache gebracht.
Eine weitere Session drehte sich um den digitalen Wandel in Organisationen, hier speziell den Caritassen, ich hoffe, der Plural ist hier falsch gebildet worden. Wie jede Groß-Organisation kämpft auch die Caritas mit der Frage der Digitalisierung. Hinzu kommen die diversen Hierarchien innerhalb der Organisationen sowie natürlich das Problem, dass es die lokalen, regionalen und Bundes-Akteure gibt. Da war allerdings nichts dabei, was man aus dem Change-Management nicht bereits kennt. Ich habe da live getwittert und wenn ihr mögt, könnt ihr das dort nachlesen.
Gut gefallen haben mir die beiden Sessions von Oliver: Da ging es zum einen um die Auswahl von Fotos für Social Media und in einer zweiten Session um Selbstverteidigung.
Das Fazit von Session 1: Ein Social-Media-Posting sollte stets von einem Foto begleitet werden. Die fotos sollten möglichst aufmerksamsstark ausgewählt werden. Es gab noch ein paar allgemeine Tipps zur Fotografie, die ihr aber auch woanders nachlesen könnt. Bei der zweiten Session habe ich mitgetwittert, ihr könnt das also auf Twitter nachlesen. Nur als kleine Ergänzung: Bitte beschreibt eure Bilder auf Twitter und Facebook für Blinde. Beide Plattformen stellen dafür technische Möglichkeiten zur Verfügung.

Meine Sessions

Ich hatte zwei Sessions: Eine zum Thema barrierefreies Internet, zum anderen eine Diskussionsrunde zum Thema Inklusion. Die Materialien zu Barrierefreiheits-Session habe ich online gestellt. Wer Slideshare doof findet, fragt mich einfach an.

Eine Teilnehmerin fragte nach Social Media, auch dafür stehen Infos von mir online.

In der Inklusions-Session ging es um zwei Fragestellungen:

  • Was sollte man Besonderes beim Marketing und Inklusion beachten? Dabei wurde der Leitfaden vom Campaign Boost Camp empfohlen.
  • Zum Zweiten fragte eine Teilnehmerin nach Möglichkeiten der Vernetzung. Dabei ging es um die Initiative Bonn Rhein Sieg fair-bindet. Sie will Arbeitgeber und behinderte Arbeitnehmer zusammenführen und sucht zusätzliche Verbindungen nach beiden seiten.

Entscheidungshilfe: Wann ist ein barrierefreies PDF sinnvoll?

PDF-LogoPDF hat sich als Standardformat für gestaltete Informationen im Web und für die Verbreitung via E-Mail und anderer Dienste etabliert. Doch schaut man auf den Aufwand, der in PDFs im Allgemeinen und in barrierefreien PDFs im Besonderen steckt, macht das Format heute nicht mehr so viel Sinn. Dieser Entscheidungsbaum soll Ihnen helfen zu entscheiden, ob und wann ein PDF sinnvoll ist.
Bedenken Sie generell:

  1. Ist ein PDF erst mal in der Welt, kann dessen Verbreitung nicht mehr kontrolliert werden. Niemand weiß, wie viele veraltete Informationen in PDFs im Internet und auf Festplatten lagern und wie viele heruntergeladen und immer weiter verteilt werden. Aber es dürften allein in Deutschland einige Millionen sein.
  2. Während die Erstellung eines PDFs immer mit einem größeren Aufwand verbunden ist, kann Inhalt praktisch ohne Aufwand online gestellt und wieder offline genommen werden. Im Grunde würden PDFs, die im Internet stehen ein permanentes Monitoring erfordern, was aber in der Praxis selten gemacht wird. Ist ein PDF nicht verlinkt, kann es dennoch von Suchmaschinen gefunden werden. Es kann sein und ist häufig wahrscheinlich, dass ältere PDF-Dokumente leichter gefunden werden als aktualisierte PDF-Dokumente oder Webseiten.
  3. Während sauber erstellte HTML-Inhalte problemlos in ein neues Layout oder Corporate Design überführt werden können, muss ein PDF im Prinzip komplett neu gelayoutet werden. Im Grunde erfordert jede größere Änderung, dass vielleicht eine Seite, oft aber das ganze Dokument neu gesetzt werden muss.

