Alle Beiträge von Domingos

Soziale Barrierefreiheit – wir schaffen das!

Und wieder geht ein langer Tag mit einem Open Transfer Camp Inklusion zu Ende. Es lohnt sich immer wieder, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an das Orga-Team der Stiftung Bürgermut, das wie immer einen tollen Job gemacht hat.
Meine Session war wie immer fantastisch besucht – aber Scherz beiseite, ich hoffe, ich habe ein paar Leute zur digitalen Barrierefreiheit bekehrt.
Mein Ausflug nach München hat mich wieder mal an die Wichtigkeit sozialer Barrierefreiheit erinnert. Natürlich ist es wichtig, digitale Barrierefreiheit sicherzustellen. Es ist aber vielleicht noch wichtiger, soziale Barrierefreiheit zuschaffen. Was meine ich damit?
Wenn ich in einer fremden Stadt unterwegs bin, nutze ich normalerweise Taxis – die Kosten kann ich zumeist meinem Auftraggeber aufs Auge drücken. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist für einen Blinden sehr stressig. Zunächst muss er überhaupt erst Mal den Haltepunkt finden, also den Busbahnhof oder die S-Bahn-Haltestelle. Dann muss er herausfinden, ob es die richtige Richtung ist. Eingestiegen ist es manchmal schwierig, die Durchsagen zu verstehen, ich behelfe mir dabei, vorher die Zahl der Haltestellen herauszufinden, die zwischen Abfahrt und Ziel liegen und ggf. nachzufragen.
In München habe ich das anders gemacht. Ich habe ein Jahr dort gelebt und es erschien mir absurd, dort ein Taxi zu nehmen. Andererseits ist das schon wieder acht Jahre her und die Gegend, zu der es ging, habe ich nie bewusst betreten.
Obwohl ich mich rudimentär auskannte, musste ich mich durchfragen: Durchfragen zur Straßenbahn-Haltestelle, durchfragen zum Hotel, Durchfragen zum Veranstaltungsort. Lustigerweise kannte ich am Ende als Blinder den Weg zum Veranstaltungsort besser als meine sehenden Kollegen.
Nun muss man wissen, dass es für Blinde oft schwierig ist, nach Hilfe zu fragen. Erstmal müssen sie überhaupt einen Menschen erwischen, was in einer belebten Straße gar nicht einfach ist. Dann gibt es Leute, die keine Lust zu helfen haben.
Nun gibt es Leute, die niemandem helfen würden und Leute, die keine Lust haben, Blinden zu helfen. Ich glaube aber, dass die Mehrheit der Leute durchaus bereit ist, anderen Menschen zu helfen. Sie würden gerne helfen, wissen aber nicht, was sie tun können bzw. wo die Person Probleme hat.
Soziale Barrierefreiheit heißt, bei Nicht-Behinderten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wo es konkrete Barrieren gibt und was man tun kann, um sie zu beseitigen. Das gilt nicht nur für Nicht-Behinderte. Bei vielen Körperbehinderten herrscht Ahnungslosigkeit über die Bedürfnisse Sinnes- oder Lernbehinderter. Das mag auch umgekehrt so sein, das kann ich nicht einschätzen.
Die Sensiblisierung für Barrieren ist ein wichtiges Thema, was auch in allen Sessions angeklungen ist, die ich besucht habe. Es gibt keinen Zauberweg für diese Aufgabe. Vor allem müssen Behinderte stärker in die Mitte der Gesellschaft und ein Stück Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache leisten.
Wichtig ist außerdem, dass mehr Öffentlichkeitsarbeit dazu stattfindet. Ich habe mir einen Google Alert zum Thema Leichte Sprache gesetzt. Es gibt fast täglich Berichte in Lokalzeitunngen über Projekte oder Broschüren in Leichter Sprache. Im Fernsehen wird hingegen in Sendungen ohne expliziten Behinderungsbezug selten etwas über Behinderte berichtet, was über die übliche Opfer-Schematik hinausgeht. Auch die Öffentlich-Rechtlichen machen da keine gute Figur.
Last not least muss man aus den Spezialveranstaltungen heraus und auf Veranstaltungen mit anderen Schwerpunkten gehen. Es gibt ja mittlerweile recht wenige Veranstaltungen mit dem Thema digitale Barrierefreiheit, von dem her haben die Experten mehr Zeit, auf Konferenzen ohne expliziten Behinderungsbezug zu gehen. es gibt z.B. unheimlich viele Konferenzen mit dem Thema Online-Marketing. Warum nicht einmal dort hingehen und den Personen mitteilen, wie schlecht zugänglich ihr Marketing für Sinnesbehinderte ist? Die Barrierefreiheits-Community könnte unheimlich viel zum Thema Usability oder Mensch-Maschine-Interaktion beitragen. Wir haben Sprachausgaben, Spracheingaben oder Eye-Tracking benutzt, lange bevor das iPhone das Licht der Welt erblickte.
Ich will aber nicht verschweigen, dass es schon viele gute Ansätze gibt. OpenStreetMap versucht, barrierefreie Orte zu markieren, es gibt viele Behinderte, die in Schulen gehen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Oftmals kommt es nur darauf an, gute Aktionen weiter zu verbreiten und mehr Leute zu gewinnen, die dabei mitmachen.
Last not least müssen wir bei allen Menschen das Bewusstsein dafür stärken, dass wir alle einmal auf Hilfe angewiesen sind – und das nichts Schlimmes daran ist, nach Hilfe zu fragen oder sie anzunehmen. Ich höre immer wieder, wie Blinde Hilfeangebote relativ schroff abgewiesen haben oder das ein Hilfeangebot als tödliche Beleidigung aufgefasst wurde. Das ist in gewisser Weise verständlich, aber auch schizophren. Man beschwert sich, wenn man ungefragt Hilfe bekommt , dann beschwert man sich, wenn mankeine Hilfe angeboten bekommt. Blinde müssen lernen, Hilfe richtig zu erbitten und auch richtig abzulehnen. Es kommt darauf an, konkrete Fragen zu stellen, freundlich zu sein und nicht die Hilflosigkeit in Person zu spielen, denn zu komplexe Anforderungen überfordern die Leute oftmals. Und man sollte nicht beleidigt sein, wenn die Hilfe nicht oder nicht in der Form kommt, wie man sie gerne hätte. Die Leute sind nicht dazu da, uns von A nach B zu bringen, damit müssen wir leben lernen.

Web 2.0 Rückschritt oder Fortschritt für die Barrierefreiheit im Internet?

Social Media ist fast schon ein alter Hut, entweder ist man dabei oder man lässt es bleiben. Aber hat es der Barrierefreiheit im Internet eigentlich geholfen oder eher geschadet? Das ist ein Beitrag zur Blogparade zum Open Transfer Camp Digitale Barrierefreiheit und Sozialraum.

