Warum Behinderte nicht von Behinderten gespielt werden müssen

Die Forderung hört man immer wieder: Blinde Figuren in Film und Theater sollen von Blinden, Rollstuhlfahrer von Rollstuhlfahrern und Autisten von Autisten gespielt werden. Diese Forderung ist allerdings nicht immer sinnvoll oder praktikabel.

Hitler muss von einem Diktator gespielt werden

Schauspieler verkörpern von Natur aus Figuren, die sie selbst nicht sind. Folgt man der Logik der Aktivisten, könnte plakativ gesagt Hitler nur von einem Diktatoren gespielt werden. Ein General müsste von einem hochrangigen Militär gespielt werden. Man erkennt sehr schnell, dass das Blödsinn ist. Es mag viele Nicht-Schauspieler geben, die schauspilerisches Talent haben, aber Talent und Fähigkeit sind zwei Paar Schuhe.

Der Schauspieler muss zur Rolle passen

Auch wenn man das Argument akzeptiert: Die Zahl ausreichend qualifizierter behinderter Schauspieler ist recht überschaubar. Doch kann nicht jeder jeden spielen. Ein junger Rollstuhlfahrer kann nur schlecht einen 80-jährigen verkörpern und umgekehrt ist es erst richtig schwierig.
Zudem muss der Schauspieler charakterlich, körperlich, stimmlich und so weiter zur Rolle passen. Möchte man eine
Behinderten-Rolle mit einem Behinderten besetzen, müsste man zunächst einen Schauspieler finden und ihm die Rolle auf den Leib schreiben. Das mag in einigen, nicht aber in allen Fällen funktionieren.
Es sollte auch nicht vergessen werden, dass Behinderungen sich extrem unterschiedlich auswirken. Darf ein Querschnittsgelähmter zum Beispiel nur von einem Rollstuhlfahrer gespielt werden, der selbst querschnittsgelähmt ist?

Authentizität ist nicht gefragt

Filme und Theaterstücke können – und wollen meistens nicht – nie ein Abbild der Realität sein. In der Regel sind sie pure Fiktion. Das heißt, ob ein Rollstuhlfahrer tatsächlich so fährt oder ob ein Blinder seinen Stock tatsächlich so nutzt, spielt keine Rolle, siehe dazu auch das nächste Argument. Das Stück dient in der Regel der Unterhaltung und da brauchen wir keine Lektionen daraus zu lernen, wie Blinde sich tatsächlich bewegen.
Weiterhin wird im Stück in der Regel eine Person gezeigt und keine Gruppe. Wir können doch akzeptieren, dass der Autist in Rainman so ist, wie er dargestellt wird. Das daraus abgeleitet wird, dass alle Autisten so seien ist der Denkfaulheit der Menschen und nicht den Filmemachern zu verdanken, falls dem tatsächlich so wäre, wovon ich nicht überzeugt bin. Personalisierung ist ein Kernelement des Storytellings und es wird zerstört, wenn man versucht, eine Person “durchschnittlich” zu gestalten, dann ist sie uninteressant.

Kann ein Behinderter einen “Normalo” spielen?

Das Argument wird endgültig schwierig, wenn man es umdreht. Nehmen wir dafür als Beispiel einen homosexuellen Schauspieler. Akzeptieren wir das Argument, dass ein homosexueller Mann nur von einem Homosexuellen gespielt werden sollte. Wenn dem so ist, dürfte ein homosexueller Schauspieler keinen heterosexuellen Mann spielen. Das gilt zumindest dann, wenn man davon ausgeht, dass nur ein Mensch mit dieser Einstellung die Rolle authentisch spielen kann.
Das heißt für uns, ein Behinderter dürfte nur Behinderten-Rollen spielen. Es würde also die Rollenwahl deutlich einschränken.

Der pädagogische Zeigefinger ist ein Stinkefinger

Last but not least neigen Filme mit “echten” behinderten Schauspielern dazu, schnell ins Pädagogische abzugleiten. Das gilt vor allem für Deutschland, wo man tausend Gremien durchlaufen muss, um einen Film bewilligt zu bekommen. Aber niemand möchte in einem Sonntagabend-Krimi ein Proseminar über political correctness gehalten bekommen. In Ländern mit ausgeprägter Storytelling-Tradition wie in den USA oder Großbritannien bekommt man das deutlich besser hin, so dass es dort nicht so augenfällig ist.
Ein unerwünschter Nebeneffekt der Political Correctness besteht darin, dass sie viele Leute eher verunsichert. Neulich telefonierte ich mit einer jungen Dame, die sich nicht traute, das Wort blind mir gegenüber auszusprechen. Als ob ich ein rohes Ei wäre, das zerbricht, wenn man ihm sagt, wie es ist.

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