Bestimmte Hilfstechniken wie das Anpassen der Schriftart funktionieren in PDF nur eingeschränkt und erfordern häufig spezielle Reader-Programme. Während fast jeder weiß, wie er im Browser Texte zoomt, ist der Umfliessen-Modus im Adobe Reader unter vielen unbekannt, die davon profitieren könnten. PDF ist damit das am wenigsten komfortable Mainstreamformat.
Als Alternative zu PDF gehen wir hier von normalen Webseiten aus. Möglich wären auch ePub oder typische Office-Formate, diese sind aber aus verschiedenen Gründen unüblich und es wirkt zumindest bei Office-Formaten auch schnell unprofessionell. Zudem gelten vor allem die Formate von Microsoft als Sicherheitsrirsiko, werden also potentiell geblockt oder in den Spam geschoben. ePub ist auf mobilen Geräten problemlos darstellbar, aber nicht unbedingt auf Desktop-PCs. Bei PDFs ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass der Nutzer ein Programm zu deren Darstellung auf dem System hat.
Tatsächlich wird PDF in vielen Fällen nicht eingesetzt, weil es das beste Format für den jeweiligen Zweck wäre. Vielmehr wird es verwendet, weil es quasi als Abfallprodukt einer Druckvorlage angefallen ist.

Entscheidungsbaum: PDF ja, , vielleicht oder nein

Unter “ja” finden Sie Argumente, die klar für ein PDF sprechen.

Unter “vielleicht” finden wir Anforderungen, die mit PDF, aber auch mit HTML erfüllbar sind.
Unter “nein” finden wir Anforderungen, die von Webseiten besser erfüllt werden können als von PDFs.

Ja

Die Informationen bleiben lange Zeit aktuell, mindestens 1 Jahr.
Die Ressourcen Zeit, Geld und Personal für die Erstellung eines barrierefreien PDFs sind vorhanden.
Die Informationen sind umfangreich – mindestens 6.000 Zeichen – und werden wahrscheinlich nicht in einem Rutsch gelesen.
Die Informationen müssten, wenn sie online stünden, auf mehrere Webseiten verteilt werden.
Barrierefreie PDFs können im eigenen Hause erstellt werden.

Vielleicht

Die Informationen werden vom Leser später vermutlich noch einmal benötigt.
Die Informationen werden wahrscheinlich ausgedruckt
Die Informationen werden per Mail verteilt.
Die Informationen sollen visuell anspruchsvoll gestaltet sein.
Die Informationen sollen nur an einen beschränkten Nutzerkreis gehen.
Die Informationen sollen dem Nutzer auch zugänglich sein, wenn er keinen Internetzugang hat.
Ein erfahrener Dienstleister ist vorhanden und hat die Ressourcen.

Nein

Die Informationen müssen regelmäßig aktualisiert werden.
Die Informationen werden nur einmal oder nicht regelmäßig gebraucht.
Die Ressourcen Personal, Geld und Zeit für ein barrierefreies PDF sind nicht vorhanden.
Die Informationen haben nur kurze Zeit Gültigkeit.
Die Informationen werden wahrscheinlich auf einem Smartphone/kleinen Display gelesen.
Die Informationen sollen etwa über ein Formular in eine Datenbank eingespeist werden.
Das Dokument enthält eingebundene oder interaktive Elemente wie Multimedia.
Es ist kein erfahrener dienstleister vorhanden oder bekannt.
Die Informationen müssen schnell veröffentlicht/verteilt werden.