Die Plattform ist alles

Auch wenn die Barrierefreiheit von Facebook, Twitter, Google+ oder YouTube doch sehr zu wünschen übrig lässt, haben sie doch einen entscheidenden Vorteil: Sie bieten jeweils eine einheitliche technische Plattform. Um das zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.
Es gibt eine unbegrenzt große Zahl an Möglichkeiten, eine Website optisch und technisch zu gestalten. Die Navigation kann horizontal oder vertikal sein, der Content kann links oder rechts stehen, Bilder können an belibiger Stelle stehen, es kann ein Farbschema geben oder auch nicht. Obwohl einige Redaktionssysteme wie WordPress oder Joomla den Markt dominieren und bestimmte Patterns vorherrschen, sind die Gestaltungsmöglichkeiten doch unbegrenzt.
Die Aufgabe, eine bestimmte Info auf einer Website zu finden ist für Menschen mit bestimmten Behinderungen enorm:

  • Blinde suchen sich einen Krampf, wenn sie keine erfahrenen Webnutzer sind.
  • Menschen mit Sprachproblemen haben Schwierigkeiten beim verstehen von Navigation und Content.
  • Menschen mit Lernbehinderung sind oftmals komplett überfordert – und nicht nur sie.

Dagegen stellen die genannten Social-Media-Plattformen ein einheitliches Userinterface zur Verfügung. Die Navi, die Suchfunktion, die Einstellungen und so weiter befinden sich immer an der gleichen Stelle. Wie meine fleißigen Mitleser wissen, ist diese einheitliche Informationsarchitektur einer der Schlüssel der Barrierefreiheit. Deswegen sind Mailinglisten auch so beliebt bei Blinden.

Abschied vom barriereunfreien Web

Das begünstigt die Abwanderung der Selbsthilfe aus dem offenen Web nach Facebook. Am Beispiel der Blindenhilfe kann man das recht gut verfolgen: Vor ein paar Jahren gab es noch zwei bis drei recht gut frequentierte Blinden-Foren im Web. Heute sind fast alle Foren verwaist, in einer guten Woche kommen vielleicht ein bis zwei Beiträge. Auf Facebook gibt es hingegen zwei Blindengruppen mit jeweils deutlich über 1000 Mitgliedernund täglich mehreren Beiträgen.
Behindertenübergreifend gibt es zwei Gruppen für Austausch und Selbsthilfe, die Gruppe „Hilfsmittel und interessante Tipps für Behinderte“ hat über 8000 Mitglieder, die Gruppe „Schwerbehindertenausweis“ über 18000. Daneben gibt es unzählige Gruppen zu einzelnen Behinderungen oder Erkrankunge. Es würde mich sehr wundern, wenn klassische Foren wie MyHandicap oder Rehakids diesen Wandel nicht zu spüren bekommen.
Ein wichtiger, wenn auch nicht entscheidender Faktor für die Abwanderung ist auch die mangelnde Barrierefreiheit dieser Plattformen. Die Forensoftware von MyHandicap ist für Blinde schwierig zu nutzen, in diesem Blindenforum soll man als unangemeldeter Nutzer ein CAPTCHA lösen, das ist vom Forenbetreiber so festgelegt, die Person, die das Forum anbietet, kann nichts dafür. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um eine unüberwindbare Barriere handelt, der Rest der Website ist ebenso wenig barrierefrei.
Der entscheidende Faktor für die Abwanderung ist wie so oft der Netzwerkeffekt: Eine große Plattform zieht immer mehr Leute an. Mehr Leute ziehen mehr Leute nach sich und so weiter. Und wenn man sowieso dort ist und alles so schön einfach ist, warum nicht einfach alles dort erledigen?

Wer zu spät kommt…

Diese Entwicklung dürfte vor allem lokale Einrichtungen wie etwa Beratungsstellen treffen. Oft haben sie das Problem, dass sie von Hilfebedürftigen überrant werden. Das ist für sie aber besser als wenn gar keiner zu ihnen kommt, denn dann wird die Beratungsstelle sehr schnell geschlossen.
Diese Organisationen hatten sich bereits mit der ersten digitalen Umwälzung schwer getan: Der Entwicklung des World Wide Web. Sie haben unglaublich lange gebraucht, um eine Website aufzubauen. Das erkennt man unter anderem daran, dass viele dieser Einrichtungen bis heute eine Free-Mail-Adresse oder eine Adresse von T-Online statt eine generische verwenden. Würdet ihr eine Einrichtung ernst nehmen, die caritasburscheid@gmx.de statt info@caritas-burscheid.de verwendet?
Auch der dritte Trend wurde von vielen Organisationen verschlafen: Das mobile Web. So ist nach einer kleinen – nicht repräsentativen – Stichprobe von mir kaum eine der lokalen Einrichtungen mobile friendly. Kurioserweise sind auch die Organisationen auf Landes- und Bundesebene nicht für Smartphones geeignet. Ihre Barrierefreiheit ist nebenbei bemerkt ebenfalls nicht state of the art. Sie scheinen vielfach in der Mitte der Nullerjahre stehen geblieben zu sein. Auf allen Ebenen fehlen durchgängig Infos in Leichter Sprache und Gebärdensprache.
Nach meiner rein subjektiven Einschätzung – Zahlen gibt es leider nicht nutzen Behinderte überdurchschnittlich stark mobile Endgeräte. Das liegt daran, dass der Zugang zur Technik und zum Internet dadurch wesentlich erleichtert ist, zu schweigen davon, dass mobiles Internet schon relativ günstig zu haben ist.
Bedenkt man last not least, dass Google plant – oder vielleicht schon umgesetzt hat – für mobile Sucher bevorzugt mobil-freundliche Inhalte anzuzeigen begreift man schnell, in welcher Problemlage sich die Einrichtungen befinden: Sie werden von mobilen Usern bald gar nicht mehr gefunden.

Fazit

Mein Fazit fällt gemischt aus. Die großen Social-Media-Plattformen sind nur teilweise barrierefrei, werden aber fleißig von Behinderten genutzt. Die Websites vieler Organisationen sind weder barrierefrei noch für mobile Endgeräte geeignet, werden aber oftmals links liegen gelassen. Es lässt sich kaum argumentieren, warum eine Website, die kaum genutzt wird noch modernisiert werden sollte. Vielfach scheint es auch einfach am technischen Sachverstand in den Organisationen zu mangeln.
Hinzu kommt natürlich, dass Ressourcen immer knapp sind. So wie man eine Website heute nicht mehr vom Neffen in der Mittagspause zusammenfrickeln lässt, kann auch ein Social-Media-Auftritt nicht nebenbei zusammengestückelt werden. Man braucht eine Strategie, Personal und Content und das wollen Viele nicht bereit stellen. So verschwindet man also auf beiden Plattformen – im offenen Web und im Web 2.0.
Last not least: Wenn keiner mehr die Websites besucht, beschwert sich auch kein Oliveira mehr über sinnfreie Captchas, alternativtextlose Bilder und hakelige Flyout-Navigationen. Der Druck, barrierefrei zu werden verringert sich – die Besucherzahlen auch, aber was solls, Besucher nerven eh nur.
Das Web 2.0 hat also zwei gegenläufige Tendenzen ausgelöst: Einerseits ist der Druck von den Einrichtungen genommen, sich um Barrierefreiheit zu kümmern. Anderseits drohen sie, im Web – und damit auch in der Wirklichkeit – unsichtbar zu werden. Wie sie mit dieser Entwicklung umgehen, bleibt eine spannende Frage.

