Blinde und Sehbehinderte in Film und Literatur

Die Zahl der behinderten Protagonisten in Fiktionen ist relativ gering. Ich denke, die Ursache dafür liegt auf der Hand, die Autoren sind zumeist selbst nicht behindert und sind daher nicht ausreichend in der Lage, sich in die Situation einer solchen Person zu versetzen.
Viele der behinderten Protagonisten in Film und Literatur streben an, ihre Behinderung loszuwerden, vor allem die Jüngeren tun das. Aus meiner Sicht ist das ein durchaus realistisches Motiv, vor allem, wenn die Person erst im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter behindert geworden ist. Viele dieser Menschen kommen nach einer Umgewöhnungsphase wunderbar zurecht und viele tun es nicht. , das ist im wirklichen Leben so und auch in der Fiktion. Das ist ein Unterschied, den viele von Geburt an Behinderte nicht begreifen, die sagen, dass sie wunderbar mit ihrer Behinderung zurecht kommen. Das mag so sein, aber es gibt viele Behinderte, die tatsächlich manchmal und Einige, die oft mit ihrer Behinderung hadern. Das mögen in der Mehrzahl Menschen sein, die später behindert geworden sind, aber das trifft nicht auf alle zu.
Auch wenn es nicht viele behinderte oder chronisch kranke Helden gibt, so hat ihre Zahl in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich zugenommen. Da gibt es den blinden Detektiv Peter Lundt in der gleichnamigen Hörspielreihe, den querschnittsgelähmten Forensiker Lincoln Rhyme in einer Thriller-Serie von Jeffrey Deaver, Monk aus der gleichnamigen Serie hat Zwangsstörungen und es gibt noch einige mehr.
Warum aber diese Extreme, wäre nicht ein gehbehinderter, ein schwerhöriger oder Sehbehinderter ein ebenso guter Ermittler?
Wahrscheinlich nicht. Ein gehbehinderter Lincoln Rhyme würde sich an seinen Tatorten herumtreiben, ein Sehbehinderter würde nach Spuren suchen, die er wahrscheinlich übersehen würde und ein schwerhöriger Ermittler würde den Autor dazu reizen, schlechte Witze mit akkustischen Missverständnissen zu machen.
Das zweite Problem ist, dass der Gegensatz zu einem nicht-behinderten Helden nicht groß genug ist. Ein Detektiv, der auf Krücken geht, wo ist da der Witz? Wo ist der Unterschied zu jemandem, der nicht auf Krücken geht? Anders sieht die Sache aus, wenn dem Detektiv eine Fähigkeit abgeht, die die meisten Menschen für essentiell nicht nur für die Verbrechensbekämpfung halten, sondern für das gesamte Leben. Erst in diesem Bereich kann jemand seine besonderen Fähigkeiten wie ein geschärftes Gehör, ein schärferes Auge, einen überlegenen Verstand etc. ausspielen.
Nehmen wir als Beispiel den Idealtypen der Inklusion: Geordi LaForge aus der 80er Jahre Serie Raumschiff Enterprise. Er ist an sich ein netter, aber ein wenig auffälliger Charakter. Mir scheint, dass die Drehbuch-Schreiber nicht so richtig wussten, wie und ob sie seine Blindheit in der Serie herausstellen sollten, so dass sich Geordi kaum von den anderen Charaktären der Serie unterscheidet. Wenn er ohnehin fast alles mühelos wie ein Sehender machen kann, warum soll er dann überhaupt blind sein? Da war sogar das holografische Notfallprogramm aus Raumschiff Voyager “behinderter”, wenn ich das sagen darf.
Es klingt auf den ersten Blick nach einem Klischee, aber ist jemand, der keinen Blindenstock, keinen Blindenhund und nicht einmal Braille verwendet überhaupt blind? Ist Raumschiff Enterprise die erste inklusive Serie oder nur eine Ansammlung flacher und langweiliger Charaktäre?