Webseiten und Apps mit Android TalkBack auf Barrierefreiheit testen

Bild eines Android-Handys mit den AppsHeute möchte ich euch zeigen, wie ihr Webseiten und Apps mit dem Screenreader TalkBack auf Barrierefreiheit für Blinde überprüfen könnt. Diese Anleitung richtet sich nicht an blinde Nutzer, diese werden hier fündig. Eine analoge Anleitung für VoiceOver auf iOS findet ihr hier.
Nur um ein Missverständnis zu vermeiden: Eine App, die für Blinde funktioniert ist deshalb für andere Gruppen von behinderten nicht barrierefrei.
TalkBack ist seit Android 4.0 im Android-System fest integriert. Ihr müsst es also nicht installieren. Sollte es doch nicht auf eurem Gerät sein, könnt ihr es über den PlayStore wie eine beliebige andere App installieren.
TalkBack wird anders als Apples VoiceOver unabhängig vom Betriebssystem aktualisiert. Es reicht also prinzipiell auch ein Smartphone mit einer älteren Android-Version. Die Kernfunktionen sind die Gleichen. Allerdings stehen natürlich nicht die Features zur Verfügung, wenn dafür auf die Kernfunktionen neuerer Android-Versionen zuggegriffen werden muss.
Disclaimer: Diese Anleitung soll Entwicklern helfen, die ihre App entwickungsbegleitend prüfen wollen oder die nicht die Möglichkeit haben, die Anwendung durch einen Blinden testen zu lassen. Der Test durch einen blinden Nutzer ist in jedem Fall vorzuziehen, da er mit der Steuerung und dem Output eines Screenreaders vertraut ist. Und auch wenn eure Anwendung für euch fehlerfrei funktioniert heißt das nicht, dass sie auch für einen Blinden funktioniert. Ein Blinder kann nicht einfach auf den Screen schauen, wenn er mit TalkBack nicht weiterkommt. Könnt ihr die App nicht durch behinderte Nutzer testen, solltet ihr zumindest die Nutzer zum Feedback auch zur Barrierefreiheit einladen und dieses Feedback auch dafür nutzen, die App zu verbessern.
Tipp: Es sollte nicht das billigste und älteste Gerät sein. Die Empfindlichkeit des Touchscreens ist für Sehende nicht so wichtig, für Blinde aber schon. Außerdem leidet natürlich die Performanz, wenn TalkBack als zusätzliche Anwendung mitläuft.
Hinweis: TalkBack unterstützt auch Braillezeilen. Allerdings muss dafür die App BrailleBack installiert werden. Also nicht wundern, dass ihr keine Einstellungen für Braille findet.
Und noch ein Hinweis: TalkBack richtet sich speziell an blinde Nutzer. Für lesebehinderte oder sehbehinderte Personen gibt es eigene Bedienungshilfen, die aber anders funktionieren. TalkBack ist also für diese Gruppen eher nicht gedacht, auch wenn es für sie leicht erlernbar wäre. In den Bedienungshilfen findet ihr alle Hilfen, die es für behinderte Nutzer unter Android gibt.

TalkBack einschalten

Screenshot der BedienungshilfenUm TalkBack einzuschalten, geht ihr auf Einstellungen, dort auf Bedienungshilfen, dort auf TalkBack und wählt dort den Button An.

TalkBack und die Bedienung

TalkBack verändert die Bedienung des Smartphones. Beim Berühren des Displays wird angesagt, was Du gerade unterm Finger hast. Mit einem Doppeltipp werden die ausgewählten Elemente aktiviert. Ein Rechteck umrahmt das Element, dass TalkBack gerade fokussiert hat.
Daneben gibt es noch drei grundlegende Gesten bei TalkBack:

  • Das Wischen von links nach rechts bzw. von rechts nach links bewegt den Fokus des Screenreaders. Es ist das Äquivalent zum tab auf der Hardware-Tastatur. Blinde wechseln so von Element. Da sie nicht das gesamte Display sehen könnenn, würde wildes Rumwischen sie nicht zum Ziel führen.
  • Das Wischen von oben nach unten und umgekehrt legt fest, was vorgelesen wird. Wir können zum Beispiel Standard-Elemente, Überschriften oder Formular-Elemente auswählen, diese werden dann direkt mit der gerade erwähnten Links-Rechts-Wischgeste fokussiert.
  • Um zu scrollen werden zwei Finger auf das Display gelegt und in die Richtung bewegt, in welche ihr scrollen wollt. Das geht also sowohl horizontal als auch vertikal

Noch eine Besonderheit ist zu erwähnen: Slider werden nicht mit dem Finger, sondern mit dem Lautstärke-Regler bedient.

Entwickler-Optionen

In den Entwickleroptionen findet ihr ebenfalls nützliche Funktionen.
Screenshot der Entwicleroptionen
Wenn ihr “Sprachausgabe anzeigen” aktiviert, wird euch die Sprachausgabe im unteren Teil des Displays als Text ausgegeben.