Zum Welt-Braille-Tag 2016 – Braille schafft Begegnung

Digitale BraillezeileAls Kind war es für mich ein Graus, die Brailleschrift zu lernen. Erst heute weiß ich sie zu schätzen, nicht zuletzt, weil ich durch die Blindenschrift oft neue Leute kennen lerne.
Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich die Brailleschrift lernte. Damals besuchte ich eine Sehbehindertenschule. Vielleicht rührte meine Abneigung gegen die Blindenschrift daher, dass ich zu den wenigen Schülern gehörte, die sie lernen mussten. Als Kind fürchtet man ja nichts so sehr wie das Anderssein. Vielleicht spürte ich aber auch damals schon, dass mir das Schicksal der Erblindung drohte.
Ich erinnere mich noch heute vor allem an die alte Blista-Punktschriftmaschine und ihr lautes Hämmern mit dem sie die Zeichen ins Papier stanzte. Es gibt wohl kein besseres Krafttraining für die Finger, eine mechanische Schreibmaschine ist dagegen leichtgängig.
Als der Kurs zu Ende war, hatte ich nichts Besseres zu tun, als alle meine Punktschrift-Blätter ins Altpapier zu geben. Ich lernte sehr bald Sprachausgaben und Hörbücher kennen und ging davon aus, Braille nie wieder nutzen zu müssen.
Doch irgendwann, ich war vielleicht 30, habe ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Ein Blinder, der kein Braille liest ist wie Weihnachten ohne Schnee. Ich begann also, mich mühsam wieder an Braille heranzutasten. Leider habe ich bis heute kein komfortables Lesetempo erreicht, aber ich bin stolz darauf, fast jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.
Obwohl ich ein Fan digitaler Braillezeilen bin, habe ich mir ein gedrucktes Buch besorgt. Der Vorteil ist, dass ich auch bequem zwischendurch lesen kann, ohne Computer und Braille-Display auszupacken. Braille lenkt den Leser nicht so stark von Durchsagen ab wie Hörbücher, Sprachausgaben und Musik. Man hat die Ohren frei und ist trotzdem beschäftigt.
Ein unerwarteter Nebeneffekt war, dass ich über die Brailleschrift zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen habe. Viele Leute scheuen sich davor, einen Blinden auf der Straße oder in der Bahn anzusprechen. Entweder ist er mit seinem Blindenstock oder mit seinem Smartphone beschäftigt. Auch wenn er nur da sitzt, wirkt das auf Sehende eher abschreckend, vielleicht meditiert er ja. Aber ein Braillebuch scheint den Bann zu brechen. So wie sich Raucher oder Hundebesitzer automatisch solidarisieren, scheint die Brailleschrift die Scheu vor dem Erstkontakt zu nehmen.
So unterhielt ich mich mit einer älteren Frau fast eine ganze Bahnfahrt lang über Bücher. Ein jüngerer Student war so fasziniert von dem Typen, der mit dem Finger liest, dass er unbedingt ein Foto machen wollte. Hoffentlich hat er nichts Verrücktes mit dem Bild angestellt. Ein Kind quetschte mich eine halbe Stunde lang über Blindheit aus. Ohne Braille wäre das nicht passiert.
Die große Liebe habe ich über Braille nicht gefunden – noch nicht – aber Braille kann als Eisbrecher gute Dienste leisten.

Barrierefrei bloggen

barrierefrei bloggen Blogs sind nicht mehr der letzte Schrei, haben sich aber als Medium etabliert. In diesem Beitrag bekommt ihr einige Tipps, wenn ihr barrierefrei bloggen möchtet.
Barrierefrei bloggen lässt sich in einem doppelten Sinne verstehen: Es gibt zum einen behinderte, die bloggen möchten, zum anderen kann man Content für Behinderte optimieren. Um dem plakativen Titel gerecht zu werden, gehe ich auf beide Themen ein.
Als Behinderter bloggen
Wer sich nicht mit der Technik herumschlagen möchte, findet generell zwei große frei gehostete Lösungen im Internet: Blogger.com im Eigentum von Google sowie wordpress.com betrieben von den Entwicklern von WordPress. Generell scheinen beide Lösungen für Behinderte zu funktionieren, wobei WordPress vor allem für Blinde besser geeignet zu sein scheint.
Wordpress kann außerdem selbst gehostet werden, bei der Funktionalität unterscheiden sich beide Versionen nicht großartig.
Wordpress ist in den Grundzügen für Blinde und Tastaturnutzer gut bedienbar: Das heißt schreiben, editieren und verwalten von Beiträgen. Dabei ist es von Vorteil, wenn man HTML oder eine andere Auszeichnungssprache beherrscht, damit man die Beiträge korrekt formatieren kann. Der Texteditor TinyMCE ist zwar prinzipiell bedienbar und per Shortcuts verwendbar, aber doch ein wenig hakelig. Außerdem bietet er nicht von Haus aus alle Editier-Funktionen, die man braucht, es fehlt zum Beispiel ein Befehl für Zwischenüberschriften.
Größere Schwierigkeiten kann es beim Thema Design sowie der Mediathek geben. Die Organisation der Menüstruktur sowie das Ziehen der Widgets ist im Wesentlichen für Mausnutzer optimiert. Bei der Mediathek kann es ähnliche Probleme geben. Hier ist zu überlegen, ob man sich als Blinder die Hilfe von Sehenden holt.

Content für Behinderte optimieren

WordPress bietet von Haus aus einige nützliche Funktionen, um Inhalte für Behinderte zu optimieren.
Zunächst solltet ihr die Erweiterung TinyMCE Advanced installieren, sie bietet wesentlich mehr Editierfunktionen als der Standardeditor. Verzichtet bitte auf das Fetten oder Kursivstellen von hervorgehobenen Text. Mit TinyMCE Advanced könnt ihr Zwischenüberschriften erstellen, Abkürzungen und Akronyme auszeichnen sowie Listen korrekt formatieren. Zu vermeiden sind unterschiedliche Schriftgrößen und Schriftfarben im Fließtext, das ist nicht nur nicht barrierefrei, sondern sieht auch unprofessionell aus.
Wenn ihr Bilder in die Mediathek hochladet, könnt ihr bereits an dieser Stelle einen Alternativtext einfügen und speichern. Der Alt-Text ist dann hinterlegt und wird bei der nächsten Verwendung des Bildes automatisch eingefügt.

