Warum ich mich an #metwo und #kaumzuglauben nicht beteiligt habe

Ich bin verschiedentlich aufgefordert worden, mich an der #metwo-Kampagne zu beteiligen. Auch bei der Kampagne #kaumzuglauben der Behindertenverbände letztes Jahr sollte ich mich beteiligen. Als Doppel-Rolle – Ausländer und behindert, ist man natürlich häufiger Problemen ausgesetzt. Trotzdem halte ich diese Kampagnen nicht für positiv und werde mich an solchen und ähnlichen Kampagnen nie beteiligen.
Einige Kritiker werden mich aufgrund dieses Textes als Behindertenfeindlich oder Rassisten bezeichnen. Denen schlage ich vor, sich Fotos von mir im Internet anzuschauen. Und ich leide auch nicht an einer Form des Stockholm-Syndroms. Ich mache mich nicht mit Leuten gemein, die anderen Menschen gegenüber illiberal sind. Das Gegenteil ist richtig: Ich entdecke mangelnden Liberalismus in unseren Reihen und kann mich deshalb mit der Kritik und den Leuten, die sie vorbringen oft nicht identifizieren.
Dabei geht es keinesfalls darum, Rassismus oder Rassismus-Erfahrungen zu verharmlosen.

Rassist oder Volltrottel – das ist hier die Frage

Eine kleine Überraschung: Es gibt reichlich Idioten da draußen. Wo mehrere hundert Menschen auf einemQuadratkilometer zusammenleben, ist es nicht zu vermeiden, dass man auf solche Leute trifft. Die meisten Leute tun aber nichts und ziehen es vor, in Ruhe gelassen zu werden.
Woran erkennt man aber, ob sich jemand blöd verhält, weil er ein Rassist ist? Vielleicht ist er einfach nur ein Blödmann. Und das ist natürlich nicht nur Deutschen oder Nicht-Behinderten vorbehalten.
Es ist kein Geheimnis, dass auch Migranten Verbrechen begehen. Das zu konstatieren ist kein Rassismus. Ebenso ist es kein Rassismus festzustellen, dass einige Migranten den deutschen Staat, seine Prinzipien und seine Bürger ablehnen. Es wird dann Rassismus, wenn man Straftaten Deutscher anders behandelt oder pauschal eine Gruppe unter Verdacht stellt. Es ist doch vollkommen egal, ob ein Einbrecher blond und blauäugig oder asiatischen Aussehens ist, Einbruch ist Einbruch.
Es ist auch kein Geheimnis, dass Migranten, die es zu etwas gebracht haben oft so schnell wie möglich aus den Migranten-Vierteln wegziehen und ihre Kinder lieber auf eine Schule schicken, die keine 80 Prozent Migrantenateil hat. Ich würde das auch tun. Nur bei Deutschen finden wir das anstößig. Dabei ist es gerade die grün geprägte Mitte, die genau das macht, während sie anderswo den Multikulturalismus lobt.

Die Banalität des Alltags

Bei einigen der auf Twitter geschilderten Situationen fragt man sich, ob die Menschen tatsächlich solche Mimosen sind. In einer Großstadt gibt es viele unhöfliche Leute. Würde man sich über jede Unhöflichkeit beschweren, käme man zu keinem Ende mehr. Das zeigt aber weniger die Banalität des Rassismus. Es banalisiert echten Rassismus. Ich würde den Betroffenen gratulieren, weil sie keine größeren Probleme haben.
Ein Beispiel: Ein Blinder beschwerte sich auf Twitter, dass ein Obdachloser jeden, nur nicht ihn nach Geld gefragt hatte. Häufig höre ich auch, eine Person habe nicht mit dem Blinden, sondern mit seiner Begleitperson gesprochen. Böse Zungen sagen, dies ei behindertenfeindlich. Der Behinderte wird nicht ernst genommen. Das mag in einigen Fällen so sein. Doch gibt es einen viel banaleren Grund, der ebenso naheliegend ist: Ein Blinder kann keinen Blickkontakt herstellen. Das ist aber die übliche Art, wie Sehende Kontakt miteinander aufnehmen. Blinde beschweren sich auch darüber, dass sie ungefragt angefasst werden. Diese Art der Kontaktaufnahme scheidet also aus. Welche höfliche Möglichkeit bliebe mir noch, mit einem Blinden Kontakt aufzunehmen, dessen Namen ich nicht kenne?
Viele Behinderte und Migranten neigen dazu, das Verhalten anderer Menschen zu deren Ungunsten zu interpretieren. Doch sind fast alle geschilderten Situationen ambivalent. Wie wahrscheinlich ist es zum Beispiel, dass ein migrantischer Bewerber der beste Kandidat für eine Stelle ist? Wenn jemand mich nach meiner Herkunft fragt, ist das Rassismus oder Neugier oder schlicht Konversation? Wenn jemand nicht mit mir befreundet sein will, ist er vielleicht ein Rassist. Oder er findet mich schlicht unsympathisch. Erfahrungsgemäß funktioniert Rassismus oft subtiler.
Manchmal können sich die Leute nicht so ausdrücken, wie wir das gerne hätten. Aber woher kommt unsere Neigung, im Zweifel gegen den Angeklagten zu sprechen? Ist es uns nie passiert, dass wir etwas falsch gemacht, uns falsch ausgedrückt oder falsch verstanden wurden?
Das Problem ist hierbei, dass es praktisch keinen Unterschied zwischen gefühlter und realer Diskriminierung gibt. Wir können nicht in die Köpfe der Leute gucken. Doch können wir unsere eigene Haltung schrittweise verändern. Wir können eine uneindeutige Situation zugunsten des Anderen interpretieren, so wie wir es umgekehrt von einer anderen Person uns Gegenüber auch erwarten würden.