Globales Kontextmenü

Für Sehende praktisch ist das globale Kontextmenü. Dort findet ihr viele wichtige Einstellungen.
Das globale Kontextmenü wird aufgerufen, indem du in einer Bewegung von oben links nach unten und dann rechts wischt. Es sieht aus, als würde man ein L auf dem Bildschirm malen.
Foto des globalen Kontextmenü
Hier die wichtigsten Optionen im Globalen Kontextmenü

  • Von oben an lesen: Der gesamte Bildschirm-Inhalt wird vorgelesen.
  • Vom nächsten Element an lesen: TalkBack liest alles, was auf das aktuell fokussierte element folgt.
  • TalkBack-Einstellungen: Hier könnt ihr schnell auf die TalkBack-Einstellungen zurückgreifen oder es auch abschalten.

Text-Eingabe

Für die Eingabe von Text kann die Standard-Tastatur von Android verwendet werden. Tippt also in ein Feld, in welches ihr Text eingeben wollt. Fahrt nun mit dem Finger über den Buchstaben, den ihr tippen wollt.
Wichtig ist, dass Android bei aktiviertem TalkBack den Buchstaben schreibt, wenn ihr den Finger hebt. Der Buchstabe muss also nicht wie bei iOS VoiceOver erst fokussiert und dann getippt werden.

Apps und Webseiten prüfen

Da die Bedienung von nativen Apps und Webseiten generell recht ähnlich ist, unterscheide ich hier nicht weiter zwischen diesen Systemen.

  • Textelemente wie Überschriften, Zitate, Listen und so weiter sollten korrekt benannt und von TalkBack ausgegeben werden.
  • TalkBack sollte automatisch die richtige Sprache sprechen, also bei deutschen Apps Deutsch, bei englischen Englisch und so weiter. Klingt etwas auf einmal Chinesisch oder Koreanisch, stimmt etwas nicht. Das hatte ich durchaus schon.
  • Bilder sollten eine Beschreibung für Blinde ausgeben, wenn sie nicht dekorativ sind.
  • Alle Bedienelemente sollten ihre Aufgabe, ihre Funktion und ggf. den Status ausgeben. Eine Checkbox etwa wird als Checkbox vorgelesen. Natürlich sollte klar sein, was mit der Checkbox aus- oder abgewählt werden kann. Und es sollte ausgegeben werden, ob sie aktiviert, deaktiviert oder teilweise aktiviert ist. Für die gängigsten Bedienelemente wie Buttons, Radio-Buttons, einzeilige und mehrzeilige Eingabefelder sollten ebenfalls diese Informationen ausgegeben werden.
  • Bei Schibereglern gilt eine Besonderheit. Sie werden mit den physischen Lautstärkeregler des Geräts gesteuert. Der Regler muss zunächst fokussiert werden, was man am Rechteck erkennt. Mit lauter erhöht man den Wert, mit leiser verringert man ihn.
    dekorative Elementte wie Hintergrund-Bilder, Farbverläufe und andere funktionslose Elemente sollten nicht vorgelesen werden und nicht mit TalkBack fokussierbar sein. Sie können und sollten also bei der Links-Rechts-Wisch-Geste übersprungen werden.

Weiterführendes

Newsletter: Neuigkeiten zur digitalen Barrierefreiheit im September 2018

Kalenderblatt SeptemberIn diesem Beitrag möchte ich Euch berichten, was im September 2018 Interessantes zur digitalen Barrierefreiheit passiert ist. Das werde ich ab jetzt monatlich tun, bis ich keine Lust mehr habe.