Nützliche Plugins

Mit der Erweiterung WP Accessibility könnt ihr ein paar kleine Funktionen für WordPress nachrüsten. So gibt es eine Funktion zur Schriftvergrößerung sowie eine einschaltbare Kontrastansicht. Eigentlich gelten solche Erweiterungen als unerwünscht, weil weil sie nicht immer einwandfrei funktionieren. Aber großen Schaden richten sie auch nicht an.
Der WordPress Access Monitor hilft dabei, den WordPress-Blog auf Barrierefreiheit zu überprüfen.
Mit Hurraki View werden Begriffe aus den eigenen Texten mit dem Wörterbuch von Hurraki verlinkt. Hurraki ist ein Wörterbuch, das schwierige Begriffe in einfacher Sprache erläutert.
Weitere Tipps werde ich bei Bedarf ergänzen.

Webseiten und Apps mit VoiceOver testen – eine Anleitung für Sehende


Für Sehende ist das Testing von Webseiten und Apps auf Screenreader-Tauglichkeit nicht immer ganz einfach. Im Folgenden biete ich euch eine kleine Anleitung dafür. Es können natürlich nur iOS-Apps getestet werden, ansonsten kann VoiceOver aber natürlich auch für Webanwendungen oder im redaktionellen Bereich verwendet werden.
VoiceOver ist ein Screenreader, der in allen iPads und allen iPhones ab der Version 3 Gs fest integriert ist. Er bringt eine für Sehende ausreichend gute Sprachausgabe mit. Dei Features qualifizieren ihn aber als ideale Testumgebung für Sehende:

  1. Er ist – wie schon erwähnt – auf allen Geräten vorhanden und erfordert keine zusätzliche Installation.
  2. Er ist vergleichsweise intuitiv benutzbar. Desktop-Screenreader erfordern vor allem von Sehenden einen erheblichen Lernaufwand, da man sich zahllose Tastenkombinationen präsent halten muss.
  3. Ein besonderer Vorteil von VoiceOver ist das Rechteck, mit dem ein fokussiertes Objekt hervorgehoben wird. Dadurch kann der Sehende erkennen, welches Objekt fokussiert wird und weiß, ob das, was ausgesprochen wird mit dem übereinstimmt, was er sieht und was da sein sollte. Diese Hervorhebung habe ich noch bei keinem anderen Screenreader gesehen, es ist aber eine erhebliche Erleichterung vor allem auf kleinen Displays.

Von dem her lässt sich VoiceOver sowohl für redaktionelle als auch für entwicklungstechnische Zwecke nutzen.
Ein weiteres Feature, das ich lustigerweise gerade erst endeckt habe macht die Anwendung noch mal interessanter: VoiceOver lässt sich auch größtenteils mit einer Tastatur steuern, zum Beispiel mit einem externen Bluetooth-Keyboard. Man kann also auch klassiche Features eines Desktop-Screenreaders verwenden.

Was ändertz sich durch VoiceOver?

Wenn VoiceOver aktiviert ist, ändert sich die Nutzung des iPhones. Zum Einen wird jedes fokussierte Objekt ausgesprochen. Zum Anderen ist ein Doppeltipp statt einem Einfach-Tipp erforderlich, um eine Anwendung zu starten oder eine Aktion auszulösen. Ein Tipp spricht das Objekt oder die Funktion, ein Doppeltipp startet es. Gescrollt wird mit drei statt mit zwei Fingern. Um einen Slider zu bedienen, muss selbiger zunächst fokussiert werden, dann wird er für einen Moment gehalten, bis ein Audio-Feedback ertönt, dann wird der Slider verschoben. Um sich von einem Objekt zum nächsten zu bewegen, wischt man mit dem Finger von links nach rechts bzw. von rechts nach links.
Ein wichtiges Feature ist der Rotor, damit kann man steuern, was die Wischbewegung von oben nach unten bzw. von unten nach oben auslöst. Der Rotor wird bedient, indem man zwei Finger auf das Display legt und die Finger im oder entgegen des Uhrzeigersinnes dreht. Dadurch kann man etwa steuern, ob die Wischbewegung das Sprechtempo erhöht oder ob man von Überschrift zu überschrift springen kann und so weiter.
So viel erst mal zur grundsätzlichen Bedienung. VO findet ihr in den Bedienungshilfen unter Einstellungen -> Allgemein.

Testing von Apps

Ich gehe mal davon aus, dass eure Progammierer sich an die Apple Guidelines zur Gestaltung von Apps gehalten haben, ansonsten kann man sich auch das Testen gleich sparen. Das Testen von Apps ist relativ simpel. Grundsätzlich muss geprüft werden

  • ob alle Elemente mit der Wischgeste erreichbar sind und zwar bitte in der richtigen Reihenfolge, das heißt, von links nach rechts und von oben nach unten
  • ob alle Elemente korrekt als Eingabefeld, Schalter, Schieberegeler, Text, Grafik mit Beschreibung für Blinde etc. angesagt werden
  • – ob alle Elemente mit aktiviertem VO bedienbar und ausfüllbar sind.

Testen in der Redaktion

Hierfür ist es natürlich notwendig, dass eure Inhalte übers Web erreichbar sind bzw. im Redaktionssystem quasi fertig gerendert angezeigt werden.
Hier könnt ihr überprüfen, ob alle Grafiken einen Alternativtext haben, indem ihr die Grafik mit dem Finger berührt, mit der Wischgeste könnt ihr überprüfen, ob alle Überschriften ausgezeichnet wurden und so weiter. Hier kann es sein, dass ihr mit dem oben erwähnten Rotor arbeiten müsst. Oder ihr arbeitet mit einer externen Tastatur, eine Liste der Tastaturkürzel gibt es bei iFun. Ich wünsche euch viel Spaß.

Online-Banking für Blinde

Bankingportal der Sparkasse KölnBonnInternet-Banking ist für Blinde optimal, da mittlerweile Vieles, was mit Bankgeschäften zu tun hat, digital abgewickelt werden kann. Leider darf man die Banking-Lösungen nicht vorher ausprobieren, so dass man oft ins kalte Wasser springen muss. Für Diejenigen, die ihre Bank wechseln oder ein neues Konto eröffnen möchten, habe ich hier einige Erfahrungen zusammengefasst.
Ich persönlich werde bis auf Weiteres meine Bankgeschäfte auf dem Rechner und nicht per Smartphone machen. Daher habe ich die Banking-Apps der Anbieter im Einzelnen nicht angeschaut.