Behinderung als liberale Staffage

Zu meiner Zeit haben wir uns darüber amüsiert, wenn in einer dieser typischen US-80er-Jahre-Serien plötzlich ein Schwarzer auftaucht, da ist der Alibi-Schwarze. In der Literatur kommt das in den typischen Thrillern und Krimis häufiger vor, siehe die Bücher von Preston/Child oder Harlan Coben. In den Büchern, die ich von ihnen gelesen habe taucht soweit ich mich erinnere kein einziger schwarzer Protagonist auf. Nur James Patterson schickt einen schwarzen Kriminal-Psychologen ins Rennen.
Was aber ziemlich häufig vorkommt sind schwarze Randfiguren, welche die Geschichte praktisch nicht vorantreiben. Da leitet ein schwarzer FBI-Beamter eine Verhaftung oder spielt den Protagonisten wichtige Informationen zu. In Texten muss natürlich extra erwähnt werden, dass jemand schwarz ist, ansonsten kriegt das keiner. mit. Auf mich wirkt das wie eine liberale Staffage, es wird erwartet, dass ein Schwarzer vorkommt, von den Protagonisten soll es keiner sein, also ist es irgendeine für den Plot belanglose Nebenfigur.
Für Behinderte gilt im Grunde dasselbe. Eine Figur, die behindert ist, aber die Geschichte nicht vorantreibt ist in meinen Augen nur ein Versuch des Autors, seine Liberalität oder Fortschrittlichkeit unter Beweis zu stellen. Es bleibt aber die Frage, warum man keinen der Hauptfiguren oder wichtigen Nebenfiguren behindert machen sollte. Wenn man das, warum auch immer nicht möchte ist es ehrlicher, solche Figuren wegzulassen. In der Literatur ist das auch extrem einfach, schließlich sieht man hier nicht, welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder Behinderung jemand hat. Als Autor könnte man dem Kritiker selbst vorhalten, dass er einseitig interpretiere, jemand sei ein weißer, gesunder Hetero, obwohl der Autor das selbst nirgendwo behauptet hat.

Behinderte Figuren und Klischees

Ich darf an dieser Stelle noch kurz mit einem Missverständnis aufräumen, dem vor allem Leute unterliegen, die nie fiktionale Geschichten geschrieben oder es wie ich zumindest versucht haben. Es ist in den meisten Fällen keine Diskriminierung, wenn Behinderte Charaktäre überscharf gezeichnet werden wie der Asperger Autist in Rainman. Das gilt vor allem dort, wo Übertreibungen und Klischees zum Genre gehören wie in Seifenopern oder Thrillern. Wer sich über Klischees in Soaps aufregt, sollte seine Sehgewohnheiten überdenken.
Es ist leicht gefordert, Behinderungen einfach so in die Geschichte einzubauen, aber es ist literarisch praktisch nicht sinnvoll umsetzbar. Im Film kann immerhin mal ein Rollstuhlfahrer durchs Bild rollen, aber es ist eher zweifelhaft, ob der Zuschauer ihn bewusst wahrnimmt. In der Literatur kann man das auch machen, aber hier schaut die Sache ein wenig schwieriger aus. Der Leser erwartet, dass jede Information entweder den Plot vorantreibt oder den Charakter der Protagonisten spezifiziert. Einen Behinderten als Nebenfigur auftreten zu lassen ginge also nur, wenn er entweder etwas tut oder wenn ihm durch eine der Hauptfiguren geholfen wird. Einfach nur zu schreiben, dass er einen Behinderten an einem Tisch im Café sieht oder ein Blinder an der Hauptfigur vorbei geht ist vollkommen sinnlos, weil sich der Leser fragen wird, was das mit der Geschichte zu tun hat.
Das Gleiche gilt für die Charakter-Entwicklung. Die langweiligsten Charaktäre sind jene Personen, die nichts Besonderes machen. Ein Blinder, der sein Leben meistert ist nach 30 Seiten ebenso interessant wie ein Manager, der seine tägliche Arbeit tut. Die Spannung eines Charakters erwächst fast immer aus einer Herausforderung durch das Leben oder einem Konflikt mit einer anderen Person. Alles Andere ist pädagogisches Larifari, das man besser zum Anheizen des Lagerfeuers verwendet.
Ein Missverständnis, dem viele Nicht-Autoren unterliegen besteht in dem Glauben, dass zuerst der Plot und dann die Figuren kommen. Es ist eher ein wechselseitiger Prozess: Zuerst kommt die Grundidee, dann kommen die Figuren. Aus deren Charakter speist sich der Fortgang der Geschichte, es sind die Charaktäre, welche die Geschichte voran treiben, nicht umgekehrt. Deswegen macht es keinen Sinn, die Behinderung eines Charakters einzuführen, wenn sie im Rest der Geschichte keine Rolle mehr spielen wird.
Wenn ein Hauptcharakter eine Behinderung hat, muss diese im Buch auf irgendeine Weise thematisiert werden, der Leser erwartet, dass ein Gehörloser Schwierigkeiten aufgrund seiner Gehörlosigkeit hat und wenn das nicht der Fall ist, möchte er eine hinreichende Erklärung dafür. Alles Andere wird den Leser unbefriedigt zurücklassen.
Deswegen tragen Charaktäre nicht besonders weit, wenn sie nicht scharf entwickelt sind oder sich nur dadurch auszeichnen, dass sie ein ganz normales Leben führen. Es ist leider so, wenn jemand wunderbar zurechtkommt, taugt er nicht so viel für eine Geschichte, für uns sind die Leute spannend, die das nicht können. Leute, die das kritisieren sollen einfach selber zur Feder greifen und mir an einer konkreten Geschichte zeigen, wie ich es besser machen kann.

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