Hintergrund dieses Newsletters

Kurz zum Hintergrund: Es passiert aktuell relativ viel im Bereich digitale Barrierefreiheit. Es gibt zwar einige Webseiten, die gelegentlich über Neuerungen berichten, aber eine guten Gesamtüberblick zum Beispiel für einen Monat gibt es nicht.
Dieser Beitrag ist nicht als umfassender Überblick zu verstehen. Trotz Twitter et al mag es Dinge geben, die ich verpasst habe. Deshalb ist jeder eingeladen, seine Links in den Kommentaren zu veröffentlichen.
Ursprünglich hatte ich vor, das Ganze als E-Mail-Newsletter zu veröffentlichen. Doch fehlt mir die Zeit und Lust, mich in die entsprechenden Tools einzuarbeiten. Erst recht habe ich keine Lust, mich mit den Details der Datenschutz-Grundverordnung zu beschäftigen, Wer informiert werden möchte, wenn es was Neues gibt, , muss deshalb den Blog abonnieren, zum Beispiel per RSS. Wer das nicht möchte, sollte am Anfang des Monats in den Blog schauen. Wer das alles nicht möchte, hat Pech gehabt.
Die Zielgruppe sind vor allem Menschen, die sich nicht hauptsächlich mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigen. Die wären ohnehin gut informiert. Vielmehr möchte ich Leute mit Grundkenntnissen und interessierte Laien erreichen.
Der Fokus liegt auf interessanten Artikeln, neuen Tools, neuen Entwicklungen sowie Veranstaltungen.

Was so passiert ist

Highlight des Jahres ist sicherlich das Inkrafttreten der EU-Richtlinie 2016/2102 für barrierefreie Webseiten und mobile Anwendungen am 23.9.2018. Sie verpflichtet alle öffentlichen Einrichtungen der EU, ihre Webseiten und Apps barrierefrei zu machen. Grundlage ist dabei die WCAG 2.1. Die Richtlinie sorgt also für einen einheitlichen EU-weiten Standard.
Ebenfalls ist im September die WCAG 2.1. in die Europäische Norm 301 549 aufgenommen worden. Diese Nummer könnt ihr sofort wieder vergessen, sie ist die Grundlage für die o.g. EU-Richtlinie.

Veranstaltungen

Hervorragende Veranstaltung im September war der Webkongress Erlangen 2018 mit mehreren Vorträgen zur Barrierefreiheit im Internet. Die Beiträge stehen schon online, Respekt dafür an die Veranstalter.
Das M-Enabling-Forum am 27. September war ebenfalls interessant. Dazu habe ich einen kleinen Rückblick geschrieben.
Highlight im Oktober wird sicherlich das Online-Event Inclusive Design 24 werden. Am 11. Oktober wird es 24 Stunden lang Vorträge rund um inklusive Gestaltung geben. Wer nicht an Schlaflosigkeit oder Kaffee-Sucht leidet, die Beiträge kann man auf YouTube auch später noch nachschauen.
Ich unterhalte eine Liste von weiteren interessanten Events zur digitalen Barrierefreiheit.

Interessante Artikel im September

Der A11y Styleguide ist ein Projekt, das Designer an die barrierefreie Gestaltung heranführt.
Eine kleine Artikelserie auf Knowbility informiert über die Neuerungen in der WCAG 2.1 gegenüber der WCAG 2.0.

Neue Tools

Das Free PDF Validator Plugin scheint neu zu sein, war mir zumindest nicht bekannt.
Leider muss man es beim anbieter CommonLook anfordern, so “free” ist es also nicht. Auch habe ich nicht herausgefunden, wo das Plugin eigentlich eingesteckt werden soll, ich tippe mal auf Acrobat Pro. Aber die Beschreibung klingt zumindest vielversprechend.

Mein Rückblick auf das m-Enabling-Forum 2018

Menschen schauen sich eine Präsentation auf dem M-Enabling-Forum an.Am 27.9.2018 fand das M-Enabling-Forum 2018 in Düsseldorf parallel zur Rehacare statt. Es war ein reichhaltiger Tag. Heute gibts einen kleinen Rückblick. Leider weiß ich nicht, ob und wie die Teilnehmer ihre Inhalte online stellen. Wenn das passiert, werde ich das hier verlinken.

Organisation

Für meinen Geschmack organisatorisch nicht ganz geschickt: Konferenzen sollten frühestens um 10 Uhr beginnen. Und 9 Stunden waren dann zu viel des Guten.
Ein offenes W-Lan fürs Twittern wäre auch nett gewesen. Hier hat man Potential für die Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Im Saal selbst gab es gar keinen Mobil-Empfang, auch ein wenig seltsam für eine Messe Düsseldorf.
Auch hätte man mehr Interaktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Publikum ermöglichen sollen. So glich es eher einer Produkt-Schau

Das Programm

Wenn man ein paar dieser Konferenzen besucht hat und im Thema ist, erfahrt man irgendwann nichts mehr Neues. Im Vordergrund steht vor allem der Austausch unter den Besuchern.
Interessant und für mich neu waren die Bemühungen, Barrierefreiheit zu zertifizieren. Ich selbst bin kein Fan solcher Programme. Sie riechen immer ein wenig nach Stempel drauf und für die nächsten zehn Jahre erledigt. Doch mag es in einigen Fällen sinnvoll sein.