Sparkasse KölnBonn

Mein erstes Girokonto habe ich vor gut 20 Jahren bei der Sparkasse Marburg eröffnet. Damals wussten wir noch nichts von online und die ständige Verfügbarkeit von Geld war nicht so wichtig. Später wechselte ich zur Sparkasse KölnBonn.
Der erste Versuch mit Online-Banking bei der Sparkasse KölnBonn war ein Reinfall. Es handelte sich um eine Textversion mit ein paar Formularelementen. Alles, was man tun konnte war Umsatzabfrage und Überweisungen. Noch dazu hatte die Lösung ständig mit Ausfällen zu kämpfen.
Ich wechselte also rüber zur klassischen Ansicht. Sie lässt sich bis heute gut bedienen, auch wenn die Strukturierung zu wünschen lässt. So gibt es keine Überschrift für den eigentlichen Inhaltsbereich. Ansonsten lassen sich aber alle wesentlichen Aufgaben wie Überweisungen, Daueraufträge oder Rückbuchungen blind erledigen.
Die Sparkasse hat vor einiger Zeit auf mTan oder ChipTAN umgestellt, womit die Tan-Listen obsolet wurden. Das mTan-Verfahren sollte für Blinde kein Problem sein. Dabei kriegt man eine Tan sowie die Transaktionsdaten aufs Handy geschickt und kann sie dort überprüfen, bevor man den Vorgang abschließt.
Das chipTAN-Verfahren ist auch für Blinde prinzipiell zugänglich, sofern sie keinen Flicker-Code vom Bildschirm abscannen müssen. Leider scheint es derzeit sage und schreibe ein einziges sprechendes chipTAN-Lesegerät zu geben, das schlappe 50 Euro kostet. Konventionelle Lesegeräte kosten zehn Euro. Der Preisunterschied erscheint mir in Zeiten von iPhone und Co. nicht mehr gerechtfertigt.
Ich habe mich trotzdem entschlossen, mein Konto bei der Sparkasse aufzulösen. Statt mir meine Kontoauszüge auf Dauer digital zur Verfügung zu stellen, besteht die Sparkasse darauf, mir selbige nach einer gewissen Zeit auf Papier zuzusenden – natürlich auf meine Kosten. Die elektronischen Kontoauszüge werden nach einigen Wochen gelöscht. Bei der Sparkasse hat man nicht verstanden, dass man solche Dinge heutzutage digital erledigen und nicht alle paar Wochen zum Auszugsautomaten rennen möchte. Dafür, dass sie mir die Kontoauszüge gegen meinen Willen ausgedruckt zusenden war ich allerdings nicht bereit, gut 50 Euro Gebühren pro Jahr zu zahlen. Bei der Sparkasse hat man offenbar nicht verstanden, was Kundenfreundlichkeit bedeutet.
Leider weiß ich nicht, ob es eine Standardlösung für alle Sparkassen gibt oder ob jede Sparkasse ihre eigene Lösung bastelt, von dem her lassen sich diese Erfahrungen nicht unbedingt auf andere Sparkassen übertragen.

Ing DiBa

Auch die Lösung der Ing DiBa funktioniert gut. Da es sich hier um eine Direktbank handelt, können fast alle Geschäfte übers Internet erledigt werden. Die Anmeldung läuft über Benutzername und Passwort, gefolgt von der Eingabe des DiBa-Keys, der über einen auf dem Bildschirm eingeblendeten Nummernblock eingegeben wird. Da es sich um HTML-Buttons handelt, die korrekt beschriftet sind, ist das blind kein Problem. Auch bei Banking selbst ergaben sich bisher keine Probleme. Die DiBa blendet im Internet-Banking den Rest der Website aus, was die Sparkasse nicht tut. Dadurch reduziert sich der Umfang der Bedienelemente, was nicht nur für Blinde eine große Erleichterung ist.
Leider verwendet die DiBa allerdings noch das Verfahren der indizierten Tans zur Autorisierung von Transaktionen. Das ist nicht wirklich barrierefrei. Zwar kann man sich die Tans natürlich digitalisieren, aber dann muss man sie an einem sicheren Platz aufheben, also nicht auf dem Computer, auf dem man das Banking betreibt. Ich hoffe allerdings, dass die DiBa irgendwann auf mTAN oder ein anderes Verfahren umstellt.
Zudem gibt es bei der DiBa eine Reihe unbeschrifteter Elemente. Deren Funktion kenne ich leider nicht, da ich sie natürlich nicht anklicke.

DKB

Die DKB bietet wie die DiBa ein kostenloses Girokonto. Auch hier lockt im Banking ein relativ schlichtes Interface. Im Banking konnte ich bisher keine Probleme feststellen.
Die DKB setzt für die Autorisierung auf eine eigene App, die im Prinzip nix anderes tut als eine TAN zu generieren. Man braucht also entweder einen chip-TAN-Generator oder ein halbwegs aktuelles Smart Device, um Bankgeschäfte über die DKB abzuwickeln.

commdirect

Die commdirect ist der dritte große Anbieter von Girokonten. Auch hier ist das Banking für Blinde problemlos möglich. Zusätzlich bietet sie Tools zur Vermögensverwaltung, die ich mangels vermögen nicht ausprobiert habe. commdirect setzt wie die DiBa auf das indizierte TAN-Verfahren, das scheint doch nicht so out zu sein, wie ich dachte.

Fazit

Trotz sehr unterschiedlicher Lösungen sind die hier genannten Anwendungen gut nutzbar. Insgesamt scheinen die Direktbanken mehr Energie in ein sauberes Interface zu stecken, das würde der Sparkasse KölnBonn auch gut anstehen. Wer das indizierte TAN-Verfahren für zu unsicher hält, sollte die DKB vorziehen. Ansonsten kann ich aber keine klare Empfehlung für die eine oder andere Bank abgeben.

Die Zukunft der Bildbeschreibung Teil II – komplexe Bilder beschreiben

Ein mit bunten Buchstaben dekorierter ZaunIm ersten Teil habe ich dargestellt, dass der Alternativtext heute nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Für dekorative Bilder ist er in der Regel ausreichend. Allerdings ließe sich der Prozess der Bildbeschreibung für solche Bilder weitgehend automatisieren.
Anders sieht es bei komplexen Grafiken aus. Für ein Diagramm kann mit einem Alternativtext bestenfalls seine grobe Tendenz beschrieben werden. Im Folgenden möchte ich ein paar Ansätze vorstellen, wie sich das Problem lösen lässt.

