Texte für Blinde optimieren

kann man Texte für die Darstellung durch Screenreader und Braillezeile optimieren? Das hier ist nicht als Anleitung zu verstehen, ich stelle nur ein paar Überlegungen an, aber ich ziehe selbst keine Konsequenz für meine praktische Arbeit. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich als fleißiger Nutzer von Braille und Sprachausgabe solche Dinge automatisch mitdenke.
mein name in braille
Die Priorität solcher Maßnahmen würde ich als sehr gering einstufen bzw. es ist ein „kann“ und kein „muss“. Die meisten Blinden sind so fit, dass sie auch über kleinere Macken im Text hinweggehen können.
Es gibt tatsächlich die Möglichkeit, Inhalte speziell für Braillezeilen aufzubereiten. In CSS 2.1 lassen sich Gestaltungsregeln für alle möglichen Ausgabemedien festlegen, darunter auch Braillezeilen. In der Praxis werden sie aber meines Wissens nicht einmal von Blindeneinrichtungen genutzt.

Screenreader

Ein frisch installierter Screenreader liest zunächst alles vor, inklusive Interpunktion, Leerzeilen und anderem nützlichem Zeug. Es gibt einige Fälle, wo das notwendig ist, zum Beispiel bei der Prüfung der Orthographie, in der Programmierung oder in der Mathematik. Im Alltag nervt das einfach nur, wenn jedes Komma, jeder Punkt und noch absonderliche Zeichen angesagt werden.
Anders als bei der Schwarzschrift oder beim Braille gibt es bei der Sprachausgabe nur Worte, keine Zeichen oder Signale. Also werden auch Interpunktionszeichen wie Worte behandelt und das lenkt einen vom eigentlichen semantischen Gehalt des Textes ab.

Mary betrat das Haus Komma hängte ihre Jacke an der Garderobe auf und ging direkt in die Küche Punkt Sie sagte Doppelpunkt Anführungszeichen Du hier Fragezeichen Anführungszeichen

Deshalb ist die erste Amtshandlung, die Geschwätzigkeit des Screenreaders abzustellen. Schon seit Jahren können alle Sprachausgaben Texte modulieren, so dass die Stimme bei einem Komma innehält – VoiceOver macht angeblich sogar einen kleinen Atmer – beim Punkt geht die Stimme runter, so hört man Fragezeichen, Ausrufezeichen und so weiter. Bei Anführungszeichen ist mir das bisher nicht aufgefallen, mag aber sein, dass meinen Ohren solche Feinheiten entgehen.
Bei bestimmten Worten ist es wichtig, dass sie korrekt geschrieben werden bzw. so, wie der Screenreader sie erwartet, weil sie sonst falsch ausgesprochen werden. So sprach Jaws eine ganze Zeit lang das Wort Chance korrekt als „Schonze“, das Wort Chancengleichheit klang aber immer wie „Kanzengleichheit“. Apple VoiceOver machte im Appstore aus dem Wort „Highlights“ „Hischlits“. Ich habe wirklich Ewigkeiten gebraucht, um zu verstehen, was VoiceOver mir damit sagen wollte: Wish List? Die abnormen Geschwindigkeiten, die Blinde für die Sprachausgabe verwenden macht es schwierig, Worte zu verstehen, die man selten hört.
Moderne Screenreader arbeiten im Wesentlichen nach zwei Methoden:

  • Zum Einen werden Phoneme, also Wortbestandteile, nach bestimmten Regeln zusammengesetzt
  • Zum Anderen gibt es Aussprache-Wörterbücher, die beschreiben, wie bestimmte Worte ausgesprochen werden.

Diese Regeln werden normalerweise für einzelne Worte festgelegt, können aber auch für zusammengesetzte Worte formuliert werden, das Stichwort dazu ist „reguläre Ausdrücke“. Es klingt zunächst naheliegend, die Wörterbücher so auszubauen, dass die einfachen Ausspracheregeln nicht mehr benötigt werden. Das würde aber die Geschwindigkeit des Screenreaders beeinflussen, weil er schneller nach den Regeln als nach aufgeblähten Wörterbüchern arbeiten kann. Anders sieht das bei Vorleseprogrammen aus, die etwa zur Ad-Hoc-Erzeugung von Audioversionen von Texten gedacht sind. Sie arbeiten nicht in Echtzeit wie Screenreader und können mit Wörterbüchern besser umgehen.
Schwierig sind alle Informationen, die vom Standard abweichen. Gelegentlich ist zum Beispiel zu sehen, dass ein Datum falsch dargestellt wird. Ein deutscher Screenreader verarbeitet in der Regel das deutsche Format und kann mit dem angloamerikanischen Format nicht umgehen. Das heißt, der blinde braucht länger, um „2013-02-20“ zu verarbeiten als „20.2.2013“, da der Screenreader im letzten Fall erkennt, dass es sich um ein Datum handelt und es entsprechend vorliest.
Unterschiede gibt es auch bei den verschiedenen Strichformen. So verwenden viele Leute das Minus-Zeichen, um einen Bindestrich zu erzeugen. Das ist falsch, der Screenreader unterscheidet zwischen Bindestrich und Minus-Zeichen. Der Gedankenstrich wird in Jaws als „Strich“ vorgelesen, NVDA sagt „Gedankenstrich“. Es ist nicht sinnvoll, einen Bindestrich statt einem Gedankenstrich zu verwenden, auch das Minus-Zeichen sollte nicht anstelle des Bindestrichs verwendet werden und umgekehrt.
Eine Sache, die wirklich stört ist der exzessive Einsatz des Zeichens für Copyright und eingetragenes Warenzeichen. Wie oben erwähnt werden alle Zeichen als Worte vorgelesen. Was den sehenden Leser irritiert, reißt in der Häufung den Hörer der Spracchausgabe aus dem Lesefluß
Screenreader und Braillezeile können nicht alle Zeichen korrekt interpretieren, sondern nur jene, die bei ihnen hinterlegt wurden. So erkennt der Screenreader den „umgekehrten Dolch“, der zum Beispiel in der Wikipedia dem Todestag eines Menschen vorangestellt wird. Auch exotische Zeichen wie die Elipse oder bzw. der Dreipunkt oder der Geviertstrich werden noch erkannt, andere Zeichen werden hingegen oft nicht erkannt.