Apple nervt

Nervtötend war das Statement von apple. Ich nutze gerne die Geräte von Apple. Was mich allerdings ärgert ist, wenn ein Konzern, der fast 1 BillionenDollar wert ist so tut, als ob Barrierefreiheit für ihn kein Geschäftsfaktor wäre. – Die Eyes-Free-Technologien zum Beispiel kommen auch Autofahrern zugute. Es gibt reichlich Blinde, welche gleich mehrere Produkte von Apple besitzen. Da kann man nicht ernsthaft so tun, als ob Barrierefreiheit reine Wohltätigkeit wäre. Wohlgemerkt, es stört mich nicht, dass Apple damit Geld verdient, sondern dass sie so tun, als ob das nicht so wäre. So ist Apple kein Vorbild für andere Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst zu nehmen. Denn es kommt bei apple so rüber, als ob sie für die Barrierefreiheit drauf zahlen müssten. Es wäre dann ein Verlust-Geschäft, so gewinnt man in der Privat-Wirtschaft keine Freunde für die Barrierefreiheit, sondern schadet ihr indirekt.
Absurd wird es dann, wenn Apple Pseudo-Entwicklungen für sich reklamiert. Armbänder zur Sturzmeldung und tragbare Notruf-Systeme gab es schon lange. Wenn man Apple so hört könnte man meinen, sie hätten es für die Apple Watch erfunden. Und die App Kurzbefehle ist sicherlich nett, früher nannten wir das Makros und brauchen es vor allem, weil Siri so miserabel ist. Hier stellt sich eher die Frage, warum es das nicht schon in iOS 6 gab.

Fazit: Rausgehen oder reinholen

Und hier noch meine drei nicht ganz neuen Erkentnisse aus der Konferenz:
Erstens: Es ist zwar immer nett in der Barrierefreiheits-Szene. Diese ist aber klein und scheint mir in der Zeit, in der ich dabei war kaum gewachsen zu sein.
Entweder geht man aus der Szene raus, zum Beispiel auf andere Messen oder Kongresse. Oder man holt diese Leute gezielt rein.
Meine zweite Erkenntnis: Es fehlt eine zentrale Instanz, die Informationen und Nachrichten zur Barrierefreiheit bündelt. Es gibt viele Projekte, die einfach nicht bekannt sind. Die Szene ist nicht nur in Deutschland sehr atomisiert. Es bräuchte ein neues Einfach für alle.
Meine dritte Erkenntnis ist, dass zu wenig über existierende Bedienungshilfen aufgeklärt wird. Von den drei großen Software-Anbietern Apple, Google und Microsoft macht es letzteres am besten: Bei Microsoft bekommt man die Bedienungshilfen schon bei der Erst-Installation und im Anmeldebildschirm angeboten. Bei Apple und Google muss man – zumindest in den mobilen Betriebssystemen – danach suchen. Das heißt, man muss im Prinzip schon wissen, dass es Hilfen gibt. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Ich habe gerade erst ein Android-Phone eingerichtet und ihr würdet gar nicht glauben, wie viel Platz auf dem ersten Screen ist, auf jeden Fall genug, um den Start von Bedienungshilfen anzubieten. Wenn ihr das lest, ihr Großen Drei, bitte mehr Geld in Aufklärung und weniger in PR-Maßnahmen stecken.

Amazon Echo – warum barrierefreie Webseiten sinnvoller werden als je zuvor

Stilisierter LautsprecherAmazon hat mal wieder eine ganze Reihe von neuen Produkten vorgestellt. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum der smarte Lautsprecher Echo mit der Spracheingabe auch barrierefreien Webseiten einen Schub geben könnte.

Alles über Semantik

Ein Schlüsselfaktor für barrierefreie Webseiten ist semantisches und seinen Zwecken entsprechend eingesetztes HTML.
Leider muss man sagen, dass in erster Linie bisher vor allem Blinde davon profitieren. Natürlich bringen Labels Vorteile für motorisch Behinderte und Sehbehinderte können eigene Stylesheets definieren, um sich Inhalte besser zugänglich zu machen. Aber ob das tatsächlich jemand in dem Maße nutzt, bleibt offen.