Navigierbare Beschreibungen

Für komplexe Grafiken erscheint es am sinnvollsten, wenn man sie mit einem Teil des HTML-Standards beschreiben könnte. Das heißt, wir haben Überschriften, Paragraphen, Tabellen und die weitere Elemente. Für Sehende wären diese Beschreibungen natürlich nicht oder nu auf Anforderung sichtbar.
Der Vorteil besteht darin, dass wesentlich mehr strukturierte Informationen untergebracht werden können als in einem simplen Alternativtext oder einer Long Description. Ich fände es auch nicht schlecht, wenn diese Beschreibung optional auch von hochgradig Sehbehinderten oder visuellen Analphabeten gelesen werden könnte. Zumindest für Blinde könnte man das heute schon umsetzen, in dem man Techniken einsetzt, die Inhalte aus dem für Sehende wahrnehmbaren Bereich der Seite verschieben. In der Regel ist es aber besser, sich an die Standards von HTML zu halten.
Eine Möglichkeit für quantitative Diagramme, die aus einer Tabelle erzeugt wurden besteht darin, die Tabelle in der Grafik zu hinterlegen. In PDFs werden oft aus Platzgründen Tabellen weggelassen, doch sie bieten sowohl für Sehbehinderte als auch für Blinde die beste Alternative zu einer solchen Grafik. Auch hier sollte es möglich sein zu tricksen, in dem man zum Beispiel der Tabelle eine Ausdehnung von 0 Pixel gibt, aber korrektes HTML zur Auszeichnung einsetzt oder indem man sie einfach aus dem sichtbaren Bereich schiebt.

Beschreibung von Einzel-Elementen

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die relevanten Segmente von Vektorgrafiken einzeln zu beschriften und für Screenreader zugänglich zu machen. Ich stelle mir vor, dass man dann mit den Cursortasten des Computers zum Beispiel ein Organigramm systematisch durchgehen kann. Oben steht die Geschäftsführung, mit einem Druck auf Pfeil runter landet man in der zweiten Führungsebene, mit links und rechts kann man sich in dieser Ebene bewegen, mit Pfeil runter geht man in die zweite Führungsebene und so fort. So ließen sich auch Logistikketten und andere komplexe Grafiken erschließen. Für das Verständnis nicht relevante Elemente wie Verbindungslinien sollten für den Screenreader ausgeblendet werden. Formate wie SVG sind ohnehin textbasiert, so dass sich solche Informationen problemlos unterbringen ließen.

Alternativen sind unabdingbar

Wie auch immer die Lösung aussehen wird, klar ist, dass wir Alternativen zum Alternativtext brauchen. Komplexe Grafiken spielen für fast alle Arbeitnehmer sowie Studierende eine große rolle. Die Anforderungen können vom Alternativtext nicht abgedeckt werden.

Technik-Konservatismus unter Blinden

Immer wieder fällt mir auf, wie konservativ viele Blinde gegenüber Neuerungen im Technikbereich sind. Dieser Technik-Konservatismus, wie ich das Problem nennen möchte, behindert die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit.

Beispiel Windows

Ein Gutteil der hartnäckigen User von Windows XP dürften Blinde sein, die nicht updaten wollten oder konnten. Neulich klagte jemand auf unserer englischen NVDA-Liste darüber, dass man keine Rechner mit Windows XP mehr bekommen würde. In der deutschen Liste wurde mit haarsträubender Begründung empfohlen, Windows 7 zu nutzen, als ob es dafür noch halbwegs brauchbare Hardware gäbe. Windows 8 sei nur mit Classic Shell zu gebrauchen. Diese Anmerkung kam wohlgemerkt von jemandem, der im IT-Bereich arbeitet.
Zur Erinnerung, der Mainstream-Support für Win 7 ist Anfang 2015 eingestellt worden. Es ist äußerst zweifelhaft, dass MS jenseits des Unternehmensbereiches noch nennenswert Ressourcen für Win 7 aufwenden wird, zumal in der Zwischenzeit zwei aktuellere Systeme veröffentlicht wurden, die MS mit aller Gewalt in den Markt drücken möchte. Man mag von Win 8 und höher halten, was man möchte, sicher ist aber, dass die Sicherheitsarchitektur neurer Betriebssysteme deutlich besser ist, ein Punkt, der bei der Empfehlung von Win 7 außer Acht gelassen wird.
Noch geringer ist die Bereitschaft, neue Betriebssysteme wie Linux oder den Mac auszuprobieren. Zugegebenermaßen gibt es hierfür auch zu wenig Support in der Blinden-Community, in den Bildungs-Einrichtungen oder durch kommerzielle Hilfsmittelfirmen wird gleich gar keine Unterstützung angeboten.

Beispiel 2: Mailinglisten

Das Trauerspiel geht weiter bei Mailinglisten. Es gibt gefühlt 2000 Mailinglisten von Blinden zu allen möglichen Themen, aber kein einziges deutschsprachiges Forum oder Newsboard mit nennenswertem Zulauf.
Das ist okay, solange sich Blinde untereinander austauschen, das ist blöd, wenn man Sehende einbeziehen möchte. Für Sehende sind Mailinglisten chronisch unattraktiv. Viele Jüngere sind komplett auf WhatsApp, Tumblr oder andere Plattformen umgestiegen, deren Namen ich nicht mehr kenne – bin halt auch schon ein Oldie. Mailinglisten befördern ein wenig diese Einigelungs-Mentalität, die es vor allem unter älteren Blinden gibt.
Wo wir ohne Apple heute ständen, kann ich mir kaum vorstellen. Kein Facebook, kein WhatsApp, nur uralte Software und überteuerte Spezial-Handys mit eingeschränkter Funktionalität.

Screenreader

Ein echtes Hindernis sind veraltete Betriebssysteme, wenn auch noch veraltete Software wie alte Screenreader zum Einsatz kommen. Jaws 9 etwa läuft noch auf Windows XP, unterstützt aber kaum moderne Standards, das Programm ist halt schon zig Jahre alt. Dann muss man sich aber auch nicht darüber wundern, dass viele „modernere“ Anwendungen nicht mehr funktionieren. HTML5, ARIA und so weiter waren in Jaws 9 halt nicht vorgesehen.
Mein Angebot an einige Blinde, ihnen natürlich kostenlos beim Umstieg auf NVDA zu helfen ist undankend abgelehnt worden. Begründung war natürlich die Stimme von NVDA – die eSpeak. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Blinde keine Lust haben, umzulernen. Aus den gleichen Gründen wird auch der Umstieg auf das günstigere Window Eyes abgelehnt, das eine wesentlich humanere Update-Politik hat als Jaws.