Die Braillezeile

Für die Braillezeile gilt, dass Leerzeilen und Tabulatoren vermieden werden sollten. Vor allem auf kleinen Zeilen mit 40 oder weniger Zeichen sind solche Leerstellen irritierend. Wenn man auf einer Website auf mehrere Leerzeilen stößt, muss man ewig nach dem Anfang der nächsten Zeile suchen. Dem Screenreader ist das in der Regel egal, er kann im Lesemodus solche Lücken gut überspringen.
Dafür sind Tippfehler auf der Braillezeile nicht so schwerwiegend wie beim Screenreader. Auch wenn Tippfehler häufig irritierend sind, fallen sie zumeist nicht weiter ins Gewicht, mit einer Ausnahme, auf die gehe ich weiter unten ein.
Die meisten Blinden, die ich kenne ziehen es vor, Aufgaben, die zeichengenaues Arbeiten erfordern, per Braille-Display zu erledigen. Die Interpunktionszeichen, die hier tatsächlich nur Zeichen sind, stören nicht weiter.
Es gibt zwei Formen von Braille: die Vollschrift und die Kurzschrift. Vereinfacht gesagt entspricht die Vollschrift der Darstellung in der Schwarzschrift, jedes Schwarzschrift-Zeichen ist ein Zeichen in Braille. Die Kurzschrift erinnert ein wenig an Steno, durch ein ausgeklügeltes System von Zeichen und Zeichenkombinationen werden gängige Zeichenketten so abgekürzt, dass die Kurzschrift im Vergleich zur Vollschrift oft nur ein Drittel der Fläche beansprucht.
Die Worte sind leichter zu lesen, wenn die Kürzungen den Silben entsprechen. Bei manchen Worten ergibt sich sonst ein falscher Wortsinn, bevor man am Ende des Wortes angekommen ist. Sehende lesen normalerweise nicht Buchstaben, sondern ganze Zeichenketten von bis zu fünf Zeichen. Das Auge bewegt sich nicht fließend, sondern ruckartig, diese drei bis fünf Zeichen entsprechen oft den Silben.
Dabei können auch Tippfehler störend sein. Einerseits können sie dazu führen, dass die Kürzungen falsch erstellt werden, andererseits können sie dazu führen, dass die Kürzungen gar nicht zur Anwendung kommen und damit den Text aufblähen. Schreibt man zum Beispiel „Shc“ statt „Sch“, kann die Kürzung für „Sch“ nicht greifen.
Deshalb empfehle ich vor allem für Komposita, also lange, zusammengesetzte Wörtern lieber einen Bindestrich oder ein Leerzeichen zwischen die einzelnen Worte zu setzen. Das Wort lässt sich damit sequentiell erschließen und muss nicht auf einen Rutsch gelesen werden. Die Wahrscheinlichkeit sinkt auch, dass der Screenreader das Wort falsch vorliest, weil er die einzelnen Wortbestandteile nicht erkennt.

Fazit

Wie anfangs gesagt ist dieser Artikel eher als kleine Denkübung anzusehen, wenn nicht gerade große Fehler gemacht werden, sollte der Lektüre von Texten nichts im Wege stehen. Störend im Screenreader wie auf der Braillezeile sind eher ellenlange kryptische Zeichenketten, wie sie von Frames, Werbeanzeigen und sonstigem für den Sehenden unsichtbaren Junk verursacht werden. Der Screenreader fängt an, solche Zeichenketten zu buchstabieren, auf der Braillezeile muss man mühsam das Ende der Zeichenkette suchen. Die gängigen Zeilen haben 40 bis 80 Zeichen, so eine Zeichenkette kann aber durchaus mehrere hundert Zeichen umfassen.
Ein Problem, dass glegentlich auftritt ist die fehlerhafte Codierung von Zeichen, dass betrifft vor allem die deutschen Sonderzeichen ä, ö, ü und ß. Deutsche Geräte und Browser sind zumeist auf den Zeichensatz ISO 8859-1 eingestellt und es kann Probleme geben, wenn der Inhalt in UTF 8 codiert wurde.