Vorlesen leicht gemacht

Doch in dem Maße, in dem Geräte ohne eigenes Display auf den Markt drängen, wird es wieder interessant. Wie bringe ich zum Beispiel dem Echo bei, wo der Inhalt einer Webseite beginnt, schließlich will ich nicht die Navigation und anderen Schmus vorgelesen haben, der am Anfang einer Webseite steht. Wie bringe ich ihn dazu, von Absatz zu Absatz, zur nächsten Überschrift, zu einem bestimmten Bereich der Webseite zu kommen? Für einen Sehenden erscheint dieses Problem eigentlich unlösbar. Doch wer arbeitet schon seit Jahr und Tag ohne Display? Exakt, blinde Menschen und das in der Regel ohne große Probleme.
Und hier kommt eine sinnvolle Semantik ins Spiel. Gibt es zum Beispiel nur eine Hauptüberschrift auf der Unterseite, die H1, hat auch eine Maschine keine Probleme, den Anfang des Artikels zu finden. Werden die neuen elemente aus HTML5 wie Navigation, Article, Footer und so weiter korrekt eingesezt, wird die Sache zusätzlich erleichtert. Selbst die Alternativtexte könnten somit einer wesentlich größeren Gruppe nützlich sein.
Auch komplexe Interaktionen mit der Website wie das Aufrufen von Punkten aus der Navigation, das Suchen innerhalb einer Unterseite, das verwenden der Suchfunktion der Website und so weiter sind durchaus möglich. In der Regel wird das länger dauern als mit einem Display, doch muss man es ja auch nicht übertreiben, wenn das visuelle Interface Smartphone nur einen Handgriff entfernt ist.

Formulare per Sprache ausfüllen

Doch war es das noch lange nicht. Heute sind Webseiten interaktiv und interaktiv heißt fast immer Formulare. Sind die Formulare sinnvoll semantisch ausgezeichnet, also so, dass eine Maschine die Aufgabe eines Inputfeldes, den Status und so weiter erkennen kann, dann dürfte es auch kein Problem mehr sein, solche Formulare komplett per Sprache auszufüllen. Natürlich wird man das für komplexere Formulare derzeit nicht machen. Aber auch das könnte nur eine Frage der Gewöhnung sein.

Macht eure Website barrierefrei

Je stärker die Spracheingabe in den Alltag einkehrt, desto mehr werden die Nutzer auch erwarten, damit im Prinzip alles erledigen zu können. Ich prophezeie einmal, dass diese Entwicklung sich stark auf die Gestaltung von visuellen Benutzeroberflächen auswirken wird, ähnlich wie es das Smartphone getan hat. Man wird zum Beispiel gezwungen sein, die Zahl der Links oder die Komplexität von Formularen zu reduzieren und eine an der Spracheingabe optimierte Benutzerführung zu etablieren.
Vor allem ältere Blinde, die mit dem Screenreader nicht so vertraut sind, könnten von dieser Entwicklung profitieren. Aber auch funktionale Analphabeten und ältere Menschen, die teils von der Technik überfordert sind, könnten dank einer Spracheingabe die Möglichkeiten des Internets wesentlich leichter nutzen. Nebenbei könnte es Amazon gelingen, die Haus-Automatisierung massentauglich zu machen, daran sind selbst Apple und google bisher gescheitert.

Was ändert sich durch die RICHTLINIE EU 2016/2102 für barrierefreie Webseiten?

Flagge der EUDie RICHTLINIE (EU) 2016/2102 hat dem Vernehmen nach noch niemandem schlaflose Nächste bereitet. Was sie konkret für Veränderungen für barrierefreie Webseiten bringt, erfahrt ihr hier.
Die Eu-Richtlinie 2016/2102 tritt am 23. September in Kraft. Webseiten, die ab diesem Tag online gehen, sollen barrierefrei sein. Für bestehende Web-Angebote gibt es Übergangsfristen.