Fazit

Ein veralteter Screenreader veraltete Betriebssysteme und Benutzeroberflächen verhindern natürlich auch, dass man an Neuerungen der Barrierefreiheit teilhaben kann. Ich bin mir sicher, dass die Letzten, die sich von Windows XP und 7 verabschieden Blinde sein werden, die nicht in der Lage waren upzudaten oder es nicht wollten. In diesem Fall müssen sie sich aber auch nicht darüber wundern, dass einige Anwendungen und neue Hardware nicht mehr bei ihnen funktionieren. Mein neues Epson Multifunktionsgerät zum Beispiel wurde von Win 10 problemlos erkannt und installiert, während ich auf meinem Win-7-Desktop-Rechner die Treiber manuell nachinstallieren musste. Ich bezweifle aber ehrlich gesagt, dass die iPhone-Generation solche Probleme erkennen geschweige denn beheben könnte.
Wir sind ein wenig an einem toten Punkt angekommen, was die Weiterentwicklung der Desktop-Betriebssysteme angeht. Ich habe ja den direkten Vergleich mit Office 2003 und 2013 und muss sagen, dass sich da bezüglich Barrierefreiheit nicht mehr viel getan hat. Es ist immer noch schwierig, Word oder PowerPoint daran zu hindern, seltsame Schrift-Formatierungen oder Einrückungen in den Text zu machen. Für Blinde ist das unsichtbar, für Sehende sieht das schlicht unprofessionell aus. Schlimmer ist in meinen Augen, dass die Bedienung mit den Ribbons noch ein wenig hakeliger geworden ist und einige Bereiche immer noch nicht vernünftig zugänglich sind. Hat es jemand von euch hinbekommen, vernünftig mit Revisionen eines Dokumentes, also Änderungen nachzuverfolgen, die jemand anderes gemacht hat? Wenn ja, freue ich mich über Tipps. Für mich ist das sowohl mit Jaws als auch mit NVDA ein echter Krampf.
Im Ergebnis heißt das, dass wir nach Alternativen zu den heute gängigen Systemen suchen müssen. Das erfordert aber auch die Bereitschaft, umzulernen.

Windows 10 für Blinde – ein erstes Fazit

Nachdem mein Notebook mich mit einem Update auf Windows 10 zwangsbeglückt hat, möchte ich ein erstes Fazit ziehen.
Vorneweg sei gesagt, dass Win 10 mit der aktuellen Version von NVDA 15.3 gut zu bedienen ist. Ich konnte bislang nur wenige Probleme feststellen. Der Browser Edge ist nur rudimentär zugänglich, aber das Problem ist bekannt. Das Startmenü bedient sich ein wenig holprig, aber das sind die typischen Macken von Windows. Als Blinder sollte man das Update nicht alleine durchführen, da NVDA während der Installation nicht spricht. Da das Update einige Zeit in Anspruch nimmt, kann man nicht wissen, wann das Update fertiggestellt ist. Bei der Einrichtung und Erst-Anmeldung steht NVDA nicht zur Verfügung. Hier sollte man mit Windows + Return den Narrator starten und die nötigen Schritte so durchlaufen.

Barrierefreiheit

Was immer Microsoft mit seinem neuen OS im Sinne hatte, Barrierefreiheit hatte keine hohe Priorität. Viele Blinde hatten darauf gehofft, dass der Narrator weiterentwickelt werden würde, doch Microsoft scheint nach dem Deal mit Window Eyes kein Interesse daran zu haben, das Thema weiter zu verfolgen. Im Center für erleichterte Bedienung ist nichts zu entdecken, dass es in Windows 8 nicht schon gegeben hätte.
So gab es ab Windows 8 den rudimentären Screenreader Narrator sowie eine deutsche Sprachausgabe. Die Spracheingabe war recht brauchbar, die Bildschirm-Lupe war recht gut und lief auch, wenn man nicht das Windows-Standardlayout verwendet hat. Cortana mag für Menschen mit Bewegungseinschränkung Vorteile haben, ist aber laut CT bislang auf Deutsch nicht brauchbar.
An einigen Stellen macht MS Rückschritte. Der Browser Edge ist mit NVDA nur rudimentär zugänglich, in Office 2013 gibt es einige Bereiche, die mit NVDA nicht erreichbar sind, zum Beispiel das Menü zur Hinterlegung von Alternativtexten für Bilder in Word.
Was nervt sind auch die vielen Kleinigkeiten, die nicht mehr wie gewohnt funktionieren. So habe ich in Win 8 immer per Alt-Tab in den Desktop gewechselt, um Informationen aus der Taskleiste wie den Energiestand oder W-Lan auszulesen und zu ändern, geht nicht mehr, der Desktop ist per Alt Tab nicht mehr erreichbar. Die Liste der verfügbaren W-Lans ist nicht mehr per Cursor-Tasten durchgehbar, sondern nur noch per Tab. Verschiedene Schalter oder Links im System lassen sich nur noch per Return und nicht per Leertaste aktivieren. So zwingt MS den Nutzer immer wieder, tradierte Arbeitsabläufe umzustellen, das hält jung und frisch.

Die Oberfläche

Für Blinde hat sich an der Bedienoberfläche nicht so viel getan. Das Startmenü aus Win 7 ist zurückgekehrt und bildet jetzt einen Zwitter mit der Kacheloberfläche von Win 8. Da ich die Live-Kacheln nie genutzt habe und das auch nicht plane, habe ich Beides ignoriert. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, einfach den Namen des Programmes einzutippen, das ist für mich die schnellste Arbeitsweise.

Einstellung – wo bist du?

So lobenswert ich den Versuch finde, ein Betriebssystem für alle Einsatzzwecke zu etablieren, so sehr mißlingt es Microsoft, dies adequat umzusetzen. Es gibt zum Beispiel mindestens zwei Stellen für Einstellungen: die altbekannte Systemsteuerung und die für Mobilgeräte optimierten System-Einstellungen. Das gibt es Win 8 und man muss daran zweifeln, dass Microsoft Usability-Experten beschäftigt, wenn sie das nicht nach so langer Zeit in den Griff bekommen.
Anderes Beispiel: Es ist mir nur einmal gelungen, mein Bluetooth-Headset mit dem Notebook zu koppeln. Als ich es später koppeln wollte, gelang es mir nicht mehr. Das ist bei anderen mobilen Betriebssystemen eine Standard-Einstellung. Ich habe es dann einfach gelöscht und neu erkennen lassen. Ein ähnliches Problem tritt mit Bluetooth-Braillezeilen auf, Geräte, die weder unter iOS noch unter Android Probleme machen.
Ein stetiges Ärgernis bei wirklich allen Microsoft-Betriebssystemen ist der ständige Ressourcenhunger. Wenn Windows 8 auf einen brandneuen Mitteklasse-Laptop zu langsam ist, gibt es dafür keine Entschuldigung. Zwar hat Microsoft Tools wie die Ressourcen-Übersicht entwickelt, die einem sagen sollen, was besonders viel Rechenleistung kostet. Das war es aber auch. Mit ein paar Ausnahmen wie der Defragmentierung im Hintergrund muss man das System immer noch mit externen Tools wie CCleaner aufräummen, wenn man halbwegs ungestört arbeiten möchte. Wie man so ein System auf Geräten mit geringen Ressourcen betreiben möchte, muss Microsoft noch zeigen.

