Braille im Alltag

Cover des Buches über BlindheitMan kann ohne Weiteres sagen, dass Braille mittlerweile im Alltag angekommen ist. Dank Medikamentenverpackungen und Visitenkarten mit Braille-Aufdruck dürfte mittlerweile jeder ein wenig Braille im Haus haben.
Auf der anderen Seite scheint das Interesse Blinder an der Brailleschrift nachgelassen zu haben. Kostenlose Sprachausgaben wie VoiceOver, Talkback, NVDA und der schnarchige MS Narrator sind mittlerweile massenhaft und kostenlos verfügbar.
Diese Revolution ist bei Braille allerdings bisher ausgeblieben. Es gibt zwar einige Projekte, die versuchen, Braille billiger zu machen. Aber jenseits der Massenproduktion ist der Braille-Druck exorbitant teuer. Es ist eine Sache, 10.000 Medikamentenschachteln zu bedrucken, eine ganz Andere, 50 Broschüren oder Visitenkarten zu bedrucken. Hinzu kommt, dass die Nachfrage nach Texten in Braille eher zurückgeht. Mit Ausnahme einiger Standard-Texte wie der Bibel sind kaum Texte in Braille lieferbar. Meines Wissens haben die Hörbüchereien, die Blinde mit Literatur versorgen die Zahl der Titel in den letzten Jahren reduziert, die sie in Braille produzieren. Ein Hörbuch ist teurer in der Produktion als ein Braillebuch, aber wenn es einmal fertig ist, kostet es praktisch nichts. Es kann auf irgendeiner Festplatte lagern und bei Bedarf auf CD kopiert werden. Braille-Bücher erfordern hingegen riesige Lager und sie on Demand zu drucken scheint aktuell ebenfalls finanziell nicht machbar zu sein.
Ein weiteres Zeichen für die Relevanz von Braille ist die vergleichsweise geringe Zahl von Forschungsprojekten rund um Braille. Ich höre fast jede Woche von einem Projekt, dass sich mit blinder Navigation oder Behinderung und Technik beschäftigt. Aber niemand scheint sich in Deutschland ernsthaft Gedanken über den besseren oder leichteren Einsatz von Braille zu machen. Forschungsbedarf ist genügend vorhanden, zum Beispiel muss der Aufdruck von Braille auf Verpackungen noch deutlich günstiger werden und außerdem in bestehende Produktions- und Druckprozesse integrierbar sein. Braille-Schreibmaschinen können möglicherweise kompakter oder leiser werden und so weiter.
Problem Nummer 3 ist der nach wie vor hohe Anschaffungspreis für Braillezeilen. Zwar gab es auch 2014 einige Projekte, die versprochen haben, Braillezeilen zu verbilligen, aber ein wenig Skepsis ist leider angebracht. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

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