EU-weite Harmonisierung

Eines der Probleme barrierefreier Webseiten war, dass viele Körperschaften ihre eigenen Regeln erlassen konnten oder mussten. Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz und die BITV 2.0 gelten für die Bundesebene, nicht aber für die Länder. Diese hätten im Prinzip ihre eigene Bitv 2.0 erlassen müssen. Defacto dürften sich aber die meisten Bundesländer an der BITV 2.0 orientiert haben. Die Kommunen sind dem gefolgt oder haben einfach gar nichts gemacht.
In diesem Punkt schafft die Richtlinie Klarheit. Vom letzten Dorf bis zur EU-Ebene werden einheitliche Regeln gelten, nämlich die EN 301 549, die wiederum auf der WCAG basieren. Tritt eine aktuellere WCAG in Kraft, wird sie relativ schnell in die En aufgenommen, zumindest war das bei der WcAG 2.1 der Fall. Entsprechende nationale Richtlinien müssen bis zum 23.9.2018 angepasst werden.
Auch mobile Anwendungen, womit native und nicht-native Apps gemeint sind, sollen barrierefrei werden. Hier dürfte der Aufwand überschaubar sein: Ich kenne so gut wie keine Apps öffentlicher Anbieter.

Wer ist verpflichtet?

Wie gehabt sind öffentliche Einrichtungen verpflichtet, ihre Webseiten barrierefrei zu machen.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ausdrücklich ausgenommen. Für ihn sollen eigene Regeln erlassen werden.
Zur Barrierefreiheit verpflichtet sind laut der EU-Richtlinie 2016/2102 allerdings auch Einrichtungen mit Bezug zum Thema Behinderung. Hier ist die Formulierung unklar. Betroffen seindürften zumindest große träger der Behindertenhilfe wie die Carittas oder die Diakonie. Auch hier müssen wir allerdings abwarten, was im deutschen Gesetz final stehen wird.

Erklärung zur Barrierefreiheit

Die Verpflichteten sollen auch eine Erklärung dazu abgeben, wie barrierefrei ihre Website ist. Dazu gehört auch eine Begründung, ob bestimmte Bereiche nicht barrierefrei sind und warum das so ist.

Prüfung und Berichtswesen

Die Regierung wird durch die EU-Richtlinie 2016/2102 dazu verpflichtet, die Einhaltung der Richtlinie regelmäßig zu prüfen. Sie soll an die EU berichten, wie die Barrierefreiheit fortschreitet.
Auch hier wird spannend sein zu sehen, wie die Verantwortlichen prüfen und berichten werden. Es läuft wahrscheinlich auf ein halb automatisiertes, halb manuelles Testverfahren hinaus.

Feedback-Mechanismus mit Antwortpflicht

Die Anbieter sollen einen Feedback-Mechanismus zur Barrierefreiheit anbieten. Zudem sollen die Anbieter in angemessener Zeit antworten. Das dürfte interessant werden, da zumindest kleinere Kommunen kaum Kompetenz in diesem Bereich haben. Sie werden also nicht in der Lage sein, sinnvoll auf entsprechende Anfragen zu antworten.

Verpflichtung zur Qualifizierung

Ebenfalls verpflichtet die neue EU-Richtlinie die öffentlichen Träger dazu, Mitarbeiter in Sachen digitaler Barrierefreiheit weiterzubilden. Ob das tatsächlich passiert, müssen wir einmal abwarten.

Fazit: Vieles bleibt noch unklar

Wir werden wohl den Stichtag 23.9.2018 und dann die konkrete Umsetzung abwarten müssen, bis die Umsetzungsvorschriften und das konkrete Vorgehen endgültig bekannt sind.
Wirklich große Änderungen sind nicht zu erwarten. Die Bundes- und LandesEinrichtungen erfüllen die Anforderungen wahrscheinlich schon im Wesentlichen, da sie sich an der BITV 2.0 orientiert haben. Die reicheren Kommunen werden bald nachziehen, die Ärmeren werden wahrscheinlich gar nichts tun. Da keine Sanktionsmechanismen vorgesehen sind, besteht aus deren Sicht wohl auch kein akuter Handlungsbedarf. Den Trägern der Behindertenhilfe, zumindest ihren lokalen Ablegern, dürfte vielfach gar nicht bekannt sein, dass sie verpflichtet wären, also sind auch hier keine Änderungen zu erwarten.

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