Fazit: Muss man nicht haben

Was die Barrierefreiheit angeht, bietet Win 10 im Augenblick keinerlei Mehrwert gegenüber Win 8. Man scheint dieses Feld kampflos Apple überlassen zu wollen. Die mangelnde Zugänglichkeit von Edge ist – um das mal klar zu sagen – ein Schlag ins Gesicht der Blinden-Community. Das Thema Barrierefreiheit steht ja nicht erst seit gestern auf der Agenda und es ist nicht nachvollziehbar, warum Microsoft das nicht berücksichtigt hat, die einzige Erklärung ist, dass es ihnen nicht wichtig genug war.
Was mich angeht, gebe ich Microsoft auf. Früher habe ich mich in der Diskussion Windows vs. Mac immer auf die Seite von MS geschlagen, das ist jetzt vorbei. Ein Betriebssystem ist wie ein Haus, wenn man keinen Blödsinn anstellt, sollte es seinen Dienst tun und dadurch auffallen, dass es nicht auffällt. Bei MS hat man das nie begriffen. Es nimmt einem Dinge aus der Hand, die man selbst bestimmen möchte: Wenn es etwa mitten in der Arbeit für Updates neu startet. Ein nicht einfach abstellbares Update auf ein neues Betriebssystem würde nicht einmal Apple seinen Nutzern zumuten.
Es überlässt einem Dinge wie das Aufräumen der Festplatte, die man sicher nicht tun möchte. Über das Thema Datenschutz haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich sehe das aus vielen Gründen lockerer als viele Andere, die Gründe möchte ich hier nicht ausführen. Klar ist aber, dass man eine zentrale Stelle benötigt, an der man solche Einstellungen treffen kann.
Für mich ist Win 10 das, was für viele Win 8 war, ein großer Wurf, der leider daneben ging. Man kann es nutzen, man kann es aber auch lassen.

Nutzung von Screenreadern2015

Der neueste Screenreader-Survey von WebAIM zeigt, dass es viel Bewegung auf dem Markt für Screenreader gibt. Die Befragung ist natürlich nicht repräsentativ, zeigt aber im Großen und Ganzen doch Entwicklungen auf.
Der Platzhirsch Jaws hat dramatisch an Marktanteilen verloren: Zwischen dem letzten Survey von Januar 2014 und Juli 2015 verlor Jaws 20 Prozentpunkte und hat nur noch 30 Prozent Marktanteil. Beim ersten Survey 2009 hatte Jaws noch einen Marktanteil von rund 75 Prozent.
Klarer Aufsteiger ist Window Eyes, dessen Marktanteil stieg von 6 auf 20 Prozent. Überraschenderweise konnten der Mac und NVDA von der Schwäche von Jaws kaum profitieren.
Für Tester interessant ist die Bevorzugung des Internet Explorer unter Blinden. Mehr als 50 Prozent nutzen den IE, während er in der Durchschnittsbevölkerung eine untergeordnete Rolle spielt.
Es scheint auch so zu sein, dass einige Blinde vom Mac auf Windows zurückgewechselt haben. So stieg der Anteil der Windows-User von 82 auf 85 Prozent, während Mac von 8 auf 6 Prozent sank. Ein Grund könnte sein, dass es im letzten Jahr verstärkt Beschwerden von Blinden zur stockenden Weiterentwicklung von VoiceOver gab, unter anderem von Marco Zehe.
Interessanterweise wünschen sich die meisten Blinden, dass komplexe Bilder auf der gleichen Seite beschrieben werden, auf der sie dargestellt werden. Die Lösung einer seperaten Seite – der heute gängige Standard – wird hingegen abgelehnt.

Wo liegt die Ursache für den Abstieg von Jaws?

Freedom Scientific war in den letzten Jahren durchaus nicht untätig. So bietet es die kostenlose Nutzung der Vocalizer-Stimmen, die auch im iPhone Verwendung finden, es gibt außerdem eine Erweiterung zur Texterkennung, die recht ordentliche Ergebnisse abliefern soll.
Auf der anderen Seite steht die – man kann es nicht anders sagen – miserable Update-Politik des Unternehmens. Viele der Umsteiger dürften eine Kombi aus Win XP und Jaws verwendet haben. Nachdem der Support von Windows XP im April 2014 eingestellt wurde bzw. viele der Geräte mit dieser Ausstattung allmählich ihr Lebensende erreichen, waren viele Leute gezwungen, auf ein neues System umzusteigen. FS bietet aber keine großen kostenlosen Updates an.
Auch seit letztem Jahr bietet Window Eyes einen kompletten kostenlosen Screenreader an, wenn man Office 2010 oder höher einsetzt. Da Window Eyes in vielen Punkten mit Jaws gleich gezogen hat, gibt es heute keinen Grund mehr, auf Jaws zu setzen.
Der vielleicht wichtigste Punkt dürfte in einem anderen Teil des Survey zu finden sein. Demnach kaufen rund 39 Prozent der Nutzer ihren Screenreader selbst. Jaws kostet in den USA rund 1000 Dollar, im Ausland ist es noch mal deutlich teurer. Für diesen Preis kann man sich ein Macbook oder einen guten Windows-Rechner mit Office-Paket zulegen. Heute ist für jeden offensichtlich, dass FS nicht vorhat, seine Preis- oder Produktpolitik anzupassen, es ist daher für Privatpersonen kaum empfehlenswert, auf Jaws zu setzen.
Ein Hemmschuh für die Verbreitung von NVDA dürfte vor allem die eSpeak sein. In gewisser Weise ist das ein Luxus-Problem, denn die eSpeak ist durchaus auch bei höheren Geschwindigkeiten gut verständlich, sie ist performant und es gibt abgesehen davon kostenlose und kostenpflichtige Alternativen.
Ein zweites Problem dürfte aber auch der Mangel an kommerziellem Support sein. Jaws und Window Eyes verfügen über umfangreiche Schnittstellen für Skripte, mit deren Hilfe Programme nachträglich barrierefreier gemacht werden können. NVDA hat das derzeit nicht. Der Mac meines Wissens auch nicht. NVDA ist damit als primärer Screenreader in Unternehmen ungeeignet.
Hinzu kommt, dass keine deutsche Hilfsmittelfirma derzeit NVDA oder den Mac anbietet. Es gibt natürlich Blinde, die Support für den Mac anbieten, aber vor allem ältere Blinde dürften sich eher direkt an Hilfsmittelfirmen wenden.

Fazit

Die Herrschaft von IE 6 und Jaws scheint endgültig gebrochen zu sein. Es gibt mindestens vier Screenreader mit nennenswerter Nutzerzahl: Jaws, Window Eyes, NVDA und VoiceOver auf Mac und iOS. Hinzu kommt in Deutschland noch Cobra, das von einigen Blinden verwendet wird. Hinzu kommen die zahlreichen Windows-Versionen, verschiedene Browser, Endgeräte und Handlings. Mit Windows 10 dürften auch günstigere Tablets bei Blinden in Nutzung kommen.
In Puncto Barrierefreiheit bedeutet das eine neue Unübersichtlichkeit. Früher reichte es aus, mit Jaws und IE zu testen. Heute bleibt uns nichts anderes übrig, als uns an die Webstandards zu halten und die Screenreader- und Browser-Entwickler zu zwingen, das ebenfalls zu tun, vielleicht nicht die schlechteste Entwicklung.