Vor allem die Bekehrten werden erreicht

Wie fast alle sozialen Kampagnen erreichen auch #metwo und #kaumzuglauben fast nur Leute, die ohnehin schon bescheid wissen. Wer glaubt, eine Gesellschaft lasse sich durch ein paar Tweets nennenswert beeinflussen, hat die Dynamik gesellschaftlicher Bewegungen nicht verstanden.
Viel wahrscheinlicher ist, dass man den Rassisten zusätzlichen Drive gibt. Das gilt zumindest dann, wenn die Kritik zu pauschal vorgebracht wird oder eine ganze Gruppe beleidigt wird. Wer sagt, alle Schwarzen seien Rassisten, wird zurecht Ärger bekommen. Wer aber ältere weiße Männer generell unter Rassismus-Verdacht stellt, bekommt hingegen häufig Applaus. Aber was genau ist der Unterschied? In beiden Fällen wird eine Gruppe als Ganzes diskreditiert.

Man macht sich zur Zielscheibe

Für die Nazitrolle ist das ein gefundenes Fressen. Dank ihrer Bots können sie gezielt und automatisiert Accounts angreifen, von denen bestimmte Nachrichten ausgehen. Twitter selbst tut tatsächlich nichts, um betroffenen Personen zu helfen.

Was bringt es?

Die Frage konnte mir bisher keiner beantworten: Was ist der nachhaltige Erfolg solcher Kampagnen? Anders als die Psychotherapeuten bin ich nicht davon überzeugt, dass “darüber reden” bereits eine Verbesserung ist. Manchmal ist das Gegenteil richtig: Betroffene steigern sich durch Erzählungen über Diskriminierungen in ihrer Filterblase so stark hinein, dass sie sich in ihrer Gruppe nach außen abschotten. Das habe ich sowohl bei Behinderten als auch Ausländern erlebt.
So können Erfahrungen über Diskriminierung dazu führen, dass solche Erfahrungen stärker gewichtet werden. Alte Erfahrungen werden auf einmal neu interpretiert.
Psychologisch funktioniert dieser Mechanismus ähnlich wie Verschwörungstheorien: Wer überall Verschwörer am Werk sieht, wird alles im Lichte dieser Theorie sehen und interpretieren. Wer ein Sachbuch über die Mafia liest, wird überall die Mafia am Werk sehen. Und wer grundsätzlich alle als Rassisten betrachtet, wird jede Begegnung in diesem Lichte sehen.
Wir machen also den gleichen Fehler wie viele andere Gruppen: Wir betrachten die Welt aus einer sehr engen Perspektive und sehen zuletzt nur noch diese Perspektive. Die Wut-Bürger sagen, Flüchtlinge sind an allen Problemen schuld. Die Behinderten sagen, die Nicht-Behinderten würden sie immer diskriminieren. Man macht ein “Wir” gegen “die” auf. Was ist daran besser als das, was die Rassisten machen?

Die Schattenseiten der Political Correctness

Im Großen und Ganzen hat die Political Correctness dazu beigetragen, dass sich vieles in der Sprache verbessert hat. Die Ächtung bestimmter Wörter hat auch das Bewusstsein für Diskriminierung geschärft.
Die Kehrseite des Ganzen ist aber, dass viele Leute heute nicht mehr wissen, wie sie mit Behinderten oder Migranten umgehen sollen. Wenn man im Modus des Dauerbeleidigten daher kommt, kann jede Geste, jedes Wort, jedes Verhalten oder Nicht-Verhalten Zuungunsten dieer Person gewertet werden. Selbst ich, der sich mit dem Thema zumindest oberflächlich beschäftigt weiß nicht, was richtig oder falsch ist.
Wir ziehen uns deshalb in eine neutrale Haltung zurück. Wir sagen nichts und verhalten uns nicht, denn so bieten wir am wenigsten Angriffsfläche. Dann müssen wir mit dem Vorwurf leben, dass wir uns nicht mit dem Thema beschäftigen, aber das ist immer noch besser als einen Shitstorm zu erleben, weil ein Begriff falsch verwendet oder eine Person anders dargestellt wurde, als es sein sollte.
Im Ergebnis haben wir deshalb noch weniger Kontakt zwischen Menschen aus der Mehrheit und der Minderheit. Ist das besser als die oft paternalistische Haltung aus der Vergangenheit?
Was also wäre besser?
Wir könnten die dargestellten Effekte positiv nutzen. Warum gibt es keine Kampagne, in der positive Erfahrungen und Überraschungen geschildert werden? Cool, der Mitarbeiter des Apple-Store kannte sich mit Binden-Hilfstechnik aus und hat sich die Zeit genommen, sie mir zu zeigen. Der Fahrradfahrer hat angehalten, um mir zu sagen, dass ich gleich gegen eine Kette laufen werde. Eine Person hat sich einfach an meinen Tisch gesetzt und sich mit mir unterhalten. Das wäre eine wesentlich nachhaltigere Kampagne gewesen. Die Nazis hätten weniger Angriffsfläche gefunden, die Hilfsbereitschaft der Menschen würde betont und vielleicht würden sich einige Leute animiert fühlen, aauch zu helfen.

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